SiesjenerZamilimblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ESS—===SSS-^ Jahrgang 1959 Montag, den 8. Mai Nummer 35 DER HEILIGE Novelle von Conrad Kerdinanü JTleyct 3. Fortsetzung. Ihr sehet nun, Herr, denn ich habe es in meiner Ehrlichkeit an den 5ag gelegt, daß der. Kanzler, als er die Hexe besuchte, mich als einen prlählichen Mann hatte mitreiten lassen." Der Chorherr blickte den Armbruster prüfend an. „Du bist es, frans", rief er, „der das arge Weib geflüchtet hat!" „Meint Ähr wirklich, Herr?" versetzte Hans, und es war, als ob er unter seinem Barte den Mund verzöge. Dann lenkte er seitwärts: „Sine schlimmere Hexe, die zu jener Zeit in Engelland lebte, konnte mch nicht verbrannt werden, und aus triftigen Gründen. Mein Herr und König war mit ihr verheiratet. Warum Herr Heinrich mit Frau Ellenor in die Ehe getreten war, t«m geschiedenen Weibe des Königs von Frankreich, das offenbart sich (dem, der die Weltkarte betrachtet und darauf die Länder zählt, die sie i-m zubrachte; das ist Gascogne, Saintonge und Poitou mit unzähligen Bürgen und Städten. Sie soll in ihrer Jugend lieblich und bescheiden «-wesen sein. Ich will ihr diese Märzblume nicht aus der Krone nehmen. Zur Zeit, da ich das Knie vor ihr bog, hatte sie einen schwarzen Helm ton üppigen Haaren, unstete, beschäftigte Augen und stets gejagte Füße. Sudj hielt sie Herr Heinrich beiseits, bald in einer Abtei, denn sie war fr'iiweife andächtig, bald in einer abgelegenen Burg mit wenig Gesinde, tos zuweilen ein ehrgeiziger nachgeborener Sohn oder ein eitler Fahrender, der mit einer Vornehmen zu tun haben wollte, vergrößerte. Der Kanzler begegnete ihr, wo er ihr nicht ausweichen konnte, mit i'efer Ehrerbietung, während ich glaube, daß sie ihm zuwider war; denn (r liebte an Frauen das Zarte und Anständige. So vergnügte er fein finge — wenngleich der große falsche Prophet den ©einigen diese bild- Ichen Ergötzungen untersagt hat — oft an den weißen und ruhigen kliedmaLen der keuschen Marmorweiber, die er in seinen Palästen auf- ^stellt hatte. Ihr habet wohl noch keine gesehen. Sie werden aus dem Schutte zerstörter Griechentempel hervorgezogen, und der Herr von fiyzanz hatte dem Kanzler für eine politische Gefälligkeit deren einige zigeschickt. Es sind tote Steine ohne Blick und Kraft der Augen, aber betrachtet man sie länger, so fangen sie an zu leben, und nicht selten bin auch ich vor diesen kalten Geschöpfen stehengeblieben, um zu erfunden, ob sie heitern oder traurigen Gemütes sind. An Frau Ellenor dagegen, die nicht von Marmor war, hatte der Kanzler kein Wohlgefallen, und ihrerseits haßte sie ihn von Herzen. Möglich, daß er ihr einmal, wie der unschuldige Joseph der Aegypterin, ((inen Purpurmantel in den Händen zurückließ; denn sie hatte, obschon sie eine Rechtgläubige war — in diesem Punkte hab' ich ihr nie etwas nichreden hören —, eine Anmutung zu den Heiden; wie sie es denn ar ehrlich wie ein Stoß ins Hifthorn und überquoll wie der Schaum am Gebiß eines jungen Renners. Da blieb kein Widerstand, man Mw ihm gut fein — aber Klugheit war nicht in ihm, nicht eines Pfennigs wert; wie er denn auch zu dieser laufenden Stunde für eine Tat seines jähen Blutes unten in Oesterreich eingetürmt liegt. Junker Hans, der vierte — Gott behüte meine Zunge, gegen ihn zu reden, denn er steht jetzt zunächst dem Throne! —, aber einen nichtsnutzigem, bösem Buben trug die Erde nicht; und diese meine Hand hat mir oft gegen ihn gezuckt, wenn er an mir oder einem andern Gottes- geschöpf feine Tücke ausließ — wenn er mir eine kunstreiche