GiehenerKimilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, den 4. Dezember Nummer 94 . Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 7. Fortsetzung Keine Antwort kam auf die» zarte Flehen. „Oeffne mir, öffne mir, Mutter!" »Die Baesin hat es verboten", sagte Siska, die die Tür etwas geöffnet hatte. „Ich werde dir öffnen, nachdem du mir geschworen hast, ihn zu verlassen", antwortete Roosje bös«. „Ihn verlassen? Nein!" Margarete lief wieder zu Paul. Beide gingen still ihres Weges. Als sie wieder im Freien waren, schienen die Vögel vergebens für sie zu singen; vergebens hüpfte die neugierige Grasmücke von Strauch zu Strauch, man achtete ihrer nicht; vergebens umschmeichelte das Paar aller Glanz und alle Fülle der Natur. Margarete weinte. „Meine Mutter hätte mich beinahe verflucht", schluchzt« sie. „Mein« Mutter will, ich soll dich verlassen. Nein, ich verlasse dich nicht, nein, niemals! Ich werde nicht mehr zu ihr gehen, nein! Das ist ungerecht, das ist nichtswürdig." Acht Tage gingen so dahin; Margarete lachte und sang nicht mehr und verlor ihre reizvolle Koketterie 11. Gegen Mitte des Monats August empfand Margarete einen jener inneren, unauslöschlichen Eindrücke, die mit goldenen Lettern in das Leben ^ines durch die Ehe Frau gewordenen jungen Mädchens geschrieben sind. Es war zwei Uhr nachmittags. Seit zwei Tagen war Margarete ungeduldig, ja fast zornig. „Ich bin so matt und habe keinen Appetit mehr und Schmerzen in den Seiten", beklagte sie sich. Sie legte sich zu Bett. Paul trat neben sie. Er sah sie an und sagte dann lächelnd: „Ich weiß schon, was das ist." Sie warf ihm «inen flüchtigen, dankbaren Blick zu und verbarg sich dann errötend rasch unter den Decken. Da es aber sehr warm war, deckte sie ihr strahlendes Gesicht, ihren runden Hals und ihre prachtvollen Schultern wieder auf. Dann warf sie Kopf und Hals zurück und lächelte mit halb geschlossenen Lippen, die ihre weißen Zähne etwas sehen ließen, mH Entzücken dem zu, der ihr dies reine Glück verschaffte. Sie streckte Paul ihre schönen, bloßen Arme entgegen und zog ihn an sich und sein Gesicht an das ihrige, um ihm einen langen, dankbaren Kuß zu geben. Dann schob sie ihn sanft zurück und hob ihre großen Augen zum Himmel, wie um dort Gott zu suchen und ihm zu sanken. Sie war so recht die geliebte, glückliche Frau, die jung« erwachende Mutter, die schon in der Zukunft das Kind küßt«, das sie kommen fühlte und das in ihrem Leibe wachsen soll. Margarete war schöner als jemals, erhaben und umgewandelt durch die gewaltige mütterliche Liebe, die wie eine Liebkosung die Kleinen und Schwachen auf der Erd« einhüllt. Wer in den folgenden Tagen kehrte ihr« Traurigkeit wieder. Dann senkte sie das Haupt und sagte: „Arme Mama... Bös« Mama..." Hierauf fiel sie ihrem Mann um den Hals, betrachtete ihn mit Augen voller Lieb« und Dankbarkeit und rief: „Dich verlassen — Nein, Paul, niemals!" Und das Kind, dieses Gedicht der zwei, lebte in ihrem jungen Körper. Würde es schön ober häßlich sein? Würde es lebend ober tat ,ur Welt kommen? Nein, es würde gut, schön, tapfer, reizend, geistvoll und bedeutsam fein, über alle herrschen und gebieten. Wieoiele klug« und starke Männer und wieviele schon« junge Mädchen werden durch diese Ideen, durch diese überragend« Leidenschaft, den Drang, ein höheres Wesen zu schaffen, in die Welt gesetzt. 14. Roosje und Siska fühlten sich recht «infam. Auf die eisige Ordnung In ihrem kästen Hause regnet« es Langeweile, Verlassenheit und Traurig- kit. Man hätte von einem wohlausgeglichenen Schmerz, von einer ro|a mgehauchlen Trauer sprechen können. , , Siska schwand sichtlich dahin. So sehr sie auch die alte Roosje liebte, so begann diese doch schwer auf ihr zu lasten. Immer das gleich«, zu- sammengezogene Gesicht, diesen selbstsüchtig«,, Zorn, den harten und trockenen Ausdruck zu sehen, die dünnen Lippen, die bei keiner Gelegenheit mehr lächelten und sich nur öffneten, um bittere Worte ober das atzende Gift der Viper „Eifersucht" hervorzubringen, die Aussicht, immer und immer, ohne jede Hosfnunä aus eine Aenderung so zu leben war für die arme Siska schrecklich. Wenn sie zur Ruhe ging, müde davon, sich einen ganzen langen Tag hindurch beherrschen zu müssen, bann IPrang sie förmlich ins Bett und unterdrückte ihren Zorn mit Gewatt. Am andern Tage zeugte ihr wie ein Strick gedrehtes Bettuch von der Heftigkeit des Alpdrückens. Oft sttitt sie sich im Traum mit Roosje und behandelte sie schlecht; beim Erwachen aber schämte sie sich dieser nächt- lichen Anfalle und versuchte während des ganzen Vormittags durch Sanft- mut für das Unrecht, das sie gar nicht getan hatte, Vergebung zu erlangen. Vielleicht hätte sie sich auf dem Speicher erhängt, wenn nicht als Tröster ein schlauer Maurer gekommen wäre, der ein starker Esser war und sich einbildete, sie besäße Ersparnisse und könne ihm alle möglichen Leckereien geben. Er machte, auf dem Bürgersteige kniend, mit gebogenem Oberkörper, so daß der Rücken sich über den Kopf erhob, einer gewal- tigen Kröte gleichend, Siska den Hof, die, über einen Tisch gebeugt, durch bas Gitterfenster der Küche ihm zuhörte. Da aber der Maurer weder Zucker noch Kaffee, noch Tabak, Suppen oder irgendwelche nahrhaften Dinge erhielt, so verschwand er wieder, um anderwärts schmackhaftere