Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang <939 Freitag, den Z. Oktober Nummer 85 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart - 21. Fortsetzung. ,Hch überlege", sagte Kelling beiläufig, „daß wir ja diese Ann Moreland nicht ohne Absicht in einem besonderen Wagen transportiert laben!" Er dachte daran, daß die Griselle in ihrem wechselnden und ongriffslustigen Gemütszustand keine gute Zellengenossin sein würde. „Tja", sagte dec Leutnant, „Vergünstigungen hören hier auch auf." „Seit wann ist eine Einzelzelle eine Vergünstigung?" meinte Kelling. „Ah, sie ist gefährlich? Das ist etwas anderes", sagte der Leutnant, „dann kommt sie in eine Einzelzelle. Wollen Sie die Zellen sehen?" schloß er nicht ohne Ironie, weil er die Sorge des Ulanen für einen überflüssigen und anmaßenden Eifer hielt. Die Laternen schlugen mit schwachem Licht durch die Zellensenster. Dann sah Kelling, wie die Gittergevierte wieder schwarz wurden. Einen Augenblick schwankt« er, ob einen Blick in das Arrestlokal verftn sollte. „Ob ich die Zellen sehen will? Nein", sagte er dann, „nein!" Er gab seinen Leuten den Befehl zum Aufsitzen. Die Ulanen ritten In die Quartiere. Der Regen blieb und rann und hüllte alles ein: Hof, Atterfenster, die Wachen, die Gefangenen und die — Gedanken. Erft nach der — übrigens vor langen Jahren erfolgten — Begründung der Freundschaft der Familien Kelling und Marbitz entdeckte Kel- üngs Vater durch einen Zufall, daß man eigentlich und sogar miteinander verwandt war. Es war aber eine Verwandtschaft sehr entfernten Grades, und man konnte ihrer nicht anders als mit einem fteundlichen Spott gedenken, denn die rückläufigen Verbindungen waren so knifflig, daß sie nicht einmal der Entdecker, der alte Kelling, ganz entfächern konnte. Wenn eine heitere Meinungsverschiedenheit oder em freundschaftlicher Streit das Einvernehmen berührte, schob man von nun an alle Schuld auf die vorhandene Verwandtschaft: Verwandtschaft streitet gern, stellte man fest. Und dann wurde alles mit Lachen zugedeckt. Das im allgemeinen nicht immer sinngerecht angewendete Wörtchen Hnkel", dessen sich Hans Kelling seit feiner Jugend gegenüber Marbitz bediente, hätte einen Anflug von Ironie gehabt, wäre nicht Ndarbih der Pate Kellings gewesen. Die Patenschaft aber war für Marbitz nicht nur eine Form, sondern eine mit dem Herzen erfüllte Freundschaft zum Sofjne des Freundes. Kelling, im Gutshof in der Nähe Tottlebens einquartiert, verbrachte eine schlaflose Nacht. Sie quälte ihn, weil er sehnsüchtig den Morgen »wartete und weil er nicht verhindern konnte, daß seine Gedanken in die Zelle der Ann Moreland sprangen. . Gegen Morgen überfiel ihn der Schlaf doch, aber sogleich begann er ju träumen. Er saß mit Ann in einem fürchterlich engen Verließ, sie «erhörte ihn und er vermochte nicht zu antworten. Schweißgebadet er» »achte er. . Angesichts des grauen Morgens erfragte er das Quartier des Generals »on Marbitz. Eine Ordonnanz, die er vor dem Haufe traf, meinte, der General schliefe noch. . t , , . ,, Dann muß der Krieg den alten Sowaten sehr verändert haben, dachte Alling, denn fein Pate war von jeher ein Frühaufsteher. Die Ordonnanz, war aber schlecht unterrichtet oder hatte aus fi$em Gutdünken gelogen und verdiente dafür einen Anpfiff, denn der General war längst beim Morgenritt. . , ., Er erkannte Kelling von weitem und rief ihm zu, daß er ihn er» bartet habe. , , . .. „ ' Das erwachsene Patenkind bewunderte denn auch gebührend die Vor- «hnung. Onkel Marbitz belehrte ihn aber: „Du Schafskopf, ich wußte toä), daß du zum Regiment zurückbeordert bist." Empfindliche Freunde oe- ^upteten von Marbitz, daß er zwar oft die Worte der oberen auf die Goldwaage lege, die eigenen aber mitunter vorher auf der Mistwaage biege. Marbitz wußte das und war gern dort derb, wo er im voraus baßte, daß der Partner zufammenzuckte; das machte ihm Vergnügen. Selling zuckte aber nicht. Marbitz stellte die üblichen Fragen der Freundschaft: Hast du etwas von zu Hause gehört, wie geht es Vater und Mutter, ist alles gesund, was sagt man daheim vom Kriege? Kelling antwortete treulich auf alle Fragen, und was er nicht wußte, ergänzte er aus feiner Phantasie. Es lag chm daran, den Frager zu- friedenzustellen. Denn er wollte ja etwas von ihm. Marbitz war ein unermüdlicher Arbeiter. Das Kommando zum Stabe des Kronprinzen war ehrenvoll und eine Auszeichnung, aber es be» hagte ihm nicht. Es war ihm zu wenig Selbständigkeit dabei. Es war ihm zu stillwindig, wie er sich ausdrückte. Man sah ihm nach, daß er seiner Unzufriedenheit gelegentlich durch einen sarkastischen Witz oder eine blitzige Bemerkung eine Plattform gab, von der die Wirkung nicht immer nur Gelächter war. Es machte ihm Freude, daß andere nach seinem Kommando gierten, und er höhnte im vertrauten Kreise, daß er es den Lüsternen doch wahrhaft leicht mache, ihn zu verdrängen. Er war eine vollblütige Natur und sah auch so aus. Gesund, breit, mit noch vollem weißem Haar und einem etwas gesträubten Katerbart, der zu seiner Angriffslust paßte. Das Gesicht, rund und mit kräftigen Linien gezeichnet, war mit zunehmendem Alter rötlich geworden, und