HU# Nummer ZH Zreitag, den 5. Mai Jahrgang 1939 tt i r "Ws besser, als eines Tages die arme Hilde unversehens, da es dunkelte, " , di j der verlassenen Werkstatt saß, den Vater erwartend, von dem sie wußte, " „ t' '■‘6 er bei einbrechender Nacht mit eigenen Händen Laden und Türe tai naii» iiii to» ü t* feM Ttjifi ihbmt S: (tim: »iLTiegelte. , Ich habe nie erfahren, ob der Normanne Malherbe seine Gefangene U iwillig zurückgab, weil er ihrer müde geworden, oder ob der Kanzler ni seiner verborgenen Weise einen Druck auf ihn ausgeübt hatte. Eines dagegen sah ich deutlich: der Meister trieb mich in treuer Ab- W aus dem Hause. Er war gesonnen, sein zertretenes und scheu ge- v»rdenes Kind einem Angelsachsen aus seiner Verwandtschaft, der in der uterkstatt arbeitete und Trustan Grimm hieß, einem ungeschlachten Rot- zum Weibe zu geben. Dabei wollte er mich nicht zufehen lagen, la* lag er mir täglich an, eine bessere Stellung zu suchen, und da ich in ,ei.er Zeit, um Groll und Gram zu verwinden, eine Armbrust erfand, die (Uuter trug und sich leichter spannen ließ als alle damaligen — ein maoes Werk, wenn ich es auch später abermals übertroffen habe —£ jo freu* noube teiN berg* ! Sok afl* SB In» «< bis«' Idlli f tt» • B »! L Ä 1 Dtl ®rit \ einiti it k !5 te M *■' au» Jro® Mt J nb i« «rsch i to nimii tß i*i R» lein« such!« t, ii» .eijntti H 6 wHi miw fes» taff* ruhe Das begab sich aber folgendergestalt. In der Wertstätte meines Meisters gingen die Normannen ein und ii« denn da gab es stets mit neuer Kunst erfundene oder vervollkomm- tiite Armbruste zu prüfen. Leider blieb bei diesen Besuchen die schüchterne Hilde nicht Immer verborgen. Sie war die Freude und der Wunsch Heiner Augen; so konnte mir nicht entgehen, daß die der normännischen Mer schärfer auf ihr hafteten, als heilsam war. Einer von ihnen, den si: Gui Malherbe, das ist Beit Unkraut, hießen, und der im Gefolge und n der reichen Tafel des Kanzlers fein schädliches Dasein fristete, ein i, cher, ungebundener Edelknecht, aber gegen die Frauen von geschmei- bizen Manieren, wurde mir täglich mehr zum Stachel und zum Aerger- 13, und es fraß mir das Herz ab, ihn mit der sächsischen Magd auf der Heenzscheide verblümter Tändelei und nackter Herrensrechheit spielen zu (eben, ohne ihm dafür mein Messer zwischen die Rippen stoßen zu dürfen. Ute in Leben hält' ich es mich vielleicht kosten lassen; aber den Meister und bis Mägdlein wollt' ich nicht ins Verderben stürzen, wie es doch damit ssschehen wäre. Was soll ich da Worte machen, wo mein Herr Burkhard sich aus (einer Jugend erinnert, wie behend der Böse in solchen Füllen sein Netz «lswirft und zuzieht! Eines Tages wurden der Meister und ich auf ein etliche Meilen von !? nbon gelegenes Schloß gerufen, um einem normännischen Herrn die iassenkammer einzurichten. Es wird ein verabredetes Spiel gewesen sein. Sir wurden unter allerlei Vorwand dort aufgehalten, und als wir nach ! nbon heimkehrten, war Jung Hilde verschwunden — gewaltsam ent- ihrt, nach der Aussage der Nachbarn, die nächtlicherweile Pferde- l’trappel und eine jarpmernde Stimme gehört hatten, willig folgend, wie > feigen Gesellen und furchtsamen Mägde logen, da sie der Meister zur L‘be stellte. Ich warf meinen Verdacht auf Gui Malherbe — was sage ich? Die viche war mir gewiß, und so riet ich meinem Meister, dem Kanzler liiienb den Weg zu verlegen, wenn er an unserer Wertstatt vorüberritte «ich dem festen Turme von London, zu dessen Kastellan der König ihn «Hoben hatte, und nicht zu weichen, bis er ihm Gehör gebe und seinen «irmännischen Knecht zur Rechenschaft ziehe. So geschah es eines Tages. Mein armer Meister warf sich vor dem piächtig geschirrten Zelter des Kanzlers in den Staub und heischte, seinen liuuen Bart