w - eilf Obttf -HG «K liebt« Mte iichttz Mann «A ralfpi. ®u fl Ai ofen« !t. A MH tuf h iegenti • Otto feines ietrnf Wid«' n Drc u 34 e, bei 15 auf Hielt« xuf ti ica ui Ite. sühm e to Wem 11,31b Mio das bit tobte t würbe Soeben ieftigl® Mir iii M W ne W Uniet’ i int«*1 .b, * bet * lbz< $ ifijie«« iiien y ich, * rr ooi fett i* Jlateri»1 ten» be|N Jlofiti» ,[ gen» inb*1 itflete Woch-" «5 en ” «'S Ä «t. SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Montag, den 5. Juni Nummer 42 ihrgang |939 Als ich aber nach einer guten Weile langsam mich von den Knien iti ob, richtete der Kanzler, ohne mich anzublicken oder eine Miene zu «eiZiehen, die Frage an mich: ,Wie befindet sich mein Herr uni) König?" - Ganz in dem Tone, wie er vormals zu fragen pflegte, wann er mich in Windsor vor der Schwelle der königlichen Kammer traf. Da schossen * die belften Tränen in die Augen, Er aber bewegte sich leise die Stufen Herunter, winkte mir mit der Ijiub, ihm zu folgen, und schwebte mir voraus in den Klostergarten, ein feiges, grünes Geviert mit blühenden Rosenbüschen in der Mitte eines testvollen Kreuzganges von neuester Bauart. Obwohl draußen schon *ii Blätter fielen, hatte das Welken und Sterben der Natur noch keinen iiolaß gesunden in diesen von den sorgfältigen Mönchen gepflegten l’inen Raum. Der Primas ließ sich zwischen dem üppigen Gesträuch auf eine Stein- tert nieder und wiederholte seine Frage: .Wie steht es um meinen tem und König?" _ „ Herr Thomas", sagte ich, ,es steht mit ihm nach gemeinem Men- W'irschicksal und erbärmlicher noch. Er ist nicht mehr.zu kennen. Sähet ?r ihn, es jammerte Euch seiner, und Euer Eingeweide würde sich ter ihn erbarmen!" Dann schilderte ich ihm mit beweglichen Worten « Verfall und die Verstörung des einst so majestätischen Fürsten. Er hätte mich lange reden lassen. , Herr, er hörte mich an ohne Schadenlust, auch ohne sichtbares Mit- Lte’ auch nicht fremd und gleichgültig, sondern wie man wohl vernimmt, ein Unheil eingebrochen ist, welches man lange vorhergesehen, und btrauf man sich im Geiste gefaßt hat. 'so schwieg er. Aber ich meinte zu fühlen, daß sein Herz sich er« #i ä)te, darum erkühnte ist mich und schrie: .Herr Thomas, >chr seid ein Ite19er Mann und kästeiter Christi Wenn Ihr vergeben könntet, was Heinrich an Euch gefrevelt hat ... es nähme heute noch ein gutes 'Er aber schwieg. . : ^erzeiht dem Königel" schrie ich wieder, .daß Gnade verloren ging! senkte Herr Thomas das Haupt und antwortete rätselhaft: vylimm, wenn die süße Gnade verloren ging ... das sei ferne. lote*’ diesem Augenblicke vernahmen wir das wehklagende Schelten der te^che, welche einen jungen Reitersmann, der den Pförtner über« I»f’pelt hatte und in den Kreuzgang einbrach, an den Armen zuruck- »>ten, Ez war Herr Richard. Das Harren und seine Verklerdung lte.en J*as Löwenherz verdrossen haben, m . L. abschüttelnd, stürzte er zu den Füßen des Primas, und k .'■Dtejn Vater, mein Vater! Sie wollen mich nicht zu dir lassen. DER HEILIGE Novelle von Conrad Zer-inan- iUcyet 10. Fortsetzung. . Mein Löwenherz kennend und den Sturm feiner Gefühle, beschwor M den Herrn, mich chm vorausretten zu lassen, worein er, wenn auch mgern und scheltend, zuletzt willigte. Der Bruder Pförtner vernahm mein Gesuch ohne Argwohn, und a(; ich den Herrn Thomas nannte, machte er eine so ehrfürchtige ®e« habe und zog ein so frommes Gesicht, daß ich wohl merken konnte, der Ringler stehe hier in hohem Ansehen und im Gerüche der Heiligkeit, Er jaj.le mir, der Primas befinde sich in der Kirche, und er wage es nicht, «ich wäre es frevelhaft, ihn in feiner Andacht zu stören. Inzwischen zeigte mir der Mönch die nackte Zelle des aus dem tichöflichen Palaste von Canterbury Verstoßenen mit dem rauhen Feld« |ti: ne, worauf er schlummernd das Haupt zu stützen pflegte. Dies harte Ripfkifsen verwunderte mich, denn ich wußte, von wie empfindlicher fetur und von wie seinen Gliedmaßen der Kanzler war. Endlich aber, tl; es nicht werden wollte und des heiligen Mannes Andacht ZU keinem ; Erbe kam, ließ mit der Pförtner in die Kirche treten gegen das Ver« " hiechen, mich still und eingekehrt zu verhalten, so lange der Betende Miner nicht ansichtig würde. So trat ich denn achtsam zwischen den pulen hervor und wurde alsbald Herrn Thomas gewahr, ber in einem hchlehnigen Chorstuhle stand, eher sinnend als betend. Da ich den raun« Mamen Herrn seit manchen Jahres Frist nicht mehr gesehen hatte, so ttchrak ich über die widernatürliche Schmalheit seines Antlitzes und |ne tiefen, schmerzlichen Augen, deren Blick mehr nach innen als nach tigen gerichtet schien. Ich kniete im Schatten des Hochaltars auf die Stufen nieder und ic-ehrte das Heiligste, ohne 'Herrn Thomas aus bem Äuge zu lassen. 