Abenteuer zu suchen. Siska starb nicht daran. Eines Morgens, als sie mit schwerem Herzen und noch ganz traurig von ihrem letzten Traum herunierkam, in dem sie aus Roosje durch furchtbare Hiebe eine Marmelade gemacht hatte, di« einer Mohrrüben- fuppe glich, sah sie die alte Frau, wie sie munter und flink sich die Hände rieb, ohne Fröhlichkeit vor sich hinlächelte und mit kleinen Schritten in der Küche hin und her ging: „Haha", frohlockte sie, „haha, das wird dir schon stehen, mein Töchterchen? Haha! Blühend und stark wie ein wahrer Mann! Ich habe ein schönes Stück Halbseide hier, das schenk' ich dir. Ist es nicht schön? Was?" Erschreckt sah Siska bi« Seide an, die Roosje aus ihrer Tasche zog. Ein blutroter Baumwollseidenstoff mit schwarzen Kreisen. Sie glaubte, ihre Herrin weise sie mit diesem Geschenk bestechen, Paul zu töten »Ich brauche doch nichts Boses dafür zu tun, nicht wahr, Baesin?" fragte sie und zögert«, das Geschenk anzunehmen. „Ach Unsinn, Dummkopf", erwiderte Roosje und drückte ihr den Stoff in die Hand. „Hier ist noch ein Band, damit kannst du eine Haube ausschmücken." Siska betrachtete das Band, das noch aus der Empirezeit stammte und ein staubiges, zweifelhaftes Gelb zeigte. Eine Haube damit einfaffen? Das reicht nicht einmal zu Strumpf- bändern. Aber sie antwortete: „Ja, ja, Baesin, eine schöne Haube." Dann brachte sie Roosje Milchkaffee und Butterschnitten. Sie selbst setzte sich, von Gewissensbissen geplagt, wenn sie an ihren nächtlichen Traum dachte, an das andere Ende des langen Tisches und schnitt sich ein gewaltiges Stück Brot ab". Da sie sich aber nach der schrecklichen Tat, die sie begangen hatte, für unwürdig hielt, es zu essen, bestrich sie es nicht mit Butter, sondern tauchte es, von wildem Hunger gezwungen, einen Augenblick Jang in die rauchend« Flüssigkeit und hatte es bald wie eine Pille hinuntergeschluckt. Roosje war unzufrieden, ein so großes Stück Brot so schnell verschwinden zu sehen, vergaß jedoch diesen ärgerlichen Eindruck und tauchte mit einer wilden und siegesbewußten Genugtuung ihre Butterschnitte in den Kaffee. Ihre Art, hineinzubeißen, flößte Siska Furcht ein, sie stellte sich vor, daß die alte Frau jedesmal, wenn ihre scharfen Zähne sich in bas unschuldige Brot eingruben, ein Stück vom Doktor abbiß. „Hetze", sagte Roosje, als sie ihr Mahl beendet hatte, „das war bequem: sie lebten da unten beide, er mit ihr zufrieden und sie mit ihm. Ich hatte sie hinausgeworfen. Das kam ihiren sehr gelegen, besonders ihm, das weiß ich. Nun, Siska, ich bin ein Krug, ein leerer, gesprungener Krug. Siehst du sie in ihrem Landhaus wie groß« Herren umherlaufen, sich küssen und glücklich fein, wähkend ich... Aber ich habe sie in der Hand. Ich habe meine Rache für sie. Wir werden zu ihnen gehen. — Er wird nicht wagen, der Mutter seiner Frau die Türe zu weisen. Sie werden nicht wagen, ihre feinen, heuchlerischen Manieren vor mir zu zeigen und schamlos wie Turteltauben zu leben und sich vom Morgen bis zum Abend zu schnäbeln. Sie werden mich ertragen und liebkosen müssen. Das wird nichts kosten. Du ißt, was du kannst, Geflügel, Fleisch, Kuchen, trinke Wein, Bier, stopf dich voll, betonte dich. Er wird schon ehen, was das kästet. Wir werden die Börse dieser Bettler schröpfen. Inb nachher werden wir sehen, ob er bann noch in der Lage sein wird, einen Geschäften nachzugehen und Landhäuser zu haben. Was, Siska? ..." Dann stand sie auf, trat an Siska heran und sprach ganz leis«, wobei sie sich zur Küchentüre wandte, um zu sehen, ob niemand anders als Siska sie hören tonnte „Versuche zu erfahren, töö 6te Kasse ist. Du wirst sie leeren ... und ... zittere nur nicht, man wird ihm das Geld wiedergeben, aber erst ein oder zwei Jahre später; was für eine jämmerliche Figur wird er inzwischen sein! Dann wird sie schon gezwungen sein, hierher zu kommen und von mir das Essen zu erbitten. Und wenn ich ihn sehen wurde, wie er nahe daran ist, aus Mangel an Wasser zu verrecken, so würde ich es ihm nicht geben." Siska erschauerte vor dem, was kommen sollte, und brach in Schluchzen aus: _ „Baesin, Baesin", beschwichtigte sie, „gehen Sie nicht dorthin! Sie haben Ihnen niemals etwas Böses getan, sie lieben Sie, lassen Sie sie glücklich sein. Gehen Sie nicht dorthin, Baesin! Das ist nicht gut. Gott im Himmel wird Sie strafen. Gehen Sie nicht hin, Baesin!" Roosje war einen Augenblick verwirrt, aber dann sagte sie mit heuchlerischer Heiterkeit: „Beunruhige dich nicht, wir werden morgen fortgehen, aber ich werde nicht böse fein, wie du denkst." In dieser Nacht hatte Siska einen schrecklichen Traum: sie sah, wie Roosje den Kopf des Doktors abgefchnitten und ihn wahrscheinlich gekocht hatte, denn er war ganz weih und gallertartig. Sie hatte ein großes Messer und eine große Gabel hineingesteckt und schickte sich an, ihn mit hochgezogenen Lippen und die Zähne zeigend zu verzehren. Am anderen Morgen wären sie ganz früh aufs Land gefahren, wenn Roosje nicht soviel Koffer, Kisten und Schubfächer zu verschließen, zu vernageln und zu verriegeln gehabt hätte. Die kleinen Möbel, bei henen sie fruchtete, die Diebe könnten sie wegen des HolzwerteZ forttragen, schraubte sie alle am Fußboden fest. Ihr bares Geld zahlte sie bei der Bank ein, und alles, was sie an guter Wäsche und Silber besah, brachte