SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 193- Montag, den z. Juli Nummer 50 Line Armee meutert SCHIGKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Serlcht von p. L. Lttighoffer Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 5. Fortsetzung. Bezwungen. Schließlich bekennt er sich ganz zu der Nivellefchen Taktik, die er wenige Tage zuvor noch, in Anwesenheit der sensationslüsternen Parlamentarier, mit Stumpf und Stil verleugnet hat. Die Verhandlung droht immer mehr einen unerquicklichen Verlauf zu nehmen. , , Ganz offen macht Petain Front gegen den Nivelleschen Plan und hält eine Erstürmung oder gar ein Ueberschreiten der zweiten deutschen Linie für gänzlich ausgeschlossen. Sehr ausführlich, in langsamer spräche, mit gut gewählten Worten, legt General Petain seine Meinung »ar. Seine Ansicht tst für General Nivelle geradezu vernichtend. Nachdem Petain gesprochen hat, herrschte eine Weile eisiges Schweißen. Was wird Nivelle nun sagen? Nivelle erhebt sich. Er blickt langsam rundum, blickt in lauter verschlossene Gesichter, in lauter Feindseligkeit und eisige Abwehr. „Herr Präsident! Es hat keinen Zweck mehr, meine Ausführungen vu wiederholen. Ich sehe es ein. Man will mich nicht verstehen, man mich nicht anerkennen. So bleibt mir denn nichts übrig, als Ihnen, »em Präsidenten der Französischen Republik, mein Amt als Oberbefehlshaber zur Verfügung zu stellen." _ Nivelle fetzt sich. Schweigen lastet bleischwer. Draußen über dem Salonwagen peitscht der Frühjahrssturm dünne Schneeflocken durch das «och tote Gehölz. Manchmal weht es von fern daher ganz laut und tobend. Di« Front brüllt. Im Artois, am linken Flügel, eröffnet Mar- chall staig mit feiner Artillerie in diesem Augenblick das Vorbereitungs- ^uer der gewaltigen Durchbruchsschlacht nach dem Plan des Generals tivells. Hier, im engen Raum des Salonzuges, mitten int düstern Wald von -cnnpiegn«, hären es die Menschen und empfinden, daß es jetzt kein Luruck mehr geben darf. Nein, zuviel der Worte. Jetzt muh die Tat prechen. Warum noch zögern, warum nicht auch einmal alles, aber uch alles, den letzten Mann, das letzte Pferd und die letzte Patrone, 1 ole Schlacht werfen?! Poincarö hat den Kriegsminister Painleve und die Minister der sprechung vom 3. April mitgebracht. Geladen sind ferner die Generäle Micheler, Franchet d'Esperey und Petain. Selbstverständlich ist Nivelle anwesend, denn auch für ihn geht's nun um Sein — oder Nichtsein. Es steht nicht zur Debatte, ob er den Posten eines Befehlshabers niederlegen soll oder nicht. Nein, di« Frage ist, ob Nivelle überhaupt seine Durchbruchsarmee marschieren lassen darf, oder ob er die kühnen Hoffnungen begraben soll. Es geht jetzt um das rasche Ende des Krieges, um einen großen, herrlichen Sieg, oder um einen langsamen, zähen Kampf, der Frankreichs Erde vielleicht erst nach Jahren befreien wird. Nivelle fühlt sich bei dieser Unterredung wie vor ein Kriegsgericht gestellt. Er belauert seine Gegner. Jeder einzelne Mensch hier'ist sein Widersacher. Nein, er hat keinen Freund unter den Anwesenden. Die undankbare Aufgabe, diese peinliche Sitzung eines verschleierten Gerichts über Nivelle zu eröffnen, fällt auf den Kriegsminister Painlevö. „Meine Herren! Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse. Die ganzen Kräfte der Nation sollen eingesetzt werden. Können wir dies verantworten, frage ich Sie? Wir können es mir, wenn das erreichte Ziel den Einsatz, der ohne Zweifel sehr blutig sein wird, rechtfertigt. Wir müssen verhindern, daß unser Heer sich hieran verblutet--." So spricht der Kriegs Minister Painleve und will sich in langen Darlegungen ergehen, doch Nivelle unterbricht ihn fast barsch und erklärt: „Alles, was gesagt werden muß, ist bereits wiederholt gesagt worden und in der Konferenz zu Chantilly festgelegt. Außerdem bin ich allein verantwortlich für die gesamte Durchführung dieses Unternehmens, dessen Plan von mir stammt. Ich werde diese Verantwortung zu tragen wissen. Ich habe diesen Worten nichts mehr hinzuzüfügen." Nivelle blickte kampfesmutig um sich. Jedem einzelnen Anwesenden schaut er scharf in die Augen. Und siehe, alle werden unruhig. Sie ver- Üeren die Nerven. Poincare bittet nunmehr Franchet d'Esperey um seine Meinung. Und dieser General berichtet von ungeheuren Schwierig- ^iten in seinem Frontabschnitt, hervorgerufen durch den planmäßigen Rückzug der deutschen Truppen anläßlich des „Unternehmens Alberich". Franchet d'Esperey hält es für ratsam, in seinem Befehlsbereich den Angriffs plan zu änd ern. Nun soll Micheler seine Ansicht kundtun. Er verwickelt sich in scharf« Widersprüche und wird mehrfach von Nivelle zu Verbesserungen ge- General de Caftelnau erhobt sich und weift mit der Hand gegen Nordwesten, wo Arras liegt und das Kampffeld um Bimy, auf dem um diese Minute der britische Feuerorkan entfesselt brüllt und tobt „Meine Herren", sagt er, „hören Sie das Lied der Schlacht da draußen! Während wir hi«r sitzen und unfruchtbar überlegen und reden und roden, nimmt das Schicksal seinen unerbittlichen Lauf. Ueber unsere Sorgen und Erwägungen hinweg geht der Krieg einfach zur Tagesordnung über. Es gibt in dieser ernsten Stunde nur zwei Erwägungen: Hat die französische