Armbrust mutwillig schändete ober stumme Tiere marterte. Wie er lachte! Ich t)abe Tag meines Gebens, auch in Schenken und auf Märkten, nicht gemeiner lachen hören. Wißt, der Kanzler sah zuweilen nach, wann ich die viere schießen lehrte, und erzählte ihnen bann wohl während einer Rast, zu Lust und Warnung, Tierfabeln, die mich, als einen Weibmann, besonders ergötzten. Da rebeten und handelten Geflügelte und Vierfüßige, je nach ihrer Natur, ober wenigstens nach ber Art, wie ihnen von ben Menschen beigelegt wird. Auch dieses kluge Spiel haben die Araber erfunden, um ungestraft die Fehler ihrer Machthaber unter der Tiermaske zu tadeln und zu verspotten. Kam nun eines dieser Fabelgeschöpfe zu Schande und Schaden im Munde des Kanzlers, plumpte Braun, der Bär, in die Grube, hing Isegrim in der Falle und dergleichen, so schlug der kleine Hans unversehens eine gellende, teuflische Lache auf, daß ich, obwohl mit feinem Wesen vertraut, zusammenschrak, und der Kanzler, der doch ein Freund der Klugheit war, das Kind mit traurigen Augen betrachtete. Aber er gab seinen Ekel dem innerlich Mißschafsenen nicht zu fühlen, sondern ließ sich mehr zu -ihm herunter und bedachte ihn mehr als die andern. Ich habe ihn auch wohl seufzen hören, was sonst nicht seine Art war, wenn ich ihm eine frische Missetat Herrn Hansens zu berichten hatte. In Wahrheit, der Reichskanzler liebte die Königskinder wie seine eigenen, und übel ward ihm vergolten. Jetzt komme ich zu reden auf ein Geheimnis der Ungerechtigkeit, das zwar in keiner Chronik wird verzeichnet stehen, aber doch die Grab- fchaufel ist, die Herrn Thomas und Herrn Heinrich, einem nach dem andern, seine Grube gemacht hat." Hans der Armbruster faltete mechanisch die starken, alten Hände, als hätten auch sie mit dieser Schaufel gegraben. Fünftes Kapitel. „Jetzt, da Ihr einen Einblick habt in Herrn Heinrichs Haushalt", fuhr Hans der Armbruster fort, „erkennt Ihr von weitem, daß er bei Frau Ellenor keine Ruhe und kein Vergnügen fand, und daß er auf feinen Kriegs- und Königsfahrten häufige Umschau hielt unter den Töchtern seiner Länder diesseits und jenseits des Meeres. Ich will es Euch nicht verhalten, daß ich ihn auf manchem Ritte begleitet habe, ben ich als ein anfänglich unter geistlicher Zucht Gewachsener lieber unterlassen hätte, und welcher mir zeitweittg die Beichte erschwerte. Aber wollet bedenken, daß der König wenig sichere Leute um sich hatte und ich durch meine Treue auf geraden und krummen Straßen Hauszwist, ja Meucheltat und Giftmord verhütete. Denn Frau Ellenor war ein eifersüchtiger Teufel, ob sie auch selber tijrem Eheherrn keine Treue hielt. Sie bestach von Herrn Heinrichs Leibknechten, was sich bestechen ließ, dermaßen, daß ihr seine Absprünge alle bekannt wurden und sie ihre Nebenbuhlen in feindseliger, mörderischer Weise verfolgen konnte. Mehr als eine fand ber König tot, ober sie verwelkte plötzlich in seinen Armen. Sv war es ihm billig zu gönnen, baß er an mir einen verläßlichen Knecht gefunben hatte. Eines Tages begab es sich, daß der König mit wenig (Befolge eine Pirsch anstellte in einem entlegenen Forste, wo er, meines Wissens, sonst nicht zu jagen pflegte. Gegen Abend überfiel uns ein flammendes Wetter und trieb die Herren auseinander. Ich aber hielt mich bei dem König und fand für ihn Schutz unter einem ausgehöhlten Felsen, wo er den Wolkenbruch vorübergehen ließ. Als die Donner verrollt hatten und der Regen taum noch durch das Laub ber Eichen schlug, suchte ich ben Weg, den wir hergekommen waren, fand ihn aber versperrt