sie zu einem ihr befreundeten alten Pfandleiher, von dem sie wußte, daß er verläßlich war. In ihrem Haufe ließ sie einen alten Soldaten, der einen Platz als Pförtner suchte, ohne Mietzahlung wohnen, aber sie stellte ihm nur Küche und Mansarde zur Verfügung. Nachdem sie dann die Türen aller Zimmer und des Kellers doppelt verschlossen hatte, legte sie Siegel an die Türen. Als sie nachher einigermaßen frei von aller Sorge war, beschäftigte sie sich wie die Spinne nur noch damit, ihr Netz zu spinnen, um ihren Feind darin ein- zusangen. Die beiden Frauen gingen am Übernächsten Tage um vier Uhr nachmittags fort Roosje selbst wäre nicht imstande gewesen, alles, was sie während dieser beiden Tage geträumt hatte, auszuzählen: giftige Worte, unaufhörliche Quälereien, die sie dem jungen Paar bereiten wollte, um Kummer und Schmerz in das Haus ihres Feindes zu bringen. Die Mücke, die fröhlich im Sonnenlicht fliegt, sieht nicht das Netz, in dem sie als zerrissenes Opfer das Leben wird lassen müssen; der Vogel sieht nicht die Schlinge des Fängers, und die beiden armen Liebenden dachten nur daran, gut und glücklich zu fein und Gutes zu tun. Die Liebe gleicht einem Gedicht; sorglos lasen sie es zu zweien. 15. Es war einer jener schönen, letzten Augusttage, an - denen feuchtere und frischere Abendbrisen den nahenden Herbst ankündigen. Zur Mittagszeit bei prachtvollem Wetter zeigte der Himmel ein zartes, durch einige blasse Wölkchen belebtes Blau. Am Horizont erschienen weiße, massige Lämmerwölkchen wie himmlische, für die Liebe der Engel vorbereitete Betten. Eine unbestimmte Traurigkeit lag in der Lust, jene weiche Traurigkeit der Uebergangszeit; die Bäume färbten und vergoldeten sich schon, als ob sie vor dem Ablegen ihres Sommerschmuckes noch einen schöneren anlegen wollten für den drei Monate währenden Scheintod, um den die Menschen sie betreiben könnten. Paul und Margarete waren glücklich — es war nicht jenes Glück der Dummen nach der Mahlzeit, das wie eine Gärung des Fleisches erscheint, sondern das wahre Glück zweier sich liebender Wesen; ein Glück, auf dessen Grunde immer eine wie eine Perle eingefaßte Träne liegt. Sie gingen auf der Pariser Landstraße, dieser im Mittelalter berühmten Straße, auf der wilde Räuber durch zarte Frauen und Mädchen so tapfer überwältigt wurden, jener Straße, die zum Träumen verleitet, die zwischen hohen, mit starken Bäumen bewachsenen Abhängen entlang führt, auf denen man jeden Augenblick einen Els mit Libellenflügeln zu sehen erwartet, die wortbegabte Kröte, oder eine Fee in Gestalt. eines Maulwurfs, die uns mit ihren behaarten Pfoten verflucht oder segnet, mit Psoten, die aussehen wie Hände eines alten Advokaten, dessen Finger abgenützt sind durch das Graben unterirdischer Gänge unter dem Wege des Rechts Margarete legte träumerisch und lächelnd ihr schönes Haupt an Pauls Schulter. „Margarete", sagte er, „über dieser kleinen Welt gibt es eine Macht, die man Zufall nennt; vielleicht mit Unrecht, denn die Wirkungen des Zufalls entstehen in Wirklichkeit nur aus einer fortlaufenden Reihe natürlicher Zusammenhänge, die wir nicht kennen; und da wir das Wunderbare und Geheimnisvolle lieben, haben wir sie uns in Gestalt eines boshaften, verwirrten, Schabernack treibenden und fast immer ungerechten Gottes vorgeftellt. Diese Art von Lebensweisheit gefie^ Margarete nicht, aber sie wußte mit dem liebenswürdigen Verständnis ihres guten Herzens, daß es Augenblicke gibt, in denen Männer, die denken, das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen, wenn sie ihre Gedanken nicht dem Papier anvertrauen, was weniger gut ist, ober einem Drucker, was noch schlimmer ist. Und bann glaubte sie nicht — so sehr war sie von ihrem „Manne", wie die germanischen Völker so gut sagen, eingenommen —, er könne ein einziges Wort lagen, das nicht auf Wahrheit beruhte und nicht in der Aussprache ober ber Tongebung eine ganze Reihe von Melobien in sich fchloß, die in Gestalt von Lebensweisheit und Predigt die Liebe zu Margarete fangen. Sie lehnte alfo ihren Kopf an Pauls Schulter, und Paul sagte: „Ein Philosoph, ein wenig verrückt wie alle seiner Art, verlieh eines Tages die Stadt, in ber man viele Häuser baute, um nicht Ziegel- ober Sichere Slefne auf Len Kops jtt bekommen. Er flüchtete sich auf dos offene Feld, sicher — als ob man irgendeiner Sache auf dieser Welt ich er sein könnte —, ja sogar Überzeugt, auf diese Weise einem gemalt- amen Tobe zu entgehen. Aber bas Gegenteil war der Fall! Der Teufel Zufall wollte es, daß sich in diesem Augenblick ein Adler einer Schildkröte bemächtigte und sie hoch in die Luft entführte; da er sie zu schwer and, vielleicht auch aus Haß auf die Philosophie, lieh er sie auf den Kopf des Philosophen fallen und zerschmetterte ihn. Der Philosoph, ganz sicher, dem Tode durch einen Ziegel zu entgehen, hotte nicht mit dem Tode durch die Schildkröte gerechnet. Das ist der böse Zufall!" „Es lag einmal", ergänzte Margarete mit ihrer klangvollen, verliebten Stimme, wobei sie den Kopf bewegte und Blicke warf, über die nur sie verfügte, „es lag einmal auf einem Bett ein junges Mädchen, das ein Arzt, verliebter in Biersuppen als in feine Wissenschaft, dem Tode überlieh. Wenn nicht in bas Gasthaus ein schöner, junger Mann gekommen wäre, der Frauen mehr liebte als