Regierung Vertrauen zu Nivelle? Wenn sie di«s Vertrauen hat, dann muh sie ihm jede Handlungsfreiheit gewähren. Niemand darf es gestattet fein, sich in di« Pläne des Generals zu mischen. Oder: Hat Frankreich das Vertrauen zu Nivelle nicht mehr? Dann allerdings wird der Präsident der Republik den angebotenen Rücktritt entgegennehmen müssen. Ein Zwischending gibt es nicht mchr angesichts der Kanonen, die bereits zu sprechen begonnen haben." Die lähmende Hilflosigkeit weicht augenblicklich. Poincare und Palm leoe erheben sich lebhaft und bitten Nivelle, den Oberbefehl zu behalten. Nivelle aber gibt sich beleidigt und trotzig und lehnt energisch ab. Und da spricht Poincare mit erhobener Stimme: „Herr General! Wir befinden uns im Krieg und müssen daher strengere Maßstäbe anwenden als sonst. Es geht nicht um uns, es geht um Frankreich. Als Präsident der Französischen Republik könnte ich Ihnen den Befehl geben, auf Ihrem Posten zu verbleiben, aber ich werde diesen Befehl nicht geben, denn ich weiß, daß dieser Appell an Ihre vaterländische Gesinnung nicht ungehört verhallt." Der Kriegsminister und di« anderen Herren und anwesenden Zivilisten umringen Nivelle. Sie beschwüren ihn, auf seinem Posten zu verbleiben. Er weist auf die Ouertreibereien hin, entlarvt schonungslos di« Eifersüchteleien seiner untergebenen Generäle. Er redet sich allen Zorn der letzten Wochen von der Seele, und das beruhigt ihn. Und Petain erklärt: „General! Was soll Frankreich von Ihnen denken, wenn Sie jetzt, im entscheidenden Augenblick, zurllcktreten? Das Heer sicht bereit, der letzte Poilu erwartet von Ihnen, daß Sie ihn zum Siege führen, wie Sie es versprochen haben. Und nun wollen Sie nicht mehr?" Da braust Nivelle noch ein letztes Mal auf: „Wer will nicht? Ich will nicht? Jawohl, ich will! Aber man möchte mich im Stich lassen, man möchte mich dieser Aufgabe nicht gewachsen sehen. Aber ich bin dieser Aufgabe gewachsen, meine Herren, ich bin es! Gut, so werde ich denn bleiben. Frankreich soll mich nicht fahnenflüchtig sehen. Gut, meine Herren, ich bleibe!" Stumm reicht der Präsident der Republik dem Oberbefehlshaber die Hand, drückte sie lange. Das Vertrauen tst wiederhergestellt. „Endlich ein Mann, ein voller Mann, an der Spitze der französischer! Armee", sagt Poincare zu seinen anwesenden Ministern, als Nivelle trotzig und ohne seine Generäle eines Blickes zu würdigen, den Salonwagen verläßt. Petain, Micheler und Franchet d'Esperey haben in diesem Augenblick eine schwere moralische Niederlage erlitten. Aus der Ferne brüllt stärker und stärker das Trommelfeuer vom Artois. Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 6. April 1917. Westlicher Kriegsschauplatz. Der Artilleriekampf an der Artois-Front hat sich in den letzten Tagen bedeutend gesteigert. Besonders von Angres bis zum Südufer der Scarpe lag gestern in Zeitwellen starkes Feuer aller Kaliber auf unseren Stellungen. Mehrfach vorstoßende englische Erkundungsabteilungen wurden von unsrer Grabenbesatzung zurllckge- schlagen. Auch an der Aisne-Front kam es im Anschluß an unser gestern gemeldetes, in dem beabsichtigten Umfange voll geglücktes Unternehmen bei Sapigneul, nördlich von Reims, zu lebhaftem Feuerkampf. Wir haben dort 15 Offiziere, 827 Mann gefangen, 4 Maschinengewehre und 10 Minenwerfer mit viel Munition erbeutet ... Oberleutnant Freiherr von Richthofen hat seinen 35. und 36. Gegner abgeschossen ... Der Erst« Generalquartiermeister: Ludendorff. Ein geglücktes Unternehmen bei Sapigneul? Dazu noch im Abschnitt der kommenden, großen Ereignisse! Was ist's um diesen deutschen Vorstoß ? Nur ein kleines Teilunternehmen, weiter nichts, kaum erwähnenswert angesichts der Dinge und Ereignisse, die gleich das Gesicht des großen Schlachtfeldes verändern werden. Die 10. Reserve-Division unter Generalleutnant Dallmer hat südlich von Berry-au-Vac auf dem linken User der Aisn« einen erfosgreichen Angriff aus di« gegenüberliegenden französischen Gräben gewagt. Mehrere Stoßtrupps des Reserve-Jn- fantrie-Regimeuts 81, das zur anschließenden 21. Division gehörte, ferner das Reserv^-Pi onier-Bataillon 5 waren am Unternehmen beteiligt. Was wollten triefe schwachen Kräfte? Hotten sie vielleicht di« Absicht, dar Gefüge der französischen Front in diesem wafsenstarrenden Winkel zu erschüttern, oder den Ausmarsch frischer Ängriffstruppen zu vereiteln? Nein, es handelte sich hier mir um einen breit angelegten Erkundungs- vorftoh. Es sollte außerdem ein flankierendes Grabenstück an der Brücke von Sapigneul genommen werden. Di« deutschen Truppen stießen bis zum Fontainesbach durch und brachen auf der ganzen Breite in di« französischen Gräben ein. Fünfzehn Offizier« und 827 Mann wurden als Gefangen« abgeführt, 10 Minen- rverser, mehrere Maschinengewehre uni) große Mengen Munition konnten erbeutet werden. Die eigenen Verluste waren mit sechs Offiziere und 442 Mann an Toten und Verwundeten ziemlich hoch. Nach Zerstörung aller Befestigungsanlagen und Sprengung der vorhandenen Unterstände zogen sich die Feldgrauen wieder in di« Ausgangsstellungen zurück. Das Unternehmen war gelungen, alles befehlsgemäß erreicht. Dieser kühne Vorstoß war reich an bemerkenswerten Einzeltaten, wi« immer bei