SietzeiierZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Irhrgang H959 Montag, den 6. zebruar Nummer \\ 9er kerzelmacher von Zankt Stephan Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka moiselle Elisabeth Brand aus Wien, zweiundzwanzig Jahre alt, Jnhaverin beigefügten Pafseports, wünscht, zu Seiner Hoheit dem Herrn Generalleutnant Herzog von Braunschweig geführt zu werden. Ich bitte für sie um freies Geleit ...' Leutnant, schau Er mich nicht an wie der Ochse das neue. Tor! Er wird im Kriege noch ganz andere Wunder erleben ... Schreib Er weiter: .Die Demoiselle bittet, einen blessierten kaiserlichen Offizier besuchen zu dürfen ..' Hat Er's ... Na, Got sei Dank! Dann schreib Er das am Abend ins Reine und geb Er mir’s zur Unterschrift! Kümmere Er sich auch um den Pasfepori! An den Herzog schreib ich schon noch selber und geb’s der Demoiselle dann mit. Und morgen in aller Früh fährt Er mit ihr in meinem Wagen zum Herrn Genera! von Laudon. Was Er ihm zu melden hat, sag ich Ihm schon noch." Der General stand auf. Elisabeth Brand wollte danken. Andreas von Hadik stülpte sich den Kalpak auf das eisgraue Haupt und knurrte: „Unsinn!" Dann zwinkerte er vergnügt: „Seh Sie lieber zu, daß Sie den Rabenau gleich mitbringt! Könnt ihn nämlich brauchen. Denn dieser Grasaff da"'— er tippte mit der Reitgerte gegen die Brust des Adjutanten — „bringt mich noch ins Grab ... Kaunitz! ... Weis' Er der Demoiselle ein Quartier an hier im Haus!" Als Elisabeth Brand oben in ihrem Zimmer, das seit zehn Jahren nicht gelüftet zu fein schien, das Fenster aufstieh, schmetterte vom Dorfeingang her gerade der Generalmarsch der Sachsen-Gotha-Dragoner herüber. Zum Zeichen, daß Andreas von Hadik, Feldmarfchalleutnant und Pandurengeneral, das Regiment zu kuranzen begann. Der Leutnant von Leskow brauchte fein ewig lachendes Gesicht nicht lange in dienstliche Falten zu zwingen. Auditeur und Profos bekamen für diesmal nichts zu tun. Als der Rittmeister Hagen von den Puttkamer-Husaren dem vor» gebiidjc.i kaiserlichen Offizier, den ihm der kleine Leskow da vorführte, auf den Kopf zugesagt hatte, daß er nicht der Leutnant von Rabenau, sondern der Kaufmann Schütz aus Olmütz sei, befiel den Gefangenen keineswegs Schlottern und lotenbläffe, wie sich das für einen entlarvten Spion geziemt, der schon den Henkerstrick um den Hals verspürt. Der Kaufmann Schütz zog vielmehr schmunzelnd sein Portefeuille, entnahm chm Leutnantspatent und Offizierspasseport und überreichte beides dem Eskadronschef. Rittmeister Hagen las, gab Patent und Paffeport zurück, zuckte die Achsel und jagte: „Eh bien, also doch der Leutnant von Rabenau. Das macht die Sache wohl ehrerwoller, aber nicht besser. Der Herr Leutnant wird wissen, daß auch der Offizier als Spion gilt, der in Verkleidung oom Feinde betroffen wird. Mir haben Sie sich jedenfalls damals in Raudenberg als Kaufmann Schütz und in bürgerlicher Kleidung präsentiert ... „Als Kurier mit wichtigen Befehlen für die Armee konnte ich mich Ihnen nicht gut als kaiserlichen Leutnant präsentieren, nachdem es mir nicht mehr gelungen war, aus dem Gasthof zu kommen. So faß drei Tage lang Herr Schütz aus Olmütz an Ihrem Tisch." Rabenaus Augen blitzten fröhlich. Leutnant von Leskow schielte nach feinem Rittmeister. Es war perfid. Aber daß [ein unfehlbarer Chef auch einmal hereingefallen war, freute ihn. Doch auch Rittmeister Hagen lächelte. Für Husarenstreiche hatte er was übrig; auch wenn er der leidende Teil war. Ader etwas stimmte doch nicht. Er wurde wieder ernst und fragte: „Wie kommt es aber, daß ich das Pläsier hatte, die, wie ich mich erinnern kann, sehr schone Madame Schutz kennenzulernen, in Ihren Papieren aber steht, daß Sie nicht ver- heiratet sind?" (Fortsetzung folgt.) 