Biersuppen, wenn er nicht Durst gehabt, wenn ihn irgendein anderes Wirtshausfchild mehr verlockt ober wenn er nur zehn Schritte weiter einen Freund getroffen hätte', dann würbe er an der Schwelle des Gasthauses vorübergegangen ein, und das junge Mädchen wäre lebendig begraben worben. Aber er ist bineingegangen, er hat sie zum Leben erweckt, geliebt, geheiratet und liebt sie noch viel mehr als sie wert ist: bas ist ber glückliche Zufall." Paul schloß Margarete in seine Arme. Aus Himmelshöhen strahlend sah die Sonne die zarten Küsse der beiden Liebenden. Plötzlich sagte Paul: „Seien wir beide einmal der Gott Zufall, aber der glückliche!" Er entnahm feiner Tafche ein Zwanzigfrankenstück und sah sich sorgsam um, ob hinter den Hecken ober an beiden Seiten des Weges niemand käme. Sie waren allein. Paul ließ bas Geldstück zur Erde fallen, neben den durch den Stamm einer hohen Buche geworfenen Schatten. Dann fliegen beide den Abhang hinauf, fchlüpften durch eine Deffnung, die durch den Sturz eines Baumes auf den das Grundstück von M ... umschließenden Zaun entstauben war. Ohne sich um die von einem Schilde drohend angetünbigten Fußangeln zu kümmern, die es aber, wie sie wußten, nicht gab, verbargen sie sich im Gestrüpp und warteten aus das Urteil des Zufalls. Ein Herr und eine Dame kamen um die Wegbiegung. Der „Herr" war gut gekleidet. Seine sichere Haltung zeigte den wohlhabenden Mann an. Eine große Kette schlang sich dreimal um seine breite Brust, die mit seinem Magen eins zu sein schien, der hinwiederum mit einem Bauch von beachtenswertem Umfange verschmolz. Der Doktor sagte: „Aus den Herdplatten Straßburgs mögen viele Gänse geschmort haben, die nicht so füllig waren wie er." „Er senkt den Kopf", sagte Paul ganz leise. „Schade, er wird es sicher finden." „Warte!" „Sie gehen auf das Geldstück zu!" „Di« Dame scheint über etwas nachzudenken, si« nimmt den Stock des Mannes und klopft damit aufgeregt auf den Weg ..." „Sie kann das Geldstück nicht überfefyen." „Jetzt find sie ganz nahe ..." „Die Metallaktien stehen 47,75", sagte die Frau. „Soll ich taufen?" .Kaufen? Du bist verrückt, glaub« ich ... Ich würde sie kaum im Termingeschäft zu 42 nehmen " < „Sie gehen vorbei! Si« gehen vorbei!" rief Margaret« und fiel dem Doktor um den Hals. „Sie haben nichts gesehen! Wackere Metallaktien! Welchen Spaß das macht!" Der Weg blieb mehr als zehn Minuten lang einsam. Margaret« wurde ungeduldig. „Man sollte meinen, daß sie es absichtlich tun", bemerkte sie „Wer?" „Die Armen! Müßten sie bas schöne Goldstück, bas nur danach verlangt .aufgehoben zu werden, nicht eine Meile weit sehen?" Paul seufzte und meinte: „Wenn der Mensch immer sähe, wo sein Glück ist, würde alles auf dieser Erde besser sein." Ein Lichtstrahl fiel auf das Goldstück, das wie eine kleine Sonn« leuchtete. Sie hörten Schritt« und das Quietschen einer schlecht geschmierten Radachse. „Da kommt jemand", flüsterte Margarete. „Wer ist bas jetzt?" Eine Bäuerin erschien, eine Karr« vor sich herschiebend; sie gehörte zu jenen armen Teuseln, die hundert Bündelchen Anfeuerholz, bas sie erst auslesen, bann schneiden, trocknen, zusammen binden und in di« Stadt bringen müssen, für achtzig Centimes verkaufen. „Wenn nur diese Arme bas Geld finben würde!" ,^Jch glaube cs nicht. Auf ihrer Stirn steht geschrieben: Kein Glück! Der Zufall will es nicht!" In bem Augenblick, als bi« Frau bei dem Goldstück an gelangt war, schob sich eine weihe Wolke zwischen Erde und Sonne. Das Stück rourbe matt. Die Bäuerin ging vorüber. Ein kleiner zerlumpter Junge erschien oben auf bem entgegengefetzten Abhang, (prang von dort mit ber Behendigkeit eines Eichhörnchens auf den Weg, begann wie ein Verfolgter zu laufen und verschwand. Nach ihm erschien ein Meines, ebenso zerlumptes Mäbchen, das einen Sack trug, ber, zur Hälfte mit Kartoffeln gefüllt, für sie zu schwer war. Statt weiterzulaufen wie ber kleine Junge- sprang es den Abhang bis zur Hälfte herab und verbarg sich und seinen Sack in einem tiefen, bunp dichtes Gestrüpp verborgenen Loche. Niemand konnte sie von unten und noch weniger vom Felde aus sehen, auf dem es die Meine Dieberei aus- geführt hatte. Einige Minuten später erschien oben auf dem Abhang ein mit einer Mistgabel bewaffneter Bauer. Er stellte sich an den Rand des Abhanges und begann, gerade über bem Kopfe des kleinen Mäbchens, fürchterlich zu fluchen und zu rufen: „Kartoffeldiebe! Wenn id) eud) finde, bring’ ich euch um!" Dann schüttelte er die Faust in der Richtung auf den Hohlweg, auf bem, wie er vermutete, die Diebe entflohen waren. (Fortsetzung folgt.) Oer -euische Baum. Von Maurice Reinhold von Stern. Jüngst "tarn zu mir in dunkler Nacht ein Traum: Da stand das Volk, in Thing und Werk und Wehr Verbrüdert und geeinigt wie ein Baum, In Säst und Wachstum segenstark und -schwer. Der Kriegsmann und der Werkmann und im Feld Der Bauer standen wie vom Alp erwacht. Denn eine neue Sonne war der Welt Geboren aus des alten Haders Nacht. Der Denker sah sich mit dem Lenker eins, Das Herz des Priesters schlug den gleichen Schlag, Denn hell am Licht des gleichen Sonnenscheins Entzündete sich jeglichem der Tag. Und selig fühlte sich vom gleichen Hauch Des jungen Tags der Künstler angeweht. Von Freude glühend, stand im Bunde auch Festlich bekränzt mit Rosen der Poet. Das