solchen Unternehmen, standen die einzelnen Sturmgruppen plötzlich vor überraschenden Ausgaben, deren Lösung vom Mut und der Kaltblütigkeit der jeweiligen Führer abhing. So hatte sich Offizierstellvertreter Bormann vom Infanterie-Regiment 155 bis an das Trümmerdorf durchgearbeitet. Nur ein schwacher Trupp von sechs Mann, mit Handgranaten bewaffnet, war noch bei ihm, als er unverhosst auf einen Bataillonsunterstand des 3. Zuaven-Regiments stieß. Kürzer, harter Handgranatenkampf. Einige Franzosen fallen, andere entkommen, mehrer« müssen sich ergeben. Bormann steigt in den düsteren Unterstand, in dem noch dicht der bittere Qualm der Handgranaten- zündungen hängt, rasst all« Papier«, Karlen und umherliegenden Meldungen zusammen. Stolpert über einen Toten, der ein« Meldemappe am Koppel trägt. Schnell auch diese Mappe geleert und alles Geschrieben« in einen Brotbeutel gestopft. Und dann rasch weg, denn schon beginnt di« deutsche Artillerie ihr Abriegelungsfeuer — — Zur gleichen Minute — seltsame Verdoppelung der Ereignisse — gelingt es dem Pionieruntervffizier Lamprecht, fast unter ähnlichen Umständen, in einem französischen Artillerie-Beobachtungsstand einige Gegner zu Überraschen und ihnen viele Papiere, Skizzen, Zeichnungen, Karten und Meldungen abzunehmen. Beide Abteilungen, sowohl di« des Offizierstellvertreters wie auch die des Unteroffiziers, kehren mit ihrer papiernen Beut« und den Gefangenen in tri« eigenen Linien zurück. Beim Sichten dieses Materials gab's wieder eine große Ueber- rafchung wie damals, am 15. Februar auf Höhe 185. Im Beobachtungs- stand bei Sapigneul hott« Unteroffizier Lamprecht einen wichtigen Korpsbefehl erbeutet, während Offizierftellvertreter Bormann mehrere Ergänzungen und Eingelausführungen zu diefem Befehl mitbringen konnte. Di« Meldung enthielt klipp und klar Aufgabe und Kampfziel für zwei Armeekorps. Er bestimmte als Kampfziel für diese Truppenteile di« noch weit in der deutschen Etappe liegend« Linie Prouoais—Provi- seux—Aumenancourt. Ganz unumwunden war hier auch die Angriffstaktik auf den Brimont klargelegt. Und Fort Brimont war das Stier- Horn dieser Fronteck«. Erst im Lauf« des Abends gelangten französische Sturmtruppen wieder in den Besitz der von unferen Soldaten inzwischen verlasienen Walstatt. Fieberhaft durchsuchten di« Poilus jeden Winkel, jeden Sappenkopf, jedes Grabenstück. In jeden Stollen krochen sie, jeden Toten drehten sie um und leuchteten ihm mit der Taschenlampe spähend ins Gesicht. Und immer wieder hieß es: „Nein, er ist es nicht." Gang verzweifelt hastete ein Generalstabsoffizier durch die Stellung und feuert« di« suchenden Poilus an. Kein Fetzen Papier blieb unbeachtet. „Wenn er in Gefangenschaft geraten ist, dann wird er doch hoffentlich den Korpsbefehl vernichtet haben", sagte der Generalstabsoffizier zu einem Fronthauptmann. „Kein Zweifel, er wird daran gedacht haben", beruhigt« der Hauptmann. Und da kamen sie gelaufen und meldeten aufgeregt, Verzweiflung in der Seel«: „Da hinten am Ausgang des Batvillonsunterstandes liegt er — tot —!" Man begab sich dorthin, man untersuchte den Toten. Kein Zweifel, das war der Offizier, der kurz vor Beginn des deuffchen Angriffs den wichtigen Armeebefehl bei sich getragen hatte und zum nächsten Truppenteil unterwegs war, um di« Papiere dort bei den höheren Dienststellen vorzrllegen. Jetzt, wenige Tage vor Beginn der Schlacht, war man vorsichtigt geworden. Es sollte nichts mehr in Feindeshand fallen. Kein wichtiger Befehl wurde mehr durchs Telephon weitergegeben, seitdem man die Gewißheit hatte, daß der Gegner durch Erdleitungen mithören konnte. Nein, ganz wichtige Besehtt vertraute man einem Offizier an und schickte diesen von einem Truppenteil zum andern. Und nun war dieser junge Leutnant mit dem Armeebefehl, der für die Regimenter von Mei Armeekorps alle Einzelheiten des kommenden Großangriffs regelte und vorschrieb, in den Feuerübersali bei Sapigneul geraten. Kein Zweifel! Dieser Tot« hier war der Offizier mit dem wichtigen Armeebefehl. Seine gelbe Tasche hatte er noch umgeschnallt. Aber sie war geöffnet unfc zerrissen. Man sah es, sie war in Eile, aber doch gründlich untersucht worden. Und wer fie untersucht hatte, daran war auch nicht mehr zu zweffeln; denn neben dem Toten lag eine vergessene deutsche Handgranate und ein deutscher Infanteriespaten. Sofort wurde Meldung erstattet. Der Draht arbeitete. Die ganz« Niveliefche Durchbruchsoffensive war ja in Gefahr. Ein schwacher Trost nur, daß vielleicht di« Deuffchen di« ganze Tragweite des erbeuteten Befehls nicht erfaßt haben könnten. Vielleicht ging ihnen das Papier unterwegs im Niemandsland verloren. Sofort wurden starke Patrouillen ausgeschickt. Bis zum deuffchen Drahtverhau hinüber untersuchten sie jedes Granatloch, ffde Grasnarbe, jeden von Splittern und Explosionen zerzausten Busch. Auf jeden Hellen Gegenstand, der irgendwie herumlag, stürzten sich di« Suchenden, in der Hoffnung, den vermißten Korpsbesehl als wertlos weggeworfenes Papier zu finden, kehrten aber noch Stunden unverrichteter Dinge wieder in die eigenen Linien zurück. Inzwischen war die Nacht vergangen, und am 5. April in der Frühe wußte General Mcheler, daß Aufstellung und Angriffsplan