Montag, den 4. September Nummer 68 gang 1939 3. Fortsetzung. aiorina Änn, freuen Sie sich, weil Sie hören können, was stumpfen en niemals tönen kann: den singenden Mund der Ewigkeit. Lauschen üi, und Sie werden verzaubert sein in Ihrer sehnsüchtigen frommen dem 'M auf ge- all- reiflti itjil Sali, alajn Ein heiterer Roman von Kurt Heynkcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart an» B 6 Haff * 1111 il# alt>s «n W Up !: 1 tun * libitt glitt iS |5nfi en. Auch Herr Francois kam empor. Gilberts rote Tasche leuchtete seinem Haupte. Die rote Tasche war wie ein Leuchtfeuer: Folgt mirl Der klingelnde Bahnbeamte, in dessen Nähe Gilbert und Ann & M *’ M noch sehr jungen Seele! I i>n dem Päckchen waren die Noten und der Text des Liedes, das epmante heute gesungen hatte. Und eigentlich war der Brief die Tür, briir immer eine trotzig erträumte Welt verschloß. Uiolan sah, daß Anns Lippen schmal wurden. Sie war aber klug Wig, nichts zu fragen. L ills Ann sich erhob, trugen ihre Augen den dünnen Schleier der Weit. Ich fahre zurück nach England", sagte Ann. II Aildert sprang auf. Er sah auf einmal aus, als läge das Paradies ote wenigstens das, was er sich darunter vorstellte, vor ihm. ! Wann wollen Sie reisen", fragte er lebhaft, „wer weiß, wie lange M Eisenbahnen noch fahren!" | Mit dem nächsten Zug, wenn es Ihnen recht ist", erwiderte Ann. | .Sie hat einen Kummer", meinte Gilbert, als er mit Vivian allein M Aber er sagte es vergnügt. , I Kummer macht weich. Sie haben Glück, mein Jungesagte Vivian, Herz, wo liegst du im Quartier? 1 Der Brief war der Abschied Spamantes: öignorina, ich habe Gelegenheit, mit Freunden auf rascheni Wege kts zu verlassen. Ihre Stimme drang zu meinem Ohr, Ihre Freund- Mt aber ruht in meinem Herzen, ich nehme sie mit. Die Kunst ist etwas Khs und Herrliches, herrlicher aber ist der Mensch, denn durch ihn und ia seinetwillen lebt sie. Neigen Sie sich vor den Göttern der Musik, Der Mann war wie eine Barke, die bei stürmischem Wetter auf dem Meere schwimmt, im Wellental verschwunden ist und fröhlich auf Wellenkamm wieder auftaucht. Ri' 1 i»i rii|t ir uii in ft sL $ ioian begleitete Gilbert und Ann vor die Tür des Hauses. „Weiter Wune ich nicht mit", sagte sie, „ich hasse Abschiede auf Bahnhosen. Ich Witt es nicht auf, in der Nähe stinkender Lokomotiven gefühlvoll Hin!" |L mc war im Grunde froh, die Gäste los zu werden. In ihrem geliebten ■(H’ner waren Landkarten, Fähnchen und Markierungen und Zeigten Vpitgeschichst an: Dinge ohne eigenes Leben, aber auch ohne Widerspruch darum geeignet, das Leben einer reifen Frau zu beglücken.^Denn Br -unten Fahnenkolonnen schenkten ihrer Herrin die Unruhe des «Piels, .- es durch Verluste weniger begehrenswert zu machen, denn da- Bfrt selbst war Gewinn. BL .rin hatte ihr Hütchen, das noch sommerlich leicht und bunt war, c tn die Stirne gedrückt, ihre Augen suchten den Schatten. Und im ■Frtten stand für sie nach dem Abschied von Tante Vivian die Stunde. i» ' ilbert ahnte es nicht. Er war wie alle Leute, die sich nicht allzu tiefe, Oranten machen können, in dem Augenblick, in dem er seine Wunsche Ku. * sah, glücklich. Aus solcher Stimmung umhegte er Ann. Wenn ■t aus Federkissen bestände, Ann wäre darin erstickt. dem Bahnhof staute sich der Verkehr, schier unlösbar meinander- M' ht. Der Haufe war in ständiger Bewegung. Wagen, Pferde, Men- L‘ verfilzten sich ineinander und wurden wiederum wie von einer |f‘Waren Gewalt auseinandergerissen. Es hatten sich Gassen gebildet, in denen Menschenströme nach dem Eingang des Bahnhofs drückten. Eine Wolke von Staub und Schweiß lagerte über dem Ganzen. Schelten, Rufe, Geschrei, Kommandos vereinigten sich zu einem Wirrwarr von Tönen, und jedermann verstand nur sein eigenes Wort. Es gelang Blancbois, einen Gepäckträger, den er Franxois nannte, zu verpflichten, das Gepäck zum Zuge zu bringen. Der Mann schichtete sich im Nu aus den Gepäckstücken einen kunstvollen Bau auf die Schultern. „Nach Rouen, nach Rouen!" schrie ein Eisenbahnbeamter und schwang eine Schelle, um sich Gehör zu verschaffen. Ihr Ton klang wie eine Schiffsglocke bei Sturm über die Köpfe der Reisenden, die offenbar den Beteuerungen, die Deutschen würden die größte Festung der Welt niemals belagern, keinen Glauben schenkten und eine ungewisse Ferne dem stürmischen Hier vorzogen. „Nach Rauen dort, nach Rouen dort!" schrie der Beamte immer wieder Und lenkte mit großen Gesten den Strom der Reisenden. Der Gepäckträger Franxois gehorchte dem Rufe, schwenkte ein und wurde in den Menschenkeil geschoben. Ab und zu gab die schreiende Menge einen Schwall Leiber in die überfüllten Wagen ab. Heringstonnen waren Paläste an Bewegungsfreiheit gegen die Enge, die in den Waggons herrschte. Gilbert folgte dem Gepäckträger, der sich von der Menge voranschieben ließ und zweifellos in dieser Art Fortbewegung eine hohe Geschicklichkeit erlangt hatte, bald nur noch mit den Augen. schoben wurden, mißverstand die Rufe Gilberts, die dem Gepäckträger galten. Er hatte das Bedürfnis, Frankreich zu entschuldigen. „Es ist Krieg, mein Herr, Krieg! Ich weiß, es ist nicht angenehm für Sie und Madame!" Bei dem Wort „Madame" durchfuhr Ann ein elektrischer Schlag. Ihre Stimmung wurde schwarz wie ein