SietzenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer W Zreitag, den 2. Juni gang 1959 , biefn ieri|d)« die f unb den wie - 0 «i 1i9e.l1 h Sjtn »ilieja Id* lein in N. Ndi e, H :en. ki «r irj rößtftt ii> ud ’iethii ne jt uu* «w heile! er m inrW [eibipil ^vgestalt ging er denn, vom Heiligen^ Vater aufgeopfert, die Hof- mH« i elinget > ■mbelfi tn«t> reete.® Banne schlagend. Wie der alt« König, denn diesen unlieben Namen mutzte mein Herr seit der Krönung seines Sohnes tragen, diese zwei Botschaften erhielt, gebärdete er sich wie ein wahnsinniger Mann. Er tobte, entgürtete sich vor seinen Knechten, warf sich stöhnend auf sein Lager, zerfetzte 1'!- feiben en Decken, ritz mit den Zähnen die Wolle aus den Polstern zerschlug sich die Brust mit verzweifelten Fäusten. .Löset mir den verruchten Vampir vom Herzen!' heulte er, .... Schaum vor dem Munde, und meinte Herrn Thomas, ,er zernagt mir Leib und Seele!'" Herr Burkhardt hörte diese Mär mit Unlust, denn er war ein reichstreuer Waiblinger und darum auch in den Händeln anderer Nationen ein königlich gesinnter Mann. Es konnte ihm nicht gefallen, einen grotzen und tapfer« Fürsten in solcher Erniedrigung seiner selbst zu erblicken. Er machte seinem Mißbehagen mit einem Stiche gegen den gehärteten Armbruster Luft. „Die zwei Hiobsposten an demselben Tage? ... Hans, du träumst! — Liegt doch ein volles Jahr dazwischen, wenn die Zahlen auf den Rändern meiner Chronik nicht lügen! ..." „Bleibt mir vom Leib mit nichtigen Zahlen!" grollte der Armbruster. „Ein anderes ist es", fügte er, seines unwirschen Wortes sich sogleich bewußt, mildernd hinzu, „ob einer noch im Tagewerk und in der Zeit steht, oder ob der Tod sein Lebensbuch geschlossen hat. Ist einmal das letzte Sandkorn verrollt, so tritt der Mensch aus der Reihe der Tag« und Stunden hinaus und steht als ein fertiges und deutliches Wesen vor dem Gerichte Gottes und der Menschen. Beide haben recht und unrecht, Eure Chronik und mein Gedächtnis, jene mit ihren auf Pergament gezeichneten Buchstaben, ich mit den Zeichen, die in mein Herz gegraben find. Aber haltet mich nicht auf! Mich verlangt zu enden, lieber Herr. Denn ich erblicke ein blutiges, totes Haupt vor mir und den gegeißelten Rücken meines Königs. Elftes Kapitel. Am Abend des Tages, da mein Herr und König durch fein blindes Wüten sich selbst geschändet und vor feinen Knechten erniedrigt hatte, saß ich niedergeschlagen und einsam, voll Scham und Trauer um meinen Herrn, auf einem Mäuerchen bei den Stallungen. Da erhielt Ich unversehens einen Schlag auf die Schulter, und Herr Richard, der nach seinen Hengsten geschaut, schwang sich, leutselig, wie er mit den Knechten war, rittlings neben mich auf die Mauer. w* dB- DER HEILIGE Novelle von Conrad Zerüinan- Mester 9. Fortsetzung. tbes Kapetingers vermeidend, am Wanderstabe des Elends von zu Kloster, und oft verloren sich seine Spuren. Während so seine 1 Mschkell in Frankreich ab nahm und schwand, wuchs seine Macht und f t ije Gegenwart in Engelland und stand über den trauernden ®iei)i»n wie der Vollmond in der Nacht. Ober, wenn Ihr lieber wollt, Thomas wohnte wie das Christkind im Stalle, niedrig und prächtig, '1 L'n englischen Hütten und Herzen. Er herrschte dort als König und die Furcht aus den Seelen. Hefe meine Augen haben es gesehen, wie die Sachsen und mehr ihre Weiber jetzt, da Herr Heinrich den Primas gerichtet hatte, 1 |hi Majestät Ehrfurcht und Kniebeugung verweigerten, sich abkehrend, . vorüberritt. Noch ist mir ein Stücklein davon erinnerlich. Mein lustwandelte eines Tages in seinen Gärten, wo sie sich gegen -m'b und Fluß ins Freie verlieren, und ich ging nach meiner Ge- !n Geiste den verfolgten Bischof von dem ehemaligen Kanzler nicht jfltirn. Diesen hatte er wiederholt als einen durchtriebenen Staats- trnir erfahren, und es erschien ihm verdächtig, daß er jetzt von seiner un6 jii ut keinen Gebrauch mache, sondern sich verfolgen lasse wie ein großer der ersten Kirche oder ein schwärmerischer Ketzer der jüng- rihiü I'!** Seit. . J. ui) ft wurde mir von glaubwürdigen Zeugen versichert, und, wie ich taitfr *.tr Thomas kannte, hielt ich es für Wahrheit, er habe seine Sache wollt»gehalten und seine Hände rein von jedem Verrat an seinem Herrn ui) röntge, den Papst nicht weiter in Anspruch genommen und vom U f la;( inger nichts verlangt als eine Klosterzelle, wohin er sein Haupt @ereW hettt.,'1 J 1 ?eit von ferne In feinen Stapfen. Da kroch aus den blühenden ,q5 I«111 .'W ein blondes Sachsenkind hervor und geriet dem König zwischen 'Pfütze. Der heute gutgelaunte Herr hob den Buben auf, liebkoste \ *r 1B|,b drückte ihm ein Silberstück in das Händchen. .Halte fest, mein sagte er. Da sprang die Mutter, die sich in einer ersten An- JJjf« ung von Ehrfurcht und Zittern hinter einen Baumstamm geduckt We mit brennenden Augen hervor, entriß dem Kinde die Münze und » sie entsetzt ins Dickicht, als wäre es einer der dreißig verfluchten fwlinge. Ich eilte herbei, um die Freche, welche mit dem Kinde auf 1 ,arme davonrannte, zu ergreifen. Herr Heinrich aber sprach: .Hans, •'rlfs laufen!' und wandelte fürbaß mit verdorbener Laune, seufzend -ichdenklich. -g und Nacht ging alles Träumen und Sinnen meines Königs hin, wie er Herrn Thomas feiner Primaswürde, an der, rote er le ltnfebeie, die Verehrung der Sachsen hing, rechtsgültig und für -fi’f" entkleide. Darüber habe ich ihn oft, die Faust auf die otirne grübeln und brüten sehen. Eines Morgens trat er mit trtum= Jis war König Ludwig, den sie den Jüngling nannten, weil er als 6 ei nbärtiger Knabe den Thron bestieg, und der Name blieb ihm, da ef?!