01 er meiner Gegenwart gewahr wurde oder nicht, blieb mir unbewußt, | ten nichts an ihm geriet in Bewegung. Dieser betrachtete ihn eine Weile schweigend. Dann strich er ihm mit fünfter Hand die schweißgenäßten, verworrenen Blondhaare aus der Stirn und schlichtete sie ihm mütterlich. Wie ich dies Zeichen seiner zärtlichen Liebe zum Löwenherzen sah, hielt ich unfern Handel für gewonnen und verzog mich bescheiden unter die Gewölbe des Kreuzganges, die beiden Herren ihren Engeln und Schutzheiligen überlassend. Ich setzte mich unter den Bogen einer durch ein Bündel feiner Marmorstäbe geteilten Fensteröffnung auf die breite Steinplatte und warf hie und da einen forschenden Blick ins Grüne zu bfn zwei Herren hinüber. Dieser Kreuzgang war voll Bildwerk und, wie gesagt, nach dem neuesten Gefchmacke gebaut. Seine Säulen waren mit reichem Gesimse gekrönt, auf welchem, in abwechselnder Reihe, je ein Geschöpf der obem oder untern Regionen faß, hier ein pfatlierenber Engel, dort ein lächerlicher ober boshaft grinsender Wechselbalg. Ader ich verwendete auf diesen Zierat wenig Aufmerksamkeit, denn mein Auge wurde immer wieder von der Steinbant im Klostergarten angezogen. Der Königssohn hielt die Knie des Kanzlers umfaßt, der nur sanft zu widerstreben schien, dis jetzt Herr Richard mit glühenden Wangen seine letzte Bitte vorbrachte und den Primas noch Ijerjliefxer umfaßte. Hier wandte sich Herr Thomas mit traurigem Antlitze weg, aber der Prinz ließ nicht von ihm, bis er auch diese gewährte. Ich hörte, wie der Jüngling während dieses Ringens um die Seele seines Vaters das Wort .baiser" wiederholt ausrief, und erriet, daß es sich um den Friedenskuß der Kirche handle, mit welchem der Primas seine nächste Unterredung mit dem Könige zu weihen und zu beginnen versprechen sollte. Rach einer guten Weile schritten die Herren, der blühende Jüngling zur Linken des kasteiten Bischofs, Hand in Hand an mir vorüber durch den Kreuzgang und trennten sich noch innerhalb desselben. Ich folgte. — Herr Richard neigte sich über die blaffe Hand des Kanzlers und benetzte sie mit Tränen kindlichen Dankes. Wahrlich, auch mein Herz jubelte, daß die erbarmungswürdigen Leiden meines Königs zu Ende gingen. Da mußte ich, wehe, über den Häuptern der zweie ein steinernes kleines Schicksal erblicken, das, auf dem Gurt eines Pfeiles hockend, mit feinem Krötenbeinchen höhnisch nach ihnen stieß und dazu die Zunge reckte. Dieses mißfiel mir, obschon es. ein Zufall war, und ich hätte die beiden Herren lieber erst am nächsten Pfeiler sich scheiden sehen, wo ein harfenierender Engel seine Schwanenfittiche ausbreitete. Herr Richard schickte mich dann Hals über Kopf zum Könige, seinem Vater, mit einem Schreiben, worin er diesen bat, um Gottes Wunden und um seines eigenen Heiles willen die den Bitten des Sohnes gewährte Zusammenkunft mit dem Primas zu beschleunigen. Als Herr Heinrich aus dem Briefe entnahm, der Bischof verspreche ihm den heiligen Friedenskuß, litt es ihn nicht länger in seiner Burg, er trieb seine Ritter und schalt feine Knechte, bis wir nach wenigen Stunden spornstreichs verritten — so heiß dürstete ihn nach der Berührung der Lippen, die seine langjährigen Qualen stillen und seinem Leben den Frieden geben sollten, wie sein Glaube war. Es war an einem grauen Tage und auf einer trübseligen Heide, daß die Herren zusammentrafen. Herr Thomas, der mit kleinem Gefolge erschien, hatte Mühe, sich von seinem Tiere zu heben. Er war schmal von Gestalt und schwankend geworden, wie ein in Sonne und Wind verschmachtetes Schilf. Der König stürzte vor, um ihm den Bügel zu halten, den Primas aber hatten feine Mönche schon in ihren Armen empfangen. Er stand ehrerbietig vor meinem Herrn, ein müder Mann; aus tiefen Höhlen blickten feine Augen, und zitternd klang feine Stimme, als er an den König die erste Rede richtete: ,Gnädiger Herr, laßt die andern zurücktreten, damit unser Geheimnis unbelauscht bleibe." Er winkte feine Mönche weg, und der König rotes mit hastigem Gehorsam seine Ritter zurück, denn ihn dürstete nach dem Friedenskusse. Ich aber ergriff die Zügel der beiden Pferde und hielt mich mit ihnen in kleiner Entfernung von den Herren, während die andern, Mönche und Ritter, wohl auf die Weite eines Bogenschusses, nach zwei Seiten zurückwichen. Herr Heinrich konnte sich jetzt nicht länger hatten; mit gespitzten Lippen näherte er sein zerfallenes, aufgedunsenes Angesicht dem kasteiten, heiligen Haupte des Kanzlers. Es war häßlich und abstoßend, das Antlitz meines Königs, aber so rührend und sehnsüchtig, als begehre es nach dem Genüsse des göttlichen Leibes. Was jetzt geschah, Herr, was in dem Innern des Kanzlers vorging, wer kann es sagen? Ich meine, daß dieser Verein von Häßlichkeit und Begierde ihn an die Erwürgung der kindlichen Gnade erinnerte. Er entzog ekelnd seine Lippen dem Könige und betrachtete das nahe Haupt mit Schauder, als erblicke er den Inbegriff jeder Unterdrückung und Schandtat. Doch der König in seiner blinden Sehnsucht ergriff die Arme und und fortan göttliche und menschliche Wege wandelst! Willst du, Köniz Heinrich? .. ' _ , , 3n diesem Augenblicke wurde der Hause der normannischen Herren unruhig die es verdroß, den König so lange mit dem geächteten Bischof, dessen Klugheit sie fürchteten, verhandeln zu sehen, und deren Ehrerbietung