Nummer 59 Sreitag, den 4. August ahrgang 1939 Lim Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von P.L Lttighoffer Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 14. Fortsetzung. Deshalb entscheidet sich Nivelle für den schwersten Weg, für den Fort- rng der Offensive und der Durchbruchsversuche. Er tut's nur, um seinem and zu dienen, und nicht aus Eigenliebe, denn er kann Frankreich diese nttäuschung, diesen Zusammenbruch aller Hoffnungen und Ideale jetzt cht aufbiirden. Mit diesem seinem Entschluß wird General Nivelle zum zweiten Mate agischer Feldherr, denn er legt den Keim zu einer Meuterei, zu jener jsen Krankheit, die Frankreichs Armee in schwerster Stunde erfassen id an den Rand des Abgrundes bringen soll. Noch einige Wochen, und der Tag ist da, an dem die gesamte franzö- che Front zwischen Soissons und Moronvilliers, jenseits von Reims, fu in einer Breite von mehr als sünfzig Kilometern, höchstens von »ei, allerhöchstens von zwei verläßlichen Divisionen gehalten wird. Nur ich zwei armselige, ausgeblutete Divisionen würden stehen, feuern und IC« Pflicht tun, wenn es den Deutschen einsallen sollte, den Angriff zu agen. Was sind zwei Divisionen? Nichts, eine Bagatelle, nichts, eine -einigkeit. Zwei Divisionen können innerhalb von zehn Minuten über- :nnt werden. Aber auch für dos deutsche Heer ist's eine große Tragik, ch es diesen günstigen Augenblick nicht erkannte und nicht nutzen konnte. Frankreichs Heer ist müde. Und den Keim zu dieser Müdigkeit hat ster gelegt, der es gut mit seiner Nation meinte und nur für sie lebte, - Nivelle, der Oberbefehlshaber. — „Truppen aller deutschen Stamme." Im Eifer und im Angriffswillen, der sich ganz auf die Armee Anthoine schränkt, hat Nivelle den nennenswerten Teilerfolg der Armee Mangin versehen. Die VI. Armee konnte, in machtvollem Nachdrücken, den feld- luuen Hauptgürtel noch Norden abdrängen und das scharfe Äisne-Knie nsbügeln. Ueberhaupt, General Mangin wird feine Kampfesfreudigkeit tttf) weiterhin zeigen und Schritt für Schritt, hundert Meter um hundert Meter, die deutsche Verteidigungslinie vor seinem Abschnitt zum Aus- eichen zwingen. Aber man wird erst später aus diesem stllckweisen, ^igsamen, mühseligen Vorrücken einen großartigen Sieg basteln und i)t als Erfolg der französischen Waffen sondergleichen preisen. Diese sioutverkürzung kommt ober, streng genommen, der deutschen Heeres- •itung nicht ungelegen, denn nunmehr sind die Höhen des Damenweges rreicht. Am Affenberg mit der berüchtigten Klaraschlucht an der Lasfaux-Ecke, «nn nördlich am Fort Conde vorbei auf der Spur der einstigen Straße, ii man Chemin des Dames nennt, wird der Feldgraue erklären: „Bis "her und nicht weiter!" Und er wird keinen Schritt mehr weichen. Es 11 g im Laufe späterer Wochen und Monate das Artilleriefeuer an der icffaur-Ecke noch so trommeln und poltern. Erst im Oktober 1917 soll es «t französischen Sturmdivisionen gelingen, auch hier den Damenweg zu ierschreiten, über den Pinonriegel hinabzusteigen und durch den Wald 11 dringen, bis zum Aisne-Kanal bei Anizy. Und dann wird der Poilu r,t im Spätherbst 1917 dort stehen, wo er am „Tage I" zur „Stunde H 180 Minuten", das heißt um 9 Uhr vormittags des 16. April seine Maschinengewehre gegen die abziehenden Deutschen aufpflanzen sollte, so es in allen Armeebefehlen des Frühjahrs 1917 und in allen Anord- ^ngen und strategischen Plänen vorgesehen war. Innerhalb von drei Kunden sollte das Gelände genommen werden, bis zum Aisne-Kanal. ?'hr als ein halbes Jahr soll es dauern bis zur Wegnahme dieser kurzen a--ecke. Und jeder Schritt Bodengewinn soll mit dem Blut stürmender >>ülus getränkt sein. Es ist geradezu seltsam, wie wenig Aufmerksamkeit General Nivelle ™ Augenblick den Fortschritten der Armee Mangin schenkt. Es geht ihm W schnell genug. Das Vorrücken Meter um Meter, wie es dort geschieht, kugt dem Hitzkopf nicht. Er wird also noch einmal die Armee Anthoine Durchbruch vorschicken. Am 18. April wird Wiederholung der Kämpfe befohlen. Schon beim Wn Morgengrauen gurgelt das Trommelfeuer und brodelt auf der Men Front. Diesmal soll der Brimont, dieser starke Eckpfeiler in der Muhen Verteidigungslinie, zu Fall gebracht werden. Und den Russen 1 Ehre zufallen, den Brimont genommen zu haben. », Väterchen Zar ist längst abgesetzt. Die russische Revolution ist gewesen, “et die im Winter 1916/17 von Odessa in Marseille gelandeten russischen Divisionen, die als Hilfskorps gedacht waren, sind vom Gist dec Zersetzung und der Unbotmäßigkeit, das ihre Heimat töten soll, noch nicht erfaßt. Sind sie 's wirklich noch nicht? Scheinbar ist