GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1939 ßreitag, den 3. März Nummer 18 Otamgen Wrerrmgen Roman Son Theoöor Montane 2. Fortsetzung. „ü)eivi6, liebe Frau Dörr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben...“ Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch die Kirschwasserflasche schon da, mit Gläsern, großen und kleinen, in die sich nun jeder nach Gutdünken hineintat. Und nun ging Lene, den rußigen Herdkessel in der Hand, reihum und goß das kochsprudelnde Wasser ein. „Nicht zuviel, Leneken, nicht zuviel. Immer aufs ganze. Wasser nimmt die Kraft." Und im Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden Kirfch- mandelarom. „Ah, das hast du gut gemacht", sagte Botho, während er aus dem Glase -nippte. „Weiß es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Klub «erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ,weil's ihr Ho geschuddert hat', und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit -aus: Frau Dörr, sie lebe hoch!" „Sie lebe hoch!" riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug «Wieder mit seinem Knöchel ans Brett. Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, ler im Sommer immer nach bitterer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon von Fastnacht an im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirfchwaffer aber, das sei was Gesundes und nie verderbens und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte iman doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche. Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf imkommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion feiner Frau kannte, drang auf Ausbruch: „Morgen sei auch noch ein Tag." Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, „daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle", sagte nur: „Laß, Leneken, ich kenn ihn; er geht iiu mal mit die Hühner zu Bett." „Run", sagte Botho, „wenn es beschlossen äst, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus.« Und damit brachen alle auf und ließen nur die alte Fran Rimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachfah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte. Fünftes Kapitel. Bor dem „Schloß" mit dem grün- und rotgestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehen und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen. Der Abend sei so schön. Vater Dörr brummelte, daß er sein Eigentum in keinem bessren Schutz lassen könne, worauf das junge Paar unter ' artigen Verbeugungen Abfchied nahm und auf den Garten zuschritt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei mußten, richtete ich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück. Drinnen im Garten war alles Duft und Frische; denn den ganzen j; Hauptweg hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, Landen Levkoien und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren »er Thymianbeete mischte. Nichts regte sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft. Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende I i des Gartens zu, wo zwischen zwei Silberpappeln eine Bank stand. „Wollen wir uns setzen?" „Nein", sagte Lene, „nicht jetzt", und bog in einen Seitenweg em, »essen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. »Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage." „Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?" „Meinetwegen." „Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glücklich. Er muß tun, was Sie will, und ist doch um vieles klüger." „Ja", sagte Lene, „klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das ; nacht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand Übervorteilen :ui(I. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht." „Und weiter nichts?" , „Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von inner Seite. Denn trotz seiner SechsundsÜnszig oder mehr ist er noch wie vernarrt in seine Fran, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Geschmack wäre sie nicht." „Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur." „Ja", lachte Lene, „sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn gar nicht, daß ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so> was seht ihr nicht, und ,Figur' und .stattlich' ist immer euer drittes Wort, ohne daß sich wer drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt." So plaudernd und neckend blieb sie stehen und bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog, nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen eines wahren Prachtexemplars zwischen die Lippen und trat vor ihn hin und sah ihn an. Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und umarmte und küßte sie. „Meine süße Lene, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan blafft; et will bei dir sein; soll ich ihn losmachen?" „Nein, wenn er hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann gar noch von der stattlichen Frau Dörr, so hab ich dich so gut wie gar nicht mehr." „Gut", lachte Botho, „Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?" „Ja, bas ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an ihre Vergangenheit erinnern könnte." „Hat sie denn eine?" „Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ,ging mit ihm', wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst viel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß Über Anstoß gegeben haben. Rur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon Ivie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aber es läßt sich nicht anders sagen. Und nun lassen wir die Frau Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel." Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene Ivies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine Brust. So vergingen ihr Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: „Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen." „Woran ich dachte, Lene? Ja, fast fchäm ich mich, es zu sagen. Ich hatte sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unseren Küchen- garten in Schloß Zehden, der genau so daliegt wie dieser Dörrsche, dieselben Salatbeete mit Kirschbäumen dazwischen, und ich möchte wetten, auch ebenso viele Meisenkästen. Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, daß ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand." „Glaub's. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben müßte." „Furcht? Wie das? Warum, Lene?" Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. „Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gefügt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hose wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht." „Nein, das tust bu nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur fo von der Seele. Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner 9Jtutter. Wie sieht sie aus?" „Genau so wie du; groß und schlank und blauäugig und blond.« „Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase." „Glaub es nicht. Das ist nicht möglich." . „Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.« „Ich denke mir fie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder. „Getroffen. ... Unb bnß all ihre Kinder reiche, bo8 heißt sehr reiche Partien machen. Und ich weih auch, wen sic für dich in Bereitschaft hält." „Eine Unglückliche, die du..." „Wie du mich verkennst, Glaube mir, dah ich dich habe, diese Stunde habe, da« ist mein Glück. Was daran« luirb, da« kümmert mich nicht. Eines Tage« bist du tveggeslogen ..." Er schüttelte den Kvpf. „Schüttle nicht den Stopf; cs ist so, lvic ich sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, cs mir einzubilden. Aber wegfliegen luirfl du, das seh ich klar und getvist. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe macke blind, abcr sie macht auch hell und sernsichtig." „ „Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe. „Doch, ich iveist es. Und weiß auch, daß du deine Lene für wgs Sk- sondres hältst und jeden Tag denkst:,wenn sie doch cine Gräsin wäre. Damit ist cs nun aber zu spät, da« bring ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nicht« zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach und der Stärkere beherrscht sie ... Und der Stärkere ... ja, tvcr ist dieser Stärkere? Ann, entlvcder ist'« deine Matter oder das Gerede der Menschen, oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles drei... Aber sich nur." Und sie lvies nach dem Zoologischen hinüber, cküs dessen Baum« unb Blätterbnnkel eben eine Rakete zischend in die Lnst fuhr und mit einem Pass in zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es weiter, al« ob sie sich sagen unb überholen wollten, bis es mit einem Male vorbei tvar und die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte ah glühen anfingen. Ein paar Vögel in ihren Käsigen kreischten dazwischen, unb bann siel nach einer langen Paltsc die Musik wieder ein. „Weißt du, Botho, lvcun ich dich nun so nehmen und mit dir die Läster- allee drüben ans und ab schreiten könnte, so sicher wie hier zlvischen den Buch-baumrabatten, und könnte jedem sagen: ,jn, wundert euch nur, er ist er und ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn,' — ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe? Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur eiich und eilten Klub und euer Leben. Ach, das arme bißchen Leben." „Sprich nicht so, Serie." „Warum nicht? Man mitß allem ehrlich ins Gesicht sehen unb sich nichts Weismachen lassen, und vor allem sich selber nichts toeiSmachen. Aber es wird kalt, und drüben ist es auch vorbei. Da« ist da« Schlußstück, das sie jetzt spielen. .Komm, ivir wollen nnS drin an den Herd letzen, das Feuer wird noch nicht aus sein, und die Alte ist längst zu Bett." So gingen sie, während sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den Gartensteig wieder hinaus. Im „Schloß" brannte kein Licht mehr, und nur Sultan, den Kops an« seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rührte sich nicht und hatte bloß mürrische Gedanlei,. Sechstes Kapitel. E« war die Woche danach, und die Kastanien hatten bereits abgeblüht; auch in der Bellevuestraße. Hier hatte Baron Botho von Rienäcker eine zwischen einem Front- nnb einem Garienbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer, Eßzimmer, Schlafzimmer, die sich sänitlich durch eine geschmackvolle, seine Mittel ziemlich erheblich übersteigende Einrichtung anszeichneten. In dem Eßzimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Bärenhatz, wertvolle Kopie nach Rubens, lvährcnd in dem Arbeitszimmer ein Andreas Achenbachscher Scestnrm, umgeben Von einigen kleineren Bildern desselben Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung zugesallen, und an diesem schönen und wertvollen Besitze hatte