raufend, mit erstickter Stimme und mit tränenbedeckten . Longen Gerechtigkeit gegen den Räuber seines Kindes, der mit trotziger Biene, aber unruhigen Augen in der dritten Reihe hinter feinem prun- Inben Gebieter herritt. Ich kann es nie vergessen und sehe es jetzt noch, wie dieser gelassen iub unbewegt, ohne eine Miene zu verziehen, den Geängstigten kaum mit niem dunkeln Blicke aus seinen halbgeschlossenen Augen streifte, das W erd langsam an ihm vorüberlenkend. . Als dann der verzweifelnde Sachse auf die Füße sprang, die geballten fiufte gegen ihn schüttelte und ihm nachschrie: .Schade, Pfaffe, daß du en Kind hast, das dir ein Normanne verderben tarnt!1 da berührte Bornas Becket, wie von einem lästigen Insekt umschwärmt, leise fein oabisches Roß, um es in etwas raschere Gangart zu setzen. Ich ober »ungte den alten Mann in sein Haus zurück und entzog ihn den höhnen- m Blicken und verächtlichen Scherzreden der den Kanzler geleitenden Lüterschar. ‘ Nun folgten jammervolle Tage, an die ich noch heute nur mit Bitter- ,( t zurückdenke; damals glaubte ich sie kaum zu überstehn. Es wurde DER HEILIGE Novelle von Conrad Ferdinand iTlcyer 2. Fortsetzung. tb mit er s - jtit fr* Wb :r«!M redete er mir zu, meine Erfindung König Heinrich, der ein Förderer und Pfleger der edeln Wurf- und Schießkunst mar, persönlich zu überbringen und zu empfehlen. Ich sah, er meinte es gut mit mir, und ich befolgte seinen Rat. Viertes Kapitel. Als ich auf Schloß Windsor zum ersten Male vor den König von Engelland trat, zitterte mir das Herz im Leibe, denn er war von gewaltigem Wuchs und herrischer Gebärde, und seine blauen, unbeschatteten Augen brannten wie zwei Flammen. Er blickte mich zuerst ungnädig an, begriff aber sogleich, worum es sich handelte, mehr aus der bargebotenen Armbrust als aus meinen stockenden Worten, nahm, spannte sie, legte den Pfeil, trat an bas geöffnete Fenster und schoß nach einer Krähe, welche sich auf die, da es windstill war, bewegungslose Fahne des Schloßtunns gesetzt hatte; und ein helles Lachen ging über sein Antlitz, wie sich die Fahne drehte und das Tier flatternd in die Dachrinne stürzte. Noch einmal prüfte er mit dem Finger Senne und Drücker, bann warf er mir einen befriedigten Blick zu. ,Das ist mit Kunst gemacht, mein Junge', lobte er mein Werk. ,Da, trag es in meine Rüstkammer und melde dich beim Waffenmeister als meinen Dienstmann; denn bu bleibst um mich, Deutscher, und magst mir die Armbrust auf die Pirsch nach- traaen/ Da war keine Widerrede, auch wenn mein eigenes Herz nicht danach gelüftet hätte, den Königsdienft zu versuchen als das Höchste im Weltspiel. Während Herr Heinrich noch zu mir sprach, tarn fein Dritter, der halbwüchsige Herr Richard, hereingesprungen mit dem Jubelrufe: .Vater, die normännischen Hengste sind da! Prächtiges Blut!' und Herr Heinrich ließ sich von seinem Lieblinge fortziehen. Jetzt erhob sich aus einer tiefen Nische, wo er, ohne von mir erblickt zu werden, vor einem mit Schriftstücken belegten Marmortisch gesessen hatte, ein vornehmer, bleicher Mann in köstlichen Gewänden und trat, diese schön und langsam bewegend, zu mir, als trüge er Verlangen, auch seinerseits über meine Erfindung sich unterrichten zu lassen. Es war der Kanzler. Ich wiederholte meine Lehre mit mehr Verwirrung — könnet Ihr es glauben? — als vor dem Könige; denn mir wurde bange, da er, aufmerksam lauschend, mich ganz ausreden ließ, und mir schien, als ertöne meine einsame Rede viel zu keck und laut in der hochgewölbten Halle. .Eure Gnade', endigte ich, .ist ein Gelehrter und hat wohl kein Gefallen an Kriegszeug?' Er senkte die dunklen Augen und antwortete leutselig: .Ich liebe das Denken und die Kunst und mag es leiben, wenn der Verstand über die Faust