- nie zu einer herzhaften Männlichkeit gebracht hat; wie denn auch ", 1 r-i Ellinor, die er als feine Königin heimgefllhrt hatte, in der Gärung re' 1 ilrwiihermütiaen Juaend lick bitterlicb beklaate. man habe fie mit einem t leit9/ ein, daß Prinz Heinrich neben feinem Vater gekrönt werd«, und es krönte und salbt« den Jüngling der normännische Bischof von Pork. Darauf folgte ein der Gelegenheit würdiges Festmahl, und dabei begab es sich, wie ich hier vor einem Jahr« Euern Brüdern, den Herren im Stift, vorgemacht und nach Wahrheit beteuert habe, daß mein Herr dem Jungkönige Heinz bei Tische diente und ihm eigenhändig die Speis« vorlegte. .Heute bin ich einer schweren Bürde ledig geworden!' rief er und vergoß Tränen der Freude. Ist Euch di« List der Sache klar, Herr? Erkennet Ihr, welche Last mein König abzuwerfen wähnte? Ihr schüttelt das Haupt? Wohlan, hier habt Ihr den Schlüssel dazu. Das große Privilegium, der unvergleichliche Edelstein der bischöflichen Mütze von Canterburi; war die Krönung der englischen Könige. Dadurch, daß sie ein anderer Bischof vollzog, wurde die Primaswürde vernichtet und Herr Thomas heruntergedrückt. So rechnete mein König und ergriff das Mittel, den eitetn Heinz an feine Seit« auf den Thron zu hebens denn er meinte, fein Erstgeborener werde sich damit begnügen, das schimmernde Krönlein auf seinem Haupte im Spiegel zu betrachten und es auf Gewand und Pferdedecke sticken zu lassen. War der Plan nicht sein und staatsklug wie weiland die Ratschläge des jetzt der Schlauheit der Welt abgestorbenen Kanzlers? Es war ein böses Fündlein, wie Herr Heinrich kein schlimmeres hätte tun können! Wenig« Wochen später zeigt« es sich. Zwei Unheilskunden langten an dem gleichen Tage in Windsor an. Die eine erzählte, Jungkönig Heinrich sei, den wetterwendischen Herrn Gottfried mit sich ziehend, nach Paris geritten unter dem Vorwand« eines Turniers, in Wahrheit aber, um die jenseits der TOeeresenge gelegenen Länder des Normannenreiches unnötiger- und schmählicherweise von dem Kapetinger zu Lehen zu nehmen. Die andere lautete, der verborgene Herr Thomas sei in einer französischen Stadt zu Pfingsten an den Tag getreten und habe unter dröhnendem Glockenschlage die brennenden Kerzen auf dem Hauptaltar« des Doms mit dem Hauche feines Mundes gelöscht, den Bischof von Pork, der in die Rechte des Stuhles von Canterbury gegriffen, mit dem 11 Et ^n AnHefichts aus feiner Kammer — er glaubte das Rätsel ui» ®Sr am Tage der Himmelfahrt unseres Herrn, daß Herr Heinrich ii nji reten. Er konnte kein rechtes Vertrauen zu ihm fassen und in Hans', sagt« er ohne Umschweife, .Leine Augen haben gesehen, wie sinnlos und unritterlich sich der Vater heute gebärdeteI Versänke dieser Tag in ewige Finsternis! ... Eine reihende Bestie! ... Jammer und Schande! ... Zwei kindlich« Zornestränen rannen über seine Wangen. — ,®ut noch, daß die Aufrührer, der Heinz und der Gottfried, solches Ding nicht geschaut haben; sie würden den elenden Mann am französischen Hose und bei allen andern Thronen als einen Wahnwitzigen und Unfähigen auskünden, der fein Reich fo wenig als fein eigen Gemüt bezähmen und regieren kann. Bleibt es fo, oder wird es schlimmer mit ihm ei, wie leichtes Spiel haben die Brüderlein, dem Vater die Krone vom Haupte zu reißen und mir mein Erbteil zu entwindens Aber bei den Augen Gottes', beteuerte er, Has darf nicht dauern! ...' Habet Geduld, Herr Richard', unterbrach ich ihn, .und weichet nicht von einem Kranken! Wenn Ihr mit Sicherheit in Euer Erbe treten wollt, bauet auf Gottes Verheißung, die denen, so Vater und Mutter ehren, langes Leben und den Besitz des Lebens verbirgt! .Richt meinetwegen allein muß das Ding ein Ende nehmen', sagte Herr Richard. .Ich bin der Drittgeborne, und, meiner Treu, mich ergötzte besser, ein Reich mit dieser Faust zu ergreifen, als das des Eroberers zu erben! Aber ...' er sprang aus die Füße und reckte die Hand gen Himmel, .umkommen lass« ich es nicht, das Reich des Normannen, so wahr fein Blut in meinen Adern rollt! Diesseits und jenseits des Meeres soll es zusammenhalten und di« Welt beherrschen!' Wie er so hoch und herrlich vor mir stand, konnte ich von feinem Glanz das Auge nicht verwenden. Er aber wandte sich zu mir mit den ungeduldigen Worten: ,5)ans, wo begann das? Und wurde so schlimm? In der Stunde, sag' ich dir, wo der Vater mit der Weisheit, das ist mit Herrn Thomas entzweit«. — Widersprich mir nicht! — Ich will verkappt über Meer und nach dem Kloster fahren, wo der Primas fastet und betet. Er hat mich liebgehabt und liebt mich zur heutigen Stunde, wenn noch eine Faser feines Wesens unvermöncht ist. — Red« wir nicht ein! — Ich gehe, feine Kni« zu umfassen! Ich will flehen und bitten — nicht wie ein Kömgskind und nicht wie zu einem Menschen ..., ich ruhe und raste nicht, bis ich die zweie zueinandergezogen und ver- söhnt Hube! ... Er mutz wiederum des Vaters Kanzler werden; denn allein feiner großen und einzigen Weisheit ist es möglich, das Wirr- n'S3d) wußte, wie gerne Herr Richard sich verkleidete und auf Abenteuer ausritt. Diesmal