SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Zreitag, den 7. Juli Nummer 5( Eine Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Vericht von p.S.Ettighoffec topyrfgfot b y Bertelsmann Güt » r » l » h 6. Fortsetzung. Di« Nivellesch « Schlacht. Zwischen La Fere und Brimont steht die deutsche Verteidigung in diesen ersten Apriltagen bereit. Es ist aber kein starrer Gürtel aus Menschenleibern, Stahl und Beton, sondern ein bewegliches und elastisches Band, das sich, je nach Lage und Feindestaktik, ausdehnen kann, das sich zurückdrängen läßt, *im gleich daraus wieder mit Wucht vorzuschnellen, das Ergebnis einer neuen Taktik, die nun ihre Feuertaufe erhalten soll. Locker soll die Verteidigung sein und dennoch im Ganzen gesehen unnachgiebig fest und hart. Äm linken Flügel liegen zwei Infanterie-Divisionen des 13. Reserve- Korps in vorderster Linie. Im Rahmen des XI. Armeekorps hat die Gruppe Vailly vier Stellungs-Divisionen eingesetzt. Daran anschließend, von Eerny bis Craonne, liegen drei Front-Divisionen vorne, und bei Berry-au-Bac bis zum Knie der Aisne sind's wiederum drei Front-Divisionen des 15. Bayrischen Armeekorps. Am linken Armeeflügel bis nördlich Reims soll die Gruppe Brimont, das heißt das 10. Reseroekorps mit drei Divisionen, die Stellung halten. Das sind 15 deutsche Divisionen in vorderster Linie, keine völlig unversehrten Truppenteile mehr, sondern Formationen, die schon in den vorbereitenden Stellungs- und Patrouillenkümpfen herb« Verluste erlitten haben. Die Mannschaften sind schwer mitgenommen durch das stete Schanzen und Arbeiten und Herrichten von Stellungen in Kälte, Rässe und Schneegestöber. Roch in den ersten Apriltagen, als man den losbrechenden Angriff für die nächsten Tage erwartet, werden sieben deutsche Eingreifdivisionen herangezogen und hinter der ganzen Frontlinie an den besonders gefährdeten Stellungen verteilt. Zweiundzwanzig deutsche Divisionen werden nun die gewaltige Schlacht über sich ergehen lassen müssen. Und von ihrer Tapferkeit wird es abhängen, ob die Verfolguirgs- ormee des General Duchesne, die Kavallerie, den Säbel in der Faust, die deutschen Bagagen weit über Sissonne hinweg bis an die Maas verfolgen kann. In die schwieligen Hände der braven, namenlosen Musketiere, Kanoniere und Grenadiere dieser 22 Divisionen hat das Vaterland sein Schicksal gelegt. Am 13. April, während das Trommelfeuer sich zur höchsten Wucht steigern wird, soll noch das Generalkommando des Gardekorps unter General der Infanterie von Quast zwischen die Armeegruppen Sissonne und Brimont eingeschoben werden. Die links anschließende III. Armee hat auf ihrem rechten Flügel das 7. Reserve-Korps mit drei Stellungs-Divisionen, anschließend das 14. Korps mit ebenfalls drei Divisionen. Je eine Eingreif-Division steht unter jedem Korps bereit. Weiterhin links anschließend folgt das 12. Korps mit vier Front-Divisionen. Die ganze Wucht des entscheidenden großen Durchbruchsangriffs soll nach dem Plan Nivelles in erster Linie der VII. deutschen Armee gelten, also den oben aufgeführten 22 Divisionen. Die III. Armee wird erst später, beim Aufrollen der Flügel, in den Großkampf verwickelt sein. Diese Armee wird sich in der Hauptsache Petain vornehmen müssen. In dieser Aufstellung wird die deutsche Front an der Einbruchsstelle aon der Gewalt des Trommelfeuers erfaßt. Am 6. April läßt das Schneegestöber mit trübem, undurchsichtigem Wetter nach. Starker Wind erhebt sich und treibt die Wolken fort. Beste Fernsicht für Flieger und Artilleriebeobachtung herrscht, ein großer Tag such für die Männer in den Fesselballonen. Der deutsche Frontsoldat sieht alötzlich eine überraschend große Zahl dieser Fesselballone drüben beim Gegner aussteigen. Für die Bewohner der alten Stadt Laon ist es ein Trlebnis, diese zahlreichen gelben Riesenwürste fern am Horizont über »en Höhen schaukeln zu sehen. Dicht nebeneinander stehen die Ballone in »er klargefegten Aprilluft und blicken weithin über den Damenweg. hinweg ins deutsch-besetzte Hinterland. Für den Einwohner der Stadt Laon iend sie wie ein ferner Gruß aus Frankreich. Und für den Landmann, "er seinen Acker pflügt, mit geliehenen deutschen Truppenpferden, weitab »om verderbenbringenden Bereich des Krieges, sind diese schaukelnden Fesselballone da drüben wie ein Wink zum Ausharren und zum Hoffen. 2enn auch die Zivilbevölkerung im abgetrennten Frankreich weiß schon, "aß sich etwas Großes vorbereitet und daß die Befreier bald nahen Verden. Cs kommen aber inzwischen anders Grüße aus dem fernen Vater- wb. Es find Grüße aus Stahl. Sie bringen den Tod. Sie heulen heran, sie zerbersten an den Bahnlinien, sie platzen und stammen dort, wo deutsche Truppentransporte verladen werden. Sie heulen hinüber auf den Hügel der Zitadelle von Laon. Am Karfreitag dieses Jahres 1917 wuchtet ein schweres Geschoß durch die gotischen Mauern des herrlichen Domes und reißt eine tiefe Bresche in das kunstvoll verschlungene Steinsiligran, zertrümmert Scheiben, Säulen und Decken, sät Tod, Verderben und Entsetzen. Di« Zivilisten, die sich am Fuß der Kathedrale eingefunden hatten, um aus der Ferne diese beginnende Riesenschlacht am südlichen Horizont zu sehen und vielleicht die Ankunft der Befreier zu erspähen, weichen jäh und laufen hinunter in die Stadt. Sie haben wieder einmal die harte Faust des Krieges gespürt, jene Faust, die rücksichtslos zuschlägt und alles zermalmt, ob Freund oder Feind, weil es im Kriege nicht um den einzelnen Menschen gehen kann und darf, sondern um ein ganz großes und ganz umfassendes Ziel. Aber