noch alles ruhig, aber es sind in letzter Zeit Briefe aus Rußland an die Hilfsdivifionen gelangt. Es gärt langsam, vorerst noch unmerklich, aber es gärt. Jetzt, da die Truppe eingesetzt werden soll, macht sich eine böse Unruhe bemerkbar. Es arbeitet in diesen Männern, die nicht einsehen wollen und einsehen können, daß sie jetzt, da Rußland mit Deutschland Waffenruhe vereinbart hat, zum Kampf marschieren sollen. Rußland ist groß und weit. Und was sollen die Russen hier auf Frankreichs Boden verteidigen? Ihr weites, entferntes Vaterland, ihr Rußland, Mütterchen Rußland? Ach, lächerlich, das wird man einem Mufchik niemals einreden können. Was versteht der russische Soldat von Bllndnistreue und Waffenbrüderschaft! Der Zar ist abgesetzt: dem Zaren hat man Treue geschworen. Nun ist niemand mehr da, für den man eigentlich in den Tod gehen könnte oder müßte, kein Zar, keine Zarenfahne, kein Symbol, nichts. Der Muschik weiß nicht, was er tun soll. Er weiß nur, daß er seine Heimat wiedersehen möchte. Und er weiß außerdem, daß es schwere Verluste geben wird da vorne in der Schlacht, die man ihm jetzt aufzwingen will. Er kennt die Deutschen, der kleine Muschik. Er weiß, daß der deutsche Soldat zäh und hartnäckig ist. Als unbesiegbar ist er verschrien in allen Regimentern des Zaren, dieser hartnäckige deutsche Soldat. Warum also noch einmal gegen ihn marschieren? Hitzköpfe reden und hetzen die Kameraden auf. Es bilden sich Soldatenräte. Sprecher steigen auf Munitionskarren und halten scharfe Anklagereden. Und dann wird nach sowjetrusstschem Muster abgestimmt. Sollen die Befehle der Generalität befolgt werden? Sollen die russischen Regimenter zum Angriff marschieren oder nicht? Die Offiziere beschwören ihre Soldaten, erklären ihnen die Notwendigkeit des Marschierens und Kämpfens, erinnern sie an die Pflickst. „Der Zar wird wiederkommen", sagen sie, „er wird ganz bestimmt wiederkommen und Rußland regieren, unser armes Rußland, das augenblicklich nur eine Krankheit durchmacht. Und dann wird Väterchen Zar von euch Rechenschaft fordern." Die Regimentskommandeure erscheinen, heben die alten, ruhmreichen, verblichenen Regimentsfahnen und Standarten hoch, zeigen sie den Mu- ichiks und erinnern sie an den Fahneneid. Und da erleiden die Sowjets eine Abfuhr. Die Truppe bekennt sich zur alten Zarentreue. Popen kommen und segnen die knienden Kompanien. Die Offiziere küssen das Kreuz nach alter Sitte. Mit dem Zarenlied auf den Lippen, Fahnen und Standarten entfaltet, marschieren die russischen Hilfsdivisionen in ihre Sturmstellungen. Und dann bricht der Sturm los — und die Russen werden im deutschen Maschinengewehrfeuer zusammengeschossen. Nur Trümmer der stolzen angreifenden Regimenter kehren zurück, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. In der Seele der geschlagenen Muschiks keimt der Haß gegen jene, die sie erneut fruchtlos gegen die Deutschen jagten. Und nun teilen sie den höhnenden Sprechern und Anhängern der Sowjets ein willfähriges Ohr, Dieser Einsatz der Russen am Brimont soll in den nächsten Wochen für Frankreich verhängnisvoll werden. Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 19. April 1917 Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Ausgesangene Befehle zeigen, wie weit die Angriffsziele der am 16. April in den Kampf geworfenen französischen Divisionen gesteckt waren. An keiner Stelle sah die französische Führung ihre Hoffnung erfüllt. An keiner Stelle haben die Truppen auch nur annähernd ihre taktischen, geschweige denn strategischen Ziele erreicht. In der Nacht vom 17. zum 18. April gelang den Franzosen ein örtlicher Angriff auf Braye,- im Laufe des Tages an mehreren Stellen der Höhenfront des Chemin des Dames mit besonderer Erbitterung bei Craonne geführte wiederholte Angriffe des Feindes schlugen unter blutigen Opfern fehl. Bei La Ville aux-Bois, dessen Waldstellungen für uns ungeeignet geworden waren, richteten wir uns in einer Hinteren Befestigungslinie ein. Am Brimont jagte der Gegner die in Frankreich liegenden Russen zu vergeblichem verlustreichem Angriff ins Feuer... Wie verhält sich nun Nivelle? Wie nimmt er diese verhängnisvollen Nachrichten auf? Seine Tagesberichte sind bescheiden und klingen ganz anders als die großen Versprechungen, die er vorher in die Welt hinausgeschickt hat. Die rücksichtslose Fortsetzung der Angriffskämpfe ist ja befohlen. Bisher waren nur etwa die Hälfte aller Divisionen im Feuer. Mit noch fast dreißig unversehrten Divisionen hofft Nivelle noch einen bedeutenden Erfolg zu erringen. Vielleicht wird ihm ganz plötzlich, ganz unverhofft der Durchbruch