Kohlenkeller. Der sorgliche Beamte hatte, ohne es zu wissen, in Anns Laune jenen bitteren Tropfen gegossen, der sie gänzlich verdarb. Und schon wucherte die Blume der Phantasie: Wenn mich ein wildfremder Mann für Gilberts Frau hält, dachte Ann, was wird geschehen, wenn ich mit Gilbert in England lande? Sie bemerkte, daß Gilbert dem Beamten nicht widersprach und daß sich ob des Wortes „Madame" ein Lächeln auf feine Lippen zauberte. Und jetzt sagte der Mann mit der Glocke: „Madame, Ihr Gatte hat klug gewählt! Wenn Sie an die Küste und nach England wollen, es gibt keinen besseren Reiseweg als —" und dann schrie er, die Klingel schwingend und Ruf und Rede vereinigend: „... über Chaumont, Etre- pagny nach Rouen, Anschluß nach Le Havre!" Später erinnerte sich Gilbert, daß er in diesem Augenblick Anns Haltung bewundert hatte. Sie stand in der Menge und klagte und weinte nicht wie andere Frauen. Jllington wußte nicht, daß ihr Antlitz nur ein Gewitter barg, das nachher den Blitz eines Entschlusses sandte. Sie dachte in kühler Folge: Jetzt reise ich mit Gilbert nach England. Ah, sie kehrt mit dem jungen Jllington zurück, werden alle sagen. In den Augen der Gesellschaft (der Teufel hole fiel) werde ich mit Gilbert bereits verheiratet [ein, bevor er mich fragt: Ann, wollen Sie uns beiden nicht doch das gemeinsame Vergnügen machen und mich heiraten? Und bann werde ich sagen: Natürlich, mein Junge, die Leute reden ja schon lang über uns! Darnach wird Sir Anthony dreimal „Hurra" brüllen und am Abend Moreland Castle illuminieren. Na endlich! wird die Gesellschaft (zur Hölle mit ihr!) sagen: Sie waren vom Himmel füreinander bestimmt! „Um Gottes willen, Ann, wir dürfen das Gepäck nicht aus den Augen verlieren!" trieb Gilbert voran. Und dann keilte er sich in die Menge und verwandte die gleichen rücksichtslosen Mittel wie die andern. Da er spürte, daß ihn jemand am Mantel festhielt, meinte er, daß es Ann sei und freute sich dieser hilfeheischenden Geste. Aber es war nicht Ann. Es war jemand, der Gilbert verwechselt hatte. Als sich Jllington nach einiger Zeit in dem Gedränge mit Mühe um= drehte, war Ann Moreland nicht zu sehen. Zugleich schob ihn die Masse gegen den Zug. Er rief Anns Namen. Aber er drang nicht durch den Lärm der andern. Schließlich fchwamm er in der Menschenwoge wie ein Mann, der entweder den Hut, der ihm ins Wasser gefallen ist, erwischen oder ertrinken will. Er schwamm zwischen schwitzenden Männern, weinenden Frauen, kreischenden Kindern — aber Ann war nirgends. teil * «hl Ulli Will > ^i' k|n Wb n |i tum; # ** >( l)t 1* I ietzenerZamilienblütter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ’ic ich verstehe es nicht!" __ bet Fuhrwerksbesitzer, Kapitän Blancbois, in großer Eile bestellt, riet if In» einer Heimkehr über Boulogne oder Calais ab. Dieser Schienenweg Hwch zuverlässigen Gerüchten bereits gesperrt. I trapulleaux, der Hausmeister Vivians, bestritt mit dem Eifer des *1' runterridjteten diese Nachricht und führte ein heftiges Wortgefecht M Blancbois. ■ m . Mas stille Haus dröhnte mit einem Male von männlicher Rede und FMrebe, und Tante Vivian bekam Kopfschmerzen. " M tm war verschlossen und wortkarg. Obwohl sie sonst grundsätzlich fcei jede Meinung Gilberts Stellung zu nehmen pflegte, widersprach sie F)l als er ihr den Weg über Rouen vorschlug. Ein dicker Mann setzte Gilbert den Ellenbogen auf die Nase, um sich an diesem Hindernis abzustohen, La suhr der Zug ab. Er mahlte sich mit den Rädern langsam aus der Halle. Mit einem Male ließ der Druck nach. Beamte vertrösteten die Zurückbleibenden mit der nächsten Abfahrt. Taschendiebe hatten Beute gemacht und verschwanden. Die Menge wagte den Versuch, sich auf dem Bahnsteig zu ordnen. Gilbert konnte mit Hilfe des Gepäckträgers Francois den Bahnsteig verlassen. Er lies und suchte. Er rief. Er stellte sich auf den Platz, auf dem er zuletzt mit Ann gestanden hatte. Er schrie ihren Namen. Sie war nirgends. Vor dem Bahnhof stieß Gilbert auf Dlancbois. Der Kapitän half ihm, von neuem jede Ecke des Bahnhofs zu durchsuchen. Vergeblich. Schließlich rasten die beiden, so gut und so schnell Pferde rasen können, zu Vivian. Aber Ann war auch nicht bei Vivian. „Ann ist fort!" sagte Gilbert gebrochen und erzählte. „Ich habe es geahnt", meinte Vivian. „Mein Gott", seufzte er. „Seien Sie ohne Sorge, es hat sie niemand entführt!" „Woher wißen Die das?" „Ann läßt sich nicht entfuhren", grinste Vivian anzüglich. „Kann ich nicht warten, bis sie zurückkommt?" fragte er. „Wenn Ann Sie erblickt, wird sie wohl gleich wieder gehen. Oder haben Sie nicht begriffen, daß sie nicht mit Ihnen reisen wollte? Denn sie war ein wenig zu schnell bereit, und sicher hat sie es unterwegs bereut!" „Dann", hosfte Gilbert, „dann wird sie ja hierher zurückkommen!" „Das ist das einzige, was ich nicht weiß und was mir Sorge macht", meinte Vivian. Sie fügte aber hinzu: „Wenn es Sie beruhigt, können Sie die Nacht im Haufe bleiben und wachen!" „Und Sie?" „Wenn Ann zurückkommt und sie es wünscht, werde ich aufstehen und Sie hinauswerfen", sagte sie. Der Abend kam. Um zehn Uhr wurde in den Straßen die Gasbeleuchtung abgestellt, denn die Behörden hatten der Belagerung wegen Sparsamkeit befohlen. Es war Vivians Vergnügen gewesen, von der Straße her allabendlich das gleichmäßige Licht der Laternen schimmern zu sehen: Ruhe drinnen, Stadt draußen — und dazwischen die grüne Brücke des Parkes. Gilbert Jllington aber vermißte das Licht nicht. Er sah auf einem der geblümten Stühle und horchte in die Nacht hinaus. Bald hörte er Tante Vivian schnarchen, bald Crapulleaux, den Hausmeister, im Schlafe husten. Sonst geschah nichts. x Es war eine ganz gewöhnliche Nacht. * Am nächsten Morgen erhob sich Gilbert Jllington aus einem geblümten Sessel, bewegte die sitzharten Glieder und verfluchte laut die Stunde, die ihn nach Paris geführt hatte. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, der Lärm der Stadt schallte herüber wie das Brausen einer Brandung, und Ann war immer noch nicht da. Sie war verschwunden, an jeder Ahnung und an jeder Nachforschung vorbei wie ein Tropfen Wasser, der in den Fluß fällt, wie ein Rauch, der in der Lust vergeht. Der Concierge Crapulleaux wischte das Treppengeländer ab, denn er hielt darauf, daß der Ausgang des Hauses blinkte. Dafür lag der Staub an anderen Stellen deckendick. Crapulleaux war ein Mann seiner Zeit, er liebte die Fassade. Was Frankreich betraf, so war sie freilich zusammengebrochen. Wenn jemand dem Hausmeister bei der Arbeit zusah, was er nicht leiden konnte, bewegte er sich zittrig wie ein Siebziger und heischte Mitleid, in Wirklichkeit war er rüstig wie ein Vierziger und zählte zweiundfünfzig Jahre. Jeannette, Vivians Mädchen, unterhielt sich mit ihm. Das geschah schreiend, weil der Concierge alle Mieter dazu erzog, ihn für taub zu hallen. Crapulleaux gehörte zum Haus wie ein Ziegelstein oder wie eine Türfüllung, jeder Mieter übernahm ihn. Sobald Crapulleaux witterte, daß ein Mieter auszog, war er umgewandelt. Seine Lässigkeit wurde in dem Maße Tätigkeitsfieber, je näher der Wechsel heranrückte, und es geschah stets, daß der alte Mieter Crapulleaux dem neuen Mieter empsahl, einmal weil er wirklich an eine Besserung glaubte und zum andern, weil der Scheidende nicht einsah, daß er seinem Nachfolger den Aerger ersparen sollte, den er selbst gehabt hatte. Von der Mewohnheit des Rauchens herrührend, hustete der Hausmeister jedesmal, wenn er zu sprechen begann oder wenn er eine Rede beschloß. Vivian hatte ihn deshalb den „Huster" genannt und redete ihn zuweilen auch so an. Crapulleaux war, streute er selbst aus, ein Seemann gewesen, aber eine Tropenkrankheit hatte seinen Leib für die Seefahrt untauglich gemacht. Jener Zeit gedenkend, trug er einen Ohrring, der einen goldenen Käser darstellte, er wollte ihn von einem Häuptling in Madagaskar zum Geschenk erhalten haben. Der Ohrring war in der Tat ein Meisterstück afrikanischer Goldschmiedearbeit, jeher neue Mieter war versessen auf das Schmuckstück. Aber Crapulleaux grinste zu jedem Angebot so verächtlich, daß man ihn bald in Ruhe lieh. Jeannette erzählte ihm. die Geschichte von Anns Flucht. „Was ist nun Ihre Meinung?" forderte ihn Jeannette heraus. „Bald werden., wir Clefantenfleifch und Bärenschinken aus dem Jardin des plantes essen", sagte er prophetisch. ,Zch habe auch das Gefühl, irgendwoher Kanonendonner zu hören. Man wird Paris nicht mehr verlassen können. Kanonen sind ein schönes Gitter!" Das Mädchen lauschte. Wahrhastig! Sie vernahm das ferne Dröhnen, das in der letzten Zeit die Bewohner der Festung Paris immer gewisser Sorge war, und sie ärger« !, von einem Stamm allen! dachte Gilbert. ® W Polizei. Gilbert sah bläh und übernächtig aus. „Das ist so eine Phrase, das mit den wär« ich lieber in England geblieben!" Vivian erkannte, daß seine Ungeduld sagte sie ihm nach. 1;rt Aber als er, noch mit dieser Bosheit im Nacken, davon gesM» war, verfiel ihre Spottlust. Sie wurde ernst. „ „Schießen sie noch?" fragte sie Jeannette. Die beiden lauschten aus dem Fenster. Der Mund der Kanonen schwieg. „Nein", sagte Jeannette. „Es wird schon wieder losgehen! Ruse mir den Huster!" . Crapulleaux tarn. Crapulleaux war Vivian ein Geheimnis. o"“, fellos war er ein Mann, der anderen gern die Hände aber auch die seinen gern von anderen waschen läßt. Es gibt x. die davon leben. (Fortsetzung folgt.) ,Jch furchte, mein Kommen stand unter keinem glücklichen Stert Wie Kreide, dachte SJfoi® Sternen! Sagen Sie ruhis Gilbert verlieh also Vivian und ging zur Polizei. ,.|fl ,Zch werde Sie sicher viel früher zurück sehen, als mir angenehm n 1 Moreland hatte ihm Ann auf die Seele gebunden. Warum bindet man aber einem Menschen einen anderen aus N Seele? Wie selten sind die Seelen damit einverstanden! Wie I®9 Gilbert nun vor Sir Moreland? , Wie ein Fischer ohne Fang! Wie ein Jäger ohne Wild! Um 11 nicht noch länger zu sagen: wie ein begossener Pudel. daran erinnerte, daß sich der Ring aus Feuer und Stahl zusammen^ „Wie können Sie das mit Ären tauben Ohren hören? Es muj in der Richtung Meudon fein!" wunderte sich Jeannette. ,Lch sagte ja nur, ich habe das Gesühl erwiderte Crapullevu; und grinste, „habe ich recht gefühlt?" „Ja", sagte Jeannette und bewunderte chn. In Wirklichkeit war Des Hausmeisters Taubheit ein wohlberechneter Späh, denn wenn er roolte, konnte er hören wie ein Luchs. Mil man ihn für halbtaub hielt, hörte er mehr als' andere Leute. Er zog manchen geheimen Nutzen und ins Bewußtsein, sich über die anderen luftig zu machen, daraus. „Crapulleaux sagt, man kommt nicht mehr durch, es ist alles «e- sperrt!" berichtete gesteigert Jeannette, als sie beim Frühstück 2« eingoh. „Geschwätz", versetzte Gilbert, obwohl er, keinen Grund hatte, dH Deutschen zu unterschätzen. „Meine besten Nachrichten stammen vom Huster", sagte Vivian. 