feiner beiden rechten Flügelkorps verraten waren. Nicht sofort meldete er die Hiobspost feinem Vorgefetzten, dem Oberbefehlshaber Nivelle, denn für den folgenden Tag war ja die Zusammenkunft in Compiegne angesetzt. Micheler ahnte, daß diese Zusammenkunft sehr stürmisch verlausen würde. Erst am Abend dieses ereignisreichen 6. April, nach Rückkehr ins Hauptquartier, noch erfüllt vom Zorn über di« versuchte Zurücksetzung, aber schon viel zu matt in der Seele, um sich noch über irgendwelche anderen Dinge aufregen zu können, erfährt Nivelle durch schrisffiche Meldung, daß sich bei Sapigneul etwas Furchtbares ereignet hot, etwas, das wohl hundertmal schlimmer ist als der Verlust von 15 Offizieren und 867 Mann. Diesmal steht vielleicht Sein oder Nichtsein von zwei Armeekorps, ja, einer ganzen Durchbruchsarmee auf dem Spiel. Die Deuffchen wissen nun mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Einzelheiten des bevorstehenden Großunternehmens. Nivelle überlegt. Soll er nun di« Offensive abblasen? Welch ein Triumph für seine Gegner, welch eine Möglichkeit für jene, die ihn kaltstellen wollen. Nein, das darf nicht sein. Man wird es ihm als Schwäche auslegen, wenn er jetzt den Angriff abbläst. Marschall Haig wird sich mit vollem Recht auf die Abmachungen in ChanuUy berufen, wird erklären, daß britisches Blut nicht allein zu fließen hat. Schon stehen di« britischen Sturmregimenter da oben bereit. Die Artillerieschlacht tobt und di« ganze ungeheure Maschinerie des Materialkampfes ist entfesselt. Kann er, der Oberbefehlshaber, es nun wagen, dies alles aufzuhalten, nur weil den Deutschen vielleicht Kenntnis eines Armeebefehls wurde? Vielleicht? Nein, unmöglich! Die Schlacht wird und muß stattfinden, lieber den Verlust der "wichtigen Meldung darf nicht mehr gefprochen werden. Ueberhaupt, was wollen die Deutschen jetzt noch, wenige Tage vor Beginn des Unternehmens? Ihre noch möglichen Abwehrmaßnahmen können nur gering fein. Man wird sie überwalzen, unter dem Material ersticken. Die Schlacht wird stattfinden. Und dann fft eine andere Nachricht da und hält ganz Frankreich und damit die ganze Welt in Atem: Amerika hat di« diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen und den Kriegszustand erklärt. Amerika ist Trumps. Alles andere wird null und gering für diesen Tag. Amerika wird marschieren. Aber wann? Währenddessen rollen die deutschen Ersatzdivisionen heran. Es ist nicht iriel, was die Oberste Heeresleitung hinter die bedrohte Frontlinie werjen kann. Nur über 14 Divisionen verfügt sie im Augenblick. Man beordert die Truppe in Ortsunterkünfte möglichst dicht hinter der Kampflinie. Unablässig rollt die deutsche Artillerie heran, begibt sich in Feuerstellung, schanzt sich ein. Zug hinter Zug wird Munition herangesichren. Unsere Truppe ist in bester Stimmung. Eine Zeitlang geistert bei der Obersten Heeresleitung sogar der Gedanke, durch einen Großangriff dem französischen Durchbruchsversuch zuvorzukommen. Der Plan wird aber sosort wieder verworfen. Auch zu einer Geländeaufgabe, wie sie General der Artillerie von Höhn vorschlägt, kann man sich nicht entschließen. Er hat den Plan einer beweglichen Ab Vehrfront ausgestellt. Danach soll di« vorderste L'ni« nur dünn besetzt bleiben, so daß die Masie des zu erwartenden ftanzösischen Trommelfeuers ins Leere schlägt. Nach Eindringen in die deutschen Linien müßte der Gegner sofort wieder durch einen kräftigen Gegenstoß, aus der Tiefe geführt, zurückgeworsen werden. Die Oberste Heeresleitung scheut vorerst das Wagnis eines solchen Gegenangriffs und fordert, daß jede Trupp« das ihr anoertraute Gelände restlos in der Hand behält, allerdings mit der Möglichkeit der beweglichen Verteidigung. Langsam wächst die brüllende Schlacht. Es ist kein plötzliches Losschlagen, kein überraschendes Niederprasseln unzähliger Granaten, wie der Blitz aus heiterem Himmel, nein, das seit Wochen schon lebhafte Feuer wird von Tag zu Tag, von Stund« zu Stund« stärker, brüllender, tobender. Und jeder Soldat hüben und drüben weih, daß di« ganz große Schlacht begonnen hat. Der letzt« feldgrau« Musketier, der fast irrsinnig vom zunehmenden Toben und Krachen im halberdrückten Stolleneingang sitzt, weiß genau, daß dies Feuer nun tagelang nicht mehr abdvechen soll, und daß es aus ihm nur eine Erlösung geben tonn, nur ein Ende — das Vorbrechen der ftanzösischen Sturmwellen. Und der letzte Kanonier, der das Glück hat, sich betäuben zu können, da er nicht untätig liegen muß wie der Infanterist vorn«, well er schießen und sich wehren darf und Granate um Granat« hinüberjagen kann in die ftanzösischen Batterien, dieser Kanonier weiß, worum es jetzt geht. Jeder Offizier, jeder Schanzarbeiter, jeder, der da lebt und atmet im Raume der Fronten, hüben und drüben, weiß worum es geht. Ein« Riefenschlacht wird es fein, getragen vom Opfermut und von der Vaterlandsliebe feldgrauer und horizontblauer Männer. Eine Schiacht ohne Schonung, dies nach dem Willen Nivelles letzte, große Tressen im weit und breiten Feld (Fortsetzung folgt.) Dämmerstunde. Von Theodor Storm. Im Nebenzimmer saßen ich und du; Die Abendsonne fiel durch die Gardinen, Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh, Von rotem Licht war