sietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1939 Montag, den z. August Nummer 60 Line Armee meutert SCHICKS ALSTA GB FRANKREICHS 1SL7 Ein Vericht von p. L. Sttighoffer r o p r, r l g h t b y Berteksmann Gütersloh 15. Fortsetzung. Di« Poilus hören sich da« Vivatgeschrei schweigend an. Sie blinzeln aus dreckverkrusteten, übermüdeten Augen, in denen noch die Schlaflosigkeit vieler Nächte sitzt. Hinter ihren hohlen Wangen mahlen Zahnreihen. Nur einige murren: „Ja, ja, hat sich was mit dem Sieg am Damenweg, haha, in die Maschinengewehre hat man uns gejagt, blindlings in di« deutschen Maschinengewehr« hinein. Es war eine Schweinerei, es war 'Senat!" Und jetzt plötzlich ein Schrei, ausgenommen von hundert, von tausend Poilus, ein Schrei, der alle Menschen aufhorchen läßt und auch die Tapfersten mit Entsetzen erfüllt, ein Ruf, der Grauenvolles ahnen läßt. Irgendwo, aus der Mitte dieser lehmgrauen, duldenden Elendsmasse, aus den Reihen der aus dem Kampf heimkehrenden Poilus ist er hochgestiegen, dieser Schrei: „Vive la paix! Es lebe der Frieden!" Das ist Blasphemie, das ist unerhört, das ist Disziplinlosigkeit. Aber nun ist der Schrei da. Nun ist das gesprochen, was seit Tagen in den Herzen dieser Soldaten schlummert und grollt, was keiner auszudrücken mußte. Es lebe der Frieden! Das Heer ist müde! Das müde Heer will ton Frieden! Die Etappe vernimmt es, die Etappe pflanzt den Ruf fort. Immer 1t di« Etappe hellhörig. Und wie ein Lauffeuer geht's von Mund zu Mund: „Oie Soldaten wollen nicht mehr. Die Front ist müde. Es lebe der Frieden!" Still und machtlos schreiten di« Offiziere zwischen ihren Soldaten. Sie können es nicht verhindern, daß di« Poilus den hinzudrängenden Zivilisten Einzelheiten erzählen. Vielleicht wollen die Offiziere auch nicht Einschreiten, denn auch sie sind müde, auch sie haben eingesehen, daß illes sinnlos war, daß dieser ganze Vernichtungskrieg gegen Deutschland wertlos ist, weil dem feldgrauen Heer durch Waffengewalt einfach nicht [ ieizukommen ist. Und die Soldaten erzählen von ihrem furchtbaren Angriff s iuf Craonne. - Das I. Korps hat dort angegriffen und ist in ein Höllenfeuer der ikbwehr geraten. Nicht einen Schritt ist das I. Korps vorangekommen und i!at trotzdem ungeheure Verluste gehabt, ohne dem Feind solche zufügen jn können. Allein die 2. Division dieses I. Korps hat beim ersten Ansturm ?uf der Hochfläche von Craonne nicht weniger als 100 Offiziere und 200 Mann innerhalb weniger Minuten verloren. Nein, lieber einen i ionzen Monat Sommeschlacht als noch drei oder vier Tage in dieser halle am Damenweg! Ein ungeheurer Aufwand an Menschen und Material ist nutzlos vertan. Und jetzt ist das Heer müde--- Diese Schreie des Mißmutes und der Disziplinlosigkeit sind aber noch 1‘ine Meuterei. Der Poilu fühlt in sich irgendwelche Berechtigung, mit ! Men Ereignissen nicht zufrieden zu fein, und er gibt diesem Gefühl buten Ausdruck. Er schimpft, der Poilu, aber er tut dennoch seine Pflicht ‘•ib er wird auch weiterhin seine Pflicht tun. Noch iffs keine offene Meuterei, noch ist's nur der allgemeine Ausdruck einer großen Ermüdung. Auch der Feldgraue drüben schimpft und tut seine Pflicht. Jeder echte *nb richtige Soldat schimpft einmal. Schimpfen entlädt die Seele. $3et= per deutsche Soldat hat nicht auf alle und alles geschimpft, auf den -Fraß", auf die „Brocken", auf den Dienst, auf die Vorgesetzten, auf «rn Krieg, auf die Schmalzportionen, auf den „Blauen Heinrich", kurzum I M alles und jedes Ding. Und dennoch, der Schimpfende hat eine Minute hater feine harte Pflicht getan und ist, wenn es fein mußte, in den Tod Spangen. Nicht tragisch zu nehmen, dieses Schimpfen übermüdeter Feld- 11 Ibaten. Das schafft wieder reine Luft. Nivelle selbst nimmt’s äugen- löeinlich diesen Männern nicht übel, dies Schimpfen, das ihm keineswegs r-rheimlicht, sondern sogar ausgebauscht und mit überspannten Kom- r entaren gemeldet wird. Nein, Nivelle nimmf’s nicht übe!, denn er ist baidat genug, um die Seele des Soldaten zu kennen. Er fährt weiter JJ’n einem Truppenteil zum andern und denkt nicht daran, seine Jnspek- | ronsreise zu unterbrechen. Am 28. April ist die Inspektionsfahrt beendet. Und der 29. April ist c” J£°0 ganz besonders wichtiger Ereignisse. . , I y,?Aivelle ist in Paris beim Kriegsminister Painlevä. Auch General tetain ist zu einer Besprechung geladen. Es wird hin und her überlegt und beraten über die Gründe der gewaltigen Niederlage am Damenweg und den Zusammenbruch der Offensive. Aber keiner der Beratenden erkennt den richtigen Grund, keinem fällt es ein, auf den Tisch zu schlagen und das nachzusagen, was man jetzt schon seit zwei Tagen in allen Straßen und Gassen als geflügeltes Wort durchsagt und weitererzählt, was die Spatzen von den Dächern pfeifen: „On ne les aura pas militairement.“ (Militärisch werden wir sie nicht kriegen.) Seit 1914 geistert durch das ganze französische Volk immer wieder der trostreiche Ausspruch: „on les aura!“ (man wird sie kriegen). Damals, an der Marne, als das „große Wunder" geschah und die Kavallerie des Generals von Kluck den schon freien Weg nach Paris nicht mehr beschritt und angesichts des Eiffelturmes die Zügel wendete, damals schrie ganz Frankreich in hoffnungsvollem Aufjauchzen: „on les aura!“ Seither, wenn’s mal böse war, wenn's hart wurde, durchzuhalten, hat man sich mit diesem „on les aura!