jedoch wurde er durch frommes, kindliches Leid mehr noch als durch fein Blut getrieben. Ich hielt dem ehrlichen Wildsang noch vor, wie leicht mißlungene Versöhnung in verschärfte Feindschaft umschlägt; dann ging ich unverzüglich, ihm und mir geringes Gewand zu verfchaffen, willfährig ihn auf feinen Wegen zu begleiten, denn die fröhliche Zuversicht feiner Augen hatte mich Gewitzigten verblendet. Urlaub von meinem König« nahm ich nicht, dieweil es ihm selbst genehm sein muhte, nachdem ich der Zeuge seiner Schmach gewesen, meinen Anblick etliche Tage zu missen. Wir durchritten Frankreich, in zwei ärmliche deutsche Reiter verkleidet, die Kriegsdienst und Löhnung suchen. Herr Richards Jugend und Adel aber strahlten so siegreich aus dem geflickten Mantel hervor, daß ich, um jeden Verdacht abzuwenden, mich meiner Hofsitten gänzlich entäußerte, in Herbergen und auf Heerstraßen gröblich fluchend und schwörend in meinem väterlichen Alemannisch. Auch ritte» Wir nacht und rasteten des Tages. Da stieß ich mit einem zusammen in einer Herberge, wo Herr Richard in der entlegensten Kammer schlief, mit einem, der von unten her Gewalt über die Geister empfangen hatte, der mit scharfem Schwerte und noch schärferer Zunge, wo er stand und ging, wie ein Engel der Zwietracht Bande der Natur zerschnitt und den Frieden mordete. Auch das Löwenherz sollte ihn später erfahren, aber jenes Tages blieb er noch vor ihm verschont. Ich faß vor meinem Imbiß in der Trinkstube, oa horte ich Pferde- aestamps auf dem gepflasterten Flur und den Lärm eines anlangenden reisigen Truppes. Ein fünf ober sechs in Kostbarkeit gekleideter und turniermäßig gewaffneter Ritter traten ein und verlangten einen guten, schnellen Trunk. . Es waren Südfranzosen von gelenken Gliedern, feurigen Augen und geflügelter Rede, di«, wie ich bald erfuhr, von einem Lanzenfpiele in der berühmten Stadt Paris tarnen, das sie infolge eines plötzlich «nt- loderten bösartigen Zwistes fluchtweis« verlassen hatten. Sie ließen Scheiter ins Feuer werfen und setzten sich scherzend und silbenstechend um den lodernden Herd. Kreuz und quer sprangen die klingenden Worte. Die einen der Jünglinge fetzten die Frauen von Paris herunter neben den Schönheiten von Arles und Tarascon, die andern erhitzten sich wiederum an dem Zwist, der ihnen das Fest vergällt und gekürzt hatte. ,r , .... Wer diesen gestiftet, darüber war ich nicht im Zweifel. Gerade jetzt sprang er wieder von seinem Sitze und in ihre Mitte, der mit den brennenden Augen und flatternden Haaren, und machte sich zum Herrn des Gespräches? .Wahr ist es, überall wo ich hinttete, lodert dl« Flamm« aus der Erde', rief er ihnen zu, .hoch und aufrichtig, kein ersttcktes Feuer, wie das eurige! Hasset ihr sie doch auch im stillen, ihr Provenzalen und Aquitanien, Kinder der Sonne, diese Leute des Nordens mit den gepanzerten Gliedern und steifen Gebärden, mit der herrischen Sprache und den begehrlichen Augen! Fühlet ihr doch, wie sie euch beneiden, ihr Begünstigten, eure von Del und Wein triefenden Hügel, die alte Freiheit eurer römischen Städte, eure glücklichen Porte, wo die Waren und die Gedanken der Erde getauscht werden, Meer und Himmel, eure vollkommenen Weiber, eure süßeste Sprache! Fühlet ihr doch, daß sie euch aus der Sonne drängen und wie Ungeziefer zertreten werden! So wird es kommen! Denn die Völker der Erde vertilgen sich, und der Haß ist der allmächtige König der Welt! Ihr aber wollet euch nicht stören lassen — fo bauet denn eure Nester, rastet und scherzet im Reiche der Täuschung, ihr Sonettendichter! Liebet, bis ihr in der Liebe fa Mich aber lasset auffahren über den Schein in die Wahrheit iir Dinge Hoch lebe der Haß, der glühende Atem der Erde! Sehet dich, Herz, das Gesäß seiner prächttgen Flamme! Wer da hassen will, ch pilgere zu dem lodernden Herzen Bertrams de Born! Vor diesem 2111? werden die Gesinnungen offenbar und fahren die Hände an fo Schwerter!' Und er deutet« aus ein flammendes Herz in seiner Stickerei von Ead und Purpur, das auf der linken Seite fein schwarzes, enganschließende Wams ziert«. , .Das Herzchen auf Euerrn Wams hott ich mir anders gebeult, Herr Bertram', spöttelt« schüchtern ein junges Blut, das Vivleniü-ni - wohl die Farbe feiner Dame — auffällig zur Schau trug. .Ihr wandt Sure Augen doch auch wohl in Liebe Frauen zu, wenn auch nur flirt lichen! Unlängst noch führet Ihr über Meer zu Eurer alten gtamn, der Königin Ellenor. Wollet uns das Kriegslied singen, das Ihr bei tugenbfamen Gemahl König Heinrichs in den Dämmerstunden jw s '.Das läßt sich nicht fingen und sagen!' höhnte der Wilde. Zmi; Worte hab' ich ihr zugeraunt und zwei andere ihrem Sohne, dem könig Heinz: Gestreut ist die Saat, und Bluternten werden aufgehett Bei den Flügeln Luzifers, ich verstricke König Heinrich und s Söhn« in die Ringe eines Drachen, giftiger als der, welcher den Pricha Laokoon und feine Kinder erdrückt«!' Ich konnte den Blick nicht von dem Manne verwenden, der sich )*,! — zu meinem ©rauen — nach der Richtung kehrt«, in der wir jm Kloster reiten sollten, mit beiden Armen in die Weite grüßend. Verwundert Euch nicht! Ich wußte, wen er vor sich sah. .Dort betet einer, der noch besser haßt als ich!' rief er aus, ... u grüße dich, Gefährte!' Und er trank dem Fernen, den feine Augen erblickten, feierlich m voller Schale zu. , ,Du stiller, langsam