gelingen. Den Briten gegenüber aber muß er sich irgendwie rechtfertigen. Marschall Haig hat bisher viel größere Erfolge erzielt. Sein Geländegewinn zählt nach Kilometern, wo Nivelle nur mit Hun- MeMerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger berten von Metern rechnen fann. Dos scharfe Vordrängen der Briten hat jogar die Oberste Deutsch« Heeresleitung ernstlich alarmiert und in Sorge versetzt. Nur am Opfermut des feldgrauen Soldaten ist der Durchbruch bisher gescheitert. Am 21. April schreibt nun Nivelle an f>aig: „Das Vorrücken der Angriffsarmee war leider langsamer und geringer, als wir gedacht hatten. Trotzdem will ich nichts an den allgemeinen Befehlen zur Offensive ändern, und alle gegebenen Anordnungen behalten ihre Gültigkeit. Ein Abblasen der laufenden oder vorgesehenen militärischen Operationen ist nicht ins Auge gefaßt." Dieses Schreiben verrät noch Mut, Selbstvertrauen und Kampfes- sreude trotz aller Enttäuschungen der letzten fünf Tage. Kaum ist es durch Sonderkuriere abgegangen, da trifft im Hauptguartier des Oberbefehlshabers ein Schreiben des Generals Micheler ein. Es ist ein Schreiben, das man.getrost als Todesurkunde des Durchbruchsgedankens bezeichnen kann. Auszugsweise lautet es: „Das große Hauptquartier hat am Tage noch der Osfeusive vom 16. April den Stoß gegen Nord osten befohlen. Gleichzeitig sollten die erreichten Stellungen aus den Höhen südlich der Aillette befestigt werden. Nun ist folgendes eingetroffen. Der Feind, der entschlossen schien, vor der Front unserer VI. Armee zu halten, hat sich auf seine Siegfriedlinien zurückgezogen. Die Angriffe auf Craonne und Sapigneul waren für uns erfolglos. Eine Weiterführung des Angriffs gegen Nordosten wäre unter solchen Umständen wegen der fehlenden Flankendeckung von großer Gefahr. Unabhängig von den schweren Verlusten ist die Truppe fertig und müde. Die atmosphärischen Bedingungen sind denkbar schlecht für einen Angriff. Rasche Ablösung der schnell abgekämpften Truppe wäre notwendig. Die verfügbaren Muniiionsmengen sind im Laufe der letzten Tage zu gering geworden. Sollte man weiterhin Wert auf Fortsetzung des Angriffskampfes legen, müßten viel größere Mengen Munition herangeschafft werden. Es wäre zu überprüfen, ob eine Verlegung der gesamten Angriffsfront bis auf die nördlichen Höhen des Damenweges nicht vorteilhafter wäre als Teilangriffe mit ungedeckten Flanken. Ich würde eine Frontlinie im Verlauf des Damenweges als eine glückliche Fortsetzung der jetzigen Kämpfe und der aussichtslosen Angriffe ansehen." Nivelle nimmt davon Kenntnis und legt den Brief ganz zu unterft zu deb Akten. Erst nach dem Krieg soll dieses Schreiben gesunden werden. Es ist dem Oberbefehlshaber jetzt unmöglich, die Walze aufzuhalten, denn Frankreich verlangt Taten. Jawohl, lebendige Taten! Man hat später viele sensationelle Dinge erzählt, um diese Ofsensive vom 16. April. Ein amerikanischer Journalist hat während des Krieges noch eine spannende Artikelserie über die Geschehnisse dieser Apriltage veröffentlicht. Er hat General Nivelle gezeichnet, die Hand fchon an der deutschen Gurgel, aber im letzten Augenblick, in der Sekunde des Griffs nach dem sicheren Sieg brutal zurückgerissen von entsetzten Parlamentariern. Gewiß, die Abgeordneten und Staatsmänner haben in Frankreich viel zu sagen. Wir haben es im Verlause dieses Berichts erlebt und gelesen, wie die Herren Parlamentarier dem Oberbefehlshaber Nivelle zusetzten, aber der General ist Manns genug, sich diese redseligen Zivilisten vom Leib zu halten, wenn es gilt, seinem Operationsplan Geltung zu verschaffen. Der amerikanifche Journalist und mit ihm später noch zahlreich« Autoren hatten die sranzösischen Parlamentarier sozusagen als Schlachtenbummler dicht hinter der Front vom 16. April gezeigt. Dieser entsetzte Haufen Zivilisten sei bann, beim Anblick der Verwundeten, die in Massen zurückströmten, nach Paris gefahren und habe dort vom Regierungschef die Einstellung der Nivellefchen Offensive gefordert. Nicht deutscher Mut und Opferwille, nicht die Zähigkeit des Feldgrauen hätten die Nivellesche Offensive aufgehalten, sondern die Feindseligkeiten und die Angstpsychose französischer Parlamentarier. In diesem Zusammenhang muh festgestellt werden, daß der Kammerabgeordnete Pbarnegaray bald nach dem Zusammenbruch des ersten Angriffs am 16 April in der Frühe nach Paris gefahren ist, um dort bei Poineare vorstellig zu werden. Seine Erklärungen sollten jedoch ohne Folgen bleiben. Später, nach den Meutereien, wird Marnegaray von einer geheimen Kriegskommission, di« zur Ermittlung dieser Gründe