die Zungen, die ihm nicht wohlwollten, kicherten hämisch, es sei vom Wein. Er erfuhr es und meinte, für ein gutes Glas Wein würde er auch zum Indianer. Und die alten Schachteln, die ihn bespotteten, hätten auch keine Milchgesichter mehr. Bei aller gelegentlichen Bissigkeit hatte der General aber in seinem Herzen eine goldene Ecke, das wußten alle, die ihn genau kannten. In dieser goldenen Ecke nahm nun Kelling Platz. Marbitz zog ihn ins Haus: „Du kannst mit mir frühstücken. Uebrigens siehst du schlecht aus." Er brauchte aber ein weit derberes Wort. Der Mensch kann seinem Gesicht befehlen: fei fröhlich und täusche die Welt, aber ist das Gemüt wirklich von schweren Schatten bedrängt, lieft der Kundige in dem Gesicht wie in einer Wetterkarte. „Du hast eine Fuhre Steine auf dem Herzen, Hans! Lade ab", sagte Marbitz. Kelling erschrak. So schnell und ungesammelt sollte er beichten? Er wich aus: „Wie meinst du das?" „Verstell dich nicht! Gieß aus des Herzens schwarze Sorgentunkel Du bist doch, ich sehe es dir an, mit einer Geschichte geladen! Und nicht, schätze ich, mit einer beliebigen, sondern mit einer, die dich gepackt hat! Fast möchte ich vermuten, du hast den guten Onkel Marbitz deshalb ausgesucht!" ,/So ist es, und so ist es wieder nicht", schwankte Kelling. „Dt>nn drück dich. Mm Donner, endlich deutlich aus! Was ist's? Pferde? Dafür ist dein Regimentskommandeur zuständig, dem kannst du keinen größeren Gefallen tun, als ihn über Gäule fragen!" „Es sind keine Pferde." Kelling atmete auf wie einer, der sehr weitschweifig beginnen will. „Geld? Ich habe keins! Dein Vater ist der geeignete Mann, der hat mehr als ich!" „Es ist auch kein Geld", sagte Kelling schwach. „Also Weiber!" „Ein Weid, ein einziges, Onkel Marbitz!" „Geh! Ein Weid macht einem jungen Mann nicht soviel Kumme., wenn der Mann ein Kerl ist! In deinen Jahren, hab' ich — aber ich will dich nicht mit Phrasen abspeisen! In deinen Jahren habe ich mich genau so benommen wie du!" „Nein, du nicht, Onkel Marbitz, du nicht!" warf Kelling lebhaft ein. „Erlaube!" erwiderte der General, der Kelling mißverstand. „Liebe ist wunderschön, aber mit der Liebe setzt auch eine Art Verblödung ein!" Er seufzte: „Das ist ja grade das Zauberhafte daran, und ich weiß nicht, ob mich meine grauen Haare vor einer trächtigen Versuchung schützten! Heute noch!" „Du verstehst mich nicht, Onkel Marbitz", versuchte Kelling das Gespräch vom Allgemeinen auf das Besondere abzulenken. „Wenn mich nicht alles täuscht", fuhr Marbitz fort, „dauert der Krieg noch den Winter über. Sobald kommst du also gar nicht nach Hause! Laß das Weib kratzen, sie ist dort, du bist hier!" „Sie ist hier, Onkel Marb'itz", sagte Kelling dumpf. „Hier?" „Im Ortsgefängnis von Meaux!" „Du bist verrückt!" „Darf ich erzählen, Onkel Marbitz?" Und bann berichtete Kelling von seinem ersten Zufammentreffen mit Ann Moreland auf der Landstraße, er schilderte, wie ihn die Liebe auf den ersten Blick verwundet hatte, und daß bei der zweiten verhängnisvollen Begegnung die Flammen lichterloh emporgeschlagen waren. „habe ich nicht recht, mein Sohn? Wenn das Herz glüht, brennt auch der Dachstuhl!" jagte Marbitz und zeigte aus die (Stirn. Er hotte offenbar Vergnügen an Kellings Beichte. „Das Schlimmste kommt erst", dämpfte Kelling des anderen Freude. Nachdem er von Baernburgs Verdacht und Verhaftungsbefehl erzählt hatte, schloß er: „Wenn das Mädchen schuldig ist, muß ich den bunten Rock ausziehen." Marbitz war mit einem Schlage ernst geworden. Er sagte: „Wenn das Mädel so ein Biest ist, bist du in der Tat erledigt. Ein Offizier, der eine Affäre mit einer Spionin gehabt hat, ist unmöglich." „Baernburg würde wohl schweigen. Aber ich kann meine Ehre nicht vom Stillschweigen eines Kameraden abhängig machen, das verstehst du doch, Onkel Marbitz?" Kelling wollte dem alten Freund aber auch nicht den Rest eines Gefühls vorentholten, und so gestand er: „Außerdem liebe ich sie noch immer!" „Liebe mit Wahnsinn! Der verwirrendste Grad", sagte Marbitz düster. „Du glaubst natürlich, daß sie unschuldig ist!" ,Hch glaube es mit meinem Herzen, Onkel Marbitz! Aber da ist der Befehl vorn Oberkommando, so eine Art Jagdbefehl an alle: Ann More- land ist sofort dem Oberkommando zuzuführen, wo auch man sie findet! Und der Befehl würgt das Gefühl ab, und es will doch nicht sterben! Ich fühle mich maßlos elend, Onkel Marbitz!" „Ein Befehl vom Oberkommando? Ich müßte ihn doch kennen?" „Er ist Wort für Wort in meinem Gedächtnis: Eine gewisse Ann Moreland ist, falls sie irgendwo austaucht, festzuhalten und unter Beobachtung aller Aufmerksamkeit auf dem kürzesten Wege dem Oberkommando zuzusühren!" Der General wollte zu einem kräftigen Fluch ansetzen, aber die Ordonnanz störte. Sie brachte das Frühstück. Es war die berühmte Morgenmahlzeit des Generals: Milch, Schwarzbrot und ein Stück Käse. Menschen, die er leiden mochte, lud er dazu ein. Wer aber bann grinsend nicht mithielt, beleidigte ihn. Marbitz trank und aß. Schweigend. Seine Augen wurden klein, sie verkrochen sich hinter die halbgesenkten Lider, er dachte nach. „Ich kenne doch den Befehl! Ich erinnere mich doch", sagte er. Er