deine Stirn beschienen. Wir schwiegen beid'; ich wußte mir fein Wort, Dos in der Stunde Zauber mochte taugen; Nur nebenan di« Alten schwatzten fort — Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen h I I t. II » » Ü II n lll II, Ä « Lied der Segelflieger. Von Manfred Hausmann. Und wenn mit Heulen und Pfeifen, das Wetter herüberfegt, der Hagel in grauen Streifen gegen den Starthang schlägt, wenn in den Dörfern unten der Bauer tief sich duckt und angstvoll in den bunten, zerberstenden Himmel guckt — jo dann ... dann ... dann ... dann fangen wir erst anl Von Donnern umrasselt, von Blitzen umloht, hinein in den Wolkenturm! Was wäre das Leden denn oh nie den Tod, das Fliegen denn ohne den Sturmi Und wenn zu Haufe ein Feiner um unser Mädchen streicht, mit Schlips und Perle einer, , gii der feinen Arm ihr reicht, ' wenn sie's mit dem Betrüger 1 5 | Im Garten heimlich treibt « Kg und ihrem Segelflieger ein Abschied sbri eschen schreibt — ' 1 Iso dann ... dann ... dann ... dann fangen wir erst an! Di« Nächte sind warm, und der Mond scheint so rot, und Mädchen gibt's allerwärts! Was wäre das Leben denn ohne den Tod, ii B i di« Lieb« denn ohne den Schmerz! ' I | Und wenn zur guten Stunde - 11 der Fürst, der Satan heißt, uns unrasierten Hund« l! ■ in seine Holle schmeißt, , | । wenn vor den Ofentüren di« Großmutter sich müht, I zu blasen und zu schüren, ■ & i daß alles nur so glüht — ja dann ... dann ... dann ... ü ■: dann fangen wir erst an! Wir heizen noch siebenmal heißer den Schlot, pardauz, und da platzt er wie Glas! Was wäre das Leben denn ohne den Tod, di« Hölle denn ohne den Spaß! ! I '— Die Wohnung des Glücks. »W i T- Von Heinrich Eckmonn. « . a was ist das nun wieder für ein Lärmen und Erzürnen im g? *5 8 sechs Kinder wollen ihrem Vater entgegengehen und ihn vom M “obholen. Dos sollen sie ja auch, selbstverständlich sollen sie das. W »s die Heimkehr des Vaters ohne die Freude und Begeisterung gv ^"? Aber sie müssen sich doch einig sein. Hans ist der Aeltest«, er M wr Radfahren und seinen Vater darum ganz vom Kirchdorf ob- F '!*nn kommen Life und Johann, sie könnten gut den halben Weg 4i «hen. Aber Jochen und Anna wollen auch mit und natürlich E" «»»»eit wie die beiden älteren Geschwister. Also müssen Lise und Z? , Mh vernünftig sein und die kleinen Geschwister an der Hand (Ul J1*®- lind wenn sie «s auch nicht einsehen können, so müssen sie es KT;tos nützt nun alles nichts. Die ganze Woche über arbeitet der ■ Mauer in der Stadt, aber am Samstagnachmiltag kommt er 32 w, um am Montag in aller Frühe mit dem ersten Zuge schon . ta 'Weifen. Natürlich, das ist ein Fest und ein« große Begeb em Bater am Samstag kommt, auch die Mutter freut sich st,du 1 ^?rtcn sind alle Wege geharkt, und auf dem Tisch >n der Stube tfyiXNe mit Blumen. „Ja, ja, ja, Kinder", sogt die Mutter und < H)r .^trt ^chs Kinder im Arm, „ihr habt natürlich recht, je großer nuninfc .*1° “*u«r könnt ihr eurem Vater schon entgegengehen. Aber »iiikf'^r skill sein und euch nach dem richten, was nun einmal sein , ' »er und Leute, was gehört dazu, euch zu Verstand zu bringen (Er tfc'®cr 'Aelteste, schwang sich schon aus sein Rad und fuhr davon. norf) oine halbe Stunde Zeit gehabt, aber er wollte Nicht Nir'i fTln' er konnte nicht länger warten, er mußte aufbrechen, und hneto* "och drei Stunden Zeit gehabt hätte. Denn er will als erster M n ^ichlen, 6(l6 di<, Kaninchen Junge bekommen haben und r?hr^hrer mit im Garten hals und dafür «'N schönes Buch vom rh* 'fk ein großer, kräftiger Junge, elf Jahre alt und un "MÄ*1' ü!“ nichts an fangen, sich aber von unten empor hoch- '>s As®,ennJ>ie Bauern Hilfe suchen bei dringenden Arbeiten, ist e °Srv'^ stelle, und die Bauern sehen ihn schon fast für voll cm, d,0R: a.? rar. ift cr und soweit hat er es schon gebracht. Er hot sch »lchhiz" sein eigenes Geld einen eigenen Spaten gekauft. Cm üil» cr- k!e»:‘XISen ^'ch nach bi« vier anderen aus den Weg. Hand kn Hand. Kleinen in der Mitte, «s geh« ja nicht anders. Und seht doch nur, sie alle haben noch Tränen in den Augen. Und durch alle vier kleinen Körper schüttelt noch ein leises Schluchzen. Aber der Weg dem Vater entgegen ist weit. Bis dahin wird wohl wieder die Sonne aufgehen. Die Mutter steht in der Tür, ihr Jüngstes aus dem Arm, und begleitet den Auszug ihrer Kinder mit blanken Augen. Wie schier und schmuck und gesund sie alle sind! Sie preßt ihr Jüngstes an sich und küßt es und tanzt mit ihm und erzählt, daß der Vater vielleicht etwas Schönes mitbringe aus der Stadt. Er ist ein guter Mann, der Vater. Was tut er nicht alles für seine Kinder! Er ist immer bemüht, dos bescheiden« Leben weiter auszubauen und zu schmücken. Er richtete einen großen Kaninchenstall ein, er baute einen hübschen Taubenschlag, er pflanzte Spalierobst an die kahlen Mauern, er ist immer nur darauf bedacht zu verbessern und für seine Familie zu sorgen. Die junge Frau wird einen Augenblick ganz still in ihren Gedanken an ihn. Sie waren sich immer einig", ihr Mann und sie. Das Leben konnte nicht schöner sein. Am liebsten hätte sie ihn auch ganz vom Bahnhof abgeholt, wie ihr Aeltefter. Aber was sollten die anderen Leute im Dorfe zu solcher Verrücktheit sagen? Nun tanzt sie schon wieder mit ihrem Jüngsten. Ach, die Zeit will nickst schnell genug verrinnen, bis er endlich kommt. Sie trägt ihr Jüngstes in den Garten, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Es fehlt an nichts, es ist alles in Ordnung. Das kennen sie und chr Mann nicht anders: immer und überall muß alles in Ordnung sein. Das gehört zu einem glücklichen Leben. Sechshundert Mark.