GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1939 Montag, den 2. Oktober Nummer 76 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 11. Fortsetzung. Sie krochen mit den Köpfen zusammen, und ihr Flüstern ver- einigte sich. Einige Zeit danach huschte die Griselle, genau so heimlich wie sie gekommen war, aus dem Hause. Es gelang ihr, ohne Aufsehen zurückzukehren und die Bodenluke zu erreichen. Sie hörte das friedvoll« Schnarchen des Geliebten, aber sie wagte nicht, ihn durch Klopfen zu wecken, so kratzt« sie lange an der Tür. Schließlich wurde Poiporenc« munter. Er öffnete den Verschlag, zog die Griselle zu sich herein und wurde zärtliche Es war nachtschwarz im Raume, die.Stunde zu heimlicher Liebkosung wie geschaffen, denn di« Soldaten im Hause schliefen. Der kühnen Liebe schönste Eigenschaft ist die Sorglosigkeit. Aber Germaine wehrte ihn hart ab und zwang ihn zum Zuhören. Die beiden hielten Kopf an Kopf eine flüsternde Zwiesprache, eine ähnliche wie sie vorhin in der Mairie mit Ann Moreland geschehen war. Theophil küßte sie, nachdem er alles vernommen hatte, dann sagte er .inbrünstig: „Wenn das nur gut geht!" Aber er wehrte ihr nicht, als sie davonging. Er lauschte ihr lange nach und glaubte zu hören, daß sie das Haus wiederum verließ. Der Hauptplatz von Blifseron konnte ml in keiner Weise mit dem Place d'armes von Mereville aufnehmen. Wi Schelm zeigt mehr, als er hat, und Blifseron war ein biederes Dorf und nicht schelmisch genug, sich anders zu geben, als es war. Es verfuchte nichts vorzutäuschen: es war ein Dorf mit Wohnhäusern, Scheunen und einer Dorsstraße. Zwei große Landstraßen kreuzten sich hier, just an deren Schnitl- !>unlt weitete sich die Dorfstraße zu einem Platz, auf dem aber weder Baum noch Strauch stand. Es sah aus, als habe sich das Dorf heftig ; pwehrt, etwas von dem Grün zu übernehmen, dos die Natur rings um Blifseron mit Berschwendung ausgestreut hatte. Doch war der Platz nicht ohne Leben, es rauschte zwar keines Baumes Krone int Wind, dafür sandte ein plätschernder Röhrenbrunnen seinen Strahl in ein langes rechteckiges Becken, dessen aus derbem Holz gefertig- ler breiter Rand eine handliche Unterlage für die Wäsche war, welche Blisserons Frauen und Mägde an diesem Brunnen und in diesem Becken auschen. Die Bewohner von Blifseron waren minder zurückhaltend als die von Rtzreville. Die Natur bestimmt den Taglauf des Bauern, ob draußen, im Stall oder auf der Tenne. Die Natur verlangt für das Brot, das sie gibt, Schweiß und Ordnung, und es ist immer die gleiche, wohlgefügte, ehrliche Wiederholung Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Es war rd:o auch in der Ordnung, daß an bestimmten Tagen der Poche am Brunnen die Wäsche gewaschen wurde, sowohl die wirklich wrhandene Wäsche als auch jene, die nicht bei der Hand war, denn jtb r WäschetckH war ein heimliches Gericht und Weiberparlament. ' ■ Dutzend schwatzender lachender Weiberzungen, dazu das Klatschen der ketten, das Platschen der im Wasser geschwenkten Wäschestücke pb t»n Lärm ab, den das Dorf nicht überhören konnte. Die auf- und niedertauchenden Frauenrücken, die nackten kräftigen $nne, die aus Holzschuhen buntbestrumpft aufsteigenden Waden der Beiher waren ein sehr vergnügliches Bild, das sich dem Premierleutnant "lling bot. I Er wunderte sich, wie wenig der Krieg dieses Dorf^oerändert hatte, rreilich, h^r roar weder ein Gefecht, geschweige eine Schlacht gewesen, P‘r dörfliche oder bürgerliche Tageslauf hatte in dieser Gegend, die ruhig iv Besitz genommen worden war, kaum eine Unterbrechung erfahren, die ; Leidenschaften, welche sich gegen die Eroberer zu sammeln versuchten, i - ieben in den Stuben und Kammern versteckt und wandelten sich in mmpfe Ergebenheit oder Haß gegen die eigene Führung, von der man ich verraten glaubte. „ Inzwischen vollzog sich die Einschließung von Paris, und Kellings Manen hüteten zu ihres Premierleutnants Mißvergnügen eine Straßenkreuzung. Kellings Mienen waren, wenn er sich von seinen Untergebenen nicht beobachtet glaubte, der leidenschaftlichste Widerspruch gegen seine eigene Anwesenheit in Blifseron. Bor der Posthalterei stieß er aus Krätke: „Wie gefällt es Ihnen hier?" Krätke strahlte philosophische Gelassenheit zurück und erwiderte, daß der Soldat sich nie und nirgends beklagen dürfe. Es fei wunderschön, aber erbärmlich still in Blifseron. Kelling blickte sich um, als sei das Außerordentliche vielleicht irgendwo verborgen und es tarne sich nur hinter einer dörflichen Idylle. „Eine kleine und, wie ich hoffe, freudige Abwechslung blüht uns freilich", tröstete der Wachtmeister zaghaft, „die Feldpost kommt heute!" O deutsche Ordnung, o ihr Rädchen, die ihr sauber gezahnt ineinandergreift! Schon gießt sich der Brieffegen der Heimat über die einsamen Kommandos aus! „Schön für Sie alle! Ich wünschte, ich könnte mir die Zeichen der Heimat lieber auf Feldwacht zuwerfen taffen — ich lese meinen Brief am liebsten, wenn