zusammengetreten ist, seine Angaben wiederholen und das Entsetzen, das ihm beim Anblick der führerlos im deutschen Maschinengewehrfeuer umherirrenden Schwarzen aufstieg, in glühenden Farben wiedergeben. Nein, nicht di« Parlamentarier haben die Offensive aufgehalten-- Der deutsche Musketier tat's! — Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 20. April 1917 Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Die am 16. März 1917 begonnene Einnahme der von langer Hand ausgebauten Zone der Siegfriedstellungen hat gestern nordöstlich von Soissons ihren Abschluß gefunden durch Aufgabe des Aisneufers zwischen Condö und Soupir«. Der Feind folgt zögernd. Die Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne nimmt ihren Fortgang. Längs des Chemin des Dames-Rückens dauert der starke Artilleriekampf an. Bei Braye und Cerny und unter großem Masien- kinfatz beiderseits von Craonne, mühten sich frisch herangeführte französisch« Regimenter vergeblich und verlustreich ab, den Höhenkamm zu gewinnen. Den schon am 16. April ohne Ergebnis verfuchten Angriff zur Umfassung des Brimoutblocks von Nordwesten und Norden erneuerte der Franzose gestern nachmittag. Vor unseren Stellungen am Aisne-Marne- Manal faradjen bie zweimal anlaufenben Sturmwellen neu eingesetzter französischer Divisionen blutenb zusammen; auch die Russen wurden wieder vergeblich ins Feuer geschickt. Unfere dort fechtenden Divisionen sind Herren der Lage... »er^Mt 3a>ein bedrängen wollen und die er doch auch dort mit seiner Lebenstüchtiz- »I eit und seinem Vertrauen an die Kraft des inneren Lichtes bannt. Als I irittes dieser Frühwerke steht dann „P o n" („Aus Leutnant Thomas |i -lahns Papieren"), das Epos menschlicher Naturverbundenheit, aus dem rn Psychologe spricht, der es nicht aus analytischen Untersuchungen am || Schreibtisch oder im Umgang mit den gehetzten Menschen der Großstadt, H tobern aus dem Erlebnis der freien Natur (in der Hamsun damals als - f lager lebte) geworden ist. Der Mensch in der Natur, der Mensch im Sumpf mit ihr und daher auch mit sich und seiner Liebe, feinen tiefsten : Neigungen bringt hier wirkliche Offenbarungen, eigenerfahrene Einsichten ' I ii die Seele alles Lebenden wieder. |l Das Gegenstück dazu ist bas .um dieselbe Zeit entstandene Werk „M y - ?|1 ferien", die Schilderung einer genialischen Natur, „die gleichsam dem 81| Aahnsinn beständig in die Augen sieht, mit grandiosen Gesten und viel i|l keift am Abgrund des Lebens einen Totentanz vollführt". „Redakteur 8 |r $t)nge" ist dann abermals ein (im Hintergründe) autobiographisches Stück. ! ||chnge wird mit seiner großen ernsten Begabung ein Opfer [einer !Be= Ii tifamteit. Er unterliegt den kleinen unsauberen Mitteln, mit denen man fMesbere beherrschen und sich selbst vorwärts bringen kann, diesen Mittel- ’Mtien, die zunächst harmlos aussehen und unter deren Zwang oder Ge- "Mvohnheit der Mensch doch allmählich hoffnungslos der „Welt des Man", "11 nie bas ein moderner Philosoph, Heidegger, ausdrückt, des leeren, I >1 wesenlosen Daseins verfällt. Was hier in großstädtischer Umgebung ge- 'Mjiidjnet wird, läßt Hamsun später in den begrenzten, in sich selbst ruhen- ■| d n Welten der kleinen Bauern- und Fischerdörfer noch differenzierter M dldhast werden. Auch hier zeigt sich ihm der Einbruch der entwurzelten -»Begabungen, auch hier beginnt der seelische Leerlauf mit kleinen, auto- MJ ovtisch wieberkehrenden Handbewegungen, bis alles einer einmal fest- -Wssetzten Maske dient. „K i n d e r d e r Z e i t", die immer mehr Menschen M ots ihrem festen Gefüge in das lockende, bunt bewegte Verderben reißen. Auch wenn man das Liebenswerte, Bezaubernde in einem solchen-ent- IJ gleisten Leben durchschaut, wie es Knut Hamsun in „21 u g u ft Welt- « ums e g le r" tut, bleibt doch die warnende Frage, die eigentlich hinter "um ganzen. Werke Knut Hamsuns steht: was wird aus den Menschen, ons kann Überhaupt noch aus ihnen werden? Und wenn man an die warmen, entschiedenen Worte denkt, die Harn- I :i htt in den letzten Jahren für uns Deutsche fand, so zeigt das, daß der ! Drweger, den wir in Deutschland seit je als uns wesensnah empfanden, || usse Frage keineswegs aus Weltfremdheit stellt. Diese Frage nach der : Snltoitflung des Menschen in seiner seelischen und damit naturverbunde- ' ■?;1' Substanz steht hinter der ganzen Entwicklung des Dichters, den wir M [‘Ft nur als Erzähler kennen, obgleich er auch als Lyriker und Dramatiker : >,Al> enbröt e", „KöniginTamar a", „Munken Venb t") Be- 'Muckendes geleistet hat. . Es ist ein weiter Weg ber Entwicklung, auf dem das Werk Hamsuns ! ■piiiftonb. Zunächst mehr sachlich berichtigend und mit einem — freilich t» o’B'l)altenem, immer künstlerisch dezent vorgetragenen — Ingrimm die '' MUnhre Situation unseres Lebens seststellend, dann aber mit dem inneren ■ f p1 ionären Erlebnis der gefährlichen, überperfönlichen Lebensmächte zu : paer Weltweite des Geistes und zu jener Uebcrfdjau fortschreitend, die * Diese Verse entnehmen wir dem im Albert Langen/Georg Müller j *■' tlag in München erschienenen Gedichtband „Das ewige Brausen P'Mamfun. 