“ wieder Mut eingeflößt. Und jetzt hat das jedem Franzosen eingetrichterte und geläufige tägliche Sprichwort, dieses inbrünstige Stoßgebet fürs Vaterland, plötzlich einen anderen Klang bekommen. Selbst dieses „on les aura“ hat sich in blassen Defaitismus gewandelt. »On ne les aura pas“, das ist die offene Anerkennung der militärischen Niederlage. Die Deutschen sind unbesiegbar durch Waffengewalt, aber die Herren in Paris wollen noch nicht daran glauben und suchen einen Schuldigen. Und dieser Schuldige soll General Mangin sein. Jawohl, er soll geopfert werden. Man wird ihn wegschicken, in die Wüste. Was hat General Mangin verbrochen? Eigentlich nichts.. Eigentlich haben seine Divisionen die größten Erfolge dieser Schlacht zu verzeichnen. Auf seiner Ängriffsfront sind die Poilus am tiefsten in die deutsche Verteidigung eingedrungen. Und dennoch, General Mangin soll gehen. Er ist unbeliebt bei der Truppe, weil er zu hart gegen sich selbst und demnach auch zu hart gegen seine Untergebenen ist. Er verlangt zuviel von seinen Soldaten. Mit der Demission von Mangin hofft man die herrschenden Meinungsverschiedenheiten auswischen zu können. Nivelle sträubt sich gegen diese Maßnahmen, die außer ihm alle anderen Herren gutheißen. Er möchte selbst gehen, er fühlt sich mübe und gehetzt. „Ich hab« das Vertrauen meiner Untergebenen nicht mehr. Ich spreche jetzt nicht vom Poilu, den ich verstehe, wie ihn keiner versteht, aber von meinen Armeeführern spreche ich Sie wollten meinen Abgang längst vor der Offensive. Ich bin manchem im Wege." Si« aber umringen Nivelle und bitten ihn, zu bleiben. Und bei dieser Gelegenheit beschließt der Oberbefehlshaber die Weiterführung der Offensive mit weiterem Trommelfeuer, mit erneutem rücksichtslosem Einsatz von Menschen und Material. Wie alle Besprechungen, geht auch diese ohne greifbaren Erfolg zu Ende.. Man hat die Absetzung des Generals Mangin noch nicht ausgesprochen, weil gerade die VI. Armee in den nächsten Tagen angreifen soll. Und wie in der Konferenz vom 30. April vorgesehen, stürmt am 4. Mai die Masse der französischen Angreifer zwischen Craonne und Moronvilliers gegen die deutschen Linien vor. Am 5. Mai schreitet die Armee Mangin zum Kampf gegen die Höhen südlich der Aillelte. Aber siehe, am Angelpunkt der Offensive bei Moronvilliers gewinnen die Franzosen nur 200 Meter Gelände, und die V. französische Angriffsarmee gerät am Brimonk in das deutsche Minenfeuer, wird aufgehalten, zusammengetrommelt, vernichtet. Weiter links, auf der Hochfläche bei Craonne gelingt es der X. und VI. Armee endlich, das Trümmerdorf zu nehmen. Ein Steinhaufen, einige geringe Häusertrümmer, ein unbrauchbares, unübersichtliches Trichterfeld, das ist alles, was der abziehende deutsche Verteidiger dem vorstürmenden Poilu überlassen muß. Aber Craonne ist ein geschichtlicher Ort. Schon Napoleon I. hat bei Craonne gekämpft. Der Name Craonne hat guten Klang. In den Heeresberichten singt und jauchzt es — „Craonne genommen" —. Der Kriegsminister Painleve befiehlt der französischen Presse, die Einnahme von Craonne mehrere Tage lang groß herauszustellen und als Sieg zu feiern. Aber gerade diese überschwengliche Freude über die Einnahme eines Trümmerdorfes fällt auf. Schon am zweiten Tag werden die Leser mißtrauisch und fragen, ob denn sonst nichts zu melden sei, ob man mit sonst nichts prunken könne, als mit dem alten, bereits vorgekauten Bissen Craonne. Nein, der Herr Kriegsminister hat vorläufig keinen anderen schmackhaften Bissen. Der Herr Kriegsminister muß seinem großen Verbündeten, der britischen Armee, seinen guten Willen zeigen. Da oben bei Arras entflammt Schlacht um Schlacht. Ohne Müdigkeit, ohne Pause werfen sich die britischen Divisionen in den Kampf. Und sie gewinnen nicht schlecht an Gelände, die Briten. Marschall Haig kann in seinen Tagesberichten mit manchem Dorf prunken, das er den deutschen Verteidigern abgerungen hat, Trümmerdörfer zwar auch hier, elende Steinhaufen nur noch, aber immerhin — Dörfer! Deshalb muß der französische Heeresbericht Craonne Herausstellen, um zu zeigen, daß man den Briten nicht die ganze Last des Kampfes überlassen will. . „ In Frankreich aber hört man andere Meinungen über diesen Presse- »eldzua und seine gedruckten Siegesfeiern um den Namen Craonne: .Seht, es mußte etwas geschehen, um Nivelle zullten Mit unerhörten Verlusten und dem Einsatz eines gewaltigen Materials hat man endlich das Trümmerdorf Eraonne nehmen können Und nun wird diese Einnahme groß herausgestellt, damit Nivelle, der sich seit dem 16. April Taa um Tag den Kopf an der deutschen Verteidigungsstellung einrennt, etwas zu melden hat. Der Poilu mußte bluten, damit der OberbesehiS- haber sein Gesicht wahrt---" „ , Solche und ähnliche Behauptungen flattern wie schwarze Totenvogel von Haus zu Haus, werden genährt und weitergegeben. Bald empfindet auch der französische Bürger, der sich über den Sieg von Craonne gefreut hat, die Einnahme dieses Dorfes als neue Niederlage Noch zögert Painleve, noch will er den Gegnern Nivelles kem Recht einräumen, noch hält er die schützende Hand über den „General Durchbruch" weil er einen so raschen Wechsel im Oberbefehl für äußerst verhängnisvoll hält, aber die Ereignisse überstürzen sich jetzt. Am 7. und 10. Mai tritt ein Ministerrat zusammen und verlangt einen sofortigen Wechsel im Oberbefehl. Nivelle wird geladen. Er erscheint selbstbewußt und nicht mehr niedergeschlagen wie am 25. April. Painleve legt ihm nahe aus Gesundheitsrücksichten oder in einer anderen Form, die^lhm vielleicht besser gefällt, den Oberbefehl abzugeben und wieder zu seiner Berdun-Armee zurückzukehren, natürlich nach einem entsprechenden Urlaub. Aber siehe, Nivelle ist anderer Meinung geworden. Frei heraus erklärt er dem Kriegsminister: ,Ich werde mir den Fall überlegen, Herr Minister, denn erstens bin ich nicht krank, und zweitens herrscht jetzt die von Ihnen und den andern Parlamentariern verlangte frische Luft im Hauptguartier, und drittens sehe ich nichl ein, daß ich jetzt der Armee, die gute Fortschritte macht, durch meinen Abgang in die Arme fallen soll. Wie gesagt, ich werde mir den Fall überlegen." Mit kurzem Gruß entfernt sich der General, begebt sich zu seinen Freunden, zu einflußreichen Parlamentariern und Journalisten, erklärt ihnen feine Meinung. Es gelingt ihm auch, die Presse für sich zu gewinnen, denn der kleinste Erfolg ist ja blutnotwendig für die öffentliche Meinung. Und Nivelle hat auch feit der Einnahme von Craonne unbestrittene, wenn auch winzige Erfolge aufzuweifen. Sie stehen in keinem Verhältnis zu den aufgewendeten Mitteln, aber es find immerhin Erfolge. Ein bekannter Journalist wendet sich sogar an den Präsidenten Po-incare mit der Meinung: , . _ . „Die Demission des Kriegsministers Painlevö wäre das Ende einer politischen Partei; die Demission Nivelles aber wäre das Ende Frankreichs." Andere Zeitungen wenden sich gegen die beabsichtigte Einspannung des Generals Foch, den sie als „Pfaffengeneral" bezeichnen, weil in seinem Quartier hohe und höchste Geistliche täglich ein- und ausgehen. Ganz offen stellt man sich mit diesen von ihm selbst hervorgerufenen Veröffentlichungen in Gegensatz zu dem Kriegsminister. Ein unhaltbarer Zustand. Mangin wird in die Wüste geschickt. Vorläufig nur Mangin. Bald wird Nivelle folgen. , Es kommen schwüle Tage für Frankreich. Endlich am 15. Mai faßt der Ministerrat zwei Personalbeschlüsse, die am 16. Mai im Journal Officiel zu lesen sind: „General Petain ist mit dem heutigen Tage zum Oberbefehlshaber der französischen Armee im Norden und Nordosten ernannt. General Foch wird Stabschef der französischen Arme«." Und General Nivelle? General Nivelle geht ab und bleibt Führer einer Armeegruppe, aber ohne das Kommando aktiv auszuüben. Man schiebt ihn ab, in unbeschränkten Erholungsurlaub. Es geht ihm genau so, wie es vor einem halben Jahr mit General Foch geschah. General Nivelle tritt ab und verschwindet. Wird er wieder auftauchen? Ist seine Rolle ausgespielt? Ja, auf dem französischen Kriegsschauplatz ist der Name Nivelle erledigt. Man wird ihn aber bald wieder nennen. Noch wochenlang wird der Poilu bei der Nennung dieses Namens wütend mit den Zähnen knirschen, noch wochenlang wird eine Welle des Hasses über diesen Mann hinwegbranden, über den gefallenen Oberbefehlshaber, der nur das Beste für Frankreich wollte, der stark genug war, fein schweres Schicksal auf sich zu nehmen, aber doch nicht stark genug, seinem Gegner, dem deutschen Soldaten, erfolgreich die Stirn zu bieten. General Nivelle ist abgetreten, aber fein Name lebt weiter in der Meuterei der französischen Armee, in der Unzufriedenheit und in der Enttäuschung, die Hunderttausende von Männern in Waffen ergriffen hat. General Nivelle lebt weiter in der Schlacht, die nicht mehr aufzuhalten ist. Nein, die Schlacht ist ihren Vätern und Führern entglitten, genau wie damals der Kamps um Verdun. Nichts, aber auch nichts kann die rollende Feuerwalze aufhalten. Die Schlacht am Damenweg tobt und muß sich austoben und wird erst ersticken in dem Augenblick, da der Poilu sich wendet und gegen Paris marschiert, um dort eine starrköpfige Regierung mit Waffengewalt $u zwingen, den aussichtslosen Krieg gegen Deutschland zu beenden. In dieser ersten Maihälste melden di« deutschen Heeresberichte: „In der Champagne steigerte sich am Vormittag das Feuer zu stundenlager stärkster Wirkung — — Frische Divisionen waren herangeführt, um uns die Höhenstellungen bei Moronvilliers zu entreißen. Der Ansturm ist am zähen Widerstand unserer Truppe gescheitert — Badische, sächsische und brandenburgische Regimenter im vollen Besitz ihrer Stellungen — — — Der Feind hat schwere Verluste erlitten--- Die Angriffe am 4. Mai nördlich von Reims und in der Champagne waren nur Vorläufer des neuen Durchbruchsversuches, der gestern zwischen der Ailett« und Craonne auf einer Front von 35 Kilometern insetzte--- ---ist er vereitelt, der Riesenstoß abgeschlagen---" D er Poilu marschiert nicht mehr. Am 26. April halle General Franchet d'Lsperey seinem Oberbefehls- Haber General Nivelle ein« Meldung über wachsende Unruhe und Disziplinlosigkeit im Armeegebiet erstattet. Nivelle aber hatte geantwortet: „Einerlei, lassen Sie den Poilu in Ruhe, der muh sich mal au* toben. Die Hauptsache ist, er marschiert." Am 3. Mai war die zweit« Kolonial-Infanteriedioision von der Welle der Insubordination ergriffen. Die Soldaten weigerten sich, m Stellung zu gehen. Man redete ihnen zu, man drohte, man zog einige Schreier aus den Reihen und führte sie ab zur kriegsgerichtlichen Bestrafung Die Divisionen überlegten sich den Fall und marfchierten wieder. Bald war auch dieser Fall vergessen. Aber es kam ein nächster, und noch einer und noch einer. . Nun aber rollt die Schlacht und nimmt noch weiter zu, an Zähigkeit und Heftigkeit. Immer neue Regimenter werden in den Schmelzt,eg?i geworfen und kehren nach drei oder vier Tagen zurück, in der deutschen Abwehr zur Schlacke gebrannt. Irgendwo auf den Anmarschwegen, im Hinterland, oder auch vorne in den Trichterstellungen treffen sich ad- gelöfte oder ablösende Formationen, und es entjpinnt sich ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel. „Wie siehfs da vorne aus?" fragen di« Ablösenden. Und die Abgelösten: „Mies, alles faul, keine Möglichkeit, durchzu- tommen. Die Deutschen