den Sieg davonträgt und der Schwächere den Stärkeren aus der Ferne trifft und überwindet.' Mit diesem schonen und einsichtigen Lobe der Armbrust, lieber Herr, köderte mich der Kanzler, ohne es zu wollen, und ich hätte ihm meine Lust an seiner Weisheit mit dankbaren Worten bezeigt, hätte ich meine Scheu vor feinem blaffen und übermenschlich klugen Antlitz verwinden können. In die Rüstkammer tretend, fand ich dort den Waffenmeister, einen eisgrauen Normannen, der mich wohl um Kopfeslänge überragte. Herr Rollo empfing mich hochfahrend und geringschätzig, beschäftigte sich bann aber eingehend mit meiner Erfindung; denn er war in Engellanb der beste Kenner alles Rüstzeuges. Er brummte etwas Beifälliges zwischen den Zähnen und kam endlich dahin, meinen Gedanken zu billigen. Aks er mich bann um meine Heimat befragte und erfuhr, ich stamme von unweit des schwäbischen Meeres her, schenkte er mir aus seinen harten Runzeln einen aufmerksamen Blick. .Treue Leute, die Schwaben, und deren sind wir hier zu Hofe bedürftig', sagte er. .Hältst du dich aufrichtig, Deutscher, so mangelt es hier nicht an Gnaden und Lohn. Du trittst in eines gewaltigen Herrn Dienst.' Und er hob an, daß Wesen der normännischen Könige mit großen Worten zu greifen und mir ihre Reiche und Herrschaften aufzuzählen. .Diesseits und jenseits des Meeres sind sie mächtig, rühmte er, mnd was sie ergreifen, das lassen sie nimmermehr los.' Dabei zeigte er mir die Panzerhemden und Kronhelme des Eroberers und feines Sohnes, welche, an den Mauern der langgestreckten Halle, zuvorderst in einer endlosen Reihe von Rüstungen und Waffenstücken hingen. .Eines nur', fuhr er kopfschütelnd fort und wehrte mir, einen verrosteten Pfeil zu berühren, der unter der Rüstung des zweiten Königs auf den Steinfliesen lag, .eines nur, das letzte, mißrät ihnen. Die hohen Herren haben allesamt ein böses Sterben. Dieser Bolz — Gott und der Teufel wissen, wer ihn abschoh — hat Herrn Wilhelm dem Rothaarigen mitten im lustigen Jagen den Lebensfaden zerschnitten; Aber was tut's? Glänzende Sonnen gehen blutig unter.* iefjener Sonrilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger So ritt ich denn von nun an in Jagd und Fehde hinter meinem Herrn und König her und sand ihn, wie er sich mir am ersten Tage gezeigt hatte: von wechselnden Launen wie April, harsch, ungeduldig, ausbrausend, schrecklich im Zorn, aber auch wieder von mitteilsamem Gemute, zugänglich und leutselig, so daß man zur guten Stund« einen Scherz wagen durste und es geschehen konnte, daß der erhabene Herr mit seinem Gesinde lachte, bis ihm di« hellen Tränen übet die Backen liefen, v Daß ich aber aus dem Stalle und der Gewehrkammer tn das Vorzimmer gelangte und mich zuletzt aus die Schwelle der königlichen Schlafkammer wie ein Rüde betten durfte, das geschah nicht sprungweise, sondern allmählich von Schritt zu Schritte, König Heinrich war ein gewaltiger Nimrod, der es liebte, in gestrecktem Jagen auf den Fährten eines Hirsches zu fliegen, sein Gefolge wett hinter sich lassend, und der dann, von wenig Bedürsnissen, wie er war, bei einbrechender Nacht mit dem ersten besten Lager vorlieb nahm. Da war ich, auf meinem schnaubenden Tiere mich dicht hinter ihm haltend, oft der einzige in der Nähe, ihn zu bedienen, und brachte ihn auch trunken zu Veite, wann er, nach dem Schweiß« der Jagd, dem Becher zugesetzt hatte. So gewöhnte er sich an meinen Dienst und mich, wenn ich mich auch nicht mit bösen Listen einschmeichelte, war ich doch witzig genug geworden, um mir mein gutes Spiel nicht täppisch zu verderben. , Dreierlei aber kam mir dabei zugute: daß ich weder Normanne noch Sachse war, daß ich von niemandem als meinem Herrn Miet' und Gab« nahm — einzig den Kanzler, dem keiner