durch einen Wirrsal abgerissener Aefte und bloßgewaschener Wurzeln, worüber die gelben Wasser eines ausgetretenen Baches sich wälzten. Ich ließ mein Hifthorn schmettern, doch von keiner Seite kam Antwort. Da befahl mir der König, nach derjenigen vorzuschreiten, wo ber Walb sich lichte. Ich tat es und bahnte für ihn Pfad mit dem Jagdschwert. Bald sah ich die Glut ber sinkenden Sonne purpurn vor mir auf ben Stämmen blinken. Ich wandte mich um nach dem Könige, er aber drang ungeduldig an mir vorüber, der rötlichen Helle entgegen, so heftig, daß ich Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben. Da sah ich ihn plötzlich verwundert den Schritt hemmen. Am Wald- saume stand er unter den tröpfelnden Zweigen und lugte, die Augen mit I hi Ut[| Mi Iw Uli Ai hite •fiiifi ®n Ma W« fa Sie >M h .. W nith Hngt Nf)i Ms[ L«t uii > Ui’ fierr ich war nicht überrascht, den Kanzler auf diesen grünen Wegen zu finden. Ich war daraus gefaßt, seiner srüher oder später ansichtig zu werden, wie er diese Straße fahre; denn die Zierfeste wurde von seinem Knechte gehütet, und ihre maurische Bauart, dl« ausländischen Baume des Burqaartens, das jagdfreie Wild ringsherum hatten mich langst über den Erbauer ins Gewisse gebracht. Daraus hatte auch der König am ersten Tage erraten, wer hier etwas Liebes versteckt hatte. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Es ergötzte mich, diesen Vater der Weisheit und tiefen Gelehrten auf etwas Menschlichem zu betreffen, und daß ihm Herr Heinrich, der einzige der es ungestrast durfte, ins Gehege gekommen, das ließ mich in Sicherheit lachen Luch ist es seit grauen Zeiten angenommen, daß in Buhlschaft und Liebes- wette Kleriker und Gelehrte ausgestochen werden von Fürsten und Sicherlich jedoch ließ ich von meiner Wissenschaft gegen Herrn Hein- rief) nichts merken, weder mit einer schlauen Anspielung noch mit einem lustigen Gesichte; denn es gibt Grenzen, Herr, im ge ahrlichen Umgänge eines Knechtes mit einem König, selbst dem leutseligsten. In der Stille meiner Gedanken ergötzte mich -in Tun, das ich für einen fürst liehen Mutwillen hielt; aber ich verwickelte mich in einen Greuel und in eine Torheit, die Herrn Heinrich di« Krone; das Leben und — wehe — seiner Seele Seligkeit gekostet hat. Versteht, Herr, ich meinte, der Kanzler hatte sich eine reife, suh« Traube aus irgendeinem besonderen aquitanischen Weinberge m den englischen Nebel herübergeholt, und wenn er nun an ihr die gefaulten D°ercii entdeckte, schiebe er sie gleichgültig und höchstens, als ein Zärtling, mit etwas Ekel auf die Seite. Schon sah ich ihn, wie er, seinen König und Schöpfer als Nebenbuhler findend, mit einer höfischen, leise verächtlichen Miene aus den Schranken trat. Dergestalt gewahrte ich in diesem Verrate wenig Uebel und kein« ®C schadenfroher Neugier blickte ich aus meinem Versteck zu dem langsamen Reiter hinüber, der seit wenigen Tagen aus Canterbury zu- rückae kommen war, wo ihm die Pfaffen des Königs zu tun gegeben hatten, und der jetzt feine Nächte in Windsor über den wahrend seiner Abwesenheit liegengebliebenen Geschäften zubrachte. Bei dem gleich mäßig milden «scheine einer griechischen Ampel schrieb er unermüdet, so daß der König, wann er aus unruhigem Schlafe auffuhr, über den Hof hinweg den für ihn und das Reich Sorgenden erblicken konnte. Aber ist er's? Ist dies der verschlossene Kanzler mit den kalt prüfenden Blicken und den Staatssorgen, fragte ich mich verwundert, oder em andächtiger Ritter und Pilger nach dem Heiligen Grale? — Ihr kenn«! die Mär von dem Kelch