--Schulden stehen auf dem Hause, aber in jedem Jahr wird es bestimmt weniger. Sie können sich schon genau ausrechnen, wann Haus und Garten ihnen ganz gehören. Dann find sie freie Leute. Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Nun aber wird er bestimmt bald hier sein, es kann nicht lange mehr dauern. Der Tisch steht gedeckt. Alles wartet und ist voll Erwartung. „Sag mal Papa." „Ba-ba" sagt der Jüngste und kräht vor Freude. Wi« der Vater sich wohl freuen wird, wenn er das hört. Nun geht die Frau wieder nach draußen, steht in der Tür und wartet weiter. Und nun kommt Hans auch schon angejagt und meldet die Ankunft des Vaters. Er steigt nicht einmal vom Rade herunter, er hat keine Zeit und muß gleich wieder zurück. Seht! und nun kommt der Feftzug anmarschiert. Die Frau läuft ihm entgegen, ihr Jüngstes immer auf dem Arm. Mann und Frau geben sich die Hand und sehen sich glücklich in die Augen, „Ba-bo" ruft der Kleine und kräht vor Freud« und hüpft. Der Vater strahlt über das ganze Gesicht. Und die anderen Kinder krähen und hüpfen und strahlen mit, Blumen in den kleinen Händen. „Jajaja, Kinder, ihr sollt euren Vater heute und morgen ganz für euch allein haben!" Nein, was ist das für ein Fest! Der Mutter läuft vor Freude eine Träne über die Backe. Ein Mann aus dem Dorfe bleibt stehen und sagt: „Ich gratuliere auch, Jörn." „Wozu?" fragt der Maurer. „Ich meine, du hättest Geburtstag, weil ihr alle so lustig seid." „Dann hab« ich jeden Tag Geburtstag", sagt der Maurer, nimmt seiner grau bn- Stünafte ob imb trägt «5 noch House. Zuerst muß der Monn einen Bück in den Garten werfen, sein Jüngstes immer mit sich tragend. Dann müssen di« Kaninchen besichtigt werden. Nachher geht er in den Stoll, um einen Ueberblick über das Ganze zu gewinnen. Dann erst tritt er ins Haus. Die Blumen in der Vase auf dem Tisch leuchten auf und grüßen ihn. Der gedeckte Tisch empfängt den Besuch. Jeder will neben dem Vater sitzen, sogar die Mutter. Aber sie hat gesagt, daß die Kinder den Vater heute und morgen ganz für sich haben sollen. Also muß sie zurücktteten. Und nun hebt wieder das Fragen der Kinder an. Sie müssen immer wieder wissen, wie es in der Stadt aussieht und was es dort alles gibt. Und Henn sie ihr Lied zu Ende gesungen hoben, sangen sie wieder von vorn an. Der Lehrer hat Life in der Schule gelobt, sie könne am besten ein Gedicht auf jagen. Ein jeder hat etwas erlebt, und jeder möchte zuerst erzählen. — Als am Abend die Kinder endlich zur Ruhe gebracht sind, gehen der Mann und die Frau noch einmal in den Garten. Und nun sagt der Mann: ,Lch muß dir noch etwas erzählen, Anna, ich Hobe nämlich unser Haus verkauft." Die Frau erschrickt fürchterlich. „Nein, Jörn", erwidert fie, ,-das darfst du nickst tun." v „Ich habe es mir so gedacht", sagt er, „wenn wir in der Stadt wohnen, leben wir zusammen. Denn was haben wir lo voneinander? Jeder ist di« ganze Woche über für sich allein." „Ach" klagt die Frau, „ich mag nicht daran denken." „Ja", sagt er, „du hast es bann viel bequemer, Anna. Und was gibt es in der Stadt nickst alles zu sehen!" Aber di« Frau steht da mit gesenktem Kopf«. „Ach , sagt sie, „wie wollen wir das machen? Wie können wir hier überhaupt wegkommen?" Sie sängt an zu meinen. „Warum hast du das getan, Jörn?" „Run", sagt der Mann, „so schlimm ist das doch nicht. Ich meinte, du würdest dich darüber freuen." Sie begreift ihren Mann nicht, zum ersten Mal« ist sie sich uneinig mit ihm Sie steht da und wagt nicht, ihren Kopf zu heben. Ich kann gut viertausend Mark für den ganzen Kram bekommen , sagt" der Monn nun, „das ist viel Geld, Anna, das ist sehr viel Geld. Und da dacht.' ich, wenn wir in der Stadt auch in einem Mietshaus wohnen ""^Nein", unterbricht sie ihn, „nein, Jörn —" Bedenk doch, was du alles in der Stadt hast —" "Nichts", sagt sie, „nichts — —" „Und hier, was hast du hier? Alles" sagt fie, „olles!" Da hebt er feine Frau mit (einen starken Armen hoch. „Hier ist sie, lieber Gott", sagt er, „sieh sie dir genau an, hier ist sie, meine Frau!" Und bann lacht er. „Hast bu bas wirklich geglaubt, Anna? Hast du bas wirklich glauben können?" Die Tränen laufen ihr noch immer über die Backen. Aber nun lacht auch fie. „Pfui, Jörn", sagt sie, „wie konntest du mich so belügen " Mg Müd bin An dich. Laß d ich Was dir »an all den lieben Dingen fassen, geschenkt, ist in der Seele mein. ich wähl und doch so wach im Denken mein Kind, du bist so fern wie nah. Wenn meine Angen sich zu Boden senken. So knarrt dein Stühlchen hell, als seist du da, Wenn meine Hände sich dann zu dir lenken. Ist alles nur, als ob ein Traum geschah. Behüt dich Gott, bis ich dich wieder heg«, Er kann es besser noch als Mütter tun. Geh, spring und tanze deine hellen Wege, Ich nähe still an deinen Winterschuhn, Und dieser Brief, daß er kein Heimweh rege, Bleibt hier und soll im alten