3n den Familienblättern 1936 erschienen. er auf der letzten Höhe seiner Entwicklung, In ber Schicksalsdichtung mit dem symbolischen Titel „Der Ring schließtsich" erreichte. Etwa sünfzig Jahre sind seit Erscheinen seines Erstlings „Hunger" in deutscher Sprache vergangen. Wir blicken mit schweigender Anerkennung auf die Bänderreihe dieses Werkes, die wir von Jahr zu Jahr wachsen sahen. Und bas mit ber großen Frage nach dem Wohin ein Stück unseres tiefsten Lebens heraussorderte — und mit dem Unbegreiflichen doch auch wieder versöhnt hat. Oer Gutsherr von Nörholmen. Von Anton Geldner. Wenn man es nicht wüßte, da draußen würde es einem ausgehen, ohne daß es einer sagen brauchte: wer hier wohnt, will Einsamkeit, ganz betonte, stete Einsamkeit. Das Draußen ist Rörholmen, das Gut Hamsuns. Die nächste kleine Stadt ist eine halbe Autostunde weit entfernt; zum nächsten Hafen, der Schiffe auf weitere Reisen gehen läßt, braucht man drei Autostunden und zur nächsten Eisenbahnstation noch mehr. Aber Wald ist hier, der fast keine Wege hat; hier ist das stille Wasser eines Fjords, das nur ganz selten ein Boot trägt; hier sind helle Felsen und dunkle Büsche, hier sind Aecker und Wiesen und Felder. Und alles hat bas verträumte Gesicht weiter Abseitigkeit und Stille. Zuweilen kommen Frembe im Auto hierher. Sie steigen bann aus und gehen etwas hin und her. Dann fahren sie wieder ab. Sie versuchen nicht erst, den Dichter, der sich hier versteckt hat, zu sehen ober gar zu sprechen. Man weiß von ihm, baß er keine fremden Menschen sehen will. Einmal, aber das sind schon einige Jahre her, kam ein junger Schweizer hierher. Er war durch ganz Norwegen getippelt, hatte sich hoch im Norden auf Schiffen und zwischen Schiffern herumgetrieben. Zuweilen hatte er auf diesen Fahrten gedichtet, und oft hatte er Hamsuns Bücher gelesen. Und als er sich lange Zett von diesem herrlichen und freien Leben hatte herumwirbeln lassen, wollte er nach Hause. Ader vorher wollte er noch Hamsun sehen. Also fragte er sich mühfam bis zu der stillen Abseitigkeit Nörholmens durch. Und eines Tages stand er an dem Zaun, ber bas Wohnhaus abweisend umschließt, und fragte nach dem Dichter. Der lasse niemanden zu sich, sagte man dem Schweizer. Der Junge war fassungslos, konnte die Abweisung nicht begreifen. Die Gattin Hamsuns, erschüttert von seinen dringlichen Bitten, ging dann zu Hamsun hinein, um ihn zu bewegen, doch mit dem jungen Menschen da draußen zu sprechen. Aber Hamsun lehnte fast unwillig ab. Man solle ihm seine Stille lassen. Als Frau Hamsun dem Wartenden den Bescheid brachte, setzte er sich auf einen Stein und meinte hemmungslos. Schließlich marschierte er weiter. Etwas später bei Tisch erzählte Frau Hamsun von diesem fassungslosen Weinen. Da wurde Hamsun ganz aufgeregt. Er brachte alles durcheinander. Sofort mußte ein Auto hinter dem jungen Mann herjagen. Es holte ihn schon weit auf der Landstraße ein und brachte ihn nach Nörholmen zurück. Und erst nach Wochen ließ Hamsun feinen Gast roeiterroanbern. Ellinor, eine ber beiben Töchter Hamsuns, erzählte mir biefe Geschichte. Ich gebe sie wieder, weil ich diese Geschichte schön finde. Freilich, als Ellinor (heute Filmschauspielerin), mir das erzählte, tat sie das mit der Absicht, mir verständlich zu machen, wie schwer es sei, meinen Besuch im Haus durchzusetzen. Auch für einen Angehörigen der Familie sei es schwer. Die einzige Möglichkeit wäre, mich als alten Bekannten einzuführen. Und auch so fei der Erfolg nicht einmal ganz sicher. — Einen Tag nach meinem Gespräch mit Ellinor Hamsun kam ein Telephonanruf in mein Hotel nach Grimstad und rief mich nach Nörholmen hinaus. Draußen waren Gäste, Freundinnen der schönen Tochter Hamsuns. Sie hatten frohe Stimmung mitgebracht. Es gab Musik und Wein und Lachen. Und in dieser aufgeschlossenen Heiterkeit zwischen jungen Menschen traf ich bann Hamsun. Er sieht aus wie ein Mann, der am Tage hinter dem Pflug hergeht und am Abend aufgeräumt frohe Geschichten erzählt. Er ist groß und stark und einfach wie ein Bauer; seine Stimme ist ganz dunkel und voll und fest. Wenn er spricht, liebt