6h betonte damit laut einen Gegensatz zu Gilbert. ,Lch werde die Hilfe der Polizei anruf en!" Gilbert benahm sch, als sei er zu jeder Maßnahme entschlosien. Im Innersten war isiii weh zumute, sein Herz zitterte um Ann. Vivian rief Jeannette und bemängelte, daß di« Brotschnitten zu braun geröstet seien. „Ich verstehe Ihr« Ruhe nicht, Miß Moreland", fuhr Gilbert auf, „es kann doch ein Verbrechen geschehen sein?" „Zwei Fuß hinter Ihrem Rücken, Sie großes Lickst!" spottete |h. Dann lauschte Vivian. „Oessne das Fenster", befahl sie dem Mädchiiu Jeannette gehorchte. ' „Man schießt, Herr Crapulleaux fühlt es auch", sagte Jeannckh ehrfürchtig. „Unsinn, er hört es!" sagte Vivian rauh. Jeannette war schon in England gewesen, in England war fit von Vivian in Dienst genommen worden. Jeannette war fleißig, Jjoiti . keine Launen und war dumm. Das letzte schätzte Vivian als größA Vorzug. Nicht alle Menschen sind klug. Aber jedermann hält sich für t»t> pflichtet, so zu tun und verstellt sich. Darum sollen die meisten Menschti den Menschen, die sich nicht verstellen, auf die Nerven. Es gibt ent eine Maske, welche die Dummheit verbirgt: Schweigen. Diese Schweift werden dann wenigstens von den Dummen für klug gehalten. Jeannette sah die Herrin bestürzt an, als diese behauptete, dtt Huster höre. „Ich hatte ihn schon lange im Verdacht", sagte Vivian Moreland, „er ist gestern auf einen uralten Trick hereingefallen — aus Habgier natürlich! Ich habe ein Frankstück fallen lassen! Als es klang, drejit er sich um, und nachher hob er es auf!" Sie kicherte: „Der Fuch! Es war falsch! Ich bin neugierig, wem er es andrehen wird!" Jeannette lachte, aber Vivian verbot ihr stteng, sich etwas mer* zu lassen. Gilbert saß wie auf feurigen Kohlen. Sie kochten feine Unnch. Plötzlich erhob er sich und erklärte in der Siedehitze seines ©ernüts: „Ich finde es frivol, über die alltäglichsten und wenig glücklich» Dinge zu scherzen, während Ann vielleicht .. " Divian unterbrach ihn: „Gehen Sie endlich zur Polizei! Sie werito zwar Ann nicht mitbringen, aber es wird Sie beruhigen!" Sie IN1 es mütterlich. Aber sie wollte Gilbert los sein, denn er verursach« nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Unruhe. Und Unruhe, die s» nicht selbst gemacht hatte, haßte sie. sich, daß er Ann unterschätzte. Gilbert war wie eine Schlingpflanze, die gerissen, eine neue Klammerung sucht. So macht die Liebe Feige aus uns ------, bei seiner Gleichgültigkeit gegen gelesenes und dargestelltes SchrP tum tauchte das Wort natürlich entstellt in seinem Gedächtnis auf- So macht Gewissen Feige' aus uns allen! sagt Hamlet näml.« Nun ist das Gewissen, das der Hamlet des Shakespeare meint, n" andere Sache als das gute Gewissen, das als sanftes Ruhenist empfohlen wird. Es ist auch grundverschieden von dem weit ®’!, breiteten schlechten Gewissen. Das hatte Gilbert. Denn Sir 8nnp“ Mein Kluß. Von Eduard Mörike. O Fluh, mein Fluh im Morgenstrahl! Empfange nun, empfang« Den sehnsuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange! --Er fühlt mir schon herauf die Brust, Er kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesänge. Es schlüpft der goldn« Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder. Die Arme hab' ich ausgespannt: Sie kommt auf mich hinzugerannt. Sie faßt und läßt mich wieder. Du murmelst so, mein Fluh, warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr. Als mühtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen. Der Himmel, blau und kinderrein, Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seele dein: O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann ste nicht erschwingen! Was ist so tief, so tief wie sie? Di« Liebe nur alleine. Die wird nicht satt und sätttgt nie Mit ihren Wechselscheine. — Schwill an, mein Fluh, und habe dich! Mit Grausen übergiehe mich! Mein Leben um das deine! Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle. So trage denn allein dein Glück Und wieg' auf deiner Welle Der Sonn« Pracht, des Mondes Ruh': Nach tausend Irren kehrest du Zur ew'gen Mutterquelle. Das Wirtshaus am paß. Erzählung von Alfons v. Czibulka. Diese Begebenheit habe ich den alten Oberst noch selbst erzählen kören. Nicht ein- oder zweimal, sondern gut ein halbdutzendmal, an Bonn» oder Feiertagen, wenn der damals wohl schon Achtzigjährige Äm Mittagessen und Nachmittagsschlummer, seine bis auf,ben reichende Pfeise rauchend, in dem grüngepolsterten Ohrenstuhl kr Erkernische sah, der all die Jahre in meinem Elternhaus« sein Ehrenplatz blieb. Wenn in den Zeiten, in denen der Oberst jung gewesen war, was iei)t über hundert« Jahre her sein muß, auch auf zehn von der Ein- Hlbungstraft erzeugte Räuber höchstens noch ein wirklicher kam, so tat nan damals doch gut daran, vor einer Reise durch abgelegene Gegenden ein Haus zu bestellen oder solche einsame Landstriche zu umreiten oder u