grabender Mann! Du duldest tme dein Mechi und lässet dich töten tbie er: Du glaubst der Liebe zu dienen, aber Haß ist mächtiger, und dein Tod, wie der deines Gottes, ist di« w damrnnis der Menschen! Bischof! Die Wette gilt: wer von uns beiden König Heinrich er EngellanÜ am tiefsten in die Hölle stürze! Dort will ich ihn sinden itii mein Knie auf feiner Kehle, einen Triumphs«fang anstimmen, daß üi Höllen kreis« sich dehnen, die Verdammten zu Riefen werden und M darüber schwebt, in sein Nichts verschwindet!' Das grausige Lästerwort, als ob der süße Pelikan nicht uns aUitt zu Lieb und Heil sich die Brust geöffnet, hatte mir das Haar zu Bn>i getrieben, während die an Ketzerscherze gewöhnten provenzaliW Herren sich wenig daraus machten, wohl aber daran he rum rieten, Mi Herrn Bertrams Mithaffer fei. Dann sprang das Gespräch über auf ein seltsames Zeichen, das juiN di« Leute von Arles erschreckt hätte. Auf dem dortigen römischen Morrii sei ein marmornes Mädchenhaupt zutage gekommen mit gebrochen« Augen und der Bitterkeit des Todes auf dem Munde, und wenn »« fein« geflochtenen Locken näher betrachtete, fo feien es züngelnde Nattm Sie meinten, dieses traurige Haupt bedeut« ein kommendes gtw Sterben in ihren sonnigen Ländern. All dieses künftige Elend und das gegenroärtige meines Königs * toegte mir das Herz so kläglich, daß ich mich nicht halten konnte u® einen schweren Seuszer auslieh. Die Herren, di« mich bisher nicht in «H genommen, blickten sich nun verwundert nach mir um. Da erhob t rnich von meinem Becher und ging mit schweren Reitertritten und em« ehrlichen schwäbischen „Griiez Gott" an ihnen vorbei. Sie antwort« als höfliche Leute ohne Zögern mit einem hübschen Kopfnicken. 21M aber aus dem obern Stockwerke, wohin ich gegangen war, Herrn Rich«« zu wecken, ihnen nachblickte, die sich rasch zu Pferd« schwangen, ettR stürmisch aufbrechend, wie sie gekommen waren, da warf der Unbämilf ihr Anführer, gerade noch ein loses Spottwort über meinen schwäbiM Seufzer unter sie, und di« Herren »mitten unter dem Gellen eine fcharsen welschen Gelächters." „ Der züchtige Herr Burkhard hatte sich über den Lästerungen bis» Fremdlings zu wiederholten Malen still bekreuzt. Jetzt bemertte er tot deutlich: „Aus dem Schwefelgerüche dieser Reden, Hans, erfiehest » leichtlich, mit wem du in dieser französisischen Trinkstube zusammemi sessen hast. Mir ist es außer Zweifel, wer jenen fahrenden Mann und begeisterte. Kein Besserer als der Arge, der ein Rebell und Mo^ ist von Anfang. Darum auch wußte er den Martertod des Herrn Thomas norm und gleichermaßen, so fürchte ich, wird sich erfüllen, was dieser Unhe. lief)« von der drohenden Verwüstung jener südlichen Lande wahr!««» woraus auch das ausgegrabene Schreckenswerb hindeuten mag An jenen Küsten wimmelt es, wie verlautet, von Ketzern jedes, ö tums, besonders von hartnäckigen Manichäern. Ich liebe den bin den Menschen holt und freue mich, die läßlichen Sünden zu ® geben. Hier aber wird die Gnade verworfen, und ich könnte es ®J-,, fcheinlich geistigen und weltlichen Herren nicht verargen, wenn st« . , zufammentäten, um diese Verstockten aus dem Mittel der Christer« zu heben, daß ihre Stätte sie nicht länger kenne. . Doch besser ist, bei diesen traurigen Dingen nicht zu verweilen erzähle mir, ob ein Segen war bei der Fahrt des Herrn Richaw , ist der einzige deiner Engelländer, an welchem meine Seele ein fallen finden kann." , _ „Es war mir kaum möglich, mein Roh neben dem flüchtigen des Löwenherzens zu halten", fuhr der Armbruster willig fort; feine Sehnsucht nach Herrn Thomas wuchs von Stund«' zu Stuno« * war kaum mehr zu zügeln, als die Türme des Klosters, wo bteie barg, auf dem klaren, blauen Herbsthimmel sich vergrößerten, un Mauern feiner Umfaffung schimmerten wie die himmlische Stadt. (Fortsetzung folgt.) Sollte es heute abend nicht auch Bowle geben? Also Wein kalt stellen. Und war die neue Kiste Gansesutter schon angekommen? Sie lief nach den Schlüsseln, gab in der Küche Bescheid. Bei einem Gange durch den Garten brach sie Nelken für den Tisch, rückte aus der Terrasse die weiß- gestrichenen Stühle zurecht, legte neue Decken auf. Beim Hin- und Her- gehen wurde sie fröhlich. Sie sah ihre Gestalt in dem großen Hallenspiegel austauchen und verschwinden, dunkel und schmal. Wie finster so em schwarzes Kleid aussicht, dachte sie. Es paßt nicht in den Sommer. Warum legen wir im Leid nicht weihe Kleider an wie die Chinesen? Eine Bemerkung Lieselottes fiel ihr ein: „Hanne sieht un Trauerkleid aus wie ein fchwacßcs totiefniütterd)en, eins von Öen samtenen, stltten. Die junge Frau sand monajmal solche Worte, und man wunderte sich dann, wenn man sie gleich daraus jo männlich und bestimmt mil den Gutsleuten reden hörte oder sah, wie sie beim Heimkommen Hut und Handschuhe achtlos von sich war,. „Du bringst es ja wieder in Ordnung, nanne', sagte sie dann zu der Vorwurfsvollen. Und es war em wenig Anerkennung, aber auch etwas Ueberlegenheit in dieser Antwort. Jetzt klang ihre (stimme vor dem Hause. Die Tür flog auf. „Schnell, schnell, Hanne, der Kommissar kommt uns gleich nach. Hilf mir beim Urnzieyen. Geiage begann. Heihes Wasser, ein Helles Kleid, kleine Schuhe. „So, ich danke dir, Hanne, Zieh du sich nur nicht mehr um. Leine schwarzen Kleider sehen sich ja alle gleich. Und dies etwas verwehte Haar ftehl