war in sich beschlossen wie ein Baum, Der seine Zweige in die Sonne hebt, Der weit sich dehnt im freien Gottesraum, Weil er als eines in der Vielheit lebt. Die Krone schmäht die erd'ge Wurzel nicht. Kein Ast den andern. Jedes nimmt und schenkt. Ein jedes Blättchen atmet Sonnenlicht Und tränkt den Stamm und wird von ihm getränkt. Und leise geht ein Lächeln durchs Geäst. Der alte Baum wiegt sich im Morgenwind. „Laß sie nur rascheln! Alle halt' ich sest, Die meines Blattwerks, meines Stammes sind! Und wenn er noch so ungebärdig tut. Ich lass' doch keinen Ast, den ich besitz'I In allen strömt das gleiche Lebensblut, • Und alle zittern, droht mir Sturm und Blitz. Denn alle sind im Wurzelgrund geeint, Und stark und tief und dunkel ist das Band. Und über allen eine Sonne scheint: Das Himmelslicht, das liebe Vaterland .. Jüngst kam zu mir in dunkler Nacht ein Traum: Da stand das Volk in Thing und Werk und Wehr Verbrüdert und geeinigt, wie ein Baum, In Saft und Wachstum fegenftart und -schwer. Auf den Taq... Don Johannes von Kunowski. Der Gutsbesitzer Jürgen von Rosen sitzt in seinem kleinen Arbeitsamer. Alles um ihn atmet den Geist der alten preußischen Einfachheit, nie er sich hier auf den Gütern des deutschen Ostens erhalten hat. Der soihbordige Sekretär mit der Rolljalousie, das breite Sofa mit den weißen knöpfen, di« blanken Dielen, die hohe Kastenuhr, die so manchem Rosen Klon die Stunde zählte. „Dies Haus ist mein und doch nicht mein, bald wird es eines andern fein. Den dritten trägt man dann hinaus, nun sagt mir, wem gehört dies Haus? in Brandmalerei steht der Spruch auf einem Brett über dem Sekretär. Siete Rosens lebten nach diesem Worte. Sie hegten und pflegten nur die krde, ihrer aller Mutter, die allein ewig ist. Jetzt ist es soweit. .Burkhard, der Inspektor sieht neben dem Guts- lerrn. Ein Bündel Aktenpapier mit Stempeln und bunten Marken Hegt •or ihnen auf dem Tisch. Polnische Bescheide — (Enteignurig. „Sie machen ganze Arbeit, diese Panjes. Brahheim, Netzhaus A wir. Alles nur deutscher Besitz, den sie bei ihrer sogenannten Agrar- ^Burkhard^' fentt den weißen Kopf. Die Rosens und die Burkhards Inb feit langem miteinander Betreuer dieser deutschen Erde, die man Wn jetzt nehmen wird. e... „ „Der Schlag zehn, das ist die große Weide für die Kühe [j „Und hier der Schlag drei, das find die Ruben. Unsere Ochsen können dir nun verschenken oder aufeffen." Rosen sieht hinaus durch d 6 s luben Bäumen des Parks, die unter dem Winde leoen und zueinander tonen vom Werden und Vergehen. hi. uns . „Also alles in allem, Burkhard - es sind oufenb Mor^n, die uns Pole nimmt. Da bleibt uns nicht mehr viel. W-r können die Halste °cheunen und Ställe zumachen. Zehn Gespanne Mrd« w !s Men, die Ochsen abschassen. Ob rott die Schafe noch halten können, dmn soviel Weideland abgeht, bezweifle ich stark. „Aber, Herr Rittmeister, unsere Schäfchen. Wo wir doch jetzt mit bet Zucht endlich vorankommen, und die Wolle doch sicher steigen wird." Rosen fegt mit der Hand über die Blätter. Es ist so, als wolle er das alles hinwegfeaen, diesen Spuk, diesen aktenkundigen Wahnsinn, der so vielen Fleiß, den Lebensinhalt seiner Väter zunichte macht. Seine Hand schließt sich zur Faust, zur geballten Faust, die krachend niederschlägt. „Wie lange noch, Burkhard? Wie lange noch?" Der Inspektor hebt hilflos die Achseln. Er denkt wohl noch imnVer an seine Schafzucht, fein Werk, das nun nach fünf Jahren voller Mühen und Mißerfolge endlich gedeihen will. Und das soll nun vorbei fein, so ein Papierwisch löscht sie aus, alle aus, diese Tiere. Den Bock mit dem runden Gehörn, die Mutterschafe, feine Lieblinge die Lämmer. All dies warme Leben muß sterben, weil dies irgendein Kanzlist beim Starosten auf ein Blatt Papier schreibt. „Wir müssen es tragen, Herr Rittmeister", Burkhard setzt sich hin, müde, todmüde. Er ist nun hoch in die sechzig. Er stiert vor sich hin aus die Dielen. Sein Kopf gleitet weit vornüber zwischen die breiten Schultern, die schon soviel getragen haben in einem langen Leben. * Dann kamen sie. Die Angesetzten, die Siedler, die lachenden Erben aus dem Osten. Auf den sandigen Wegen zwischen den gelben Getreidefeldern schwankten ihre Wäglein dahin. Kunterbunt lag auf ihnen ihr Gut. Ein lahmer Klepper konnte es ziehen. Ihre Augen aber glitten gierig über die weiten Felder. Sie streckten im Fahren die Hand zur Seite, ließen die schweren Aehren durch ihre Finger gleiten, daß die Körner in ihrer Hand verblieben. „Zboze", lachten sie vor sich hin. Ganz nahe vor dem Gesicht führten sie die Hände mit dem goldenen Segen, der nun der ihre werden sollte. „Welch ein Korn", sie wiesen ihren Frauen die vollen Hände, und bann schüttelten sie sich vor Freube über all bas, was nun kommen würde- In der Mitte ihres neuen Besitztums gruben sie sich ein in die Erbe. Spannten bi« Wagenplachen barüber und warteten ab, was nun der große Wohltäter, ihr Staat, ihnen noch weiter schenken würde. Häuser, Ställe und Scheunen, Vieh und Gerät. Die „Zwölf Apostel" hatte der Großvater Rosen die zwölf Buchenstämm- chen getauft, die er im Kreise inmitten des Parks am großen Teich ein ft gepflanzt. Jetzt waren diese Bäumchen schöne groß« Bäume geworden. Sie stehen feierlich in der Runde in dieser Nacht, da Jürgen von Rosen in ihrem Schatten auf