umfahren., Das wußte auch der Großkaufmann Traugott Stubenvoll, er einer Erbschaft wegen mit seinem Freund, dem Hof- und Genchts- -dvokaten Leberecht Koller, einem kleinen, dickbäuchigen, lebenslustigen berrn, der feinem Vornamen Ehre machte, von Prag nach Passau reifen nutzte. Erst hatte Stubenvoll auf dem kürzesten Wege, durch den 8öhmerwald, fahren wollen. Doch schon in der zweiten Poststation horte *, daß es nicht ratsam wäre. Gerade im südlichen Teile des Bohmer- valdes, jo behaupteten die Leute, treibe feit kurzem ein Räuber fern Unwesen, der sich unter dem Vorwande, sie zu beschützen, in der Uni- brm eines Wachtmeisters oder Offiziers an Reifende heranmache, um i e in feine Räuberhöhle zu entführen und dort mit feiner Bande aus- iuplünbern ober gar ums Leben zu bringen. Sehr wahrscheinlich klang das nicht. Nun war aber Traugott Stuben- 5 oU zwar ein breitschultriges, kräftiges Mannstück, wenn ihn auch manch- nal ein Magenübel plagte, dabei aber so ängstlichen ©emutes, bas er ! as böhmisch-bayerische Gebirge in weitem Bogen zu umfahren beschloß, viewohl Leberecht Koller dem Gerüchte nicht glaubte. So ließen sich »u eiben, von muffigen Postwagen über Eger und Regensburg nacy öossau schaukeln. ... , ., . Die ersten Novemberstürme schüttelten schon die testen Jöfatter d k_«n Bäumen, als die Erbschaft endlich ausgezahlt war und die Prag Derren wieder an die Heimreise denken konnten. Weil m Parsau niemand 'twas von einem Räuber im Wald« wußte und schon gar nicht von einem, des Kaisers Montur so freventlich mißbrauchte beschlossen ft« nun >°ch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit — es war kurz twr Martini , kfen Böhmer Wald zu durchqueren. Da kein Postkurs mehr 6'ng, ers •e zwei Reitpferde, die sie im Böhmischen leicht und ohne Berlust wieder Am Abend"vör ihrer Abreise saßen ste als die einzigen Gäste gelang- «°'It in der Wirtsstube ihres Gasthofs. Leberecht Koller vor em«^ Flasche Melker Stiftsweins, Traugott Stubenvoll vor einem Becher . ,c»>, weil ihn der Magen wieder plagte. Da ging die Tur. > 9' ^chgewachfener Offizier, gefolgt vom Wirt, trat em. Der Wirt dienerte, wies mit einer verbindlichen Handbewegung nach den beiden und sagt« „Da wären die Herren, Herr Leutnant." Der Leutnant trat an den Tisch heran, verneigte sich leicht, nannte seinen Namen. „Wenn die Messieurs erlauben..." Dann fetzte er sich. „Ich höre, daß die Herren morgen durch den Böhmer Wald reiten. Wenn es erlaubt ist, schließe ich mich an. Es ist verdammt langwellig im Walde, und ich habe nur meinen Burschen mit. Ein braver Kerl, aber nicht eben ein guter Gesellschafter. Auch denke ich, daß den Herren meine Begleitung ganz erwünscht ist. Schließlich ist der Böhmer Wald eine recht einsame Gegend." Traugott Stubenvoll nickte. Er hatte seinen Entschluß ohnehin wieder bereut. Nur dem Drängen seines Freundes hatte er nachgegeben. Während der Offizier aß, erzählte er, daß er von Mainz käme. „Ich soll für die drei österreichischen Schwadronen, die in der Bundesfestung liegen, Remonten aus Böhmen holen." Dann sprach er nicht mehr viel. Erst als er gegessen hatte, fragte er: „Ein Spielchen, die Herren?" Die beiden waren über die Frage nicht erstaunt. Man spielte damals viel und gern. Sie nahmen an. Sie verloren zwar. Aber Traugott Stubenvoll machte das nichts aus, weil er doch eine ganze Erbschaft mit sich führte. In seiner Befitzerfreude sagte er das auch. Ehe sie schlafen gingen, traten ste noch vor di« Gasthoftür. Der Offizier sah zu den Wolken auf: „Also morgen um sechs! Dann liefere ich Sie übermorgen wohlbehalten in Prachatttz ab." Es lag etwas wie Spott in feiner Stimme. Als sie am nächsten Nachtnittage schon durch das dunkle Gezeit der Hochwälder ritten, begann es zu (türmen und zu schneien. So dicht warf das Gewölk, das die Gipfel verhüllte, den Schnee, daß auch das schwarze Gefieder der Riesentannen keinen Schutz mehr bot und man in dem Gestöber vom Sattel aus kaum die Pferdeohren sah. Die beiden Prager Herren in ihren hellgrauen, modischen Kragenmänteln froren erbärmlich. Selbst der Offizier war schweigsam geworden. An einer Holzbrücke, di« über eine schmale Waldschlucht führte, parierte er, wandte sich im Sattel um und sagte: „Ueber das Gebirge kommen wir bei diesem Wetter nicht. Aber ich weiß abseits der Straße ein Unterkommen." Er bog in ein ^schmales, steil aufwärts führendes Waldfträßlein ein. Nach einer Stunde sanken di« bärtigen Wetterfichten zurück. Auf einer baumlosen Hochfläche, über die der Sturm orgelte, tauchte ein schwarzes hölzernes Gebäude aus letztem Dämmern und Flockentreiben. Heimlich sah es nicht aus. Mochte eine Herberge für Holzfäller oder ein Unterschlupf für Schmuggler fein. Der Bursche des Offiziers glitt vom Gaul, klopfte an eines der kleinen, von Brennholz umrahmten Fenster. Ein verwachsener, vierschrötiger Mann, dem der Sturm die Haare in die Stirne weht«, humpelte aus der Hütte, nickte und rieb sich grinsend di« mächtigen Tatzen. Er pfiff. Ein zweiter Kerl erschien, glotzte und führt« mit dem Burschen die Pferd« ab. Der Leutnant und die beiden Reisenden traten in die niedrige, nur von einer rutzenden Oellampe erhellte Wirtsstube. Auf der Ofenbank kümmelte noch ein dritter Kerl und grüßt« mürrisch. Halb