1 id; man »out rh-l aus. Denn lern fierl Rinii, aus. I ... i in, »i<|. d an ch er N INNS: @IÜi einen Dorf. Er |q iniio: mein e alt, dem irden, nicht ndere einen . Na, > S«b iportl )i|elie lintm i hat, Haupt lieber uchen. n die jl... ähre» Dorf, jener itnant nichi lantfli oof führte, itnau, jenen ! en!1 i per- Porte- über, 'te die i. W utnant eiininj als i« j Pr0‘ b rf ,5 mit i lagt MiiW perfid urat. t«H jaB'* laian« ht *p Das Wiedersehen. Bon Hedwig Forstreuter. Ausdruck von Befangenheit, daß er sie gerade Unordnung vorfand. Sie hatte keine Zeit mehr zu sehen, sicher war ihr Haar zerzaust, und so Die Schreibmaschine Bon Ruth Schaumann Die Zeichen unsrer Worte Zwitschern so vogelhast, Und Zeilen werden Orte Als Ziel der Wanderschaft. Ein Kahn, zur See getrieben, Schwebt Inbrunst hock und tief — Die Liebste ihrem Lieben Schreibt einen kleinen Brief. Wohl sind die schmalen Zeilen Gescheckten Elstern gleich, Das Schwirren und das Eilen Wird doch an Lächeln reich. Und alle Tasten weben Des Teppichs bunten Sinn — Der Liebe legt das Leben Zum Tanz den Teppich hin. o,qner wurde gerade in dem Augenblick gemeldet, als Ursulas qeAonszimmer im Zuit'^' mnr 1W @nHer fjirt halb geöffnet auf Geheimnisvolles, Menschen ähnlich zu sehen, die nicht mehr (Erben- lüft atmen. , ,, ,, Bogner hatte seine Brieftasche vor sich hmgelegt, er suchte offensichtlich noch ein anderes Bild, gab es dann aber auf. . Ich war noch ein sehr junger Schüler damals, als mich mein Baler zu deinen Eitern brachte. Dies Photo schenkte man mir, weil ich bescheiden und klein im Hintergrund zu sehen bin; man legt als schwärmender Jüngling sehr viel Wert auf solche Erinnerungszeichen." Sie sah ihn an und glaubte den Zusammenhang zu sehen: er schwärmte damals für Tante Sophie, die bann fo früh starb. Man. konnte sich nach diesem Bilde gut vorstellen, dah dies Mädchen geliebt wurde. Aber inzwischen waren viele Jahre vergangen, und letzt lebten fiel — Sie fühlte es wie ein starkes Glück, dah sie hier sah, auf Urlaubs« tagen in dieser schönen Stadt, und das Bogner zu ihr gekommen war, der so fest verbunden war mit ihren Erinnerungen an das Zuhause von einst Sie hat ihn immer gut leiden mögen, wie einen gewissenhaften älteren Bruder. Jetzt freilich sah sie, dah man ihn keineswegs alt nennen konnte, fein Gesicht war braun und straff, feine Zähne blitzten beim Sprechen. Eben wandte er fich lebhaft zu ihr. „Nun bist du so über» raschend wieder in meinem Leben aufgetaucht und darfst nicht wieder gleich einem Meteor verschwinden. Laß uns heute abend irgend etwas Nettes unternehmen." . .. ... . u K Jhz In ihr Gesicht kam wieder jener Ausdruck der Unsicherheit, »er ihn bei seinem Eintritt überraschte. „Ich erwarte noch einen Anrus , sagte sie dann zögernd, .vorher kann ich nichts bestimmen. Der Bruder einer Freundin studiert hier in München. Ich habe