GietzenerZamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Hreitag, den 6. Vttober Hummer 77 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein hellerer Roman von Kurl Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 12. Fortsetzung. Ein zaghafter Finger klopfte an die Tür des Fremdenzimmers. Germaine ahnte, daß es Herr Labatut war, der Ann sprechen wollte. Die Griselle atmete laut wie eine Schlafende, um den Maire zu täuschen. Es gelang. Labatut schlich auf Zehenspitzen davon. Ach, er hatte so viel Sorgen, daß er nicht wagte, in seinem eigenen Hause laut aufzutreten. Die Kompanie war vollzählig. Baernburg trat aus dem Haus. „Guten Morgen, zweite Kompanie!" „Guten Morgen, Herr Hauptmann!" Dieser Augenblick spannte Germaines Aufmerksamkeit: sie handelte. In Strümpfen, lautlos wie eine Katze auf Mäusefang, drehte sie sich schnell über die Stiegen und in den Garten. Bevor sie ihn durchschritt, verhielt sie. Es war ganz still. Nur vom Platz her, durch die Mauern des Hauses zu Wortfetzen und Undeutlichkeit verstümmelt, kamen Kommandorufe. Die Griselle zog schnell die Schuhe an, dann huschte sie durch das grüne mauerumMossene Revier. Zwar kreischte die Tür in der Gartenmauer, aber ©enhatne war hurtig. Der Maire hatte das Gartenpförtchen gehört, aber als er ans Fenster trat, blitzte nur der letzte Tau auf der grünen Fülle des Gesträuchs, es wogte ein wenig, aber das war wohl der Wind. Germaine Griselle eilte indes auf Nebenwegen in das Haus ihres Dienstherrn. Lange umschlich sie es, legte das Ohr an die Tür und horchte. „Alle weg!" schrie eine Nachbarin und erschreckte Germaine durch den schrillen Klang ihrer Stimme. Die Griselle wagte es. Sie verschwand i-m Haus. Auf der Treppe aber mußte sie sich setzen. Die Spannung vom Wend zum Morgen hatte sie zermürbt. Sie faltete die Hände übers Knie und starrte mit offenem Mund und blöden Augen ins Leere. Das Hirn war mit einem scharfen Besen wie ausgekehrt, sie hatte keinen Bedanken, ihr war, als hinge ihr ganzes Dasein in der Lust und sie lönne sich nicht rühren. Bald aber sammelten sich die Geister des Lebens wieder, chre Augen letloren die Starre und blitzten, als schösse Feuer hinein. Im Nu war sie auf den Beinen und raste hinauf zu Theophil. Poiporence hatte mit geduldiger Zuversicht auf ihr Erscheinen gewartet. Gegen Abend ergriff ihn die Angst, er könne entdeckt werden, denn es kamen Soldaten auf den Boden, Sie suchten etwas und stöberten in dem Gerümpel herum, bald aber ließen sie ab, weil es «unkelte und sie sich nicht mehr zurechtfanden. Gegen Morgen vergrämte sich die Laune Theophils, nicht nur weil ttermaine ausblieb, sondern weil er einmal darüber nachdachte, was »un werden sollte. Das war eine nüchterne Frage, aber ihre Beantwortung belastete sein Gehirn so sehr, daß er mit unguten und zweifellos auch unge- kschten Gedanken alle Schuld auf Germaine warf, die ihn hier Mein ließ. Kein Wunder, daß er ihren Bericht erst gar nicht abwartete, sondern sie knurrend empfing . „Wie ein Kettenhund", bemerkte sie und traf den Nagel aus den tiopf. „Bin ich auch, oder was ist dieser Bodenoerschlag anders als eine Hundehütte?" grollte Theophll. Und plötzlich schrie er: ,Zch habe lurst, ich verdurstel" Es war nicht so schlimm, aber er hatte im Augen- tstck Lust, alles zu übertreiben. Jetzt wurde Germaine von Merger gepackt, der Merger aber ergriff d-e Erregung der Nacht, bevor sie ganz verebbte, am Schopf, und aus Mtm Wirbel wuchs ein blühender Krach. „ „So", sagte sie mit eingeftemmten Fäusten, „für wen Hobe ich ^nn all die Angst und die Fährlichkeiten aus mich genommen? Du W hier oben gelegen und geschnarcht, wahrend ich in feder Sekunde ^pÄ^'den^Türken'^du^' 65 fönntc gehen! Komm mir nur und « >V">ch.du dir ein, ich sitze ewig hier oben? Gestern abend hätten sie den Berschlag sicher entdeckt, wäre es nur ein wenig Heller gewesen!" „Dann scher dich doch zum Teufel!" schrie sie. ^Gut, ich gehe!" schrie er zurück und sprang wütend auf Wilde Wut tut nicht gut, wenn das Dach schräg ist. Theophil stieß gegen einen Dachbalken. Er rieb sich den Schädel und schoß Blicke der ^"hart" berührt"'"?' ° 5 fie unt> nkW der Balken seinen Schädel Germaine aber mußte über sein Gesicht laut lachen. Seine Backen plusterten sich vor Wut auf, da erkannte sie, daß es Zeit sei ihn au besänftigen. ' ' v ® ,Marte", sagte sie, „ich hole dir etwas zu trinken!" Poiporence setzte sich wieder hin und regte sich ab, und zwar fo gründlich daß er in Trauer verfiel. Denn jetzt ärgerte er sich, daß ibn feige fönst |o pflegsame Ruhe verlassen hatte ö ' Als sein Gemüt dem alten Gleichmaß zuftrebte, ein wenig träume» rtfä; und sogar den Durst vergessend, der in seiner Kehle kratzte, fielen seine Magen auf ein Stück grauen Tuches, das in der Ecke lag. Er angelte mit den Fußspitzen darnach. Es war ein abgetragener Rock, wahrscheinlich ein Rock des Herrn Beauvifage. Und in diesem Mugenbticf, in Betrachtung eines alten zerrisseneil, mottenzerfressenen Kleidungsstückes wurde die nächste Zukunft des Theophil Poiporence heiter wie eine Festwiese. Mit einem Schlage. Rur, weil er sich über eine bestimmte Sache klar geworden war. „Bin ich dumm gewesen", stöhnte er laut, „ah, bin ich dumm!" Es war niemand da, der ihm widersprach, denn die Griselle war in Die Küche gegangen, um ein Getränk für den zornigen Geliebten zu bereiten. a Rasch glitt er, mehr als er lief, die Treppe hinunter. Das Schlaf- zimmer des Herrn Beauvifage war von den Soldaten als Wohnraum Germames angesehen worden. Es lag darum noch so, wie es sich Theophil in den zärtlichen Stunden mit Germaine dargeboten hatte. Much des Rentners zurückgetafsene Kleider hingen noch im Schrank. Poiporence warf sich in den besten Anzug und machte sich von den Strümpfen bis zum Kragen in kurzer Zeit zu einem anständigen Zivilisten. Er drehte sich eitel vor dem Spiegel; bis auf Kinn und Wangen, die blauschwarz waren, sah er aus wie ein Hochzeitskavatier, aufgeputzt unb über den Mittag hinaus gesteigert, pfingstsonntäglich sozusagen, und das im Frühherbst! Die Kleider saßen ein wenig schlotterig, aber Germaine konnte die Knöpfe versetzen, es war ja niemand da, dem es sonderlich auffallen würde. Poiporence stieg in die Küche hinab. „Bist du wahnsinnig?" schrie Germaine ihn an, „dich hier sehen zu lassen? Und in welchem Aufzuge?" „Sag lieber, in was für einem Mnzuge!" sagte er trocken. „Ich muß mich rasieren!" ,Geh hinauf, ich rasiere dich", zeterte sie ängstlich. .Du?" „Natürlich, ich habe Beauvifage immer rasiert!" „Gut", sagte Theophil, „aber nicht in den Bodenverschlag! In Beauvisages Schlafzimmer!" Poiporence stieg vorauf, er sagte bohrend: „Ich dachte schon, du hättest vergessen, in welcher Gefahr du dich befindest." „Gefahr?" „Entdeckt zu werden! Du bist doch abgeschoben. Die Soldaten dürfen dich nicht sehen!" Plötzlich begann er schallend zu lachen: „Jetzt mußt du auf den Boden!" Ihr war, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt. Sie zitterte so, daß sie den Kaffee verschüttete, den sie mit Feuer, Liebe und Mngft bereitet hatte. Ihre kurzen Gedanken schämten und trollten sich, verfolgt von Theophils Gelächter. Md;, wie war sie doch ganz dem Mugenblick hingegeben gewesen, der Freude vor allem, bei Theophil bleiben zu können! Mber der Geliebte hatte recht! Sie konnte den Deutschen nicht unter die Mögen kommen. „Jetzt müssen wir uns beide verstecken", keuchte sie, „o Gott!" Poiporence schlürfte den Kaffee. Er mußte eine Hornhaut auf der Zunge haben, daß er ihn fo heiß, wie er vom Herd tarn, trinken konnte, sie hatte das schon immer bewundert. Muf jeden Fall konnte er, da er sich mitten im Genuß befand, nicht antworten. „Und was soll die Maskerade?" schrie sie, an seinem Anzug zerrend. Ein Veilchen Juny, ein Veilchen blau, es war allein auf grüner Au, stand fröstelnd auf dem einen Bein und trank den ganzen Sonnenschein als goldnen Wein in sich hinein! Da ward das blaue Veilchen violett. Das Veilchen war nun violett. Ach, wenn ich's einmal wie das Veilchen hättl Ich tränke jedes Glas voll Wein als lauter goldnen Sonnenschein in mich hinein. Ich würde blau, vielleicht auch violett. Ach, wenn ich's wie das Veilchen hätt! Das Veilchen jung, das Veilchen blau, es stand allein--- Poiporence begann wieder von vorn. Er wuhte nicht, woher er das Lied kannte, doch ja, ein Kamerad, der Weinküfer war, hatte es im Stall und auf dem Bock gesungen, bis ihn Poiporence schweigen hieß. Die Verse waren nicht schön und auch nicht geistreich, doch das waren Ansprüche, die Theophil nicht machte. Aber die Strophen gaben ihm Gelegenheit, mit seiner Stimme Lärm zu machen. Der Lärm überschlug ich wie das Geheul eines Wesens aus mythischer Unterwelt. Füsilier Kutschbach war der erste, der die Ursache des Lärms begriff. Er trinkt da unten", sagte er. Und als die andern aufhorchten, setzte er hinzu: „Also muß hier ein Weinkeller sein." Kutschbach als Gastwirt besah Witterung für Küche und Keller. . Unteroffizier Weidlich bemerkte, daß dies ein Unglucksquartier sei: gestern dieses Weib, heute der Herr, ohne Krach gehe es hier nicht ab. Aber er sei müde und lasse sich seinen Schlaf nicht verplärren. „Soll ich ihn aufs Maul schlagen?" fragte Kutschbach derb. „Oder", kicherte Füsilier Winter, „wir saufen auch!" Weidlich meinte streng, eigenmächtiges Requirieren sei verboten und Trunkenheit werde bestraft. . . „Wir kaufen, wie wir die Gans gekauft haben, einige Flaschen, der Musjöh ist in einer Stimmung, in der man gewöhnlich nicht nein zu sagen pflegt", äußerte Kutfchbach, denn er hatte ein hartnäckiges Wefen und gab einen Gedanken nicht leicht auf. Dann aber schwieg der Gesang plötzlich. Die Manner lauschten. „Er ist eingeschlafen", sagte Winter. Aber Theophil Poiporence schlief nicht. Obwohl sein Kopf fest zwi- fchen den Schultern saß, schien er einer karussellartigen Drohung preis- gegeben zu sein. Füße und Rumps hatten offenbar keine andere Ausgabe, als dem Kops nachzulaufen, der ins graue Ungewiße zu stürzen drohte. Es war schwer, dem Kopf zu folgen. Denn Theophil hatte die Hande nicht frei. Beide Arme hielten Flaschen umklammert. So schob er in die Gruppe der Soldaten hinein, errang für einen Augenblick das ersehnte Gleichgewicht und stellte die Flaschen auf den Tisch. Eine Gebärde machte die Einladung klar. Die Männer sahen sich vergnügt in die Augen: Wunsche haben Zaubermacht. ,, _ x , „Nein", sagte Weidlich und erntete enttäuschte Gesichter, aber er fuhr fort: „Wenn wir sie nehmen, zahlen wir sie!" Sie zahlten. Poiporence nahm das Geld, er wußte nicht wofür, er sah auf dem Polstersessel des Herrn Beauvisage und döste. Ihm dämmerte, während die Soldaten bedächtig und ohne Hast tranken und ihn mit luftigem Mitleid betrachteten, dah er Germaine vergessen hatte. .... . Was war nur mit Germaine? Weshalb war fie nicht bei ihm k Aber er durchdrang, einem Schiffbrüchigen gleich, auf den Wogen feines Zustandes schwimmend, nicht den Nebel, den sein Hirn umhulltc. Er wuhte nur, daß er Sehnsucht nach der Griselle hatte. Er seufzte laut: „Germaine!" , . ... ,m. . Weidlich hörte es und jagte: „Beauoifage schreit nach seiner Wirtschafterin, die wir ausgewiesen haben!" Kutfchbach überlegte mit feinem guten Herzen, ob man nicht den Armen ins Bett geleiten follte, denn dieser Mann war sichtlich hilfws, und außerdem störte er. .. Kutschbach wußte von daheim, wie man mit Betrunkenen umgetji. Die Groben warf er hinaus, den Liebenswürdigen verschaffte er ein Lager und ließ sie ausfchlafen. „Ich wette", jagte er, „die Erstelle hat ihren Herrn immer ins Bett gebracht, wenn er betrunken war!" Da geschah etwas Seltsames. Poiporence stieß ein langes triumphierendes Gelächter aus. Es war ihm gelungen, sich zu erinnern, wie Germaine es angestellt hatte, der Ausweisung zu entgehen. Im Nu aber überschwemmte das graue Nichts diesen Lichtblick wieder. Wie ein Fels allein blieb das Bewußtsein in ihm, d°ß mer- maine ja nicht fort war, sondern hier, nahe, im Hause und bereu, ihn in die Arme zu schließen. Manche Menschen machte der Wein schweigsam, anderen gibt er eine schwere Zunge, Poiporence wurde gesprächig, und plötzlich reoei er schnell, aber man verstand ihn nicht. . Er merkte es mit Mühe und wurde ungehalten. Er suchte viele Trunkene Beifall und wollte benrünbert werden. (Fortsetzung folgt.) „Das kannst du dir wohl gar nicht denken", erwiderte er, als sein Durst gelöscht war. t . ,, ,, . Er setzte sich hin, legte den Kops zurück und befahl: „Und nun rasiere mich, wie du Beauvstage rasiert hast. Denn ich bin Beauoifage! „Du bist nicht Beauoifage, du bist verrückt!" .Nur schlau, mein Liebling, nur schlau", versetzte er, „denn ich kann mich sehen lassen, verstehst du? Ich werde den Deustchen sagen, ich sei Beauoifage, der zurückgekehrte Hausherr!" Bewunderung, Angst, Furcht drängten sich m ihrer Brust. „O Gott!" seufzte sie. „Kennt einer der Soldaten Herrn Beauoifage? „Natürlich nicht!" . . r . Also!" Er legte den Arm um ihre Schultern und ließ seine Sttmme zärtlich fließen: „Jetzt muh ich für dich sorgen, wie du für mich gesorgt hast." Er lachte auf: „Ich bin nicht fo grausam, dich in die Bodenluke zu sperren. Du kannst hier bleiben. Es ist das Zimmer des Hausherrn, also das meine! Ich werde es immer oerfchlossen halten!" Ihr sonst so sicheres und derbes Wesen ertrank plötzlich in lauter Hilflosigkeit. Am liebsten wäre fie klein wie eine Maus geroefen, damit Theophil fie in die Tasche stecken konnte. .. „Ich weiß nicht", tröstete Poiporence, „weshalb du dich gramft. Da kannst hier den ganzen Tag schlafen und brauchst nichts zu tun. Ich werde auch keine Lust haben, mich mit den Herren Soldaten emzulasfen." Die Griselle sagte nichts mehr. Ihr war weh zumute. Ihr Mund wurde schief. Sie weinte. Weinend begann sie, Theophil zu rasieren. Später eilte sie noch einmal in die Küche und holte Brot und Speck, der Sicherheit halber, damit sie dem Hunger begegnen konnte. Aber das Weinen war ihr immer noch nahe, der Bock stieß sie noch, als fie zu Bett ging. . , Und nichts hätte sie dagegen gehabt, wenn bei ihrem Aufwachen Theophil verschwunden wäre und statt feiner Herr Beauoifage an ihrem Bett gestanden und den Tageslauf befohlen hätte. Aber ach, fie wußte, daß der Schlaf nur eine vergebliche Flucht vor dem kommenden Tag war. Sie traute der nahen Zukunft gar wenig Gutes zu. Poiporence fchnüffelte, nachdem er Germaine sorgsam in Beauoifages Schlafzimmer eingefcijloffen hatte, durch das Haus. Er durfte es freilich fo wenig verlassen wie Germaine, denn die Neugier der Nachbarn konnte ein Geschwätz entfachen. . So strich er umher wie ein Kater, der sein Jagd- und Liebesrevier in Besitz nimmt. Im Keller machte er eine Entdeckung. Am Gemäuer hochgestapelt in aus Latten gebildeten Fächern türmten sich Flaschen um Flaschen: goldener Wein von den Gates d'or, dunkelroter aus Burgund. Als Poiporence sich der ersten Flasche widmen wollte, hörte er, daß die Soldaten in ihr Quartier zurückkehrten. Seine Hand zögerte und lieh die Flasche wieder fahren. Theophil, mäßigen und gemüttjaften Naturells, hatte Germaines jähzorniges Verhalten immer verurteilt. Entschloßen, mit den Deutschen ein freundliches Einvernehmen herzustellen, köpfte er nun die Flasche. Nicht aus Vergnügen am Trunk, sondern aus Berechnung und Vorsorge. Denn Theophil Poiporence war noch nicht Beauoifage, und es gehörte Mut dazu, den Deutschen beizubringen, dah er der Hausherr war. In der Tat spülte der Burgunder jene Hemmungen hinweg, die wie Geröll über dem kühnen Plan lagen. Nach dem Genuß der Flasche stieg Theophil Poiporence empor. „Beauvisage!" sagte er und machte dem Unteroffizier Weidlich klar, daß er zurückgekehrt fei, als Hausherr, der in solcher Zeit in seine vier Wände gehöre. Weidlich begriff bald und verständigte ihn mit Mühe davon, daß man leider die Magd Griselle habe entfernen müßen. Theophil erwiderte durch eine Geste, daß er von der Person nie allzuviel gehalten habe. Beide Parteien schienen froh, das notwendige Nebeneinander mit Verständnis geregelt zu haben. So schwebte Theophil mit stillem Vergnügen in die Unterwelt zurück. Sie war nicht des Teufels, wohl aber des Weines. Aber es sind im Weine zwei Gewalten mächtig, es kommt nur darauf an, welche der Mensch beschwört, den Gott oder den Teufel. Das Behagen, welches der Wein verschafft, ist einem Bergbach vergleichbar, der munter über die moosigen Steine quirlt, bis zum Grunde klar und lieblich. Indem er aber gemach hier und da andere Quellen aufnimmt, wird sein Laus breiter und wirbliger, er lugt über sein Bett hinaus, sprüht um Felsen und Hänge und ist drauf und dran, in heiterstem Lauf immer neue Bereiche zu erobern. Ein Glas Wein ist kein Glas Wein, erst wenn man den Trunk sammelt wie der Bergbach die Quellen, gerät das Herz in den Strom stillen Vergnügens und goldenen Entzückens, die Lebensfreude springt und gibt dem Tal des Alltags einen freudigen Klang. Wenn aber der Bergstrom vollgesogen ist von Nässe, Regen und Schmelzwaßern, ertränkt er Wiesen und Auen, donnert gegen die Mauern der Mühlen und jagt die Notglocke der Abwehr in den Dörfern auf. Wehe, wenn der Wein nicht mehr auf dem Tisch steht, sondern wenn er den Menschen unter den Tisch geworfen hat! Wie Wasserflut im Tal Wiesen und Felder verheert, überschwemmt er den Verstand des Menschen und macht ihn wagemutig, wo er vorsichtig sein sollte. O dunkles Getränk aus Burgund! Nie hatte Theophils Zunge so prächtige Sorten geschmeckt. Ja, nun war er über Reichtum geraten, er war voller Gelüst und probierte hier und da. Und dann trank er seßhaft im Keller, die Stunden nicht zählend. Eine Seligkeit ohnegleichen erfaßte ihn. Ihm war, als hätte ihm die Zunge wählend seines' ganzen Lebens wie ein Bleitlöppel im Munde gelegen, nun aber war fie gelöst. Die Zunge schwebte. Im Schweben fing fie ein Lied ein. Es war kein Lied. Es war ein gefangener Kranz aus Worten, und das letzte Wort b'h das erste in den Schwanz. Herbftsonnette. Von Hedwig Forst reute r. Noch einmal blüht am Weg der Rosenstrauch. Wie er so zärtlich seine Blüten hält. Daß vor der Zeit nicht eine ihm entfällt! Und sie zu rühren scheut der Wind sich auch. Vom Dorfe kommt schon erster Abendrauch, Der See liegt glatt, von keiner Bö gewellt, Ein Spiegel, der sein Rund zum Himmel hält. Als warte er auf eines Atems Hauch, Der nicht von dieser Welt, sehr sanft und still Mit leiser Botschaft durch die Bäume weht, Wenn facht das letzte Laub sich lösen will ... Ob er nicht wartend schon am Walde steht, Ein Schatten um der Felsen Steingerill, Vor dem die Kreatur in Scheu vergeht? O Fremder, der du dich im Dunkel bäumst Und aller Blüten letzten Farbenschein Tief in dich trinkst, weil jede ja schon dein, Wie lang du auch im Niedersteigen träumst, — Der du an Buchenhängen farbig schäumst Und Ranken niederreisst vom wilden Wein, Die Früchte dehnen sich in süßer Pein Und fallen vor dir nieder, wo du säumst. Ihr Rot und Gelb, der weiten Himmel Licht So ätherklar, sie strahlen nicht so hold, Wär nicht ihr Glanz der Ausklang vom Gedicht Der letzte Tropfen, der vom Becher rollt. Triumph und Schweigen in dem Nachtgesicht Und riesig ragt der Tod ins Abendgold. Das Schicksal. Von Anton P. Tschechow. Auf der Station Bologoje setzt sich der Eisenbahnzug in Bewegung. In Rauchteil des Wagens 2. Klasse sitzen im Halbdunkel fünf Passagiere, i leichten Schlaf versunken. Sie hatten soeben einen kleinen Imbiß zu 'slt genommen und versuchten, an die Rückwand gelehnt, Schlaf zu finden. Plötzlich öffnet sich die Tür, und in den Wagen tritt eine hohe, hagere stall — steif wie ein Stock mit fuchsbraunem Hut und elegantem SinteL Die Gestalt bleibt mitten im Wagen stehen und blickt mit zu- jtiüffenen Augen auf die Plätze. „Nein, auch dieser Wagen ist es nicht", murmelt er. „Der Teufel weiß, i das zugeht, es ist geradezu empörend." Ein Reisender sieht die Gestalt scharf an und ruft fregdig aus: „Iwan Alexejewitsch! Sind Sie es wirklich?" Der steife Iwan Alexeiewitsch erkennt den Reisenden, schlägt die inde zusammen: „Ha, Piotr Petrowitsch! Wieviel Winter, wieviel 6:rnmer sind es her? Ich wußte es ja gar nicht, daß Sie in diesem ige fahren." „ „Ja, sind Sie denn noch unter den Lebenden? Wie geht es Ihnen? „Es geht mir leidlich ... Doch wissen Sie, Väterchen, ich habe den ^gen verfehlt und kann ihn jetzt nicht mehr finden. Bin ich nicht em !itot?" Er wackelt und kichert dazu. „Nach dem zweiten Glockenschlag 6g ich nochmals aus, um einen Kognak zu trinken. Da ertönt das dritte ckenzeichen ... Ich springe in den nächstbesten Wagen. — Nun, bin hldenn nicht wirklich ein Idiot? Bin ich nicht der Sohn einer Henne? „Setzen Sie sich zu uns", sagt hieraus Piotr Petrowitsch, „es gereicht 6 zur Ehre, wenn Sie Platz nehmen." Iwan Alexejewitsch atmet schwer auf und nimmt gegenüber Piotr mowitsch Platz. Er sitzt wie auf Nadeln. „Wohin fahren Sie?" fragt Piotr Petrowitfch. „Mein Ehrenwort! Ha, ha ... Können Sie sich s vorstellen: ich mache ^ne Hochzeitsreise. Bin ich also nicht ein Dummkops? „Was, Sie haben sich verheiratet?" „Heute, mein Lieber! Getraut und zum Zuge." „Aus diesem Grunde", lachte Piotr Petrowitsch, „haben Sie sich wie Geck herausgeputzt." ., , „ •, , Freilich ... Zur vollkommenen Illusion habe ich mich sogar mit to.füm bespritzt . . Seit meiner Geburt habe ich mich noch nie so wohl 2r schließt die Augen. „Stellen Sie es sich einmal selber vor Ich 'le jetzt in meinen Wagen, dort auf dem Polster sitzt em Geschöpf, das Klagen mit seinem ganzen Wesen mir ergeben tft So e>ne kleine Undine mit kleinern Näschen ... mit Fingerchen . Du mem Seelchen, le»i Engel, mein molliges, kleines Seifenblaschen! Du Reblauschen ’fncr Seele! Und das Füßchen! Ich würde es am liebsten ergreifen und Wn. Ja, jetzt werde ich also in meinen Wagen gehen. Ein Lächeln Niingt mich. Ich setze mich an ihre Seite und kitzle sie mit zwei Fingern fr Sinn .. " , . ß. „ 2r lacht in glückseligster Stimmung. „Da legt man fe,"e" ...ftopr >hre kleine Schulter und umfaßt ihre Taille. Ringsum allesstill . ... Mes Dämmerlicht ...In diesen Mmuten konnte ich die ganze M' t umarmen! Piotr Petrowitsch, gestatten Sie, daß ich Sie umarn 11 beiden Freunde umarmen sich unter freudigem Gelachter der „Zur Verstärkung der Illusion gießt man seine zwei, drei Gläschen hinter die Binde. Ich bin doch ein kleiner, nichtssagender Mensch, und doch kommt es mir vor, als ob ich keine Grenzen hätte ... Die ganze Welt umfasse ich!" Die Reisenden werden von der Fröhlichkeit des angeheiterten glücklichen Jungverheirateten angesteckt, ihr Schlaf ist dahin. Jetzt haben sich an Stelle des einen Zuhörers fünf um Iwan Alexejewitsch eingefunden. Er tanzt wie auf Nadeln, er sprudelt über, fuchtelt mit den Händen und fchwatzt dazu ununterbrochen. Dann lacht er wieder, und alle lachen mit. „Die Hauptsache, meine Herren, ist, so wenig wie möglich zu denken! Zum Teufel mit all diesen Analysen. Will man trinken — also, so trinke man, ohne zu philosophieren, ob es schädlich oder nützlich ist ... All diese Philosophie und Psychologie ist nicht den>Teufel wert!" Durch den Wagen geht der Kontrolleur. „Lieber Mann", wendet sich an ihn der Neuvermählte: „Wenn Sie durch den Wagen Nummer 209 gehen werden, so suchen Sie dort die Dame mit dem grauen Hut und weißen Vogel auf und sagen Sie ihr, daß ich hier sei." „Wie Sie befehlen. Doch hat dieser Zug keine Nummer 209, dagegen die Nummer 219!" „Also 219! Das ist doch einerlei! Bestellen Sie genau dieser Dame: ,Jhr Mann ist wohl und unversehrt!'" Iwan Alexejewitsch faßt sich plötzlich an den Kopf und stöhnt? „Prügeln sollte man dich ... Und du willst ein Mann sein! Ein Idiot bist du! ... Sie dagegen! Gestern war sie noch ein Mädchen, ein Käferchen ... Man könnte es kaum glauben!" ... „In der jetzigen Zeit ist es eine Seltenheit, einen glücklichen Menschen zu sehen", sagte einer von den Reisenden. „Viel eher kannst du einen weißen Elefanten sehen." „Ja, und wer ist daran schuld?" fragt Iwan Alexejewitsch, feine langen Füße mit den überaus schmalen Spitzen ausstreckend. „Wenn Sie nicht glücklich sind, dann sind Sie selber daran schuld! Ja, und wie denken Sie darüber? Der Mensch selber ist der Schöpfer feines Glückes. Wenn Sie wollen, so können Sie glücklich werden, aber Sie wollen es ja nicht. Äartnärfig gehen Sie dem Glück aus dem Wege!" „Da haben roir’s! Aber wie denn?" „Ganz einfach! . Die Natur hat es bestimmt, daß der Mensch im gewissen Alter lieben soll. Sobald dieser Zeitpunkt gekommen ist, muß man auch aus allen Kräften lieben. Aber Sie folgen doch der Natur nicht. Immer warten Sie noch auf etwas. Und weiter ... das Gesetz schreibt vor, daß jeder normale Mensch eine Ehe eingehen muß ... Ohne Ehe gibt’s kein Glück. Ist eine günstige Zeit gekommen, nun dann heirate und zögere nicht ... aber Sie heiraten nicht. Sie warten immer noch auf etwas! Außerdem steht es in der Schrift, daß der Wein das Herz des Menschen erfreut ... Wenn es dir gut geht und du willst, daß es dir noch besser gehe, dann gehe also an das Büfett und trinke." „Ihrer Behauptung nach ist der Mensch der Schöpfer seines Glückes. Was für ein Schöpfer ist er denn, zum Teufel, wenn es nur einen kranken Zahnes ober einer bösen Schwiegermutter bedarf, damit das Glück ..." „Alles hänak vom Zufall ab. Würden Sie Unglück in Ihrer Ehe haben, bann würden Sie ganz anders fingen „Unfinn!" protestierte der Iungvermäblte. „Zufälle fürchte ich nicht, da es für solche keinen Grund gibt. Zufälle sind selten! Der Teufel hole sie! Doch wir scheinen uns der Kleinhaltestelle zu nähern." „Wohin fahren Sie eigentlich?" fragte Piotr Petrowitsch. „Nach Moskau oder irgendwohin noch weiter südlich?" „Wie ist es denn möglich, daß, wenn man nordwärts fährt, irgendwohin nach Süden kommen soll?" „Aber Moskau liegt doch nicht im Norden." „Das weiß ich, aber wir fahren ja jetzt nach Petersburg!" entgegnete Iwan Alerejewitfch. „Nach Moskau fahren wir, wenn Sie gestatten!" „Das heißt .. wieso nach Moskau?" fragt verwundert der Jung- vermählte. ~ „Sonderbar ... Wohin haben Sie die Karte gelost? „Nach Petersburg." „In diesem Falle gratuliere ich, Sie sind in den falschen Zug geraten. Eine halbe Minute vergeht unter Schweigen. Der Jungvermählte erhebt sich, stumpf streifen feine Blicke alle Fahrgäste. „Ja, ja", erläutert Piotr Petrowitsch: „In Bologoie sind Sie nicht auf den Zug aufgesprungen ... Sie wurden also durch den Kognak veranlaßt, in den entgegenkommenden Zug zu steigen." Iwan Alexejewitsch erblaßt, saßt sich an den Kops und beginnt rasch auf und ab zu gehen. „Ach, ich Idiot!" sagt er voll Entrüstung. „Ach, ich elender Kerl, der Teufel soll mich fressen! Was werde ich jetzt bloß tun? In dem anderen Zug ist doch meine Frau! Sie ist dort allein, wartet und schmachtet! Ach, ich elender Narr!" „ . v , .. , ... Der Jungvermählte fällt auf den Polstersttz zurück und krümmt sich, als wäre man ihm auf ein Hühnerauge getreten. „Ich bin ein unglücklicher Mensch!" seufzt er. — „Was werde ich nun mUrfWun 3nunmaS" trösten ihn die Fahrgäste. Das ist doch eine Lappalie. Telegraphieren Sie Ihrer Frau und versuchen Sie, sich unterwegs in einen Schnellzug zu setzen. Auf diese Art werden Sie sie einholen. Suriermg'" jammerte der Iungvermahlte, der „Schöpfer seines Glücks," — „Woher soll ich aber bas Gelb zu biefem Kurierzug nehmen? Mein ganzes Gelb hat ja meine Frau! .." Die lachenben Fahrgäste flüsterten sich etwas zu, veranstalteten eine Sammlung unb versorgten den Glücklichen mit Gelb. (Aus bem Russischen von Alexanber von Neuhoss von ber Ley.) vom Leichenhause in den Gebärsaal vers E E indbettfieber war. tiit. 3i .Er Hl Die eine 2 unb ji Sie «kn j «»sch ,voi Mit ch Sie um Im Anblick der allen, ewig sungen Lagunenstadt „Geist und Geirist zu erheitern". Und nun geschieht etwas Merkwürdiges. Als Semmelweis von (einer Urlaubsreife zurückkehrt, empfängt ihn in Wien die Nachricht vom lote des Professors der gerichtlichen Medizin Kolletschka. Hart trifft ihn 6er Verlust des vertrauten Freundes; aber fo tief der Schmerz auch ist jo scheint es nun doch, als sei dieses Sterben nötig gewesen, auf daß hinstri die Mütter leben können. Kolletschkas Tod wird nämlich für Semmelweis Sie $enfo w »t Sie ^6 er , P°i ‘Mittet „Die Mit be y, Jin Si Sin ..Der ifl«6t ?’en .i.Djs 11 ein Sfr L Hit . Die Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange — Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei, R. Lange, Giehett.i gung. Hinzu kamen die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit manch» Aerzte sowie Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit der Krank«» Haus-Verwaltungen. Das; Semmelweis für die Geburtshilfe allerpeinlldr» Sauberkeit und Chlorwasfer-Wafchungen nicht nur der Hände, sand« auch der Instrumente, der Bettwäsche usw. forderte, war schon schllm« denn es war dem damals vielerorts herrschenden Schlendrian im Hochs' ® Grade unbequem. Biel schlimmer aber noch war, daß Semmelweis i« unbestechlicher Schonungslosigkeit immer wieder die, peinliche Antbi» in die Welt hinaus^) «staunte, die Aerzte selbst seien es, die bei mangelnM Sauberkeit durch dte Verschleppung des Kindbettfiebers zu den Mördr® der Mütter würden. brecher und Wegbereiter einer neuen Zeit gepriesen. , I Et Weit gefehltl Wer solches annimmt, hat keine Ahnung von dem Bt- ®)t»el harrungsvennögen damaliger professorlicher Weisheit; und das ©oetti.” Ein wort: „Wir gestehen lieber unsere moralischen Irrtümer, Fehler utti Wit« Gebrechen als unsere wissenschaftlichen" erfuhr nun traurigste Bestä» Oer „Hefter der Mütter". von vr. Gerhard Benzmer. Mit Erlaubnis des Verlags Knorr 8- Hirth, München, entnehmen wir dem neuen Buch von Dr. Gerhard Benzmer „Wissenschaft besiegt Mikroben" die nachstehende Leseprobe, wie Ignaz Philipp Semmelweis die Ursachen des Kindbettfiebers erkennt und damit zum „Reiter der Mütter" wird. Das reichillustrierte Werk bringt 30 dramatische Ausschnitt« aus dem Kampf der Wissenschaft gegen die Bazillen, die kleinsten, aber furchtbarsten Feinde der Menschheit. Darüber hinaus schafft es Aufklärung über die unheilvolle Bedeutung der übertragbaren Krankheiten und gibt viele Hinweise für deren Erkennung, Bekämpfung und Verhütung. Am Wiener Allgemeinen Krankenhaufe gab es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zwei voneinander getrennte Gebürkliniken, die sich täglich im Aufnahmedienst abwechselten. Obgleich die Bedingungen der Unterbringung, der Verpsiegung, der ärztlichen Versorgung usw. in beiden durchaus gleich waren, bestand doch ein überaus gewichtiger Unterschied zwischen ihnen: die Erste Gebärklinik, an der die Studierenden der Medizin ihre Ausbildung in der Geburtshilfe genoffen, war als Fieberbölle berüchtigt, und man wußte nur zu gut, daß die Einweisung in diese Abteilung für allzuviele, mindestens für 10, ja bisweilen 30 v. H. der Wöchnerinnen das Todesurteil bedeutete. Auf der Zweiten Gebärklinik dagegen, die der Unterrichtung der Hebammen diente, betrug die Sterblichkeitszahl nur etwa 3 v. H., und niemand wußte den Grund für diese merkwürdige Unterschiedlichkeit anzugeben. Aber dies wußte man, und vor allein auch das Publikum wußte es: daß in der Ersten Klinik das grauenvolle Gespenst des Kindbettsiebers umging und der Wöchnerinnen harrte. Und fo war's nicht im geringsten verwunderlich, daß die werdenden Mütter mit aller Gewalt, mit Lift und Betrug, mit Lüge und Verstellung dem Verderben zu entrinnen und sich in die Zweite Gebärklinik hineinzumogeln suchten. zum grellen Lichtstrahl, der in das Dunkel der Kindbettfieber-Entstehuuz fällt. L)er Professor der Gerichtsmedizin war auf seltsame Welfe um Leden gekommen; ein Student hatte ihn bei einer Leichenöffnung ouj Unachtsamkeit mit einem Sektionsmesser am Finger verlegt. Daraus barte Kolletschka eine Blutvergiftung bekommen, der er alsbald erlegen wir, In Semmelweis' Hirn wirbeln die Gedanken durcheinander, llch urplötzlich kommt er sich wie ein Mörder vor. Sollte das Kindbettfieder etwa auch eine allgemeine Blutvergiftung fein; sollten am Ende gar er und seine Studenten allmorgendlich di« Ursache der schrecklichen Krankheit “ schleppt haben? ... t den Augen. Daher die ungiech mutterwandung eine einzige riesige Höhlenwund«! ... Das ist eine niederschmetternde, aber zugleich auch erleuchtende (*:• kenntnis; und Semmelweis, von unbestechlichem Willen zur Wahrhill' beseelt, zögert keinen Augenblick, aus ihr die notwendigen FolgeruiM zu ziehen. Sofort ordnet er an, daß jeder, der eine Wöchnerin beruhet,; sich zuvor aufs peinlichste zu reinigen und dann noch die Hände gründlich । mit Chlorwasser zu waschen habe. Mit geradezu fanatischer Sorgfull wacht er über der Innehaltung dieser Vorschriften; und wenn sich auch die Studenten anfangs über ihn lustig machen, so zeigt sich's doch bo.il, wie berechtigt sein Eifer ist. Denn der Erfolg bleibt nicht aus: wähn iü noch im April des Jahres 1847 in der Ersten Klinik 18 von hunt»cl Wöchnerinnen vom Kindbettsieber dahingerassl worden waren, ftcrtun — nachdem Semmelweis im Mai die Chlorwaschungen eingesührl hat - im Juni noch etwas mehr als zwei und im Juli gerade noch eine toi Hundert, so daß die Sterbezahl auf der ehemals so verrufenen Erstti« Klinik nun sogar die der wohlbeleumundeten Zweiten unterbietet! Geiitv melweis ist im vollsten Sinne des Wortes zum „Retter der Mülle:' geworden! i . ji J Man sollte nun glauben, die Wissenschaft Hove dem, der so Grotzu Es vollbrachte und die Richtigkeit seiner Anschauung durch schlagend« Ersolltt unter Beweis stellen konnte, einmütig zugejubelt und ihn als den B*1 Mißglückte ihnen dies, und wurden sie dennoch in die Erste Klinik eingewiesen, so spielten sich allemal herzzerreißende Szenen ab, und die Unglücklichen flehten schluchzend und kniefällig, man möge sie in die Zweite Klinik legen ober lieber wieder nach Hause schicken. Sie wußten allzu genau, daß die ärztliche Behandlung auf der Ersten Klinik nahezu gleichbedeutend mit der Erkrankung an Kindbettsieber war. Wie Schuppen fällt es ihm nun von den Augen. Daher die unglech geringere Sterblichkeit auf der Zweiten Klinik; die Hebammen, bie bet ausgebilbet werben, haben nichts mit Sezierübungen zu tun! Den Studenten aber, die in der Ersten Klinik hantieren, hat er selbst jeden Morgm vor der Visite die Wirkungen des Kindbettfiebers im Leichenhause an Sm Verstorbenen vor Augen geführt! Und wenn fie bann die Ursache btr Seuche mit in ben Kreißsaal brachten, so war nicht einmal noch eti»; besondere Verletzung notwendig wie bei dem Unglückssall seines Freundist Kolletschka; denn nach der Geburt ist ja ohnehin die ganze innere ®efrö > Diese einfache und handgreifliche Schlußfolgerung, nach der das Fieber eine Folge der Untersuchung und Versorgung durch die Aerzte darstellte, war für die einfachen Gemüter der Mütter eine gefühlsmäßige Selbstverständlichkeit; — nur natürlich nicht für die Aerzte selbst. Diese ergingen sich vielmehr in allerlei unglaublichen Theorien für das Massensterben in der Ersten Klinik; sie verbrämten, wie dies so gern geschieht, ihre Unkenntnis mit unverständlichen