halten wie Pech und Schwefel, da kannst! macken was du willst. Es können noch zehn, noch hundert Divisionen kommen, unsere Artillerie kann noch ein ganzes Jahr trommeln, es werden immer noch Deutsche da sein, die halten, und roenn’s nur einer ist, der das Maschinengewehr abdrückt, bei unseren Angriffen--" „Soll denn das so weitergehen?" „Ja, das mutet man uns zu, wir find ja nur Kanonenfutter. W waren Kanonenfutter für Nivelle, jetzt sind wir Kanonenfutter für di« andern. Den Deutschen ist nicht beizukommen. Vorgestern haben wi-r angegriffen, zwei Bataillone stark, und wollten ein kleines Wäldchen nehmen, 300 Meter vor uns. Wir kamen auch gut ins Wäldchen hinein, machten ungefähr 200 Gefangene, obgleich zwanzig unserer Ossiziere ins Gras gebissen hatten. Aber da tarnen die Deutschen zum Gegenstoß. Er war furchtbar, diese Kerle anzusehen. Sie kamen ohne Rock, mit aufge* krempelten Hemdsärmeln, den Dolch in der Hand oder den Spaten geschwungen, Handgranaten am Hosenbund. Und wir mußten zurück, nach kurzem heftigen Kamps. Eine Panik entstand bei uns. Wir liefen, was wir konnten. Wir kamen wieder in unsere Ausgangsstellungen. Dori warfen wir uns auf den Boden und meinten vor Wut, weil alles vergebens gewesen war. Da seht ihr, was los ist. Es hat gar keinen Zweck mehr, zu kämpfen. Man hat uns verraten, mir sind vertäust und ver> ioren--"* ... So schreiben die Offiziere in ihre Tagebücher, fo berichten sie noch heute, so sprechen auch die Soldaten. Von Tag zu Tag mehren sich die Fälle offener Gehorsamsverweigerung vor dem Feind. Die Gerichts- Offiziere haben mehr zu tun, als sie bewältigen können. Und da geistert plötzlich wie ein Lauffeuer von Mann zu Mann, ihm Kompanie zu Kompanie, von Bataillon zu Bataillon, von Truppentei zu Truppenteil die Parole: „Wir werden im Graben weiterhin unsere Pflicht tun, aber wir verweigern von heute ab jeden Angriff. Alle! macht mit!" So geschehen um die Maimitte, just in den Tagen, da man Genera Nivelle in die Verbannung schickt und damit den unruhigen Elemente » neuen Gesprächsstoff gibt und die Vorwürfe gegen den scheidenden Oberbefehlshaber sozusagen beftätigt. In diesen Tagen findet beim Stab der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz eine wichtige Unterredung statt. Die französischen Kräfte sind noih und nach an diesem Pfeiler der deutschen Westfront zerschellt, i» blutigen, zähen und heldenhaften Sturmangriffen. Auf deutscher Seilt hat man sich (eit dem 16. April ein deutliches Bild von der Größe wib Bedeutung der Feindverluste machen können. Don der dumpf empor; brodelnden Unzufriedenheit im müde gekämpften französischen Heer twil man aber noch nichts. Und dennoch hält man den Segner für fo statt erschüttert, so geschwächt in feiner Widerstandskraft und in seinen Kampfeswillen, daß ein deutscher Gegenstoß aussichtsreich erscheint. Der Kronprinz und der Chef des Stabes, General Gras von der Schulenburg, unterbreiten ihre Ansicht der Obersten Heeresleitung. Weltt eine moralische Wirkung aus das französische Heer und das französisch' Volk, würde es den deutschen Divisionen gelingen, im Gegenstoß eine» Durchbruch zu erzwingen und seindliches Hinterland zu betreten. hält die Front Mischen Brimont und dem Winterberg für durchbrmhr- reif. Und sie ist es, sie ist es wirklich, und vorstoßende deutsche Divisionen könnten jetzt leicht die Marne erreichen, den Fluß überschreiten und di! ganze ftanzösische Front bis zur Somme hin über den Haufen werser Aber die Oberste Heeresleitung hat keine Truppen zur VerfügE Die Engländer leiten neue Angriffe ein. Im Osten ist die Lage wieder kritischer geworden, überall gärt und kocht es. Nein, frische Division«» zum Durchbruchsversuch Mischen dem Winterberg und Brimont hat l'! Oberste Deutsche Heeresleitung nicht. Hätte sie in diesem Au-genbb» Kenntnis vom moralischen Zustand des französischen Heeres betommeN sie hätte dann wohl den letzten Mann, das letzte Geschütz und das leM» Maschinengewehr in den Durchbruch geworfen, in einen sicheren S»<* Keinen Borwurf unserer Obersten Heeresleitung, denn sie weiß «w nicht, was drüben in diesem Augenblick geschieht. Sie will sich nW ausgeben. Sie handelt weis«, die Oberste Heeresleitung, denn von alle» Seiten pochen die Feinde an unser« Fronten, und jede Division ®|C) kostbar. (Fortsetzung folgt.) * Dieser Bericht stammt fast wortgetreu aus dem Tagebuch eine- französischen Offiziers, der die schweren Kämpfe am Damenweg ®1'* machte. Die Deutschen, die in Hemdsärmeln mit Dolch und Spaten ju*» Gegenangriff vorgingen, waren Soldaten bayerischer Regimenter. Das Schloß am Meer. Bon Ludwig Uhland. Hast du das Schloß gesehen, Das hohe Schloß am Meer? Golden und rosig wehen Die Wolken drüber her. Es möchte sich niederneigen In die spiegelklare Flut Es möchte streben und steigen In der Abendwolken Glut. „Wohl hab' ich es gesehen, Das hohe Schloß am Meer Und den Mond darüber stehen Und Nebel weit umher." Der Wind und des Meeres Wallen, Gaben sie frischen Klang, Vernahmst du aus hohen Hallen Saiten und Festgesang? „Die Winde, die Wogen alle Lagen in tiefer Ruh'; Einem Klagelied aus der Halle Hört' ich mit Tränen zu." Sähest du oben gehen Den König und sein Gemahl, Der roten Mäntel Wehen, Der goldnen Kronen Strahl? Führten sie nicht mit Wonne Ein« schöne Jungfrau dar, Herrlich wie eine Sonne, Strahlend im goldnen Haar? „Wohl fah ich die Eltern beide, Ohne der Kronen Licht, Im schwarzen Trauerkleide; Die Jungfrau fah ich nicht." Friedrich List, ein Vorkämpfer deutscher Nationalwirtschaft. Zu seinem 150. Geburtslage. Von Dr. Ottokar Lorenz. „Ich