stand aus und ging in einen Nebenraum, in dem sich eine Art Kanzlei befand. Auf einem Tisch lag eine große Landkarte, auf einem andern gehäuft und geordnet Schriftstücke und Papiere. Kelling sah klopfenden Herzens, wie Marbitz in den Papieren blätterte. Er bemerkte durch die geöffnete Tür, daß der General sich jäh aufrichtete und einen roten Kopf bekam. Marbitz kam zurück und schrie Kelling an: „Scher dich in dein Quartier! Warte, bis du von mir hörst!" Kelling riß sich hoch, verdutzt über den jähen Ausbruch. „hast du nicht gehört? Scher dich!" Mit einer scheuchenden Geste wies Marbitz den Premierleutnant davon: „Du wirst von mir hören! Du hast mir ein schönes Dreckwasser eingeschüttet! Und ich soll darin baden! Denn weiht du, woher der Befehl kommt? Vom Kronprinzen! Ich muß Seiner Königlichen Hoheit berichten! Das ist alles, was ich für dich tun kann! Ein Früchtchen muß deine Geliebte jein! Würde sich sonst allerhöchst der Kronprinz darum kümmern? Weißt du, was ich bedauere? Daß ich nicht dein Bater bin! Dann würde ich dir die Hosen stramm ziehen, so alt und lang du bist!" Kelling begriff, daß es die Sorge war, die Marbitz schelten ließ. Er fühlte, daß Schweigen die einzige Antwort fein muhte. Schweigen und schleunigst gehorchen. Und er verdrückte sich. Nein, das war keine leichte Stunde für den General von Marbitz. Er liebte Kelling, aber er mußte eine Leidenschaft verurteilen, die den Offizier in eine Lage brachte, in der die klare Linie der Pflicht gebrochen wurde. x „ Da der bewußte Befehl vom Kronprinzen von Preußen, dem Führer der Dritten Armee, kam, hatte er gewiß eine besondere und wichtige Bedeutung, die zu einer viel härteren Betrachtung der Vorgänge zwang. Der Kronprinz von Preußen war ein hochgewachsener stattlicher Mann, wie wir ihn aus den Bildern jener Zeit kennen. Die Zeichen jener furchtbaren Krankheit, die später die Zeit seiner kaiserlichen Regierung nur auf wenige Tage des Jahres achtzehnhundertachtundachtzig beschränken sollte, hingen noch nicht als Schatten über ihm, er stand in der Blüte des Mannestums. Der Kronprinz schätzte Marbitz und seine in vielen Lagen bewährte Umsicht, er bemerkte daher nicht ohne Verwunderung, daß der sonst so beherrschte Mitarbeiter erregt war. „Es handelt sich nicht um mich, Königliche Hoheit, sondern um den Sohn meines Freundes", sagte Marbitz und wiederholte den Bericht, den Kelling ihm gegeben hatte, in einer knapperen und verhalteneren Art. Er verschwieg nicht völlig, daß Kelling in Liebe gefallen war, doch umschrieb er — und ganz gegen sein Gewissen — die Tatsache mit den Worten: Es scheine auch, daß das Herz des Premierleutnants Kelling infolge des offenbar verführerischen Zaubers der sicher reizvollen Person nicht unberührt geblieben sei. „Also hat er sich verliebt?" fragte der Kronprinz, der sogleich spürte, daß fein sonst so sicherer General gleich einem Kater einen Bogen um den Brei schlug, statt als aufrechter Mann den Deckel vom Topf zu heben. Die Frage, so überraschend sie kam, war dem General im Grunde willkommen. Sie zwang ihn, einen anderen Kurs einzuschlagen. Es habe den Anschein, sagte er, daß sich der Premierleutnant gehörig verbrannt habe, und dies sei seine, des Generals, Sorge! Aber weil Kelling die Ann Moreland, dem Befehl gehorchend, in sicheren Verwahr genommen habe, bitte er um eine mildere Beurteilung. Bei den letzten Worten horchte der Kronprinz auf. „Sie ist also hier?" Der General bejahte. „Nun, eigentlich freut es mich, daß wir den Racker so schnell erwischt haben. Wo ist sie untergebracht?" „Im Gesängnis, Königliche Hoheit!" Friedrich Wilhelm stutzte. An Sen Augen zeigten sich FäNchen, welch, sie heiter machten. Der Mund blieb in einem maßlosen Erstaunen ein wenig offen. Plötzlich neigte sich der Kronprinz zurück, die noch schwanken- den Mienen fielen in eine unbändige Heiterkeit hinein, sein Lachen dröhnt« in die auffteigenbe SBerrounberung des Generals. In diesem Augenblick brachte ein Offizier vom Stabe dem Kronprinzen Depeschen und Berichte, deren Vorlage er befohlen hatte. Unter den Papieren war auch der auf Grund des erlassenen Befehle unmittelbar eingereichte Rapport des Hauptmanns Baernburg. Der Kronprinz fand sich langsam in den Ernst zurück und überlas den Rapport. Schließlich gab er den Bericht an den General weiter. „Ich freue mich immer über Offiziere, die fo aufpaffen wie dieser Baernburg!" jagte er. Marbitz glaubte in solchem Lob auf den Hauptmann eine Verurteilung feines Schützlings zu erkennen. „Was befehlen Königliche Hoheit über den Premierleutnant Kelling? fragte er. . „Vorführen! Er soll mir die Moreland vorführen", meinte der Kronprinz, und das Lachen kam wieder näher. „Ueberhaupt", fuhr er fort, „übernehmen Sie die Sache, untersuchen Sie den Fall! fomeit der Rapport dazu Anlaß bietet." „Welchen Eindruck haben Königliche Hoheit?" Marbitz spürte zu seinem Merger, daß fein Herz in Erwartung der Antwort schneller schlug. „Aber Marbitz, ich kann Ihnen doch nicht Ihre Entscheidung vorweg- nehmen! Einen Eindruck habe ich freilich, aber —", doch Friedrich Wilhelm vollendete nicht. Das ist nun nicht Fisch nicht Fleisch, dachte Marbitz