Hummer 21 Montag, den Z. April Aoman Son Theodor Montane <■”* 11. Fortsetzung. täten Frau getan hat." , ...... , • „Ah, die Lene", sagte Frau Dörr vor srch hm und setzte dann hinzu: »Das wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn rch, und habe roch keine verkommen sehen, die so war wie die Lene und solch Herz und silche Hand hatte." , ~ , Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele. So vergingen Minuten, und als Lene zurückkam und vom Mur her ort die Korridortür klopfte, faß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank i: >.b hielt die Hand ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sre das Klopfen draußen hörte, ließ sie die Hand los und stand aus und öffnete. Lene war noch außer Atem. „Er ist gleich hier... er wird gleich kommen. Aber die Dörr sagte nur: „Jott, die Doktors", und wies au, dre Tote. Zwanzigstes Kapitel. Käthes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf, ifie versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse rührte noch von Botho her, der jetzt, lächelnd und in guter Laune, den sich etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich, es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das tuvert gesteckt worden, alle schwer lesbar, so daß Rienäcker auf den Balkon ß flnaustrat, nm das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können. „Nun laß sehn, Käthe." Und er las: „ . „ ,, ,.... „Brandenburg a. H., 8 Uhr früh. Der Zug, mein lieber Botho, halt ter nur drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen, nötigenfalls schreib ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht, sch reise mit einer jungen, sehr reizenden Bankierfrau, Madame toalmger I Seb. Saling, aus Wien. Als ich mich über die Namensähnlichkeck tpunberU, I fegte sie: ,Joa, jchaun's, i hoab halt mei Komp'rativ g'helratt.'Sie spricht Dir einem sort dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen rochier (blonö, Ilie Mutter brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch über Köln, u>d auch ivie ich eines dort abzustatteiiden Besuches halber. Das Kind ist «ut geartet, aber nicht gut erzogen, und hat mir bei dem beständigen Umher- p fettem 'm Coupe bereits meinen Sonnenschirm zerbrochen, was dre JJtmter ! hr in Verlegenheit brachte. Auf dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d. h. i, diesem Augenblicke setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung, wimmelt 's von Militär, darunter auch Brandenburger Kürassiere mit einem guitt» (-'Iben Namenszug aus der Achselklappe; wahrscheinlich Nikolaus. Es mach! i>‘ M»*1 tieft sehr gut. Auch Füsiliere waren da, Fünfunddreißiger, kleine Leute, dis mir doch kleiner vorkamen als nötig, obschon Onkel Osten immer zu sagen pflegte: bet beste Füsilier sei der, der nur mit bewaffnetem Auge gesehen werden könne. Doch ich schließe. Die Kleine (leider) rennt nach tote vor von einem Coupefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei nascht sie beständig Kuchen: kleine, mit Knschen und Pistazien belegte Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder sing sie damit an. Die Mutter ist doch zu schwach. Ich würde strenger sein." Botho legte die Karte beiseite und überflog, so gut es ging, die zweite. Iciutctc • Hannöver, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahn- Hofe und sagte mit, Du hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. ®ol($ hat jetzt die Vermessungen am Harz, d. h. am 1. Juki fängt er an. — Der Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen: lauter, erst unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und B,et-Etablls>ements, von denen eins ganz im gotischen Stile gebaut ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzählte, nennen es die .Preußische Bierkirche, bloß aus wölfischem Antagonismus. Wie schmerzlich dergleichen! Die Zeck wirb aber and) hier vieles mildern. Das walte Gott. — Die Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfangt. Wohin soll das führen? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon alles erzählt. Sie war auch in Würzburg bei Seanzoni, für den sie schwärmt. Ihr Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im übrigen ist sie, wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il taut. Um Dir bloß eines zu nennen: welch Reisenecessaire! Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr überlegen; mau merkt die ältere Kultur." „Wundervoll", lachte Botho. „Wenn Käthe kulturhistorische Betrachtungen anstellt, übertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dmge sind bteu Laß sehn." Und dabei nahm er die dritte Karte. Köln 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch hier zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich morgen mittag einzutreffen gedenken. Jeu gut Schrofsensteins sehr liebenswürdig; besonders er. Uebrrgens, um nichts SU vergessen, Frau ©alinger wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhöfe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermaßen beschwerlich und unschön. Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. ,Was möchtest du noch? fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das Kind antwortete: ,Drops.' Und erst von dem Augenblick an wurd es so schlimm ... Ach, lieber Botho, jung oder alt, unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebens- würdigen Frau war vielleicht kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören. Und er hat recht. Morgen mehr. Deine Käthe." . . . . c , m Botho schob die drei Karten wieder ,ns Kuvert und sagte: „Ganz Käthe. Welch Talent für die Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen, daß sie so schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellfchaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn sie Pflichten hat. Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf mcht Sage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, fiel weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem -t.age an schrieb jie nur alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und bet wirklich auch noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Solinger und der reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am Schlüsse der dickten-Woche hieß es einigermaßen abweichend: „Ich smde jetzt die Kleine reizender al, die Mutter. Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus, den ich kaum pastenb finden kann, um fo weniger, als eigentlich keine Herren hier sind. Auch !eh ich jetzt, daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie find kirschrot. Das Kind aber ist sehr natürlich. Immer, wenn sie mich sieht, stürzt sie mit Vehemenz auf mich SU und küßt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der Drops, ,aber die Mama fei schuld', worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und doch muß andererseits ein geheimnisvoll «aschiger Zug in Sarahs Natur liegen; ich möchte beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du daran? ich glaube daran, mein lieber Botho), denn sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kaust sich in einem fort Oblaten, Nicht Berliner, die wie Schaumkringel schmecken, sondern Karlsbader nut emgeftreutem Zucker. Aber nichts mehr schriftlich davon. Wenn ich Dich wiederfehe, was sehr bald sein kann — denn ich möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich —, sprechen wir darüber unb über vieles andere noch. Ach, wie freu ich mich, Dich Wiedersehen und mit Dir aus dem Balkon sitzen zu können. Es ist doch am schönsten in Berlin, und wenn dann weil* r* *is )-F j ein* e Ulli"1 Haas!"; M Ortungen NÄttungen °>ir kt !Sten im 15 Mi • tourte, Jen. tz den mi| e imm« Ich»«,. '» w Ipät« sein«, rer [orgi ft sa im >ls sch,, i. m hell« r Laza m ei tii Aesie - mit beit eckt, btei ie Recht is unten bilbeteii en Hch i Moos' mir tro r „Sam' i roiebet öffneten Jaiat p tet hatte, n Walk stolz ans ikenbrah niems sie Hätte den Ei«' rück uni enn nun kräftig« chen leise t t finfteee lauerten, er Wee mitnabm en Bi»' Mich il em * vorüber1 g unsere begann. iten uw ib eigene ie in bei ; Wassel den W' en rechte Stab bet werd« Rinde«' war inte du Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine biPpelte Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen. Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu hrechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, tnen Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer gegen die Doktors war, fette diesmal nichts dagegen. „ . Geh", sagte sie, „sie kann's mcht lang mehr machen. Guck bloß mal hier (und sie wies auf die Nasenflügel), da sitzt der Dob. Lene ging; aber sie konnte ben Michaelkirchplatz noch kaum erreicht h-ben, als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach ihr rief: „Lene..." „Lene is nich da." „Wer is denn da?" ' „Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr." „ „Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche. Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lagen, schüttelte sch ein wenig, war aber doch zu gutmütig, um dem Kommando mcht nach- z-kommen. Unb so setzte sie sich denn auf bie Fußbank. Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: „Hch will einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zu viel... „Gut, Frau Nimptsch." „Un ich will auf'n neuen Jakobikirchhof liegen, hmtern Rollkrug un Mz weit weg nach Britz zu." „Gut, Frau Nimptsch." , r . . „Un gespart hab ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte. In es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das iamisol, un ein Paar weiße Strümpse mit N. Unb bazwischen liegt es. „Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehen, tote Sie gesagt haben, lind is sonst noch was?" , , Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben, unb ohne Antwort zu geben faltete sie bloß die Hände, sah mit einem front« uen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: „Lieber Gott in Himmel, nimm sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir icRciiet Samilicnbläner Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger ihrgang 1959 die Sonne so hinter Charlottcnbnrg und dem Grünewald steht, und man so träumt und so müde wird, o, wie herrlich ist das! Nicht wahr! Und weißt Du wohl, was 5roii Solinger gestern zu mir sagte? ,Jch sei noch blonder geworden', sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn. Wie immer Deine Käthe." Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte. „Reizende, kleine Frau. Von ihrer Kur schreibt sie nichts; ich wette, sic fährt spazieren und hat noch keine zehn Bäder genommen." Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretmrden Burschen einige Weisungen und ging durch Tiergarten und BrauMuburger Tor erst die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm. Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich's nach ein- genommenem Imbiß eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, „daß ein Herr... ein Mann (er schwankte in der Titulatur) draußen sei, der den Herrn Baron zu sprechen wünsche." „Wer?" „Gideon Franke... Er sagte so." „Franke? Sonderbar. Nie gehört. Laß ihn eintreten." Der Bursche ging wieder, während Botho wiederholte: „Franke... Gideon Franke ... Nie gehört. Kenn ich nicht." Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der Tür her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarz- braunen Rock, übermäßig blanke Stiefel und blankes, schwarzes Haar, das an beiden Schläfen dicht anlag. Dazu fchwarze Handschuhe und hohe Vatermörder von untadeliger Weiße. Botho ging ihm Mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte: „Herr Franke?" Dieser nickte. „Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder vielleicht hier. Polsterftühle sind immer unbequem." Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den Rienäcker hingewiesen hatte. „Womit kann ich dienen?" wiederholte Rienäcker. „Ich komme mit einer Frage, Herr Baron." „Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, daß ich sie beantworten kann." „O, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker... Ich, komme nämlich wegen der Lene Rimptsch." Botho fuhr zurück. „... Und möchte", fuhr Franke fort, „gleich hinzusetzen dürfen, daß es nichts Genierliches ist, was mich herführt. Alles, was, ich zu sagen ober, wenn Sie's gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause feine Verlegenheiten schaffen. Ich weiß auch von der Abreise der gnädigen Frau, der Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht ans Ihr Alleinsein gewartet ober, wenn ich so sagen barf, auf Ihre Strohwitwertage." Botho hörte mit feinem Ohr heraus, baß ber, ber ba sprach, trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut nnb untabeliger Gesinnung sei. Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, unb er hatte Haltung unb Ruhe ziemlich wiebergewonnen, als er über ben Tisch hin fragte: „Sic sinb ein Anverwanbter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, baß ich meine alte Freundin bei diesem alten, mir so lieben Namen nennb." Franke verbeugte sich und erwiderte: „Nein,. Herr Baron, kein Ver- luanbtcr; ich habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine schlechtere: ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch vou ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf ber Stelle feftftanb, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, sreilich gleich hinzusetzeud: ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr sprechen." Botho sah vor sich hin unb hatte Mühe, die Bewegung seines Herzens zu bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: „Tie sind ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glück der Lene will, soviel lstir und seh ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen habe, darüber ist mir fein Zweifel, und ich schwante nur noch wie. Das beste wird [ein, ich erzähl Ihnen, wie's tarn und weiterging und bann abschloß." Frante verbeugte sich abermals, zum Zeichen, baß er auch seinerseits bies für bas beste halte. „Nun benn", hob Rienäcker an, „es geht jetzt ins britte Jahr ober ist auch schon ein paar Monate barüber, baß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um bie Treptower Liebesinsel herum in bie Lage tarn, zwei jungen Mübchen einen Dienst zu leisten unb sie vor bem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins ber beiden Mädchen war bie Lene, und an ber Art, wie sic dankte, sah ich gleich, daß sie anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch später nicht, was ich gleich hier hervorheben möchte. Denn so heiter unb mitunter beinahe ausgelassen sie jein kann, von Natur ist sie nachbenklich, ernst und einfach." Botho schob mechanisch das noch aus dem Tische stehende Tablett beiseite, strich die Decke glatt und fuhr dann fort: „Ich bat sie, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen Augenblick überraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald, woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht aus die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil." Franke nickte. „So machten wir denn den Iveiten Weg, unb ich begleitete sie nach Haus unb war entzückt von allem, >vas ich ba sah, von ber alten Frau, von dem Herd, an dem sie saß, von dem Garicn, darin das HauS lag, und der Abgeschicbenheit unb Stille. Nach einer Vicrtelstunbe ging ich wiciei unb als ich mich braußen am Gartengitter von ber Seite verabschied^ srug ich, ,ob ich wieberkomrnen bürse', welche Frage sie mit einem einfach« ,Ja' beantwortete. Nichts von falscher Scham, aber noch weniger von H» Weiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührenbes in ihrem Wesen und ito Stimme." Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlich, Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür, als ob c§- ihm« seinem Zimmer zu heiß werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren Tempo fort: „Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. 2oj war um Ostern, und wir hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tqe, Soll ich davon erzählen? Nein. Und bann kam bas Leben mit seinem Ensj unb feinen Ansprüchen. Unb bas war es, was uns trennte." Botho hatte mittlerweile seinen Platz tvieber eingenommen, und Set all bie Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke ia;te ruhig vor sich hin: „Ja, so hat sie mir's auch erzählt." „Was nicht anbers fein kann, Herr Franke. Denn bie Lene — unt ich freue mich von ganzem Herzen, auch gcrabe bas noch tagen zu können - bie Lene lügt nicht und bisse sich eher bie Zunge ab, als baß sie flunfnte, Sie hat einen hoppelten Stolz, unb neben bem, von ihrer Hänbe AM leben zu wollen, hat sie noch ben anbern, alles gradheraus zu sagen und le « Flausen zu machen, und nichts zu vergrößern und nichts zu öerUcinem ,Jch brauch es nicht unb