mit dem kostbaren Blute, der, unter süßem Getön vom Himmel sinkend, auf Montsaloatsch sich niedergelassen hat« — In den blassen, träumenden Zügen lag eine selige Güte, und das- Antlitz schimmert« wie Mond und Sterne. Sein langes Gewand von violetter Seide floß in priesterlichen Falten über den Bug des silberfarbenen Zelters, der, sonst nach dem feurigen Schalle der Zinken und- Pauken zu tanzen gewöhnt, heute langsam den weichen Pfad bejdjntr und den zierlichen Fuß hob wie nach dem Tone der Flöten, welche du verborgenen Waldgötter spielen. ... Ich entsetzte mich ob der Frömmigkeit, mit welcher der Scheinheilige mf sündige Buhlschaft ritt — ganz anders als mein fürstlich frecher und ininncdurstiger Herr —, und doch übermannte mich ein Mitleid mn: dieser getäuschten Andacht und dann eine plötzliche Furcht, der Blasse dort, dessen Wesen mir von jeher eine mir ungewohnte Scheu angehaucht hatte, möchte den Raub feines Heiligtums an uns, meinem Somfl und mir, insgeheim, aber unerhört und grausam rächen. In diesem Augenblicke zeigte sich die senkrechte, tiefe Staatsfalt« wieder zwischen den seinen Brauen des Kanzlers. Herr Thomas trte»1 fern Pferd an, nicht von Ungeduld befallen, sondern von einer aul- steigenden Sorge, wie mir schien. Wieder stand die Sichel eines neuen Mondes am Himmel, als ich zum andern Male auf diesen Wegen vom Tag ereilt wurde. Der Komfl hatte gegen Mitternacht von seiner Buhle Abschied genommen, den» es stand seine Reife nach der Normandie bevor, mich dann aber, am der Grenze des Forstes angelangt, wieder zurückjagen lassen mit o« Botschaft, er begehre sie noch einmal zu umfangen und werde morgen nicht wieder wahrgenommen. Der Sachse blickte den König mit flehenden Augen an und stammelte, das könne ihn das Leben kosten. ,Dei meinem Königswort, das soll es nicht. Mich kann das Gebot, das zu erhalten, nicht angehen!' drängte Herr Heinrich und setzte seinen Fuß über die Schwelle, während er mir einen Wink gab, draußen zu verharren, r ... .. r, Aescher in seiner übergroßen Bestürzung wußte nicht, wohin zuerst sich wenden, bis ihn mein Herr mit majestätischen Worten zurechtwies: .Schließe dies Tor und melde deiner Herrin den Besuch und die Gnade ihres Königs!' Ich setzte mich wartend nieder und lehnte den Rücken gegen die Mauer. Mir war behaglich zumut in der Abendkühle und die Rast nicht unlieb. Das Abenteuer schien mir ergötzlich. Ich lachte unter meinem Bart Über Herrn Heinrichs letzte erhabene Rede und lobte es in meinem Geiste, daß der Herr diesmal, in Anbetracht seines Hungers und seiner reifen Jahre, nicht als singender Troubadour vor der Pforte geblieben, fondern der Dame des Schlößchens, kurz und gut, seine Würde und königliche Herrlichkeit offenbaren ließ. Ich elender Tor! Als sich nach geraumer Zeit die Pforte wieder öffnete und Herr Heinrich aus dem Bürglein trat, war es, obwohl das Jahr in der Sommermitte stand, tiefe Nacht geworden. Der Sachse schritt uns mit der Fackel den schmalen Pfad voran, auf welchem wir bald einen einsamen Meierhof erreichten, wo man uns Pferde und einen Führer gab. Als wir im Frührot in das Tor der Burg einritten, aus welcher gestern der König zur Jagd gezogen war, und ich ihm den Bügel hielt, gab er mir aus leuchtenden Augen einen Blick, und während feine Linke mir den Mund zuschloß, warf mir feine Recht« eine mit Edelsteinen besetzte Spange zu, die er sich vom Hute gerissen. Das Gold, das er im Beutel trug, hatte er alles dem alten Aescher in di« Hände geschüttet. Das war der Anfang. Aber von der Sonnenwende jenes Jahres bis