in meiner Nähe die Gefahr steht unb mich ansiehtl Stätte, stellen Sie sich vor: wir halten am Waldrand, vor uns, wo der Dunst der Weltstadt wie eine Wolke am Horizont lagert, dort ist Paris! Das nicht erleben! Nicht dabei sein! Hier hocken! Krätke, heulen Sie!" Aber Krätke heulte nicht, und die Post war auf ruhiger Straße unterwegs. x Die Kutsche, die sich am allerfrüheften Morgen holprig über den Place d'armes von Mereville bewegte, war ein altes Vehikel, das der französischen Poft gehört und bereits seinen Dienst lange vor Errichtung der ersten Eisenbahn getan haben mußte. Man vermißt bei ihrem Anblick sofort den Schwager mit blinkendem Horn und dachte an den Postillon von Lonjumeau. Die deutsche Feldpost aber hatte die Kutsche nüchtern und unromantisch beschlagnahmt und sie auf eine der sogleich eingerichteten Linien, welche di« einzelnen Kommandos verband, gesetzt. Der Tag war, wie gesagt, in Mereville noch nicht erwacht, das Licht dehnte sich noch, die Stube in der Mairie war schwarz. Unteroffizier Weidlich schlief, während vor der Mairie der letzte Wachtposten der Nacht sich auf Ablösung freute. Niemand hatte sich darum gekümmert, wo Germaine Griselle die Nacht verbrachte, da man sie im Hause des Herrn Beauvisage vermutete. So wunderte sich auch Weidlich nicht, als Germaine in die Stube trat. Die Tür knirschte in den Angeln, es klang wie das Lachen eines Schelmen. Gestern hatte die Tür noch nicht gekreischt. Die Griselle nahm die Vorhänge von den Fenstern, die Stube füllte sich mit dem falben grauen Licht des langsam heraufkriechenden Tages. Weidlich blinzelte durch die schlaftrunkenen Lider und erinnert« sich sogleich: Ach dieses Weib! „3a du großmäulige Zänkische, nun geht es fort, das hast du davon!" sagte Weidlich, und Germaine verstand es nicht. Aber sie begriff wohl den Sinn dieser Worte, sie hob die Arme steif von den Hüften und ließ sie wieder fallen; die Geste sollte wohl heißen, daß sie sich in ihr Schicksal ergebe. Auf der Postkutsche faßen ein Postillon und ein Landwehrmann. Die beiden stiegen ab. Sie fröstelten, denn der Morgen war kühl. Der Postillon hob einen Postsack aus der Kutsche. Der Landwehrmann suchte mit den Augen und erkannte die Mairie an dem Posten, der vor dem Hause stand. Die beiden schlenderten hinüber. Der Platz war still. Keine Seele ließ sich blicken. Aus dem Fenster der Mairie sah Weidlich. Er nickte. Es war Zeit für die Griselle. Sie empfing ihr Ausweispapier, das ihr Urteil enthielt. Der Landwehrmann wechselte ein paar Worte mit der Wache, dann betrat er mit dem Postillon das Haus. Der Postillon legte den Postsack ab, er war ein wortkarger Mann und hatte außer dem Gruß, den er sich abrang, offenbar keine Lust zu einem morgendlichen Gespräch. „Dieses Weib", sagte Weidlich, „mußt ihr mitnehmen!" Damit gab er dem Landwehrmaiur den schriftlichen Befehl, ähnlich dem, den die Griselle als ihren eigenen Ausweis bereits bekommen hatte, nur war dieser schriftliche Befehl weit ausführlicher. Nach einigen Worten bat der Landwehrmann um die Erlaubnis, feine Tabakpfeife, die verstopft war, reinigen zu dürfen. Der Postillon entdeckte an der Ofentür einen Draht, den er stumm feinem Begleiter reichte. Der andere nahm die Pfeife mißmutig auseinander und stocherte in dem Pfeifenrohr herum. Die Griselle deutete gestenreich an, daß im Flur ein Bündel m.t einigen Habfeligkeiten liege, das sie mitnehmen wolle. „Aber nur bis Blifseron das Weib!" sagte der Landwehrmann. „Warum nur bis dorthin?" fragte Weidlich. „Weil wir nur bis Blifseron Postorder haben!" „Und wer fährt die Post von Bllsseron weiter?" fragte Weidlich. ,Sas wird man wohl In Vlifferon wissen", meinte der Landwehrmann und fügte hinzu, daß dort ein anderer Feldpostbezirk beginne. „Dann muß sie halt umsteigen", gähnte der Unteroffizier und sah, daß sich die Griselle entfernte, um ihr Bündel zu holen. „Endlich zieht sie", sagte der Landwehrmann und meinte die Pfeife. Als er sie in Brand gesteckt hatte, warf er einen Blick auf den Postillon, der auf dem Stuhl eingedröselt war. „Wo ist das Weib?" fragte er so laut, daß der Postmann erwachte. Weidlich erschrak. Donner! Sie war ausgerissen... Aber ein Blick aus dem Fenster beruhigte ihn: „Eine gehorsame Person, die Folgsamkeit habe ich ihr gar nicht zugetraut, dort steigt sie ein!" Die drei Männer beobachteten, wie die Griselle in den leeren Passagierraum der Kutsche stieg. Der Landwehrmann rauchte seine Pfeife zu Ende mit einem Ernst, als sei dies die wichtigste Beschäftigung feines Lebens, und fürwahr, er war ein genußvoller Raucher. (Er hatte jüngst ein virginisches Kraut entdeckt und es pfundweise eingekauft.) Der Unteroffizier hätte ihn gern ob dieses Verweilens gerügt, denn er wollte noch eine Mütze Schlaf mitnehmen, bevor der Tag vollends erwachte. Aber schließlich hatten auch die Postleute, die schon seit mitt- nachts von Beauvillers aus auf Reifen waren, ihr Verlangen nach königlich preußischer Ruhe, und