muß Ihnen noch einiges von mir jagen. Mein Inneres treibt t), für Wahrheit und Recht zu kämpfen. Ich liebe mein Vaterland — leicht mehr als mein eigenes Glück. Die Dummheit, die Bosheit, der jlendrian haben mir kleine Absichten da angedichtet, wo ich mich im Nichtsein guter Handlung glücklich fühlte. Ich sehne mich hinaus aus : AUtagsmenfchen, ich sehne mich, einem Wesen anzugehoren, das nmel und Erde mit mir teilt." ... . . . _ Mit dielen Worten warb der achtundzwanzigiahrlge Friedrich List i feine Frau. Ein ganzes Leben und ein bitterer Tod bezeugen die chrheit dieses Selbstbekenntnisses. Kämpferischer Mut und Liebe zum »sichen Vaterland — im Jahre 1813 hatte man diese Eigenschaften i, geschätzt. Aber jetzt, als Napoleon gestürzt war, als die Throne der igen und kleinen deutschen Potentaten wieder gesichert waren, da wurden irischen dieses Schlages verdächtig, da galten sie als Träumer und unreife )intaften oder — als staatsgefährliche Demagogen. Es mar üas^eit- ir Metternichs. So ging Friedrich Lift einem schweren Schicksal ent- gen, das noch verdüstert wurde durch jene dauernde Verkennung seiner richten, die ihn ersichtlich schon in jungen Jahren schwer gekrankt har « hätte ihm aber auch seine Zeit gerecht werden können, ihm, der t eine große deutsche Nationalwirtschaft kämpfte, als dl« Deutschen *6 nicht einmal einen nationalen Staat besaßen! ,, Es ist billig zu sagen, daß List an dieser Aufgabe scheitern muhte !ist dennoch kein Träumer und Phantast gewefen, solchem am Beginn «es leidenschaftlichen Kampfes steht ein großer politischer Gedanke: d e nals schier unmögliche Vereinigung aller Deutschen zu- itjft wenigstens auf dem Gebiet zu verwirklichen, wo ^r genngs liierftanb zu erwarten war. Und in der Tat ist aus der Vorgeschichte r deutschen Reichsgründung der deutsche Zollverein von 183. ti wegzudenken, dessen stärkster geistiger Vorkämpfer eben Friedrich Drei^Generationen deutscher Menschen haben im vorigen Jahrhundert r die Freiheit und Einheit ihres Volkes gekämpft, die Manner der ereiungstriege, die Männer der Revolution von 1848 und die Manner r Vismarckschen Reichsgründung. Jede dieser Generationen durch! n! durchlitt lange, schwere Jahre der Bitterkeit, der Demütigung und ■s Abwartens. Jede erlebte aber auch einmal die Zeit des rauschenden Mes und den Schwung der Begeisterung. Es war die Tragik Friedrich 'fs, daß er zwischen den Generationen lebte. Seme Wirksamkeit^beginnt “1 den Befreiungskriegen und sie endet vor der Revolutionvon • »» Leben war nur Qual und verzehrendes Ringen. Er ist fürwahr m „Deutscher ohne Deutschland" gewesen, wie Walter °n Molo in seinem Buche ihn nannte. Sein Leben war ohne sieg ilf es endete im Selbstmord. ( Zunächst gelang es der Kraft und der unerhörten Befahigung Fr ed- !?, ßifts ’rafd), aus bescheidenen Anfängen sich $u emer bedeutenden ■tWung emporzuarbeiten. Er war als Sohn eines ®ei6gcrb I 'Reutlingen geboren, der achte unter zehn Geschwistern. M er im Geschäft seines Vaters begonnen, dort hielt es ihn abernur e Jahre, dann wandte er sich der Beamtenlaufbahn zu. ,®r »den verschiedensten kommunalen und staatlichen Behörden in Württemberg und bildete sich selbst dauernd weiter. Bald machte er sich auch durch publizistische Tätigkeit einen Namen. Die Regierung, um eine bessere Ausbildung ihrer Beamten und um die Bekämpfung des Schreiber- unwefens bemüht, zog ihn mehrfach zu Sonderaufträgen heran. Bereits 1817 wurde List an die neubegründete staatswirtschaftliche Fakultät der Universität Tübingen als Professor für Staatsverwaltungpraxis berufen, da er besonders geeignet schien, bei den zukünftigen ©taatsirienem „die Vorurteile und den Schlendrian in den Geschäften auszuscheuchen". Die Begründung der Fakultät selbst ging auf eine Anregung Lists zurück, der freilich anstelle dieser fünften Fakultät unter Eingliederung der Rechts» Wissenschaft eine umfassende „politische Fakultät" hatte ins Leben rufen wollen. Die große und gesicherte Stellung, die sich L i st schon in jungen Jahren in seiner Heimat errungen hatte, gab er bald wieder auf, um sich für die Verwirklichung größerer nationaler Ziele einfetzen zu können. Es war im Frühjahr 1819, sechs Jahre nach dem großen Ausbrnch der Nation, wenige Monate vor den reaktionären „Karlsbader Beschlüssen". List war nach Frankfurt am Main gefahren, hatte sich mit vielen deutschen Kaufleuten, die dort zur Messe waren, besprochen und den „Allgemeinen deutschen Handels- und Gewerbeverein" begründet. Er selbst wurde Konsulent des Vereins, der für die Herstellung der deutschen Wirtschaftseinheit wirken sollte, und mußte auf feine Professur verzichten, um diese für einen würitembergischen Staatsbeamten verbotene „öfsenlliche Tätigkeit im Ausland" (Frankfurt!) ausüben zu können. Er wandte sich sofort mit einer Bittschrift um Aufhebung der Binnenzölle an die im Frankfurter Bundestag versammelten deutschen Regierungen. Der Gedanke des deutschen Zollvereins war durch diese Bittschrift bei den Regierungen und in der Oeffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Eine große nationale Forderung drängte sich seitdem zu ihrer Verwirklichung. List wußte die öffentliche Meinung zu mobilisieren. Es ist bekannt, welchen Einfluß der Druck der öfentlichen Meinung auf die Regierungen der mittleren und kleinen deutschen Staaten gehabt hat. Ebenso klar ist es freilich, daß der Mann, der die Regierungen unter Druck zu setzen gewagt hatte, von den Verhandlungen völlig ausgeschlossen wurde, damit die Verwirklichung feiner Gedanken nicht etwa zu seinem Ruhme ausschlagen konnte. Durch