etwas weigern durfte, zuzeiten und unter Umständen ausgenommen — und daß ich, ohne gerade den dummen Hans $u fpielen, mich etwas einfältiger stellt«, als ich von Natur war/ und etwas neuer, als mich die Erfahrung gelassen hatte. Dergestalt sand Herr Heinrich ein Wohlgefallen an meiner schwäbischen Treuherzigkeit. Doch auch Herr Thomas hals mir weiter in der Gunst des Königs dadurch, daß er sein« Blicke gnädig auf mir ruhen ließ — denn der König sah mit den Augen seines Kanzlers —, und dadurch, daß er mir zuweilen ein scherzendes, sinnvolles Wort zuwarf, welches er in feiner Ehrerbietung an Herrn Heinrich nicht richten durfte, und von welchem er doch wünschte daß dieser es vernehmen möge. Das Wohlwollen des Kanzlers aber fiel mir zu an einem Tage, da er und ich den Finger an den Mund legten. Im ersten Jahre meines Königsdienstes nämlich begab es sich, daß Herr Heinrich au einem schwülen Sommernachmittage in seinem Gemache sich zum Schlummer gelegt hatte, als der Kanzler in dringenden Geschäften ihn aussuchte. Ich trat Herrn Thomas entgegen und flüsterte, den Finger auf die Lippen legend: .Herrlichkeit, der König schläft ...' gtun müsset Ihr wissen, ehrwürdiger Herr, daß di« Heiden in Granada, vornehm und gering, die fromme Gewöhnung haben, jedesmal wann von Schlummer und Schlaf geredet wird, hinzuzufügen: .Gelobt sei, der nicht schläft noch schlummert!' So tun sie von Kindesbeinen an, ohne sich mehr dabei zu denken, als wir Schwaben bei unserem .Grüß' Gott. Da ich unter den Heiden lebte, hatte ich mir diesen Spruch gleicherweise angewöhnt, um mir auf eine unschuldig« Art etwas Landesfarbe zu geben. War ich nun selber schlummertrunken, oder erinnerte mich der im verhängten Zimmer noch blasser als sonst erscheinende Kanzler on einen Mauren, oder tat ich es aus bloßer Gewohnheit, deren Macht stark ist — kurz, ich sagte: .Herrlichkeit, der König schläft — gelobt sei, der nicht schläft noch schlummert!' Da lächelte der Kanzler wider seinen Willen, bis zuletzt die ganze Reihe seiner Perlenzähne schimmerte, und fragte mich dann in ernsthaftem Tone: ,Wi« kommt ein Deutscher zu diesem Gruß«?' Ich erzählte ihm, das Erwachen des Königs erwartend, daß ich drei Jahre in Granada die Bognerkunst erlernt hätte und erzählte ihm auch die Geschichte des Prinzen Mondschein. Das war freilich ein gewaltiger Mutwille und hätte mir zum Schlimmen gereichen können. Aber die Versuchung zu ergründen, ob Prinz Mondschein und der Kanzler ein und dieselbe Person seien, und zu erproben, ob der ewig Ruhige nicht wenigstens diesmal sich überraschen lasse, war für mich zu stark. Herr Thomas aber verzog keine Miene. Er hielt eine Weile, wie er zu tun pflegte, die Augen sinnend gesenkt, dann erhob er sie auf mich und legte langsam den weißen Finger auf den Mund. Ich dagegen bog das Knie vor ihm und meldete ihn bann dem Könige, der in seiner Kammer eben ein Geräusch gemacht hatte. Da mich nun die beiden Herren leiden mochten und mir gleicherweise trauten, werdet Ihr an das Wunder glauben, daß ich der seltenen Gunst genoß, hinter dem Stuhle meines Königs zu stehen, wenn er mit dem Kanzler in Staatsgeschäften zusammensah. Herr Heinrich ließ sich dann von mir einen perlenden, weißen Wein einschenken, der aus Frankreich, kam, während er mit listigen Augen und innigem Vergnügen den scharfsinnigen Auseinanderlegungen und verwickelten Schachzügen seines Kanzlers folgte, und dieser sonnte sich wie eine schlanke, weiße Schlange in den Strahlen der fürstlichen Gunst. König Heinrich betrachtete den von ihm aus dem Nichts Gehobenen mit Wohlgefallen als sein Geschöpf; aber bas Geschöpf, ehrwürdiger Herr, war dem Schöpfer unentbehrlich geworden und unterjochte ihn mit seinem sanften Eigensinne. Oft habe ich