solchen Anspruch muß man achten. Endlich erhoben sich die beiden. „Wenn ihr die Person nicht weiterfahren könnt, müßt ihr sie beim Ortskommandanten der letzten Station abgeben, verstanden?" sagte Weidlich. „Schon gut", erwiderte der Landwehrmann. Hell knallten die Nagelschuhe über das Pflaster des Place d'armes. Der Postillon stieg auf den Bock, aber bevor der Landwehrmann folgte, warf er einen Blick in das Innere des Wagens. Da faß die Frauensperson, ganz in eine Decke gehüllt, und schlief, oder tat so, als ob sie schliefe. In der nächsten größeren Ortschaft, in Savigne, gab es nur wenig Aufenthalt. Die, Mannschaften waren zum Appell angetreten und konnten sich nur mit den Augen um die Kutsche kümmern. In Savigne wurde der Postillon die meisten Postsäcke los, denn von hier aus ritten Ordonnanzen nach den Kommandos, die seitab der Heerstraße tagen. z Bevor die Feldpost weiterfuhr, vergewisserte sich der Landwehrmann — ob jein Passagier nicht etwa — was konnte alles geschehen — durch den Boden des Gefährtes gefallen und auf der Landstraße verlorengegangen war. Da faß das Weib noch immer in die Ecke gedrückt in der Stellung, die sie bei Beginn der Fahrt eingenommen hatte. Sie hatte die Decke über den Kops gezogen, Augen und Mund schauten aus der Vermummung, sehr ängstlich, wie es schien. Der Landwehrmann legte eine Scheibe Brot und ein Stück Wurst neben die Frau, denn er war ein gütiger Mensch. In diesem Augenblick schien es, als zwinkere ihm die scheinbar Schlafende zu. Schnell schloß er die Tür der Kutsche, denn dieses Zwinkern war vielleicht eine Versuchung. Aber während der Fahrt versank der Landwehrmann in Grübeln, denn irgend etwas war ihm bei seinem weiblichen Passagier anders vorgekommen als bei der Ausreise. Er überlas den Ausweisungsbefehl: Germaine Griselle aus Vignelles jur mer, Wirtschafterin, wird auf Befehl des unterzeichneten Ortskommandanten aus Mereville ausgewiesen und in der Richtung ihres Heimatortes abgeschoben. Alle militärischen Stellen werden ersucht, diesem Transport ihren Beistand zu gewähren, damit die Griselle schleunigst aus dem Operations- und Etappengebiet entfernt wird. Die Germaine Griselle ist eines leichten Lebenswandels verdächtig. Begleitmannschaften sollen jedes Gespräch mit der Griselle vermeiden. Sie ist keinen Augenblick ohne Aussicht zu lassen! Nein, in diesen Zeilen war nichts zu entdecken, was sein Unbehagen stützte. Aber die lebende Fracht war ihm auf einmal, er wußte nicht wie, unheimlich. Die Post hielt vor der Posthalterei in Blisieron. Der Landwehrmann stieg ab, der Postillon folgte. Der Wachtposten wies die beiden ins Haus. Kräfte empfing den Postfack. „Wir haben ein Weid mitgebracht!" sagte der Landwehrmann und gab Kräfte den Befehl. Krätke las ihn, wunderte sich und reichte ihn Setting, der jetzt ins Zimmer trat. „Was sollen wir denn mit einer Weibsperson?" fragte der Premierleutnant. e Der Landwehrmann erwiderte mit Haltung, daß er mit seiner Post wieder umkehre. Er fei der Meinung, daß von hier eine andere Postlinie weitergehe, mit der die Ausgewiesene dann sozusagen von Hand zu Hand in der befohlenen Richtung weitergegeben würde. Vielleicht war die neue Feldpost geplant, aber eingerichtet war sie noch nicht, zurllckschicken konnte man die Person auch nicht, es würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als sie bis zur Gelegenheit eines Abjchubs hier zu behalten. > „Ich will mir dieses unflätigen Benehmens schuldige Wesen einmal ansehen! Da hat man uns etwas Schönes aujgehalst", sagte Selling. Die Ausgewiesene stieg langsam aus der Kutsche, es geschah sehr unbeholfen. Sie hatte sich während der ganzen Fahrt kaum gerührt, ihre Glieder waren steif, doch wagte sie nicht, sie zu dehnen. Als sie den Blick hob, schwankte sie und wäre umgefallen, wenn nicht Krätke sie aufgefangen hätte. Der Landwehrmann aber fühlte, wie die Unruhe, der er unterwegs anheimgefatten war, sich jäh zu einer Erkenntnis wandelte: das war nicht die Frau, die er in der Mairie in Mereville gesehen hatte! Die Frau aber, nun wieder gefaßt, reichte Selling den Ausweisungsbefehl — der Landwehrmann sah es und erkannte, daß doch alles in Ordnung war. So jagte er feinen Verdacht rasch davon und wunderte sich nur im stillen, wie leicht man im Dämmerlicht einer Täuschung verfallen kann. „Es ist gut", sagte Setting und entließ den Mann. Dann juchte jein Blick Kräfte, tmti er sakj, Sckß Miffkdse fSertoffhSerung Such kn des Wachtmeisters Gesicht stand. Selling jetzte sich. Ja, er mußte sich setzen. Des Wachtmeisters uni) Settings Augen hingen an der Frau. „Da soll doch der Teufel —", sagte Setting laut. Er zeigte Kräfte den Befehl, den der Landwehrmann zurückgelasjen hatte: Germaine Griselle, wegen unflätigen Benehmens abgeschoben! Leichtsinnigen Lebenswandels verdächtig! „Sie find Germaine Griselle, Wirtschafterin aus Mereville? , Ja!" erwiderte die Ausgewiesene schwach. Ihr Herz schlug in raschen Schlägen, am