gegen ihren Fürsten schon merklich gesunken war. Sie rasselten mit den Speeren und Schilden, tummelten ihr« Ross« und schriene ,Finissez, Seigneur Roi, Hnissezl Herr Heinrich erschrak und bedeutete den Primas, schleunig von ihm 5U ^Zurück mit dir', rief er, ,in dein französisches Kloster! ... Und daß deine Sohlen nimmermehr den englischen Boden berühren, du Bolksver- sichrer! Weder hier noch jenseits will ich je mit dir wieder zufammen- kommen und zu schaffen haben, du Zauberer und Schicksalsrabe! ... Aus dem Angesichte des Primas wich jedes Leben. Er antwortete mit sanfter Stimme: ,3ch weih nicht, ob ich deinem Worte folgen kann, denn lange bin ich nun gewandert, und Hirt und Herde verlangen nach einander. Auch sehne ich mich nach meiner Ruhestätte. Darum, o Herr, verspreche ich nicht, dir zu gehorchen. — Doch besorge nichts von mir, meine Schritte suchen den Frieden.' ,Hüte dich, bei deinem Leben meinen englischen Boden zu betreten!' schrie der König außer Sinnen und gebärdete sich so heftig, daß Herr Richard, das Löwenherz, der, aufmerksam auf die zwei«, sich in der Nähe der normünnischen Ritter hielt, mit verhängtem Züge! und bestürzten Mienen hevangesprengt kam. Thomas Decket aber wendete sich von dem Könige mit einem rochen Lächeln. ,3ch glaube, die Stunde meiner Befreiung nahet', sagte er. ,Wo hätte ich Zager sonst den Mut genommen, das Haupt zu erheben und meinen Herrn und König zu erzürnen!' — So schieden sich Herr Heinrich und Herr Thomas voneinander ohne den Frieden, den sie doch beide redlich gesucht hatten. Zwölftes Kapitel. Als wir die graue Heide, den Ort des verweigerten Kusses, verlasse», hatten und schweigsam in uns gekehrt nach der festen normännische». Stadt Rouen trabten, trieb uns nach einem warmen, verlängerten Spätherbst eine rauhe Winterlust die ersten Flocken entgegen. Mich drückte der Kummer wie ein zu enger Brustpanzer, denn ich gab die Sache meines Königs verloren, wohl wissend, was ich Herrn Richard nicht verhehl!: hatte, daß das an einem Sonnenstrahl der Güte schmelzende Eis bet' Herzen, von neuer Kälte überfallen, sich zwiefach verhärtet. Mit meinem Augen hatte ich es gesehen, wie der Primas dem Löwenherzen zuliebe fein innerstes Naturwesen hatte zwingen wollen, di« Lippen meine»' Königs zu berühren, und wie er es nicht gekonnt. Bon Dohlen und Krähen umflattert, [prengie Herr Heinrich über da»- Blachfeld, das sich langsam mit Schnee bedeckt«. Da, an einem Kreuzweg, spornte Herr Richard seinen Falben, dein er bei währenden Ritte gegen seinen Gebrauch in den hinteren Reihe»« gehalten hatte, neben den Berberhengst des Königs und beurlaubte sich« von dem Vater mit gesenktem Haupte und, wie mir schien, tiefsinnige»« und hinterhältigen Mienen, wie sein tapferes Antlitz sie sonst niemals« zeigte. Er schützte ich weiß nicht welche persönlichen Anliegen und Der-' Wicklungen in seiner Grafschaft Poitou vor, und ich verstand, daß er zwar nicht mit den Brüdern, gegen die König Panier aufwerfen, aber außerhalb des Streites sich halten werde. 3u der Stadt Rouen hielt sich Herr Heinrich bis zur Weihnacht, nicht ferne war, in guter Zucht und christlicher Zerknirschung, hort!« »die Messe und tat sich wehe mit Fasten und jeglicher Enthaltsam» enn er war gesonnen, am Morgen des teuren Festes das hochheilige Brot zu essen. ivo tat er auch mit Andacht und Freude. Dann setzte er sich mit feine«»! Gesinde an die reichbeladene Tafel, um seinen kasteiten Magen zu er» götzen. Das festliche Mahl war zu feiner Mitte gelangt, da regte sich «r Bose und schickte einen Störefried. Gestiefelt und gespornt — denn er hatte sich eben vorn Pferd« gekugelt — keuchte der Bischof von 9)ort durch die Halle und stellte sich-, rot wie Puter, mit erzürnten Gebärden vor den tafelnden König. Dieser kurze, hitzige Normanne konnte mit feiner Unrast und dem äluffabrem seiner Gliedmaßen einen Gelassenen und Gesunden aus der schönem Fassung bringen, geschweige meinen König. 3hm an der Seite ersehn® einer seiner Kleriker, ein Mann mit langem Gesichte voller Vernunft, dea ihn mit bedächtigen Reden zu beruhigen und zu regeln trachtete. .Helfet mir, gerechter König Heinrich", überichri« sich der Kleine- Michi genug am Priipas, hat nun auch der Heilige Vater in Ro«A seinen Bannstrahl auf mein Haupt geschaffen. Thomas Decket, den Go« verpeste, hat die Bulle verstohlenerweise auf feinem eigenen Leibe «m Euer englisches Königreich getragen und eben jetzt, zur heiligen Freude»» 3eit, wird sie in allen Kirchen, wo Sachsen Messe lesen, zu meiner unv meines Königs Schmach feierlich verkündet. Und wie ist der Sohn dell Bosheit nach Canterbury gekommen? ... Als ein Triumphator mit W® und Wagen und einem langen sächsischen Heerzuge! ...' .. Hier gelang es dem verständigen Chleriker, seine Stimm« horvoll zu machen. . . Dem sei nicht so, wandt« er ein, auf einer frommen Eselin se« Dt“ Primas eingeritten; wahr sei es aber, daß das Volk Gewand vor «h^ ausgebreitet und, was Grünes in dieser Winterzeit vorhanden, »» feinen Weg gestreut habe. Der Verbannte sei als ein müder Mach nach Canterbury zurückgekehrt und habe sein erzbischöfliches Hous, F fein Gemach seither nicht wieder verlassen. Freilich habe der Prnno- zwei päpstliche Bullen in seinem Gewände nach Cngelland gebradjr di« eine aber habe er in die Flamme seines Herdes geworfen, die ander von feinen kriegslustigen Klerikern nur mit Widerstand sich «ntreitzch tasten. Herr Thomas fei am Erlöschen, und die Natur selbst werde Herr» Heinrich von feinem Peiniger und Widersacher in Bälde befreien. Das sei die nüchterne Wahrheit. Ein ihm verpflichteter Hausgenoi« des Primas habe sie ihm getreulich erzählt. (Fortsetzung folgt.) / luchte den Mund des Kanzlers, als Ihn dieser mit einem Schrei des Ent- setzens zurückstieh. ~ c „ Wie nun Herr Heinrich mit Schmerz und Zorn gewahr wurde, daß ihm d«r Primas trotz des gegebenen Wortes den Frieden nicht gewahren konnte, verhärtete sich plötzlich fein Gemüt, und er stieß verzweifelnd die Worte aus: .Was hab' ich mit dir zu schaffen, Thomas? Was verfolgst du meine Seele?' Der Kanzler aber war seines Willens wieder mächtig und seines Pfades sicher geworden. Er erwiderte mit ruhiger Hoheit: ,Du kennst feit langem meine Natur, o Herr, di« in die Stapfen eines Kroßeren treten muß. 3d) bin dessen nicht gewiß, ob der Nazarener, dem ich gehöre und nachzufolgen suche, es über sich gebracht hätte, deine scheufallgen Lippen zu berühren. Den Verräter 3ndas hat er geküßt, der ihn, die Unschuld und Liebe selbst, verkauft und in den Tod geliefert hat; aber ob er «inen Mund geküßt hätte, der die Seele seines Kindes vergiftete und den Leib der Unschuld ver-darb, daran muß ich zweifeln. Und da er zugleich ein Gott ist, wie di« Kirche lehrt, fo kann er den Mond feines Lammes nicht vergeben ohne eine schwere und völlige Sühne, weil er sich selbst, das heißt die Gerechtigkeit, die sein Wesen ist, nicht zerstören kann Und ich, der ein Mensch, aus heidnischem Blut« und nicht so gelassen bin, als ich scheine, ich soll über mich bringen, was mein Meister nicht vermocht hätte! Und doch, es soll geschehen. Aber um ein Lösegeld, Seelen gegen Stele! Sammle deine Sinne, König, höre mich an und überlege. Siehe, ich habe noch andere Kinder, deine Sachsen, deren Seelen du selbst einst meiner Hut anvertraut hast. Aber wie soll sie der verbannte Hirte weiden? Und wie sollen dies« Seelen gedeihen, wenn ihr« Leiber das Eigentum deiner Wölfe, deiner unersättlichen Barone find? Seit dein Ahn, der Eroberer, viele Tausende dieser überwundenen Sachsen einer Handvoll eiserner Normannen unterworfen hat, wohnen di« Beraubten nicht mehr auf eigenem Grunde. Du verstümmelst die Männer wegen eines erlegten schädlichen Wildes kraft deiner barbarifchen Jagdgesetze und scheuchst 3ünglinge und Mägde in den Schatten der Klöster, weg von der Sonne und von der ererbten nährenden (Erbe, die fie friedlich bauen und bevölkern sollten. Laß mich gewähren! Höre mich an: ich will dir und dem Sohne, der dir bleibt, ein Volk schassen. Richt mit Eroberung und Gewalttat, sondern mit Weisheit und Gerechtigkeit, mit dem sanften Stabe des Bifchofs will ich überwinden. Weil ich die Seelen beherrsche, so fürchte ich mich nicht vor den Schwertern deiner Normannen. 3ch bin in diesen Tagen des blinden Zornes und der plumpen List noch immer der Klügste der Sterblichen. , D mein König, rote töricht hast du gehandelt, da du, meine Macht zu zerstören, deinen Sohn Heinrich gekrönt hast! Und wie ungerecht! Denn du selbst haft mich zu deinem Primas gemacht, und dein Primas - bin ich auf immer. m ,Siehe hier', er hob eine Rolle aus seinem Busen, ,den Bannstrahl des Papstes in Rom, den er gegen dich wirst, weil du an die Recht« meines Stuhles getastet hast — ein unreines Feuer, das ich nicht auf dein Haupt herabbeschworen habe! — Heute ist der Heilige Vater ein Mietling deines königlichen Vetters von Frankreich, wie er einst, da ich dir diente, der deinige war. Du hast die Seele des Lattners nicht verstanden und spartest das Geld zur Unzeit. Gib dich, mein Herr und Gebieter, in meine Hände zurück, und ich trete dir diese käufliche Brandfackel aus! Auch auf die Recht« meines Stuhles werd« ich einst verzichten, wann ich sie gebraucht haben werde, um in deinem Königreiche jedem Raum und Recht und dir ein Volk zu schassen. Denn nicht des Lateiners Knecht bin ich, sondern ein Diener und Bruder des Nazareners.' lieber diesen erstaunlichen Worten war das Angesicht des Königs bald aufgeflammt und bald erbleicht. Zuweilen schien er Überwältigt, dann sträubte sich sein Königsstolz, dem Bischof und seiner Weisheit sich zuzuneigen und zu ergeben. Feindschaft und Grauen gewann wieder die Uebermacht, und feine Seele blieb zwiespältig. .Siehe, mein Fuß ist müde', suhr Herr Thomas mit weicher Stimme fort. Äh bin eine erlöschende Flamme, doch scheint mir lebenswert, in biedern Zeitalter des Hasses und Zwiespalts ein Reich zu gründen, wo Gott und dem Menschen nicht ins Angesicht gespien und geschlagen werde. Erb« des Eroberers, willst du ein gerechter König werden? Begehrst du eine milder« Todesstunde als die deiner Ahnen? Ueber dir schwebt' — und Thomas schaute in den .leeren Raum über dem Haupte des Königs, wo ich im Geiste eine Hand mit gezücktem Schwerte erblickte — .eine andere als meine Rache. 3ch sühne sie dir. 3d) schirm« dich. Besser diene ich dir jetzt als einst dein ehrgeiziger Kanzler. 3ch bin dein Freund. Denn, siehe, dein Sohn Richard hat für dich gebeten.' — Diese schön« und geistliche Rede hätte vielleicht meinen armen König Überwunden, hätte nur der kluge Herr Thomas das Löwenherz nicht ins Spiel gezogen! Mein Herr Heinrich, obwohl er seinen Dritten über alles liebte, war durch den unkindlichen Verrat und Abfall der 3ungherren Heinz und Gottfried gegen fein eigenes Fleisch und Blut argwöhnisch geworden. 3hn ärgert« zu dieser Stunde, daß sein Sohn Richard für ihn gebeten, und in seinem Herzen schwoll und kochte ein schwarzes Mißtrauen. .Wohin drängst du mich, Thomas?' begann er, .ich soll meine Normannen erzürnen? Was sinnst du? ... Mein« sächsischen Knecht« frei« geben? ... Meinst du's im guten? ... Willst du mich verderben? ... Er runzelt« die Stirn, als muhe er sich, nachzudenken, aber plötzlich kam ein verwirrender Geist des Zornes über ihn: ,3ch erkenne dich', rief er, ,du willst mich und mein Reich zerstören! ... Seit Gnade, die Gott verdamme, dahin ist, brütest du Tag und Nacht über meinem Untergänge, du Heuchler, du Verderber, du rachfüchtiger Heide!' Das Antlitz des Herrn Thomas aber leuchtete wie das eines Engels, und er jagte mit strahlenden Augen: ,3ch vergebe dir den Tod ©nahes und deine Lästerung, wenn du mein« Brüder, die Sachsen, fteigibst davon. das, ®) habe eine Borlieb« für Ueberraschungen und besonders für schon auswendig kann. di« Augen auf, bemerkte mich und flog lleberraschungen. Von Sigismund v. Radecki. * R normt' ingnkiM vq tifci Lchr «W iffl lzeckikf ihap > NW» linttmH (wriu »n, !#■ •H* iejuF rftoA * jufuffl’1, stH WH herS «fits b» .s-l «d unb Wl nW.1 btfflJ 115 M A^Da "konnte ich nun sehen, welch ein blitzschnell kombinierender Lügner der Traum ist. Kaum hatte er „Kuckuck" gehört, so baute er mir auch schon diensteifrig eine ganze, runde, braune Schwarzwalderuhr als Ursache — oder es war gar kein« Uhr, es war ein richtiggehender Kuckuck der über mir wirklich im Birkenlaub sah und losprophezeit«. Neugierig guckte ich sogleich nach seinen Augen: ob er ju beim Rusen ebenso zudrucke wie sein Bruder in Apoll, der Gockel, beim Kikeriki. Denn der Sänger „drückt die Augen ein" beim Krähen, und fragst du warum, so sag ich: weil er's —«-»"Mn Allein der Kuckuck behielt « yvut: eine tooweue ur r—... • •sinnen im Gemüt entspricht: das Staunen. Natürlich gibt «s auch iimmes Staunen, das sogenannt« Maulaujreihen, syrnbolisch dar- kltlt durch jene Kuh, die völlig fassungslos das »«u« Hoftor anglotzt, 'i'rfes ist bloß ein Emrosten des Intellektes der ede Abweichung oon V Mouline für den Weltuntergang nimmt. Ebenso dursüg wie solche vor der Ueberraschung ist jene Sucht nach chr, die Sensauonslust ^.Dagegen ist die wahr« Ueberraschung ftuchtbar und ruft rn uns ^'lchöne Drama der Erkenntnis hervor, dessen erster Art Staunen und der zweite Berstehen, oder besser noch Jnnewerden, ■*) bj.ontte, der Schlußakt, .wiederum m ein Staunen aus auch Den (£ine andere Ueberraschung erlebte ich einmal in Sardinien. In schläfrigem Pferdetrott rollte uns der Landauer durch ein langgestrecktes Tal. Es hieß „Flumini" und mit Recht, denn in der heißen Ieierstille der Aoselsinenwälder hört« man nichts als die dreißig Siwer- bäche welche es' traumhaft durchflossen und murmelnd aus dem Schlaf sprachen. Die Apfelsinen vom Daum waren noch warm und so fuß, wie ich sie nie mehr geschmeckt habe. Rechts und links an den Berghängen hielten die Korkeichen ihr düsteres Mondlaub ,ns Tages,cht, hier unten aber gab es nichts als ein versonnenes, saumseliges Reisen. Rot ivieaelten sich die Früchte im slüchtigen Silberwasser. Und wie der Weg jetzt in Serpentinen zum Derchattel aufstieg sah man bei jeder Biegung immer wieder Flumini zum Entzücken daliegen So wurde ich'- gar nicht gewahr, daß mein Landauer den Bergsattel WL"°--i»n«„ -<» w w , unabsichtlich aus di« ander« Seite. Und fah nun, eben noch m Flumini versunken mit einem Male etwas Unermeßliches vor mir: 8 unten stießen sieben gelbe Vorgebirge, eines nach dem anderen in das Meer hinaus, welches weiß an ihnen brandete und sich ln toi mattblauer Unendlichkeit hinaus bis zum Horizonte hinzog- Weit , draußen tanzte wie ein betrunkenes Pünktchen ein dreifchlouger Messa "eries-Maritimes^ampi«r mit Kurs auf Karthago. Ein« neue, (tatfe Luft zog über den Sattel hin. Flumini, addiol Nach einem Peitschenknallen war es verschwunden, als wär es nie gewesen. Ganz anders war die Ueberraschung, di« ich einst ^lpulien er- iubr Es gibt dort so ein Städtchen namens San Benevento. Hoch oben steht es steinern aus dem kahlen Stein und glüht und snert, denn es tann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen Jein- ' Dort zogen