zu feinen fallenden Blättern habe ich den König oft durch jenen friedlichen Forst begleitet und den Ritt häufiger noch allein gemacht, um feinen Besuch anzusagen oder die Zeichen feiner brünstigen Liebe, seltene Perlen des Meeres, und was der Erdenschoß Kostbares gibt, seiner verborgenen Buhle zu überbringen. Ohne daß ich diese je erblickt oder den Burghof betreten hätte! Nur an der Pforte verkehrte ich mit dem alten Aescher, der freilich jedesmal, wenn er meiner ansichtig wurde, erbärmlich seufzte, aber weder den Gehorsam weigerte, noch je zurückwies, was aus der königlichen Hand auf seine ©eit« fiel. Ich hatte strenges Verbot, auf diesen Pfaden mich bei Tageslichte blicken zu lasten; auch gehörten sie zu den einsamsten, die ich je geritten bin. Keiner lebendigen Seele bin ich darauf begegnet, als etwa im Morgengrauen einem atzenden Wilde und zweimal, da ich mich verspätet hatte, einsamen Waldsahrern. Der Mond hatte gewechselt seit Beginn dieses Abenteuers, als eines Tages mein brauner Hans sich einen Hinterfuß verstauchte. Ich liebte das Tier wie einen Bruder und blieb bei ihm in der Meierei zurück, bis ich um dasselbe außer Sorge sein konnte. Dann schlug ich den Rückweg zu Fuß ein. Rasch eilte ich von binnen. Es war Rarer Tag, als ich eine weite, grüne, von spottenden Echostellen umgeben« Lichtung durchschritt, an deren Ende ein dort beginnender Felsweg vom Huftchlag eines Pferdes erklang. Ich schlug mich schnell ins Gebüsch und legte mich auf den Bauch die Augen fpähend auf den langen Wiesenpfad gerichtet. Und ich erblickte dort den arabischen Schimmel des Kanzlers, von feinem Herrn langsam und lässig gelenkt. Das schöne Tier schnoberte wollüstig und sog mit geöffneten Nüstern die Morgenluft und den Wald- geruch ein. der erhobenen Rechten beschattend, unverwandt in die untergehende Sonne hinaus. Ich hob mich auf den Zehen uno reckie oas Haupt über feine Schulter empor, und was ich erblickte, erschien mir als eine Der» blendung und Zauberei, di«, in den nächsten Augenblicken zerfließen Auf einer goldgrünen Waldwief« stand ein ochlüßchen, wie ich Irines- qleichen wohl im Königreiche Granada gesehen hatte. Es war von hohen, glatten Mauern aus gelbem Stein umgeben, über welchen ein« kleine, blauschimmernde Kuppel emporstieg und schlanke, dunkle Bauspitzen ragten, die ich Zypressen genannt hätte, wären wir unter einem südlicheren Himmel gewesen. r ... . ... . . Das zierliche, feste Bauwerk war frisch und neu und glanzte tm letzten Lichte wie ein Juwel. Ser König verlor kein Wort, sondern ging mit raschen Schritten auf die schmale Pforte zu und klopfte mit dem Griffe feines Schwertes an. Nichts regte sich drinnen. Nun begann auch ich gegen das Holz des tief in einer Mauerwölbung verborgenen Tores zu hämmern. Da glaubt« ich in der schmalen Spalte eines Seitenfensterchens ein altes Gesicht erscheinen und verschwinden zu sehen, und bald darauf wurden die Riegel geräuschlos zurückgezogen. Ein grauer Sachse öffnete und bog stumm und zitternd das Knie vor dem König. ,Du, Aescher?' sprach chn Herr Heinrich an und fuhr ungeduldig lachend fort: »Du wirft deinen König doch Nicht draußen stehenlasten? Ich bin naß und hungrig! Wem gehört denn dieser schmucke Schrein? Dem Kanzler? Oder stehst du nicht mehr m seinen Diensten? — Bei Sankt Jörg, ich muß glauben, der strenge Herr habe sich mit einer Waldfei eingelassen! Welche Melusine hat ihm zu Lust und Ruhe dies da hingezaubert? Flugs, melde mich ihrer elfischen Lieblichkeit! Nun erkannte auch ich den Alten und erinnerte mich, daß ich ihn