liebsten hätte sie sich in einer stumpfen tierischen Angst in die Arme eines der Männer geworfen und wäre ohnmächtig geworden. „Zum Teufel!" schrie Selling. „Sie heißen Griselle? Ich denke, Sie sind eine reisende Engländerin? Der Bahnhofsvorsteher, mit dem wir Sie auf der Chaussee erwischten, beteuerte es! Der Maire von Mereville war aus dem gleichen Grunde Ihr Gastgeber! Ihre Art zu sprechen verrät es! Auf einmal sind Sie eine Französin und heißen Griselle?" Sie schwieg. Es war ihr noch nie geschehen, daß sie jemand anschne. Hier geschah es. Sie brach in Tränen aus, obwohl sie sich verzweifelt wehrte, 311 diesem weiblichen Samps- und Hilssmittel Zuflucht zu nehmen. „Heulen Sie sich nur aus", sagte Selling, „ich gehöre zu den Mannern, die Tränen sehen können." Srätte schob ihr einen Stuhl hin. Sie setzte sich und weinte weiter sie wußte nicht, woher all die Tränen kamen. Sein Wunder. Ihr Gemüt lag unter schweren Wolken, es regnete in ihrer Seele. Wenn mich Gilbert Jllington jetzt sähe, es wäre sein schönster Triumph, dachte sie. Denn die weinende Frau war Ann Moreland. Bei der Verwandlung der Germaine Griselle in Ann Moreland mstchtc das Glück die Spielkarten, das ist gewiß. Der Aufbruch von Ätereville war gleichwohl em Sunststuck, dessen Ausführung einen Geheimagenten beschämen konnte. Die beiden Frauen hatten mit Gerissenheit und Wagemut jeden Augenblick berechnet. Je Heller der Tag, desto schwieriger das Unter, nehmen. . ... . Der Himmel war aber dem Gelingen gnädig, denn er zog sich ein Wolkenkleid an, grau wie der Diener eines Geheimnisses. Die Luft war schwer von Düsternis, es roch nach Tragödie, obwohl die Stunde weil davon entfernt war. , Während der Nacht hockten die verschworenen Weiber in Anns Zimmer. Es waren verschiedene'Naturen, aber sie verstanden einander. Ein fester Sitt fügte ihr Unternehmen, wie Mörtel den Stein bindet: die eine brauchte die andere, um das zu erreichen, was sie erreichen wollte. Ann war überzeugt, daß sie von Vignelles für mer mindestens Bow loqne jur mer erreichen könnte. Germaine wollte in Mereville bleiben, heimlich zwar, doch um der Heimlichkeit gefährlichen Preis in den Armen Theophils. „Ich hole mein Bündel", hatte die Griselle'zu Weidlich gejagt unD sich in dem morgenmüden Augenblick, in dem die Männer ihre Anwesen- heit vergaßen, auf den dunklen Hausflur begeben. . Dort zwischen Treppengang und Hausflur nahm Ann Kopftuch uno Mantel der Grifelle und fchob dann, mit Decke und Bündel beloben, hm- äber zur Sutfdje. _ m Sie hatte Germaine genMbeobachtet, sie versuchte sogar deren Gang nachzuasMen.e üer(ie^ trug sie den Sopf tief im Mantelkragen, ein verständliches Gehaben, wenn man an den kühlen Morgen denkt. Sie schielte ein wenig nach dem Wachtposten, ob er sie auch sah. Ann ging wie mit Blei an den Füßen. So geht eine Ausgewiesene, Verbannte, schwer und bedrückt. Am liebsten wäre sie freilich nach der Sutsche gerannt. Aber sie bezwang sich und war eine gute Sonwöiantm, um so mehr, als sie sich ihre Rolle ja selbst geschrieben hatte. Der Posten, der von der Ausweisung wußte, dachte: Ja, so geyr s, frech darf so eine nicht werden, da hat sie nun ihren Lohn! Auch Weidlich und die beiden Pojtbegleiter sahen sie etnfteigen. In der Sutsche duckte sie sich zusammen, versteckte Gesicht und J)°ar in der großen Decke und spielte die Verängstigte. , Dieses Spiel fiel ihr nicht allzu schwer. Denn als es in den am klarenden Tag hinausging und die Sonnenstrahlen durch das Kmiw fenfter sprangen, kroch eine Bedrückung in ihr Herz und schnürte um mit der Teufelsschnur einer bösen Vorahnung ihre Selfie zu. Ihr h Es würde, wer weiß, vielleicht alles nicht so gut gehen, wie H)rl Gedanken die nächsten Tage an den Himmel der Zuversicht malten. Für die Griselle wäre es nach Ann Morelands Abreise nicht schwer gewesen, aus der Mairie durch das Gartentürchen zu entweichen. Gefährlicher war es, in das Haus Beauvifage zu tomnWn. Das keine Hintertür. „ . ... .. „ Zwar konnte Germaine über des Nachbarn Grundstück schleichen un ein Zaunstück ausbredjen, doch hatte auch der Nachbar, wie das 1) Beauvisage, (Einquartierung. ... Die Griselle warf solchen Plan hin und her, offne eine Entschewun« zu treffen. Sie kauerte im verlassenen Zimmer der Engländerin, naajuc sie die Tür sorglich verschlossen hatte. . Sie grübelte und wartete. Der Tag erwachte vollends. Die r)vu, gegenüber öffneten die Fensterläden: es sah aus, als schlüge der v d'armes di« Augen auf. , Auch die Mairie schüttelte das nächtliche Schweigen at). •; ßabatut trat ängstlich an, Adamaux wartete bereits vor bem1 W 1 Die Befehle des Hauptmanns Baernburg belebten die Wochm ' ' Gruppen van Soldaten aus den einzelnen Quartieren tröpfelten ou! den Platz. Die Kompanie trat zum Appell an. (Fortsetzung folgt.) Künstlers! Fug und Von Johann Wolfgang von Goethe. Ein frommer Maler mit vielem Fleiß Hatte manchmal gewonnen den Preis, Und manchmal ließ er's auch gescheh«. Daß er einem Bessern nach muht' stehn; Hatte seine Tafeln fortgemalt. Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt. Da kamen einige gut hinaus; Man baut ihn'n sogar ein Heiligenhaus. Nun fand er Gelegenheit einnjgl, Zu malen eine Wand im Saal; Mit emsigen Zügen er staffiert, Wie öfters in der Welt passiert; Zog seinen Umriß leicht und klar. Man konnte sehn, was gemeint da wa>. Mit wenig Farben er koloriert. Doch so, daß er das Äug' frappiert. Er glaubt es für den Platz gerecht Und nicht zu gut und nicht zu schlecht, Daß es versammelte Herrn und Frau'n Möchten einmal mit Lust beschaun; Zugleich er auch noch wünscht' und wollt'. Daß man dabei was denken sollt'. x Als nun die Arbeit fertig war, Da trat herein manch Freundespaar, Das unsers Künstlers Werke liebt. Und darum desto mehr betrübt, Daß an der losen, leidigen Wand Nicht auch ein Götterbildnis stand. Die setzten ihn sogleich zur Red', Warum er so was malen töt'. Da doch der Saal und seine Wand' Gehörten nur für Narrenhänd; Er sollte sich nicht verführen Und nun auch Bänk' und Tische beschmieren; Er sollte bei feinen Tafeln bleiben Und hübsch mit seinem Pinsel schreiben; Und sssgten ihm von dieser Art Noch viel Verbindlich's in den Bart. Er sprach darauf bescheidentlich: „Eure gute Meinung beschämet mich. Es freut mich mehr nichts auf der Welt, Als wenn euch je mein Werk gefällt. Da aber aus eigenem Beruf Gott der Herr allerlei Tier' erschuf, Daß auch sogar das wüste Schwein, Kröten und Schlangen vom Herren sein. Und er auch manches ebaud}iert*. Und gerade nicht alles ausgeführt (Wie man den Menschen denn selbst nicht scharf und nur en gros betrachten darf): So hab' ich als ein armer Knecht Vom sündlich menschlichen Geschlecht Von Jugend auf allerlei Lust gespürt Und mich in allerlei exerziert. Und so durch Uebung und durch Glück Gelang mir, sagt ihr, manches Stück. Nun dächt' ich, nach vielem Rennen und Laufen Dürft' einer auch einmal verschnaufen. Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt', Ihn ’nen faulen Bengel heißen sollt'. Drum ist mein Wort zu dieser Frist Wie's allezeit gewesen ist: . Mit keiner Arbeit hab' ich geprahlt, "nd was ich gemalt hab', hab' ich gemalt." Hans Ldowa. Zum hundertsten Geburtstag des Malers am 2. Oktober. Von Ern st von Niebelschütz. Unter den deutschen Malern in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- taiberts hat keiner einen solchen Grad von Volkstümlichkeit erlangt wie kt Schwarzwälder Bauernsohn Hans Thoma. Daß der Ruhm ihn •fit spät erreicht und den für Huldigungen nicht Unempfänglichen auch >iht selten aus der Bahn gedrängt hat, sollte keinen Anlaß dazu geben, k» Thoma der siebziger und achtziger Jahre in Gegensatz zu dem späten “Ptna zu bringen, den Maler gegen den Fabulieret: auszuspielen. Im »runde sind sie nicht zu trennen, so wenig das bei Schwind oder Ludwig Wer möglich ist. Mit ihnen teilt Thoma auch die eingeborene Heben hgung, daß^die „reine" Malerei, die sich mit der Wiedergabe der stcht- Men Welt und mit einer dem Auge wohlgefälligen Kombination von wrbcoerten begnügt, nicht das Letzte sein kann, daß es vielmehr Ausgabe ks Künstlers sein muß, das Weltganze zu umfassen und zu erfahren, hinter den Dingen ist. nn ,, , „„„„ Thoma hat sich zu jeder Zeit „vom Rätselraten der Welt umfangen JWt, fo daß es nicht schwer ist, auch in seinen frühen Bildern, die man Recht als Wunderwerke einer naiven Malkunst preist, den „Poeten J »hm zu sehen. Ein Feldblumenstrauß, ein Mäbchenbilbnis aus dieser Eiode, in der er Courbet, dem geradesten, phrasenlosesten seiner sran- * Entworfen, aus dem Rohen gearbeitet. zosischen Kollegen, nachzueffern trachtete, fink eben doch deutscher, Re haben das „hinter den Dingen", das die Franzosen nicht haben Erft später, als Thoma um diese Mission wußte, als er das Deutsche im Gegenständlichen zu suchen begann, hat er zuweilen seine frühere Unbefangenheit verloren. Es ist vielleicht das Schicksal aller „Maler-Poeten", doppelt erklärlich in einer Zeit, in der man an der Existenzberechtigung von einer Volkstumskunst überhaupt zu zweifeln begann und das Gerede *on einer internationalen Malerei, die von Paris ihr Stichwort zu empfangen hatte,'gerade die gesündesten Kräfte zum Widerspruch aufrief. Die Grundsätze, die ihn beim Schassen leiteten, hat er einmal so formuliert: „Tun und Wirken als Ausdruck eines ruhigen, in sich gegründeten Seins, ohne vorgefaßte Absicht, damit die Welt zu beglücken und belehren zu wallen — ein frohes Spiel der in ihm liegenden Kraft — ohne immer an das Bewußtsein einer Endabsicht, eines Zweckes dieses Schassens anzustoßen, das ist das Wesen eines Künstlers". Von feiner Sendung hatte er eine hohe Vorstellung: „Ein wirklicher Künstler kann gar kein Kunstmärtyrer fein, auch wenn die Sebensmifere, die er ja mit allen Sterblichen gemeinsam zu tragen hat, ihn verfolgt; gerade in feinem Schaffen ist ihm etwas gegeben, was ihn über den Zufall der Geschehnisse erhebt." Wenn wir