dir am(Schielt ihren dunkle» hochsrifierten Kopf einen Augenblick gegen den blahblonden krausen der Freundin. „Warum willst du abreisen, Siebes? Bleiv doch hier, immer; du weiht, wie wir dich brauchen. Komme mir nicht mit deiner Schule. Möchtest du dein Leven lang Kinder unter- n$©ie? gingen die Treppe hinunter, Männerstimmen sprachen in der ftaUe Mein Leben lang? dachte das Mädchen. Nein! Aber auch nicht hier jein, wo mir so viele neue Wünsche kommen, wo ich wohl ferne Sremöe bin, aber doch weniger als ein Gast. Oft ein wenig beiseite geschoben. Durch mein eigenes Ungeschick. Und so voller Oebenssehnfucht. Sie sah an ihrem Kleide hinao. Eine Schwester war ihr gestorben, wenig älter als sie, nach einem Leben, das noch ganz Knospe gewesen war, Erwartung für etwas, bas niemals kommen wollte. Hanne trauerte uet Verstorbenen leibenschasÜich nach, und wie nun die Monde des Verlustes sich zum Jahre schlossen, war ihr, als lebte die Seele der Schwester in ihr als schlüge ihre Sehnsucht mit der eigenen zu einer starken Flamme ineinander. Als dürfe nicht noch einmal ein Leden vom gleichen Zweige durstend und ungelabt in die grohe Tiefe sinken. . „Hanne, pah aus!" Die Freundin zupfte sie am Aermel Der Gast verbeugte sich vor ihnen, sehr tief und respektvoll. Bei Tische sah ste ihm gegenüber. Ein feines noch sehr jugendliches Gesicht, kluge Augen. Er lachte zuweilen beim Sprechen in einer leichten säst kindlichen Art. Wie ein sehr gütiger Mensch, dachte sie und hörte mit Staunen, wie d.e Herren von der Verwaltungsarbeit des Bezirks redeten. Sie hatte nie überlegt, wer alle diese Fäden in der Hand hielt. Recht sprach und Ordnung schasste. Heute merkte sie nicht, daß niemand das Wort an s.e richtete • sie lauschte mit allen Sinnen. Auch spater am der Terrasse, als die Dämmerung aus dem Garten stieg, die Amseln still wurden und vom Dorfe her die langgezogenen Töne eines Liedes klangen. Lieselotte warf allerlei Fragen ins Gespräch, und der junge Kommissar beantwortete sie so sorgsam und gebutoig, als spräche er zu einem Kinde. Es war von den Ausgedingen die Rede, den alten arbeitsunfähigen Leuten, die bei einem Holzverkauf wegen ihrer Gebrechlichkeit mit übernommen und erhalten werden muhten. Hier hatte der Beamte manches zu schlichten und zu vermitteln, denn ihr Los war oft hart, sie lebten dann wie alte überflüssige Tiere. , Still saß das Mädchen in seinem Sessel. Wie wunderlich ste dieses Gespräch erregte! Arbeit war auf dem fleißigen Gute Tag für Tag um sie. Und auch Arbeitsfreudigkeit, in die sich für die Besitzer die Genugtuung über das Gelingen mischte. Aber daß jemand so heiter und lebendig von einem Wirken für andere sprach wie von ^einer großen Liebe, die ihn erfüllte, dabei ganz ohne Eitelkeit, das hatte sie noch nie erfahren. Etwas in ihr glutete auf und durchwogte sie. Somi Leben zu stehen, mußte Segen bringen. Ihr fiel ein, was ßie[elottes*Dlann von dem Gast erzählte. Er sei oft krank gewesen und hätte schwer mit den Examen zu kämpfen gehabt. Auf dem Lande sei er bann gesunb geworben. Ja gesund. Das fühlte man in jedem Worte. Hannes Puls flog. Irgend jemand hatte ihr einmal gesagt, das Schönste am ®eruf einer Lehrerin fei das Wirken auf Menschen Ihre Bescheidenheit erhoffte^nicht viel von dieser Kraft, zu wirken. Hier abersah ste die geheimnisvolle Macht bei einem fremden Menschen und empfand sie an sich selbst.Siefuhlte sich stark durch seine Stärke, schaffensfroh durch seine Zuversicht. Ob alles große Geschehen der Welt auf solcher übertragenen Kraft beruhte? Erfolge, Selbstüberwindung und das Geheimnis der Geheimnisse, die Liebe. Sie jagte den Gedanken fort, glutubergoffen im Dunkel des Abends. Und 10^ dmin d^ t)(Qn^n 3U(atnmen. Sie fuhr auf, schloß ihre Hand fest um den schlanken Kristallstiel. Wie sie lachten, die anderen! Ja, fröhlich mußte man wohl sein, sonst gelang alles nur halb, was man tat. Land bebauen, Haus halten. Stundengeben oder die Angelegenheiten fremder ^E^Das^Sttindengeben war ihr Teil. Sie muhte versuchen, es zu dem zu machen, was diesem jungen Menschen seine Arbeit bedeutete. Und sie konnte es wohl, Kinderseelen sprangen ja auf wie Blumen wenn man sich wahrhaft um sie mühte. Bei ihnen fand sie ihr inneres Gleichgewicht, — hier niemals. _. , ffs ist (ehr spät" — der Gast erhob sich — „und ich höre den Wagen. Schmal und geschmeidig stand er vor seinen Wirten, bedankte sich, grüßte die fremde Dame, die den ganzen Abend geschwiegen hatte und nuri rntt fn (<>tf(am atänienben Augen in bas Licht bei Laternen sah. Dann bestieg er den Bock nahm d"eVe um, ber Kutscher überreichte die Zügel. Man Frühlingsmorgen. Von Hedwig For st reute r. Hyazinth und Schlüsselblum Blau und gelbe Selbe Und dazu der Primelbusch im rostroten Kleide. Aeugt der Star von seinem Sitz, Zwitschern laut die Finken, Und im schmalen Brunnentrog Will die Amsel trinken. Pfirsich schlank und Pslaumenbaum Sind vom Blühen trunken, Ist ein rot und weißer Traum Ueber sie gesunken. Steh ich an den Zaun gelehnt, — O bu Sonntagmorgen — Stille burch ben Garten geht. Hat mich ganz geborgen. Oer Besuch. Erzählung von H e b w i g F o r st r e u t e r. Ein Büschel verwelkter ßinbenblüten fiel zerstäubend auf die Treppen- stufen. Hanne bückte sich und zerrieb die Stiele zwischen den Fingern. Das hätte der Gärtner nun glücklich auch verpaßt. Wie ost