dabeigestanden, wann der Kanzler den König, dessen zur Jagd gesattelte Pferde schon im Schloßhofe wieherten und stampsten, noch beim Ueberschreiten der Schwelle aufhielt, seine Rollen vor ihm entfaltete und den Unbändigen durch den Zwang feiner milden Worte nötigte, ihm Gehör zu schenken, und ich mußte mich wundern, wie er, den Stift in der einen und das Pergament in der andern Hand, Herrn Heinrichs hingeworfenen Bescheid wiederholte und entwickelte, denselben in eine schöne, geschmeidige Rede verwandelnd, daß es nur so strömte wie flüssiges Gold." „Auch deine Rede strömt, daß ich mich wundem muß", stichelte der greife Chorherr. „Gebt Raum meiner Rede", rief Hans, „und laßt mich Euch den wun- ßti Dtrlfk Herr, die deinige ist!' und unterfchrieb das Todesurteil. Später, als er den Saal verließ, wendet« er sich zu mir, der neben der Schwelle stand, und sagte: .Die Marie ist eine Hexe, wie ich Heiliger! Atter Hans, es gibt Augenblicke, da mir gleichermaßen graut! vor dem, was di« Menschen sind, und vor dem, was sie sich zu K"*1 einbilden.' - Diese Rede habe ich nie verstanden; aber ich muh vermuten, boB Herr Thomas in hochmütiger Philosophie nicht an die Künste ©atar- gtaubte. Als hernach di« schwarze Mary hinausgeführt und gerichtet wewe^ sollte, fanden sie ihren Kerker leer, und da Herr Heinrich mit drohendes Finger den Kanzler darüber zur Rede stellte, meint« dieser, das fei Blendwerk so gut wie alles frühere — und damit war die 'A ‘Stil N abgetan. _ Später lief die Rede, di« fchwarz« Mary fei nicht mit solchem stank abgefahren, sondern führe auf einer entlegenen Meierei des Kan» lers ein stilles und «ingezogenes Leben. Wenn sie aufrichtig ht sich 6*2 gangen sei, sei es ihr wohl gegönnt! Ich will Euch nur gestehen, de» auch mich ein Mitleid mit der Sünderin überfallen hatte, als ich I1 auf ihrem modrigen Strohhaufen sitzen und unter den verwirr»» Strähnen ihrer Haare hervor mit schwarzen, irren Augen zu der Kanzler aufblicken sah, als ich sie über ihre unbeschirmte Jugend klag! hort« und über die Unbill, die man ihr angetan, als sie noch unschum' war. Wußte doch auch ich ein Lied davon zu singen! (Fortsetzung folgt.) Ml ijjfa, hiitz berfamften Mann beschreiben, welchen die Er-« getragen hat, das Vorbild und die Mode des Jahrhunderts. Der vornehmste Adel von Engelland gab ihm feine Sohne als Edelknaben in die Lehr«, und welcher Junghen den Ritterschlag nicht von der Hand des emporgekommenen Sachfen emp fangen hatte, galt nicht für voll unter dieser hochmütigen und weg werfenden Jugend. Es hat mich oft ergötzt, wann die schmucken Knaben, welche ihre blühen, den Lippen nie mit einem englischen Worte verunreinigt hätten, an de« farblosen des Thomas Decket hingen, dem freilich die französische Herren- spräche zierlicher vom Munde klang als nicht einem unter ihnen; wie fit . sich jede seiner Redensarten und Wendungen forgfältig merkten, die Fein- I h«it seiner Scherze bewunderten, den Schnitt seiner Kleidung nachzeich neten und feine ruhige Gebärde nachahmten als das Höchste höfischer Vollendung. gines aber, mein’ ich, mangelte dem Kanzler: das Ungestüm und die Mr, k Ito h'Jli »l. Schärfe eines männlichen Blutes. Nicht, daß er feige gewesen wäre! Eine Memme hatte sich feinen Taz. am Hose König Heinrichs gehalten; denn die Normannen sind kitzlig im Ehrenpunkt wie kein anderer Adel. Gleich fährt das Schwert aus ber Scheide, und verloren ist unter ihnen, wer den Stich eines Blickes ober einer Klinge nicht parieren und zurückgeben kann. Obzwar ein halber Kleriker, war Herr Thomas in jeder ritterliche«: Uebung und Waffe wohlerfahren, wobei ihm fein biegsamer Wuchs zustatten kam, und zog wohl auch, wenn es die Staatsgeschäste erlaubten, mit dem König zu Felde. Ich bin einmal hinter feinen Fersen eine Sturmleiter hinausgeklettert und habe ihn innerhalb der erstiegenen Ringmauer jener französischen Burg mit einem wütigen Pikarden handgemein werde« j sehen, wtenblah in der Tat und die Zähne aufeinander beißend. Aber er i täuschte die feindliche Waffe und jagte dem Recken richtig zielend bas Schwert durch das Herz, freilich um es bann, als fein Gegner in der j Lache feines Blutes lag, mit Ekel und Abscheu zu betrauten und weg. | zuwerfen. .Bogner, gib mir ein reines!