der Lauer liegt. E sind ihrer aber nur noch elf. Gespenstisch weiß leuchten die Baumsplitter des ,Ludas" durch das Dunkel. Hühner, Enten, Gänse, an jedem Tag verschwinden einige von ihnen spurlos, so meldet die Wirtin. Zwei Pflüge und eine Egge vermißt der Stellmacher. Dem Milchkutscher sind im Morgenbunkel zwei Kannen vom Wagen gestohlen worben — bas ist bie neue Nachbarschaft von Rosenburg. Dann kommen sie allnächtlich in den Park, zu den Obstbäumen, dem Gemüse. Und nun haben sie sich auch noch an den Bäumen vergriffen, haben sogar hier eine der Buchen geschlagen. Darum liegt der Rittmeister von Rosen auf der Lauer. Fest zusammengepreßt die Zähne, die Rechte um die Reitpeitsche gekrampft. Anderer Waffen bedarf es da nicht. Sie kommen von drüben, vom Felde her. Schlüpfen durch den Koppeldraht des Parkes. Unter ihren Tritten bricht trockenes Geäst. Jetzt stehen sie bei den Buchen. Vor dem „Johannes", in dessen Rinde Rosen ein kleines- verwachsenes Herz weiß, das er einst eingeschnitten und zu dem sie so oft lächelnd pilgerten, als ihm die Frau noch lebte. Die Kerle tuscheln, eine Axt blinkt auf. „Verdammte Hunde", der Rittmeister der Landwehrkavallerie a. D. springt auf, wie der drahtigste Infanterist aus der Deckung. Nicht ein Axthieb streift den fünften Johannesbaum. Aber die Reitpeitsche saust nieder. In aufheulende, schreckverzerrte Gesichter, auf Arme und Beine, wie es trifft. Es ist eine lange Rechnung, die Rosen einzuholen hat. Laut bringt bas Geschrei der beiden noch vvm Felde her durch das Dunkel, in dem.die Polen in rasenden Sätzen verschwinden. Ein Gendarm mit aufgepslanztem Seitengewehr steht vor der Treppe des Hauses Rosenburg. „Pan Rosen, Sie stnd verhaftet, weil Sie die beiden polnischen Bürger und Siedler Stefan Namzek und Stanislaus Borontek am Nachmittag des 15. August auf deren Feldmark mit Waffen überfallen und schwer verletzt haben." Der Polizist steckt gleichgültig den Zettel wieder in die Tasche, von dem er dies Sprüchlein gelesen. „Aber Herr Rittmeister, bas sind doch gemeine Lügen. Das waren Holzdiebe, auf frischer Tat ertappt.in der Nacht. Ich werde die Axt holen, die die beiden Kerle haben liegen lassen. Wir werden das sofort alles richtigstellen." Der Herr von Rosen wehrt dem Inspektor ab. „Wozu Burkhard", er weist auf den Gendarmen, der fein Gewehr schußfertig macht. „Wozu?" Dagmar von Rosen tritt zu dem Vater. Fest hegen ihre Hande ineinander. Dann gehen sie durch das hohe schmiedeeiferne Tor. Der Äerr von Rosen, und einen Schritt hinter ihm der Gendarm mit dem oufgepslanzten Seitengewehr. Noch einmal dreht sich der Rittmeister um. Sein Auge umfängt das breite Haus mit den blauen Fensterladen, den Giebel auf dem bie Rose seines Wappens in ber Sonne blinkt. Auf ber obersten Stufe der Veranba steht hoch und schlank die Tochter, neben ihr breit der getreue Burkhard. Auf den Tag!" grüßt der Rittmeister noch einmal zurück. "Aus den Tag, Vater", fest und zuversichtlich gibt die helle Madchen- stimme Antwort. Dann geht Rosen seinen schweren Weg. — Die Falle am Mankaral. Von Niklas Reueisberg, Es war ein Hundeleben in Ciudol. Die kleine Siedlung lag zwischen Strom und Urwald und war mit der Hölle durchaus zu vergleichen. Gegen die mörderische Hitze half nur Whisky, gegen das Fieber wurde Chinin empfohlen, und bei Schlangenbissen blieb nur die Hoffnung auf die ewsge Seligkeit, sofern der Unglückliche nicht dem Teufel verschrieben war. Es gab Termiten, Ameisen, Moskitos und giftige Spinnen. Die Männer, die hier lebten, wollten sehr reich werden und goldbeladen in ihre Heimat zurückkehren. Die meisten verliehen Ciudol nie mehr. Manche vertrugen die Einsamkeit nicht und liefen im Rausch in den Urwald, andere traten versehentlich auf eine der kleinen giftigen Schlangen oder wurden von den Federpfeilen getroffen, die die Indios von Zeit zu Zeit aus dem Dickicht bliesen. Es lebten keine Frauen in Ciudol, und das war schlimmer als alles übrige. Einmal in drei Monaten kam ein Dampfer den Strom herauf und brachte Lebensmittel, Whisky und Zeitungen und dampfte wieder zurück. Die Zeitungen waren uralt. Bis sie in Ciudol eintrafen, hatte sich in der Welt längst wieder alles geändert. Die Männer schnitten die hübschen Frauenköpfe heraus und nagelten sie an die Bretterwand von Corellis Bar. Dann betranken sie sich und träumten. Thomas Werner und Richard Farell waren die jüngsten Bürger des einsamen Dorfes. Sie vertraten die Interessen einer englischen Gesellschaft und suchten in den Wäldern seltene Holzarten zusammen. Es war dies ein ebenso langwieriges wie gefährliches Unternehmen. Die Indios waren nicht gesonnen, das allmähliche Vordringen der Weißen tatenlos hinzunehmen. Sie vermieden zwar offene Gefechte und benahmen sich friedlich, solang« sie in der Minderzahl waren: aus dem Dunkel des Waldes aber flogen die vergifteten Pfeile und töteten nicht schlechter als moderne Stahlmantelgeschosse. Durch einen unglückseligen Zufall hatte sich Thomas Werner schon In den ersten Wochen die Todfeindschaft der Indios zugezogen. Während einer Streife am oberen Manjaral verfolgte er einen buntschillernden Vogel, der kreischend vor ihm herflatterte und immer wieder zu Boden ging. Endlich ließ er sich in den Zweigen eines niederen Busches nieder. Werner schoß. Der Vogel stürzte