grimmig, als er den Kronprinzen verlassen hatte. Einige Zeit darnach erhielt Kelling durch den verwunderten Tottleben den Befehl, die Ann Moreland Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen vorzuführen. Der Befehl käme vom General von Marbitz, erläuterte der Oberst. Er haderte: „Sagen Sie, Kelling, was haben wir mit dem Weibsbild zu tun? Muh ja ein ganz besonderer Fang sein, wenn Königliche Hoheit sie sehen will. Aber weshalb müssen w i r den Gendarmen spielen? Sie erzählen mir später, ja?" „Von Herzen gern, Herr Oberst", sagte Kelling. Aber das „von Herzen gern" war eine Lüge. Er hatte überhaupt kein Herz mehr. Es hatte sich in einen Quaderstein verwandelt. Für Ann Moreland verging, von außen betrachtet, die Nacht zwar unter härteren Zeichen als für den Premierleutnant Kelling. Aber obwohl sie nie in ihrem Leben auf einem hölzernen Lager geruht und in einem fo finsteren und vom Geiste der Diebe, Betrüger, ja, vielleicht eines Mörders erfüllten Raume verweilt hatte, kam der Schlaf und löschte alle Gedanken aus. Er verwandelte die Gedanken auch nicht in Träume. Der Schlaf war eine tiefe, erlösende Bewußtseinsferne. Der Jnsanterieleutnant schickte sich an, die (Befangenen wie an jedem Morgen zu besichtigen, als Kelling mit Mannschaften anrückte und Herausgabe der Ann Moreland verlangte. Der Leutnant verschluckte eine los« Bemerkung, die das rasche hin und her kennzeichnen sollte, doch sah Kelling ihm die mürrische Absicht an und sagte rechtzeitig und nicht minder düster, daß er durchaus keine Freude an dem Transport habe. Aber er rate, die Ann Moreland mit mehr Rücksicht zu behandeln als gestern, denn der Befehl, sie zu fangen, fei von Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen ausgegangen, und einen solchen Fang soll man nicht störrisch machen. „Dann werde ich die Dame ...", der Leutnant betonte das Wort „Dame" ironisch, „mit Handschuhen anfassen." In der Tat zog er Handschuhe über und verschwand mit einem stummen Lächeln im Türgang. Er tarn aber noch einmal zurück und fragte, ob nicht der Herr Premierleutnant die vermeintliche Engländerin selbst aus der Zelle holen wolle? Kelling dachte, daß es eigentlich feig sei, sich einen Blick in Ann- Zelle zu versagen. Außerdem war es seines Amtes, ihr die bevorstehende Vernehmung durch den Kronprinzen anzukündigen. Der Leutnant zeigte ihm die Zelle und zog sich zurück. Das dünne verzweifelte Licht, das sich durch das Fenster quälte, fiel aber auf eine entschloßene Frau. „Herr Premierleutnant", sagte Ann, „Ihr Besuch ist unerwartet. Ich dachte. Sie hätten gestern für immer von mir Abschied genommen. Nachdem ich Sie aber wieder bet mir sehe, bitte ich Sie, mir die Möglichkeit zu geben, den Schutz meines Landes anzurufen. Ich verlange es. Ich bitte nicht etwa darum. Ich verlange keine Gnade und keine Ausnahme, sondern das selbstverständliche Recht einer neutralen Ausländerin, die dem Uebereifer eines Offiziers zum Opfer gefallen ist!" „Und einer etwas zweideutigen Kühnheit", ergänzte Kelling, „b*6 eben zu jenem Verdacht geführt hat." Sie tat ihm leid. Aber er mußte Baernburg verteidigen. „halten Sie mich für schuldig, Herr Premierleutnant?" Sie schlug ihm die Frage sozusagen mitten ins Gesicht und stieß Kelling damit in Verlegenheit. „Ich bin Offizier und muß gehorchen, sagte er ausweichend. „hältst du mich für schuldig?" fragte sie weich upd gar nicht mehr förmlich. . „Zum Teufel", erwiderte er laut, „ich bin im Dienst! Ich soll dich zum Kronprinzen bringen. Wer bist du eigentlich, Satan? Weshaw spielst du vor mir Komödie?" „Komödie? Ich? Ihr habt mich doch in die Rolle gedrängt?" „hast du nicht verstanden? Ich soll dich zum Kronprinzen bringen. Du bist doch kein kleiner Fang! Wer bist du eigentlich?" . Sie klatschte in die Hände: „Zum Kronprinzen? Welche Auszeichnung Es ist mir durchaus recht! Ich kann dann alle eure Dienststellen um springen und ihm gleich meine Meinung sagen, lieber Baernburg, uv dich! Führ mich nur ab. Du wirst ein Wunder erleben!" (Schluß folgt.) Geharnischte Sonette. Von Adolf Bartels. Im Eis des Nordens wächst ein licht Geschlecht, Des Wille trotzig, dessen Glaube hehr, Und zieht durch viele Land' und übers Meer, Als Wahlspruch hegend: Lieber tot, als Knecht. Und, seinem Gott getreu, schafft sich's ein Recht, In dem Gewissen lebt, gar ernst und schwer, Und das, lockt Unrechts Lohn auch noch so sehr. In jeder Seele schreit: Biegt euch nicht, brecht! Sind wir uns selber untreu dann geworden, Denn harmlos sind wir, ob auch noch so stark, Und manche Lüge hüllt ein edler Schein: Wir schauen nun doch wieder fest nach Norden, Und in uns wächst das alte edle Mark: Wir werden wieder wie die Väter sein. Soldatenlieder. Der Rundfunk in Berlin sucht neue Soldatenlieder, aber nur solche, die wirklich neu, d. h. weder im Text noch in der Melodie alten Liedern «ngepaht sind. Er wird sicher aus dem Osten und aus dem Westen, aus der Operationszone und aus der Etappe viele Einsendungen erhalten. Der Wortlaut und die Musik zu einem Soldatenlied entstehen meistens dontan aus einer gegebenen Situation heraus; beide sind selten ohne Fehl und Tadel, denn die Schöpfer sind gewöhnlich