feine Abgeordnetentätigkeit im Würitembergischen Landtag wurde List in einen politischen Prozeß verwickelt. Er wurde verurteilt und war von nun an für immer als Demagoge verfehmt. Die Auswanderung nach Amerika blieb schließlich der einzige Ausweg für ihn. Nur zwei Jahre lang hatte er sich dem deutschen Handelsverein widmen In der Fremde beginnt eine neue Zeit des Aufstiegs für Friedrich Lift. Wieder setzt er sich rasch gegen alle Schwierigkeiten durch. Sein volkswirtschaftliches Urteil findet Beachtung. Seine Argumente für den Schutzzoll haben eine nachhaltige Wirkung auf die Handelspolitik der Vereinigten Staaten. Er begründet ein großes Bergwerksunternehmen und eine der ersten amerikanischen Eisenbahnen. Aus seinen Unternehmungen zieht er zeitweise sehr bedeutende Gewinne. Aber kaum hat er sich im Existenzkampf durchgesetzt, da gibt er wiederum alles preis, um seinem deutschen Vaterland zu dienen. m , Als amerikanischer Staatsbürger und als Konsul der Bereinigten Staaten kehrte List nach Deutschland zurück, nachdem die Revolution von 1830 günstigere politische Bedingungen geschafsen zu haben schien. In Amerika hatte er gesehen, wie stark die volkswirtschaftliche Entwicklung durch den Ausbau des Verkehrswesens, namentlich durch den Bau von Eisenbahnen, gefördert wird. So entfaltete er nunmehr in Deutschland eine unermüdlich« Tätigkeit, um der deutschen Wirtschaft durch den Bau von Eisenbahnen einen Austrieb zu geben und um dieses neue Verkehrsmittel populär zu machen. Durch die Presse appelliert er an die Oeftent- lichkeit, durch Denkschriften an die Regierungen, er entwirft selbst zahlreiche Projekte, bemüht sich um ihre Finanzierung und regt die Gründung von Eisenbahngesellschaften an. Aber wenn er in Amerika sich selbst erfolgreich als Unternehmer betätigt hatte, so geht es ihm hier nicht um den materiellen Gewinn, sondern um den wirtschaftlichen Ausstieg seines Vaterlandes. Sein Idealismus wird schlecht gelohnt Seine liberalen Freunde wetteifern mit den reaktionären Regie- rungen darin, Friedrich List aus den von ihm ins Leben gerufenen Unternehmungen zu guter Letzt hinauszudrängen und feine materiellen und ideellen Verdiensten sich selbst zuzuschieben. Wir können nicht den ganzen Leidensweg dieses großen deutschen Mannes erzählen. In seinem letzten Lebensjahre schrieb er, die Mittelmäßigen seien wohl dazu auf der Welt, um die Leute, die etwas leisten können, „zu treten, zu schlagen, zu betrügen, zu berauben, zu verleumden, zu entehren, um ihre schlafende Energie zu wecken und sie anzutreiben, außerordentliche Dinge zustande zu bringen". Wenn man fein Geben überschaut, so ist in diesem Satz kein Wort zu viel gesagt. Er wußte es nur noch nicht, daß die Mittelmäßigen es fertig bringen wurden, ihn m den Tod zu jagen Am 30. November 1846 hat er sich in Kufstein erschossen. Die Aerzte erklärten ihn bei der Totenschau für verrückt, damit der einsame fremde Mann ein ehrliches Begräbnis finden konnte. Eine vom Ausland unabhängige, vollentwickelte in sich harmonische deutsche Nationalwirtschaft war das Ziel, das Friedrich List dem deutschen Volke vor Augen stellte. Dabei muhte er naturgemäß der Entwicklung der deutschen Industrie sein Hauptaugenmerk zuwenden. Denn zu seiner Zeil beherrschte die britisch« Industrie fast völlig oen deutschen Markt. Oberflächliche Betrachter haben deshalb in List den Vorkämpfer des Industriekapitals sehen wollen Aber noch kurz vor seinem Tode beschäftigte ihn z. B. ein Projekt, das Elend der schlesischen Weber zu beseitigen. Um sie konkurrenzfähig zu machen und vor kapita- liitifcker Ausbeutung zu schützen, schlug er der preußischen Regierung vor der Staat möge das Patent eines mechanischen Webstuhls antaufen unb den schlesischen Webern die technischen Verbesserungen Zugänglich machen Bur im Kampf für deutsche Einheit, deutsche Freiheit und deutsche Groye sindet Lists gesamtes Wirken die einheitliche Ausrichtung. Eine deutsche s c ßie Ski in Nii Sein, i eigen l'tidjen * Stanfi 'Woiie Verantwortlich: Dr. Sans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gieß en. iVsische i*n h die Auslese der Darsteller, die nicht nur „Sänger" sein dürfen, foniwn nach des Meisters Sinne auch imstande sein müssen, den hohen fdjHu. spielerischen Anforderungen zu genügen, die er an sie stellt. Dazu bebuf es eingehender Probenarbeit, und deshalb versammeln sich alle Mitnir- kenden schon sieben Wochen vor Beginn der Aufführungen aus btni grünen Hügel, In einem schlichten Holzbau, der nach dem unvergeßlichen Chormeiie, Hugo Rüdel (f 1934) den Namen „Rödelheim führt, werden Sie Chöre geschult. Aus dem großen Saal der Festspiel-Gaststätte klingt m Heben des Orchesters. In allen Probezimmern des Bühnenhauses arbeite# die Solisten mit ihren Korrepetitoren. Auf der Bühne werden Dekoraii» nen auf- und abgetaut und Beleuchtungsmöglichkeiten immer wiü« neu erprobt. Endlich vereinen sich dann alle Einzelgruppen Mitwirkens!, zum gemeinsamen Schassen in den Hauptproben. So ein sorgfältig«: Probieren ist natürlich nur möglich, wenn keine andere Borstellung ch j Arbeit unterbricht, wie das im gewöhnlichen Theaterbetrieb unuermi.lt ■ „Lohengrin", „Der Fliegende Holländer" wurden so nach und nach ii Musteraufführungen mit besonderer Herausarbeitung der dramatisch^ Wirkungen gebracht. Als Frau Cosima sich aus gesundheitlichen Grunkiif % jt baue- *4 Jelat »ich klt iMtb Ml Hin, l»i B.tth lief) ist. Wenn der allabendlich wechselnde Spielplan einen am „Wolm' oder „Siegfried" arbeitenden Sänger nötigt, zwischendurch in irgenbehci neueren italienischen