zuckend ins Geäst. Im gleichen Augenblick kam aus dem Dickicht ein schmerzlicher Ruf, und Werner drang zwischen die Büsche. Ein junges Jndiomädchen lehnte mit verzerrtem Gesicht an einem Baumstamm und hielt beide Hände an die Schulter gepreßt. Zwischen ihren Händen rieselte Blut hervor. Werners Begleiter waren herbeigeeilt und standen bestürzt im Kreise herum. Das braunhäutige Mädchen fauchte wie eine Katze, als Werner versuchte, die Hände von der Wunde zu ziehen. Plötzlich tauchten blitzschnell mehrere Indios aus der Dämmerung des Waldes und begannen auf das Mädchen einzureden, ohne auf die Weihen zu achten. Es war aussichtslos, ihnen den Unfall zu erklären. Sie gaben sich keine Mühe, den Hergang der Verwundung zu begreifen. Ihre Gesichter blieben geschlossen und feindselig. Das Lösegeld, das Werner ihnen bot, schlugen sie aus und verschwanden mit dem Mädchen im Wald. Obwohl die Verletzung nicht gefährlich war, wußten alle, daß die Indios nie aufhören würden, an Rache zu denken. Die Männer brachen das Lager ab und gingen nach Ciudol zurück. Werner war niedergeschlagen, obwohl der Unfall ohne sein Verschulden geschehen war. Allmählich vergaß er sein Erlebnis vollständig. Es vergingen lange, qualvolle Monate in der Trostlosigkeit Ciudols. Thomas Werner und Richard Farrell waren unzertrennliche Freunde. Sie ertrugen die Hitze, taten ihre Arbeit und sprachen von ihrer gemeinsamen Heimat. Manchmal spielten Sie Karten. Nicht um Geld, sondern um Orangeade. Denn sie fanden, daß iie Hitze zwar grauenhaft sei, aber nicht schlimmer als das Ende eines Säufers. Und wenn man feinen Durst mit Whisky zu löschen versuchte, durfte man niemals mehr zu saufen aufhören. Man nannte sie die >,frommen Brüder von Ciudol", machte Witze über die Bekömmlichkeit des Drangenrooffers und ärgerte sich darüber, daß die beiden trotzdem nicht zugrunde gingen. Es gab ja so wenig Gesprächsstoff in Ciudol. Man hatte einander schon alles erzählt, was jemals geschehen war. Jeder wußte alles vom andern, von den Hoffnungen auf künftigen Reichtum bis zum zeitweiligen Lebensüberdruß. Und manchmal wußte man nichts mehr zu sagen. Das waren die einsamsten Stunden, weil man mit sich allein war. Endlich sollte wieder eine Streife flußaufwärts ziehen, weil die Vorräte zu Ende gingen. Die Boote wurden Überholt und zu Wasser gebracht. Wasser, Konserven und Whisky für den Bedarf vieler Wochen wurden verladen. Die Männer prüften ihre Waffen und schrieben Briefe an ihre Angehörigen, sofern sie welche hatten. Man konnte nicht wissen, wieviel im Urwald blieben. Die Boote stießen ab. Der Schlag der Ruder trieb die schweren Fahrzeuge langsam stromaufwärts. Das Boot, in dem Werner imb Farell faßen, lag an der Spitze: nicht nur, weil es das schnellste war, sondern weil die beiden Freunde die sichersten Schützen waren und scharfe Augen hatten. Tage vergingen. Die Boote schoben sich die grüne Mauer entlang, die dicht und undurchdringlich an den Ufern stand und bis ins Wasser niederwuchs. Seltsame Geräusche drangen aus dem Dickicht: Rascheln, Knistern, Kreischen und Wimmern. Geheimnisvolles Leben summte in ewiger Dämmerung. Nach zwei Tagen bogen die Boote in die Mündung des Manjaral ein, der in verzweigten Armen in den Strom überging. Mit wunderbarer Sicherheit fanden sich die mischblütigen Ruderer in dem Gewirr von Kanälen zurecht. Grüne Inseln zogen vorüber, das Geräusch der Ruder scheuchte riesige Vogelschwärme hoch, die lauf treibendem Buschwerk saßen, und auf flachen Schlammbänken lagen Krokodile und versuchten wie angeschwemmte Baumprügel auszusehen. Wei einer Lichtung am Strom, die augenscheinlich den Indios als Lagerplatz gedient hatte, beschloffen die Männer anzulegen. In dieser Nacht wurde Richard Farell durch den peitschenden Knall mehrerer Schüsse aus dem Schlaf gerissen. Innerhalb weniger Augenblicke roar das Lager in Aufruhr. Die Männer tarnen schlaftrunken aus den Kelten. Anfänglich wußte niemand zu sagen, was geschehen. Die Verwirrung war vollkommen. Dom Ufer her schrie jemand um Hilfe. Alle stürzten hin. Fernando, einer der Bootsleute, rang mit einem Indio. Er kniete aus feinem Brustkasten und wär Im Begriff, ihn zu erwürgen. Wir hielten ihn zurück. In feiner Wut halle er nämlich übersehen, daß der halbnackte, braune Bursche schwer verwundet war. Ein Schuß war durch seine Rippen gegangen. Er blutete stark. Bevor Fernando mit seinem Bericht geendet hatte, starb der Indio. Plötzlich schrie'jemand: „Wo ist Werner?" Alle riefen durcheinander. Niemand hatte ihn gesehen. Die Geschichte sah bedenklich aus. Fernando hatte ein Bost beobachtet, das ein« Last an Bord nahm. Er hatte kurzerhand geschossen. Während er den Indio festhielt, glitt das Boot in den Strom hinaus und war verschwunden. Als die Männer auch die nähere Umgebung des Lagers abgesucht hatten, ohne Werner zu finden, mußte angenommen werden, daß ihn die Indios verschleppt hatten. Der Fall war mehr als geheimnisvoll. Allerdings durfte man den Wächtern nicht voll vertrauen. Sie waren nicht selten schlafend angetroffen worden. Vielleicht hatten die Indios Thomas Werner ungestört aus seinem Zelt geholt, vielleicht hatten sie ihn durch eine List ans Ufer gelockt. Wer konnte es wissen! Fernando schwor bei allen Heiligen, kein Auge 'zugetan zu haben, aber es war anzunehmen, daß