SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, den 6. November Nummer 86 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright 6p Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (Schluß.) Kelling ließ die Redeflut verrauschen. Dann sagte er in den jäh aussteigenden Widerstand hinein: „Ein Wunder? Ich glaube nicht, daß ich vor Ueberraschungen stehe. Ich habe dem General von Marbitz alles gesagt. Und wie ich ihn kenne, hat er es dem Kronprinzen wiederholt." „Was hast du ihm gesagt?" fragte sie. „Nun, was zwischen uns geschehen ist", antwortete er müde. „Ich verstehe das nicht. Wie meinst du denn das?" „Wenn du verurteilt wirst, ja, wenn sich auch nur der Teil eines Verdachtes bestätigt, selbst wenn du schuldlos wärest und nur fahrlässig gehandelt hättest: ich dürfte nicht länger Offizier sein!" „Oh", sagte sie, denn sie erkannte an seiner Stimme, wie hart es ihn traf. „Warum hast du gesagt, daß wir uns lieben! Niemand wußte es! Und außerdem ist es ja vorbei, nicht wahr?" „Weil es ehrlich ist, es zu sagen, Ann, habe ich es gesagt", erwiderte er still. „Hoffentlich hast du mich jetzt verleugnet", meinte sie, „o ja, ich bitte darum!" Er schüttelte den Kopf: „Im Gegenteil. Ich habe gesagt, daß ich dich noch immer liebel" Ihre Augen waren offen und glänzten gegen die Helle, die im Raum herrschte, siegreich an. Ihr Mund bebte. Ihr Herz schlug froh. „Das hast du gesagt? Wann?" „Heute", sagte er verloren. „Du liebst mich, eine Spionin?" lockte sie. „Ja", schrie er, „aber ich werde glücklich sein, wenn ich dich nicht mehr sehe! Und jetzt ist's genug! Hinaus!" Und beinahe hätte er weit gröber zugefaßt als gestern der Kamerad von der Infanterie. „Eine freche Person", sagte dieser, als Kelling mit Ann in den Hof trat. Er sah, daß das Lächeln noch immer auf Anns Lippen stand, und deutete es falsch, denn er wußte nicht, was ooraufgegangen war. * Der General von Marbitz war ein. Tintenhasser und Aktenfeind. Papiere, beschrieben, gestapelt und zu Akten geheftet, waren ihm ein Greuel. Zwar bediente auch er sich der Schrift, aber nur dort, wo es nicht zu umgehen war. Sobald sich ein Bericht gespenstisch zum Selbstzweck erhob un3) die Tinte den Berichterstatter verführte, sich mit Worten auszubreiten, schickte er das Schriftstück ohne Erbarmen an den tintenfreudigen Urheber zurück und verlangte jene Kürze, der er sich selbst bediente. I Die Aufgabe, das Protokoll des Hauptmanns Baernburg zu prüfen, übernahm der General mit einem Ingrimm, der die Zeit der Prüfung verlängerte und mit Schwaden schlechter Laune erfüllte. Nicht genug, daß Kelling in den Fall verwickelt war! Jetzt mußte Marbitz auch noch Richter über ihn sein! Baernburg hatte Vorfall an Vorfall, Verdacht an Verdacht aneinandergesetzt wie Mauersteine, die man zu einem kunstvollen Bau türmt, und die Steine waren so fest mit dem Mörtel der Schlußfolgerungen verbunden, daß das Ganze stand wie ein Haus im Wellerfturm. Alle Gegengründe, die einer der Verdächtigen vorbringen konnte, waren von vornherein zur Seite geschoben. , Der Hauptmann Baernburg bewies auf dem Papier die Schuld, ehe der General von Marbitz auch nur einen der Gefangenen vernommen hatte: der Bericht war, das fah Marbitz bewundernd ein, die gegossene Kugel: man brauchte nur loszudrücken und sie entriß sich dem Lauf Der General stand am Kreuzweg. Es kam darauf an, welche Straße kr ging. Sicher konnte er die Macht, die in seine Hände gegeben war, nutzen und die Wegweiser umstellen. Er konnte einen Weg gehen,.der ohne Schaden für seinen Schützling Kelling verlief, doch war der Pfad dann vielleicht ein wenig krumm. m . Bei solchen Gedanken stieg dem General von Marbitz die Rote ins Asicht, er schämte sich. Nein, sagte er sich, es wird gradeaus marschiert! Wenn Kelling Karriere und Ehre verliert, wird er trotzdem dos Schicksal mit Haltung zu grüßen haben, auch wenn es mit Donner und Blitz hereinbricht. Aber es schmerzte den General, daß grade e r der Herr jener dunklen Gewalten sein sollte, und daß er den Blitz auf den Aermsten schleudern mußte. Das war hier kein Rapport, das waren Mahlsteine! Hexenmeister- Mahlsteine, die Menschen zermahlen wie in einem bösen Märchen! Jedes Wort war ein Knirschen! Der General von Marbitz liebte den Hauptmann Baernburg garnicht. Sollte Ann Moreland nicht trotz aller mittelbaren Beweise unschuldig sein? Wie aber konnte man es beweisen? Wie kann man zum Beispiel an den Weinhändler Fournier in Calais heran? Calais war von den Deutschen noch nicht besetzt!