keine gottbegnadeten Künstler, sondern einfache Menschen, Im Weltkrieg vor 25 Jahren war is auch so, leider sind aber manche gute Sachen vergessen worden, Nährend andere durch ein gütiges Schicksal Platz in einer Zeitung ober in einem Liederbuch gefunden hatten. So ist z. B. das heute in der reuen Komposition von Herms Niel gerade in den Tagen der Triumphe ton Scapa Flow und Firth of Forth schnell populär gewordene „Matrosenlied" von Hermann Löns (gefallen am 26. September 1914 bei Keims) in Nr. 55 der „Silier Kriegszeitung" abgedruckt und dann in iie sog. „Kriegsliederbücher für unsere Soldaten" übernommen worden; fine richtige Geltung aber hat es erst jetzt erhalten. Dieses Lied kann man also nicht zu den „neuen Soldatenliedern" rechnen, vielmehr nur ju den alten, die wiederauferstanden sind. Es gibt aber gewiß noch »iete andere, die es verdienten, daß man sie zu neuem Leben erweckt, i«, es gibt eine ganze Menge gefälliger „Liedertexte" aus dem Weltkrieg, die darauf warten, daß man sie zu „Liedern" formt, weil sie entweder in alle Lagen passen oder bestimmten Situationen angepaßt sind, ko steht z. B. in der „Kownoer Zeitung" Nr. 8 vom 8. Januar 1916 folgendes nur mit „Gefreiter F. P." unterzeichnetes Gedicht: Gebet eines deutschen Mädchens. Ich sah ihn gehn und ließ ihn ohne Zagen, Ihn rief die Pflicht, er dürft nicht widerstehn; Wen ich lieb hab, darf keinen Makel tragen, 1 Muß frei und frank der Welt ins Auge sehn. Stolz ging ich und beglückt an seiner Seite, Das Leben lag voll Glanz und Sonnenschein; Jetzt ist er fern im wilden Männerstreite — Herr laß ihn leben, laß ihn Sieger fein! Ich lieb die Kraft, die Worte kann ersparen; Ich bin ein Weib, drum lieb ich stark den Mann; Ich lieb die Hand, die zart, doch in Gefahren Schnell auch zur Faust sich machtvoll ballen kann. Als Mann sich zeigen, zog er in die Weite Und reihte freudig in das Glied sich ein; Nun ist er fern im wilden Männerstreite — Herr laß ihn leben, laß ihn Sieger fein! Manch heimlich Tränlein kostet der Entfernte, Doch will geduldig tragen ich das Los; Der kann nicht lieben, der nicht leiden lernte; Nicht immer fallt nur Glück uns in den Schoß. Verderben droht im wilden Männerstreite, Es wühlt der Tod in unsrer Braven Rechn; Dann, Herr, fei du ihm hilfreich stets zur Seite Und laß ihn leben, laß ihn Sieger fein! Ein anderes Gedicht findet man in der „Liller Kriegszeitung" Nr. 28 Mm 9. März 1915: Unsere Soldaten. Sie fühlen sich jung Unb' fühlen sich stark. In ihren Knochen steckt deutsches Mark. Sie sind ein Abbild der Einigkeit, Die Deutschland stark macht für alle Zeit; Sind lauter Recken; ihr Wort ist wie Stein: Deutschland muh sein! Sie fühlen sich stark Und fühlen sich jung, Sie tragen ihr Herz immer auf der Zung; Sie hassen die Lüge und Heuchelei, Das Muckertum und die Kriecherei; Sie gehen aufrecht, in endlosen Rechn; Deutschland muß fein! Sie fühlen sich jung Und fühlen sich frei, Sie hassen unendlich die Sklaverei; Sie kämpfen nicht um Gewinn und Sold, Sie kämpfen den Kampf, den wir nicht gewollt, Sie kämpfen ihn durch, bis der Sieg ist da. Deutschland, Hurra! Noch ein drittes Gedicht sei hier angeführt^ es steht in der „Lille« Kriegszeitung" Nr. 36 vom 3. April 1915 und lautet: England. Kennst du das Land, wo Haß und Lüge blühn, Der Sonne Strahlen vor dem Nebel sliehn, Die Heuchelei aus allen Herzen weht, Der Hochmut stech und dumm der Stolz sich bläht? Kennst du es wohl? —, dahin, dahin Müßt ihr, U-Boot und Flugzeug, oftmals ziehnl Kennst du das Volk? Auf Schiffen ruht fein Ruhm; Sein Handelswimpel ist fein Heiligtum; Doch jetzt ward feine Herrschaft nur“ ein Wahn; Was hat dem stolzen England man getan? Weißt du es wohl? — dahin, dahin Sah ich U-Boote und viel Flieger ziehnl Kennst du die Wasserstraße, den Kanal, Dabei die Insel? Ach, das war einmal. Denn heute gibt es keine Inseln mehr! Das spürt jetzt England schon am Leibe sehr; Glaubst du es wohl? — dahin, dahin Siehst Flugzeug du und U-Boot immer ziehn! Während das letzte (etwas zeitgemäß veränderte) Gedicht einer alle» wärts bekannten Melodie angepaßt ist, war es mir nicht möglich, die Melodien der beiden anderen Lieder festzustellen; ich glaube sogar daß diese überhaupt nicht nertönt sind; vielleicht findet sich ein Musiker, der das nachholt, denn inhaltlich sind beide schon einer solchen Bearbeitung wert. — Dieser Aufsatz sollte nur eine kleine Auswahl von dichterischen Erzeugnissen sein, die im Weltkrieg entstanden sind; dabei liegt der Gedanke zugrunde, auch der Sammlung der Kriegslieder jener Zeit ein größeres Interesse zuzuwenden, als bisher geschehen ist. H. G. Oer falsche Demetrius. Von M. Psi. Im Sommer bes Jahres 1603 geschah auf bcm Schlosse Brahin in Litauen etwas sehr Seltsames, bas sich in ber Folge zu einem europäischen Konflikt auswuchs und heute noch in ber Geschichte als sogenanntes historisches Rätsel umherspukt. Der Schloßherr, ber polnische Fürst Wisniewiezki, ließ sich in ber Babestube von einem seiner Summe» biener den Rücken reiben; als ihm biefer versehentlich die Haut aufkratzte, holte der erboste Fürst aus und gab dem Unvorsichtigen eine Maulschelle. Der Gezüchtigte stampfte zorsiig auf den Boden und erklärte, daß sich ein Zarensohn nie und nimmer schlagen lasse! Und nun folgte ein sozusagen weltgeschichtliches Geständnis. Er, bei" Kammerbiener, sei eigentlich gar fein Sammerbiener, sondern der jüngste und totgeglaubte Sohn des verstorbenen Zaren Iwan IV., des Schrecklichen. Er sei als Kind in russischen Klöstern verborgen und später nach Litauen geschafft worden. So hat die Geschichte wenigstens der Fürst Wisniewiezki selbst erzählt. Als Beweisstücke legte ber „Zarensproß" ein Siegel mit dem Wappen bes Zarewitsch Dmitri) vor, sowie ein goldenes, mit Edelsteinen geschmücktes kostbares Kreuz, angeblich ein Geschenk feines Taufpaten, bes russischen Fürsten Mstislawski. Diese abenteuerliche Erzählung und die mageren Beweisstücke genügten dem polnischen Ebelherrn. Ohne weitere Nachprüfungen anzustellen, behandelte Fürst Wisniewiezki seinen ehemaligen Diener von nun an mit den einem Zarewitsch gebührenden Ehren. In ber russischen Hauptstadt Moskau saß zu dieser Zeit Zar Boris Godunow auf dem Thron. Er hatte die Witwe feines Vorgängers Iwan IV. und deren Sohn Dmitry nach Uglitsch an der oberen Wolga geschickt; dort war am 27. Mai 1591 ber zehnjährige Prinz durch einen Unfall ums Leben gekommen. Dieser frühe Tod bes Zarewitsch Dmitry ober Demetrius wird von der Geschichte nicht angezweifelt. Boris Godunow war ein Vorläufer Peters des Großen. Er hat versucht, Rußland das „Westliche Fenster" zu öffnen, Ordnung und öffentliche Sicherheit zu schaffen und fein Land wirtschaftlich zu heben. Solches Bemühen machte ihm gerade die reaktionären Kreise zu Feinden. Darum nährten jene Leute all jene Gerüchte, die sich mit dem Prinzen Dmitry beschäftigten. Um bas Jahr 1600 herum kam aus einem westlichen Nach- barlanbe die bunfle Kunbe, baß ber Sohn Iwans bes Schrecklichen gar nicht tot fei, jonbern lebe und sicher in Bälde seine Ansprüche auf den Zarenthron geltend machen würde. Jenes westliche Nachbarland war die „königliche Republik" Polen, die ein brennendes Interesse an einem ewig unruhigen Rußland hatte! Mit Windeseile verbreitete sich in ganz Europa das sensationelle Gerücht, ber Sohn Iwans bes Schrecklichen lebe. Die in Brahin versammelten polnischen Adeligen und Woiwoden waren sich über die Echtheit des ihnen vorgestellten Demetrius einig; denn hier bot sich eine Gelegenheit, Polens Uebergewicht über Rußland zu begründen. Einer der tatendurstigen polnischen Fürsten hat mit folgendem Ausspruch damals die Katze aus dem Sack gelassen: „Die Echtheit bes Prätenbenten geht Voten gar nichts an! Hauptsache ist, wenn er eine Partei in Rußland hat!" Der Schloßherr von Brahin brachte seinen Schützling zu seinem Schwiegervater, dem Fürsten Mniszek, Woiwoden von Sänbomir. Hier kam der Betrüger Demetrius — wie sich ein Zeitgenosse ausdrückt — „in die rechte Schmiede". Dem Woiwoden winkte die längst ersehnte Gelegen- fielt allerhöchst persönlich und auch nebenbei dem großen Polen zu dienen. Am 25. Mai 1604 unterzeichnete der frühere Kammerdiener einen ihm von Mniszek vorgelegten Vertrag, der für den Fall, daß er aus den Zarenthron gelangen würde, folgendes vorsah: Zar Dmitry heiratet die Tochter des Pan Mniszek, die schöne Marina, und macht sie zur Zarin von Rußland! Er bezahlt sofort mit russischen SteuergelderMdie Schulden des polnischen Schwiegerpapas und überreicht ihm außerdem am Kro- uungstag ein Extrageschenk von einer Million Gulden! Die russischen Fürstentümer Groß-Nowgorod und Pskow werden der schönen Marina sofort als erb- und eigentümliche Besitztümer überliefert. Die russischen Fürstentümer Smolensk und Sewerien bekommt der Schwiegerpapa als erbliche Lehen. Etliche, später noch näher zu bezeichnende russische Landschaften werden an Polen abgetreten! Aus diesem Vertrag ist zu ersehen, daß Fürst Mniszek nicht an Bescheidenheit litt! Für diese Bedingungen versprachen die Polen dem Thronanwärter Waffenhilfe. Mit viel Geschrei und noch mehr Sehnsucht nach Beute wurden in ganz Polen die Säbel geschliffen. König Sigismund HL von Polen, eine der Hauptpersonen in der Partie, hatte aber ein Jahr zuvor mit dem Zaren Boris Gudonow einen zwanzigjährigen Waffenstillstand geschlossen. Der Zar, der schon zuvor und leider vergeblich die Auslieferung des Betrügers gefordert hatte^ ließ angesichts dieser Kriegsvorbereitungen in Krakau anfragen, was Polen zu tun gedenke und dabei nachdrücklichst auf das Abkommen Hinweisen. Sigismund antwortete, daß sich ein polnischer König niemals in die „Privatangelegenheiten" seiner Fürsten und Woiwoden einmische, und daß er guten Willens sei, den beschworenen Frieden zu halten; anderseits aber könne er es beim besten Willen nicht verhindern, daß seine kriegslustigen Mannen in Rußland einfallen würden. Der russische Gesandte erlaubte sich ob dieser „königlichen" Auskunft die Frage, was denn die mit Polen geschlossenen Verträge überhaupt für einen Wert hätten. Sigismund ober schwieg und zuckte nur leicht mit der Achsel ... An dieser Stelle drängt sich uns eine Parallele mit der Gegenwart auf. Wir wissen heute, daß Polen schon im Jahre 1936 bereit war, trotz des mit Deutschland geschlossenen