er es, auf und ab zu gehen. Und fast scheint es, als tue er das, um stolz seinen graben unb festen Gang, feine überlegene Kraft und strotzende Gesundheit zu zeigen. In der Art, in ber er es ablehnte, sich einen Sessel zuschieben, sich überhaupt im mindesten bedienen zu lassen, wie er einen schweren Sessel leicht und gewandt durchs Zimmer vor sich herwirbelte, liegt eine wütende unb entschieden« Ablehnung des Altscheinens. Dieser Mann, der gern lacht und erzählt, der sich so offen freut, wenn feine Geschichten ein Lachen als Widerhall haben, dieser Mann, ber groß unb aufrecht unb stark sich bewegt, er sieht nicht danach aus, als habe er bereits acht Jahrzehnte auf dem Rücken. Er läßt einen fein Alter fo gründlich vergeßen wie er den Besucher vergessen läßt. Er zeigt sich auf eine so schlichte unb selbstverständliche Art unterhaltsam, daß es gewaltsam schiene, darum viele Worte zu machen. Ich sprach mit ihm nicht über Literatur, auch nicht über seine Arbeiten. Er erzählte von Filmen, denen seine Liebe gehört, von luftigen und amüsanten Schauspielern, von norwegischen Landschaften, von Bauern, Knechten unb Vaga- bunben. Er brängte Zigarren und Zigaretten auf, schleppte starken Whisky heran, füllte die Gläser, nötigte zu trinken unb trank zur Aufmunterung selbst mit. Er hörte gern zu unb lachte gern. Freilich, immer sähe man ihn nicht so, sagte mir Fron Hamsun später. Wenn er in ber Arbeit stecke, sei meist nicht gute Stimmung ba, die diese ausgeschlossene Laune zu seiner Umgebung schaffe. Dann mache ihn jeder Mensch, der sich in feine Stimmung unb Zeit hineinschiebt, ungeduldig. Und er flüchtet in die Stille, die ein kleines, verstecktes Haus am Waldrand für ihn bereit hat, oder in die noch abseitigere Stille eines verlorenen Gasthauses irgendwo auf dem Land, wo ihn keiner kennt unb von ihm weiß. Nicht einmal feine Familie weiß bann, wo er steckt. Besonders, wenn man ihn feiern will, flieht er irgendwo in die Abseitigkeit eines unbekannten Ortes, der zwischen Felsen und Wäldern an den tiefen Wassern eines Fjordes liegt, wo er das um sich hat, wovon die klingende» Melodien seiner Werk« tönen. Gommerende. Von Knut Hamsun. Um neun Uhr geht die Sonne unter. Es legt Ich eine matte Dunkelheit über die Erde, ein paar Sterne sieht man, zwei Stunden später kommt ein Schimmer vom Mond. Ich wandere mit meiner Büchse und meinem Hund in den Wald, ich mache ein kleines Feuer, und das Licht meiner Flamme fällt zwischen die Kiesernstämme. Es ist kein Frost. Ein Hoch, Ihr Menschen und Tiere und Bogel, für die einsame Nacht in den Wäldern, den Wäldern! Ein Hoch auf die Dunkelheit und Gottes Murmeln zwischen den Bäumen, auf des Schweigens süßen, einfältigen Wohllaut an meinen Ohren, auf das grüne Laub und das gelbe Laub! Ein Hoch auf den Laut des Lebens, den ich höre, eine schnüffelnde Schnauze im Gras, einen Hund, der über die Erde hin schnuppert. Ein stürmisches Hoch der Wildkatze, die auf ihre Gurgel sich niederduckt und sichert unb sich zum Sprung auf einen Sperling bereitet, im Dunkel, im Dunkel! Ein Hoch auf die barmherzige Stille über dem Erdreich, aus die Sterne und aus den Halbmond, ja, auf den und jenen... Einen Dank für die einsame Nacht, für die Berge, für das Rauschen der Finsternis und des Meeres, es rauscht durch mein Herz! Einen Dank für mein Leben, für meinen Atemzug, für die Gnade, heute nacht leben zu dürfen, dafür danke ich von Herzen! Lausche nach Osten und lausche nach Westen, nein, lausche! Es ist der ewige Gott! Diese Stille, di« gegen mein Ohr murmelt, ist das siedende Blut der Allnatur, Gott, der die Erde und mich durchwebt. Ich sehe einen hellen Spinnenfaden im Schein meines Feuers, ich höre ein ruderndes Boot auf dem Meer, ein Nordlicht gleitet im Norden über den Himmel. Oh, bei meiner unsterblichen Seele, ich danke auch so sehr, weil ich es bin, der hier sitzt! Stille. Ein Kiefernzapfen fällt dumpf zur Erde. Ein Kiefernzapfen fiel! dacht« ich. Der Mond ist hoch droben, das Feuer flackert über dem halbverbrannten Haufen und will ausgehen. Und in der späten Nacht wandere ich heim. (Aus dem in der „Kleinen Bücherei" des Langen / Müller- Verlages in München erschienenen Bändchen „Gottes Erde".) (Strom des Lebens. Von Knut Hamsun. Aus dem unvergänglichen Roman „S e g e n d e r Erd e", dem hohen Liede ewigen Siedler- und Bauerntums inmitten der zeitlosen Welt der Natur. Was würde sich Jsak nun im Frühjahr vornehmen? An die hundertmal halt« er es sich ausgedacht, wenn er hinter seiner Holzfuhre her- geschritten war: er wollte auf der Halde weiter umroden, wollte den Boden urbar machen, Klafterholz