bat sie ihn um die lange Leiter. Sie wollte ja gern selbst zum Pslucken hinaufsteigen. Schwindlig wurde sie nicht, und Lieselotte liebte- Lindenblütentee so sehr. Run war es zu spät. . ... ,. - „ Das Mädchen seufzte ein wenig. So früh hier der Tag begann, er war immer noch zu kurz. Wenn sie abends todmüde in ihr Zimmer kam, fielen ihr noch hundert Dinge ein, die liegengeblieben waren — Und nun träumte sie hier vor dem Hause. Lieselotte und ihr Mann trabten gewiß schon den Kastanienweg zu ben Felbern hinunter. Wie gut sie zu Pferbe faßen, unb wie sie sich anlachten beim Fortreiten. Unb sie ritten boch zu heißer Arbeit. Denn ber Gutsherr dehnte seine Feldbesuche lange aus und schenkte weder sich selbst noch den Leuten eiroas. Das hatte Hanne oft auf ben Gangen gespurt. Mit a“8‘ liolenben Schritten ging er dahin; man mußte ihm folgen auf schmalen Rainen zwischen reifenben Felbern, über Sturzacker unb Stoppel. Dann ftanb er viertelstundenlang in Beratungen mit dem Snjpettor ober l ef lieben ben Pflügern her, ftanb beim Hacken. Lieselotte erzählte, beim Reiten fei es genau so. Ihre Augen blitzten vor Stolz. Sie verstand ja jo wenig wie ihr Mann, baß man sich scheuen konnte, einen Graben zu nehmen ober dicht an die Dreschmaschine heranzureitem Wer Furcht bat, muß bei der Kinderfrau bleiben. Die lange Frau lachte, auf sie paßte bas Wort nicht Sie begleitete ben Liebsten täglich, leit die Freundin im Hause war. In fröhlichem Egoismus ritt sie fort, nun wurde ja alles daheim aufs beste erledigt. Die Mamsell kam nicht «ergebens nach den Schlüsseln, die Vorräte wurden gewissenhaft heraus- gegeben, die Post empfangen, bas Telephon besorgt. Unb wenn sie heimkam, wartete ein freundliches Gesicht auf-sie, bas war doch noch mehr als ber Begrüßungspfiff des Papageien unb bas Gebell ber Hunde. Sie sah nicht, baß diese Freundlichkeit SUweilen Anstrengung kostete wie bas lächelnbe Nachwinken, wenn Pf^de und bester hinter ben Büschen ber Einfahrt verschwanden. — Das Zuhausebttiben war gar zu trübselig. Aber Hanne hatte niemals Reiten gelernt Sie mußte ihren Bewegungsbrang in einsamen Spaziergängen besnedigen, wenn nach bem geschäftigen Hin unb Her ber Wirtschaft noch Z Auch Aute°warteten mancherlei Pflichten auf sie. sollte sie doch zuerst tun? Richtig: telephonieren; einmal an bie Station um einen Waggon zum Weizenlaben, bann an ben Bezirkskommissar, der heute im Dorf zu tun hatte, um ihn zum Abendbrot zu bitten. Gleichgültig besorg e sie beides. Daß der Waggon versprochen wurde, freute sie mehr als' die -Zusage des Fremden, so sehr sie eine Anregung m die Einsamke t erfthnt^ Er würde sein wie bie anberen, bie tarnen. Sehr in ter e ss er li -Pt und Hunde, für Jagd unb natürlich für bie Wirtschaft. L'elelotte wurde '«in wenig der Hof gemacht, sie war die Hausfrau. Aber so e S > nicht besonders hübsch, nicht besonders jung, ... mü der mutzte man blut wenig anzufangen. Die älteren Herren bildeten freilich Ausnahmen, un wenn Damen erschienen, war alles leichter. Dann kam ste sich ch Abcr°sie half sich an solchen Abenden. Zogen sich die Gechrache allzu hoffnungslos hin, so ging sie nach dem Essen leise hinaus. 9 sie über irgendeiner Arbeit, doch sie lief ?mmal d rch P um bie Schwermut ber Stunde abzuschuteln. Am Ententeiche ober am Eiskeller traf sie bann bie Mamsell, bie wieder -mmal ihre Not nut den Puten hatte. Dann ging es an ein Suchen un Gebüsch, em Sch -z und Schelten, Jagen und Lachen, und wenn die Widerspenstige in den Stall gesperrt war, fand sich bei Hanne auch kein Spürchen Wettschmerz mehr. Sie mußte nun mit Mamsell bas Essen für morgen /lb- 1 ein wenig mit ihr seufzen über bie Handwerker, die in b beköstigt wurden unb immer unbefdjeibener austraten, u Wo Liebelei zwischen bem Kutscherjungen unb bem Stubenmädchen. ,, bleibst bu denn nur, Hanne?" rief ihr bann bie Y/eundm entgegen, wenn sie ganz unfdjulbig wieder ins Zimmer trat, faft in bem 21 genblicf bem ber Wagen des Gastes vorfuhr. Dann lächelte ste unb erzohtte v der Putenjagb, beschrieb Mamsells Verzweiflung, und der Scheiden sand erstaunt, datz die kleine Fremde gar nicht so übel fei, wirklich mcht..^ Aber sein Wagen wartete und ber Hausherr gab bas letzte Glas Bowle aus. hörte das Knirschen der Räder nicht im weichen Sande Lieselotte schloß die Tür. Sie lobte den Gast. Er sei so wohlergogen und klug. „Ich mußte immer an meine Brüder denken. Sie könnten von ihm lernen." Ihr Mann sah sie lächelnd an, als erwarte er einen Nachsatz. „Du nicht, Liebster, du weist natürlich viel mehr." Sie schmiegte sich an ihn und schmollte doch zugleich, weil er ein neues Glas Bowle nahm. Sie fand, er hatte genug getrunken. Dann wandte sie lebhaft den Kopf. „Wo bist du, Hanne? Es interessierte dich natürlich nicht, du Stadtkind. Ich glaube, du hast den ganzen Abend geschlafen und kein Wort gehört von allem." Hanne kam langsam aus dem Dunkel. Sie lächelte, anders als sonst, ohne einen Schatten von Müdigkeit. „Ja, verlaß dich darauf, kein Wort." Vor diesem Lächeln stutzte die Freundin. Sie ließ ihren Mann los und sagte in der forschenden Art sehr selbständiger Frauen: „Du siehst so froh aus, so feierlich. Hast dich doch nicht verliebt?? — Natürlich. — Ich sehe es dir an." Und sie stellte sich vor der Verwirrten aus, um in aller Bequemlichkeit noch andere Fragen zu tun. Hanne lief ärgerlich