wir um die Mittagszeit durch die chattendunklen Gassen, erfreut in dem Bewußtsein, soeben Spaghetti essen lernt zu haben. rc, j» ganz einfach: man quirlt die Gabel auf dem Löffel und lpult dadurch di«^Nudeln sauber auf. Immerhin war das für uns ,0 neu wie ganz Italien, und darum hatten wir im Gespräch gar nicht bemerkt, daß mi/aus der Stadt wieder in die Sonne hlnausgeschntten waren. Zufällig wandten wir uns um. Dort ragte dicht hinter uns (und afto ietit vor uns) ein ungeheurer Marmortriumphbogen — wir waren unter ihm, ohne es zu merken, hindurchgeschritten - neu wie von gestern, und auf ihm lasen wir geblendet die Lettern: immer tiefer gräbt er seinem Staunen nach. und fördert immer neue Schichten Kindheit zutage, bis er schließlich hübsch unten bleibt und gar nicht mehr herauskommt — wahrscheinlich auch nicht mehr aus dem StaunenI Denn sicher, Engelsein bedeutet ewiges Staunen ... Darum lieben wir das Staunen, auch am anderen: so soll wenigstens er über das staunen, was uns nicht mehr staunen macht. * Ein Gelehrter in Queensland r; nie, »er eanugan, roieoerum NI -Ul in Mn» M k S dem, der beim Verstehen stehenbleibt. Keine Wissenschaft, keine keine Liebe ohne Staunen; wer nicht mehr staunt leb l !? mehr, und so will ich zu Ben Akibas Ehre annehmen daß >»it ?:,'Ä •’Wens darüber gestaunt hat, das alles schon dagewesen s - >€ Grundstaunen des Philosophen ist eines, vorüber die meisten ' iN?4' lachen werden: nämlich, daß es das Wort „ist 8'bt -Wunen W i ^laupt etwas existiert; wahrend der Dichter ewig darüber staunen ™ daß es di« Welt gibt unbauf dieser Welt ihn, den DM" Darum gUlH** I Staunen um fo wertvoller, je alltäglicher die „Uebe W1 . M n^dem Genie genügt schon das leise Geräusch eines he > . es staunend ein Weltgefetz anklopfen hort Uud damm tXl 1 ist das Staunen des Kindes, dem des Weifen zutiefst verwandt. I erstaunen „über nichts", beide erschauern vor der Majestät de . I Maligen, vor jener Erstgeburt der Erkenntnis, die dem Kind als w Vv I und dem Weisen als Lohn zuteil wird. Und so gtt das Wort L lol ihr nicht werdet wie die Kinder —" gerade auch für das Iche ' Unkindlichste, für das Denken. Staunen erkennt man den Menschen; ja, " ist ei-entttch «is 6 1 und Staunen gemacht, denn woraus besteht unser Inn , t V'V- I E aus Erinnerungen, und was macht denn Erinnerung, Faunen? Und roirb der Mensch, alt, so beginnt er «uf seiner mr m Gegenwartsebene die großen archäologischen Ausg ö Wirkung in die Ferne. Von I. W. von Goethe. Die Königin steht im hohen Saal, Da brennen der Kerzen jo viele; Sie spricht zum Pagen: „Du läufst einmal Und holst mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand Auf meines Tisches Rand." Der Knabe, der eilt so behende, War bald an Schlosses Ende. Und neben der Königin schlürft zur Stund Sorbet die schönste der Frauen. Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund, Es war ein Greuel zu schauen. Verlegenheit! Scham! Ums Prachtkleid ist's getan! Sie eilt und fliegt fo behende Entgegen des Schlaffes Ende. Der Knabe zurückzulaufen kam Entgegen der Schönen in Schmerzen. Es mußt es niemand, doch beide zusamm, Sie hegten einander im Herzen; Und 0 des Glücks, Des günstigen Geschicks, Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten Und herzten und küßten nach Lüsten. Doch endlich beide sich reihen los; Sie eilt in ihre Gemächer; Der Page drängt sich zur Königin groß Durch alle die Degen und Fächer. Di« Fürstin entdeckt Das Westchen befleckt: Für sie war nichts unerreichbar, Der Königin von Saba vergleichbar. Und sie die Hosmeisterin rufen läßt: „Wir tarnen doch neulich zu Streite, Und Ihr behauptet steif und fest. Nicht reiche der Geist in die Weite; Die Gegenwart nur, Die lasse wohl Spur; Doch niemand wirk in die Ferne, Sogar nicht die himmlischen Sterne. Nun seht! Soeben ward mir zur Sekt Der geiftige Süßtrank verschüttet. Und gleich darauf hat er dort hinten so weit Dem Knaben die Weste zerrüttet. — Besorg dir sie neu! Und weil ich mich freu, Daß sie mir zum Beweise gegolten, Ich zahl sie! sonst wirst du gescholten. >: Wit’; mij» ■ Mi »*IR l«nfci. b Ich k meiner S; k-t loben 11. lich |o k i u| bit ft äitzaM eiiWF i fattnjf! 1 erfjeter; ein* tfiy DIV.TRAIANO SENATVS POPVLVSQVE ROMANVS* reden, unversehrt geschrieben wie von einen schlanken Schatten. Betäubt trotteten wir wieder in fanden wir im Baedeker, Benevent antiken Triumphbögen". die dunklen Gassen zurück. Dort besitze „ten besterhaltenen aller Gedenkst du noch? Bon Theodor Storm. Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht Aus unserm Kammerfenster wir hernieder Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll Im Dunkel dufteten Jasmin und Flieder? Der Sternenhimmel über uns so weit, Und du so jung; unmerklich geht die Zeit. Wie still die Luft! Des Regenpfeifers Schrei Scholl klar herüber von dem Meeresstrande: Und über unsrer Bäume Wipfel sahn Wir schweigend in die dämmerigen Lande. Nun wird es wieder Frühling um uns her, Nur eine Heimat haben wir nicht mehr. Nun horch ich oft, schlaflos in tiefer Nacht, Ob nicht der Wind zur Rückfahrt möge wehen. Wer in der Heimat erst sein Haus gebaut. Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen! Nach drüben ist sein Auge stets gewandt: Doch eines blieb — wir gehen Hand in Hand. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl,che AniversitLtSdruckerei R. Lange, Gießen. Da stand er, der Marmorbogen, ganz allein auf dem kahlen Felsboden, unerträglich weiß in der blauen Luft. Kein Gras, kein Strauch, milderte das gewaltige Pathos dieses Steines und dieser Sonne, die auf ihn strahlte — wie lange schon! Da stand es, die Steine fingen an zu ....... ’ gestern, und jeder Buchstabe warf Dichter und Jugend. Bon Paul Alverdes. Aus dem neuen Buche „Dank und Dienst", in dem der auch als Herausgeber der Zeitschrift „Das Innere Reich" bekannte Dichter Paul Alverdes die besten seiner Reden und Aufsätze gesammelt hat, bringen wir mit Erlaubnis des Albert Üangen/Georg Müller Berlages in München den folgenden Beitrag. Ein jeder Kindervers, den uns die Mutter lehrte, jedes Volkslied, das tvir gesungen, und zuletzt jedes Gedicht, das wir gelesen und allmählich in uns aufgenommen —: es bedeutet dem rückschauenden Blick zugleich eine Stuf« des Lebens, eine Vermehrung der fortan lebendig weiter- zeugenden Habe unseres Herzens; was man von keiner neuen Erfahrung ui der Schönschreibe- und der Rechenkunst oder in der Grammatik wird behaupten können. Wer wollte es also unternehmen, hier eine Grenze zu suchen? Vielleicht beginnt, aus dem Munde einer Magd gesummt, «in Dichterwort schon auf uns zu wirken und uns zu bestimmen, noch ehe wir selber zu sprechen gelernt haben. Was aber das Kind nur unbewußt und träumend empfängt, und was noch der Knabe, nicht anders als in seinen Spielen, auch im Gedicht vorweglebt und vorwegnimmt, das stellt sich dem jungen Menschen an der Schwelle der Reife nun immer weniger als sm Traum oder eine Vorwegnahme dar. Immer näher rückt die scheinbar ersponnene Welt der Dichter seiner eigenen Lebenswirklichkeit, bis er einmal entdeckt, daß er ein Liebesgedicht aus fremdem Munde, «ine Strophe auf einen Freund, einen Gesang an das Vaterland oder gar ein Sternenlied ganz ebenso hätte schreiben wollen, — wenn er schreiben könnte. Und nun beginnt jene Zeit, wir alle haben sie erlebt, in welcher der junge Mensch Hand in Hand mit seinen Dichtern noch einmal in die Welt eintritt, wie zum allerersten Male. Zwar es scheint oftmals nur eine Welt aus Worten zu («In, eine erfundene, müßig erspielte jenseits aller Wirklichkeit, fast immer vom Vergangenen handelnd und an Orten und unter Umständen, welche meistens seiner eigenen Erfahrung nicht bekannt sein * Dem göttlichen Trajan Senat und Volk von Ronr. Die leiseste Ueberraschung erlebte ich aber in diesem Herbst an einem Nachmittage mit stiller goldener Luft. Ich schlug mich durch das Ufergebüsch eines wilden Flüßchens uns machte Jagd auf Haselnüsse. In meinem Elfer war ich seinen blitzenden Stromwirbeln bis In unbekannt« Gegenden nachgelaufen. Nun machte der Flußlauf ein Knie, und auf dem Rasen dieser Halbinsel sah ich jetzt zwei große, volläftige Bäume stehen, ganz nahe nebeneinander. Weiß Gott, wie sie in diese Einsamkeit hingeraten waren, denn es waren Apfelbäume. Sie hatten gleichen Wuchs und trugen-das gleiche Laub. Doch der eine stand voll von blutroten Aepfeln, der andere aber voll von fchneeweißen. Der Fluß schwatzte um sie herum, die Sonne glänzte auf ihrem Laubs, ab und zu klopfte ein Apfel zu Boden — sie aber starrten sich unbeweglich aus tausend weißen und roten Augen an, als ob hier gleich ein hundertjähriger Krieg der weißen und der roten Aepfel ausbrechen sollte. Es war, als ob die Natur einmal habe zeigen wollen, was sie alles konnte. Es war «in stiller goldener Nachmittag. Es war eine Ueberraschung. können und vielleicht auch niemals bekannt fein werden. Und denn«- '■ ist ihm wunderbarerweife das alles nicht nur nicht fremd, sondern e: vermeint sogar, es» wiederzuerkennen, wie aus einem oder vielen sch«, l vor diesem gelebten Leben. Nun stimmt ihn das Gedicht auf die @e fallenen zu brüderlicher Trauer, als habe er selber solche lieben Toter i zu beklagen, nun küßt auch der noch ungeküßte Mund alle Küss« de: Liebenden im Gedichte mit, und nicht anders, als kehre er nur dorthin zurück, gesellt er sich den Helden um Achill und Roland und den Ritze langen im brennenden Saal, oder sitzt nieder zum Harfner, und roeitii t mit ihm auf das Brot, der Rächung aller Schuld auf Erden gewärtig. Zugleich begann es wohl, daß wir mit tieferer Teilnahme nach jener I kleingeschriebenen Namen forschten, daß wir sie zu unterscheiden begannen und endlich von dem Leben ihrer Träger auf Erden mehr unti L alles zu wissen begehrten. Was uns aber drängte, aus dem überliefert«« ! Bildnis, aus Brief und Handschrift eine innigere Bekanntschaft 51 | schließen, das ist wohl in keinem Falle ein verfrüht forschendes, (am- j; melndes, ein wissenschaftliches Interesse gewesen. Es war vielmehr bas gewisse Gefühl beginnender