das lesen, fallen uns seine schönsten Bilder ein: die Landschaften seiner Heimat mit den hellen Wiesenbächlein und den ziehenden Wolken am hohen Himmel — alle so deutsch, daß auch die in Italien gemalten — und wie hat er den Süden geliebt! — so aussehen, als sei etwas von der Traulichkeit der grünen Matten und Wälder des Schwarzwaldes auf sie übergegangen, die Bildnisse auch, die ihm am schönsten geraten, wenn Beziehungen von Mensch zu Mensch das Verhältnis zwischen Künstler und Modell bestimmen, und schließlich auch viele der religiösen und mythologischen Bilder, fromm in jenem besten und wahrsten Sinne, der alles irdische Tun unter Gottes Hand stellt oder die Natur mit Wesen bevölkert sieht, die von Geiste der Landschaft selbst ins Dasein gerufen zu fein scheinen. Malte er nach einem Programm? Nach den oben zitierten Worten: nein. Das war die schönste Zeit, wo er — nach einem Witzwort feines Freundes Bayersdorfer — „unverkäufliche Bilder" zu malen den herrlichen Ehrgeiz hatte und wahlwollende Kunstfchulprofefforen ihm zuredeten, künftig fo zu malen, wie gebildete Menschen es verlangen könnten. Als nach einem Vierteljahrhundert mit der Münchner Kunstver- einsausstellung von 1890 der Ruhm kam und damit die kritiklose Bewunderung der Thomagemeinde dem deutschesten der Maler noch ein besonderes deutsches Programm aufzudrängen beflissen war, da verließ ihn zuweilen die schlafwandlerische Sicherheit, und die Gefahr eines inneren Bruches wurde akut. Heute aber geziemt es sich, daß wir uns an das Unvergängliche feines reichen Lebenswerkes halten. Das ist freilich nicht das, was den lauten und allgemeinen Ruhm genießt, aber es ist groß genug, um uns das Recht zu geben, unter den Namen, an die wir denken, wenn wir für das Ewige der deutschen Kunst nach Worten suchen, auch den Namen Hans Thoma ?" Von Irmgard Thomas. Als der tzrühsommer strahlend ins Land kam, hielt es den jungen Maler Hans Thoma nicht mehr in Karlsruhe. Es wollte ihm nicht aus dem Sinn gehen, um wie vieles schöner der Juni droben im Heimatdörfchen fei als in der großen Stadt zwischen den hohen, steinernen Mauern. Und wenn er eiwa den Stift zur Hand nahm, fo zeichnete er immer wieder das kleine Häuschen, darin die Mutter wohnte, die sammer- lustigen Reigen der Kinder auf der Dorfstraße und die Menschen, die hin zu den Feldern gehen. Mit jedem Tag wuchs die Sehnsucht, bis er endlich [ein Ränzlein packte und sich auf den Weg machte nach Bernau. Als er die schönen Türme des Freiburger Münsters erst einmal wieder sah, wurde dem jungen Maler so recht froh zumute und er dachte, daß es auf der Welt doch nichts befferes gebe, als fo in den Tag hinein zu wandern. Und weil er zu früher Stunde keinem Menschen begegnete, so gehörte ihm halt allein die ganze Schönheit rings umher, und er war fröhlich darum, pfiff und fang, wie es ihm just einfiel. In das Glück der Sommerwanderung kam auch noch ein Quentlein Stolz, denn feit er von daheim weggegangen, hatte er als Maler schon manchen hübschen Erfolg gehabt, und er vermeinte, man müsse es ihm geradezu ansehen, daß er als ein „Besonderer" heimkehre nach Bernau. Die Sonne meinte es gut an diesem Tag, uttd so dachte denn Hans Thoma gegen den Mittag hin, es könnte ein kühler Schluck vor dem letzten Aufstieg gut tun. Er trat denn auch in ein kleines Wirtshaus am Weg, lud bas Ränzlein ab, rückte sich auf der hölzernen Bank zurecht und rief: „Heda, Frau Wirtin!" In der Tür erschien nach geraumer Weile eine behäbige Frau und fragte nach feinem Begehr. , Ein Sdjöpplein vom Besten", bestellte der Hans Thoma, klimpert ein wenig mit den Groschen in der Tasche und kommt sich recht wie ein großer Herr vor. Die Frau schenkt es ihm ohne sonderliche Eile ein und stellt s vor ihn -hin auf den blanken Tisch. „Woher die Reis'" fragt sie gleichmütig. „Von Karlsruh", gibt der Gast zurück. „So, fo von Karlsruh, das ist halt arg weit!" Hans Thoma nickt mit wichtiger Miene. Sie soll sehen, daß er ein gereifter Herr ist. „Und wo geht's hin?" geht das landesübliche Fragenfpiel weiter. „Nach Bernau droben!" „Da find Sie wohl in Bernau zu Haus?" forscht die Wirtin. „Ja", antwortet Hans Thoma, und es brennt ihm auf der Zunge, sich' als ein „Besonderer" auszuweisen. „Ja, ich bin schon von Bernau. Aber ich leb holt schon lang in der Stabt brinnen, wegen bem Berus, wissen's Frau W'rtin!" Unb er wird ihr auf bie nächste Frage bann anf= Worten, daß er?Iti Künstler ist, auch keln gar so schlechter, töTe die Beul sagen. Da' fragt die Frau Wirtin schon: „Da sind's wohl ein Schneider? Ja, ja, in die große Städte, da gibt's schon gute Arbeit!" Dem Hans Thoma ist da mit einem Mal der Hochmut vergangen. Er hat nicht viel geantwortet, hat still seinen Schoppen ausgetrunken und bezahlt, ohne noch einmal mit den Silberstücklein zu prunken, ,x Und dann ist er rasch weitergestiegen, hinauf nach Bernau. Als er in dem kleinen Schwarzwaldstüblein daheim ankam, da hat er gedacht, daß man vor der