* gebot er mir. Und doch war dieses Schwerk ein Meisterstück fremder Schmiedekunst, das Euch bis ; Maschen jedes Panzers durchschnitt wie Tuch. Ich hab« es aufgehoben und lange Jahre zu meiner eigenen Sicherheit gebraucht. Herr Thomas konnte kein Blut vergießen. In den Bezirken seiner weiten Besitztümer spielte und weidete bas Wild in den Waldlichtungen wie im Paradiese, und wann er feine Forsts besuchte, näherten sich die Rehe und freuten sich, ihm aus der Hand jil fressen. Auch bas Todesurteil eines Menschen vermocht« er ohne Erblass«» j nicht zu unterschreiben, und eine Hinrichtung, wie solche in einem ordentlichen Staatswesen häufig sind, mit anzusehen, überflieg feine Kraft, wöh» renb mein Herr und König sich gerne herabließ, ihnen, als die verkörperis s Gerechtigkeit, vorzustehen. Oft gab es Herrn Heinrich zu lachen, wann en mit feinem Kanzler an einem Rabensteine vorüberritt unb Herr Thomas mit Unlust bas Haupt abwendete, nicht wegen der Geister, die dort heimisch sind (denn der Kanzler war ein ungläubiger Mann), sondern aus \ Grauen, wie er einmal fallen ließ, vor der gequälten Menschheit, bereu zerrissene Glieder dort aus dem Rade zuckten. Sogar das Urteil einer landkundigen und ihrer teuflischen Frevel! geständigen Sauberfrau und Hexe zu unterschreiben, weigerte sich bell Kanzler und setzte sich dadurch, ber sonst so kluge Mann, einer hew" nischen Laune wegen, in Widerspruch mit ganz Engelland: König, Abei, Volk und Psafsheit. I fchdi Das war di« schwarze Mary, die in einem Dorfe unfern von 1W I le H bon ihr Wesen trieb, Gewitter braute, Seuchen ausgehen lieh, Vieh un» I Kindlein würgte, bis sie zuletzt von einem geistlichen Gericht gefoltert I ;i:e ( und, nachdem sie willig bekannt, um ihre reuige Seele aus dem ewigem | NSobti Brande zu retten, zum zeitlichen Feuer begnadigt wurde. I tit(5 Da geschah es, daß der verzärtelte Kanzler die Unholdin in ihrem I ekeln Kerker aufsuchte und sich ihre verlassene Jugend und ihren fpäter«» I Umgang mit dem Teufel erzählen ließ. Könnet Ihr es mir nun glauben., I daß Herr Thomas ber schwarzen Mary, bie unter heißen Tränen na® 1 ber reinigenden Flamme schrie, den Satan auszureden suchte unb M vorhielt, sie betrüge andere und sich selbst? Und je handgreiflicher sm I ihm alles schilderte, um so ungläubiger wurde ber Heide. Herr Thomas riß den Prozeß vor den König; dieser aber wollte nichts von Gnade hören, sondern sagte majestätisch: .Kanzler, ich bin bas christlich« wissen von Engelland, ich kann nicht!' Da sprach ber Kanzler gelassen!! .Was vermag ich gegen die hohe Weisheit des Jahrhunderts, welche, ® Den Wi« Mit Die Himmelsdust. ich dich hiebe warmem Blut, du mir Jugend „Was bist du?' „Spengler." „Aha, Blech", nickte der General. „Blech will geklopft fein", sagt der Kreisch bedächtig. Nun gefiel der Kerl dem General doch. „Soll ein Wort fein, Blechfchufter", rief er gut gelaunt. „Du den Tallard, ich die andern." „Abgemacht", bestätigte der Kretsch. Lachend und kopfschüttelnd befahl der General seinen Soldaten, die Tragstangen wieder anzufassen, und schwankte in seinem Sessel werter. Am nächsten Abend waren die Franzosen wirklich da. Wahrend sie ihr Belagerungsgeschütz über Biebernheim in Stellung brächten, versuchten sie