SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang Montag, den b. März Nummer [9 öteungcn Ä)wrungen Aoman Son Theoöo» Montane 3. Fortsetzung. Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepke- chen Schaufenster und ging dann, über den Pariser Platz hin, auf das Cor und die schräg links führende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wölfchen Löwengruppe Haltmachte. Hier sah er nach der Uhr. „Haob eins. Uso Zeit." Und so wandt' er sich wieder, um auf demselben Wege nach :ien Linden hin zurückzukehren. Vor dem Redernschen Palais sah er Leutnant len Wedell von den Gardedragonern aus sich zukommen. „Wohin, Wedell?" „In den Klub. Und Sie?" „Zu Hiller." „Etwas früh." „Ja. Aber was hilft's? Ich soll mit einem alten Onkel von mir früh- Lcken, neumärkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Deutsch, deutsch, Stentsch liegen, — lauter Reimwörter auf Mensch, selbstver- Sndlich ohne weitre Konsequenz oder Verpflichtung. Uebrigens hat er, ch meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment gestanden. Freilich lange her, i-fte vierziger Jahre. Baron Osten." „Der Wietzendorfer?" „Eben der." „O, den kenn ich, das heißt dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Weine Großmutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck i.if dem Kriegsfuß steht?" „Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Klub läuft fönen nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei- (*rab so gut wie um eins. Der Alte schwärmt noch immer für Dragoner- lau mit Gold und ist Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu feuen." „Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung." „Mit Vergnügen." Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte t aten bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und war äugen» peinlich erfreut, als Botho vorstellte: „Leutnant von Wedell." „Ihr Herr Neffe..." „Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell l ißt, ist mir willkommen, und wenn es diesen Rock trägt, doppelt und deifach. Kommen Sie, meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhlmd Tischdefilee herausziehen und so gut es geht nach rückwärtshin kon- jmtrieren. Sonst nicht Preußensache; hier aber ratsam." Und damit ging er, um gute Plätze zu finden, vorauf und wählte nach Anblick in verschiedene kleine Kabinetts schließlich ein mäßig großes, mit mem lederfarbenen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten uub dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu s vierte Kuvert entfernt, und während die beiden Offiziere Pallasch uub Säbel in die Fensterecke stellten, wandte sich der alte Baron an den klberkellner, der in einiger Entfernung gefolgt war, und befahl einen Jummet und einen weißen Burgunder. „Aber welchen, Botho?" „Sagen wir Chablis." , „Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber k daß die Karaffe befchlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lilbet Wedell hier, Botho du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrühte Sundstagshitze nicht wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin, dÄ immer schöner wird lso versichern einen wenigstens alle, die nichts kesseres kennen), Ihr schönes Berlin hat alles, aber keine Luft." Und dföei riß er die breiten Fensterflügel auf und setzte sich so, daß er die breite Bnttelöffnung gerade vor sich hatte. Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. ^"ll Unruhe nahm der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und icmitt es mit ebensoviel Hast wie Virtuosität in Schrägstucke, bloß um "was zu tun zu haben. Dann ließ er das Messer wieder fallen und reichte "-bell die Hand. „Ihnen unendlich verbunden, Herr von Wedell, und liillanter Einfall von Botho, Sie dem Klub auf ein paar Stunden ab» nstig gemacht zu haben. Ich nehm es als eine gute Vorbedeutung, laich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begrüßen zu I lind nun begann er einzuschenken, weil er feiner Unruhe nicht länger Ibttt bleiben konnte; befahl, eine Cliquot kalt zu stellen und fuhr dann fort: 'Eigentlich, lieber Wedell, find wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit •enen wir nicht verwandt wären, und wenn's auch bloß durch einen Scheffel Erbsen wäre; neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell, alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die große Schere. Die Scheren find immer das beste ... Aber, was ich sagen wollte, alte Liebe rostet nicht, und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu: Gott sei Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war das ein Mannl Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte, wenn er einen dann ansah, den Ijätt ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten hätte. Richtiger alter Ostpreuße noch von Anno 13 und 14 her. Wir fürchteten ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr von Wedell, wer mein Rittmeister war In diesem Augenblick tarn auch der Champagner. „Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg." Herr von Wedell verbeugte sich, während Botho leichthin