Fremdwörtern, sprachen von einem „atmosphärisch-kosmisch-tellurischen Miasma", von einer Herabsetzung der Widerstandskraft durch Verletzung des Schamgefühls bei den durch Studenten untersuchten Wöchnerinnen, und dergleichen Unsinn mehr. Nur einer gab sich mit solchen, in hochtönende Worte eingekleideten Albernheiten nicht zufrieden: der deutsch-ungarische Assistent der Klinik Ignaz Philipp Semmelweis. Er war 1818 in Budapest als Sohn eines Kaufmanns geboren und hatte anfangs in Wien Rechtswissenschaften studiert. Als er aber gelegentlich mit einem befreundeten Medizinstudenten eine Anatomie-Vorlesung besuchte, fesselte ihn die Lehre vom menschlichen Körper in solchem Maße, daß er kurz entschlossen und ohne Trauer Jura Jura sein ließ und Mediziner wurde. Als Sondersach wählte er sich die Geburtshilfe, und als er fein« Examina bestanden und feine Ausbildung beendet halte, wurde er Assistent an der berühmten und zugleich berüchtigten Ersten Gebärklinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Seine Kollegen und Vorgesetzten hatten sich längst an das Massensterben in der Klinik gewöhnt. Sie waren im Lause der Jahre abgestumpft gegen das immer gleiche Bild des Jammers, gegen den Anblick jener unglücklichen Mütter, die mit Schüttelfrösten und Fieber, mit aufgetriebenem Bauch unb unerträglichen Unterleibsfchmerzen dem Tage entgegengingen, da sie sich für immer von den kleinen Wesen trennen mußten, denen sie eben erst das Leben gegeben hatten. Aber Semmelweis war von anderer Natur. Er halte ein empfindsames Herz, das von dem immer wiederkehrenden trostlosen Erlebnis nicht abgestumpft, sondern jedesmal nur noch tiefer betroffen wurde; und je öfter er das Läuten des Glöckleins vernahm, das ben Priester auf seinem Wege zu den Sterbenden begleitete, um so mehr wurde es ihm. wie er selbst schreibt, zur peinlichen Mahnung, der unbekannten Ursache des Unheils mit allen zur Verfügung stehenden Kräften nachzuspüren. So geht er mit dem ihm eigenen Fanatismus ans Werk; unb während feine Kollegen den überkommenen Unsinn immer weiter nachbeten sucht Semmelweis in eigenem Forschen ben Ursachen des mörderischen'Kinb- betlfiebers auf den Grund zu kommen. Allmorgendlich begibt er sich, bevor die eigentliche Klinikarbeit beginnt, mit feinen Stubaiten ins Leichenhaus der Krankenanstalt, untersucht, zerschneidet und mikroskopiert; und dann wendet man sich von ben Toten den Lebenden zu, hoffend es möchten sich die im Leichenhaus gewonnenen Erkenntnisse zu Nutz 'und Frommen der jungen Mütter verwerten lassen. Allein, des Priesters Glocke tönt nach wie vor durch die Gänge des Spitals; und je öfter Semmelweis das Läuten vernimmt, um so unerträglicher wird es ihm. So furchtbar drückt ihn der Jammer, ben er tagtäglich mit anfehen muß, daß er schon damals gemütskrank zu werden droht. Er fühlt es, daß eine Ausspannung, «in Wechsel der Umgebung nötig Ist, um ihn vom Schlimmsten zu bewahren; und fo unternimmt er als der Frühling des Jahres 1847 ins Land zieht, eine Reife nach Venedig, Seine Fachgenosien, die zünftigen Profefforen der Geburtshilfe, bebint vor Zorn. Was fiel diesem jungen Assistenten ein? Man wußte sich nioö. besser zu helfen, als indem man der von Semmelweis immer wieder iroj leidenschaftlicher Ueberzeuaung erhobenen Forderung, das „Morden müsse aufhören, dünkelhafte Ablehnung und eingebildete Besserinissm» ober gar offenen Hohn unb Spott entgegensetzte. Die hochgelahrten Heren« faselten weiter von ihrem „atmosphärisch-kosmisch-tellurischen Miasnm dem man nun einmal nicht entgehen könne; und als ihnen Semmeln>Wl der mit fanatischer Unentweatheit fein Ziel verfolgte, gar zu unbequt:«1 wurde, machten fie reinen Tisch; — den Universilütsgewalligen kann ' es ja nicht allzu schwer fallen, den breiunddreißigjährigen Assistenten Strecke zu bringen... Kaum hat er Wien verlassen unb ist in feine Vaterstabt Pest ’uru'i' gekehrt, so steigt die Sterblichkeit in der zuvor von ihm betreuten ®eb®f' klinik wieder fürchterlich an. Die Aerzte und der Chef lassen ben Ding'® ihren Lauf — in Wien sowohl wie in allen übrigen Gebärkliniken; uire die Ohnmacht, mit der Semmelweis zujehen muß, wie auf der ganz'' Welt die Mütter unnötig hingemordet werden, die Verbitterung ulr“ maßlose Enttäuschung eines Mannes, der in heiligster UeberzeugunW' treue das Beste unb Richtige wollte, aber sich gegen ein Uebermaß w Gleichgültigkeit und Gemeinheit nicht durchzusetzen vermochte, mögen Do beigetragen haben, den Verlauf einer Gehirn- und RückenmorkskvankY!'M die Semmelweis befallen hatte, zu beschleunigen. Sein Geist umnaan®1 sich, und al? 47jähriger starb Semmelweis in der Irrenanstalt Döbli>fl bei Wien. Eine Laune des Geschickes wollte es, daß zu seiner elgenNia" Todesursache eine eiternde Fingerwuirde wurde, die zu allgemeiner biii Vergiftung führte. So ging er an der gleichen Krankheit zugrunde, ® damals feinen Freund Kolletschka hingerafst halt« unb die recht eigenu" zum zündenden Funken für die Semmelweisfche Entdeckung genioro»; war. —