erstarrt sanken die Prager Herren auf ihre Stühle. Nach einer Weile brachte der Herbergsvater Geräuchertes, Käse und Brot, dazu einen trüben Wein. Für Traugott Stubenvolls Magenübel war das nichts. Aber er hatte ohnehin keinen Hunger. Mißtrauisch bettachtete der Advokat über feine Brillengläfer das ausgedörrte Fleisch und den troctenen Käse. Aber dann aß er doch. Ein Gespräch kam nicht recht in Gang. Nach zwei Stunden etwa erhob sich Stubenvoll und sagte, er gehe jetzt schlafen. Leberecht Koller meinte, das fei das Gescheiteste, was man tun könne. Der Offizier begleitete die beiden bis an die Türe. „Geruhsame Nacht, die Herren!" Wieder klang es wie leiser Spott. Der Wirt humpelte den beiden über die windschiefe, knarrende Treppe voran. Stubenvolls Kammer lag gleich an der Stiege, über der Wirtsstube, die des Advokaten noch ein paar Stufen höher. Leberecht Koller gab feinem Freunde di« Hand: „Wie war das doch mit deinem Räuber im Böhmer Wald? Macht sich als Offizier verkleidet an Reifende heran und führt sie in [eine Höhle." Er wandte sich um: „Nichts für ungut, Wirt, eine Räuberhöhle ist feine Bude." Dann verschwand er lachend hinter dem böse knurrenden Herbergsvater. Traugott Stubenvoll war müde zum umfallen. Aber konnte dann doch nicht recht schlafen, obgleich das Bett nicht schlecht und auch sauber war. Immer wieder schrak er auf, wenn der Wind im Gebälk rüttelte und ächzte. Es mochte gegen zehn Uhr abend fein, als er wieder einmal aus feinem Hakbfchlaf auffuhr, Lachen aus der Wirtsstube hörte und gleich darauf die Stimme des Offiziers vernahm: „Bringt doch gleich beide um! ficfverdr Stubenvoll fetzte sich erschrocken im Bette auf. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne. Unten gab eine brummige Stimme Antwort: „Ja, Kbenn auch dafür?" Das war wohl der Wirt. „Dafürstehen?" lachte ieutnant. „Ist doch einer der reichsten Pfeffersäcke von Prag mit feinem Advokaten. Die haben Geld wie Heu." Traugott Stubenvolls Zähne schlugen. Sein Herz trommelte. Angstvoll starrte er auf den Fußboden, durch den ein Lichtschein aus der Gaststube drang Unten rief der Wirt: „Dann gib die beiden großen Messer, her, Frau! Der Veit kann mir helfen ... Die Worte verklangen in einem gröblenben Lachen. Stubenvall faß fchlotternd in feinem Bett. Er war in Schweiß gebadet. Todesangst fchüttelte ihn. Erst wollte er zu feinem Freunde, um ihm das Furchtbare mitzuteilen. Aber dann traute er sich nicht. Vielleicht jchlichen die Kerle eben mit ihren Messern die Treppe heraus Da wollte er wenigstens die Türe versperren. Aber die Türe hatte weder Schlüsiel, noch Riegel. Er schob die Truhe vor, die in der Stube stand. Aber was sollte das nützen? Ein Tritt, und Ture und Truhs lägen in der Kammer. ... , . ... Die Stimmen unten waren verstummt. Im Hause rührte sich nichts- Nur einmal ging eine Türe. Die Kerle warteten wohl, bis ihre Opfer sicher schliefen! Der Sturm hatte aufgehört. Ein blaffer Mond schien m di« Kammer. Der Kaufmann horchte angstvoll. Hätte er nur dem Lebe* recht Koller nicht nachgegeben! Traugott Stubenvoll war in Schweiß gebadet. Gegen Morgen schlief er endlich vor Erschöpfung ein. Als er durch ein derbes Klopfen an der Türe auffdjrerfte, fd^en bie Sonne in die Stube Er hörte die Stimme des Advokaten: „AufstehenI Es ist schön. Wir müssen noaj vor Mittag reiten." Traugott StubenuoJ setzte sich im Bette aus Er begriff das nicht. Hatte er am Ende nur geträumt? Aber da war doch die Truhe, die vor der Iure stand. Er stand aus, schob sie weg, ließ den Advokaten ein. Der besah sich das Möbel und zwinkerte verstehend: „Angst gehabt, Traugott?" Als die beiden die Gaststube betraten, saß der Leutnant schon am Tisch auf dem zwei mächtige Schusseln dampften. „Guten MorgenI" rief er aufgeräumt. Dann stieß er den Wirt, der dienstbeflissen neben ihm stand, lachend in die Seite: „Fragt mich der Ochse gestern abend, ob es auch dasürstehe, daß er beide Martinigänse schlachte! ... Wo doch die Herren eine ganze Erbschaft im Mantelsack haben." — Wenn der alte Oberst nach dieser Geschichte nicht gleich einnickte, pflegte er, fröhlich mit den Augen blitzend, nach einer Weile zu sagen: „Und wißt rhr, was mich an diesem Abenteuer heute noch freut? ... Daß dieser Kerl, der Stubenvoll, seines Magens wegen dann doch nichts von unseren Gänsen essen konnte. Denn ich mag nun einmal so feige Mannsbilder nicht leiden." Sie Bibliotheken Friedrichs des Großen. Ein König unter seinen „besten Freunden". Bon Ernst von Niebelschütz. Es wäre em Leichtes, aus den Werken des Philosophen vo-n Sans- fouoi, aus seinen Briefen und aufgezeichneten Gesprächen zu beweisen, daß Friedrich der Große ein eifriger Leser, ein leidenschaftlicher Bücherfreund gewesen ist, besäßen wir nicht seine Bibliotheken, die dieser Liebe ein so beredtes Zeugnis ausstellen. In den Schlössern von Sans- souvi und Potsdam,, im Neuen Palais und in Berlin, in Charlotten- burg und in Breslau, kurz überall da, wo Friedrich längere Zeit ge- toeiß hat, weht uns aus den meist wohlerhaltenen Bücherbeständen jene vertrauenswürdige geistige Atmosphäre entgegen, die jeder kennt, der viel und gern mit Büchern verkehrt. Als junger Kronprinz schon legt sich Friedrich eine kleine Bibliothek an. Nicht aus eigenem Antrieb geschieht es, vielmehr ist es nach seinem eigenen Geständnis die Schwester Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, die den Knaben zur Lektüre ermuntert, „Schämen Sie sich denn nicht, sich fortwährend herumzutreiben? Ich sehe Sie nie mit einem Buche in der Hand." Sie also versorgte ihn mit französischen Büchern, verbotenen, versteht sich, denn der Sohn Friedrich Wilhelms I. soll nicht lesen, sondern auf die Jagd gehen und das Tabakskollegium besuchen. Die erste Büchersammlung des Kronprinzen, von dessen Lehrer Duhan ziemlich wahllos als Ganzes erworben, muß, zusammen mit Schlafröcken und anderem „weibischen" Tand, in einem Geheimschrank des Schlafzimmers versteckt werden, wo sie der argwöhnische Vater denn auch eines Tages findet und sofort an den Buchhändler Ambrosius Haube verkaufen läßt, denselben Hande, dessen heimlicher Kunde der Kronprinz ist. Daß er diesem die soeben erworbenen Bücherschätze sofort wieder zurückerstattet, wird er später nicht zu bereuen haben: König Friedrich hat seinem ersten Buchhändler diesen kleinen Liebesdienst nie vergessen. In seiner Küstriner Gefangenschaft sah sich der Kronprinz auf das Studium der Bibel, des Gesangbuches und von Arndts „Wahrem Christentum" beschränkt. Andere als geistliche Bücher ließ der König nicht zu — „denn" — so schreibt er dem Sohn — „die verfluchten Leute, die Euch inspiriert haben, durch weltliche Bücher klug und weise zu werden, haben Euch die Probe gemachet, daß alle Cure Klugheit und Weisheit ist zu nichts und zu Quark geworden". Sogar ftaaswissenschast- liche Schriften waren dem Gefangenen streng verboten. Daß er sie dennoch — und selbst französische Bücher — lesen konnte, verdankte er der Gefälligkeit weitblickender Freunde, an denen es Thronfolgern nie mangelt. Erst die glücklichen Rheinsberger Jahre, die ihm endlich die so lang entbehrte Muße für geistige Tätigkeit schenken, bringen auch in seine Lektüre die bis dahin fehlende Systematik. Das in der Jugend Ber- läumte wird jetzt mit fieberhaftem Eifer nachgeholt, so daß er rückblickend später einmal sagen konnte, er habe in dieser Zeit oft auf den Schlaf verzichtet, um studieren zu können und so mehr zusammengelesen als alle Benediktinermönche zusammen. Dabei verfährt er, wie er an seinen literarischen Berater Suh m 1736'schreibt, nach einem ganz bestimmten Programm: „Wir haben unsere Beschäftigungen in zwei Klassen geteilt, die nützlichen und die angenehmen. Zu den ersteren rechne ich das Studium der Philosophie, der Geschichte und der Sprachen, die angenehmen sind die Musik, Darstellungen von Tragödien, Komödie und Maskeraden. Die ersteren überwiegen jedoch". Wir haben kein Verzeichnis der im Rheinsberger Schloß benutzten, neben dem runden Arbeitszimmer untergebrachten Bibliothek, und diese selbst ist 1747 mit der von Sanssoucie vereinigt worden, deren Grundstock sie bildet. Da sich aber die braunen Ledereinbände aus Rheinsberg von den rotgebundenen Sanssoucis gut unterscheiden lassen, und überdies die in dieser Hinsicht sehr ergiebige Korrespondenz mit Voltaire wie auch die erhaltenen Briefe des Kronprinzen an dessen Pariser Bücher- agenten Thieriot genügend Anhaltspunkte bieten, sind wir über Art und Umfang seiner Lektüre in den letzten Jahren vor der Thronbesteigung doch ziemlich gut unterrichtet. Den Borrang haben neben Geschichte und Philosophie die französische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts und die klassischen Schriftsteller des Altertums, die Friedrich in Unkenntnis der alten Sprachen aber nur in französischen lieber setzungen zu lesen pflegte, so die großen historischen Werke von Livius, Tacitus, Diodor, ferner eine Ausgabe der Aeneis des Vergil — alles aus Rheinsberg stammende Bücher, heute in Sanssouci, wo sie zusammen mit den für dieses Schloß hinzuerworbenen Bänden auf dem Einbanddeckel das goldgeprägte V tragen, das auf die ursprüngliche Bezeichnung des Schlößchens als Weinberg (Vigne) anspielt. Erst in dem entzückenden kleinen Bibliotheksraum von Sanssouci, den sich der König in dankbarer Erinnerung an die schönen Rheinsberger Tage als Rundbau errichten lieh, gewinnt man einen vollen Eindruck von der geistigen Welt, in der Friedrich lebte und webte, und man versteht es, wenn er von den Büchern als feinen einzig zuverlässigen Freunden spricht und in ihnen das wahre Bergnügen für Menschen sieht, die einigen Anspruch auf Vernunft machen. Sie dienten ihm zur Belehrung und Erholung, nicht selten, besonders im Felde, als Trostspender. „Sie sehen mich" — sagt er 1759 zu seinem Vorleser de Catt — „ganz mit Lesen und Schreiben beschäftigt. Ich brauche diese Ablenkung gegen die traurigen Gedanken, die mich erfüllen." Und zwei Jahre später schreibt er aus dem Strehlener Lager: „Jetzt muß ich lesen, um meine Unruhe und meinen Schmerz, die mir Überallhin folgen, einzuwiegen und einzuschläfern". Meist sind es geschichtliche und philosophische Werke, die er sich ins Winterquartier nach schicken läßt, Cicero, Demosthenes, Bossuet, befonbers Voltaire, von dem er sich überhaupt ungern trennt. In der Hauptsache besteht die Bibliothek von Sanssouci aus französischen Büchern, unter denen sich allerdings auch die Uebersetzungcn griechischer, römischer und