er sich zum Knnstkenner und speziell znm Achenbach Enthusiasten herangcbildet. Er scherzte gern darüber und pflegte zu versichern, „daß ihm sein Lotterieglück, >vc!l c8 ihn zu beständig neuen Anläufen verführt habe, teuer zu stehen gekommen sei", hinzusetzcud, „daß es vielleicht mit jedem Glücke dasselbe sei." Bor dein Sofa, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war, stand aus einem Malachittischchen da« Kaffeegeschirr, während ans dem Sofa selbst allerlei politische Zeitungen nuiherlagen, unter ihnen auch solche, deren Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verlvnuderlich war und nur aus dem Baron Bothoschen Lieblingssatze, „Schnack gehe vor Politik" erklärt werden konnte. Geschichten, die den Stempel der Erfindung nn der Stirn trugen, sogenannte „Perlen", amüsierteil ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der Frühstückszeit allemal offen stand, flog auch heute wieder ans Hand und Schulter feines ihn nur zii sehr verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zn werden, das Blatt jedesmal beiseite lat, nm den kleinen Liebling zu streicheln. Unterließ er es aber, so drängte sich da« Tierchen an Hals und Bart des Lesenden und piepte so lang und eigensinnig, bi« ihm der Wille getan tvar. „Alle Lieblinge sind gleich", sagte Baron Rienäcker, „und fordern Gehorsam und Unterwerfung." In diefem Augenblicke ging die Korridorklingel, mid der Diener trat ein, nm die draußen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Kuvert in Quadrat, war offen und mit einer Drcipfenuigmarke frankiert. „Hamburger LotterieloS oder neue Zigarren", sagte Rienäcker und warf Kuvert und Jichalt, ohne weiter nachznsehen, beiseite. „Aber da« hier... Ali, von Lene. Run, den verspare ich mir bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht. Ostenschcs Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, lvill sagen: schon da. Was tvird er nur wollen? Zehn gegen ein«, ich soll mit ihm frühstücken oder einen Sattel kaufen ober ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zn Kroll; am wahrscheinlichsten da« eine tun und das andere nicht lassen." Und er schnitt da« Kuvert, nuf dem er auch Onkel Ostens Handschrist erkannt hatte, mit einem aus dem Fensterbrett liegenden Messerchen ans und nahm ben Brief heraus. Der aber lautete: „Hotel Brandenburg, Nummer 15. Mein lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich hier unter eurer alten Berliner Devise ,vor Taschendieben wird gewarnt', ans dem Ostbahnhofe glücklich eingetrossen unb habe mich in Hotel Brandenburg einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur Lwei Tage, denn eure Lust drückt mich. ES ist ein stickiges Nest. Alle« andre mündlich. Ich erwarte Dich ein Uhr bei Hiller. Tann wollen loir einen Sattel taufen. Unb bann ccke»bS zu Renz. Sei pünktlich. Dein alter Oiikcl Kurt Anton." Rienäcker lachte. „Dachte ich'S doch! Und doch eine Neuerung. Früher mar es Borchardt, jetzt Hitler. Ei, ei, Oukelchcn, was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen ... Und nun meine liebe Lene ... Wa« Onkel Kurt Anton wohl sagen würde, wenn et wüßte, in welcher Begleitung sein Brief und feine Befehle hier eingetroffeu sind." Und während er so sprach, erbrach er Lenes Billett und las: „Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du müßtest den andern Tag wiederlvminen, so glücklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich schon und sagt: ,er kommt nicht wieder.' Ach, wie mir da« immer einen Stich ins Herz gibt, weil cs ja mal so kommen muß, und weil ich sühlc, daß cs jeden Tag kommen kann. Daran wmos ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab ich nicht die Wahrheit gesagt; ich habe Dich geschn, gestern, aber heimlich, verstohlen, ans dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer Seiicn-AIlce, unb habe Dich eine Stunbe lang auf unb ab reiten sehen. Ach, ich freute mich über bie Masten, denn Du warst der stattlichste (beinal) io stattlich wie Frau Dörr, bie sich Dir emphclcn läßt), und ich hatte solchen Stolz Dich zu sehen, baß ich nicht einmal eifersüchtig würbe. Nur einmal kam es. Wer war beim bic schöne Blondine mit beit zwei Schimmeln, bic ganz in einer Blnmengirrlande gingen? Und bie Blumen so dich, ganz ohne Blatt und Stiehl, «o Iva« Schönes hab ich all mein Lebtag nicht gefchn. Als Kind hätt ich gedacht, c« inüss' eine Prinzessin sein; aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen nicht immer die schönsten sind. Ja, sis^war schön und gefiel Dir, ich sah es wohl, und Du gesichlst ihr auch. Aber bic Mutter, die neben der schönen Blondine saß, der gesiehlst Du »och besser. Und da« ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich Dich, lvcun'« durchaus fein muß. Aber einer alten 1 Und nun gar einer Mama? Nein, nein, bic hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, daß Du mich wieder gut machen unb beruhigen mußt. Ich erwarte Dich morgen ober übermorgen. Unb wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn cs nur eine Minute wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um mich. Du versteest mich schon. Deine Lene." „Deine Lcuc", sprach er, die Briefunterfchrift wiederholend, noch einmal vor sich hin, und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, tucil ihm aller« tviberftreiteubfte Gefühle bnrchS Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Daun bnrchlas er den Bries noch einmal. An zwei, drei Stellen könnt er sich nicht versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern au« eitel Freude. „Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiß und orthographisch beinahe ... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl tvar eigentlich ein gefürchteter Schulrat; aber Gott fei Dank, ich bin keiner. Und ,emphclcn'. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen. Großer Gott, wer kann ,empfehlen' richtig fchreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt'sl Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber: gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender." Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte bic Hand über Stirn unb Augen: „Arme Lene, was soll werden! ES wäre uns beiden besser gewesen, der Ostcrnioutag wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau unb Wafferfahrtcn? Hub nun ber OnkelI Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich au« sich selbst, au« eignet Initiative. Run, ich werde ja sehen. Eine diplomatische Verstellungsschiile hat er nicht durchgemacht, unb wenn er zehn Eide geschworen hat, zu schweigen, c« kommt doch heraus. Ich will'« schon erfahren, trotzdem ich in der Kunst der Intrige gleich nach ihm selber komme." Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches aus, darin, von einem roten Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenen« lagen. Unb nun klingelte er nach dem Diener, der ihm beim Anklcideii behilflich fein follte. „So, Johann, bas wäre getan. Unb nun vergiß nicht, bie Jalousien herunterzulassen. Unb wenn wer kommt unb nach mir fragt, bi« zwölf bin ich in de. Kafernc, nach ein bei Hiller.und am Abeiid bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brüt- , ofen vorfinde. Und laß bic Lampe vorn brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; bic Mücken sinb wie toll in biefem Jahr. Verstauben?" „Zu Befehl, Herr Baron." Hub unter biefem Gespräche, da« schon halb im Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten bie dreizehnjährige, sich gerat» über den Wagen ihres kleinen.Bruders beugende Portiertochter von hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmvmcnt ebenfv rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick al« Antwort darauf. , Unb nun erst trat er durch die Gittertür auf die Straße. Hier fah er, unter der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor unb bann luieber nach dem Tiergarten zu, wo fich, wie auf einem Cainera«obscura» Glase, bic Menschen unb Fuhrwerke geräuschlos hin unb her bewegten. „Wie schön. Es ist boch wohl eine der besten Weiten." Siebentes Kapitel. Um zwölf war ber Dienst in der Kaserne getan, und Botho von Rienäcker ging bie Linben hinunter auf« Tor zu, lediglich in bet Absicht, bic Stunbe bi« znm Rendezvous bei Hiller, so gut sich'« tun liefe, auszufüllen. Zwei, drei Bilderläden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke stauben ein paar Oswald Achenbach« im Schaufenster, darunter eine palcrinitanische Strafec, schmutzig, und sonnig, und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits. „Es gibt boch Dinge, worüber man nie ms reine kommt. So mit beu Achenbach«. Bis vor kurzem hab ich auf Andrea« geschworen; aber wenn ich so was sehe, tote ba« hier, so weiß ich nicht, ob ihm ber Oswald nicht gleichkommt oder ihn Überholt. Jeden- sall« ist er bunter unb mannigfacher. All dergleichen aber ist mir bloß zu denken erlaubt, vor den Leuten c« auszusprechen hieße meinen ,Seesturm* ohne Not auf den halben Preis herabsetzen." (Forifetzung folgt.) kickL richei ntjtt. K.. habe, nixnt ° lieb ' 16, itffien Dir.je • Tih -cbc ! 2ir, ■ Tich er b:e Tön, >, M to bie donbe > 505 Hacht, i nictt BoH, mime nagen d nun An Wilhelm Hartlaub. Von Eduard Mörike. Durchs Fenster schien der helle Mond herein; Du sähest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin, Wo der Gesang versteckter Quellen klang. Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang. Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt, Ein jeder Ton ein lang' gehaltenes Schweigen Da fing das Firmament sich an zu neigen, Und jäh daran herab der Sterne selig Heer Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer, Bis Tropf' um Tropfen hell darin zerging, Die alte Nacht den öden Raum umfing! Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest, Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest, War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr, Zuletzt warst du es selbst, in dem ich mich verlor; Mein Herz durchzuckt' mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal. So wunderbar empfand ich es, so neu, Dah noch bestehe Freundeslieb' und Treu'! Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensübersluß! luiger must, ibenh > habe ichvn. 6 ein» aller- 2 orat h aitbt r nicht --Za, r Kott mt ihr - ganz lull': I nb die m uni seien, 8^ rtfel! :ber et werde Macht, beraub ch nach n roten Mae!« n ,S>, tuntet' i ich in :b auch ne ment n?“ worden len >iiaende lenden, ibesbea iob er, ib dann hsCU» tpegri". ieni**1'1 stund? Wb elend-« er ,ich-«' ie rt^1® Zeter' bloß!, •eiun” Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb und halb im klaren Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend überquoll. Du endigtest — ich schwieg. — Ach, warum ist doch eben ^Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben? [Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein: Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein. Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut, Verklingend so des Tages Lieblichkeit. Oie Geschichte vom kleinen Born. Nach einer Sage erzählt von Hedwig For st reute r. War einmal ein Mann, dem hatten die Frauen übel mitgespielt. Sie mlachten und hänselten ihn, weil er einen langsamen Kopf besah und es lustige Reden ungeschickt erwiderte. Was half es, dah ihm die rechten introorten hinterher einfielen? Dann hatten ihm die Mädchen längst den Mitten gewandt. Sie taten es mit Kichern und Achselzucken, aber warteten d«h, daß er ihnen nachkam und zu reden begann. Denn er war ein großer, |riöner Mensch mit treuherzigen Augen, und das unerfahrenste Ding schlte, daß der Günther wohl langsam von Wort und Handeln sei, aber Werlässig und echt wie Gold. Von solchen Gedanken spürte der Mann nichts; er hörte nur den Spott iib das Lachen und ärgerte sich. Im Grunde gefielen ihm die Mädchen richt gut, und er hätte gern einmal so ein flinkes, fchmiegsames Ding in Im Arm genommen, aber stets begann ein Köpfezufammenstecken und fiüftern, wenn er nur in eine Stube trat. Darüber wuchs fo ein Zorn in rit an, daß er gelobte, niemals eine Frau zu nehmen. Immer grimmiger t,d) er allem aus, was lange Röcke und aufgesteckte Zöpfe trug. Gab es imn auf der weiten Welt nirgends einen Ort ohne Weiber? Er wanderte umher als Gärtnerbursche, trat hier bei einem Herrn ein iib dort, und überall gab man ihm gern Lohn und Unterkunft, aber die Mädchen trieben ihn bald wieder fort. Also schnürte er immer wieder sein Bündel und wanderte. Sah er knmal einen dicken, zufriedenen Wirt in den Gasthäusern, so freute er ss) und meinte: den ärgert keine Ehefrau, sonst hätte er nicht so vergnügte äugen und so einen behaglichen Bauch. — Stand dann aber doch eine liirtin hinter dem Schanktisch, so schmeckte ihm das Bier wie eitel Galle, ui b er stieß im Fortgehen wie aus Ungeschick seinen Krug um, damit die {rau die Mühe des Bückens hatte. Schalt man hinter ihm drein, so lachte er nur und schritt eiliger aus. wer einen Ort ohne Frauen und Mädchen sand er nicht. Selbst wo nur i5,ei. drei Gehöfte einsam auf weitem Feld standen, auckte ein weißes S'Pfturfi zu den Stolltüren heraus oder ein bunter Rocksaum flatterte her eiligen Füßen. Eine helle Stimme fragte den Wanderer nach dem ’tiofjer und Wohin. Dann ging er brummend weiter, anstatt Rede zu iGen und einen Trunk zu nehmen oder für eines halben Tages Arbeit Km ein Nachtlager zu bitten. . r , Seine Wangen fielen ein von den seltenen Mahlzeiten, der Filz saß -!s glanzlosen Haaren, und unordentlich hingen die Kleider an ihm. Mch einer wüsten Nacht im Freien, die ihm in wirren Träumen ganze ft'ihen von Mädchen spöttisch tanzend zeiate, nach diesen Stunden Kumpfen Auffahrens nut noch buntöferem Entschlummern fand er an einer r 'rahalde ein roh gezimmertes einsames Haus, neben einer ungefaßten oielle. Vor der Tür hockte ein Mann, finster und bärtig, den stoof tief a die Schultern gezogen. Die Hütte stand offen und zeigte einen solchen twt derb zusammengeschlagenen Hausrats, Streu für die Ziege und a^lässig aufgeschichteter Holzvorräte, daß Günther nach einem Blick ^.ißte: hier herrscht keine Frau! . _ So trat er näher und ließ sich durch den unfreundlichen Gruß nicht i Ütchrecken. vor Mittag hatte der Bärtige den Günther als Knecht a»mietet, jr ® nun ging es an ein Arbeiten und Schaffen, bis um das Haus ein Gärtchen prangte, die Quelle mit Steinen sauber gefaßt war uni) das Holz in Stapem vor der Hütte stand, anstatt wie vorher in der Stube die Hälfte des Raumes einzunehmen. Aber wie sich Herr und Knecht gerade recht freuten an dem neuen Besitztum, kam schon das erste Mädchen den Berg herab und schlug vor der Berwandlung der Hütte fröhlich lachend die Hände zusammen. Sie schien nicht zu merken, daß die Männer sinstere Blicke zu ihr warfen und bat um einen Trunk aus dem neugefaßten Born. Als die Unhöflichen nicht antworteten, kniete sie nieder, um selbst zu schöpfen und sah im Niederbeugen ihr Bild und das des zugewanderten Mannes im Wasser. Er sah recht unwirsch aus, und das Lachen kam sie von neuem an, aber zugleich bemerkte sie auch, wie stattlich er war, und da blieb sie befangen mitten in ihrem Gelächter stecken. Günther wunderte sich darüber, doch ihre mutwilligen Augen hatten ihn schon zu sehr in Hitze gebracht — er wetterte und schalt, sie solle nur heimgehen und da weiter lachen, hier halte sie nur ernsthafte Männer von der Arbeit ab, und er begann, mit wildern Eifer Holz zu hacken. Dabei holte er fo mächtig aus und trieb die Axt mit solcher Gewalt in das Holz, daß dem Mädchen angst wurde vor dieser Heftigkeit. Sie sputete sich, fortzukommen. Im Gehen aber wandte sie noch einmal den Kopf und sah den Mann stehen, wie er ihr nachblickte, die Hand an der Axt, dach nicht mehr so finster wie vorher. Da faßte sie wieder der Uebermut, und sie warf eine Kußhand zurück, um dann schnell die Halde hinabzulaufen. Der Herr des Hauses schüttelte den Kopf, und Günther murrte vor sich hin, aber beiden war es nicht ganz ernst mit dem Widerstand. Das Mädchen hatte helle Augen, Kraushaar, das in einem einzigen Flimmern um ihren Kopf stand, und die Bänder des Hutes flatterten im Fortlaufen hinter ihm drein wie sanftes Locken. Die Männer schalten über die aufdringliche junge Person und mußten doch heimlich an diese Augen und das Bänderflattern denken. Von nun an arbeitete Günther noch eifriger, selbst mittags, wenn dis Sonne heiß auf die Halde niederbrannte, gönnte er sich keine Ruhe Zuweilen flieg er sogar um diese Zeit ein Stück den Berg hinauf und ging unter den Lärchen der Westseite hin und her, als habe er da etwas verloren. Aber er wußte selbst nicht, was dies fein könnte. Bis eines Tages ein bunter Rock durch die Stämme schimmerte und zwei Zöpfe flogen. Da blieb er nicht etwa stehen, weil er nun das Vermißte gefunden hatte; er rannte zu Tal, zornig wie Rübezahl, daß die Erde unter feinen Füßen rutschte und bröckelte und das Gesträuch abknickte, wo er vor- Überkam. Das Mädchen lief ihm nach, denn sie glaubte, im kleinen Berghause müsse ein Unglück geschehen sein, und als der Mann eben mit dem Aermel den Schweiß von der Stirn wischte, kam sie auch schon an, heftig atmend und mit so hochgeröteten Backen, daß sie hübscher aussah als das erstemal. Sie schaute sich um, da war alles still und sriedlich um das Haus! Blumen blühten, Bienen flogen, der Born plätscherte, und der Herr des Häuschens saß unter der Tür. Vorwurfsvoll blickte das Mädchen zu Günther auf. „So em Schreck! Ich dachte, hier sei jemand ein Leid geschehen. Was jagt ihr doch so wild einher, wenn es nirgends brennt?" Der Mann zuckte die Achseln. Wer hatte das Mädchen geheißen, sich über ihn zu erschrecken oder ihm gar nachzulaufen? Merkte sie nicht, daß man sie hier nicht brauchen konnte? Sein Schweigen schien sie nicht zu berühren; sie kühlte die Hande am. Born und ging dann in den schmalen Gartenwegen umher, bewunderte die neu gesetzten Bäume und das Beek mit jungem Gemüse. An ihn richtete sie ihre Worte gar nicht, nur immer an den Hausherrn, der mit seiner harten eingerosteten Stimme antwortete, den Kopf seltsam zwischen den^Schultern bewegte und ganz lebhaft wurde. Günther wußte nicht, weshalb ihn das von neuem ärgerte, er ging ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu. Von nun an war's aus mit der Ruhe um den kleinen Hof. Das Mädchen mußte geplaudert haben, denn immer öfter kamen Leute die Halde herab und machten sich vor der Hütte zu schaffen. Die einen fragten nach den fremden Kräutern im Garten, die Günther von seinen Wanderfahrten mitgebracht hatte, die anderen begehrten einen Trunk oder fragten auch nur nach dem Weg. Vor allem die Frauen hatten es mit dem Fragen -u tun. Sie wußten immer einen neuen Haken ihrer Rede einzuschlagen, so karg die Männer Auskunft gaben, und die beiden Sonderlinge fanden erst Frieden als sie sich stumm und blöde stellten und nur mit Gebärden und Kopfschütteln antworteten. Da ließen die müßigen Besucherinnen langsam ab, am Zaun zu lehnen und freundliche Augen zu machen. Denn niemand will gern einen blöden Mann haben. Und wenn er mit den Händen noch so geschickt ist und ein kleines Paradies hervorzaubert wo vorher Wildnis war. Kommt er auch breit und kräftig daher, em Blöder steht halb neben dem Tier: man graut sich vor ihm. Eine nur lachte, wenn die Leute von dem wunderlichen Paradies am Berge erzählten. Und im Spätsommer, als der Mond hoch stand, nahm sie einen Krug, Wasser zu holen aus dem Born. Sie war inzwischen em paarmal mit anderen Mädchen dagewesen und hatte ihren Krug gefüllt, belustigt durch das Schweigen der Männer und ihre heuchlerischen Grimassen wenn von Unbelehrbaren noch die eine ober andere Frage zu '^Dem Mädchen konnte der Günther nichts weiß machen; sie wußte daß er sie gern sah, so brummig und böse er tat. Aber sie war des Wartens nun müde und gedachte, ihren letzten Trumpf auszuspielen. Als der Mond über den Berg sah, klinkte sie die Pforte auf und kam leise den Garten hinab, denn sie wollte ausspähen, ob der Hauswirt nicht um den Weg sei — ihn konnte sie entbehren zu ihrem Vorhaben. Der Platz unter der Tür war leer, ein Licht schimmerte aus der Stube. So ging sie zum Born, füllte den Krug und leerte ihn wieder mit wohl- berechnetem. leisem Plätschern, bis Schritte hinter wr knirschten. Da nahm sie das Geiäß auf wie zu eiligem Fortgehen, erreichte die Pforte, knickte aber nach wenigen Schritten mit Jammerlauten in sich zusammen. Die Tritte hinter ihr verstummten, doch wie sie dringlicher rief, tarn ÜIW «d : 1 iie Ml "'7 (:t«b 'fa pi» litt! chl ,5 ,6 ,! ükiii ui bl hm nii M toi m Cfet k Id W iit« Kk» 6; In 8 wl ,t A fällige hat eine Ursache". Er will also ausdrücken, daß es eigentlich Zufall gibt. Aber wenig später gerät er mit sich selbst in Widers indem er die Bemerkung macht: „Zufällig ist alles, was auch nicht ba|s könnte". Mit Recht kritisiert Schopenhauer diese Unklarheit Un berühmten Kollegen und meint, was eine Ursache hat, das muh „ notwendigerweise immer da tein können. — Nun, wir wollen uns in solchen Spitzfindigkeiten ergehen, denn im Grunde handelt es sich. Der Zufall, sagt einmal Schopenhauer, ist eine böse Macht, ist aber em König, der große Geschenke gibt und uns zeigt, daß nicht alCü ehrlich verdient ist. ft»a U li-i« Jmi toi Der«ntwvrtlich: Dr. HanS Thhriot. - Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. II Ganz anders liegt folgender Fall: Ein Wanderer in den Alpen von einer aus der Höhe herabbrausenden Lawine erfaßt, in die hinabgeschleudert und getötet. Sein Wanderkamerad, der wenige Sch: vorauf ist, kommt eben noch mit dem