ich will cs nicht', bas hab ich sie viele Male saxei Horen. Ja, sie hat ihren eigenen Willen, vielleicht etwas mehr als recht id unb wer sie fabeln will, kann ihr votwerfeu, eigenwillig zu sein. Aber iitj j will nur, was sie glaubt verantworten zu können und wohl auch roidliijl i> verantworten kann, und solch Wille, mein ich, ist doch mehr Charakter dil - Selbstgerechtigkeit. Sic nicken, und ich sehe daraus, daß wir einerlei MeinuM ii sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch ein Schlußwort, Herr Frankl! Was zurückliegt, liegt zurück. Können Sie darüber nicht hin, so muß ich diil respektieren. Aber können Sie's, so sag ich Ihnen, Sie kriegen ba eine feli'il i gute Frau. Denn sie hat bas Herz auf bem rechten Fleck unb ein stark!I Gefühl für Pflicht unb Recht unb Ordnung." „So hab ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir Qn| ihr, ganz so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, ifll Mensch soll die Gebote halten, alle soll er sie halten, aber es ist doch «111 Unterschied, je nachdem die Gebote sind, unb wer bas eine nicht hält,i«I kann immer noch was taugen, wer aber bas anbere nicht hält, unb roenn’i auch im Katechismus bicht baneben ftünbe, ber taugt nichts unb ist Dol worsen von Anfang an, unb steht außerhalb ber Gnabe." Botho sah ihn verwundert an unb wußte sichtlich nicht, was er aus bi? tt feierlichen Ansprache machen sollte. Gibeon Franke aber, ber nun cm [einerseits im Gange war, hatte fein Auge mehr für ben Einbruch ben [eint ganz auf eigenem Boben gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, rni fuhr beshalb in einem immer prebigerhafter werdenben Tone fort: „ti wer in seines Fleisches Schwäche gegen bas sechste verstößt, bem fann w ziehen werben, wenn er in gutem Wanbel unb in ber Reue steht, wer ob: gegen bas siebente verstößt, ber steckt nicht bloß in bes Fleisches Schwäch, der steckt in der Seele Riedrigteit, und wer lügt und trügt oder verleumd! und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund aus verdorben, und aus btt Finsternis geboren, unb ist feine Rettung mehr unb gleicht einem Feld, darinnen die Nesseln so tief liegen, daß das Untraut immer wieder aufschik'st, [oowl gutes Korn auch gesät werden mag. Und darauf leb ich und sterb ich, unb hab es burch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf bie Proppeitii kommt es an, und auf bie Honncttität kommt es an, unb auf bic Reellität. Uni auch im Ehestanbe. Denn ehrlich währt am längsten unb Wort unb Verl?! muß fein. Aber was gewesen ist, bas ist gewesen, bas gehört vor Gott. Uni denk ich anbers barüber, was ich auch respektiere, gerabeso wie ber He» Baron, so muß ich baoonbleibcn unb mit meiner Neigung unb Siebe z« nicht erst anfangen. Ich war lange drüben in den States, und wenn ami drüben, geradeso wie hier, nicht alles Gold ist was glänzt, das ist dc>4 wahr, man lernt drüben anders sehen unb nicht immer burchs selbe Glcs, Unb lernt auch, daß es viele Heilswege gibt unb viele Glückswege. 3«, Herr Baron, es gibt viele Wege, bic zu Gott sichren, unb es gibt viele Weg?, bie zu Glück führen, beffen bin ich in meinem Herzen gleicherweise getvij. Unb bet eine Weg ist gut unb ber anbre Weg ist gut. Aber jeber gute SM muß ein offner Weg unb ein gerader Weg fein und in ber Sonne liegt 1, unb ohne Morast unb ohne Sumps unb ohne Irrlicht. Auf bie Wahrheit kommt es an, unb aus bie Zuverlässigkeit kommt es an unb auf bie lichkeit." Franke hatte [ich bei bie[en Worten erhoben, unb Botho, ber ihm tust! bis an bie Tür hin folgte, gab ihm hier bic Hanb. „Unb nun, Herr Franke, bitt ich zum Abschieb noch um bas eine: grüße« I (Sie mir bic Frau Dörr, wenn Sie fic sehn unb ber alte Verkehr mit ® «och anbauert, unb vor allem grüßen Sie mir bic gute alte Frau NimpM \ Hat sie benn noch ihre Gicht und ihre ,Wehdagc', worüber sie sonst beftänbi| klagte?" „Damit ist es vorbei." „Wie das?" fragte Botho. »Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gera® heut vor drei Wochen." „Begraben?" wiederholte Botho, „Unb wo?" „Draußen hinterm Rollkrüg, auf bem neuen Jakobikirchhof... Eines flute, alte Fran. Unb wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mnti«r । Nimpfsch ist