schon am Tag nach ihrer Ankunft das Städtchen durch Ueberfall zu nehmen, was ihnen ein Kinderspiel dünkte. Und viel Hoffnung hatten die Belagerten selber nicht. Die hessische Halbkompanie hielt die Tore besetzt und die Bürgerschützen waren auf der Mauer verteilt. Der Kretsch aber war aus eigene Faust in den Turm der Kirche gestiegen und saß mit seinem Schießeisen in einer Luke, von wo aus er Stadt und Vorgelände prächtig übersehen konnte. Indem nun die Franzosen sich fast ungedeckt der Stadtmauer nähertest, gewahrte der Kretsch hinter ihnen einen Trupp Reiter und an seiner Spitze einen hohen Offizier, der das Unternehmen offensichtlich zu überwachen willens war. Nun war der Spengler in Wahrheit der beste Schütze in St. Goar. Er legte auf den Spitzenreiter an, sagte: „Tallard, Uf de Koppl" und schoß. Der Offizier fiel vom Pferd, wurde ausgehoben und weggeschafft. Und abends wußte man in St. Goar und aus dem Rheinsels, durch Späher, die man im französischen Lager hatte, daß der Kretsch wahrhaftig den Tallard getroffen hatte, daß der Marschall am Kopf schwer verwundet war und das Kommando hatte abgeben müssen. Der Zwischensall hatte die Angriffslust der Franzosen merklich ab- gekühlt Der Sturm auf die Stadt erlahmte bald, da auch die Burger- schützen auf der Mauer ihre Schuldigkeit taten. Und bis die Festung an bie Reihe kam, liefen ein paar Tage ins Land. General Gorz aber hatte trotzdem keine Zeit, sich um den Spengler zu kümmern, der ja nun sein Teil schon getan hatte, weil ihm sein eigener Anteil Sorge genug machte. Denn er kannte seinen Gegner zu gut, als daß er angenommen hatte, es würde nun alles weiter so glatt und leicht abgehen. Im Sessel oder erbärmlich humpelnd war er Tag und Nacht zwischen der Zitadelle di« auck> die „Sternschanze" hieß, und den vorgeschobenen Werken „Spel- feuer" und „Dachsloch" unterwegs, um keine Vorsicht zu versäumen. Dann begann die Beschießung. Die Außenwerke wie die Sternschanze wurden von dem schweren Geschütz der Franzosen übel zugedeckt, und auch das Schloß, das zum Rhein hin und etwas tiefer gelegen war, bekam em paar Treffer mit. Aber die Hessen hielten sich wacker, besserten die Locher aus und löschten die Brände. Auch verschiedene Stürme schlugen sie erfolgreich ab. So zog sich die Belagerung über vierzehn Tage hin, wahren» deren die Franzosen immer neues Geschütz und Verstärkungen heran- führten. So daß auch manchem bis dahin Unerschrockenen, wie man am Mein zu sagen liebt, der Hintern mit Grundeis ging. Am letzten Jahrestag holten dann die Franzosen zum Hauptschlag aus. Ihr Geschützfeuer riß eine gewalttge Bresche in die Ummauenlng der Feste, und der stellvertretende französische Kommandant glaubte, Gorz jetzt zur Uebergabe auffordern zu können. Der aber ließ ihm sagen, Hof- lichtesten wären nicht am Platz, solange noch eine Möglichkeit zum Schla- gen lei. So schritt der Franzose zum Generalsturm. Es sah für die tapfere Besatzung bedrohlich genug aus. Die Außenwerke waren nur noch schütt- Haufen, die Sternschanze erschien mit ihrer Riefenbresche wie ein einziges Loch, und der Feind stand in mehreren Treffen hintereinander geftarfelt 3um Sturm bereit. Aber Görz verlor auch jetzt den Mut nicht. Gr sich in den Kämpfen der letzten Tage zu seinem lahmen Bein auch noch . einen Sttch in den rechten Arm geholt, und zum Uebersluh waren ihm von einem auffliegenden Puloersack Augenbrauen wie Kopfhaar abgesengt und das ganze Gesicht geschwärzt, so daß er mit den rollenden Augäpfeln einem Mohren glich. Er ließ sich von einem Korporal den Degen aus der Scheide reißen und in die linke Hand geben und schrie feine Leute an: „Kerls, hört zu! Soll ich mich von dem Blechschuster beschämen lassen? Er hat fein Wort gehalten, oll ich meins