einst in London mitten im Trosse des Kanzlers an unsrer Bognerwerkstatt vorübertraben sah. Dort war er mir aufgefallen durch sein schwermütiges Aussehen und feine schwarzen, zusammengewachsenen Brauen unter weißem Haupthaar. Am Hofe hatte ich ihn hinter Herrn Thomas wiederkvmmen. v , . „ ] j->i Nach ausgerichtetem Auftrage ritt ich müde und schläfrig ducch-oem , schon herbstfeuchten Wald zurück. Während mein schreitender Gaul M gelben Blätter von den Zweigen strich, hatte ich trübselige Gedank-m über die Vergänglichkeit des irdischen Wesens, wie sie mir gewohmW sind, wann ich die bleichen Lichter der Zeitlosen auf den Wiesen erbna<- Ein Helles Gewieher in nächster Nähe erweckte mich aus meinen Schwärmerei. Nach einer Wendung des Pferdes erblickte ich einem gefältelten Gaul, der an das Gehege des Meierhofes gebunden stan^ Ich gleite vom Pferde, führe es ins Dickicht und spähe, geräuschlos rückgeschlichen, über den hohen Zaun des Gehöftes. Drinnen verkeyrm mit dem ihn mißtrauisch betrachtenden Meier ein hagerer, gehariilscstm Gefell, der mir erst den Rücken zuwandte, dann aber mitten tm spräche rasch den Kopf drehend, gerade in der Richtung des Schwächens, den scharfen Haken seines Raubvogelgesichtes zeigt«. W '* kannte den Geier, suchte meinen Gaul und setzte ihn in Galopp, nm mand anders umkreiste das Lustrevier meines Königs als der manne Malherbe, mir verhaßter feit Hildes Entführung als 1«". Kriegsknecht auf dem Passionsbilde zu Allerheiligen, welcher unser Herrn und Heiland ins Gesicht speit, und gegen den ich schon Kindesbeinen einen befonberen Grimm verspürte. Der Kanzler baue Verworfenen aus seinem Gefolge entfernt, und es verlautete, er 9« bei Frau Ellenor Dienst und Gunst gesunden. Ich sah, was ba oeou stand. Erfuhr Frau Ellenor das Versteck der Waldelfe, so wettet« keinen Pfennig auf ihr zartes Leben. (Fortfetzung folgt.) » Meyer konnte es aber nicht erkennen, und als er aufstehen wollte, um Licht ,311 schlagen, drückte ihn die schwere Hand des anderen auf den Stuhl nicbcr „Bleiben Sie, lassen Sie. Es muh ja von den Türmen schlagen, dann werden wir es hören." , _ , . Vor dem Fenster balgten sich kreischend drei Spatzen um einen Bissen Semmel, den Rest des Brotes, das der Diener hinausgelegt hatte. Goethe beugte sich vor, um dem Kampf bester zufehen zu können. Als eins der Tiere mit dem Bisten im weit gesperrten Schnabel entfloh, sank er in den Stuhl zurück und beschattete die Augen mit der Hand. Er stöhnte IClfC„äen Sie von Herrn Hofrat Schiller Nachricht?" durchfchnitt es plötzlich die Stille. Meyer fuhr zusammen. Nun war doch das Wort aU59freuted)— heute noch nicht —", antwortete er verwirrt und schlug den Blick zu Boden, denn er fühlte, daß des Fragenden Auge schwer auf ihm ruhte. Noch während er stammelte, wandte Goethe sich schnell wieder von ihm ab, als ob ihm die Lüge ekle. Dann fiel alles wieder in Stille zusammen. Bon der Straße drang fernes Summen menschlicher Stimmen ins Zimmer und ab und zu das harte Klappern von Schritten auf dem Pflaster vor der Hausfront. „Viel Lärm heute draußen", äußerte Goethe, und Aerger lag m seiner Stimme. „Was haben die Menschen heute abend? Warum liegen sie nicht 'n ',M"sind"die?ersten warmen Nächte, Exzellenz. Das Volk freut sich des ^S^oben recht, die Leute, - sollen sie" Aus einmal klang die Stimme wieder mild, und seine Hand, die auf der Lehne des Sessels lag und weiß aus dem Dunkel aufleuchtete, machte eine lästige müde Be- medoch, die Nachricht für ihn hätten, feien keinesfalls abzuweisen. , . p-h hT Seitdem Abendbrot