tot. Aber Frau Dörr, die lebt noch (und er lachte), die le® noch lange. Unb wenn sie kommt, ein loeiter Weg ist es, bann werd ich i >« ( grüßen. Unb ich sehe schon, wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baror, Ja, ja, bie Fran Dörr ..." Unb Gibeon Franke zog noch einmal seinen Hut und bie Tür fiel in* Schloß. Fortsetzung folgt.) Abendphantafie. Von Friedrich Hölderlin. Vor seiner Hütte ruhigem Schatten sitzt Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich! Es leben die Sterblichen ' Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimmel blühet ein Frühling aus; Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, Purpurne Wolken! Und mögen droben > In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, slieht Der Zauber! Dunkel wird's und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. Komm du nun. sanfter Schlummer! Zu viel begehrt Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja. Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Die letzte Flasche. Von Gudmundur Kamban. In einer kleinen Fjordstadt des östlichen Islands lebte ein alter Schullehrer namens Vigfus Athanafiuffon. Er trug seinen isländisch- triegerischen Vornamen und seinen griechisch-frommen Nachnan»m mit gleich geringem Recht; er war von Gemüt äußerst friedlich und schenkt« der Ewigkeit nicht viele Gedanken. Er war „wie die Menschen meistens" sind — womit man niemals Personen meint, deren Gefühle plötzlich zu einer mächtigen Leidenschaft aufflammen können, sondern im Gegenteil solche, die keine unbändigen Passionen haben und höchstens eine oder zwei, die etwas stärker sind als ihre anderen. Die einzige der Passionen Vigfus Athanasiussons, die etwas stärker als seine anderen war, war seine Liebe zu Pferden oder richtiger zu seinem eigenen Pferd. Er hielt viel von feinem Lehrerberuf, aber es ist zweifelhaft, ob er ihn hätte fortfetzen wollen, wenn ihm dieser Berus, sobald es vier schlug und die Schule sich leerte, daran gehindert hätte, sein« tägliche Reittour zu unternehmen. Er hatte sich gleichsam eingelebt mit seinem paßsicheren Pferd und scheute durchaus nicht davor zurück, mit ihm über ruhige Bäche zu schwimmen oder einen vorsichtigen Ritt durch di« heimtückischen Lavafelder zu wagen. , Aber fönst lag es ihm nicht, feine Mitmenschen in Verblüffung zu versetzen. Er mar ein ausgeprägter Gewohnheitsmensch, der lieber bedeutende Vorteile entbehren als sich zum Beifpeil in der Zwang finden wollte, in einem fremden Bett zu liegen. Er hatte viele Jahre hindurch jeden Abend, nachdem er feinen Schlafrock an gezogen und alle Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen hatte, sich eine lange Pfeife Tabak angesteckt, die ebensoviel faßte wie die klein« Tasse Kaffee, die er dazu trank und von deren ersten drei Schluck immer nur der erste noch roarm war. An Samstagen vertausche er den Kaffee mit einem Glafe dampfenden Grogs, wahrend er zwischen jedem Schluck fünf Seiten in einer Saga oder einem Walter Scottschen Roman las. Dann kam das Alkoholverbot im Jahr« 1915. Der alte Schullehrer versorgte sich mit dreißig Flaschen Rum — soviel gewährte ihm gerade fein Kassenbestand — und bestimmte, gehorsam dem Gesetze wie er war, daß er damit für den Rest feines Lebens reichen müsse. Jetzt wollte er sich selbst auf eine kleinere und kleinere Ration fetzen, er wollte beispielsweise seinen Samstagsgrog jede vierte Woche im ersten Jahr entbehren, jede dritte im nächsten und fo weiter, bis der Grog ihm ein so seltener Luxus geworden wäre, daß er ihn überhaupt nicht mehr vermißt«, auch wenn er völlig ausginge. Aber dann passierte es diesem großen Meister in der Kunst der Beherrschung beim allerersten Mal, da er mit feiner langen Pfeife ohne sein Samstagsgetränk faß, daß er, nachdem er die ersten fünf Seiten in einem Band der Sturlungafaga gelesen hatte, das Buch einen Augen- ilirf lang auf feinen Knien ruhen ließ, während er unwillkürlich durch bi« Nase den würzigen Dust eines abwesenden Grogs einzusaugen begann. Sobald er sich selbst über dieser Schwachheit ertappt hatte, ergriff er hastig das Buch und las zehn Seiten in einem Zug, ohne "aufzufehen. Aber er konstatierte, daß er überhaupt nicht hätte wieder-