nicht einlosen? Das könnt ihr doch nicht wollen. Also drussl' n Er machte mit vier Kompanien der hessischen Leibgar^ einen Aus- fall der ihn in die Flanke der anrückenden Franzosen brachte und warf sich'mit solchem Ungestüm auf sie, daß das erste Tressen in Verwirrung geriet. Und da im selben Augenblick die ganze übrige BeMung über den Schutt der Außenwerke oorstürmend ebenfalls zum Gegenangriff schritt so ritz das zurückflutende erste feindliche Treffen die anbern nut sich in eine allgemeine regellose und verlustreiche Flucht. In der Neu- ahrsnacht noch trat das französische Heer, an der Eroberung der Fest» d.n zu besuchen kam, hatte der das Kriegerische schon wieder von sich ab* getan saß in seiner Werkstatt, hämmerte sein Blech und hatte sei« Sprüchlein dabei: „Alles all! Ab nach Montteall ... n PSa ber General eintrat, hielt er inne, sah auf und sagte: „O Herr General, Sie sein ja schrecklich und grauserisch anzusehn! ein b«r Tat sah der General mit seinem krummen Bem, ^rn Arm in der Binde, den haarlosen Kopf und den Brandflecken im Gesicht eine« Schreckfiqur, wie man sie in die Weinberge ftettte, ähnlicher als einen» leibhaftigen Menschen. Aber er lachte hellauf und rief: ,,3a, imein Liebe«, •d» mußte auch mit 28 000 fertig werden und du nur nut einem. Der Kretsch machte fein spitzbübisch bedächtiges Gesicht und sagt« „Aber der ein war sein taufend Mann wert. ,, „Recht haft du", stimmte der General belustigt zu. „Also teilen wttz uns" in den Ruhm, halb und halb." ' .ÄomÄJanÄuStVtfwen^ von der denkwürdigen Belageruna die Rede ist, der tapfere General Görz und der glückhafte Schutze Kretsch nebeneinander genannt. Mailied. Von 9. W. von Goethe. Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glanzt die Sonne! Wie lacht die Fluri Es bringen Wüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch. Und Freud und Wonne Aus jeder Brust. O Erd, o Sonne! O Glück, o Lust! O Lieb, o Liebel So golden schön, Wie Morgenwolken Aus jenen Höhn! Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampse Die volle Welt. O Mädchen, Mädchen, Wie lieb ich dich! -Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich! So liebt die Lerche Gesang und Lust, Und Morgenblumen ! licht die Rechnung für die erneuerte Dachtraufe bezahlt hatte, dann sagte tr: „Fauler Brosche, huppst du raus!" Oder er sagte im Hinblick auf Ehr- vürden, den Herrn Pastor, der ihm wegen seiner innigen Liebe zum Vein eine Strafpredigt gehalten hatte: „Trockner Knoche, werde Staub! ißobei er bestrebt war, den „Staub" ebenso vollmundig auszusprechen, aie es der Pastor tat. Seit einigen Tagen aber — man schrieb den De- znnber 1692 — hatte er nur noch einen Vers und der hieß: ^Tallard! ls de Kopp!" Man munkelte nämlich, daß der ftanzosische Marschall Itallard bei Trier und Montreal ein Heer zusammenziehe, mit dem er es rur auf den Rhein abgesehen haben konnte. Ob er nun Koblenz nwinte über den Rheinsels bei St. Goar, der damals eine starke hessische Festung md der Schlüssel zum mittleren Rheintal war, das lag noch 'M Ungewissen. Für den Meister Kretsch wenigstens. Denn tasiachlich yatte der ' lattarb seinem König Ludwig dem Vierzehnten den Rheinfels alsi Neu- i jihrsgeschenk versprochen. Der Kommandant von Rheinsels und St. Goard, ier Generalmajor Ludwig Sittich v. Görz genannt von Schlitz, war bester im Bilde als der Meister und rüstete sich mit aller Macht auf eine Ve- iigerung. Er war noch ein junger Mann in der Mitte der Dreißig, aber |8)on ein berühmter Kriegsheld. Ein paar Jahr« vorher war er beim Sturm auf Mainz am Bein dös verwundet worden, so daß ihm das Gehen noch immer mühselig war. Zudem befiel ihn in diesen bedeutungs- -1)0) er en Tagen ein so heftiges Fieber, daß er sich überhaupt nicht mehr