Oper eine ganz anders geartete Rolle zu übtr< nehmen, wird er natürlich aus feinem Studium herausgerissen und braucht viel mehr Zeit und Kraft, um bei solchen immerwährenden Unlir« i brechungen mit der Wagner-Partie fertig zu werden. Wenn dagegen eilt Sänger und Musiker sieben Wochen lang einzig und allein mit tat Einübung eines großen Werkes beschäftigt sind, wie z. B. beim „R i iz des Nibelungen" oder dem „P a r f i f a l", so muß damit * wendig die bestmögliche Wiedergabe des Ganzen erreicht werden, die m sein Schöpfer nur wünschen kann. Nach solchen Richtlinien verfuhr Richard Wagner 1876 und l$ild In gleicher werktreuer Weise leitete von 1884 bis 1906 seine Frau ffo'j [ima, die Tochter Franz Liszts, die Einstudierung auch derjenix« Wauf b Werke, die ursprünglich nicht nur für Bayreuth geschrieben roara, öslenru „Tristan und Isolde", „Die Meistersinger von Nürnberg", „Tannhäuser', 3? bas Die dann eingeführte elektrische Beleuchtung hatte, wie alles Technisch srit dauernd Verbesserungen erfahren. 1933 wurde dann eine oollkonum W g4m; andere Bühnenbeleuchtungsanlage geschaffen, die jede Farbschattien!'! und alle Helligkeitsgrade in feinster Abstufung ermöglicht, die mit. einem großartigen Projektionsapparat alle nur erdenklichen Sonderaufgata von dieser aufreibenden Arbeit der Festspielleitung zurückziehen mufjti, RMtn ji fand sie in ihrem Sohne Siegfried den berufenen Nachfolger, filli «i>ber ui auch Siegfried fein Amt verlassen mußte und 1930, im gleichen IM ««. F wie feine Mutter, durch den Tod mitten aus der Arbeit gerissen routit «ins m trat feine Frau, Winifred Wagner, das Erbe an. Die Jahre feil mitieti 3 Oie Musikstadt Bayreuth. Von Dr. Hans Sebebe. Bayreuth, heute für alle Welt untrennbar verbunden mit dem Namen Richard Wagners, war auch fchon hundert Jahre vor der Geburt des Meisters eine Pflegstätte der Oper. Der Thüringer Johann Friedrich Fasch, dessen Sohn Cembalist und Opernkapellmeister Friedrichs des Großen, später Gründer der Singakademie in Berlin wurde, ließ dort 1714 die Oper „Margenis" aufführen. Der nachmalige Goihaische Hos- kapellmeister Gottfried Heinrich Stolzes schrieb für Bayreuth 1717 seinen „Diomedes. Friedrichs des Großen Schwester Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, schilderte 1744 das noch heute um seines Parkes und der Wasserkünste willen vielbesuchte Schloß Eremitage und das darin errichtete „Theater, dessen Pfeiler alle freistehen, so daß man eine Oper unter freiem Himmel aufführen kann". Sie veranlaßte ihren Gemahl, den Markgrafen Friedrich, zur Schaffung des 1748 vollendeten Markgräflichen Opernhauses, eines mächtigen Barockbaues,.dessen Jnnenraum der berühmteste Theaterbaumeister seiner Zeit gestaltete: Giuseppe Galli Bibiena. Noch heute bestaunen wir die Pracht der Ausstattung dieses von Logen und Rängen umschlossenen Zuschauerraumes und die große Bühne, die auch für Prunkwagen und Reitertrupps Platz genug bot. Aber von dem Tage ihrer Einweihung mit einer großen Fe stund Prunkoper zur Feier der Hochzeit von Wilhelminens Tochter Friederike mit dem württembergischen Herzog Karl Eugen, dem Landesherrn Schillers, gehen unsere Gedanken zu jenem 22. Mai 1872, an dem in eben diesem Hause Richard Wagner die Neunte Symphonie Beethovens dirigierte: „Das Orchester war zusammengestellt aus den hervorragendsten deutschen Orchestern —■ Wien, München, Berlin, Dresden, der Chor gebildet aus dem Riedel-Verein, Leipzig, und dem Sternschen Gesangverein, Berlin; die vier Solisten waren Marie Lehmann, Johanna Jachmann-Wagner (des Meisters Nichte), Albert Niemann und Franz Beetz" — und bei den zweiten Geigen spielte ein Einundzwanzigjähriger mit, der später bekannte: „Was ich in den vier Proben, die Wagner mit uns abhielt, lernte, ist für meinen ganzen künstlerischen Werdegang von ungeheurem Einfluß gewesen. Ich kann sagen, daß Wagners ,®roica‘ in Wien und dann die .Neunte' in Bayreuth für meine ganze Beethoven-Auffassung, ja, für meine Orchester- interpretation überhaupt entscheidend geworden ist." Dieser begeisterte Schilderer jener Aufführung war der große Dirigent Artur Niki sch. Anlaß zu dieser Darbietung von Beethovens gewaltigem Werk war die Feier der Grundsteinlegung des Festspielhauses, das Richard Wagner sich vor der Stadt erbaute. Wohl hakte er anfänglich geglaubt, das alte Opernhaus für feine Zwecke benutzen zu können, aber nun fand er zu viel des Ablenkenden in diesem repräsentativen Raume, der eben mehr die Stätte höfischer Glanzentfaltung war. Was er wollte, war ein Theater, das aus dem verdunkelten Zuschauerraum die Blicke und Gedanken der Versammelten einzig und allein auf die Szene zog; ein Theater, in dem auch weder Lichtschein noch Gesten des Dirigenten und Köpfe der Spielenden aus dem Orchester heraus störend zwischen Darstellende und Aufnehmende treten durften, jenen idealen „provisorischen" Bau also, den er nach Gottfried Sempers Plänen erstehen lief), unb der noch heute in jedem Festspieljahr Tausende und aber Tausende in seinen Bann zwingt. Wie darin gearbeitet werden sollte, das zeigte beispielhaft schon jene Aufführung der Neunten Symphonie: nicht ein Orchester, nicht ein Chor wird als geschlossenes Ganzes irgendwoher geholt, sondern aus allen Tellen Deutschlands, von allen großen Bühnen und Konzertvereinigungen werden nur die besten Kräfte ausgewählt, wird so ein idealer Klangkörper geschaffen, wie er in solck>er Vollendung an einer Stelle eben nicht zu finden ist. Aehniiche Grundsätze bestimmen löst und ziehende Wolken, wabernde Lohe, glitzerndes Wasser, alles o» schlingende