fort. Für eine junge Frau lagen solche Gedanken wohl nahe. Aber bewahre, sie hatte sich nicht verliebt. Viel mehr war ihr geschehen, das konnte sie nicht mit Namen nennen. Sie wußte nur, daß ihr leicht zumute war, wie seit langem nicht, und daß ihr Herz einen beschwingteren Takt schlug. Mochte Lieselotte sich wundern über ihre Flucht. Sie wollte sich jetzt nicht mit Necken und Fragen quälen lassen. Für Minuten wenigstens mußte sie allein bleiben. — In ihrem Zimmer stieß sie die Fenster weit auf. Die Bäume rauschten und flüsterten und standen dann in einem jähen Schweigen, als lauschten sie den hellen Worten nach, die noch eben unter ihnen klangen. Das Mädchen bog sich herab, Dunkel träumte unter ihr. Es schien beseelt, voller Geheimnisse, wie die Tage, die kommen sollten. Sie erschauerte und streckte die Arme aus, dem Leben entgegen und der Arbeit. In einem neuen ernsten Lichte lag die Zukunft... General August von Goeben. (Ein deutscher Spanienkämpfer vor 100 Zähren. Von Kurt von Borcke? Der Führer hat in seiner großen in Wilhelmshaven auf die tapferen deutschen Freiwilligen ehrend hingewiesen, die getreu ihren Idealen in Spanien den bolschewistischen Mordbrennern nach harten Kämpfen endgültig das Handwerk gelegt haben. Dieser Hinweis lenkt den Blick aus alle jenen deutschen Soldaten, die einst unter fremden Fahnen kämpften und kämpfen mußten. Kurt von Borcke hat diesen Kämpfern ein schönes Denkmal in seinem Buche „Deutsche unter sremden Fahnen" gesetzt. In diesem Werk, das im Schlieffen-Verlag . Berlin-8Vi^ 11 erschienen ist, wird auch des späteren Preußischen Generals der Infanterie August von Goeben gedacht, der sich als Armeeführer im Kriege 1870/71 Soldatenruhm erwarb und der als Leutnant vor 100 Jahren im Karliftenaufftand in Spanien mitkämpfte. August von Goeben wurde am 10. Dezember 1816 zu Stade in Hannover geboren, das damals zu England gehörte. Sein Vater hatte sich in den Napoleonischen Kriegen ausgezeichnet, war mehrmals schwer verwundet worden und bekleidete als Invalide im Range eines Majors die Stelle eines Zeughausverwalters in Stade. Seine Mutter war die Tochter des Generals Kuckuck-Walden. Am 3. November 1833 trat Goeben als Avantageur in das Infanterie- Regiment 24 zu Neu-Ruppin ein. Er war groß und hager; feine zähe Natur und sein eiserner Wille ließen ihn alle Anstrengungen des Dienstes leicht ertragen. Am 14. Februar 1835 wurde Goeben Sekonde-Lieutenant. Seiner nach Ruhm und Kriegstaten durstenden Leutqantsfeele kam der spanische Karlistenkrieg sehr gelegen. Er erbat und erhielt am 7. Februar 1836, erst zwanzigjährig, seinen Abschied aus preußischen Diensten. Der Karlistenaufstand in Spanien hatte von 1833—1840 gedauert. In diese ereignis- und abwechslungsreiche Zeit fallen die ersten Fronterleb- nisje Augusts von Goeben. I« Februar 1836 reiste er über Hamburg, Le Havre, Paris nach Bayonne, wo er in der Tracht eines baskischen Bauern, von Schmugglern geführt, auf kaum gangbaren Wegen die Pyrenäen überschreitend, das erste baskische, von Karlisten besetzte Dorf Zugarramurdi erreichte. Von den Offizieren zweier dort stehenden Kompanien wurde er höflich empfangen. Ein scharlachfarbiges und weißes Baskenbarett war ihre Kopfbedeckung. Ihre Bewaffnung bestand aus einem Gewehr mit um den Leib geschnallter Patronentasche. Das Bajonett hatte oft keine Scheide und hing vom Gürtel herunter, statt des Tornisters trugen sie Leinensäcke auf dem Rücken. Den an akkurate Uniformierung gewöhnten jungen Offizier mag dieses merkwürdig angemutet haben. Am Morgen des 26. Mai trat Goeben, geleitet von einigen Freiwilligen, den Marsch nach dem Hauptquartier der Karlisten an. In Jrun mußte er einige Tage warten, bis er die Erlaubnis zur Weiterreise erhielt. Am 31. Mai wurde er von Don Carlos in Billafranca (am Ebro) empfangen und als Leutnant dem Stabe des Infanten Don Sebastian zuqeteitt. Goeben marschierte nach Hernani, wo er nähere Befehle erhalten sollte. Er wurde jedoch nicht eingeteilt, so daß er sich aus eigener Initiative beteiligte. Bei einer" Erkundung gegen das von den Christinos besetzte Festungsgebiet von San Sebastian erhielt er die Feuertaufe. Die karlistifchen Vorposten staunten über die „nordische Tollkühnheit", mit der er sich den feindlichen Kugeln aussetzte. Die Karlisten standen in den baskischen Provinzen und in den Gebieten nördlich des Ebro. Sie beabsichtigten die Ebrolinie zu verteidigen. Da der Führer der Karlisten die Bedrohung der Ebrolinie aus der Linie Bilbao—Jrun erkannte, versuchte er die wichtige Seefestung San Sebastian zu nehmen. Goeben war Ws seht nicht in di« Stellung gelangt, die er erhofft hatte. Ihm war nämlich zugesagt worden, im Generalstab verwendet zu werden. Im Juli 1837 setzte er endlich seine Versetzung zum Stabe einer Truppenabteilung des Generals Zariategui durch, die in Stärke von 3700 Mann Infanterie und 220 Reitern auf Alt-Kastilien angesetzt wurde. Bei dem Dorfe Zambrano am Zandorra-Flüßchen wurde eine stärkere Abteilung Portugiesen nebst anderen Truppen unter Oberst Baron das Antas geschlagen. Goeben erlebte hier die erste Kriegshandlung größeren Stils. Im Oktober wurden die karlistifchen Truppen, darunter auch die Abteilung Zariategui, bei Retuerta del Rey geschlagen. Espartero folgte den Resten der Karlisten, die Don Carlos und der Jnsant Don Sebastian längs des Ebro