was sind dies« Schrecken, von französischen Langrohrgeschützen Dutzende von Kilometer,, weit in die deutsche Etappe getragen, was sind sie schon gegen die Schrecken ohne Ende, die nun für alle deutschen Stellungsdivisionen angebrochen sind und zehn Tage lang dauern werden! Zwischen Bauxaillon und Moronvilliers liegt die Landschaft unter Qualm und Flammen. Die französische Artillerie muß doch schießen, um das ihr aufgegebene Pensum zu erledigen. Jede Batterie hat in der Stunde ihre bestimmte Zahl Granaten abzuseuern. Das weiß sie. Und der Tag hat 24 Stunden, und man wird noch fünf oder sechs oder sieben oder vielleicht noch mehr Tage feuern, immerzu. Sollte ein Geschütz dabei zerspringen, sollten die Rohre bersten vor Hitze und Ueberbean- spruchung — einerlei! Man wird neue Geschütze in die Batteriestel- lungen fahren. Es braucht nicht gespart zu werden. Munition ist da, soviel eine Schlacht je gesehen hat, soviel ein Menschenhirn überhaupt zusammenrechnen kann. Die deutschen Batterien wehren sich Schuß um Schuß. Wollen kein« Antwort schuldig bleiben. Am hellen Tage, im neugierigen Glotzen der hundert und mehr Fesselballone, umschwärmt und argwöhnisch beobachtet von französischen Fliegern, braust ein deutsches Eisenbahngeschütz auf glatter Schienend ahn im Höllentempo nach vorne, gezogen und gedrückt von zwei starken O-Zug-Lokomotioen, gelangt trotz schwerster Beschießung ungehemmt bis in den Feuerbereich der französischen Feldbatterien! Mag es fahren, das Geschütz! Es wird da vorne seinem Schicksal nicht entgehen. Es fährt den französischen Batterien sozusagen in den Schlund, denn sein Ziel ist weit. Irgendwo im großen Wald von Pinon, wo es sich jetzt in einem Dickicht verborgen hält auf einer Gleisabzweigung bei Anizy, will der Feind es aufstöbern und zusammenschießen. Das Geschütz aber steht nicht untätig, nein, sein langes Rohr richtet sich drohend empor. Zahlen schwirren, werden wiederholt, weitergegeben. Kommandos hallen durch den Wald, Befehle hin und her. Rur wenige Tausend Meter hinter dem vordersten Graben steht das Geschütz. Aus der sicheren deutschen Hinterfront würde seine Reichweite nicht genügen, denn die Granate soll eine gewaltige Strecke bezwingen. Ein großes Ziel lockt, das Ziel aller Ziele. Genau haben di« Offiziere am Geschütz die Entfernung ausgemessen, haben Wind, Wetter und alle anderen Lustoerhältnisse berücksichtigt. Nur ein Schuß darf es sein, ein einziger Schuß, denn nicht länger als fünf Minuten darf das kostbare Eisenbahngeschütz vorne im gefährdeten Feuerbereich der Frontbatterien bleiben. Und genau am vorberechneten Bahnkilometer stehl das Riesen- rohr drohend gereckt. Jetzt heißt es: „Feuer!" Sekundenlang überdröhnt ein gemeiner, niederträchtiger, urgewaltiger Ton das Brüllen der nahen Schlacht, und eine Stichflamme leckt haushoch über die höchsten Bäume hinweg. Der Gluthauch dieser Riesenstamme läßt die Baumkronen auftniftern. Prasselnd schlägt der Brand hoch Doch, das Werk ist vollbracht, denn ein Geschoß, ein Riesengeschoß aus diesem noch lebenden, zitternden und wie eine Glocke singenden Geschützrohr heult und johlt mit einer Geschwindigkeit von tausend Metern in der Sekunde in flachem Bogen einem gut errechneten Ziel entgegen--- Währenddessen stehen in der Nähe von Bendresse, weitab im Süden, hinter der französischen Angriffsfront, mehrere Munitionszüge, die man gerade entlädt. In Erdlöchern, auf Stapeln, zusammengebracht auf einem verhältnismäßig kleinen Raum, liegen schon 45 000 schwer« und schwerste Brisanzgranaten beisammen. Hier in Vendresse, in einem riesigen Munitionsdepot, wartet das Futter für die schwersten französischen Batterien. Hier liegt der unerbittliche Tod, der schon in den nächsten Tagen aus den Rohren weittragender Eisenbahngeschütze tief in die deutsche Etappe heulen und dort Verwirrung und Schrecken säen soll. Hier liegen die schweren und schwersten Granaten der letzten Trommel- feuerftunben. Sie sollen, kurz vor dem Losbrechen der Infanterie, am denkwürdigen „Tag I" die erkannten Eingänge der Naturhöhlen und Stollen drüben bei den Deutschen einwuchten unb die feldgrauen Re- serven gefangensetzen, ersticken, erledigen. Eine gefährliche Macht liegt hier zuzammengeürängt im Munitwnsdepot von ißenärejfe. Morgen schon soll der Abtransport der Granaten zur Front und in die einzelnen Stellungen der schwersten Mörserbatterien beginnen. Nur mit halbem Ohr vernehmen die hier arbeitenden Poilus di« vorne brandend« und brodelnd« Schlacht. Was geht sie die Schlacht da vorne an. Sie haben hier ihr« Arbeit und ihr« Front. Nein, es ist keine Kleinigkeit, täglich mit den schweren Granaten umzugehen. Es ist fernerhin nicht ungefährlich, hier leben und Hausen zu müssen. Aber von den Deutschen werden sie nie etwas zu sehen und zu hören bekommen. Kein deutsches Geschütz wird je seine Geschosse bis hierher senden — — In diesem Augenblick rauscht cs in der Lust. Es ist wie das Niedergehen eines Kampfflugzeuges, halt — es ist mehr, es ist schon wie das rücksichtslos«, energische Bremsen eines ganzen Munitionszuges, der plötzlich stehen soll, der auf glatten Schienen gleitet, der mit geblockten Rädern holpert, stockt und donnert. Es ist der Ton, der etwas Urhaftes, etwas nie Gehörtes in sich birgt. Rur sekundenlang dieser Ton, dieser Schrei aus der Luft. Und dann hat die deutsche Granate aus dem Wald von Pinon, der Sendbote aus dem am Hellen Tag in genauer, verwegener Fahrt herangebrachten Eisenbahngeschütz, sein Ziel erreicht. Luft und Erde beben aus mehr als 40 Kilometer im Umkreis. Eine hohe dunkle Wand strebt empor, eine Mauer aus Stein, Erde, Granaten, Fahrzeugen, Eisenbahnschwellen und zerrissenen Menfchen- leibern ... Das riesige Munitionsdepot von Dendrefse, ist in di«, Lust geflogen --1 Deutsche Beobachtemgsfl leger, die den Austrag haben, aus der Höhe di« Wirkung ü«s deutschen Eisenbahngeschützes zu beobachten, kehren um und bringen di« Meldung vom unerhörten und raschen Erfolg. Und währenddessen durchsuchen di« Batterien den Wald von Pinon und wollen das deutsche Geschütz vernichten. Schwer« Granaten tasten wütend di« Eisenbahnlinie ab. In der Ferne aber, unsichtbar in der in- Säschen angebrochenen Dämmerung, fahren zwei Lokomotiven. Zwirn sich, gezogen und geschoben, das siegreiche, unversehrte deutsch« Eisenbahngeschütz. Bis zum folgenden Morgen noch brüllen die Explosionen im Munitionslager bei Bendresse. Di« bereitgestellten Munitionszüge brennen, die Baracken brennen, der Wald ringsum brennt, und jedesmal, wenn das Feuer einen neuen Munitionsstapel erreicht, geht alles mit gewaltigem Toben und Krachen in die Lust. Man muß das Riesenüepot ausbrennen lassen bis aus di« letzte Granate, bis aus die letzte Kartusche. Ausbrennen, nur ausbrennen. Nichts ist zu retten, kein Gejchoßkorb, kein Fahrzeug, nichts. Fünfzig Pollus, di« ihre Abkommandierung zum Mumtionsdepot als Lebensversicherung in diesem männersressenüen Krieg angesehen hatten, sind spurlos' verschwunden, von der Explosion zu Asche und Staub zermalmt, zerrieben, vernichtet. Nicht einmal ein Unisormsetzen, nicht einmal eine Stiefelsohle, nicht einmal eine Gamaschen schnalle findet man von chnen. Weitere hundert Poilus Hegten sterbend in der Kirche von Benüresse, wo man in Eile ein Feldlazarett errichtet hat. Meldung geht an General Nivelle. Man verheimlicht dem Oberbefehlshaber keineswegs den schweren Schlag. Man berichtet ihm über die Vernichtung der schweren Munition. Uird Nivelle: „Wieviel Granaten waren es?" „ F ün fundv i erzi gta useud schwere und schwerste Geschosse, Herr General!" „Was sind schon 45 000 Geschosse, meine Herren, das ist der Bedarf eines Tages für die fchwere Artillerie der Armee Mazel. Spielt kein« Rolle, meine Herren, spielt absolut kein« Rolle. Wenn uns die Boches 45 000 Granaten sprengen, dann werden wir ihnen 450 000 schwere Granaten auf den Pelz brennen. Eine Bagatelle, meine Herren, ein kleiner Zwischenfall. Es rollt ja doch alles ab, wie es abrollen muß. An 45 000 Granaten mehr oder weniger wird Frankreich nicht zugrunde gehen, aber Deutschland wird seine Niederlage nicht aufhalten können. Der Durchbruch, meine Herren, wird stattfinden!" «en Reims und Soissons brüllt das Trommelfeuer. Am Öfterem 8. April, ift's so stark, daß eine Erhöhung der Wucht und der Geschohdicht« anscheinend nie mehr erreicht werden kann. Aber nein, ab Osternwntag haben weitere Batterien eingegrifsen. Denn nun stellt es sich heraus, daß die deutsche Artillerie noch nicht ohnmächtig niedergekämpft ist, wie es Nivelle zuerst angenommen hat. Im Gegenteil, die deutsche Artillerie wehrt sich verzweifelt. Kaum ist eine Batterie durch schwere und schwerste französische Geschosse ausgeräuchert, kaum haben die gelichteten Bespannungen in heroischem Draufgängertum und Wagemut die von Splittern verschrammten Rohre mit den vielfach durchlöcherten und verbeulten Schutzschilden aus den Bettungen gezogen, da machen di« Geschütze an anderer Stelle wieder Front und eröffnen das Feuer, bis man sie auch dort ermittelt, erspäht und nieüerkämpst. Manchmal müssen die deutschen Kanoniere die Geschützstellungen verlassen, weil schwer« Munitionsent- zundungen getroffener Geschoßstapel ihre gefährlichen Splitter umher- fctzen. Bald aber sind die Männer wieder am Geschütz und schießen, schießen! ist s vorne in den deutschen JnfäNteriestellungen? Schon am Tage nach Ostern gibt es keine deutschen Jnfanteriestellungen mehr. Alles ist zermalmt, überpflügt, vernichtet. Unter einer undurchdringlichen Wolke von Gas und Geschoßqualm, unter der Wand der roten Explo- fionen, unter dem tödlichen Regen der surrenden und peitschenden Ge- fchoßsplitter liegt eine öde, fast menschenleere Trichterlandschaft. Verschwunden die letzten Grasnarben, verschwunden das junge Grün, das schon im ersten Frühlingsahnen gleich nach der Schneeschmelze zu sprießen und keimen begonnen hatte. Nur die Helle zähe Kalkerde jener Gegend verbirgt sich unter dem Rauchschleier der 'Materialschlacht Große uni) fMne Kalk- und Kreidebrocken sind es, von der Wucht der Entzündungen aus den Eingeweiden der Erde an di« Oberfläche geschleudert. Frierend, hungrig, den Tod erwartend, kauern in der liefe dieser Kreideiöcher die letzten Ueberlebenden der deutschen Grabenb«- fatzung. Ihre Maschinengewehr«, ihre Munition, ihre Handgranaten haben sie in rasch geschaufelten Erdnischen untergebracht, zum Schutz gegen Splitter. Es regnet. Der Wind pfeift eisig daher, bringt Feuchtigkeit und tauenden Schneematsch. Eine Wohltat wäre es, sich unter die Zeltbahn zu legen, sich unter dem wasserdichten Stoff gegen die Unbilden der Witterung zu schützen, älber nein, die Feldgrauen frieren lieber. Zu kostbar sind Zeltbahnen. Die Zeltbahnen müssen Gewehr« und Maschinengewehre, Munition und Handgranaten vor Nässe schützen. Mit zärtlicher Gebärde haben die Schützen ihre Waffen und die Munitionskasten in die herrlichen Zeltbahnen gewickelt und vorsorglich verstaut. Lieber jetzt Unbill leiden, als nachher, im entscheidenden Augenblick, wehrlos dastehen. Nachts liegt das Trommelfeuer wie ein Lavastreifen aus den Höhen des Damenweges. Wie feurig« Lohe, wie .eine glühende Masse lastet di« Wucht unzähliger Explosionen aus den deutschen Stellungen. Gleich riesigen Irrlichtern tanzen di« Einschläge französischer Granaten weit drunten in der Ebene im deutschen Hinterland. An den Brennpunkten des Etappeuverkeljrs, an den Anmarschwegen, an den Kanalübergängen, an den Brücken und an den Ausgängen der Ortschaften, in denen man Truppenunterkünfte vermutet, ist der Feuertang besonders stark und rücksichtslos . Di« Nächt« find gespenstig klar und mondhell. Meist verziehen sich die Wolken nach Sonnenuntergang, und dann leuchtet ein sternenvoller, samtschwarzer Himmel über der gemarterten Erde. Die Sternbilder scheinen herabzutropfen. Diese Stunden der Sickstlosigkeit benutzt der deutsche Infanterist zum Atemholen. Verwundet« werden weggeschafft, Tot« geborgen oder mit einigen Schaufeln voll mitleidiger Erde bedeckt. Man weiß es, morgen wird das Trommelfeuer sie ja doch wieder aus der Allmutter Erd« reihen, aber der Kanieradfchastspflicht ist Genüge getan. Keine Munition bricht das Feuer auf die deutschen Stellungen ab, während dieser Nächte um Ostern. Aber die Granaten jaulen jetzt meist weiter rückwärts auf Laufgräben und Anmarschwege. Der Mann des vorderen Trichterfeldes kann aufatmen bis zum Morgengrauen. Man zählt die Verluste und stellt neue Posten auf zu neuem Wachtdienft. Opferbereite Trägerzüge unterlaufen ohne Rücksicht auf eigene Verluste das mahlende Störungsseuer, bringen kilometerweit bis in die Etappendörfer durch, holen dort heißen Tee, Brot, Büchf en fleisch, Ver- bandspäckchen und Munition. Und dann beginnt wieder der Tag mit neuem Grauen und neuen blutigen Verlusten. Vorerst kein« Möglichkeit für die deutsche Infanterie, sich zu wehren. Ihr Tag ist noch nicht gekommen Das Nivellesch« Trommelfeuer rollt und rollt ungebrochen und bügelt den gewaltigen Frontabschnitt aus, zerstört die deutschen Verteidigungsmöglichkeiten. Bald wird sich dieses Trommelfeuer als unwiderstehliche Walze in Bewegung setzen, so wie es der Nivelle sch« Plan vorsieht, 70 Meter Geschwindigkeit in der Minute, 200 Meter etwa in drei Minuten, zwei Kilometer in 30 Minuten — genau, wie es seit Wochen bestimmt und sestgelegt ist. Und dieses Trommelfeuer wird auch über die zahlreichen natürlichen Grotten dieser Gegend Hinwegwalzen. Es roinb die Eingänge zusammenschlagen, die Stollen zertrümmern und den deutschen Reservetruppen in ihren bombensicheren Unterkünften keine Möglichkeit zum Eingreifen geben. Die Häuser dieser Landschaft sind aus großen viereckigen Quadern gebaut, aus jenem weichen Kreidestein, der in den Flanken dieser Hügel am Damenweg ruht. Seit Jahrhunderten haben die Menschen den Stein abgebaut, haben sie die Hügel unterhöhlt. Es mögen sich auch durch Einwirkung von Regen, Wasserführung und Erderschütterungen im Larife der Jahrtausend« natürlich« Grotten gebildet haben, di« bann als Steinbrüche benutzt und somit bedeutend erweitert worden sind. Der französischen Heeresleitung sind diese Grotten wohlbekannt. Ohne Unterbrechung beschießen Spezialbatterien all« Eingänge und Zugänge. Aber am „Tage I" zur „Stunde H" werden Hunderte von Feuerschlünden auf dies« Eingänge gerichtet sein. Taufende von schweren Granaten werden stundenlang vor bem Angriff und erst recht auch während des Vorgehens der französischen Infanterie die Grotten und ihr« Verteidiger niederraffen und zur Ohnmacht verdammen. Mit den paar verängstigten, vom Feuer irrsinnig gewordenen Überlebenden Infanteristen im Trichterfeld dürfte man tu säumt spielend fertig werden. Und dann wird sich di« Kavallerie des Generals Duchesne in Bewegung fetzen. — — Doch jetzt meldet sich ein neuer Gegner. Die Deutschen schicken ihre Flieger ins Feld. Nach dem Heldentod des deutschen Hauptmanns Boelcke schien die Ueberlegenheit in der Luft für immer dem Gegner zuzufallen. Mit Mühe hatten 'sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Flieger mit ihren Mpferdigen Fokkermaschinen an der Sommefront behaupten können. Nur ein Opfermut sondergleichen hatte sie veranlassen können, trotz aller technischen Unterlegenheit dem Feind gegenüber, bas Feld nicht zu räumen, lieber den Linien, in der Lust- fpcrre, die st« todesmutig, aber aussichtslos gegen einen vielfach überlegenen Gegner verteidigten, fielen kämpfend und todesmutig, in ihr Schicksal ergeben, beste deutsche Kampfflieger. Ihre 80pfertigen Fvkker- maschinen waren den 140pferöigen Nieuport- und Spadma sch inen in Geschwindigkeit und Wendigkeit weit unterlegen. Nein, mit der deutschen Luftwaffe hat Nivelle nicht mehr gerechnet. Nun aber ist st« wieder da. Im Geiste Boelckes kämpfen unsere jungen Menschen um den Sieg. Ganz überraschend sind neue Maschinen aufgetaucht. Es sind Fokker mit Motoren von 200 und 240 PS. Das schlechte Wetter kann st« nicht mehr verjagen: sie sind da und behaupten sich. Stafselweis« und kettenweise durchbrechen sie die französische Luftsperre, hoch über die Rauchwand am Damenweg hinweg, werfen Bomben an lebenswichtigen Stellen und Verkehrsknotenpunkten, die selbst unsere Eisenbahngeschütze nicht mehr erreichen können, weil sie zu weit in der französischen Etappe lica«"1 (Fortsetzung folgt.) Oer Schäfer. Ein« Legend« von Hermann Hesse. A ; h einem kleinen Städtchen lebte ein wohlhabender Handwerker, der iw zweitenmal verheiratet war. Aus seiner ersten Ehe hatte er einen »L der stark und gewalttätig war; sein zweiter Sohn aber war ein * Knabe und galt von klein auf für etwas einfältig. Zach dem Tode seiner Mutter kamen schlimm« Zeiten für Hannes; !»kruder verachtete und mißhandelte ihn, und fein Vater gab immer mBruder recht. Es war ihm beschämend, einen so dummen Sohn zu p. Hannes kam nämlich mehr und mehr in den Ruf eines befchränk- P tnb wunderlichen Kindes, da er die Freuden und Liebhabereien Iker Knaben nicht teilte, ihre Spiele anscheinend nicht lernen konnte, hvenig sprach und sich alles gefallen ließ. Seit er die Zuflucht zur ter entbehren muhte, hatte er die Gewohnheit angenommen, vor hlor in den Fluren und Gärten umherzugehen, so oft er ohne Auf- Slws väterliche Haus verlassen konnte. brt draußen blieb er zuweilen halbe Tage und vergnügte sich damit, IIGewächse und Blumen betrachtete, die Unterschiede und Gattungen i rteine, der Vögel, Käfer, Ameisen und andrer Tiere kennenzulernen ch und mit all diesen Dingen und Geschöpfen einen vertraulichen Mg hatte. Dabei war er häufig ganz allein, jedoch nicht immer. $ leiten schlossen kleine Kinder sich ihm an, un& es zeigte sich, daß Ms, der mit den Knaben seines Alters gar nichts gemein haben W, sich sehr wohl auf die Freundschaft mit vielen kleinern Kindern IM>- Ihnen zeigte er die Standorte der Blumen, spielte mit ihnen te, d« er selbst erfand, erzählte ihnen Geschichten; er trug sie, wenn rüde waren, und stiftete Frieden, wenn sie Streit untereinander mi. Mangs sah man es ungern, wenn die Kleinen mit ihm gingen. Dann »inte man sich daran, und manche Mütter waren froh, dem Knaben ihre Kleinsten zum Hüten g«ben zu können. »ich einigen Jahren mußte Hannes freilich auch von diesen seinen P-ingen oft Unfreundlich«- erleben. Sobald sie seiner Obhut ent- M und von jedermann hörten, wie einfältig Hannes sei, mieden die feinem und verhöhnten ihn die groben. «nn dies ihn zu sehr verdroß und schmerzte, entrann er allein in Wirten oder in den Wald, lockte die Ziegen mit Kräutern und die M mit Brosamen zu sich und freute sich an der Gesellschaft der Wr und Tiere, von denen er nicht Untreue und Feindschaft zu fürchten M e. Er sah auf hohen Gewitterwolken Gott über die Erde hinfohren W ch auf stillen Feldwegen den Heiland wandern, und wenn er ihn W verbarg er sich im Gesträuch und wartete mit Herzklopfen sein M-rgehen ab. die Zeit kam, daß er einen Stand und Beruf ergreifen sollte, Wmcht, tDie sein Bruder getan hatte, in die väterlich« Werkstätte Mechern ging vor die Stadt hinaus auf die Höfe und tat Hirten- Er trieb Schafe und Ziegen, Schweine und Rindvieh, und sogar, Mkemf die Weide. Nichts war ihm zu gering. Seinen Tieren geschah Tb iö, und in Bälde kannten sie ihn und liebten ihn, verstanden seine M iliid folgten ihm lieber als andern Hütern. Das bemerkten die Tf6" und Bauern bald, denn es war ihr Vorteil, und nach einigen Wr wurden die größten und schönsten Herden ihm anvertraut. Wenn I.T..in die Stadt zu Markt gehen mußte, war sein Gang demütig Leichtern. Die Lehrlinge hänselten ihn, die Schulkinder riefen ihm T^tornen nach, und fein Bruder wandte ihm verächtlich den Rücken Mluselbe betrog ihn auch, als ihr Vater plötzlich vom Tod dahin- wurde, um mehr als die Hälfte feiner Erbschaft, ohne daß Hannes . L"™)tet oder Widerspruch erhoben hätte. Was er vom Hüterlohn er gelegentlich an Kinder und an arme Leute hin, öfter , auch einer Kuh oder einer Ziege, die er besonders liebte, ein ■0,b mit einer Glocke daran. ff’Hgen manch« Jabre hin, und Hannes war nicht mehr jung. \ „Menschen- und Stadtleben wußte er nicht viel, aber mit Wind und Iit:'ng, Graswuchs und Ernte, Weh und Hunden wußte er Bescheid, ■hro alle seine vielen Tiere einzeln nach ihrer Schönheit und Stärke, T «mutsart und Alter, und außer dem Vieh kannte er Vögel aller jjL;XC Gewohnheiten, ihre Stimmen, ihre Eier und Nester, dazu ■Tb?1*1’ Käfer, Schlangen, Bienen, Marder und Eichhorn. Auch kannte ME.unter Pflanzen und Kräutern aus, verstand sich auf Boden und K' Jahreszeiten und Mondwechsel. Er schlichtete Streit und Eifer- K, r. leinen Tieren, pflegte und heilt« sie, wenn sie krank waren, T teatfte Junge sorgsam auf und dachte nicht, daß er jemals in ■ Die Fischer. Bon Hedwig F o r ft r e u t e r. Ich trat aus einer dunklen Schlucht hervor,.. Di« ans dem Walde sich $um Wasser senkt, Da lag der See mit silberweißem Spiegel Tiefruhig in des Abends mildem Licht, Die waldgen Ufer standen ernst und schweigend Und an der Bucht, wo sich das Schilf zerteilt Hantierten Fischer, markige Gestalten, Die ans den Booten ihr« Netz« zogen Mit starken Armen, breiteten und spannten. Schwarz hoben die Figuren sich vom Wasser, Das (Uberfluffig hinter ihnen lag. So schafften sie in murmelnden Gesprächen, Die leise durch den stillen Wend klangen. — Die Kiefern hoben scharf sich, Ast um Ast, Und tiefgrün in den klaren hohen Himmel Und auf dem See sah ich ein fernes Licht, Als käme wieder Einer, schlicht und groß, Den armen Fischern Gottes Wort zu bringen. feinem Leben andres verrichten würde als die Arbeit eines Schäfer» und Kuhhirten. Eines Tages lag er am Waldrand im Schatten und hatte fein Vieh im Auge, da kam von der Stadt her ein Weib gelaufen und drang in feiner Nähe, ohne ihn zu sehen, in den Wald. Da sie arg erregt und bekümmert aussah, blickte er ihr nach, und bald sah er, daß sie gesonnen war, sich ein Leid anzntun, denn sie band ein Seil an einen Bucheimst und schickte sich an, die Schlinge um ihren Hals zu legen. Hannes eilte behutsam hinzu, legte ihr die Hand auf die Schulter und hielt sie von ihrem Vorhaben ab. Das Weib hielt erschrocken inne und blickte ihn feindselig an. Da nötigte er sie, daß sie sich niedersetzte, und indem er mit ihr wie mit einem trostlosen Kind redete, brachte er sie dazu, daß sie ihren Kummer und ihre ganze Geschichte ihm erzählte. Sie sagte, sie könne nicht mehr mit ihrem Mann leben, und doch hörte und spurte er wohl, daß sie ihren Mann lieb hätte. Er ließ sie reden und klagen, bis sie ein wenig beruhigt war. Dann erst versuchte er fie zu Küsten, sprach von andern Dingen, erzählte ihr von feiner Arbeit, vom Wald und den Herden, und zuletzt bat er sie, heimzukehren und noch einmal mit ihrem Mann zu reden. Sie ging leise weinend davon, und eine längere Zeit sah und hörte er nichts mehr von ihr. Aber gegen den Herbst hin kam diese Frau wieder zu Hannes, bei gleitet von ihrem Schwager. Ueberströmend von Dankbarkeit erzählte sie die Geschichte der Versöhnung mit ihrem Mann, und wie viel besser und sinnvoller seitdem ihr Leben geworden sei. Sie lud den Schäfer in die Stadt zu Besuch ein und bat ihn, indem fie auf ihren Schwager wies, Hannes möge nun auch diesem seinen Rat und Trost nicht versagen. Der Schwager klagte sein Leid; ihm war eine Mühle abgebrannt und ein Sohn dabei umgekommen; und in der Weise, wie der Schäfer ihm zuhörte und ihn anschaute, lag allein schon eine merkwürdig beruhigende Kraft. Er tröstete den Mann, und ohne sich dessen bewußt zu sein, tat er dem Unglücklichen wohl und spendete ihm neuen Lebensmut. Mit Dank verliehen die Städter ihren Tröster. Es dauerte nicht lange, da kam jener Schwager wieder und brachte einen ratbedürftigen Freund mit, der Freund kehrt« mit einem andern wieder, und nach einer gewissen Zeit sprach die ganze Sadt davon, der Schäfer Hannes vermöge Gemütskranke zu heilen. Streitfälle zu schlichten, Ratlosen mit Rat und Verzweifelten mit Zuspruch zu helfen. Noch immer wurde feiner von vielen gespottet, aber fast jeden Tag suchte irgendein Bittsteller ihn auf. Einen jungen Verschwender und Tunichtgut führt« , er zur Tugend zurück, schwer Leidenden spendete er Geduld und Hoffnung, und großes Aufsehen entstand, als durch seine Vermittlung zwei verfeindete reiche Familien sich versöhnten. Manche redeten von Aberglauben und von Schwindel; da jedoch Hannes von niemand irgendeine Belohnung annahm, schwiegen die Vorwürfe bald, und man begann zu dem bescheidenen Mann zu wallfahrten wie zu einem Heiligen. Geschichten und Sagen über seine Person und fein Leben waren sehr beliebt; man Jagte, die Tiere des Waldes folgten ihm, und er verstehe die Sprache der Vogel. Unter denen, die noch immer mit Verachtung und Mißgunst von Hannes redeten, war vor allem fein älterer Bruder. Er nannte ihn einen Narren und Narrenfänger, und einst bei einer Zecherei vermaß er sich, feinen Bruder zur Red« zu stellen und feinem Treiben eine Ende zu bereiten. Beim Wort genommen, machte er sich andern Tags mit zwei Begleitern auf den Weg, sucht« den Hirten auf und fand ihn aus einer Heide. Jener bot ihm freundlich Brot und Milch, fragte nach seinem Ergehen, und ehe der Bruder dazugekommen war, böse Worte zu sagen, rührte und besänftigte ihn das ganze Wesen des Hirten so sehr, daß er ihn um Verzeihung bat und reumütig heimkehrte. Als Hannes 55 Jahre alt geworden war, brach eine schwere Zeit für die Stadt an. Es begann mit einem Büpgerzwist, wobei Blut floß und grimmige Feindschaften entstanden. Einige überraschende Todesfälle wurden vom Gerücht als Giftmorde bezeichnet, und während das Gemeinde- wefen noch voll Leidenschaft und Parteihader war, kam eine Seuche über den Ort, die mit einem erschreckenden Kindersterben an fing, dann die Erwachsenen anfiel und in wenigen Wochen den vierten Teil der Einwohner dahinraffte. Gerade in dieser bösen Zeit starb der alte Bürgermeister der Stadt, und in der schwer heimgesuchten Gemeinde nahm Mutlosigkeit und Verzweiflung überhand. Diebesbanden machten alles unsicher, Drohbriefe erschreckten die Reichen, und die Armen hatten nichts zu essen. Da kam eines Tages Hannes in die Stadt, um einige feiner Schützlinge aufzufuchen. Er fand den einen tot. den andern krank, den dritten verwaist und verarmt, Häuser standen teer, und in den Gassen herrschte Angst und Mißtrauen. Indem er über den Marktplatz ging und ihm über dem großen Elend die Seele schmerzte, wurde er von vielen aus der Menge erkannt. Ein Schwarm von Hilfesuchenden heftete sich an seine Fersen und ließ ihn nicht entkommen. Bor dem Rathaus wurde er, ohne zu wissen wie es zuging, auf die Höhe der Freitreppe gedrängt, und sah sich plötzlich einer Volksmenge gegenüber, die nach Worten des Trostes und der Hoffnung dürstete. Da übernahm ihn der Drang, zu lindern und wohlzutun, er streckte die Arme aus und begann zu dem verstummenden Volk zu reden. Er sprach von Krankheit und Tod, von Sünde und Erlösung und endete mit einer trostvollen Erzählung: Gestern habe er Jesus am Hügel über der Stadt stehen sehen, den Heiland. Und manchem Zuhörer mochte es scheinen, als sei er selber, Hannes, der Erlöser und ihnen von Gott als Retter gesandt. „Führe ihn her!" rief die Menge, „bringe uns den Heiland her, daß er uns helfe"" Erst jetzt begann Hannes mit Schrecken zu fühlen, welche Gewalt ungeduldiger Hoffnungen er beschworen habe. Sein Geist verdunkelte sich und wurde mühe, zum erstenmal fühlte er den Jammer der Welt großer als feine eigne Zuversicht. „Ich will für euch zum Heiland beten", sagte er mit angestrengter Stimme, „ich will drei Tage und Nächte lang beten, daß er komme und euch helfe." i w. ifien 2 uno uem Jtlivue, iveini jeuve vvuiiui yin ui^ukii nrciji vx|c|iryi »s», "j einmal eine schöne Steife tun möchte, damit wir uns zusammen auch < H P diese Weise des Lebens erfreuen mögen." ‘ ®erl K Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Untversitätsdruckerel 2t. Lange, Gießen. Uni> smM «I dich Wen Ermüdet und verwirrt gelangte der Prophet durch "die schwärmende Masse, über die Brücke und durchs Tor ins Freie, wo die letzten ihn verließen. Traurig erreichte er den Wald und suchte niedergeschlagen lene Orte auf, an denen er zuweilen Gottes Nähe gespürt hatte. Betend, doch ohne Hoffnung, jrrte er umher, immer deutlicher fühlend, daß er eine Mission auf sich genommen habe, die über seine Kräfte ging. Nutzlos war nun all das Gute, was er hatte den Menschen erweisen können! Zu nichts hatte es geführt als zu Aberglauben und ungeduldiger Wundersucht — statt sich Gott zu ergeben, wollten die Menschen ihm seine Gaben abtrotzen, und er selber war dieser schwülen Macht erlegen. Es würde mit Leid und Sünde enden. Er betete nicht mehr um das Kommen des Heilands, er betete nur noch um Vergebung für das Bolt und das, was er auf sich laden würde. Als er am vierten Tag gebeugt und langsam in die Stadt einzog, war sein Gesicht alt, und sein Haar weiß geworden. Schweigend erwartete ihn das Volk, und manche knieten nieder, wo er vorbeiging. „Hast du Gott gesehen?" rief das Volk ihm zu. „Hast du uns den Heiland gebracht?" Er schlug die Augen auf und sagte: „Kinder, der Heiland läßt sich nicht mit Gewalt und Trotz bezwingen. Dies hat der Heiland zu mir gesagt: Gehe hin und stirb für deine Stadt, wie ich für die Welt gestorben bin.' Eine Weile fesselte Schrecken und Enttäuschung die Menge. Dann sprang ein alter Mann mit einem Fluch auf und spie dem Propheten ins Gesicht. Und dann kam Hannes zu Fall und erlag lautlos der Wut des Volkes. «I)i hi ü)Wt, 'fiter I ef. 6s läge t» Üi $a Juli. Bon Theodor Storm. Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Aehren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur — Junge Frau, was sinnst du nur? ilfejU liemal! tat i Friedrich Hebbel gesteht einmal: „Ich freue mich jedes Tags: Mittagsmahl und besonders die bei einem Glase Bier und einem Bitter brot verplauderte letzte Abendstunde ist mir immer ein Fest, und ich nchn keine andern Wunsch mehr als den natürlichen, der in allen Verhältms« übrig bleibt, daß es bleiben möge, wie es ist". Und seiner Frau beton er: „Unendlich fehlst du mir, ich bin ein geteilter, auseinandergespaltm Mensch!" Er begnügt sich mit dem „kleinen Glück" — das wohl intim das große Glück ist. Wilhelm von Humboldt war häufig von seiner Familie getan! manchmal viele Monate, einmal sogar Jahre lang. Seine und Kamm von Humboldts Briefe sind erschütternd zu lesen: zwei Menschen ;et suchen, über die Entfernungen Brücken zu schlagen. Er schreibt ihr in mal, nachdem sie in Berlin lange krank gelegen, aus Rom: „Es ist Mi heilige Feuer, womit du das bessere Leben in mir erhältst, in den Kleii« entzündest. Darum stellte ich es mir so schrecklich vor, wenn sie dick j verlieren sollten. Was du ihnen bist, würde vielleicht mancher gar »ich in feiner eigentlichen Kraft fassen, du selbst kannst es nicht oder nur M fühlen, es nicht das, was du für sie tust, nicht gerade das Gängeln, 3» fern, Erziehen, was dir nicht einmal sehr eigen ist, aber es ist, wohl ich sagen, der Hauch, mit dem du sie umgibst, und man würde bald Verblühen sehen, wenn du ihnen lange fehltest. Verzeih, meine LnÄ wenn ich das noch stärker fühle, wenn du mir fehlst, aber es ist eben »hl ein Element, in dem man lebt, ohne gewahr zu werden, was einem mchs tut. Allein ich fühle tief, daß es so ist... Jeder Ton von dir hat etroo: I» unendlich Beruhigendes, er kommt aus unserem ganzen Leben zusanMn, aus einer Reihe so verschiedener und sich doch immer in dem Einen k fühl der Liebe gleicher Stimmungen hervor. Ich kann mir das 8m nicht denken, das ich führen könnte, ohne diese Töne zu hören, untH habe es schon oft bei mir bedacht und bin auch gewiß überzeugt, bah mir uns nicht lange einander überleben werden ..." blue 8 mr u i !chn | über bi Mi I? 15 •ililh >k, het % «f)0 ?zew Wüen. U ft '»je o S 80: »r $ «Iflibe Ni je Mitt, Nt |e|: Wer ii te ilo»en Eheleute in ihren Briefen. Ban Gerhard Schäke. 0 Mann, o Frau, sag nicht mehr „Ich", sag „Wir" - „Ich" schnürt die Ketten fester, „Wir" macht frei. Holländische Inschrift am Konsumgebäude De Bolharding in den Haag. Die recht kurzlebig gewesene Zeit der neuen Sachlichkeit vertrug sich nicht mit Gefühlsäußerungen, am wenigsten in Briefen. Man beschränkt-' sich auf Tatsachen und knappe Farm, der kaufmännische Briefstiel wurde selbst im persönlichsten Schreiben übernommen. Und wer über den Zusammenbruch der Gefühle jammerte und das Schwinden der Herzlichkeit bedauerte, wurde -wegen großväterlicher Gesittung abgetan. Wer noch Briefe zu schreiben vermochte und es gern tat, mußte sichs gefallen lassen, geistig ins Zeitalter des Rokoko und Biedermeier gerechnet zu werden. Wie wenig diese sachliche und mir äußerliche Haltung dem wahren Gefühlsleben entsprach, bewiesen die gleichzeitigen Geschehnisse: wenn auch zahlreiche Preisausschreiben nach dem besten zeitgenössischen Liebesbrief ergebnislos verliefen ober nur eine recht künstliche, literatenhafte Ernte brachten, so gab es doch niemals mehr Sammelausgaben von Briefen. Was zu allen Epochen Eltern den Kindern, Heranwachsende den Gereiften, Liebesleute einander geschrieben hatte, wurde mit Fleiß und Sorgfalt gesammelt, gesichtet und gedruckt — und manche dieser Briefsammlungen erlebte einen bemerkenswerten Bucherfolg. Man flüchtete in die Welt der Briefe, suchte das Beispiel und das Vorbild, um sich gleichzeitig zu überzeugen, daß die großen Dinge des Lebens auf die Dauer nicht von der Mode des Tages diktiert werden. Im Briefe suchte man die Bestätigung der Richtigkeit der eigenen Gefühle. Wer noch nicht ganz von den gebrauchsfertigen Anschauungen des Tages verdorben war, erkannte die Hohlheit der weitverbreiteten Phrasen von Sachlichkeit, Freiheit und Kameradschaft, die den wahren Sinn der Begriffe vernebelten. Auch Siebe und Ehe bauen sich auf ehernen Gesetzen auf. Was Freibank um 1230 schrieb, gilt noch heute, nach mehr als 700 Jahren: „Hienieden lebt kein Mann so frei / Der ohne Wibersacher sei / Doch näher geht ihm nie ein Strauß / Als den er kämpfen muh zu Haus." Diktatoren und Künstler, Staatsmänner und Bürgersleute — sie haben älle ben tiefsten Sinn ber Ehe erfaßt und ihre Briefe sind Zeugnisse leidenschaftlicher und aufrichtiger Bekenntnisse, wi« gering das Dasein wäre ohne den anderen — ohne Familie, Kinder und Heim. Selbst ein so kaltherziger Despot wie Napoleon vermochte — als er noch Chef der italienischen Arme war — seiner Frau Josephine zu schreiben: „Ich habe Unrecht! Ich klage dich an — und du bist krank! Die Liebe hatte mir den Verstand geraubt, verzeih, ich werde ihn nicht wiederfinden. Mein Leben ist ein Traum ohne Ende, ein dunkles Vorgefühl hindert mich am Atmen, ich bin hoffnungslos. Schreibe mir zehn Seiten, das allein kann mich trösten. Du bist krank, du liebst mich, du bist schwanger und ich sehe nichts von dir. Ein Kind, entzückend wie du, soll in deinen Armen liegen! Konnte ich dich nur einen Tag lang sehen!" Der hessische Dichter Georg Büchner ift jung gestorben, noch eh ist Braut feine Frau wurde. Mit wieviel Liebe weiß er ihr, aus Zürich, üs« Wochen vor dem Tode, sein Herz auszuschütten: „Mein lieb Kind, du ® voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst: ich gbu« gar du stirbst — aber ich habe keine Lust zum Sterben und ich bin gefiw wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund » macht: in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte W mit dem größten Behagen ins Bett gelegt, vierzehn Tage lang: ™ St. Guillaume Nr. 66, links eine Treppe hoch, in einem etwas ÜM Zwergen Zimmer mit grüner Tapete! (Anm.: Wohnung der Braut!) W ich dort umsonst geklingelt? Cs ist mir heut einigermaßen innerlich ** ich zehre noch von gestern, die Sonne war groß und warm im reiiT«1 Himmel — und dazu hab ich meine Laterne gelöscht und einen Menschen an die Brust gedrückt, nämlich einen kleinen Wirt, der auslm wie ein betrunkenes Kaninchen und mir in seinem prächtigen Hause >f ber Stadt ein großes elegantes Zimmer vermietet hat. Edler Mu- Das Haus steht nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die WV fläche und von allen Seiten die Alpen wie sonnenglänzendes ®etm» Du kommst bald? Mit dein Jugend mut ists fort, ich bekomme sonst QM« Haare: ich. muß mich halb an deiner inneren Glückseligkeit stärken deiner göttlichen Unbefangenheit und deinem lieben Leichtsinn und » Auch Goethe weiß, wenn er auf Reisen ist, Christiane seiner ihn» änderlich tiefen Neigung und feiner Sehnsucht zu versichern: „Ob ich mh ■■■ gleich langsam von dir nur immer entferne, so will ich dir doch um ich geschwinder wieder schreiben, damit du niemals an meinen Nachriükn Mangel hast. Je mehr ich neue Gegenstände sehe, desto mehr wünsch« ä sie dir zu zeigen, du würdest finden, baß überall grober Verstand, rt Wirtschaft und Neigung und Beharrlichkeit ben Grunb von allen > ständen ausmacht, und du würdest noch einmal so gern mit mir unüi dem meinigen (eben, wenn du die Art zu fein so vieler Menschen ges«B hättest. Bei allem werde ich deiner gedenken und werde dir um so li«W etwas davon sagen. Mein einziger Wunsch bleibt immer, daß ich Mit I« und dem Kinde, wenn seine Natur ein bißchen mehr befestigt ist, IM deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen!" Wer von Bismarck etwas mehr kennt als seine politischen^'' staatsmännischen Leistungen, der weiß, welche bezaubernden, oft W* rischen Briese er zu schreiben verstand. Die Briefe an seine Frau geb«1” Zu den herrlichsten und unvergeßlichsten, die je ein Mann geschrE» Und dieses Bekenntnis aus dem Jahre 1851 ist eines unter vielen: habe dich geheiratet, um dich in Gatt und nach dem Bedürfnis nM's' Herzens zu lieben, und um in ber fremden Welt eine Stelle für tu«’ Herzzu haben, die all ihre dürren Winde nicht erkälten unb an ber ■ die Wärme des heimatlichen Kaminfeuers finde, an das ich mich bn>«r, wenn es draußen stürmt unb friert — nicht aber um eine Gesellfch«S frau für andere zu haben. Es gibt nichts, was mir nächst Gattes W» Herzigkeit teurer, lieber unb notwendiger ist als deine Liebe und > ' heimatliche Herb, der überall auch in ber Fremde zwischen uns h™ wenn wir beieinander sind." »x | Von Gustav Freytag stammen diese Zellen: „Rastlos rinfll■ ' denkende Geist nach dem Ewigen, wer aber Weib und Kind am hält, ber fühlt sich ber hohen Gewalt unseres Lebens innig verbünde«' seligem Frieden." Er fühlte wie viele, welches Glück in einer Ehe in der sich Mann unb Frau zufammengefunben haben, welche Kraft ^ ■ diesem Verhältnis des grenzenlosen Vertrauens und der unbebiW Hingabe in guten und schlechten Zeiten — unb wohl gerabe in Seiten > Prüfungen, die keiner Ehe erspart bleiben — hervorgehen kann. Auch Richard Wagners Geständnis an Cosima deutet ben Zustanb an, der von dem Zusammensein, dem Miteinanderleben 3 * Menschen bedingt ist: „Nicht nur liebe ich dich, sondern ich lebe dich. " j du im mindesten betrübt und bekümmert bist, bin ich lahm wie ein -o»■ der am Flügel verwundet ist." 3J