saß er nun, ohne sich 3» beweg nm semem Stuhl «m offenen Fenster und schaute hinaus in das dichte Gezweig des Gartens «tlprw,. Ob man gl«, unb ibn «ton IW --macht, daß seit gestern nachmittag sich das Leiden Schillers z schlimmen gewendet hatte, und daß nichts mehr zu bof • „9 l»n zu schonen, denn noch zeigten die blauen Ringe d,e seine Augen Unterhöhlten, von der kaum überstandenen eignen Krankheit Wurde ier riesenhafte Wille auch diesmal wieder Herr über den kranken Korpe D» Hoftat ging im dunklen Zimmer auf und ab. Dw regte sich die lroße Gestalt im Sestel am Fenster, und seine Stimme, die heute milder 'nd weicher klang als sonst und alle Scharfe vermissen ließ, tagte. .Kommen Sie, Meyer, fetzen Sie sich zu mir, hier steht Ihr Stuhl, “Är von Goethes Schoß herabgeglitten Meyer hob^si^ auf । tnb legte sie von neuem über feine Knie. Ohne ben Versuch - ’«er sonst nicht fehlte, ließ er es geschehen. Spater fragte er. „Wie spat ist es?" DCrnUms Himmels willen, Herr Hofrat, was tun wir? Schiller ift eben gestorben. Man hat geschickt. Wie sagen wir es ihm? Sie s, Freund, tun Sie's! Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: helfen Sie nu« Gr war der Einzige, den er noch hatte. Nun versteht ihn keiner mehr. Er trägt es nicht, er stirbt mir. Sie werden sehen, Meyer, wenn ef» Cr^Schlud),3en erstickte ihre Stimme nun vollends. Sie lehnte mit geschloffenen Augen an der kahlen, grauen 2Banb, wahrend Strome von Tränen über ihre Wangen rannen. Das Licht, bas ihre Hand schief hielt, tropfte und war am Verlöschen. , . . Meyer war fahl im Gesicht geworden, seine Augen starrten \ns £em. Mit der Rechten stützte er die wankende Frau, seine Linke ergriff den Leuchter der ihrer Hand entsinken wollte. Um feine ßippen fpielte ein Lächeln 'wie es Kinder haben, bevor bas ®einen aus ihnen hervorbncht. „Sie können es, ihm nicht sagen, Demoiselle Vulpius, Sie nicht und auch ich nicht. Er wirb es ohnehin wissen, wir brauchen es ihm nicht ztt sagen er wird es fühlen, er fühlt ja alles. Ich weiß keinen anderen Rat Flüsternd, drängend hatte er es zu ihr gesagt. Schweigend zog er sie "“©äVe 1)0«? iS nicht^bemerkt, daß der Hofrat nicht mehr neben ihm faß Seine Gedanken waren fern, bei ihm, dem Kranken. Es war kein Zweifel, es konnte kein Zweifel mehr fein: Schiller war sehr Ank Er wußte nichts Bestimmtes, er hatte nut niemandem darüber gesprochen, man sagte es ihm ja nicht. Aber es war sicher, daß es schlimm stand und bnft man es ihm verheimlichte. Seit Tagen keine Nachricht, kein -Brief, fein Zettel, wie sonst immer. Dieses Schweigen war hart, es war das Schlimmste! Wenn er wenigstens wüßte, wie es stand um ihn. Dann wara alles so viel leichter zu ertragen ... Sie Toren, die glaubten, ihn dadurch -»SSÄ» S4.W« ”»* der Platz war leer, die Kanten des Stuhles gleißten ihn an. Er wendet sich um, nach dem Zimmer: L'L'SLS""- Äm Ruck M. ---- °°n b,n SM«. -ul nnb >ur Ä kaum noch bewegen. S eine Kuh inmitten des Pfades stand, kamen wir zur Einsicht, daß bi* Gegend nicht geheuer fei. "Als wir noch wie gebannt auf dieses Bild starrten, wurden wir ge= j roaltfam aus unfern Träumen geschreckt. Nur wenige Schritte hinter mii llftntn tauchte plötzlich und geräuschlos ein riesiger Bulle auf. Da hieß es eilig |nalten verduften, denn zwei Sekunden später hätten wir dem Besucher bie Pöjjtr Pfoten schütteln müssen. Die Träger bedurften keiner Ermahnung. I .m; Schleunig glitten wir durch die Schatten des Waldes. Da wir den Pftv |*h g nicht benutzen konnten, hielten wir uns gleichlaufend mit ihm unter den { “"-«iti i