zurecht machen, es im Sommer trocknen lassen und im nächsten Winter noch einmal so viel hinunterfahren. Die Rechnung stimmte, es war kein Fehler darin. Als er wieder zu Fuß heimwärts wanderte, hörte er vor dem Haufe einen sonderbaren Ton. Was konnte das fein? Er blieb lauschend stehen. Kindergeschrei — ach ja, Herrgott im Himmel, es war nicht anders, aber es war schrecklich und sonderbar, und Inger hatte nichts gesagt. Er trat ein und sah zuerst die Kiste, die vielbesprochene Kiste, die er aus seiner Brust heraufgetragen hotte! Sie hing nun an zwei Stricken vom Dachfirst herunter und war eine Wiege und eine Schaukel für das Kind. Inger ging halbangekleidet umher, ja, sie hatte wahrhaftig auch die Kuh und die Ziegen gemolken! Als das Kind schwieg, fragte Jsak: Haft du das alles schon getan? — Ja, jetzt ist es getan. — So. — Es kam an dem Tag, an dem du wegfuhrst, am Abend. — So. — Ich mußte mich nur noch recken, um die Kiste aufzuhängen, dann war alles vorbereitet, aber das konnte ich nicht ertragen, es wurde mir übel danach. — Warum haft du mir nichts davon gesagt? — Konnte ich denn die Zeit so genau wissen? Es ist ein Junge. — Ach so, es ist ein Junge. — Und wenn ich jetzt nur wüßte, wie er heißen soll! sagte Inger. Jsak durfte das kleine rote Gesicht sehen; es war wohlgeformt und hatte keine Hasenscharte, und es hatte dichtes Haar aus dem Kopf. Ein hübscher kleiner Kerl war er, seinem Stand und feiner Stellung nach, wie er da in feiner Kiste lag. Jsak war es ganz seltsam zumute, und er fühlte sich ordentlich schwach; der Mühlengeist stand vor dem Wunder; es war einmal in einem yeiligen Nebel entstanden; es zeigte sich im Geben mit einem kleinen Gesicht wie ein Sinnbild. Tage und Jahre würden das Wunder zu einem Mäuschen machen. Komm und iß etwas, sagte Inger ... Jsak fällt Bäume und schichtet Klafterholz. Er ist jetzt weiter gekommen, als er roctt. Er hat eine Säge. Er sägt Brennholz, und di« Klafterbeugen werden gewaltig groß, er macht eine Straße aus ihnen, ein ganzes Dorf. Inger ist jetzt mehr ans Haus gebunden und kann den Mann nicht bei feiner Arbeit besuchen, aber dafür macht Jsak kleine Abstecher zu ihr. Putzig mit so einem winzigen Kerl in einer Kiste! Es konnte Jsak nicht einfallen, sich um ihn zu kümmern, und außerdem war es ja nur ein kleiner Wurm, mochte er da liegen bleiben! Aber man war dach ein Mensch und konnte das Geschrei nicht teilnahmslos mit anhören, so ein kleines Geschrei. Nein, faß ihn nicht an! sagte Inger. Denn du hast gewiß Harz an den Händen, sagt sie. — Ich, Harz an den Händen? Du bist wohl verrückt! erwiderte Jsak. Seit das Haus fertig geworden ist, habe ich kein Harz mehr an den Händen gehabt. Gib den Jungen her, dann will ich ihn in Schlaf wiegen! — Nein, jetzt ist er gleich still... Es war schon Ende Mai, die Tage waren mit Feldarbeit ausgefüllt mit immer mehr Feldarbeit! Er reinigte neue Strecken von Wurzeln und Steinen, pflügte sie um, düngte, pflügte, hackte, zerkleinerte Klumpen mit den Händen und mit den Absätzen, war überall ein fleißiger Ackermann und machte den Acker so glatt wie Plüsch. Dann wartete er ein paar Tage, und als es nach Regen aussah, fate er Korn. Seit mehreren hundert Jahren hatten wohl seine Borsichren Korn gesät. Das war eine Arbeit, die an einem milden, windstillen Abend ti Andacht vollbracht wurde, nm liebsten bei einem geeigneten feinen Staubregen, so es möglich war, am liebsten gleich wenn die Wildgänse gezogen kamen. Die Kartoffel war eine neue Frucht, da war nichts Geheimnis: volles dabei, nichts Religiöses. Frauen und Kinder konnten beim Oege: dabei fein, beim Legen siefer Erdäpfel, die vom einem fremden Land! kamen, gerade wie der Kaffee, ein großartiges, herrliches Gebensmittel, aber von der Familie der Rüben. Korn, das war das Brot, Korn ober nicht Korn, das war Geben oder Tod. Jsak schritt barhäuptig und in Jesu Namen dahin und säte; er war wie ein Baumstumpf mit Händen, aber innerlich war er wie ein Kind. Auf jeden feiner Samenwürfe verwendete er größte Sorgfalt, er war freundlich und ergeben gestimmt Seht, jetzt keimt das Korn und wird zu Aehren mit vielen Körnern, und so ist es aus der ganzen Welt, wenn Korn gesät wird. Im Morgenland, in Amerika, im Gudbrandstal — ach, wie groß die Erde ist, und ba; winzig kleine Feld, auf das Jsak säte! Das war der Mittelpunkt oor allem. Fächer von Körnern strahlten aus seiner Hand. Der Himmel roet bewölkt und günstig, es sah nach einem ganz seinen Staubregen aus.., Zurück aufs Land! Ein Bries von Knut Hamsun. Der folgende Brief über die Frage der Gandflucht, der trotz feiner Niederschrift im Jahre 1918 heute mehr denn je vor Bedeutung ist, dürfte die besondere Aufmerksamkeit unserer Geser finden. Bauer, hole Deine Tochter heim aus der Stadt! Ja, selbst wenn Sn Dein Geld für die Mittelschule und das Handelsinstitut angewendei hast, hole sie jetzt noch heim. Sie ist überflüssig in der Stadt, sie wird ans dem Gande gebraucht. Für 50 oder 100 Kronen schafft sie in der Stadl und wird blaß und leer; bringe sie zurück auf den Hof und in bas gesunde Geben! Nur die ganz wenigen Bauernmädel, denen Handelsgeist im Blut sihk. sollten vom Londe sortgehen — jetzt ist es üblich geworden, daß alle sortgehen. Gesinde als Ersatz für sie war nicht für Gold zu haben — aber die Töchter haben das Gand verlassen, sie sind fein geworden, es ist Mode und Verlangen geworden. Bauer, auch Deine Tochter lebt in dieser Verirrung! Findest Du sie so fein hinter dem Gadentisch, wenn ihr die Scher« an langem Bonde an der Seite baumelt? Sie selbst findet es vielleicht Und wenn sie es soweit bringen kann, daß sie an der Kasse sitzen und Geld einnehmen und Kassenzettel ausspießen darf, dann ist ja wahrhaftig eine ganze Dame aus ihr geworden — aus der kleinen Hanna. Sie täuscht sich leider nur so gründlich: gar nichts ist aus ihr geworden! Sie hall« gute Gaben, aber sie hat sie vernachlässigt. Sie hätte lernen können, den Haushalt zu besorgen und die Wirtschaft und das Vieh, aber sie flatterte in die Stadt und „bildete sich aus" und landete für einen Schandtohm hinter einem Gabentisch. Da steht sie nun, bas Hannele, jeden Mona« ein Stück weniger wert, ausstaffiert mit engem Korsett und hohen Hacken,, eine Puppe mit Sägespänen ausgestopft. Hole sie heim. Stecke sie miebetr in ordentliche Kleider, in denen man sich bücken und bewegen kann, sage ihr, daß Arme dazu da sind, um damit zu schaffen, lehr« sie wieder bis alten Handgriffe mit Kuheuter oder Stricknadel und das feste Zupockem tim einen Spatenstiel. Sie soll nur nicht glauben, daß es unwürdig ist, zur natürlichen Hantierung zurückzukehren. Der Bursch im Nachbarshoss sieht gewißlich, daß sie wieder brauchbar geworden ist, das Hannele, uni) daß^es sich lohnt, sie zu besitzen. Sie wird später merken, daß es nicht weniger großartig ist, tüchtig« Bäuerin aus einem Hof zu sein, als in einem Kramladen herumzurenne» und Kunden zu bedienen. Sie wird lächeln, wenn sie an ihre „Ausbildung" zurückdenkt, und noch mehr wird sie lächeln, wenn sie an ihrs Kundinnen denkt — die daherrauschenden Stabtbamen voll von Pfuscherei, Theater und Sägespänen. Zurück zur Scholle, kleine Hanna! Jetzt zum Frühjahr braucht Deini Vater jebe Hand zur Hilfe. Scheue Dich nicht, hin und wieder, sogar bell Männerarbeit zuzugreifen, wenn Not am Mann ist, und so feine yraueni wie Du haben es schon vor Dir getan, und -es ist nicht mehr als redjti und billig. Im Tal des Red River haben wir nicht selten Frauen aufr der Mähmaschine sitzen und sie lenken sehen. Eine ist uns im Gedächtnis,, weit draußen im Weizenmeer — sie fuhr tagaus tagein und hatte große Flächen zu bewältigen. Eines Tages, als unsere Maschinen nahe beieinaii-1 der arbeiteten, kam sie zu uns herüber; sie hatte ihren Stellschlüssel verloren/ Sie war jung und sonnverbrannt und trug einen soliden Männer hui. Sie war früher Getjrerin im Städtchen gewesen, dann hatte sie sick verheiratet und half ihrem Mann bei der Arbeit. Es gab kein langes Gerede; sie borgte sich einen neuen Stellschlüssel und kehrte damit z" ihrer Maschine zurück. Komm wieder heim, Hannele! Die Stätte, von der Du stammst, ruft' nach Dir. Und weißt Du nicht mehr, wie schön es im Grunde daheim war? Wo man her ist, da ist es immer schön: das ist Vaterlandsgefühl im Kleinen, Heimatgefühl. Das Vieh ist groß und freundlich, da stehe" Bäume bei den Häusern, da fließt ein Bach, da sind Felder, große und- kleine, do ist Katze, Hahn und Elster. Du gehst am Abend gern und mütx schlafen und stehst am Morgen ausgeruht wieder auf. Du hast Milch Z" trinken und Holz im Ofen. In der Stadt war es mit diesen Dingen für Dich schlecht bestellt. Und nochmals: Du bist überflüssig in der Stadt. Dort verdrängst Du nur Mädchen, die dort geboren und nicht zur Gandarbeit geschaffen fitib. 3" der Stadt reißen sie sich nur allzusehr um die Bodenkammer, in der Du wohnst, und um das Essen, das Du verzehrst, und um Deine Stelle :ni Geschäft. Und andrerseits: daheim auf dem Hof bist Du notwendig. Du machst Deinen Eltern ein Geschenk, wenn Du jetzt wieder heimkehrst. Und Du dienst Deiner Seele wie Deinem Geib damit. Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag; Brühlsche Tlntversltätödruckeret 2t.Gange, Gießen.