Wogen in das Bühnenbild zaubert. Dieses Bühnenbild JeM seit 1933 von Emil Preetorius von Grund aus neugestaltet, sch«! die vom Meister selber nur geahnten, aber zu seiner Zeit noch nicht aw führbaren szenischen Möglichkeiten, die für rechte Wirkung des „©ejanii kunstwerks" nicht minder bedeutsam sind als Darstellung und Musik. M in Richard Wagners Enkel Wieland W a g i bilbner verheißungsvoll heranwächst, erwies ,_____ _________„ Dekorationen zu „Parsifal" (bis 1933 war immer noch ber ©ralstemjL der Uraufführung 1882 benutzt worden). Unb endlich ist 1933 in fleh I.ietjen, dem Generalintendanten der Berliner Staatsoper, der bHi • Regisseur für Bayreuth gewonnen worden, den es für Wagners SchG fungen heute gibt. Daß er sich feiner Kapellmeifterausbildung zufolge auf in immer stärkerem Maße als Dirigent neben die anderen Orchesterleil« stellt, daß die von ihm einheitlich auf ber Bühne unb im Orchester ei» studierten Werke zu höchster dramatischer Ausdruckssteigerung gebrod werden, daß jeder einzelne Sänger aus l.... " auch zum besten Darsteller gebildet wird, haben 1936/37/38 besonders deutlich erwiesen. . g Und noch eins: Wie die Mitwirkenden, so sind in Bayreuth auch ö* Aufnehmenden, die Zuschauer und Zuhörer, unter ganz besonders günstig Bedingungen gestellt. Standen und stehen die Werke des Meisters twl’ fach noch heute in dem Ruf, besonders „schwer" zu sein und durch d ungewöhnliche Länge ihrer Aufführungen zu ermüden, so schwinden folrV Vorurteile naturgemäß an einer Stätte, die nach des Schöpfers Wun!ß die Besucher ebenfalls ganz aus dem gewohnten und anstrengenden 21UM herauslöst und sie frei macht für die unbeschwerte Aufnahme des ibn>o gebotenen Kunstwerks. In schönster Sommerzeit ist für sie jede Auffäl rung mit einem erfrischenden Ausfluge verbunden; nicht abgefpanirt sondern ausgeruht sammeln sie sich am Nachmittag auf dem Festste Hügel. Herbeigeströmt von fern und nah sitzen sie „mit frischen, leid anzuregenden Kräften" im amphitheatralisch aufsteigenden Zuschauer' raum, in den Fanfaren sie gerufen haben. Und nun erlischt das Lickl nun folgt eine Minute letzter Besinnung und Sammlung, ehe „der eri't mystische Klang des unsichtbaren Orchesters zu der Andacht stimmt, oiir< die kein wirklicher Kunsteindruck möglich ist". Nach jedem Aufzug aM treten sie hinaus in die Landschaft, die sich bis unmittelbar an das Fd' spielhaus heranzieht. Sie blicken vom Vorplatz auf das trauliche Stäb!' chen mit den Türmen feiner gotischen Kirche zwischen anheimelnd«" Giebel- unb Dächergewirr. Sie finden — wie Wagners Hans Sachs bah es „friedfam treuer Sitten, getrost in Tat und Werk, so recht i« Deutschlands Mitten" liegt, und sie verstehen ein Wort, das 1934 Rich^ P^D^ tschl^d^ "^*er ouf ®>cm -heiligen Hügel' über Bayreuth — b*':T -> 20. ■!ti5 ft H i Tn Flagge, .sine deutsche Flotte, deutsche Kolonien hat er schon gefordert! Sein besonderes Interesse galt dem europäischen Südosten. Nach Ungarn und den Donaufürstentümern suchte er einen neuen Strom deutscher Auswanderer zu lenken. Was hätte ein Friedrich List für das deutsche Volk leisten können, wäre Deutschland nicht in 39 souveräne, in gegenseitiger Eifersucht stch erschöpfende Territorialstaaten zerrissen gewesen! So aber steht vor allein, was dieser unermüdlich tätige Mann in seinem bewegten Leben geleistet hat, heute nur noch seine wissenschaftliche Arbeit als fein Werk unmittelbar vor uns. Dabei bekennt er selbst, er würde das „Nationale Sy st em der politischen Oekonomie" niemals geschrieben haben, wenn er „nur irgend eine nützliche Beschäftigung gehabt" hätte. Jedes Volk hat seine artgemäße Wirtschaftslehre. Der ewige Schaffensdrang des deutschen Menschen findet seinen klassischen Ausdruck in dem Werke Friedrich L i st s. Für ihn als Deutschen ist die Grundfrage alles Wirtschaftens, welche Leistungen wir vollbringen, welche Güter wir schaffen können. Dos englische und jüdische Wirtschaftsdenken hat seinen klassischen Ausdruck in den Werken des Adam Smith und des David Ricardo gefunden. Für sie war die Grundfrage der Wirtschaft nicht das Schaffen, sondern der Besitz der Güter. Die englische und jüdische Nationalökonomie richtet deshalb ihr Interesse allein auf die Güter selbst und auf ihren materiellen Wert, Friedrich List dagegen stellt in den Mittelpunkt seines Werkes die Lehre von den produktiven Kräften, er wendet also seinen Blick von den Tauschwerten zu den Leistungen, unb von den toten Dingen zu den lebendigen Menschen. So kann es auch für Friedrich List nur ein nationales System der politischen Oekonomie geben, während Engländer und Juden einen die ganze Welt beherrschenden Materialismus als selbstverständliche Gelegenheit annehmen. Mögen tausend Einzelheiten in dem Werke Friedrich Lists zeitbedingt und zeitgebunden sein, in feinen Grundanschauungen ist er ber Klassiker des deutschen Wirtschaftsdenkens. Und es ist wohl so bei uns deutschen Menschen, daß nur die das Tiefste denken und sagen können, die auch im Wirken und Kämpfen das Tiefste erlebt unb erlitten haben. her haben erwiesen, daß sie es nicht nur zu halten, sondern auch nogjw feben herrlicher auszubauen vermochte. Die schon von Siegfried begönnert: 's, mh technischen Neuerungen wurden fortgeführt. Die Riefenbühne, deren Hauptteil 23,7 Meter tief, 28,7 Meter bctil unb 29,5 Meter hoch ist, war bis 1888 noch mit Gas beleuchtet wocda N itu > 121 ’N < & ■ —--------I---Ö-----Ö d---- *0115 S dem Geiste der Musik hecni 1 >, haben die Festspiele v>on n e r ein junger Bühne» schon seine Gestaltung D« -n 115’j. tmer noch der ®ra[stemj! HG,