Nichtangriffspaktes, über Deutschland herzusallen. Dieses geheime Angebot machten die Polen damals Frankreich, das aber dankend abgelehnt hat. Man ersieht daraus, daß sich im Laufe der Jahrhunderte die polnische „Vertragstreue" nicht gewandelt hat! Rußland wurde damals mit Krieg überzogen. Die polnische Hilfsmacht des Schwindlers Demetrius hatte keine allzu schwere Arbeit; denn die schon seit Jahren von Polen in Rußland verbreitete Lügenpropaganda vom lebenden Demetrius hatte bei dem leichtgläubigen russischen Volke feine Wirkung getan. Es ergab sich Stadt um Stadt, und am 20. Juni 1605 hielt Demetrius seinen Einzug in Moskau. Zar Boris war einige Tage vorher gestorben. Man sagt: — am polnischen Gift... Der große Schlag oder besser der hinterhältige Anschlag war also gelungen! Polen hatte dem großen russischen Reiche „seinen" Zaren, nämlich einen polnischen, aufgedrängt. Die Polen gingen mit Feuereifer daran, das russische Wesen auszurotten! Sie spielten sich als die Herren von Moskau auf, verhöhnten und verlästerten alles Russische, verjagten die russischen Beamten und besetzten mit Polen die fettesten Sinekuren; sie stellten auch dem neuen Zaren Demetrius eine polnische Leibwache! Daneben ergingen sich die Polen in den tollsten Ausschweifungen, Gelagen, Orgien und demütigten und schlugen in ihrer Trunkenheit und Raserei harmlose Moskauer Bürger. Es braucht wohl nicht mehr erzählt zu werden, daß der neue Zar sofort tief in den russischen Staatsschatz griff, um die versprochenen Geschenke, Millionen und aber Millionen an die adeligen polnischen Habe- und Taugenichtse abzuliefern. Mittlerweile kam auch die polnische Zaren- braut Marina Mniszek mit unerhörtem Pomp in Moskau an. Das Auftreten der neuen Zarin schlug dem Faß vollends den Boden aus! Nach russischer Landessitte stieg sie zwar in einem Kloster ab, gab aber sofort darin ein üppiges Ball- und Musikfest. Es ist schwer, in der Weltgeschichte ein ähnliches Kapitel zu finden. Vollkommen verblendet, dumm und triebhaft überließen sich die Polen ganz ihrem Nationallaster, das ihnen immer wieder zum Verhängnis geworden ist: der unbändigen Eitelkeit, gemischt mit brutaler Herrschsucht! Und so kam, was kommen mußte! Acht Tage nach der Zarenhochzeit brach der Sturm los. Das russische Volk stand auf, drang in den Kreml ein und tötete den falschen Demetrius und seinen Anhang. Das gleiche Schicksal teilten auch die meisten der in Moskau anwesenden Polen; die schöne Woiwodentochter entkam, unter dem riesigen Reifrock ihrer Haushofmeisterin verborgen. Rätsel her Cheops pyramide. Von Bruno H. Bürgel. Es ist verständlich, daß in einer Zeit, die so gewaltige Bauwerke schafft wie die unsere, der Blick des Menschen sich mit hohem Verständnis und anerkennender Bewunderung zurückwendet zu den erstaunlichen Sau« wundern der Alten, denen all die technischen Hilfsmittel unserer Tage nicht zur Verfügung standen, was eben ihre Leistungen noch imponierender macht. Das Kolosseum im allen Rom, das 80 000 Besucher aufnehmen konnte in seinen vier Geschossen von beinahe 50 Meter Höhe, zu denen man durch 80 Eingangspforten gelangen konnte, kann sich schon sehen lassen, und der aus weißem Marmor erbaute Tempel der Diana zu Ephesus (er entstand sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung), 130 Meter lang, 70 Meter breit, von 125 je 20 Meter hohen Säulen umzogen, war ein Wunderwerk. Die berühmte Chinesische Mauer, ein künstlicher Schutzwall, der das alte Reich der Mitte im Norden abschloß und noch heute zum größten Teil vorhanden ist, wurde schon ein paar Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung begonnen. Sie ist rund 3000 Kilometer lang, zieht sich über Berge, durch Taler hin, in entlegene Einsamkeiten, ist etwa zwölf Meter hoch und acht Meter breit und erweckt in jedem Betrachter Verwunderung darüber, daß Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. — Menschenhände mit primitivsten Mitteln das überhaupt fertigbrachten. Und noch ein anderes Bauwerk fernster Tage zieht in neuester Zeit wieder die Augen auf sich: die mächtige Pyramide des Cheops bei Giseh in Aegypten, bestaunt von den Globetrottern Per ganzen Welt, scheinbar in allen Einzelheiten wohlbekannt und dennoch vielleicht ein ungelöstes Rätsel. Herodot berichtet, daß 100 000 Menschen 30 Jahre lang geschafft haben, um dieses Weltwunder zu vollenden; Millionen und aber Millionen Arbeitsstunden rechnen wir heraus. 