--Vielleicht in London beim Außenminister Erkundigungen einziehen? Auf dem Wege über die Diplomatie, sozusagen in der Form eines schriftlichen Flaschenzuges, umständlich und mit verteilten Kräften? Ehe Antwort kam, war bestimmt der Krieg vorbei. Aber der Fleck auf der Ehre des Premierleutnants Kelling war so groß geworden, daß er nicht mehr gelöscht werden konnte. Und wenn nachher das schönste Urteil wie mit weißem Seifensand aufmarschierte, so viel Dunkel vertrug eine Ehre nicht. Kelling mußte vom Dienste beurlaubt werden, solange die Untersuchung, in die er am Rande verwickelt war, lief, das war unabänderlich auch für den General von Marbitz. Verfluchte Weibergeschichte! Da sagt jemand: „Ich liebe dich!" und stellt kühn und selbstherrlich mit solchem Freibrief versehen die bisher ordentliche Welt auf den Kopf. Oh, glückliches Alter, dem die Liebe als ungelöstes Rätsel endlich entschwand! Beneidete Jugend, der die Welt die Verkörperung der drei großgeschriebenen L's ist: Leben, Liebe, Leidenschaft! So bewegte sich Marbitz bis zur Unbehaglichkeit im Gestrüpp philosophischer Ueberlegungen, als er zum Glück für die Philosophie zum Kronprinzen befohlen wurde. Unterwegs trommelten die Gedanken ein hundertfaches „Nein!" in fein Gewissen: Ich gebe den Auftrag zurück. Ich will nicht den Würger spielen! Wenn nur der Bengel nicht so---beim Himmel! Ich könnte ihn prügeln! Der Kronprinz empfing den General. Er tippte auf den Rapport: „Sie fragen ihn wie ein Gewicht. Ich sehe, er drückt Sie!" „Ich habe noch nie einen so logischen Schuldbeweis gelesen, Königliche Hoheit", erwiderte der General. Seine Brauen waren zusammengezogen, seine Stimme klang wie die Antwort eines Jungen, der eine mühsam gelernte Aufgabe wider Willen hersagt. „Borstig gesonnen, lieber Marbitz?" neckte der Kronprinz. Marbitz schwieg, es wollte ihm im milden Kreis des kronprinzlichen Wohlwollens nicht behagen, auch das „Nein", das er sich vorgenommen hatte, sprang nicht über seine Lippen. „Es stimmt alles, lieber Märbitz, und es stimmt nichts, das habe ich beim ersten Blick gesehen. Dieser Verdacht ist ein schönes buntes Tuch, ein sehr kunstvolles Gewebe. Ein einziger Knoten hält das ganze Netz!" „Königliche Hoheit sagen genau, was ich auch gefühlt habe! Dieser Knoten ist die Schuld der Ann Moreland!" „Was halten Sie davon, Marbitz, lösen wir auf oder knüpfen wir fester?" „Die Gerechtigkeit überlegt nicht", sagte Marbitz und erschrak, nachdem es heraus war, vor feinem Pathos. Auf einmal sah er Licht und Land und wußte doch nicht, warum. „Und Ihr Schützling, der Premierleutnant?" Der General gestand, daß er in Gedanken entschlossen gewesen fei, den Auftrag zurückzugeben, allein er halte dies jetzt für unwürdig, Pflicht sei Pflicht! „Erfüllte Pflicht erhält den schönsten Lohn", erwiderte der Kronprinz. Er machte ein Gesicht, als wisse er genau, daß hinter solcher Belehrung die Beweisführung marschierte, wie die Kompanie hinter dem Trommler. In diesem Augenblick meldete ein Offizier, daß der Premierleutnant Kelling die Ann Moreland gebracht habe. „Ich möchte sie sehen, den Premierleutnant auch", befahl der Kronprinz. Marbitz gab sich Mühe, durch keine Miene seine Anteilnahme zu verraten, aber seine Starre war Maske. Er versteckte dahinter sein erregtes Herz. Kelling kam mit vorschriftsmäßiger Meldung herein und ließ Ann vortreten. Der Himmel, der den ganzen Morgen grau und wolkenbehangen gewesen war, zerriß und sandte just in dieser Sekunde einen Strahl Sonne auf die Welt. Die Sonne schien zwar nickst ins Zimmer, aber da draußen der Tag heller wurde, atmete auch das Licht in den vier Wänden auf. fangenheit gerissen. Hätte man den General von Marbitz in jenen Augenblicken photo- — es war damals eine neue und nicht allgemeine sein eignes Gesicht nicht wiedererkannt, so erstaunt Kel- macht leichtsinnig. Z K 9i I graphieren können Kunst —, er hätte war er. und ver- Sie r»5 5 ib UN! gwieral vor allem die Weiber kennt, darüber hinweg. Und in einem gänzlich änderten Tone fragte er: „Cs ist noch eine Frage zu klären: Haben sich über Ihren Transportführer zu beklagen?" Die Augen des Kronprinzen stteiften das Antlitz der jungen Engländerin. Friedrich Wilhelm bemerkte Verwunderung und Angst darin. Die Angst hielt seinen Blick sest, er fragte Ann: „Er hat Sie geküßt, nicht wahr?" Der General von Marbitz hatte, bevor Ann vorgeführt worden war, wie in einer Bleirüstung gesteckt, dann aber fühlte er sich wie einer, der Flügel bekommen hat und sich im nächsten Augenblick jubelnd in die Luft erheben kann. Ihm war sowohl gewesen, daß es beinahe unbehaglich Da erhob sich Friedrich Wilhelm und reichte Ann Moreland die HaM. Sie ließ sie ihm, verwundert und im Nu in einen Wirbel von Be- prtlo FJM L«er 3 Mat r?Pei i'^et pW kV Seine Augen, mit heiteren Lichtern gefüllt, zwinkerten zwischen ling und Ann hin und her. Seine Mienen standen in einem erkennbaren Gegensatz zu den strengen Worten, die er an Kelling richtete: „Ich weiß nicht, was ich über Sie beschließen soll, Premierleutnant Kelling." Ann schwieg. Aber sie war voller Aufmerksamkeit, als der Kronprinz, zu Kelling gewandt, sortsuhr: „Ich suche um des Generals Marbitz willen, dessen Sorge ich spüre, nach Milderungsgrllnden. Der einzige Grund ist, daß Sie nicht wußten, wie sehr Ann Moreland unter unserer Fürsorge stand!" „Aber ich würde doch Gilbert wieder ausreißen", sagte Ann ungebeugt. Der Kronprinz schien zu glauben, daß hier kindische Einwände einen Tanz ansagten, der in einer natürlichen Erschöpfung der Beweisgründe sein Ende finden würde. Er hörte wie ein Philosoph, der die Wett >sl KJ « . %a( fe ghen TV ( . uni* MIM inte i Wer J entpc I Dann f den I irelani i N Der Kronprinz reichte Ann Morelarrd die Hand! Der Premierleutnant Kelling, der auf Streife und im Kampf schon manche Attacke geritten hatte, ohne daß ihn schwindelte und ohne daß sich die Welt vor seinen Augen verwirrte, glaubte zu schwanken, bis er erkannte, daß sich die Wände des Zimmers drehten. Nein, die Wände standen still, offenbar trieb nur sein Herz das Blut so gewaltig durch die Adern, daß das Bild der Welt vor seinen Augen verschwamm, und in diesem verschwimmenden Märchenbild tanzten der Kronprinz, Marbitz, Ann und alle Gegenstände des Zimmers. Der Kronprinz reichte Ann Moreland die Hand!!! Ja, Friedrich Wilhelm nahm Anns Hand in seine beiden Hände und umschloß sie. Sie. aber hatte das Gefühl, als erfülle eine neue starke Kraft ihr ganzes Wesen. „Meine Frau", sagte der Kronprinz, „wird sich freuen!" Dann ließ er Ann los und wandte sich plaudernd zu Marbitz: „Es ist alles richtig, was Ann Moreland uns erzählt hat! Sie ist in Paris ausgerissen! Sir Anthony Moreland, der besorgte Vater, der wohl über den Streich seines Töchterchens" — hier lachte der Kronprinz — „noch Nachricht aus Paris bekommen hat —" „Sicher von Tante Vivian!" platzte Ann heraus. Ihre alte Unbefangenheit marschierte mit Trompetenstößen herauf. Das Gefühl der neuen Geborgenheit hatte gesiegt. „Auf jeden Fall erinnerte sich Sir Anthony Moreland der glücklichen Tatsache", sagte Friedrich Wilhelm, „daß meine Frau eine Engländerin ist, und eine englische Prinzessin", und damit wandte er sich wieder lächelnd zu Ann, „läßt eine Landsmännin nicht im Stich, auch wenn die Prinzessin Kronprinzessin von Preußen geworden ist!" Friedrich Wilhelm nahm einen Brief vom Tisch und reichte ihn Ann. „Das ist der Brief Ihres Vaters an meine Frau, und der Brief ist die Ursache meines Befehls, man solle. Sie unter Beobachtung jeder Aufmerksamkeit mir zuführen! Ich meinte die Aufmerksamkeit, die einer Dame gebührt!" Er lachte: „Ich vergaß, daß die Anordnung in den rauhen Kriegsläuften mißverstanden werden mußte! Es wurde eine sehr harte Aufmerksamkeit daraus! Nun, das haben Sie ja erfahren!" „Es ist vorüber. Königliche Hoheit", lächelte Ann mit bezwingender Anmut. „Da ist", plauderte der Kronprinz weiter, „noch ein Bericht! Ein gewisser Gilbert Jlliugton hat Paris in einem Freiballon verlassen und ist bei der Landung von bayrischen Chevauxlegers gefangengenornmsn worden. Der seltsame Gefangene behauptet, er sei auf der Suche nach einer gewissen Ann Moreland gewesen! Man hat auch einen Pah, auf den gleichen Namen lautend, bei ihm gefunden!" „Meinen Paß!" sagte Ann. „Sie sehen, nicht nur die Erde, auch der Himmel ist zu Ihrer Rettung alarmiert worden", lachte der Kronprinz. „Vermute ich recht, ist Gilbert Jllington der Mann, vor dem Sie ausgerissen sind?" „Er ist es!" . „Der Ballon ist zwar nicht im Bereich meiner Armee niedergegangen, aber ich werde mich dafür verwenden, daß Lord Jllington sreigelassen wird!" „Das wäre sehr gütig, Königliche Hoheit", sagte Ann, die ihre volle Sicherheit wiedergewonnen hatte. Sie gönne Gilbert nichts Böses und freute sich. „Ich muß nun allerdings meine Frau über Ihr Schicksal beruhigen", meinte der Kronprinz, „da wäre es am besten, ich vertraue Sie diesem Jllington an, damit er Sie sicher nach England bringt!" Ann Moreland ließ sich von seiner ruhigen .gütigen Art das Herz öffnen, aber als der Kronprinz Gilbert zum zweiten Male erwähnte, hißte das Schifflein des Trotzes, das sogleich stöhlich wieder aufkreuzte, die alte Flagge des Widerstandes. „Sie überhäufen mich mit Gute und Freundlichkeit, Königliche Hoheit, aber mit Gilbert werde ich trotzdem nicht reifen!" „Sie werden mästen, mein Kind", erwiderte der. Kronprinz verwundert, „Sie reifen über Deutschland nach England, oder glauben Sie, wir können Sie hierbehalten?" B B* * ■ !lm M vie! Mi D«1 | Setz« I find '■■int ® MMNie ■ yn, d Bitte i*i Bigtn | Seden Ljoon ’lffl uni I Wch Bitte r M, n uig, de ,Ä. !. n desit „Der Kelling wird den Racker schon zähmen", überlegte Friedrich Wilhelm, „ach und die anderen Gesangenen! Den Maire lassen Sie frei, der Poiporenee kommt in ein Gefangenenlager und die Erstelle fchteben wir ab nach Dignelles für mer, sie hat es verdient, es wird ihr nichts schaden, und Beseht ist Befehl. Und der Hauptmann Baernburg hat dann wenigstens in einer Sache recht. Glauben Sie, daß die beuten nun einig sind?" Der Kronprinz hob lauschend den Kops gegen die Tur. „Man hört kein Wort", sagte Marbitz befangen. war. Aber jetzt fchfoß sich Me Metrustung wieder um fein Gemüt wie die zwei Hälften eines Folterinstrumentes, und er atmete schwer. Da sagte Ann Moreland: „Nein, er hat mich nicht geküßt!" Friedrich Wilhelm stutzte, er warf stumm eine verwunderte Geste zu Marbitz hinüber. Hatte ihm der General nicht gestanden, der Premier» leutnant Kelling habe die Moreland im Quartier in Blisseron in feine Arme genommen? Marbitz aber gab erschrocken die Geste an Kelling weiter. Der aber stand mit unbewegten Mienen wie ein Mann, der den Sturmwind an« nimmt, der ihm ins Gesicht klatscht, und entschlossen ist, keine Wirkung zu zeigen. „Ich habe ihn geküßt. Königliche Hoheit, nicht er mich', sagte Ann und fügte hinzu: „Er ist ganz schuldlos!" Der Kronprinz übersah den begeisterten Glanz in den Augen der Frau, die ihrer Liebe zu Hilfe eilte, keineswegs. Er schmunzelte zum Fenster hinaus und fühlte, wie ein Lachen durch feinen Körper rann und ihn froh erschütterte. Aber er zeigte es nicht. „Dann sieht der Fall anders aus, Ihrem Zeugnis muh ich glauben", sagte Friedrich Wilhelm nach einer Weile, „bann sind also S i e die Schuldige! Was sollte aber aus meiner Armee werden, wenn junge Damen einfach, weil es ihnen so gefällt, meine Offiziere mir nichts dir nichts überfallen und adküsten?! Ein höchst gefährliches Unterfangen, Miß Moreland! Tut es Ihnen wenigstens leid?" schloß er streng. Ihre Züge waren gelöst und befreit. Nichts Hartes war mehr in ihnen, aber das Glück, nun in allen Kammern des Herzens daheim, schickte einen Abglanz hinauf in das Antlitz. Es leuchtete wie die Sonne, die draußen immer mehr Wolken zur Seite schob und schon den großen blauen Mantel des Himmels trug, nur noch wie ein Saum an diesem Mantel hingen ein paar Wolkensetzen am Horizont. „Nein, ich bereue nicht, den Premierleutnant Kelling geküßt zu haben", sagte Aiin Moreland. „Und warum nicht, Sie widerspenstige Dame?" forderte Friedrich Wilhelm. „Weil ich ihn liebe", erwiderte sie mit einer Innigkeit, bei der Gilbert Jllington, der je und je solchen Ton vergeblich ersehnt hatte, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte vor lauter Verwunderung. Der Kronprinz schien ratlos. „Lieber Marbitz, das ist ja hoffnungslos! Da habe ich mir etwas ausgeladen! Wissen Sie einen Ausweg?" Marbitz, der nur an seinen Schützling dachte, sah in seiner Sorge nicht die Aufforderung zu einem heiteren Spiel, die in den Mienen des Kronprinzen stand und fragte: „Werden Königliche Hoheit den Premierleutnant Kelling beftrafen?" Friedrich Wilhelm schüttelte verzweifelt den Kopf. Er war unzufrieden mit Marbitz, der sich auf einen geheimen Wink offenbar nicht verstand und in eine Sache hineintrampelte wie mit Kürassierstieseln, statt einen ordentlichen Spaß anrühren zu helfen. „Nicht bestrafen? Eine verzwickte Sache! Küssen ober küssen lassen! Es geht nicht so hin!" Er blieb vor Kelling stehen: „Was meinen Sie?" „Mit Verlaub, Königliche Hoheit, ich habe mich mit Vergnügen küssen lassen! Ich habe auch wiebergeküßt! Ja, Königliche Hoheit, genau besehen und erinnert: vielleicht war doch ich es, der zuerst geküßt hat!" „Nein, ich!" fieberte Ann. Sie stellte sich neben Kelling, sie stieß ihn an, offenbar benutzte er die Wahrheit, um sich damit zu oerberben. Ader Kelling stand wie eine Eiche, in deren Krone der Sturm wühlt, deren Stamm sich aber nicht rückt und rührt. „Dann werden Sie beide bestraft", schrie der Kronprinz. „Befehlen Königliche Hoheit über mich", sagte Kelling. „Sie werden die Ann Moreland heiraten! Damit ich meiner Frau schreiben kann, Ann Moreland, um die sie sich gesorgt hat, ist gut aus- gehoben! Nicht wahr, Ann Moreland?" Ann Moreland lächelte, sie war ein wenig erschöpft. Das Schiss ihres Trotzes war vom Sturm in den Hafen geblasen worden. Und nun war Windstille, jetzt, auf einmal. Der Anker lag im Grund und das Schiff war müde. Es schlief. Es schlief im Arm der Liebe. Ann fchielte zu Kelling hinauf, ob er nicht etwas non feiner statuenhaften Haltung verlöre. Vergeblich. Da bat Ann: „Wollen Königliche Hoheit dem Premierleutnant Kelling befehlen, zu rühren?" „Rührt euch!" sagte Friedrich Wilhelm. Dann winkte er Marbitz und meinte, man habe noch zu arbeiten. An der Tür wandte er sich um. „Ueberlegen Sie, ob Sie die ©träfe annehmen!" Darnach ging er mit dem General aus dem Zimmer und ließ den Liebesgott Amor zurück, der zunächst ratlos von Kelling zu Ann und von Ann Moreland auf Kelling starrte. Was sollte er noch hier? Der Pfeil war längst, und zwar schon in Blisseron, verschossen, was jetzt tarn, konnte höchstens eine lächerliche Wiederholung sein; für die beiden Herzen zwar nergnügfam, weil ruhig und fturmftiU; aber für Amor den Schützen ohne Iagdreiz. So flegle er sich unsichtbar in einen Sessel und sah zu. „Lieber Marbitz, sind Sie mit mir zufrieden?" fragte der Kronprinz im Nebenzimmer. „Ich bin sehr glücklich, Königliche Hoheit", erwiderte der General und war entfdjloffen, Kelling nachher auf jeden Fall eine Standpauke zu halten, weil der Herr Premierleutnant sonst in die Gefahr kommen konnte, zu glauben, er habe das Glück, welches ihm so unwahrscheinlich hold gewesen war, in Erbpacht. Zuviel Glück, wußte der General, Friedrich Wilhelm stieß die Tür auf. Es war, wie er erfennen tonnte, auch nicht möglich etwas zu hören. Ann und Kelling standen Mund an Mund, jenen gerügten Augen- lick wiederholend, so versunken da, daß sie die Eintretenden mit keinem Laut vernahmen. Wie nennt man das gleich bei Ihnen drüben, Miß Noreland?" Jetzt hatte der Himmel draußen seinen grauen Saum verloren ind strahlte in heiterstem Blau. Heber dieses strahlende Blau zog eine Keine weiße Wolke wie ein Märchenschiff. Niemand wußte, wo sie her- jkkommen war, ob das Grau sie emporschickte als Nachhut, um anzu- jeigen, daß nun die Wolkenzeit vorbei war, oder ob die Wolke ein Ge- iflttfe des Himmels war, der sich auf besondere Art in Erinnerung hingen wollte. Jedenfalls verhielt sich die Wolke so, daß sie von Ann Moreland wd von Kelling gesehen werden mußte, die Sonne beglänzte sie, sie war IIein und licht und schien grade durchs Fenster, wie der Mond am Tage. Auch der Kronprinz sah es und dachte, welch seltsame Wolke. Er hnnte weder Ann Morelands Lieblingslied von der kleinen weißen Volke, noch dachte er an eine besondere Bedeutung der Himmelserfchei- lung, doch war er sehr fröhlich. „Ich werde den Feldgeistlichen rufen", sagte er, „eine Trauung ist im bestimmt eine willkommene Abwechslung im Feldquartier!" Da schreckten die Liebenden auf. Ann ging auf den Kronprinzen !i und beugte sich, ihm die Hand zu küssen. Es war irgendeine ver- Iwommene Vorstellung in ihr, daß dies eine passende Geste des kankes sei. Aber der Kronprinz entzog sich ihr und hob leise ihr Gesicht zu sch empor und küßte sie aus die Stirn. Dann schob er Ann sanft zu Kelling hinüber: „Und nun wieder ms den Mund! Wie nennt man das gleich bei Ihnen drüben, Miß Happy end, Königliche Hoheit", sagte sie leuchtenden Auges. Novemberabend. Von Bruno Wille. Novemberabend kühlt und feuchtet. Die Ferne stirbt in Dämmerduft. Mit mattem Blinzeln nur durchleuchtet Ein Stern die nebeltrübe Luft. Gedämpfte Glockenlaute beben Weich summend über Stoppelfeld. Aus Wiesenniederungen heben Sich dunkle Massen in die Welt. Ein alter Pflüger mit dem Pferde Zieht müde heim! Die Pfeife glimmt. Vom Schäferhund umtummelt schwimmt Mit Blöken dorfwärts eine Herde. Mit qualmig-dunkler Röte säumt Der Himmel sich: Groß leuchtend taucht Der Mond empor. Die Landschaft träumt. Von Ruhesehnsucht überhaucht. auf. den nur ein Krühpirsch mit einem Zünftigen. Don Angela von Britzen. Es ist nachts vier Uhr. Ich klopfe hart an die Tür des Fremden- linmers. „AufstehenI" — Was geht mich schon dieser neue Jagdgast idnes Vaters an, dessen Namen ich gestern abend kaum verstanden inbe, und von dem ich nichts weiter weiß, als daß er heute auf den -Keneralsstand" gebracht werden soll, um auf einen jagdbaren Hirsch in Schuß zu kommen! Meine schweren Jagdstiefel klappern die Treppe herunter. In der diele heben die Hunde wachsam ihre Köpfe und senken freundlich die iirmertfamen Oehrchen herab, als sie mich erkennen. Schlaft weiter, ihr Heinen Kameraden, Hirsche sind nichts für eure Rauflust! Der Tee ist fertig und dampft. Der Gast tritt ein, wir frühstücken Weigsam. Er schiebt die Butter fort, „nein, bitte nur eine Brotkante hib Speck!" Das klingt nach einem zünftigen Jäger! Oder hat er •it äußeren Formen angenommen und ist doch in seinem Herzen «ehrerbietiger und ein Schießer? Er sieht nach der Uhr. „3n dreiviertel Stunden geht die Sonne Wie lang ist der Anmarsch?" „Fünfunddreißig Minuten!" „Also gehen wir!" Er ist karg mit Worten. Nicht einmal »ach meinem Vater und «ii»en anderen Jagdgästen fragt er, die vor einer halben Stunde im mschwagen losgefahren sind, um an die andere Seite des Gehölzes ft gelangen. Wir treten vors Haus. Breite Linien von Scheunendächern drängen B gegen den hellgrünen Himmel. Gemächlich klingt das Malmen vieler 'linier aus dem Dunkel der Ställe. Sie haben schon die erste Füllens bekommen. Das Dorf entlang, Matt leuchtet das Band der Straße aus dem gewissen Dämmer. , Am Ende des Dorfes bleibt der Gast stehen und prüft den Wind, r ist günstig. Vom Wald her klingt schon deutlich das Schreien der «che. Zwei Stimmen sind hell und aufgeregt, sie sind noch draußen dem Felde. Aber eine dröhnt wie eine alte, grollende Glocke aus *r',‘9sjeiten, sie ist seltener und dumpfer zu hören. „ , .Der Starke ist schon mit dem Rudel zu Holze gezogen , sagt «• Gast. Da gehe ich nun mit einem Fremden durch die nächtlichen Felder per Heimat. Ich bin ihm feindlich gesonnen, weil er so st-lbstver- a»dlich diesen gesegneten Boden tritt, und nicht darum zu roiffen scheint, Mf>e Gnade es ist, sehen zu dürfen, wie der junge Morgen aus dem Seit Land geboren wird. Ich kenne den schmalen Pirschstelg im Walde sehr genau und übet* nehme die Führung. Aufmerksam lausche ich hinter mich — wird der Gast mit der Büchse gegen einen Stamm schlagen, klappt sein Fernglas gegen einen Joppenknopf, tritt er unachtsam auf knackende Aeste? ’Rein. 3d) habe es also dach wohl mit einem Zünftigen zu tun, und dankbar atme ich auf, als fei hiermit die Ehre des edlen Wildes gerettet, auf das sich so oft die Büchse eines Unwürdigen richtet. Rechts im Bruch bläst und planscht es. Wir bleiben stehen und hören das behagliche Schmatzen der Sauen ganz nahe. Aber im Osten wird e- bedrohlich hell, wir haben keine Zeit, ritterlich das Morgenbad der Schwarzkittel abzuwarten, und pürschen behutsam, mit angehaltenem Atem, an dem Bruch vorbei. Jeden Augenblick erwartet das Ohr ein Poltern und das empörte Blasen der alten Bache. Aber nichts ändert sich, wir sind unbemerkt vorbeigekommen. Endlich der Generalsstand. Wir fetzen uns lautlos und nehmen di» Gläser an den Kopf, um zur Feldkante hin zu sehen. Aus dem weißlichen Streifen des Nebels, der wie ein unschlüssiger, großer Reiher am Waldrande flattert, tauchen hie und da riesenhafte, gespenstisch Köpfe auf — das Kahlwild. Es äst noch vertraut, laut hört man das Knacken der fleischigen Rübenblätter. Nur das Leittier tritt sichernd und schon ein wenig unruhig hin und her. Weiter draußen auf dem Feld bummelt der Hirsch lässig hinter einem Schmaltier her und knört ab und an faul vor sich her. Er scheint noch nicht an Heimkehr in den Wald zu denken. Der zweite Hirsch schweigt. Er ist wohl mit seinem Rudel nach links abgezogen. Aber rechts hinter uns; da, wo der vorigjährige Hau liegt, knackt es unaufhörlich und schiebt sich zwischen dem jungen Erlenauf- schlag hin und her. Und plötzlich zittert uns das Herz im Leibe: gang dicht bei uns schreit der Starke, tief und unwillig. Die Hand am Fernglas erstarrt, wir atmen kaum. Frech und hell antwortet der Achter vom Rübenfeld her. Es ist, als hielte alles ringsum wegen dieser dreisten, jungen Herausforderung den Atem an. Ein eiliger Frühwind läuft durch das betaute Geäst und wie im Schauer fallen die Tropfen zur Erde. Der Nebel hebt sich. Auf dem Felde steht das Rudel beisammen und äugt aufmerksam zum Waldrand herüber. Seitwärts wartet der Achter mit prahlerisch hochgeworfenem Geweih auf Antwort. Da kommt sie. Kurz und knurrig, ein einziger böser, unheilkündender Laut aus einem schweren Körper! Hinter uns knackt es. Dann plötzlich bricht ein Poltern los, ein Geweih schlägt mit hellem Ton gegen Stan- genholz, es klatscht zwischen den knirschenden Rüben und wie ein böses Omen fegt ein ungeheuerer, dunkler Kasten auf das Helle Feld hinaus. In diesem Augenblick bricht von Osten her die Sonne über die Erde. Es ist, als wären wir zurückgeschleudert in jene reine Zeit, da auf junger, ungeteilter Erde sich das Recht formte und die Kraft die ersten Grenzen entschied. Prasselnd fliegen die dunklen Geweihe ineinander, diese weitausgelegten Kronen männlichen Herrscherwillens. Röchelnd geht der Atem durch die offenen Aeser beider Kämpen, die Kragen berühren fast den Boden. Zitternd stemmen sich die Hinterläufe in die weiche Erde und tief geneigt drängt das starke Genick mit dem gefährlichen Kampfwerkzeug auf den Gegner zu. Einen Augenblick stehen sie so mit vibrierenden Muskeln, festgemeißelt in Kraft und Gegenkraft, rasendste Bewegung in die Ruhe gebannt. Die Lichter leuchten hell und böse von untenher, und über den Köpfen erhebt sich wie wirres Geäst die Zahl der hellen, ineinander verflochtenen Geweih-Enden. Stumm steht das Rudel und äugt mit umgewandten Häuptern zum Kampfplatz der beiden Rivalen herüber, abwartend in demütiger Ergebenheit, wer von nun an der Herr fein wird. Sie haben kein Mitleid und keine Treue, diese stillen Tiere, sie unterstehen dem Gesetz, daß nur der Stärkste gut genug ist, über sie zu herrschen! Der Augenblick verkrampfter Ruhe ist vorbei. Mächtig schiebt der Starke den Geringeren rückwärts, knallend brechen die saftigen Rüben mitten durch vorn scharfen Schlag der rasenden Läufe. Aber alles Stemmen nutzt nichts, der Achter wird ineinander geschoben, knickt in den „Hinterläufen zusammen und bricht schließlich seitlich aus. Polternd verfolgt der Alke den Fliehenden, schlägt ihm mit dem Geweih zwei-, dreimal klatschend auf die Keulen und bleibt dann plötzlich verächtlich stehen, während der Gestrafte mit rasenden Fluchten im Holz verschwindet. Da steht der Sieger im Rübenfeld, breit wie eine Scheibe und das eroberte Rudel zeiht demütig, in kurzen Tritten, auf den Gebieter zu, der sich nich: einmal nach feiner Gefolgschaft umblickt. Neben mir hebt sich ein Büchsenlauf leise vom Knie zur Wange empor. Die Jagdpassion schlägt ungerufen und schonungslos wie eine Flamme aus dem Herzen bis zum Hals. Angespannt und in Erwartung des scharfen Knalles sehe ich auf das Blatt des Zwölfers, um beim Einschlag den breiten Schweißfleck darauf wahrnehmen zu können. In diesem Augenblick legt der Hirsch das mächtige Geweih langsam hintenüber, daß die hellen Enden fast den Rücken berühren, öffnet weit das Geäst und schreit feinen Sieg und seine Liebe dem Rudel wie einen langen, tiefen Gesang entgegen. Auf seiner Decke liegt die schräge, rote Morgensonne, um ihn glitzert das tausendfältige Silbergewebe der licht- brechenden Tautropfen im dunkelgrünen Rübenkraut, und vor ihm steht wie eine flatternde Siegesstandarte sein weißer Atem in der klaren, kalten Frühlust! Da senkt sich neben mir der Büchsenlauf mit einer sanften, fast ergebenen Bewegung. Als ich den Kopf zur Seite wende, sehe ich in ein Gesicht, das aufgebrochen ist. Mitten zwischen den Augen scheint sich dies karge Männerantlitz plötzlich aufgetan zu haben und es leuchtet daraus das ehrliche, rückhaltlose Pathos der Ehrfurcht. Ja, jetzt sehe ich wohl, daß er ein echter Jäger ist, daß er, wie jeder Zünftige, ein versteckter Dichter ist und in sich den Beter, ja, den Anbeter des Schöpfers und seiner Geschöpfe verbirgt! Trunken fast hängt fein Auge an dem herrlichen Bild, das der Meister in dieser gesegneten Morgenstunde schlicht und kraftvoll aufgebaut hat dort draußen auf dem Felde. Und der kleine Mensch mit seinem Mordwerkzeug Fm Versteck wird gebannt, sobald ihn der Finger der Schönheit anrührt! Noch einmal klingt der Schrei auf, unbekümmert und ahnungslos mitten im Bannkreis der Todesgefahr, und schwingt wie eine tiefe Cello- Seite als zitternde Resonanz in unseren Kehlen. Dann trollt der Starke zu Holze, wo das andere Rudel bescheiden auf ihn wartet. Wir klappen behutsam unsere Jagdstühle zusammen und sehen uns nicht in die Augen. Wir gehen wortlos bis zu dem Kreuzweg wo wir die drei anderen Jäger treffen. m , ...L „Nun, kein Schuh? Stand denn nicht das ganze Rudel dicht vor dem Generalsstand?" _, .. . Der Gast nickt bestätigend: „Jawohl, aber meine Büchse hatte einen Versager." Er hält die Stirn gesenkt und nun überläuft sie langsam und knabenhaft eine Röte. Zwei Augenpaare treffen sich flüchtig in verschwiegener Gemeinsamkeit Was ist es — sind es noch zwei Fremde, zwei Jäger, zwei Pirschgängsr — oder zwei Freunde. Oer apokalyptische Retter. Von Hans Benzmann. Am roten Abendhimmel wiegen drei Falken sich, ein Reiter auf mag'rem Schimmel reitet am Erlenstrich. Ist es ein Jäger, ein Ritter, ein Ritter mit Spieß und Schwert? Es ist zu Roß ein Schnitter — Wie kommt ein Schnitter zum Pferd? Nun seh ich nur noch seinen Schatten, lang fällt er über das Moor, ein Schauer fährt über die Matten, Nebel und Nacht steigt empor ... deutsche Landschaft in der Dichtung. Von Walter Schwerdtfeger. Wie im Menschen der Geist der Landschaft sich verkörpert, so hat der Mensch in der Kunst immer wieder das Bild der vielgestaltigen deutschen Landschaft zu formen gesucht, der er sich verbunden fühlt. Die klassische Dichtung hat wenig Lokalfarbe: für den Park in Goethes „W ahl- verwandtschaften" werden mehrere Urbilder genannt, und von Hanau bis Koburg streiten sich alle kleinen Städte um die Ehre, Schauplatz von „Hermann und Dorothea" zu sein. Aber schon bei den Romantikern findet man neben den Zauberlandschaften von Novalis und Jean Paul wirklichkeitsnahe Landschastsbilder: bei E.T.A. Hoffmann das alte Berlin, bei Achim von Arnim und Wilhelm Hauff. Eichendorffs Erzählungen find im Schatten der Buchenwälder von Oliva entstanden, aber in der Erinnerung an die schlesische Jugendland- schaft. Es ist das stille Bergland, in dem Paul Kellers Romane spielen. Das Land, in dem die armen Weber des Eulengebirges zuhause sind, und das alte Handelshaus Molinari, das Frey tag in „Soll und Haben" schildert, hat dem Strom, der es durchzieht, fein Gepräge gegeben. „Die Oder ist ein Bauernweib. Breit und behäbig schreitet sie durch den mühereichen Tag; manchmal zur Abendzeit, summt sie zwischen Eichen- und Crlenbüschen ein einförmiges Lied. In der Nacht steckt sie einsame Lichter an, Laternen auf langsam dahinschleichenden Flößen. Einmal, wie wohl jedes Bauernweib, kommt die Oder auch nach der Hauptstadt, nach Breslau. Die Hügel von Grünberg tauchen auf. Sie läßt sich mächtige Fässer Weines auflaben. — Dann kommt das lange Dahinwandern durch den märkischen Sand." (Paul Keller, „Marie Heinrich".) Sand und Föhren... Die Mai'k ist durch sie zu Unrecht in Verruf. „Sieh, wie die alten Kiefern ruhig stehn, und ruhig ihre grünen Kronen breiten, und Flüsse glänzen auf und klare Seen, in deren Spiegel Weiden sich besehn und Helle Wolken im Darübergleiten." (Heinrich A n a ck e r, „An der Havel".) Theodor Fontane hat auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg die stille Schönheit dieser Landschaft gesehen: das Luch mit feinen alten Bauerngehöften, die Sumpfwildnis des Spreewaldes mit den verschilften Wasserarmen zwischen Rüstern und Linden, tiefe Laubwälder und zauberhafte Seen: „Der kleine Tornow ist einer jener .Teusels- feen‘, denen man an den Anhängen der Hügel so oft begegnet. Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein, breite Teichrosenblätter bilden einen Uferkranz, und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese dunklen Wasser einen besondere Zug in die Tiefe." Innerlich und still ist auch die Schönheit Pommerns, des Landes „längs des Meeres". Weideflächen und lehmige Aecker, zwischen Dünen- rand und dem Brackwasser des Boddens alte Rotwildreviere. Landstädte mit gotischen Backsteinbauten. Romantisch verklärt und schwermutvoll verschleiert hat es Caspar David Friedrich in seinen Bildern festgehalten. Schwer und verschlossen wie Barlachs Holzplastiken ist auch die Erde Mecklenburgs, aus der sie geboren sind. Hier hat Vo ß die Idylle seiner .Luise" geschrieben: „... Da hinab langstreifige, dunkel und hellgrün Wallende Korngefilde, mit farbigen Blumen gesprenkelt! O des Gewühls, wie der Rocken mit grünlichem Dampfe daherwogt! Dort in fruchtbaren Bäumen bas Dorf, so freundlich gelagert Um den geschlängelten Bach, und der Turm mit bcm blintenöen Seiger! Dort die schimmernde Bläue des Sees um den waldigen Hügel!" B e r a n t w 0 r t l i ch : vr. Fr. W. Lange.— Im Ring der Deiche liegt Schleswig-Holstein. Die Ostsee schlägt gegen I die buchenwaldumstandene Steilküste. Lang rollen die Wogen der Stört. I fee zu den Dünenketten. Hier verbrachte Hebbel seine Sugenb, I Frenssen predigte hier, Klaus Groth schrieb seinen „Quickborn'. Aber an den Herbsttagen, wenn es gegen die Deiche tobt, über die der „Schimmelreiter" gespenstert, zeigt das Meer ein anderes Gesicht: ; „Wie eine wilde Jagd trieben die Wolken am Himmel; unten lag die weite Marsch wie eine unerkennbare, von unruhigen Schatten erfüll!« . Wüste; von dem Wasser hinter dem Deiche, immer ungeheurer, kam ein dumpfes Tosen. Dicht über dem Boden, halb fliegend, halb vom Sturn geschleudert, zog eine Schar von weißen Möwen. Eine furchtbare Bö« kam brüllend vom Meer herüber. Aber wo war bas Meer? Wo blieb bas Ufer drüben? — Nur Berge von Wasser, die dräuend gegen den Himmel steigen, die in der furchtbaren Dämmerung sich übereinander zu türmen suchten und gegen das Land schlugen. Mik weißen Kronen kamen sie daher, heulend, als sei ihnen der Schrei alles Raubgetieiz der Wildnis." Stillere Bilder: Weihe Sandwege ziehen sich durch die Heide, die in violettrosa schimmernder Blüte steht. Ginster und Heidekraut, lichi« Birkenstämme. Alte Städte mit krummen Gassen und Fachwerkhäusern. Corvey, Höxter. Torfwagen knarren über die von Krüppelweiden eingefaßten Moorwege. Hier ist Raabe zuhause; Hermann Löns he! hier seine Wahlheimat gefunden. Nun formt der Mensch das Bild der Landschaft. Halden, Hochöfen und langgestreckte Montagehallen sind die Merkzeichen des Industriegebiets an der Ruhr. Unter Wolken von Rauch, bränaen Schienenwege und bizarre Krangerüste zu dem Dorübergleitenbt.1 i Strom: Der Rhein. „Ewige Unruhe bringt er in die Landschaft wie in die Seele des Menschen. Gefangener ist jeder in unerklärlicher Regung in feinem Anblick. Mag er von steinerner Brücke in Basel in das enteilende Grün seiner Kreise schauen, mag er herangesogen gegen die Enge bet Schieferfelsen im Loch von Bingen mit ihm dahingleiten, mag über gewaltiger Breite stehend durch das leichte Eisengehänge der Brücke von Köln er den Strom in die Weite verfolgen, immer ist er verfallen, denn das Geheimnis ewigen Strömens ist in ihm." (Rudolf G. B i n d i n g, „Rdeinraufch .) In einer Schlinge der Mosel liegt der Mont RoyalFvon dem aus Ludwig XIV. das linksrheinische Gebiet beherrschen wollte. Düstere Erinnerungen im gedämpften Zauber der Landschaft: „Von dem verlassenen Kloster überblickt man die steilen Schieferdächer der Stadt in allen ihren regellosen Lagen und Höhen zueinander. Das mildmatte Blau, bcs (onnenftumpfenbe und fonnenbämpfenbe Matt dieser Dächer, das tau n eine Farbe, nur einen stillen Schein der Landschaft zugesellt, ist das stimmende aller Moselorte. Rührend winzige Gemüsegärten bei den Häusern, nie ohne den Weinstock, der sich darüber am Berghang ober an der Grundmauer des oberhalb gelegenen Hauses emporrankt — urb zwischen dem allen die schmalen und steilen Stiegen, die die Strafen ersetzen: das alles ist Cochem, das alles ist so manches Dorf und Städtchen den Fluß hinauf und hinunter." (Rudolf G. B i n d i n g, „Mofelfahrt aus Liebeskummer .) Da ist am Fuße des Odenwalds die Frühlingspracht der blühenden Bergstraße; sie zieht sich zum Neckar, den Hölderlin besang: „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf Zum Leben, deine Wellen umspielten mich, und all der holden Hügel, die dich Wanderer kennen, ist keiner mir fremd. Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal, Wie Leben aus dem Freudebecher, Glänzte die bläuliche Silberwelle." Die Pfalz liegt vor uns, mit Burgruinen und Weinbergen, ,N schönste Garten Deutschlands". Dort das Elsaß, dessen Schönheit sich bem jungen Goethe von der Höhe des Straßburger Münsters zuerst t:< schloß. In den Hegau ragt die Basaltkuppe des Hohentwiel, und in bei Ferne schimmert der Bodensee unter dem goldgelben Teppich, den b*r Frühling über das Wasser breitet: „der See blüht". Schwaben. Schubart vergaß hier über Schillers Dramen Gitters Schatten, den die Sonne malt auf meines Kerkers Boden. Weiter. Die Langzeilendörfer und verträumten Reichsstädte des Franke»' landes. Würzburg: „In der Tiefe liegt die Stadt, wie in der MiUi eines Amphitheaters. Die ^erraffen der umschließenden Berge bienten statt der Logen. Und aus dem Gewölbe des großen Schauspielhauses fair! der Kronleuchter der Sonne herab, und versteckte sich hinter die Erde denn es sollte ein Nachtstück aufgeführt werden. Ein blauer Schlei«! umhüllte die ganze Gegend, und es war, als wäre der azurne Himw-i selbst herniedergesunken auf die Erde. Die Häuser in der Tiefe lagen in dunklen Massen da, hoch empor in die Nachtluft ragten die Spitze» der Thürrne — und hinten starb die Sonne, und das blasse ZvdiakalüM umschimmerte sie, wie eine Glorie das Haupt eines Heiligen..." (Heinrich v o n K l e i st an Wilhelmine von Zenge, 11.10.1800.) Thüringen. In ihrem geschnörkelten Bett fließt die Ilm an der freundlichen Stadt vorbei mit den schmalen Häusern und den alten BrunM- Weimar. Unvergängliches Mahnmal deutscher Kultur seit Lucas Cranatzf Zeit, lieber den dunklen Fichten des Thüringer Waldes schrieb Goettz« fein „Nachtlied": „lieber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vöglein schweigen im Walde. Warte nur, halbe Ruhest du auch." Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdrucke r e t, R. Lange, Gießen,