italienischer Autoren befinden. Auch einiger englischer, aber nicht Shakespeares, von dessen „abfujeu« sichen Stücken der Schüler Voltaires ebensowenig etwas wissen will wie von deren „schlechten deutschen Nachahmungen", zu denen Friedrich bekanntlich auch Goethes „Götz von BerUchingen" rechnet. Ueberhaupt wird man deutsche Bücher in Sanssouci vergeblich suchen; die einzige Ausnahme macht eine französische Uebersetzung von Gehners „Idyllen". Wir wissen und beklagen es, werden aber doch versuchen müssen, zu begreifen, daß Friedrich der Große, der in allen Fragen der Geschmacksbildung eine ausgesprochen "konservative Natur war, dem verheißungsvollen ersten Aufschwung der deutschen Poesie nicht zu folgen vermochte, Noch im Alter gesteht er: „Für meine Person erkläre ich, daß ich, so alt ich bin, die Dichtkunst noch ebenso leidenschaftlich liebe wie in meiner Jugend, und ich bitte Apollo, er möge mich kraft seiner wirkenden Gnade in dieser unerschütterlichen und wahrhaft poetischen Treue erhalten, die Homer uns gelehrt, Vergil verbreitet, Horaz erläutert hat, deren Künder Tasso, Petrarca, Ariost, Milton, Boileau, Racine, Corneille, Voltaire und Pope gewesen sind, die in ununterbrochener Ueberlieferung auf uns gekommen ist und in der ich leben und sterben will, damit nach meinem Tode meine Seele mit dieser erhabenen und göttlichen Geisterschar im Elysium, das sie beherbergt, sich vereinigen kann". Merkwürdigerweise fehlt in diesem Geisterreigen Lukrez, der doch unter allen antiken Dichtern der von Friedrich am meisten geliebte war. Als Kuriosum sei schließlich noch erwähnt, daß in der Büchergalerie des Neuen Palais — es ist die jüngste der friderizianischen Bibliotheken — neben Kupferwerken und Reisebeschreibungen auch zehn riesige Fosio- bände der christlichen Kirchenväter stehen. In Wirklichkeit sind es nur Attrappen, ein königlicher Scherz, nichts weiter. Wie Friedrich Nikolai in seinen Anekdoten von Friedrich II. zu erzählen weiß, hat der König diese „Körper ohne Geist" nur aufstellen lassen, um seinen atheistischen Freund, den Marquis d' A r g e n s , der die Räume gelegentlich bewohnte, damit zu necken. Wie jeder Bücherliebhaber behandelte Friedrich feine „besten Freunde" mit der größten Sorgfalt. Nur wenigen merkt man eine starke Benutzung an; es find die Feldzugsteilnehmer, von denen de Catt übrigens berichtet, daß der König die Kisten, in denen sie ankamen, stets eigenhändig auszupacken pflegte und dann die Bücher in der Reihenfolge aufstellte, in der er sie lesen wollte. Als ihm nach der Schlacht bei Soor das Handgepäck mit sämtlichen Büchern verloren geht, ist er untröstlich und bestellt sofort neue. In den Schloßbibliotheken waltet eine ganz bestimmte Ordnung im Umgang mit Büchern, wie fein letzter Vorleser Dental in einer kleinen Schrift anschaulich berichtet. Die Stelle eines dem Schrank entnommenen Buches mußte mit einem weißen Zettel bezeichnet werden, damit man den Ort wiederfände, an dein es gestanden hatte. Die noch nicht gelesenen Bände standen auf den Tischen aufrecht, die schon gelesenen mußten flach liegen, und niemand durfte sie ohne besonderen Auftrag anrühren. Daß jede Gattung von Büchern besondere Regale in den Wandschränken hatte, versteht sich von selbst; nur ist diese Ordnung später häufig zerstört und erst in jüngster Zeit, so weit wie möglich, wiederhergestellt worden. Unter den königlichen Bibliotheken der Residenzen Berlin, Potsdam, Charlottenburg und Breslau befindet sich heute die von Sanssouci noch in vergleichsweise' bestem Zustand. Mit einem Bestände von über 2200 Bänden ist sie auch die größte. Der Raum darf als ein Juwel fride- rizianischer Rokoko-Dekoration gelten, und die Vermutung, Johann August Naht, der größte Jnnenraumkünstler dieser Periode, habe ihn geschaffen, dürfte wohl recht behalten. Um die gebogenen Wände schlingen sich herrliche Bronzeverzierungen auf Zedernholztäfelung. Zwischen den Fenstern, von denen das östliche den Blick durch den Laudengang auf die von Friedrich erworbene antike Bronzestatue des Betenden Knaben freigibt, find die Bücherschränke eingebaut, auf denen vier Marmorbüsten stehen, darunter das beste aller aus dem Altertum erhaltenen Homer- porträts. Gestatteten es die Ehrfurcht vor dem Genius des Orts und die strenge Schloßordnung, wie gern würde man hier weilen, mit verehrender Hand das eine ober andere Buch aus der Reihe nehmen (den weißen Zettel nicht vergessen!) und lesen ... lesen. Uebrigens sind es durchweg nur Oktav- oder Quartbände. Folianten und dickleibige Bucher waren ihm unhandlich; er mochte sie so wenig leiden, daß er es über sich brachte, die schöne Ausgabe von Quincys „Histoire militaire de Louis le Grand" auf Quart beschneiden zu lassen. Auch seine eigenen Werke ließ er nur in diesem Format drucken. So stehen sie noch heute, vereint mit den größten Namen der Weltliteratur, aber wie diese nur noch ein Gegenstand scheuer und flüchtiger Bewunderung, in der Bibliothek dieses preußischen Lusthauses, das, anders als die Sommer- residenzen der meisten deutschen Potentaten des 18. Jahrhunderts, eine Stätte mehr der ernsten, zielbewußten Arbeit als des sorglosen Vergnügens war. Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei R. Lange,Gieße».