Freundschaft, eine oftmals schwärmende, atz« doch immer begründete Zuversicht, als liehe sich mit einem solchen Men | schen recht eigentlich reden, von Herz zu Herzen, wie mit keinem andern auf der Welt, keinem noch so geliebten oder verehrten Vater und Lehrer Denn was immer die Jugend vor allen andern Lebensaltern bewegt verborgen und geheim bisweilen, aber oft so mächtig zugleich, daß es ihr das ganze übrige Leben verstellen, ja gefährden kann, — hier in den Werken der Dichter ward es kund, war es gesprochen wie aus dm eigenen Herzen und eigenem Munde. Nein, wir konnten uns diese Mm schen niemals als durch Alter, durch den Unterschied von Jahren, Jahc- zehnten, oft nicht einmal von Jahrhunderten wesentlich von uns getrennt und verschieden vorstellen, sondern immer nur als zu uns gehörig, als unseresgleichen. Wie »ft aber sahen wir andere Menschen schon durch wenige Jahn I für immer von uns geschieden, und sahen «s zuweilen mit geheimem Bangen vor unserer eigenen Zukunft! Es war, als gäben ihnen bie | Jahre nicht hinzu, wie wir es doch für uns erhofften, sondern nähmen -wieder fort, und als würden ihre Herzen nicht weiter, sondern als schrumpften sie wieder ein. Wie selten war einmal unsere Glut auch die ihre! Sie konnten gleichgültig bleiben, wenn uns der Name des Vater- I landes erb rennen machte vor Begierde, uns seiner wert zu erweis« । sie spotteten, wenn uns die Liebe mit süßen Qualen schlug, sie weissagten Enttäuschung, wenn wir einen Bund der Freundschaft gleich fii.t j das ganze Leben stiften wollten. All unserer Unbedingtheit setzten sü ihre Erfahrung entgegen, die uns -doch nur Ermattung scheinen mußte. Manchmal fragten wir uns, ob sie denn wohl blind geworden seien für den Glanz der Sterne zu ihren Häupten, ob die Steine nicht mehr redeten zu ihnen und kein Schatten großer Vergangenheit sie mafjiH und auf riefe wie uns, — ob denn die Welt ihnen wirklich nicht meh-i größer sei. als der Raum ihrer Stube und der Tisch ihrer täglichen ’ Arbeit. Der Mund aber, der einst gesungen hatte „Dem Schnee, dm l Regen, dem Wind entgegen", oder „Es schienen so golden die Sterne" oder auch „Wohlauf, Kameraden ...", der blieb uns alterslos fiir immer, der sprach mit unserer Zunge, auch wenn wir selber nur stumm I zu erwidern vermochten. Dies nämlich hat alle echte Jugend mit allen echten Dichtern gemein: daß sie in einer furchtlos entzückten Vorwegnahme aller Er i-abrungen dieses Gebens, auch der tödlichen, sich immer in der Mitte des Daseins fühlt und nicht an seinem Rande. Mag ihn diese Fülle de: Welt, in deren Mitte er, aus den noch dämmernden Träumen der Kindheit heraus oftmals wie mit einem Schlage gerissen wird, mag sie den jungen Menschen begeistern und mit dem Feuer großer Vorsätze uni Taten erfüllen, oder mit den ehrfürchtigen Schaudern frommer Demuie niemals wird er sich herablassen, dieses Dasein nach bloßen Zwecken und nach bloßer Nützlichkeit zu messen und zu begreifen. Hierin such! -er nach Vorbildern, nach Gleichgestimmten und Gleichgesinnten, unü wo anders sollte er sie verehren, -als in der Erscheinung des Heldem in seiner tätigen und auch in seiner standhaft ertragenden Gestalt? Diese aber, — und ich nehme hier den Begriff des Helden in seinem weitesten Sinne in Anspruch, gibt ihm der Dichter. Er gibt sie ihm in den Gestalten feiner Werke, und zuweilen, nach fernem Tode auch in seiner eigenen Gestalt. . Denn auch er, ich sagte es schon, lebt wie das Herz der Jugend immerdar in der Mitte des Daseins, zwischen Erde und Himmel, dem Unvergänglichen zugewandt in aller seiner Vergänglichkeit, und es hieß« für ihn, sich seines Amtes, auch für ihn sich feiner „Jugend" zu begeben, wollte er sich von Nützlichkeiten und Meinungen und Zwecken des Tages jemals ausschließlich bestimmen und damit an -den Rand des Daseins verweisen lassen. Hier aber ist noch ein Wort der Erklärung nötig. Auch die Kun-st, auch die Dichtkunst kann zu einem Zweck entarten, zu dem Zweck ihren seiber nämlich. Wir haben kein deutsches, aber das französische War« Ernt pour lart dafür. So alt wie die echte Dichtung, so alt ist auch die Freundschaft zwischen den Dichtern und der Jugend gewesen. Sie folgt gleichsam aus der Sache selbst. Aber noch niemals hat sich eine dauernde Freundschaft zwischen echter Jugend und solchen Zweck- ober Kunstkünsi- l-crn gründen können. iJaft versteht es sich danach von selber, daß dem wahren Dichter das Erlebnis, der Glauben und der Kampf einer Jugend zu allen Settern mehr gewesen sind als bloß Anlaß und Gegenstand für Gedichte. Sie sind, wenn anders jene uralt heilige Freundschaft zu Recht besteht, tmmer auch sein eigener Glaube und Kamps gewesen. Wenn heute die Jugend die Dichter wieder in ihre Lager ruft, so begehrt sie zwar will Recht, daß er nicht nur als ihr Kamerad, sondern auch ein Dichter zu ihtt spreche. Aber je mehr einer Dichter ist, um so unüberhörbarer und unmißverständlicher wird er auch dann, wenn er nur von sich selber zu sprechen scheint, von ihnen allen und zu allen zu sprechen wissen.