Spinde rahn. Sfr s! Oie Mutier an ihr Fenenkinb. Bon Ruth Schaumann. Die Sonne scheint! Was wird sie dir bescheinen — Du aus dem Land, ich in der Stadt, mein Kind — Dein braunes Haar, die Füße, deine kleinen, Die ohne Schuh wie die der Lämmer sind? Die Steine auf dem Dorfe, möcht' ich meinen, Sind nicht so hart im Spiel vom Sommerwind. Es schlägt di« Uhr! Dir läuten jetzt die Glocken Bom weißen Turm und di« im grünen Gras, Und alle 'Wiesenpferdchen, die frohlocken. Und Bienen trinken aus der Rose Glas, Und Zicklein nahn sich deinem Schoß mit Bocken, Darin noch eben schwarz ein Kätzchen saß. Die Puppe liegt bei deinem Ball verlassen. Was brauchst du sie, die ganze Welt ward dein! Zwei Nelken blühn und nicken zu den Gassen, Dir blüht der Tag, du blühst in seinem Schein. Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck unbVerlag: Brühlsche Universität«druckereiR.Lange, Gießen. ft ß § x Men e ilmsche imd, d jtibt to Erg Wer [ mufjgiefi Sm iorps i tappe m Sei imy-a innen d ich Reii wi Die 005 Mehrt «derer Wen. Hinze ich Sd ichnd >if M des, wpon "'i'lfen. *nnee d sicher S: 3 ynoitie wi . Am taeto( «ibjjt »eil Ner Sie , -den K z, inner Elefanten beruhigen die Nerven. Geschichten von klugen Dickhäutern. Von Paul Eipper. Es kommt bisweilen vor, daß auch mich der Umgang mit Tieren vnftrengt. Das stunden-, ja tagelang« Warten auf die rechte Gelegenheit, die Tücken der Umwelt und des Wetters, der Zwang jener inneren Vorstellung, die manchmal nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen will — all das frißt beträchtlich an der Nervenkraft des Menschen, der doch Unverfälscht das natürliche Leben darftellen möchte. Glücklicherweise gibt es nun ein vortreffliches Mittel, um solche Tiefstände rasch und gründlich zu vernichten: ich gehe zu den Elefanten! Dore ist Ruhe, Ausgeglichenheit und selbstbewußte Kraft des Starken, Klugen. Wer einmal des Nachts auf Zehenspitzen in den Stall der grauen Riesen trat, der wird den Zauber dieser Stunde nie vergessen. Er ist ein- gehllllt in Dunkelheit und animalische Wärme; würziger Heuduft baut eine Brücke zum tiefen Atemlaut der Schlafenden, und es vergeht scheinbar eine lange Zeit, bis unser Auge den Umriß der Titanenkörper einwandfrei erkennen kann. Drei oder vier liegen seitwärts hingebettet im Stroh; di« anderen stehen, pendeln sacht mit Kopf und Rüssel, haben «bensalls die Augen fest geschlossen im Schlaf. Vielleicht lehnt sich der ein« Nachbar müde an den Kameraden. Aber die Leitkuh ist wach; ihr Greifer tastet bisweilen über die ruhende Herde und geht dann — wie «ine Schlange züngelnd — senkrecht hoch, fängt die Gerüche ein, dl« durch uns Menschen in den Raum gekommen sind. Mein Begleiter ist der Herr des Hauses; er bringt den Tieren weder Aufregung noch Gefahr; kein Grund, die Schlafenden zu wecken. Das Elefantenjunge hat sich tief in die Strohschütte eingewühlt; es schnarcht, schnauft, hustet, bis die Mutter den schweren Schädel anhebt und blinzelnd Ordnung schafft. Mit einem Seufzer des Wohlbehagens legt sie alsdann sich aufs große Ohr zurück; wieder schlafen die Elefanten. Ich liebe die Elefanten und mühe mich sehr, ihr Wesen zu verstehen. Dabei hilft vor allem die freundliche Aussprache mit den Pflegern, die ich seit vielen Jahren kenne. Schön ist es, wenn wir zu zweien beieinander- stehen und unhörbar ein grauer Koloß herankommt, feinen Rüssel um ??? oüfisers Nacken legt, ohne unsere Unterhaltung im übrigen zu stören. Wahrend des Sprechens führt dann wohl der Mann das Greifer- ende des Rüffels an den Mund und pustet ein wenig Atem in die Höhlung. Das große Tier beantwortet diese Zärtlichkeit mit leichtern Wippen der Ohren, vielleicht auch mit einem hell quietschenden Freudenlaut. , ' Nun geh wieder zu den andern!" sagt der Pfleger, und wir schauen becde stolz beglückt hinüber aus die Plattform, wo fast ein Dutzend Elefanten sich bewegt. Sie werfen sich Sand und Staub auf den Rücken, bürsten so die Haut; zwei boxen sich in spielerischem Uebermut, während ür die «uhle durchemanderwühlt. Aber von Zeit zu Zeit stellen sich alle dicht an den Grabenrand, strecken ihr« Rüssel über die Absperrung, beugen und recken die Körper nach vorn, um möglichst weit heran- reichen zu können an die Menge der staunenden Besucher Ich fragte einmal den Pfleger, ob das nicht gefährlich sei; es könnt« doch vielleicht ein Damenhut, eine Kamera, ein Menschenarm gemdll und jählings durch die Luft befördert werden. Der Mann lacht«: „Dazu ist die Gesellschaft viel zu klug uns jdM| Auch der .böseste' Elefant bleibt dem Publikum gegenüber ltebenswürfW er wird sich doch nicht selbst die Futterkrippe zerstören. Unter uns, dD Menschen auf der anderen Seite des Grabens sind ohne jeden Persönlich. » keitswert für unsere Tiere; wichtig bleibt allein, daß jeder einen 'ßeler.S bissen bereithält. Sind genügend Leute beieinander, wird die ,W abgegrast, behutsam und gründlich, Mann für Mann. Ist alles leer.ll beschäftigen sich die Elefanten im eigenen Bezirk; nach einer Weil« tw j den schon neue Spender drüben aufmarschieren." „Der Elefant unterscheidet also deutlich zwischen den Menschen vor uni 11 hinter dem Absperrgraben?" — „Natürlich; die Besucher bringen |u| immer nur Geschenke, während