Schrecken davon. Der Ueberleb« ist ein junger Mann, der Getötete ist in reiferen Jahren und hat । ganze Familie zu ernähren, die nun in tiefe Not gerät. Mußte schon e von beiden sterben, so hätte der Zufall den wählen sollen, der wenigsten Pflichten hatte, dessen Tod weniger schwere soziale Folgen sich brachte. — Zergliedern wir aber die Kette von Ursache und Wir dann wird der Zufall schon nicht mehr so zufällig. Hoch oben hatte ein Adler niedergelassen: der lose Schnee rutschte unter seinen Fän das Wetter war für Lawinenbildung günstig, und so wuchs aus Klei das große Unheil, donnernd zu Tal gehend. Aber jene Stelle, an der Augenblick der Gefahr die beiden Wanderer standen, war als Low Fallrinne nicht unbekannt, die Lage der Felsen hier erleichterte Vorkommnisse. Beide wußten das, beide wußten auch, daß man j Stellen möglichst schnell überschreiten muß. Der Jüngere, Beweglich! kam nur deshalb davon, weil er eben schneller lief. So könnte man die Zufälligkeit zerfasern, in Ursächlichkeiten spalten, aber wer will sagen, aus welchem Grunde jener Adler ausgere jenen Punkt zum Niedergehen wählte und jenen Zeitmoment? Es bli eben immer ein Rest, der unerklärbar ist, wo wir die Kette von Uri Günther näher. Cs konnte nicht anders sein, als daß er sie scheltend begrüßte. Was hatte sie in der Dunkelheit am Born zu tun, da jedes ehrbare Mädchen ins Haus gehörte? Und ob es oberhalb des Berges kein Wasser gebe? Sie antwortete nicht, denn sie wußte, daß ihn alles Reden noch mehr erboste, sie sah ihn nur an und wimmerte vor sich hin, bis er fragte, was denn fei, und ihr aufstehen half. Da hing sie nun kläglich in feinen Armen und weigerte sich, vor Schmerzen einen Schritt zu tun. Der Fuß müsse verstaucht fein Sie seufzte und bat, er mußte sie mehr tragen als führen, und das Herz jchlug ihm bis zum Halse hinauf Am Born, auf der kleinen Bank, ließ er sie niedersitzen und sah auf ihren krausen Scheitel herab, und wie die Zöpfe so schön und ebenmäßig an den Wangen niederhingen. Sie sprach nicht, und das gefiel ihm, überhaupt wenn er nachfann: sie hatte viel geschwiegen, feit sie das erstemal den Berg herabkam. Und ein törichtes Lachen, wie die anderen Frauensleute, hatte sie auch nicht. „Warum holst du nur Immer Wasser aus meinem Born?" sagte er und spielte mit ihrem Zopfende, ohne es zu wissen. „Wißt Ihr nicht, wie die Quelle entstand? Das erzählen noch die alten Frauen hier herum. Ein Mann lebte in der Einöde und sehnte sich nach Ruhm und Liebe, aber in der Schlacht hatte er einen Arm verloren, und so konnte er nicht mehr kämpfen, den Mädchen aber ging er aus dem Wege, denn sollten sie wohl einen Einarm lieben? Eine war da, die hätte ihn wohl gemocht, so trotzig und derb er war, aber er sah immer an ihr vorbei. Ihre Liebe war von fröhlicher Art, obgleich sie keine Hoffnung sah. Bel sich selbst hielt sie lange Gespräche mit dem Ersehnten, wie das die Weise liebender Seelen ist. Sie neckte ihn und gab ihm viele zärtliche Namen, erdachte hundert Listen, seinen Trotz zu entwaffnen, und führte doch nie eine aus. Ein wenig wunderlich von Wesen, halb lachend, halb seufzend strich sie durch den Wald und traf den Mann zuweilen beim Beerensuchen oder wenn er mit dem linken Arm Sammelholz hinter sich herschleifte. Dann sah er Ingrimmig und traurig aus wie ein armes stummleidendes Tier. Er jammerte sie so sehr, daß sie all ihre klug erwogenen Reden vergaßj sich still an einen Baum drückte und ihn vorüberließ. Einmal sah sie ihn bei einem Gewitter und entsetzte sich, weil er mit dem Sturm um die Wette rief und heulte, als sei er wieder in der Schlacht und der Donner der Hall der Geschütze. Er jauchzte, als der Blitz eine Eiche traf, und wäre wohl von einem nieberfaufenben Ast zu Tode getroffen, hätte bas Mädchen den Geblendeten nicht in höchster Angst zurückgertssen. Als sie beide aus ihrer Betäubung erwachten, war der Baum vor ihne verkohlt, sie tagen am Rande des Berges, der Regen hatte tiefe Sprünge und Riffe in den Boden geprägt Der Wald dampfte, und im Grase vor ihnen sprang ein armdicker Quell, so leise und innig plaudernd, als feien die heimlichen Liebesworte des Mädchens in ihm lebendig geworden Sie sahen sich um und lauschten, beugten sich vor zu dem Waffer, und bann küßten sie sich. Die Quelle rinnt noch heute unb führt die ßiebenben zusammen, auch wenn sie lange trotzig und verschlossen voreinander tun. Dies ist die Geschichte vom kleinen Vorn." Sie atmete tief und strich ihr Haar zurück. „Darum holt ihr Wasser aus unserem Born, du und alle die Frauen . unb Mädchen?" — Günther sprach so langsam unb leise, bah sie seine polternde Stimme nicht roiebererfannte. Er hob ihren Krug auf unb setzte ihn wieder zur Erde, seine Hand tauchte in das Wasser unb besprengte sie, unb bann lachten beibe. Sehr glücklich. Sie fuhren erst empor aus ihrer Versunkenheit, als ber Hauswirt nach Günther rief. Da liefen sie bavon wie zwei ertappte Kinber. sonber- barerroeife buchte das Mädchen nicht mehr an den schmerzenden Fuß. Wie vor Wochen den Berg herunter, so jagten sie nun den Berg hinauf und marken sich dann lachend ins mondbeschienene Gras. Als Günther endlich niederstieg, sah sie ihm nach unb war nach zehn Schritten wieder bei ibm, schelmisch und froh: „Grüß den Born von mir unb sag ihm schönen Donk. Nun brauchst du dich nicht mehr stumm zu stellen vor den anderen Frauen, sie werden von selbst wegbleiben —" Günther fand keine Antwort. So schnell konnte er sich nicht an das neue heitere Wesen gewöhnen, er hatte zu lange gescholten. So nickte er nur und hielt in seinen großen Fäusten mit ungeschickter Zärtlichkeit ihre Hand. Das CMeft des Zufalls. Eine nachdenkliche Betrachtung von Bruno H. Bürgel. Als Napoleon auf St. Helena gefangen saß, den kleinlichen Schikanen des berüchtigten .Kerkermeisters" Sir Hudson Lowe ausgesetzt, hatte er genug Gelegenheit, fein Leben und seinen beispiellosen Ausitieg und Fall zu überdenken. Kurz vor seinem Tode sprach er fein berühmt gewordenes Wort über den Zufall aus: „Der einzige König auf Erden ist ber Zufall!" Resigniert bekannte er, daß auch seine Ruhmestaten vielfach günstigen, vorher nicht berechenbaren Konstellationen zu bauten seien, und wer mag es dem gefallenen Löwen verdenken, wenn er auch seinen Zusammenbruch dem Zufall zuschrieb, vor allem dem furchtbaren Winter des Jahres 1812, der die Katastrophe in Rußland vollendete. lieber dieses merkwürdige Etwas, das wir „Zufall" nennen, sind schon seit den Tagen des griechischen Dhilosopden Aristoteles bis in die Neuzeit hinein ganze Bibliotheken scharfsinniger Betrachtungen geschrieben worden. Gibt es einen Zu kalk oder gibt es ihn nicht? Selbst so gründliche Denker wie unser großer Köniasberger Philisoph Kant sind an dieser Klivpe gescheitert. In seiner .Kritik der reinen Vernunft" sagt er: „Alles Zu- und Wirkung im Dunkel sich verlieren sehen. — Zufällig fällt ein fl ausgerechnet an dem Tage die Treppe herab unb bricht ein Bein, an es zum erstenmal eine Serienreife machen soll. War es ganz so zuMi fitri War nicht die freubtge Erregung bes Kinbes schuld an ber UnachtsamÄ an ber verminderten Vorsicht? — Ausgerechnet reißen uns bann I Schuhsenkel, wenn wir es sehr eilig haben, schnellstens fort müssen, 1 unfern Zug zu erreichen Ist es wirklich ber Kobold „Zufall", ber sich! eimnischt, um uns bas schon abgewetzte Schuhband härter anfassen w zuziehen läßt? Jemand wird „zufällig" vom Blitz getroffen, kommt f einem Eisenbahnunglück zu Schaden; aber es zeigt sich, daß auch 3l;l unb Eisenbahnunglücksfälle gewissen Gesetzmäßigkeiten gehorchen, mi bem Zufall. Der Getroffene war ßanbbriefträger. Nun, gerabe Levi arbeitet, Förster, Soldaten auf dem Marsch, kurz ßeute, die sich viel i Freien aufhalten, bem Wetter viel ausgesetzt sind im freien Geläut hüben einen hohen Prozentsatz ber vom Blitz Getöteten, unb (Eifenbeir Unfälle pflegen sich in ben allermeisten Fällen in den frühen MoM oder den späten Abendstunden und bei Einfahrten in einen Bahnho^r ereignen. Auch hier sind leicht erklärliche Ursachen hinter dem Zi°r sichtbar. einen Wortstreit. Vor einiger Zeit wurde ein Mann zum Tode verurteilt. „Ich habet, nur dem Umstande zu verdanken", sagte er vor Gericht, „daß ein äpj vom Baum fiel." — Das will uns merkwürdig erscheinen, unb boch diese Bemerkung einen richtigen Sern. Der Verurteilte hatte sich n-q , i]jh| auf einen Bauernhof geschlichen, um ben Hühnerstall auszuplunbern. A, 4 war ganz gut abgegangen, vom Stanbpuntt des Diebes aus gesehen, u, er wollte sich eben davon machen, als der Bauer, die Flinte in ber hu, bas Fenster aufrih. Ein Apfel war mit schwerem Schlag auf das Fen-i, brett niebergefallen unb hatte ben Besitzer bes Anwesens aufgeweckt. J anbere schoß, ehe der Bauer schießen konnte, und tötete den Mann. ■ „Das eben ist ber Fluch der bösen Tat" — so können mir zitieren —, „daß sie sortzeugend Böses muß gebären!" Der Richter ni4| sich die Philosophie bes Zufalls, bie hier den Apfel verantwortlich m wollte, nicht zu eigen gemacht haben, fonbern erwog die einfache Zatfag reihe: Hättest du nicht ben Einbruch gemacht, hätten hunbert Aepfel s können, ohne die Katastrophe heraufzubeschwören; nicht der Zufall hier schuld, sondern dein wohlerwogenes Gaunerstück! So aber ist es zumeist mit Zufällen: sie erscheinen uns als solche, wir nicht immer die ganze Kette von Ursache und Wirkung vom ersten zum letzten Glied überschauen können. Zwei Freunde haben sich seit vii Jahren nicht gesehen, obwohl sie beide in Berlin wohnen. Der eine f: zur Leipziger Messe, und plötzlich steht in ber fremben Stadt ein d Bekannter vor ihm. „Welch ein Zufall!" Ja, weshalb eigentlich? ~ sind Kaufleute, beide haben Interesse daran, die Messe zu besuchen: treffen sich auf einem Gebiet, bas räumlich immerhin wesentlich kle ist als bie Viermillionenstabt Berlin, und da eine Messe ja nur k Seit dauert, ist auch die zeitliche Treffmöglichkeit hier wesentlich günsti Kas Sichfinden der beiden Freunde ist also nicht so erstaunenswert. In der Tat sind große Erfindungen und Entdeckungen Zufälligkeit zu verdanken. Mit ganz anderen Erperimenten beschäftigt, sieht RöntDt eines Tages auf einem Leuchtschirm das Knochengerüst feiner Hand »ei entdeckt die Röntgenstrahlen. Ein junger englischer Arzt, der so beruh« gewordene Jenner, hört ganz zufällig eine Bäuerin erzählen, | L sie bei ber großen Pocken-Cmdemie verschont blieb, w-il sie vorher bur« ihre an Blattern erkrankte Kuh angesteckt worden sei. Jenner geht biei'1 J Sinnen nach und wird mit seiner „Schutzvocken-Jmpfung" einer ber atoW# Wohltäter ber Menschheit. Ein Zufall führt zur Entdeckung der aktwitat. bes ersten Lustballons, des Vomellans nsw. usw. macht Glückt Glückliche, unb bennoch bleibt die Wahrheit bestehen: „Glück hat auf ’ Dauer nur ber Tüchtige!"