bis Alava zurückführten. Im Gebirgsland dec Nordprovinzen organisierten sie sich neu. Eine karlistische Division, bestehend aus zwei Brigaden, jede Brigade zu zwei Bataillonen zu 500 Mann, zwei Eskadrons zu 150 Reitern und einer Bergkanons formiert, erhielt unter General Mariscal de Campo Garcia den Auftrag, nach Zentralspanien vorzustoßen. Goeben führte als Premierlieutnant eine Kompanie. Man verwendete ihn also wieder nicht in einem Stabe. Beim Uebergang über den Ebro bei Mendavia erlitt die Truppe durch den angeschwollenen Fluß starke Verluste; viele Leute gingen in der Strömung unter. Am 17. Mai 1838 wurde Goeben Kapitän der Infanterie. Der Vormarsch der Dichsion ging in Richtung auf die Gebirgszüge des Pinares de Soria und dann, dem Gegner ausweichend, auf die Provinz Cuenca. Am 13. Juli 1838 stieß die Division auf überlegenen Gegner bei Uribarri und wurde völlig geschlagen. Goebens rechter Oberarm wurde durch einen Schuh schwer verletzt. Auf dem Pferde seines Brigadekommandeurs folgte er der geschlagenen Truppe, mußte jedoch aus Anordnung der Aerzte zurückbleiben. Er ergab sich, jeden Widerstandes unfähig, dem verfolgenden Gegner, wurde von feindlichen Dragonern mißhandelt und völlig ausgeplündert. Nackt muhte er zu Fuß mit seiner schweren Verwundung dem Gegner folgen. Er wurde, dem Zusammenbrechen nahe, auf ein bepacktes Maultier gesetzt, das auf einem Gebirgsweg stolperte und mit ihm in die Tiefe stürzte. Hierbei fiel Goeben auf sein« zerschossene Schulter. Wieder wurde er auf ein Maultier gehoben. Weiter ging der Marsch, bis endlich in Cuenca auf der Straße nach Madrid ein Militärarzt seine Wunde untersuchte. Gemäß der damaligen Sitte wurden die Gefangenen der Kriegführenden ausgetauscht. Der karlistische General Cabrera erwirkte die Auslösung Goebens. Ende Juni 1839 wurde er mit 90 karlistischen Offizieren in Cadiz eingeschifft und nach Valencia gebracht, wo sie am 11. Juli ankamen. Hier wurden sie erst in einem Turme, dann in der Klosterkirche untergebracht. Endlich erschien das karlistische Kommando, das die Auswechslung vornahm. Am 28. August brach Cabrera mit vier Batillonen und einige Eskadrons zu einem Unternehmen nach der Provinz Cuenca auf. Am 31. August wurde der bet Carboneras stehende Gegner von den Karlisten angegriffen. Goeben stürmte an der Spitze der ihm unterstellten Truppen einen befestigten Stützpunkt der Verteidiger. Als dieses Bollwerk eingenommen war und die Karlisten die Verwundeten töteten, griff Goeben ein und zog sich dadurch den Zorn des Generals Cabrera zu. Er erbat daher seine Entlassung aus seinem Verbände und begab sich nach Catalonien. Am 19. März 1840 erhielt Goeben den Befehl, mit einigen Offizieren u d Mannschaften durch feindliches Gebiet Caneta in Neu-Kastilien zu erreichen und zu befestigen. In rastloser Arbeit widmete er sich, am 20. April 1840 zum Oberstleutnant im Geniestabe der Armee von Aragonien ernannt, dieser Aufgabe. Eine Pulverfabrik, Schmelzöfen und eine Kugelgieherei wurden errichtet. Da das hierzu benötigte Material nicht vorhanden war, mußte es durch Streifzüge mit einer kleinen Abteilung von Sappeuren, 25 Infanteristen und 10 Kavalleristen, beschafft werden. Dies« Streifüge führten bis nach Teruel. Das erobert« Material mußte mit Transporten nach Caneta gebracht werden. Auch-Castiel Favib und Turia wurden befestigt. Goeben war unermüdlich in Erfüllung seines Auftrages tätig. Unterdessen aber gestaltete sich die Lage der Armeeabteilung Cabreras immer schwieriger. Unweit von Teruel wurde Goeben von Räubern angefallen und verwundet. Durch Blutverlust erschöpft, muhte er nach Teruel zurückkehren und wurde in das dortige Lazarett getragen. Hier blieb er sechs Wochen. Halb genesen, schloh er sich dann einer nach Valencia abgehenden, militärisch geschützten Verpflegungskolonne an. In Valencia erhielt er vom englischen Konsul einen auf den Namen feiner Mutter lautenden Paß als entlassener englischer Soldat. Entblößt von allen Mitteln überschritt er die französische Grenze. So mußte er wie ein Vagabund zu Fuß mit 3 Sous am Tage Wegzehrung durch Frankreich ziehen und erreichte am 18. August Straßburg. Von dort aus kam er, di« Nächte im Freien verbringend, über Frankfurt a. M. in seine Heimat zurück. Im Februar 1842 wurde Goeben im preußischen Heere wieder eingestellt und zum Generalsdab kommandiert. Er machte den Feldzug in Baden im Jahre 1849 mit und nahm als Oberst und Generakstabschef des VIII. Armeekorps mit mehreren anderen preußischen Offizieren 1860 als Zuschauer am spanischen Kriege gegen Marokko teil. Goebens siegreiche Tätigkeit als Brigade-Kommandeur bei Düppel und Alfen im Jahre 1864, als Divisions-Kommandeur bei Dermbach, Kissingen und Aschaffenburg im Feldzuge 1866, bei Saarbrücken, Grave- lotte, Amiens und an der Hallue als Kommandierender General des VHI. Armeekorps, und vor allem bei St. Quentin als erfolgreicher Armeeführer im Krieg« 1870/71,. steht im Buch der Geschichte verzeichnet. Er starb am 13. November 1880 zu Koblenz. Der Karlistenkrieg hatte Goeben die psychische und charakterliche Grundlage seiner weiteren Entwicklung gegeben. Seine hier gesammelten Kriegserfahrungen kamen ihm als Frontoffizier, im Generalslabe und als Truppenführer zugute. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühlfche Untverfitätsdruckerei A. Lange, Gießen.