wir Wärter einiges von unsern Tücei l verlangen müssen: Respekt, Unterordnung und — im Interesse ihrer M sundheit — auch dann und wann folgsame Betätigung." „Was macht ihr nun mit einem sogenannt .bösen' Elefanten?" -W „Wir lassen ihn erst gar Nicht böse werden. Wenn Sie zu meinen elf h noch fünfzig neue stellen, hat jeder ein anderes Temperament, eiien anderen Charakter. Nun kommt es auf den Dierverstand des Men|<-en | an; man muß von vornherein den rechten Umgangston treffen. Es ;i6l r sehr empfindsame Elefanten; aber dann kommen auch hier junge 11* I alte Damen vor, di« eine energische Führung brauchen, sonst tanzen sie dem Wärter auf der Nase herum, bildlich gesprochen, lieber FreaM Und wenn sie's erst mal 'raushaben, dann verschanzen sie sich hinter ihr dickes Fell und pfeifen auf den ganzen Rummel, den wir mit ihm onstellen wollen; sie sind ja an Kräften stärker und an Eigensinn. N außenstehende Beobachter spricht nun stirnrunzelnd von einem bwjeit gefährlich wilden Elefanten. Er ist aber nur verdorben, und wenn er M genug in die rechten Hände kommt, wird er — durchaus ohne Srutili; tat — anschmiegsam und gehorsamsfreudig. Die zärtlichsten FreundsAch ten entstehen auf diese Weise, denn mit Konsequenz hilft man dem PflP ling mehr als mit weicher Nachgiebigkeit, deren Ueberschwang das verwirrt und den Menschen launisch macht. Elefanten sind Herdri- geschöpfe; die Einordnung liegt ihnen im Blut und di« Folgsamkeit kit Leittier gegenüber. Schließlich sind wir Pfleger nichts anderes; wir biit< fen nur das Vertrauen nicht durch Ungerechtigkeiten stören. Ich üiti meine Eleftmten, sorge für sie und tue ihnen nichts zuleid; das wriji sie genau so gut, wie daß ich bedingungslosen Appell verlange. Ein schmales, vielleicht fünfjähriges Mädchen kommt, hüpfend zu um heran. „Vatter, darf ich nun heute zu den Elefanten?" Der Mann nein mir lacht und streichelt feiner Tochter über die Haare. „Mußt noch eil Weilchen warten, Beern!" Zu mir gewendet, sagt er: „Die Kleine sä nur Elefanten im Kopf. Voriges Jahr, als wir beim Zirkus waren, hck sie immer zwischen den Vorderbeinen der Leitkuh gesessen und Hai i« Stroh gespielt. Die alte, sanfte Elefantin war rechtschaffen verliebt in to kleine Menschlein; so was von gutmütiger Bemutterung kann man it bei dem Achtzig-Zentner-Gewicht gar nicht vorstellen, geschaukelt Hai ß das Kind, wahrhaftig, in ihrem Rüssel!" „Du magst wohl alle Tiere?" frage ich. „Alle miteinander, toi zuerst die Elefanten. Wir wohnen sogar bei ihnen; guck, da droben ß mein Fenster." Ich kenn« die entzückende Dachwohnung im Elefantenhaus; dort W auch der nun 91jährige Großvater, der ein beispielhafter Tiermensch >|t weitgereist bis in die hinterste Mongolei, und der wohl mehr MandscV Tiger in freier Wildbahn sah als mancher, der in Fieser Hinsicht von iit reden machte. Nun genießt er in voller Rüstigkeit feinen Lebensart und malt ohne Brille die zierlichsten Aquarellbilder aus der (Erinnernd „Unsere Kleine wird ganz der Großpapa", schmunzelte mein greuni „In aller Frühe schnell aus dem Bett ans Fenster und nachsehen, ob l'ti* Elefant über Nacht verlorenging. Abends kriegen wir sie nicht in * Federn, ehe sie nicht jedem einzelne Gute Nacht gewünscht hat. Und neul 4 als meine Frau, der Schwiegervater und ich noch spät ausgegangen mani fanden wir das Kind bei unserer Rückkehr im Nachthemd schlafend •«! der Bank vor den Elefanten. „Was ist denn los mit dir?" — „Ich U« aufgewacht, und niemand war in der Stube. Da hab' ich Angst gekciH und bin die Treppe ’runter zu den Elefanten. Die alte Lela ist noch gewesen, hat mir mit dem Rüssel gewinkt und gesagt, sie wird auf M- aufpassen." * An der Wachsamkeit und Umsicht von Elefanten darf man nicht X fein, ebensowenig an ihrer überlegenden Klugheit. Der Münchener D» part Hellabrunn, aus dem alle diese Beobachtungen stammen, gab aril jüngst einen geradezu verblüffenden Beweis dafür: J Die jüngste der dort geborenen Elefantentöchter war allmählich I1 gewachsen, daß sie nur mit den schwierigsten Verrenkungen an die Milbi quellen heranreichen konnte, die ja zwischen den Vorderbeinen der Mutt! sitzen. Cora schaute sich ein paar Tage die Kniebeugen und das Kehl' drehen ihrer Tochter an; plötzlich stieß sie ihr wiederum durstig g<””r' oenes Kind mit einem sanften Schubser weg und drängte es quer ü®1 bie weite Auslauffläche. Solange gab sich die Tiernmtter nicht ^ufrieM bis das „große Baby" unten in dem nicht benutzten, also wasserleen» Badebecken stand. Weder di« junge Elefantin noch wir Menschen begrrl1 fen die Absicht der Alten; doch sie trat — selbstverständlich und uns am an praktischer Klugheit voraus — so über das Eck der BadetiiE>' Umrandung, daß ihr Leib von unten her frei zugänglich war und iw- Kind von den Treppenstufen aus jene Entfernung wählen konnte, >hm die Milchzitzen mühelos zwischen beide Lippen führte Seitdem steigt die Hellabrunner Elefantentochter, fobald sie durstig n von selbst hinunter in den zementierten Schacht und ruft mit sM" Trompetenschrei di« Mutter auf den Plan. Noch drei Stufen kann der Sprößling tiefer gehen; für mindeste« ein halbes Jahr ist das Problem des Trinkens durch die „Jntellige«! der alten Elefantenkuh einwandfrei gelöst.