sagte: „Gewiß, man kann es sagen." Aber das war nicht klug und weise von Botho, wie sich gleich Herausstellen sollte; denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot über den ganzen kahlen Kopf weg, und das bißchen krause Haar an seinen Schläfen schien noch krauser werden zu wollen. „Ich verstehe dich nicht, Botho; was soll dies ,Man kann es sagen', das heißt soviel wie ,Man kann es auch nicht sagen'. Und ich weiß auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, daß ein gewisser Kürassierossizier aus der Reserve, der im übrigen mit nichts in Reserve gehalten hat, am wenigsten mit revolutionären Maßnahmen, es will anbeuten, sage ich, daß ein gewisser Halber- ftäbter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat allerpersön- lichst gestürmt und um Sedan herum den großen Zirkel gezogen habe. Botho, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf ihn zu sprechen war, ich weiß das, und hat eigentlich nichts gelernt, als Depeschen schreiben. Soviel will ich ihm lassen, das versteht er, oder mit anderen Worten: er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Federfuchser haben Preußen groß gemacht. War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der bei Leuthen ein Federfuchser? War Blücher ein Feder- suchser ober Bork? Hier sitzt die preußische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden." „Aber, lieber Onkel..." „Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Botho, zu solcher Frage, dazu gehören Jahre; derlei Dinge versteh ich besser. Wie steht es denn? Er stößt die Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und rund heraus: er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl ober Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag ich, auf die Festung, Festung ist für anständige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft hier. Verdammtes Nest." Und er erhob sich und riß zu dem bereits ossenstehenden Mittelflügel auch noch die beiden Nebenflügel auf, so daß von dem Zuge, der ging, die Gardinen und das Tischtuch ins Wehen tarnen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit über die Stirn. „Ah", fuhr er fort, „das Stück Eis hier, das ist das beste vom ganzen Frühstück.. Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab ich recht oder nicht? Botho, Hand aufs Herz, hab ich recht? Ist es nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverratsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie ... vornehmer als die Bismarcks, und so viele für Thron und Hohenzollerntum gefallen, daß man eine ganze Leibkompanie daraus formieren könnte, Leibkompanie mit Blechmützen, und der Äoitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, daß nicht auch das noch herausgedrückt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen Sie. Glauben Sie mir, daß ich andre Meinungen hören und ertragen kann; ich bin nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie." Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Ausgleichs- und Beruhigungsworte: „Gewiß, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, daß der Schwächere darauf beraten müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie Politik; es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht." „Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?" „Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch ein Appell. Und um nichts zu verschweigen: ich kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was die Schwäche nicht bars, da« darf Me Reinheit, die Reinheit der Ueberzengung, die Lauterkeit der Gesinnung. Die hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die Pflicht dazu. Wer aber hat diese Lauterkeit? Hatte sie. . . Doch, ich schweige, weil ich lueber Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen, verletzen möchte. Sie wissen aber, auch ohne daß ich es sage, dass er, der das Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung nicht hatte. Der bloß Schwächere darf nichts, nur der Reine darf alles." „Nur der Reine darf alles", wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen Gesicht, daß es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen sei. „Der Reine darf alles. Kapitaler Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der letzten Herbst den Kampf mii mir ausgenommen und ein Stück von meinem Acker zurückgesordcrt hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, bloß um des Prinzips und seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürse. Schlauer Fuchs. Aber der Reine darf alles." „Du wirst schon nachgeben in der Psarrackersrage", sagte Botho. „Kenn ich doch Schönemann noch von Scllenthins her." „Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres, als die Schulstunden abkürzen und die Spiclstunden in die Länge ziehen. Und konnte Reisen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt und du würdest den Schönemann, der der gnädigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber muß ich ihm lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am besten deine Käthe..." Botho sah den Onkel verlegen an, säst als ob er ihn um Diskretion bitten wolle. Der alte Baron aber, übersroh, das heikle Thema so glücklich beim Schöpse gefaßt zu haben, fuhr in überströmender und immer wachsender guter Laune fort: „Ach laß doch, Botho. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der Geschichte so gut wissen, wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche Dinge. Du bist doch so gut wie gebunden. Und weiß es Gott, Junge, wenn ich so die Frölens Revue passieren lasse, ne bessre findest du nicht; Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, höre ..." Wedell, der Bothos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und fagte: „Die Sellenthinfchen Damen find alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norderney, charmant, aber ich würde der zweiten den Vorzug geben..." „Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer und wir können gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen, wenn Kluckhuhn, der, wie alle Alten, empsindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarr- acker ohne weiteres zedieren, wenn ich solche Hochzeit zwischen heut'und einem Jahre erlebe. Sie sind reich, lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich unfern Freund Botbo an. Daß er so wohlgenährt aussieht, das verdankt er nicht seiner Sandbüchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee. ,Muränensee', das klingt wundervoll, und man könnte beinahe sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man kann von Muränen nicht leben. Ich weiß, du hörst nicht gerne davon; aber da wir mal dabei sind, so muß es heraus. Wie liegt es denn? Dein Großvater hat die Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig — ein kapitaler Mann, aber ich habe keinen Menschen je so schlecht Lomber spielen sehn und so hoch dazu — dein Vater selig, sag ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden übriggeblieben ist, ist nicht viel, und die dreißigtausend Taler sind auch längst wieder sort. Wärst du allein, so möcht es gehn; aber du mußt teilen mit deinem Bruder, und vorläufig hat die Mama, meine Frau Schwester Liebdeu, das Ganze noch in Händen, eine prächtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite gefallen. Botho, wozu stehst du bei den Kaiferkürassieren, und wozu hast du eine reiche Kusine, die bloß darauf wartet, daß du kommst und in einem regelrechten Anträge das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben, als ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre, wenn ich morgen aus der Rückreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte: ,Liebe Josephine, Botho will, alles abgemacht', höre, Junge, das wäre mal was, das einem alten Onkel, der's gut mit dir meint, eine Freude machen könnte. Reden Sie zu, Wedell, es ist Zeit, daß er aus der Garyonschaft herauskommt. Er vertut sonst sein bißchen Vermögen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen Bourgeoise. Hab ich recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen wir noch anstoßen. Aber nicht mit diesem Rest..." Und er drückte aus die Klingel. „Eine Heidiieck. Beste Marke." Achtes Kapitel. Im Klub besanden sich eben um diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den Garde du Korps, schlank, groß und glatt, der andere, von den Pasewalkern abkommandiert, etivas kleiner, mit Vollbart und nur vorschristsrnähig freiem Sinn. Der weiße Damast des Tisches, dran fie gesrühstückt hatten, war zurückgeschlagen, und an der sreigewordenen Hälste saßen beide beim Pikett. „Sechs Blatt mit ner Quart." „Gut." „Und du?" „Vierzehn As, drei Könige, drei Damen... Und du machst keinen Stich." Und er legte das Spiel ans den Tisch und schob im nächsten Augenblick die Karten zusammen, ivährend der andere mischte. „Weißt du ichon, Ella verheiratet sich." „Schade." „Warum schade?" „Sie kann dann nicht mehr durch den Reisen springen." „Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie." „Doch mit Ausnahme. Biele Namen aus der Zirkusaristokratie blühen schon in der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermaßen aus Wechselzustäiide von schlank und nicht schlank ober, wenn du willst, aus Neumoub und erstes Viertel usw. hinweist." „Irrtum. Error in calculo. Du vergißt Adoption. Alle diese Zirkusleute find heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden. Immer frisches Blut. Heb ab... Uebrigens hab ich noch eine zweite Nachricht. Afzelius kommt in den Generalstab. „Welcher?" „Der von den Ulanen." „Unmöglich." .... „ ... , „Moltke hält große Stücke aus ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit gemacht haben." .... „Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein bißchen sindig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke." „Quart. Vierzehn As." „Quint vom König." t . Und während die Stiche gemacht wurden, hörte man,n dem Billard- zimmer nebenan das Klappern der Bälle und das Fallen der «einen Boulekegel. Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hinteren Klubzimmern, die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten hinaussahen, versammelt, aNe schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist oder Domino verliest, nicht zum wenigsten die zwei pikettspielenden Herren, die sich eben über Ella und Aszelius unter- halten hatten. Es ging hoch, weshalb beide von ihrem Spiel erst wieder aussahen, als sie, durch eine offne Rundbogennifche, von dem nebenher- laufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings gewahr wurden. Es war Wedell. m .... „Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten nntbrmgen, fo belegen wir Sie mit dem großen Bann." „Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung. „Aber doch beinahe. Uebrigens finden Sie mich perfönlich in nach- giebigster Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points verloren, ist Ihre Sache." Dabei schoben beide die Karten beifeit, und der von dem herzukommenoen Wedell als Serge Begrüßte zog feine Remontoiruhr und sagte: „Drei Uhr fünfzehn. Also Kassee. Irgendein Philosoph, und es muß einer der größten gewsen fein, hat einmal gesagt, das fei das Beste am Kassee, daß er in jede Situation und Tagesstunde hineinpasfe. Wahrhaftig. Wort eine« Weisen. Aber wo nehmen wir ihn? Ich denke, wir setzen uns draußen aus die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr man das Wetter brüskiert, desto besser sährt man. Also, Pehlecke, drei Tassen. Ich kann das Umfallen der Boule- feget nicht mehr mit anhören, es macht mich nervös; draußen haben wir freilich auch Lärm, aber doch anders, und hören statt des fpitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv oder Aetna zu sitzen. Und warum auch nicht? Alle Genüsse sind schließlich Einbildung, und wer die beste Phantasie hat, hat den größten Genuß. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist eigentlich das einzig Reale." „Serge", sagte der andere, der beim Pikettspielen als Pitt angeredet worden war, „wenn du mit deinen berühmten großen Sätzen so fort» fährst, fo bestrafst du Wedell härter, als er verdient. Außerdem hast du Rücksicht aus mich zu nehmen, weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den lawn im Rücken, diesen Eseu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Ausenthalt sür Seiner Majestät Garde! Was wohl bet alte Fürst Pückler zu biesem Klubgarten gesagt haben würbe! Pehlecke ... so, hier ben Tisch her, jetzt geht's. Unb zum Schluß eine Kuba von Ihrem gelagertsten Lager. Unb nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen werden soll, schütteln Sie Ihr Gewanb, bis ein neuer Krieg heraussällt ober irgendeine andere große Nachricht. Sie sind ja durch PuttkaMers mit unserem lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch ich nicht erst hinzuzusetzen. Was kocht er wieder?" „Pitt", jagte Wedell, „ich beschwöre Sie, nur keine Bismarcksragen. Denn erstlich wissen Sie, daß ich nichts weiß, weil Vettern im siebzehnten Grad nicht gerade zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten gehören; zum zweiten aber komme ich, statt vom Fürsten, recte von einem Bolzenschi-Tie n her, das sich mit einigen Treffern und vielen, vielen Nichttresfern gegen niemand anders als gegen Seine Durchlaucht richtete." „lind wer >var dieser kühne Schütze?" „Der alte Baron Osten, Rienäckers Onkel. Scharmanter alter Herr und Bon-Garcon, aber freilich auch Pfiffikus." „Wie alle Märker." „Bin auch einer." „Tant mieux. Da wissen Sie's von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache. Was sagte der Alte?" „Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto wichtiger: Rienäcker steht vor einer scharfen Ecke." „Und vor welcher?" „Er soll heiraten." „Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Rienäcker siebt vor einer viel schärferen: er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die Heiratsecke. Heiraten ist sür Rienäcker keine Gesahr, sondern die Rettung. Uebrigens hab ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?" „Eine Kusine." „Natürlich. Retterin und Kusine sind heutzutage säst identisch. Unb ich wette, daß sie Paula heißt. Alle Kusinen heißen jetzt Paula." „Diese nicht." „Sonbern?" „Käthe." „Käthe? Ah, da weiß ich's. Käthe Sellenthin. Hm, nicht übel, glänzende Partie. Der alte Sellenthin — es ist doch der mit dem Pslaster übernt Auge? — hat sechs Güter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Käthe noch als Zuschlag. Gratuliere..." (Fortsetzung folgt.) Wer kaust Liebesgötter? Von 3.ffl.ooii Goethe. Von allen schönen Waren, Zum Markte hergesahren. Wird keine mehr behagen, Als die wir euch getragen Aus fremden Ländern bringen. O höret, was wir singenl Und seht die schönen VögrlI Sie stehen zum Verkauf. Zuerst beseht den großen, Den lustigen, den losen! Er hüpfet leicht und munter Von Baum und Bufch herunter; Gleich ist er wieder droben. Wir wollen ihn nicht loben. O seht den muntern Vogel! Er steht hier zum Verkauf. Betrachtet nur den kleinen, Er will bedächtig fcheinen, Und doch ist er der lose. So gut als wie der große; Er zeiget meist im stillen Den allerbesten Willen. Der lose kleine Vogel, Er steht hier zum Verkauf. O seht das kleine Täubchen, Das liebe Turtelweibchen! Die Mädchen sind so zierlich, Verständig und manierlich, Sie mag sich gerne putzen Und eure Liebe nutzen. Der kleine, zarte Vogel, Er steht hier zum Verkauf. Wir wollen sie nicht loben, Sie stehn zu allen Proben. Sie lieben sich das Neue; Doch über ihre Treue Verlangt nicht Brief und Siegel! Sie haben alle Flügel. Wie artig sind die Vögel, Wie reizend ist der Kauf! Cordula Königin. Von Otto Anth^s. Am letzten September des Jahres 1519 traf mit dem sinkenden Abend in der Fuhrmannsherberge des Hinrich Blom vor dem Holstentor in Libeck ein junger Mann in bäuerlicher Tracht ein, der allem Anschein nach einen weiten und mühseligen Weg hinter sich hatte. Er stellte einen derben Stecken, wie ihn die Ochsentreiber führten, wider die Wand, fetzte |«h an einen Tisch für sich allein und verlangte ein warmes Bier sowie men Boten, den er alsbald mit einem Brieflein in die Stadt schickte. Sie übrigen Gäste der Schenke, Fuhrleute und Viehtreiber, die in dem Ankömmling einen der Ihrigen vermuteten, versuchten ihn in ein Gespräch ju ziehen. Allein er antwortete saumselig und mit einem fremden Bei- licng in se/.ner Sprache, so daß diejenigen, die anfänglich nur neugierig zeivesen waren, bald mißtrauisch wurden. Unruhe, Drohung und Feind- lifaft von Dänemark her waren dazumal tägliches Brot für Lübeck, und das Volk sah Kundschafter und Einschleichlinge in jedem Fremden. Einer noch dem andern, wenn er einmal austrat, blieb im Vorbeigehen vor dem ükrdächtigen stehen, stemmte die Faust auf den Tisch und sagte: „Hm?" «der „Ho!", um ihn herauszufordern. Der aber saß geneigten Hauptes Md rührte sich nicht; man konnte nicht unterscheiden, ob aus Trotz oder «us Müdigkeit. Der Wirt war für das letztere und begütigte nach Kräften. Die Leute aber redeten sich immer tiefer in die Erregung hinein, und »letzt drangen sie in einem Hauken gegen den verhaßten Tisch vor. Da iif)raf der Fremde auf, griff nach seinem Stecken an der Wand und richtete sich mit einem Ruck in seiner ganzen schlanken Länge empor, daß die Andringenden einen Augenblick stutzten. Oer Wirt kreischte dazwischen. Ater dieser Schrei, der abmahnen sollte, stachelte gerade die unverständige ®it der Angreifer von neuem. Geballte Fäuste streckten sich zur Decke, «in Durcheinander von Drohungen und Hetzworten wirbelte durch die Stube, der Fremde holte mit seinem Stecken aus, und drei Atemzüge Ipöter wäre eine wüste Schlägerei im Gange gewesen — wenn nicht plötzlich eine helle herrische Stimme den Lärm übertönt hätte: „Ist hier der Teufel las?" _ „ Wenn der Teufel selbst dazwischengefahren wäre, hätte er das Bild oifht schneller verändern können. Denn nicht nur, daß die pelzverbrämte Eämube und der ebenfalls mit Pelz besetzte Hut ein verblüffendes Ereignis in der kahlen Schenke waren; der darin steckte, hieß Cord König und war der volkstümlichste Mann von Lübeck, kühn als Kaufmann wie alle Frei- beuker, von dessen Geschäften und Kaperfahrken dke ganze Ostsee rebef?. Die Fuhrleute und Ochsentreiber, die sich eben noch als Herren, Richter und Rächer gefühlt hatten, wichen scheu zur Seite, machten linkische Kratz» süße und drückten sich zu ihren Tischen. Rur der Fremde blieb mit erhobenem Stecken vor seiner Wand stehen, so als ob er in dieser Haltung wiederum eingeschlafen wäre. Cord König trat schnellen Schrittes aus ihn zu und sagte halblaut: „Kommt, Junker!" Worauf der Angeredete seinen Stecken sinken lieh und jenem alsbald zur Tür hinaus folgte, ohne noch einen Blick auf feine vorigen Dränger geworfen zu haben. Eilfertig und schweigend durchschritten die beiden in der einbrechenden Dämmerung das Holstentor und begannen eben die Straße zum Markt hinauszusteigen, als hinter ihnen Pserdegetrappel in der Wölbung des, Tores widerhallte. Der Junker fuhr herum und flüsterte: „Erich Banner!" Da ergriff Cord König seinen Schützling beim Arm und zog ihn seitwärts in eine Haustür. Und aus dem Dunkel heraus sahen sie, selber unsichtbar« von einigen Knechten gefolgt, einen langen hageren Ritter vorüberziehen, der mit vorgestrecktem Kops zu Pferde saß wie einer, der auf der Jagd nach einem fliehenden Wilde spürt. „Er ist's!" murmelte der Junker. Cord König lacht kurz aus. „Um die eine Kanne Biers zu spät, Herr Ritter", sagte er, „die Ihr unterwegs habt trinken müssen." Zwei Monate und zwei Tage verschlief der schwedische Junker Gustav Erichson im Hause Cord Königs an der Breiten Straße. Und als er dann auswachte, konnte sein Gastfreund ihm schon erzählen, daß der Ritter Erich Banner aus Kalloe, dem der Junker entslohen war, mit seinem Begehren auf Auslieferung des Flüchtlings vom Rate abgewiesen und im Zorn um die sechstausend Reichstaler, damit er sich beim Dänenkönig jür seinen Gefangenen verbürgt hatte, davongeritten sei. „Des weiteren", fuhr Cord König fort, „habe er den Rat, insbesondere die beiden Bürgermeister Nikolaus Broms und Hermann von Plännies, nicht abgeneigt gesunden, den Junker zu unterstützen, falls er in (einem Vaterlande einen Aufstand gegen die Dänen erheben wollte. Und für die Zurüstung mit Geld und Gerät", meinte er, „laßt mich und meine Genossen von der Kaufleutekompanie sorgen!" Dies alles und noch manches andere, das sich aus die derzeitigen Händel zwischen Dänemark, Schweden und Lübeck bezog, wurde im Beisein der Tochter Cord Königs besprochen, die Cordula hieß und dem Vater das Hauswesen führte, da die Mutter fest langem verstorben war. Und sie war nicht bloß dabei, sondern gab auch ab und an ein Wort dazu, ja, der Vater wandte sich öfters zu ihr, sie um ihre Meinung zu befragen ober sich an etwas erinnern zu lassen, was ihm entfallen war. Junker Gustav machte große Augen. Noch nie war ihm ein Weid vorgekommen, das dergestalt in geheimen Männerdingen bewandert war und damit umging, wie eine andere mit ihren Kochtöpfen. Und dabei war sie nicht etwa eine Struzel, sondern ein stattlich Mädchen von starken, doch weichen Gliedern und mit einem feinen, hochmütigen Gesicht. Er mußte sie immerfort an* sehen und war so in Gedanken um sie, daß er kaum noch hörte, was Cord König weiterhin sprach, und zusammenfuhr, als der mit nachdrücklicher Stimme schloß: „Das alles sind wir willens für Euch zu tun, falls Ihr der Mann dazu seid." „Wozu?" fragte er kopflos. Aber Cord König nickte nur, als ob sie sich auch ohnehin verstünden, wie es unter Staatsmännern der Brauch fei. — Der Aufenthalt des Junkers im Hause Cord Königs zog sich über Wochen und Monate hin. Denn der Dänenkönig Christian ließ kein Mittel unversucht, des Entflohenen wieder habhaft zu werden, was dem Rate viel Kopfzerbrechen verursachte. Und die Kaufleute überlegten es sich hin und her, ob sie Geld und Gut wohl an den Junker wagen dürften, und wie sie nach geglücktem Abenteuer zu ihrem Vorteil kommen sollten. Da der Junker derweil um seiner eigenen Sicherheit willen das Haus nimmer verlassen durste, so war er, indes Cord König in seinen eigenen und seines Gastfreundes Geschäften unterwegs war, viel und lange mit der Cordula allein. Und während feine Freunde immer wieder bei sich erwogen, ob er wohl der Mann zu dem geplanten Unternehmen in Schweden fei, ging in feinem Kopf zumeist der Gedanke um, ob er wohl der Mann zu biefem feinen unb starken Jungfräulein fei. Denn er selbst war jung, und da man ihn annoch vom Schlachtfeld fernhielt, wo er fein Blut hätte kühlen können, so sprang ihm der heiße und ungebärdige Saft zu Herzen. In der Cordula aber war das Wohlgefallen an dem schonen schlanken Jüngling tief und stark vermischt mit anderen Gedanken. Als sie eines Tages am Tisch einander gegenübersaßen, fragte sie ihn plötzlich: „Sagt, Junker Gustav, seid Ihr in Euerm Herzen sicher, daß es Euch glücken wirb?" „Was?" fragte er in abwegigem Sinnen. „Ein König von Schweden zu werden", sagte sie hart. „Ein König!" rief er unb taumelte geradewegs von seinem Stuhl empor. „Jungfer Cordula, ein König?" „Ja", gab sie ruhig zurück. „Was denn wolltet Ihr?" „Mein Vaterland von den Dänen befreien. Weiter habe ich nicht oedacht." , Ihr müht weiter denken" — unb ihre blauen Augen sprühten ihn an, als sie das sagte — „Ihr müßt. Wollt Ihr Euerm Volk die Freiheit geben unb es sich selbst überlassen, bamit es wieber in bie unrechten Hände falle Denn ein Volk braucht eine starke Hand, die es hält." — Seit diesem Gespräch lief der Junker im Hause umher wie einer, der eine Hummel im Leibe hat. Wenn er auf feiner Kammer war, hörte man ihn heftig unb ohne Aushalten hin und wieder gehen. Aber lange hielt es ihn dort nimmer. Dann kam er auf bie Diele herunter unb führte murmelnde Gespräche mit sich Mber; ober er stieg die Treppen hinauf zum Boden, wo er, aus einer Luke gelehnt, weit ins Land hinaus und über Feld und Knick hinweg zur Ostsee träumte. Die Cordula sah diese gärende Unruhe mit stolzem Behagen. Es verschlug ihr auch nichts daß er jetzt fast mehr mit sich selber als mit ihr redete. Und als der Vater sie einmal fragte, was denn in den Schweden gefahren fei, da sagte sie: „Mag wohl sein, daß Ihm die Zeit lang wird, bis er seine Flügel regen ^Da lachte Tord König in seinen Bart und sagte: „Laß gut sein! Bald ist es so weit, daß wir ihn fliegen lassen/' ..... Es verging aber doch noch mancher Tag, da der Junker wie ein Unsinniger umherlief oder die Hände um die Knie gekrampft dasaß, als ob er sich festhalten müsse. Als er wieder einmal so in einem Winkel der Diele hockte, hatte er ungesehen ein seltsames Schauspiel. Die Cordula, die oben aus einer Stube getreten war, stand auf der Höhe der Treppe, die breit und mit einem geschnitzten Geländer versehen, recht mächtig und prächtig zur Diele niederführte. Dann faßte sie ihr Kleid mit beiden Händen und stieg, die Augen ins Weite gerichtet, langsam und mit königlichem Anstand die Stufen herab. Unten angelangt kehrte sie sich um und besah sinnend den Weg, den sie gekommen war. Darauf lief sie eilfertig wiederum die Treppe hinauf, stellte sich droben von neuem an und wiederholte den langsamen prächtigen Abstieg. Er sprang aus seiner Ecke hervor und rief erstaunt: „Was treibt Ihr da, Jungfer Cordula?" Sie war gar nicht erschrocken, daß er sie also belauscht hatte. Mit einem Lächeln, das listig und leuchtend zugleich war, sagte sie: „Wenn Ihr in Euren Träumen tagaus tagein den König spielt, warum soll ich nicht auch einmal träumen? Cordula Königin heiß' ich, meines Vaters Name schallt durch die Welt, und wenn er will, führt er Krieg, trotz einem, der die Krone trägt." Aber kaum hatte sie es gesagt, da verfärbte sie sich, daß sie alsbald einer schönen Toten glich: und auch so starr wurden ihre Gestalt und Züge. Denn sie las in seinem Gesicht die erschrockene Abwehr. Sie wollte gehen. Er aber hielt sie am Arme. „Jungfer Cordula", stammelte er, ,Hhr müßt verständig sein." Sie nickte. „Ihr müßt bedenken —", fuhr er fort und stockte wiederum. Sie nickte abermals. „Cordula", sagte er leise, „in Lübeck seid Ihr Königin. In Schweden —" „Muß es eine andere sein", vollendete sie. Und als er nichts erwiderte, schob sie sacht seine Hand von ihrem Arm vnd sagte mit zitternder Stimme: „Ihr müßt vergessen, was Ihr jetzt gesehen habt. Wollt Ihr mir das versprechen — zum Dank — für alles?" Da beugte er sich nieder und küßte ihre Hand, die kalt war, als ob kein Blutstropfen mehr darin wäre. Als bald darauf der lübifche Schiffer Hinrich Möller den Junker Gustav, der sich nunmehr Gustav Wasa nannte, heimlich in sein Vaterland hinübergeführt hatte, indes der Hauptmann Hinrich Sasse ihm Kriegsgerät und Söldner nachbrachte, da fand Cord König seine Tochter des Abends Im Lehnstuhl sitzend und weinend. Obgleich er das gar nicht gewohnt war, tat er doch keine Frage. Er legte nur feine Hand auf ihre Schulter und sprach: „Wir in Lübeck sind Kaufleute und bleiben es. Und wenn ich auch Cord König heiße und Kaperschiffe fahren lasse und in einem Jahr dem Dänen vierzig Schiffe weggenommen habe, eine Krone wächst mir davon doch nicht auf dem Haupt. Aber — können wir nicht Könige sein, so können wir doch Könige machen." Da stand die Cordula auf und reckte sich. „Ja,-Vater", sagte sie, und ein stolzes Licht brach durch den feinen Schleier der Tränen. „Und vielleicht ist das noch mehr." Oie Mamba. Von H. C. Adain 1 on. Wir können unfern Lesern mit Genehmigung des Rotapfel- Verlages, Erlenbach-Zürich und Leipzig, aus dem Buche „D a s Kaiserreich der Schlangen" von F. C. Carnochan und H. C. Adamson, eine Probe vorlegen. Es ist ein abenteuerlicher Reisebericht aus dem tiefsten Innern des dunklen Erdteils. Die Mamba — die tödlichsten aller Reptilien — waren schwer zu Sängen. Scheu, schlau und behend, entschlüpfen sie schnell, aber sind, in »le Enge getrieben, furchtbare Gegner. Da ich dies wußte, war es mir sonderbar zu Mute, als ich sah, wie Nyoka sich mit ihnen herumbalgte, «ls wären es nur etwas mutwillige Haustiere. Wird die Mamba verfolgt, dann taucht sie in das nächste Loch. Und da Afrika geradezu pockennarbig von all den Löchern ist, die die in der Erde hausenden Tiere bohren, muß man dicht hinter, der Mamba drein fein, um zu wissen, in welches Loch sie geschlüpft ist. Nyoka war unser Mambaexperte. Wenn seine Mamba, bevor er sie erwischte, in einem solchen Schlupfwinkel verschwand, dann riß er [ein langes dünnes Messer aus der hölzernen Scheide Linker seiner linken Achselhöhle und wühlte damit herum, bis er den Schwanz der Schlange traf, den er rasch packte. Dann zog er das Tier heraus, schwang es um feinen Kopf und schleuderte es — bums — zu Aoden. Ich wüßte keinen weißen Mann zu nennen, nicht einmal Arthur Loveridge, den Harvarder zoologischen Experten, der es wagen würde, feine Mamba zu ergreifen, ohne ihren Biß zu fürchten. Bei einer solchen Schlangenjagd erlebte ich einen unvergeßlichen, grauenvollen Augenblick. Das war in der Nähe von Shinyanga. Eine sechs Fuß lange Mamba verschwand in ein ziemlich großes Loch. Nyoka, der nur ein bis zwei Fuß hinter ihr war, streckte den rechten Arm nach ihr aus, während er sich in einer Wolke von Staub Über das Loch warf, etwa wie ein Baseballspieler beim Ausholen. Er stieß ein Triumphgeheul öus, war sofort wieder auf den Beinen und zog die Mamba hervor. Aber ob nun Nyoka nicht schnell genug oder die Schlange zu schnell war, wie dem auch sei, irgend etwas klappte nicht. Gerade als Nyoka sich anschickte, sie um seinen Kopf zu schwingen, tnäuelte sich die Schlange zu einem Korkzieher zusammen, züngelte nach Nyokas Beinen und vergrub ihre Zähne in Nyokas linke Wade. Wie Ich schon erwähnt habe, ist die Mamba nicht nur eine der giftigsten Schlangen der Welt, sondern meines Wissens hat die medizinische Wissenschaft noch kein Serum gefunden, das ihr Gift unschädlich macht. Ist jemand von einer solchen Schlange gebissen worden, dann macht er seinen Frieden mit dem Himmel und legt sich zum Sterben hin. Das Herz stockte mir förmlich im Leibe, als die Schlange zubiß, denn ich hatte Nyoka lieb. Aber ich riß mich zusammen. Und wenn es noch fo aussichtslos war, ein Versuch mußte gemacht werden, Nyoka am Leben zu erhalten. Ich machte einen Satz vorwärts und zog mein Messer. Da war nur eines zu tun — die Bißstelle aufzuschlitzen und die Wunde auszusaugen. Die Ausgabe war nicht gerade lockend. Während ich die wenigen Schritte, die uns trennten, im Laus zurück- legte — ich war absichtlich ein wenig zurückgeblieben, um ihm Platz zu lassen, die Schlange um feinen Kopf zu schwingen — hatte Nyoka sich herabgebeugt, die Mamba am Hals gepackt und ihre Zähne aus feinem Bein herausgezogen. Dann sah er mich an, und mein entsetztes Gesicht mußte ihn wohl belustigt haben, denn er brach in ein schallendes, herz, liches Gelächter aus. „Verzeih' mir, B'wana", sagte er, plötzlich wieder ernst, Indern er niederkniete und die Mamba in einen Sack steckte. „Ich habe es nicht böse gemeint, aber es war so drollig! Siehst du, B'wana, keine Schlange, nicht einmal die Koboko (womit er die Mamba meinte) kann mir etwas zuleide tun ... aber mit dem Biß der Schlange kam der Beweis von B'wanas Freundschaft, und ich werde nie vergessen, daß B'wana mir das Leben retten wollte." Er richtete sich auf und streckte mir mit feierlicher Würde die Hand entgegen. Als ich die meine ausstreckte, um sie zu ergreifen, packte er sie rasch beim Daumen und schüttelte sie dann — ein bedeutsamer Ausdruck der Freundschaft und Hochachtung. Ich war natürlich ganz baff, daß Nyoka sich als immun gegen den Biß einer Mamba betrachtete, und hoffte, daß er sich nicht irrte. Aber es tarn mir doch ganz undenkbar vor, daß diese primitiven Eingeborenen es dahin gebracht haben sollten, die Wirkung eines der berüchtigtsten Neuro-Toxine aufzuheben, gegen das keines der großen Laboratorien der alten ober der neuen Welt ein wirksames Serum hergestellt hat. lieber den Zwischenfall wurde kein Wort mehr gesprochen, aber ich beobachtete Nyoka aufmerksam. Er ging ein bißchen steif, und sein Bein war leicht geschwollen, aber sonst schien er ganz unverändert. Ais wir in das Kamp tarnen, sah ich mir die zwei dunklen Flecken an, die die Zähne der Schlange hinterlassen hatten. Sie waren nicht entzündet. „Sag mir, Nyoka", begann ich, ohne jeden Versuch, meine Neugier zu bemänteln. „Wie kommt es, daß du nicht tot bist? In meinem Lande haben wir Medikamente, die nach solchen Schlangenbissen gegeben werden, aber du hast ja überhaupt nichts dagegen getan!" „Unsere Medizinen sind stark, B'wana." „Aber, Nyoka, das sieht mehr nach Zauberei als nach Medizin aus." Ohne es zu wissen, hatte ich offenbar ein falsches Wort ober einen unrichtigen Ausdruck gebraucht, denn Nyoka schüttelte heftig den Kopf, währekü» er mit ganz unerwarteter Emphase erwiderte: „Nein, B'wana! Nein! Die Schlangenmänner sind von Limdimi, dem großen Hirten, mit der Ausgabe betraut, feine Kinder glücklich und gesund zu erhalten. Die Schlangenleute machen Ufumu, die Medizin, die heilt, und bekriegen jene, die Nrogi machen, den Zauber, der tötet. Um ein Schlangenmann zu sein, muß man vor allem freundliche Gedanken und pure Wahrheit im Herzen haben." Er verstummte so unvermittelt, wie er begonnen hatte und sah mit einem Ausdruck beiseite, als hätte er zu viel über einen Gegenstand gesagt, der besser unberührt geblieben wäre. Blitzartig ging es mir aus, daß ich bei meiner «suche nach Aufklärung über die Schlangenmänner, ohne mir der Raschheit des Vorgangs bewußt zu werden, den Brenn« punkt erreicht hatte. In den nächsten paar Minuten würde es sich entscheiden, ob Nyoka mir die Hilfe angedeihen lassen wollte, die ich ersehnte. Ich hoffte, er würde weiter sprechen, aber Nyoka sagte nichts, sondern heftete feinen Blick auf den Himmelsrand. „Erzähle mir noch von den Schlangenmännern", sagte ich schließlich so leichthin ich konnte. „Ich möchte gern etwas von ihren Medizinen wissen, denn in dem fernen Lande, in dem ich lebe, gibt es kranke Leute, denen sie helfen könnten." Nyoka wandte den Kopf und sah mir gerade in die Augen. „Andere weiße Männer haben versucht, unsere Medizinen kennen zu lernen, B wana", sagte er nach längerer Ueberlegung. „Einige ließen wir m dem Glauben, daß wir sie nicht verstanden hätten, aber e'nem oder 3®eien — er kicherte — „zeigten wir ein paar Gräser und Blätter, mit bcnen man nur Ochsen mästen kann, und redeten ihnen ein, bas wären Heilkrauter... Aber du bist ganz anders. Du sprichst die Sprache unseres Stammes, du bist ein gerechter Herr und ein guter Freund. In deinem eigenen Lande wärest du ein guter Häuptling, denn ein guter Häuptling fetzt sein Leben für feine Leute ein, so wie du heute nachmittag bereit warst, es für mich zu tun." Einigermaßen verlegen, begann ich zu erklären, daß ich kein Häuptling sei und daß jeberman in meiner Lage ebenso gehandelt hätte, aber Nyoka winkte nur abwehrend. „Ich will dir gerne von den Schlangenmännern und von unseren fragen "Cn cr,3a^cn' aber vorher muß ich erst den .Großen Alten' „Den .Großen Alten'!" wiederholte ich. „Wer ist das?" „Kalola! Der Kaiser der Schlangen! Er weiß alles, was sich allent- ' Un& kEe Macht ist so groß, daß sogar die Mamba den Kops senkt, wenn er vorubergeht. Hob'? m 'ÖOt”ne l,tanb tief iw Westen, als unsere Unterredung begann. S m“r f*e unter den Horizont gesunken, und Dunkelheit umgab uns. X“ uand auf, ging em paar Schritte, machte ober dann kehrt und blieb stehen. 7 „ffienn B'wana es wünscht, werde ich zu dem .Großen Alten' gehen." „Gut, sagte ich. „Geh morgen!" Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühlsche UniberjitätSdruckerei R. Lange, Gießen.