er log. Die beiden anderen Wächter waren geradezu entrüstet über unseren Verdacht. Aber das bedeutete gar nichts^ Farell beriet in größter Aufregung, was man unternehmen könnte, um Werner zu finden. Mit einemmat erinnerte er sich des Zwischenfalls mit dem Jndiomädchen, das fein Freund damals verwundet hatte. Ein Stiit stromaufwärts war es geschehen. Farell folgte einer Eingebung, als er befahl, die Boote fertigzumachen und bei Sonnenaufgang abzufahren. Als alles bereit war, begann es zu dämmern. Die Boote stießen ob. Farell versprach den Ruderern hohen Lohn, wenn sie ihr Bestes hergäben. Die Sonne stieg höher. Jede Bewegung wurde zur Qual. Und die dunkel- häutigen Kerle schwangen die Ruder, daß die Boote ruckweise dahinzogen, Ein Tag und eine Nacht verging. Nach kurzer Rast auf einer Sandbank trieb Farell zur Weiterfahrt. Er zitterte um den Freund. Es ging um ein Menschenleben. Gegen Mittag sahen sie ein paar hundert Schritte oberhalb viele Boote in den Strom hinausstoßen. Die Kanus wurden mit größter Schnelligkeit stromaufwärts gerudert. Immer neue Boote füllten sich blitzschnell mit braunen Gestalten und stießen ab. Am Ufer standen einige Hütten. Farells Boot näherte sich rasch. Da sah er, rou die Indios in den Einbäumen und am Ufer ihre Blasrohre anfetzten. Er gab den Befehl zu feuern. Die Indios drängten ans Ufer, eines ihrer Fahrzeuge, das schon voll besetzt war, stürzte um. Die Weißen feuerten wieder. Ein brauner Körper trieb, wild um sich schlagend, den Strom herab. Ein furchtbarer Schrei gellte über das Wasser. Plötzlich entstand ein Gebrodel von weißem Gischt und blinkenden Fischleibern rund um den Indio, der ins Wasser gestürzt war und auf Farells Boot gutrieb.' (Eine rote, blutigrote Welle breitete sich um den versinkenden Körper. Es gluckste und plätscherte vom Schlag rasender Fischleiber. Piranhas! Eine Knochenhand hob sich geisterhaft über den Wasserspiegel, und wenige Sekunden später versank ein nacktes Skelett in den Fluten des Manjaral Farell und seine Leute hatten entsetzt die blutige Mahlzeit der Raubfische mitangesehen. Ein zweiter Indio trieb stromabwärts. Die Männer in den Booten schlossen die Augen. Es war zu grauenhaft. Die Indios waren entflohen. Wer in den Booten keinen Platz fand, lief in den Urwald. Farell sprang ans Ufer. Die anderen folgten. Die elenden Hütten standen leer. Noch glühten die Feuer, und halbfertige Mahlzeiten schmorten an den Bratspießen. Die Männer aus Ciudol legten ihre Waffen nicht aus den Händen. Sie durchsuchten jeden Busch und jede Hütte. Werner fanden sie nicht. Erst als Farell, von seiner Unrast getrieben, ein Stück flußauf» wärts vordrang, entdeckte er seinen Freund. Zuerst gewahrte er einen schlanken Baumstamm, der wie eine Angelrute schräg über dem Spiegel des Flusses stand. An seinem Ende pendelte ein lebloser Körper. Farell erkannte seinen Freund. Gleichzeitig sah er dort, wo der Baumstamm im Boden verankert war, dünnen Rauch auf- steigen. Das Holz war mit Erde bedeckt, und darunter glomm Feuer. Wenn der Stamm abgebrannt war, mußte Werner in den Strom stürzen. Heißer Schrecken faßte Farell. Die Piranhas! Er scharrte die Erde vom Stamm. Das Feuer loderte auf. Das Holz brannte wie Zunder. Er versuchte, den Brand wieder zu bedecken. Es gelang nicht. Immer wieder zuckten die Flammen auf. Das Holz knisterte bedenklich. Es gab nur eine Möglichkeit, den Freund zu retten. Er feuerte einige Schüsse ab, um die anderen herbeizurufen, dann schwang er sich auf den Stamm und schob sich langsam hinaus. Unter ihm schillerte das Wasser. Der Stamm begann leise auf und nieder zu schwingen. Manchmal ging ein feines Krachen durch das Holz. Langsam näherte sich Farell dem dünneren Ende des Baumes. Var ihm hing an dicken Faserfeilen Werners leblose Gestalt. Der Baum neigte sich immer tiefer zum Wasser nieder. Farell zog vorsichttg die Machete, das Buschmeffer, aus dem Gürtel, griff nach dem Seil und hob den Körper so weit zu sich herauf, daß die Fasern des Stranges locker über den Stamm liefen. In diesem Augenblick ging ein Knistern durch das Holz, und der Baum neigte sich. Mit einem Ruck kam er wieder zum Still- stand. Farell arbeitete fieberhaft. Er zerschnitt die Seile und hielt den Körper des Bewußtlosen mit beiden Händen fest. Dann versuchte er, mit feiner Last das Ufer zu erreichen. Der Stamm zitterte und geriet in Schwingung. Plötzlich brach er krachend entzwei und neigte sich dem Wasserspiegel zu. Farell klammerte sich an das Holz und erwartete den furchtbaren Tod im warmen Wasser des Manjaral. Im Fallen vernahm er das Schlagen von Rudern. Das Wasser spritzte auf, und wenige Sekunden später lag er am Boden eines Bootes. Auch Werner war gerettet. Seine Leute waren im rechten Augenblick gekommen. Alles hatte sich so blitzschnell abgespielt, daß die Nttanhas keine Zeit gehabt hatten, ihre blutige Mahlzeit zu beginnen. Werner schwebte noch viele Tage lang zwischen Leben und Tod. Ein schweres Nervenfieber war bie Folge aller Schrecken. Wieder begann das Hundeleben in Ciudol. Und die Indios wurden nicht friedlicher. Neue Expeditionen drangen ins Innere vor. kämpften gegen Moskitos, Schlangen und Giftvfeile. Es war ein ungleicher Kampf. Diele gingen zugrunde. Das ist das Schicksal der Einsamen, die das Abenteuer mehr lieben als das Geben.