Mutter kein „Besonderer" sein braucht, um wohl empfangen zu werden. Er hat es dann bescheiden gehalten, auch als er ein berühmter Mann geworden war. heimliche Welt. Von Clemens Brentano, Sprich aus der Ferne heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt. Wenn das Abendrot niedergesunken, keine freudige Farbe mehr spricht, und die Kränze still leuchtender Funken die Nacht um die schattige Stirne sticht: Wehet der Sterne heiliger Sinn leis durch die Ferne bis zu mir hin. Wenn des Mondes still lindernde Tränen lösen der Nächte verborgenes Weh, dann wehet Friede, In goldenen Kähnen schiffen die Geister im himmlischen See, Glänzender Lieder klingender Lauf ringelt sich nieder, wallet hinauf. Wenn der Mitternacht heiliges Grauen bang durch die dunklen Wälder hinschleicht, und die Büsche gar wundersam schauen, alles sich finster, tiefsinnig bezeugt, wandelt im Dunkeln freundliches Spiel, still Lichter funkeln, schimmerndes Ziel. Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, bietet sich tröstend und trauernd die Hand, sind durch die Nächte die Lieder gewunden, alles ist ewig im Innern verwandt. Sprich aus der Ferne heimliche Welt, die. sich so gerne u mir gesellt. -v.enfd) und Künstler. Von Friedrich Germer, Großen-Linden. Zu der schon recht ansehnlichen Zahl von Schriften über Hans Thoma ist vor kurzem ein neues Buch gekommen: Stunden mit Hans Thoma, von Margarete Spemann (Engelhorns Nachf. Adolf Spemann, Stuttgart). Es gibt sich ganz anspruchslos, ist aber fa wertvoll, daß hier einiges daraus wiedergeg?ben fei, auch anderen Lust zu machen, es, zu lesen. Es gibt uns ein Bild des Mannes im hohen Alter, von feinem 78. Lebensjahr bis zu seinem Tod als 85jähriger, ganz intim, und keusch. Die Verfasserin kam 1917 zum ersten Male mit Thoma in persönliche Verbindung, war dann oft bei chm und feiner Schwester zu Besuch in Karlsruhe und Marxzell und hat das Wertvolle aus den Gesprächen, wie sie versichert, stets gewissenhaft am folgenden Tage ausgeschrieben. Aus diesen Niederschriften ist das Buch entstanden, das darum auch ganz ursprünglich wirkt. Der selbst einiges als teueren Besitz hütet, was Hans Thoma ihm und feiner Frau geschrieben hat, bis zwei Wochen vor des Künstlers Heimgang, kann • bestätigen, daß alle/ in dem Buche ganz echt ist. lieber Hans Thoma ist ja Jahrzehnte hindurch viel geschrieben worden, zuerst gegen ihn, dann über chn und für ihn. Und als Greis hat er dann selbst über sein Leben und seine Kunst noch Bücher geschrieben: „Im Herbst des Lebens" und „Im Winter des Lebens", dazu kleinere Schriften zusammengefaßt unter der Ueberjchrift „Suchende Seele". Da die Schriften während oder bald nach dem Weltkrieg geschrieben sind, werden sie uns heute, im Krieg, besonders bedeutungsvoll. Nicht ver- gönnt war es ihm noch, wie er vorhatte, ein Buch über Jesus zu schreiben. Das wäre wohl eine Ergänzung geworden zu dem Christus- bilderzyklus in der sogenannten Kapelle in der Gemäldegalerie in Karlsruhe. Gemeinhin kennt man Hans Thoma nur als Maler. Aber, was er von Gottfried Keller sagt, der zuerst Maler werden wollte, dann aber Schriftsteller wurde — er wäre wohl ein großer Maler geworden — das gilt umgekehrt von ihm selbst, er wäre ein großer Schriftsteller, Dichter in Worten, geworden. Mehr als das: dem großen Maler ist's beschieden worden, im Alter auch noch ein Großer des geschriebenen Wortes zu werden. Die Lust zu schreiben, zu dichten, trieb ihn, wie er erzählt, schon in früher Jugend. Er begann einen Roman, dessen Gegenstand das Leben und Sterben seines älteren, früh als Dorfschullehrer verstorbenen Bruders war. Später hat er gelegentlich in Zeitungen geschrieben, äks er, was sä Tange Zeit hindurch geschah, öffentlich an. gegriffen wurde wegen seiner Kunst, die zunächst nur bei wenigen Vec. I ständnis fand. Er spricht davon im Alter: „Eine Zeitung hat entdeckt, daß ich schreiben kann. Das war so: ich las einmal in der Zeitung einen» wütenden Artikel von einer Malerin gegen mich, da fühlte id) mich gedrungen, zu antworten." Im allgemeinen aber hat er sich aus den Angriffen nicht viel ge. | macht, wie er oft versichert, ist schweigend, seiner sicher, unbeirrt seinen Weg gegangen. Seinen Humor hat er dabei auch nicht einge. büßt. Er kann erzählen, wie er sich in der schlimmen Anfangszeit ehrlich über eine Anerkennung durch einen Kunstvereinsdiener gefreut habe, der auf die Frage, wer denn dieser Thoma sei, die treuherzige Antwort gegeben habe: „Es ist ein dicker Herr, aber er gibt gute Trinkgelder." Anders lautete ein Urteil auch eines Dieners über ihn, eine Prophezeiung. Der 78jährige Thoma erzählt es: „Ein alter Amt», diener in Karlsruhe, der an der Tür war, als ich als ganz junger, schüchterner Mensch mich dort bewerben wollte um eine Freistelle an der Schule, ober was — ich weih nimmer — sagte zu mir: ,Denl dran, du wirst noch amol Direktor von der ganze Kunst'. 