ihm Gruhe und Be« stellungen zu überbringen. Er wollte heute abend Nachricht geben. Bogner fühlte, wie sein Gesicht in Höflichkeit erstarrte. „Da will ich selbstverständlich nicht stören", sagte er mit einem Ton in der Stimme, ür den er sich selbst haßte. War dies nicht deutlich? Gab sie ihm nicht zu verstehen, daß ihr das Beisammensein mit ihm nicht wichtig erschien? Er griff nach seinen Handschuhen und stand in wenigen Minuten wieder aus der Straße, ging quer über den Fahrdamm und wartete auf die Bahn, die von Schwabing her heranrollte. Aber die dann kam war nicht die Nr. 3, die er brauchte, und so erwartete er die nächste Bahn. Während er die Handschuhe überstreifte, ging er hm und her auf der schmalen Verkehrsinsel. Er versuchte nachzudenken, gerecht zu sein. Warum war er so enttäuscht und ernüchtert? Er hatte sich früher nicht so besonders viel aus dem etwas farblosen kleinen Mädchen gemacht, als das ihm Ursula früher erschien. Sie gefiel ihm heute besser als damals, wo sie in dem anspruchsvollen Haushalt der Eltern immer ein wenig Aschenputtel gewesen war. Aber mußte dies Gefallen gegenfeitig fem. Vielleicht enttäuschte er sie. „ . - Nach einigen Besorgungsgangen und einer verdrossenen Stunde m eitlem halb leeren Cafe, kam er m sein kleines, überfülltes Arbeitszimmer zurück, riß das Fenster auf, rauchte im Auf- und Abgehen eine Zigarette und oevfuchte dann zu arbeiten. Er schrieb, strich au- und schrieb wieder, die Konzentration fehlte. Als er verzweifelt den Sogen aus der Maschine nahm und einen neuen einspannen wollte, klingel e es an der Wohnungstür. Er achtete nicht daraus, die Wirtin mochte oftnen. Aber als sich das schwache Klingeln wiederholte und niemand ausmachen ging, erhob er sich, ärgerlich über die Störung und druckte im Flur auf den Knopf, der die Haustür aufiprmgeii ließ Ursula kam ihm entgegen. Er starrte sie ziemlich fassungslos an. Nach dem kühlen Abschied vor wenigen Stunden hätte er alles andere erwartet, als sie heute noch einmal zu sehen. Sie kam unbefangen auf ihn zu und überreichte ihm ein Päckchen in Seidenpapier. „Du hast deine Brieftasche bei uns hegen Ia^Sein Staunen belustigte sie. „Und das hast du un^bemerki? Ich malte mir aus, wie verzweifelt du zu Hause alle Schubladen um- kehren würdest, wie du dir den Kops zermartern mußtest, bei welcher Gelegenheit du die Brieftasche zuletzt brauchtest." Er bat sie mit einer Handbewegnng einzutreten und ließ sie vor« an neben in dem langen Flur, der mit Möbeln und Geraten vollgestellt war In seinem Zimmer verharrte sie zunächst etwas faffung5los Dor bem Wirrsal von Büchern, Schriften und Heften, die sich auf Tische«, und Stühlen häuften. Als er einen Sessel für sie frei macht hatte, ia6 «e werteren und blickte zu ihm auf wie ein Kind, das überzeugt ist seine Lektion sehr gut gelernt zu haben. Bogner fuhr sich etwas verleben durch den braunen Haarschopf. 9 Ich bin der gedankenloseste Idiot, der femals herumhef. Wie tonnte mir bas passieren. Und du bist genau so gut und fürsorglich, wie ich vergeßlich war, mir die Tasche sofort wiederzubringen. Es marejanur eine ganz gerechte Strafe gewesen, wenn ich mich erst einmal heftig 9CQUriula^iab ihn an. „Mach mich nicht bester als ich bin. Als du fnrtatnaft war ick traurig, ich weih selbst nicht warum. Du schienst o erSf unb Mt unb es tat mir leib, daß ich dir für den Abend nicht zugesagt hatte. Dann kam bas erwartete Telephongesprach vom Bruder meiner Freundin. Wir haben uns zu Morgen verabreden Als ich wieder im Zimmer war und weiter auspacken wollte, fand ich aus dem Fenstersims deine Brieftasche, halb unter eine Zeitung gerutscht Ich bin sehr befchämt, Ursula. Wahrhaftig ich werde alt. Sieh mal" schon ganz grau —" Er strich über seine Schlafen und sah sie bekümmert an, aber sie lachte ihn einfach aus. „Jetzt kokettiere nicht mit deinem Alter, das ist dir ja gar nicht ernst. Du weiht genau, dah graue ftaare einen gut aussehenden Mann nur interessanter machen. 1 „©ut aus$enben Mann hast du gesagt", er lachte „Das hast du fein ausgedrückt, Urselchen. Gut, dah ich nicht zum Größenwahn neige. ' sonst würde ich mir jetzt etwas einbilden." Ursula betrachtete die Bücher an seinen Wanden, sehr viel englische । Schriftsteller, Amerikaner, Polen. Sie stand auf, zog em und das ander, । Buch heraus und vertiefte sich darin. Sie las, blätterte und fühlte sich । ui flaute. Aus dem kleinen Vorgarten tonte uiN'"terdrochen das feine , Zirpen von Meisen und ein sehr langgezogener Amselruf. Das machte • bas Gefühl der Geborgenheit in dem Zimmer noch tiefer. l.ieriDfe. Dabei ist gar kein Verdienst; man wird ins Wasser geworfen und W schwimmen. Nach den ersten krampfhaften Beängstigungen lernt m sehr bald, sich zu behaupten." $r dachte daran, wie er sie vor Jahren blaß und aufgeregt vor fimm Hausen unbezahlter Rechnungen sand, als sie von ihrem kranken Otter die Ordnung der wirtschaftlichen Angelegenheiten übernommen hebe. Er bot ihr damals feine Hilfe an, aber sie war nicht zur An- mlime von Geld zu bewegen. Auf seinen Rat befriedigte sie damals die @lcubiger in monatlichen Abzahlungen und er entdeckte spater, dah sie Di e ihres persönlichen Eigentums versetzt hatte, um die dringendsten Schulden zu begleichen. Jetzt lagen diese J^ittn hinter ahr, durch den Ersatz ihres Willens war es ihr gelungen, Schritt um Schritt aus den $r misten der Vergangenheit emporzutauchen. ^hr geschmackvolles Sileto, be Anordnung ihres Haares, die kleinen Perlen in den Ohren ver- titten, daß sie über dem Kampf nicht ihre Weiblichkeit vergessen hatte. 0r sah sie mit nachdenklichen Augen an. .Weißt du, wem du ähnlich giworden bist: Deine Mutter hatte eine jüngere Schwester, die viel bei Euch im Hause war, ich besitze ein älteres Gruppenbild; es fiel niii neulich beim Kramen in die Hände und ich steckte es zu mir, um es dir zu geben." Er nahm seine Brieftasche heraus, blätterte in dem Jn- h>li und reichte ihr ein Photo, auf dem sie mit der etwas "erlegenen l&rung, die einen vor alten Familienbildern überkommt, ihre Eltern in jungen Jahren entdeckte, neben einem Mädchen, das sie mit sanften Buijen ansah. Es verwirrte sie, daß sie diesem anmutigen Menschenbilde gikichen follte. Zudem war Tante Sophie tot und es hat immer etwas !s ertionszimmer im Zustande der höchsten Unordnung war. Der Koffer fi in* halb geöffnet auf dem Gestell, Wasche lag auf dem Bett aus- a bi-itet und Kleiderbügel, Toilettenfachen und Taschentücher bedeckten tjb3 Tisch denn sie war erst vor einer halben Stunde angekommen. Urftla schob mit ein paar Griffen die Wäsche zusammen fegte mit einer c roten Bewegung die Sachen vom Tisch in einen Kosfereinsatz da ö fnite sich auch schon die Tür und neben dem rotwangigen Gesicht des §,ae-mädchens,' bas den Türflügel für ihn aufhielt erschien Bogners Cl'e ilt im braunen Mantel, groß und mit breiten Schultern die feine Cie alt schmal werden ließen. Sie ging ihm entgegen, sie freute fiel), ttl« auf ihrem Gesicht lag neben dem Lächeln, feinem schar en Auge fHM-ar, aud) noch ein Ausdruck von Befangenheit, daß er sie gerade ilti 'liefern Zustand der Unordnung vorfand. Sie hatte keine Zeit mehr ciefjibt in den Spiegel zu sehen, sicher war >hr Haar zerzaust, und so tief er sie nach Jahren der Trennung, in denen sie sich oft den Augen- lillid des Wiedersehens ausgemalt hatten. Sie setzten sich, sie plauderten, Urners Stimme klang vertraut wie früher, und sie erkannte auch dlis Lächeln wieder, bas seinen Mund hob in einer Kurve, die spöttisch uinlj scharf gewesen märe, wenn nicht der freundliche Blick der Augen dliesim Spott alles Verletzende genommen hätte. Von diesem Blick ge- niMiiri sie ihre alte Ruhe und Sicherheit zurück; sie erzählte von dem Kedm der letzten Jahre, der Unruhe, die sie brachten, mit Wohnungs- «Dttilel, Krankheit und Tod der Eltern, mit bem Alleinsein, in dem sie fltdi Dann fand und im neuen Anfang, den ihre entschlossene Zuwendung einem Beruf ihr brachte. Ihr Gesicht belebte sich beim Sprechen; er M wie die zarten Farben sich vertieften, wie die grauen Augen unter B en dunkelblonden Brauen in einem Licht von Hoffnung und Gebens- i ririrtung schimmerten. „Sie ist sehr jung geblieben , dachte er, , di' Kampf hat sie nicht verbraucht, sondern gestillt und gestrafft; es fiert mehr in ihr, als ich vermutete." Fast kam er sich alt und »er« •f'nSnert vor gegenüber dieser Tatkraft, denn er lebte unverändert in ita engen Bezirk seiner Arbeit und bes kleinen Kreises von Freunden M Bekannten, der sich feit Jahren um ihn schloß. Er scheute jede ' Jeiinberung seiner Lebensweise, weil sie Unruhe für seine Arbeit nut ; ich brachte, so lebte er wie ein Pedant nach einem genau festgelegten 1 öhinbenplan und die großen Erschütterungen und Ereignisse seiner Tage .«frohen nur auf den Seiten der Romane und Novellen die er schrieb. tei la aber hatte sich ins Leben hinausgewagt; gerade sie, deren Natur it für zu weich, zu nachgiebig hielt, bestand die Belastungsprobe. |i Er tagte ihr, wie sehr er diese Aktivität bewundere und sie lächelte ihn in, halb übermütig, halb traurig in Erinnerung an zurückliegende fall l ihren Fuß trug. Im Näherkommen — was sollte das bedeuten? — sogar besonders an ihm liebte. „Unb was soll das heißen?" fragte Lisa und wies auf Dix linken Fuß. der Narren gehalten. Es war viel leichter für mich, Sonne. Sie stöhnte sah sie dann, daß der Verband - um den falschen Fuß gelegt war, denn Dix hatte vorgegeben, sich den rechten Fuß verstaucht zu haben, und nun war der linke verbunden. sicht der Sonne entgegen. Und obwohl ein millionenfaches Funkeln und Gleißen die Augen blendete, erkannte Lisa voll Unmut, daß Dix noch immer einen Verband um ihren Fuß trug. Im Näherkommen Liebeszeichen im Schnee Von Hans Breiteneichner. war achtzehn Jahre alt, zählte stumm von eins bis fünfzig und dann leise. „Und wann fährst du Hubert nach, Dix, da du weißt, daß er der einzige ist, der dich liebt? i" Schon stand Hubert vor ihr, beugte sich besorgt zu ihr nieder. „Tut der Fuß noch sehr weh, Dix?" „Dumme Frage", wimmerte Dix. „Freilich der Fuß und nicht Ellbogen, weil ich mich am Fuß verletzt habe!" Hubert zuckte mit den Achseln und ging an seinen Platz zurück. Dir schloß die Augen und zählte weiter, von fünfzig bis hundert, dann stöhnte sie wieder. hierzubleiben.." „Ich habe eine Idee!" rief. Lisa. „Du gestehst Hubert und Erwin einfach ein, daß du sie mit deinem Fuß nur zum Narren gehalten hast." Dix erschrak. „Und was kann ich dabei gewinnen?" „Vor allem Klarheit!" erklärte Lisa. „Denn kein Mann, der wirklich ein Mann ist, wird sich von einem Mädchen, das er aufrichtig liebt, an der Nase herumfllhren lassen. Betrachtet er aber deinen Schwindel nur als einen netten Spaß, nun ja, dann wird es ihm auch in seiner Liebe zu dir an dem entsprechenden Ernst fehlen." „Wenn aber beide, nachdem ich ihnen meinen Betrug eingestanden habe, nichts mehr vor mir wissen wollen?" „Diese Gefahr mußt du mit in Kauf nehmen, denn anderseits, wenn sowohl Hubert als auch Erwin sich nichts weiter daraus machen werden, daß du mit ihnen falsch gespielt hast, bleibt dir der Vorteil zu erkennen, daß keiner von ihnen der richtige für dich war." Dix nickte. „Ich werde über alles heute Nacht noch einmal nach- denken. Morgen werde ich dir dann sagen ..." „Wie die Entscheidung ausgefallen ist", fiel Lisa Dix ins Wort. „Denn morgen früh werde ich mit den anderen fortgehen und dich mit Hubert und Erwin allein lassen. Am Mittag dann, wenn ich zurückkomme, werde ich ja sehen, was geschehen ist." Und so war es dann auch. Es verging eine Nacht, und es verging ein Vormittag. Am Mittag, als Lisa über den letzten Hang vor der Hütte in schönen Schwüngen absuhr, wölbte sich ein strahlend frischblauer Himmel über eine Decke herrlich lockeren Pulverschnees, und Dix sah mit geschlossenen Augen vor der Hütte auf einer Bank und hielt ihr Ge< Als er die Tasse aus ihrer Hand nahm, nickte er ihr zu, und sie sah das gute Lächeln, das fein Gesicht ganz von innen erhellte, und das Ursula ' ' ‘ Derantwortllch: Nr. Hans Thyriot. - Druck und Berlag: Brühlsche Untvers itäisdruckerei A.Lange, Gießen. Schon stand Erwin vor ihr, beugte sich besorgt zu ihr nieder. „Ich glaube, Dix, es wäre doch besser, wir würden dich heute noch ins Tal bringen." „Nein, ich will nicht, auf keinen Fall!" schrie Dix. „Laßt mich in Ruhe, geht mir aus den Augen!" Erwin seufzte und ging auf seinen Platz zurück an den offenen .Kamin der Hütte, wo auch Herbert saß. Beide starrten in die schwelende ©lut und warteten, bis Dix wieder einen Schmerzenslaut von sich geben mürbe. Nach einer stillschweigend getroffenen Uebereintunft wechselten fie ab, durfte keiner zweimal hintereinander zu Dix hingehen. Sie waren Freunde, und als Freund war jeder mit ganzer Kraft bemüht, Dix für sich zu gewinnen. Nicht weit von Dixs Lager entfernt saß Lisa. Lisa war älter als Dlx. amb Dix bereitete ihr viele Sorgen. „Schaut!" rief Lisa, und wies zum Fenster. „Der Schneesturm ist vorbei. Nun kann die Milch geholt werden." „Unb Dix?" fragten Hubert und Erwin wie aus einem Mund. Ich werde M)on alles für sie tun, bis ihr zurück seid", beruhigte Lisa die beiden. Aubert unb Erwin nahmen die Milchkannen, um mit dem Schiern zu dem nicht allzu weit entfernten Berggehäst zu fahren, denn sehr balb, bevor es noch ganz dunkel war, würden die anderen Kameraden hungr.g zurückkommen, die gemeinsam zu einer größeren Tour unterwegs waren. Hubert und Erwin hatten, nach einem letzten, besorgten Blick auf D'k kaum k>'° Tür hinter sich geschlossen, als Lisa schon zornig vor Dtx stand. u ” „Hallo Dix!" rief Lisa, als sie vor Dix ihre Schier abschnallte. „Wie geht es? Erzähl!" Dix schlug fast verträumt die Augen auf. „Ach, ich bin ja so glücklich, Lisa!" Bogner entwickelte unterdes eine erstaunliche Geschäftigkeit; er ließ Wasser in einen Teekessel laufen, stellte Tassen auf, holte eine Blechdose herbei; — als Ursula sich umsah, sand sie am Fenster einen kleinen Teetisch gedeckt. , ... . Nun da du einmal hier bist, kannst du auch mit mir zu Abend essen Ich habe so fabelhafte Sachen da, wie Knäckebrot und kleine Fische. Aber zuerst mußt du noch das Glanzstück meiner Wohnung bewundern* Er führte sie vor eine große blau- und grüngetönte Karte von Deutschland, die an seinem Schrank angepinnt war. Die einzelnen Städte waren durch kleine humoristische Zeichnungen unb knappe Bemerkungen in ihren Eigenheiten charakterisiert. So gab es bei Freiburg das Bild eines brezeleffenben Jungen, neben einer vogtländifchen Stabt waren spitzen- und klöppelnde Frauen gezeichnet. Bon den Hügeln des Frankenlandes ragten Kirchen unb Klöster empor, und rheinische Winzer schlangen einen fröhlichen Reigen um die Städte unb Weinberge am Strom. Bogner unb Ursula standen Schulter an Schulter vor dieser Karte. Er zeigte ihr die witzigsten Bilder und lachte sein jungenhaftes Lachen, wenn ihr eine besonders gut gelungene Skizze gefiel. Bor dem Fenster pfiff eine Amsel durchdringend hell. Ursula hörte den Vogelruf unb als Begleitung dazu die gute warme Stimme, die ihr so ost Rat erteilt hatte. Sie wußte aus einmal, daß sie in den langen Jahren des Kampfes und des Alleinseins immer aus diese Stunde gewartet hatte. Dankbarkeit quoll in ihr auf, zugleich mit Angst unb einem Trieb zur Flucht, dem sie doch nicht nachgeben konnte. Dennoch: stärker als die Angst war die Erwartung. Sie wußte schon alles, was jetzt kommen würde: das Verstummen der Stimme, den zarten Griff um ihre Schultern, das Emporwenden ihres Gesichts zu feinem Antlitz. Tränen verdunkelten ihr den Blick. Die Karte verschwamm vor diesem Schleier, unb sie stand stumm unb schmal in dem kleinen dämmrigen Zimmer, wie die verkörperte Sehnsucht ... Aber als Bogner sich zu ihr neigte, schrak sie doch zurück. Leise schob sie seine Hand fort. In ihrem Blick lag etwas, das ihn warnte, jetzt in sie zu bringen. Sehr blaß war das Mädchen geworden, fie erlebte in diesem einen Augenblick die Wandlung zur Frau, in jener Hellsichtigkeit, die nur die Liebe gibt, spürte sie, daß sie noch hinauszögern mußte, was sich jetzt nahen wollte. Sie wußte nicht warum, nur daß die Stunde noch nicht reif war. Wenn Bogner jetzt nach ihr verlangte, so geschah es wohl ebensosehr aus einem allgemeinen Verlangen nach Zärtlichkeit wie aus der Verlockung der Stunde heraus. Aber war deshalb sein Herz schon bei ihr? Sie fühlte seinen Blick unb schaute ihn begütigend an, bann wandte sie sich zum Fenster, zu dem Tisch, wo das Wasser im Kessel eben zu sieden begann. Der Mann sah zu ihr hin, enttäuscht und ernüchtert, unb fühlte aus dieser Oede seines Innern doch schon ein neues Gefühl aufdämmern: ein Verstehen ihrer Abwehr, die Scheu vor dem: zu früh. Diese Scheu umgab sie mit einem neuen knospenhaften Reiz unb er beugte sich dieser Macht. Er mußte wohl warten, bis ihre Zuneigung sich ihm ganz erschloß. „Ich mache den Schwindel mit deinem Fuß nicht mehr länger mit!" Dix fing an zu meinen. ,Zch konnte doch nicht ahnen, als ich den Unfall mit dem Fuß vortäuschte, daß beide so viel Geduld mit mir haben werden. Ich wollte doch nur erfahren, war mehr Mitleid mit mir hat, wer sich am meisten um mich sorgt, Hubert oder Erwin? Und nun ist es so weit, daß ich dem, der zuerst aufbegehrt, der sich nicht länger mehr dafür, daß er mir helfen will, auch noch dumm anreden und zornig anschreien läßt, vor Dankbarkeit um den Hals fallen möchte." Lisa schüttelte bedächtig den Kopf. „Darauf, daß Hubert und Erwin zornig werden, wirst du nun keineswegs mehr warten können, Dix. Es muß etwas anderes geschehen, damit du erfährst, wer von den beiden dich auftichtiger liebt," Dix atmete schwer. „Ja, es ist wirklich nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen. Ich möchte keinem, weder Hubert noch Erwin weh tun. Und anderseits quält es mich, daß wir so viel schöne Zeit verlieren. Anstatt draußen im Schnee zu fein und mit den anderen Ausflüge zu machen, liege ich in der Hütte und darf nicht vergessen über Schmerzen zu klageix, die ich gar nicht verspüre. Und nicht nur mich allein, sondern auch dich, Lisa, und Hubert und Erwin dazu, zwinge ich durch meinen dummen Ein- Dix blinzelte nachdenklich in die „Gewiß, Hubert hat gezeigt, daß er nicht mit sich spaßen läßt. Mag sein, daß darin ein Beweis für seine Liebe liegt, es könnte aber ebensogut nur ein Beweis dafür sein, daß Hubert ein Menlch ist den jeder gegen ihn gerichtete Scherz zutiefst kränkt und verletzt. Von Erwin hingegen weiß ich nun so klar, wie es klarer gar nicht mehr $u denken ist, daß er so blind in mich verliebt ist, wie es blinder qar nicht möglich ist!" Lisa wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick kam Erwin aus der Hütte und fragte Dix zärtlich besorgt, ob die Schmerzen noch sehr schlimm wären, und ob sie einen Wunsch habe?" „Ja, bitte Erwin, einen neuen Umschlag!" Dix. band den linken Fuß aus, und während Erwin in die Hütte zurückging, um das Tuch mit warmem Wasser neu anzufeuchten, zog fie einen Strumpf über ihren linken Fuß und bereitete dafür den rechten zum einbinden vor. „Schon zweimal habe ich es so gemacht, und Erwin, ach Erwin, schaut mir immer nur in die Augen!" sagte Dix strahlend glücklich. Da konnte auch Lisa nur noch lächeln und einsehen daß das alte Sprichwort von der Liebe, die blind macht, sich wieder einmal als wahr erwiesen hatte. „Ich konnte Hubert und Erwin doch nicht einfach sagen: Hört zu, ich habe euch nur zum Narren gehalten. Es war viel leichter für mich, ihnen den Schwindel damit klarzulegen, daß ich ganz einfach den falschen Fuß verband", erklärte sie lächelnd. „Mein Geständnis hatte zwei vollkommen entgegengesetzte Wir- k gen", erzählte Dix. „Hubert sagte kein einziges Wort, schnallte die ---.hier an und fuhr ab — nach Hause." „Und Erwin?" fragte Lisa atemlos. „Erwin blieb ohne weiteres bei mir", erklärte Dix. Lisa lächelte befreit.