2Vi Millionen mächtige Steinquader mußten aus Oberägypten auf Schiffen herbeigefahren werden, noch heute sind in den Brüchen Spuren davon vorhanden; ja, Blöcke, die die Werkleute der Pharaonen damals, 2600 Jahre vor Chr., liegen liehen, verwendeten in unseren Tagen die Werkleute, um den. großen Staudamm am Nil bei Assuan aufzuführen. Die Pyramide des Cheops ist 146 Meter hoch, erreicht also fast die Höhe des Domes zu Köln; man könnte ganze Städte auf bauen mit dem Material, das damals verwendet wurde, um ein Königsgrab, ein Herrscher-Denkmal für ewige Zeiten aufzutürmen. Aber das ist auch der Punkt, an dem bereits vor Jahrzehnten und auch jetzt wieder der Zweifel einsetzt. Hat die riesenhafte Pyramide des Cheops, dieses mit größter Sorgfalt und in ganz bestimmten Abmessungen aufgeführte Wunderwerk, tatsächlich nur den Zweck gehabt, die Grabkammer eines Pharaonen zu umschließen? Die Engländer Smith und Taylor haben schon vor langen Jahren auf Grund genauer Messungen bestritten, daß es sich nur um ein Königsgrab handelt; manche meinen, daß hier altägyptisches Priester-Gelehrtentum sozusagen steingewordene Mathematik festlegte und der Nachwelt übermittelte. Im Jahre 1920 hat der Deutsche Dr. N o e t l i n g ein Werk erscheinen lassen, das zu beweisen sucht, daß im Bau der großen Pyramide astronomische Erkenntnisse der alten Aegypter, Erkenntnisse über den Weltbau und seine Harmonien niedergelegt sind, und folgt da bis zu einem gewissen Grade dein bekannten Dichter-Ingenieur Max von E y t h, der sich auch schon mit dem Wunderbau der Pharaonen beschäftigte. Eben jetzt kommt ein amerikanischer Gelehrter zu ähnlichen Schlüssen; auch er findet, daß alle möglichen Abmessungen der Pyramide keine Zufälligkeiten sind, sondern daß diesen Abmessungen bestimmte Absichten zugrunde lägen, daß sie eine Art Geheimwissenschaft enthalten. Eines war schon früher aufgefallen, nämlich daß die Pyramide de» Cheops nach den Sternen orientiert ist, daß der fange, aufwärts führende Gang, der in der Grab kämme r mündet, genau auf den Nordpol des Himmels gerichtet ist, auf den Stern, der damals, als bet Bau errichtet wurde, Polarstern war. Das war nicht der uns heute bekannte Stern im „Kleinen Bären", sondern der Stern „Alpha" im Sternbild des „Drachen"; er befand sich zu jener Zeit am Himmelspol. Es ist wohl ausgeschlossen, daß das ein Zufall ist, und irgendein ersichtlicher Zweck, weshalb man diesen schräg aufwärts führenden Schacht anordnete, ist nicht erkennbar. Uebrigens finden wir bis in die Neuzeit hinein Tempel und Kirchen nach Himmelsrichtungen orientiert. Rechtwinklig zu diesem Schacht, den man den Polarschacht nennen könnte, sührt ein anderer schräg nach aufwärts. Man behauptet, es handele sich da um einen Luftkanal, um eine Art Ventilationseinrichtung, aber 31 Delling und andere sind der wohl zutreffenden Ansicht, daß auch hier eine durch die Gestirne bedingte Anlage vorliegt, denn am Tage des Frühlingsanfanges und des Herbstbeginnes, stand die Sonne so, daß sie zur Mittagszeit genau in der Verlängerung dieses Schachtes tag, der also wie ein Fernrohr auf das Tagesgestirn gerichtet war, das ja den Aegypterm für eine hohe Gottheit galt. Noch viele andere astronomifch-mathematische Gegebenheiten glaubt Noetling in den Massen der Pyramiden festgelegt: die Zahl Pi, die Ent» fernung der Erde von der Sonne, die Entfernungsverhältnilfe der Plm neten und anderes. Man darf hierbei nicht vergessen, daß Wissen und» Wissenschaft in vergangenen Zeiten sich in den Schleier des Geheimnisser hüllten, daß noch bis ins 17. Jahrundert hinein gelehrte Leute allerlei. Entdeckungen, die sie gemacht hatten, in einer Art Geheimsprache flut' eingeweihten Leuten zugänglich machten, ja, daß es Zeiten gegeben hat, in denen es gefährlich war, manche wissenschaftliche Wahrheiten auszu- sprechen. Erinnern wir uns, daß der große italienische Naturforscher Galilei gezwungen wurde, abzuschwören, daß er das Weltbild des Ko- pernikus, wonach die Erde um die Sonne wandert, für richtig halte, um rusen wir uns ins Gedächtnis zurück, daß Giordano Bruno und Vanmi um gleicher Anschauungen willen den Scheiterhaufen besteigen mußten. Es ist wohl kein Zweifel, daß auch Kopernikus, der Domherr zu Frauenburg, zur Rechenschaft gezogen worden wäre, hätte er seine Lehre nicht erst veröffentlicht, als er schon auf dem Sterbebette lag. — Ob nun die Priester-Gelehrten der Aegypter wirklich allerlei Kenntnisse, die wir ihnen heute nicht zutrauen, in die Pyramide des Cheops hineingehelmnist haben, wie von den verschiedensten Seiten behauptet wird und wurde, läßt sich schwer entscheiden, denn daß das mächtig Grabmal ohne Zweifel nach dem Himmel orientiert ist, besagt allein noch wenig; das ist, wie gesagt, bei vielen alten Bauwerken der Fall. Man sagt, es sei geradezu ein Irrsinn, 10 000 Millionen Arbeitsstunden uns ungeheures Baumaterial zu verschwenden, um den Sarg eines König- einzuhüllen; hier müsse ein größerer Zweck vorliegen. Indessen, ist V nicht ebenso unglaublich, daß Gelehrte diesen Aufwand trieben, um ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse der Nachwelt verschleiert zu überliefern Zudem: dürfen wir den Menschen, die 4500 Jahre vor uns lebten, dien Kenntnisse (z. B. die Entfernungen und Umlaufszeiten der Planeten um die Sonne) zutrauen? Aber neuere Forschungen über die alten srulture Mittelamerikas beweisen uns, daß bereits Jahrtausende vor den AegyP tern dort gewaltige Sonnentempel gebaut wurden (die Reste sind n°J vorhanden) und daß die uns verbliebenen steinernen Inschriften bezeuge . wie sorgfältig, wie überraschend genau jene Menschen (wahrscheinlich a religiösen Gründen) über den Lauf der Gestirne orientiert waren. •“> unterschätzen die alten Kulturen und überschätzen die Technik unser Zeitalters! * ' .j-. Druck und Verlag: Brühlsche Univerjitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.