40 Jahre später ist das in Erfüllung gegangen. Er sagte das so ernst, so eilt.: drucksvoll, daß es mir tiefen Eindruck machte. Ein ganz alter eilt" facher Mann" Bis zur Erfüllung — Thoma war zuletzt Direktor der Gemäldegalerie in Karlsruhe — war allerdings noch ein dornenvoller Weg, Zeiten, noch in Frankfurt zu Anfang, wo er froh war, wenn er für ein Bild 100 Mark bekam, das später für 16 000 Mark verkauft wurde, oder daß er Bilder für ein Cafe in Frankfurt malen durfte, wobei er sich kümmerlich zurecht helfen mußte, weil sein Atelier für bw Bilder zu klein war. Von Anerkennung fand er übrigens damit zunächst das Gegenteil. Ein Handwerker versah zugleich dort Wände mit Schablonenbildern. Heber Thomas Bilder urteilten Gäste so.ad- fällig, daß der Malermeister es für angebracht hielt, bekanntzumachem, diese Bilder seien nicht von ihm gemacht. Einige treue Freunde haben in der schweren Zeit wohl zu ihm gestanden. Seine stärkste seelische Stütze aber war ihm allezeit sein« Mutter. Er war noch ihr Bub, wie er schon 60 Jahre alt war, den sie noch mahnte, wenn er über die Straße ging, daß er auch acht haben solle, daß er sich nicht an den Briefkasten stoße. Zugleich aber gab sie Urteile ab über seine Bilder, die ihm trefflicher erschienen als die von Zunftgenossen. Sie hat immer an seinen Beruf geglaubt In seinen Lebenserinnerungen hat er von ihr soviel geschrieben, daß er im Eingang seiner Selbstbiographie mit recht sagen kann, dar Buch sei nun zugleich eine Lebensbeschreibung von ihr. Dieses Verhältnis des Sohnes zu seiner Mutter, des genialen Künstlers zu der ganz ein» fachen Frau hat in der deutschen Literatur kaum seinesgleichen. Di* schlichte Größe dieser Frau ist begründet in ihrer hohen geistigen Begabung und ihrem tiefen frommen Gemüt. Das ist ihres Sohnes'Erbteil geworden. Margarete Spemann schreibt von ihm nach einem Besuch: „Die Güte dieses Menschen ist bezaubernd die Wahrheit, die Einfachheit. Darin liegt seine Macht über die Menschen." Diese kurze Charakkeristik ist treffend. Belege zum Erweis bietrin sich unzählige: „Schickt mir ba (Februar 1918) aus bem Schützengraben einer mein Seelenbüchlein und bittet mich um meine Unterschrift, weilt er’s so arg gern hätte. Ich hab ihm hineingeschrieben, ich wollte es tun,, weil er das Büchle jo gern habe. /Wenn das aber alle verlangten, er= wüchs' mir Leid aus Liebe." (Er fühlte sich nämlich zur Zeit feha schwach.) Ein andermal: „Ein Lehrer in Semmering in Oesterreich hak mir geschrieben. Er ist als Taglöhnersohn als Hirtenbüble aufgewachsen., Habs bann soweit gebracht Er betet mich fast an; er sei gut und fromm geworden durch meine Bilder. Er bittet mich, ihm ein gerbst meines Lebens" zu schenken. Er könne es sich nicht kaufen. Das hab ich getan und ein Gedicht hineingeschrieben." Eine Schulklasse in einem Schwarz-- walddorfe schreibt ihm, er dankt ausführlich, und als die Kinder jedes einzeln wieder Dankbriefe schreiben, freut er sich darüber wie ein Kind Seine Güte war ohne Grenzen. Oft seufzt er, wohl unter der Last, als« siecher alter Mann den vielen zu danken, die seiner in Verehrung unH Liebe gedacht, bei Geburtstagen und anderem Anlaß, aber er tut w dann doch — aus Güte. . | An Hans Thoma ist das schöne Bibelwort wahr geworden: „Dm sollst im Alter zu Grab kommen, wie Garben eingeführt werden zm feiner Zeit." Dieses Leben hat alle seine Früchte zur Reife bringen, können. Am reifsten sind die spätgeernteten. Das angeführte Buch bal* manche aufgelesen, Urteile des gereiften Alters über die letzten Fra gen-- die uns an geh en, über Leben und Tod; auch über Menschen, die für du, Menschheit Bedeutung gehabt haben, zumal für unser Volk. So wenn, er von Goethe sagt: „Mit Goethes Gedichten bin ich durchs Leben ge-- wandert; die sind in allen meinen Bildern; die hätten ihm auch gefallen." Oder wenn er beim Gespräch über Johann Sebastian Back, bescheiden meint, er sei unmusikalisch, aber beim ersten erkenne er, ®°5' von Bach sei, und ein andermal mit Bewegung davon spricht, wie i*)"1 im Hause Wahnfried eine Bachkantate ergriffen habe. Der Raum ertaubt nicht, mehr der Beispiele anzuführen. Zan>, Schluß noch eine Aeußerung über das Verhältnis von Religion um« Kunst, — nicht aus Spemanns Aufzeichnungen, sondern aus einem, Brief an den evangelischen Pfarrer, dem die Abdrucke der beiden Thoma-- bilder in der Kirche ,zu Bernau (Thomas Geburtsort) beilagen, habe die Malerei den Bernauern vor 50 Jahren versprochen und tonntr es endlich doch erfüllen. Das eine ist Maria über Bernau schweben» von Vögeln begrüßt. Das andere Bild ist Johannes der Täufer, de Schutzpatron der Kirche auf den Herannahenden Jesus hinweisend, v™ habe für die Peterskirche (evangelisch) in Heidelberg zwei Bilder gen*0 ; und jetzt zwei für Bernau (katholisch); — mir kommt vor, als ob v Kunst ein gewisses Recht darauf hätte, konfessionslos zu fein, — 01101 wenn sie nicht religionslos ist." ____ Verantwortlich: l)r. Fr. W. Lang e. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen