GleheiierZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1939 Hreitag, den J. Dezember , Nummer 93 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 6. Fortsetzung. 8. Margarete fütterte Spatzen, die sich in den benachbarten Kastanien zwitschernd und zankend Herumtrieben. Besonders gern hatte sie zwei Weibchen, die manchmal das Futter aus ihrer Hand nahmen. Wenn die Weibchen mit einer großen Brotkrume im Schnabel davonflogen, stürzten sich einige Männchen von der Gartenmauer, wo sie in Reih und Glied saßen, wie aus der Pistole geschossen aus sie und schnappten im Vorbei- sliegen die Krume dem Weibchen fort, worauf dies wiederkam, um noch mehr Futter zu erbetteln. „Warum legst du nicht etwas Brot aufs Fensterbrett", fragte Paul, „bann könnten die Männchen vom gleichen Tisch wie die Weibchen picken?" „Warum soll ich diese dicken, bösen Schnapphähne füttern? Mir sind meine kleinen, niedlichen Weibchen, die mir aus der Hand fressen, viel ieber." Ein anderes Mal entschlüpfte Margarete ein bezeichnender Ausspruch: 15 handelte sich um einen zahmen Sperling, der sich ganz an das Hausmädchen angeschlossen hatte und ihr überallhin, sogar auf die Straße, olgte. Das kleine, etwas traurige Tierchen barg sich stets im Kopftuch einer Freundin oder saß zwitschernd auf ihrem Kopfe. Margarete wollte mch gern solch ein Vögelchen haben, aber der, auf den ihre Wahl fiel, oar zu gesund und lebhaft und weniger zutraulich. Daher war sie auf das Rädchen etwas eifersüchtig und sagte eines Tages zu ihrem Mann: Jeannettes Spatz ist mir lieber als meiner, er ist weniger gesund, aber lief zutraulicher." 9. Eines Tages gingen sie zu Fuß den Ruysbroeker Kanal entlang heim; es dämmerte, die schöne, stille, feierliche Dämmerung eines Iuliabends. Die vollkommene Klarheit des Himmels rief den Gedanken an die Unendlichkeit wach. In dieser schwermütigen Stunde, wenn die Arbeit endet und die Ruhe beginnt, bemächtigt sich der Seele ein erhebendes Gefühl. Paul lind Margarete begegneten singend heimkehrenden Arbeitern. In die Stadt ;Kommen, hörten sie auch hier Mädchen, Frauen und Kinder vor den austüren singen. Alle diese Lieder klangen in Moll: wie instinktmäßig fingen alle etwas tief. Leierkästen und einige lärmende Rüpel, die gemeine Gassenhauer gröhlten, störten das der Natur dargebrachte Abendständchen, mit dem die armen Leute auf den Flügeln des Gesanges ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Siska und Roosje waren in dieser schwermütigen Stunde beisammen: Aska schmorte Kartoffeln in den Fettresten, die von der Sonntagsmahlzeit übriggeblieben waren. Roosse, eingehüllt in einen alten Schal, der ihre mckten und kräftigen Arme sehen ließ, sah wütend auf das dicke Mädchen, Men Gesicht vom Feuer gerötet war. Sie hatten gerade eine Unterhaltung beendet, die nach der außer- Nwöhnlichen Erregung Siskas, ihren Bewegungen, die mit ihrer Tätig- Hit in keinem Zusammenhang standen, und nach dem wütenden Ausdruck i» Roosjes Augen lang und heftig gewesen sein muhte. ,Lch verbiete es dir!" sagte Roosje. „Wenn du so aufsässig bist, mir ichi zu gehorchen, so werfe ich dich hinaus, und du wirst sehen, wie du ich aus meinem Testament herausfliegen wirst." Diese Neuigkeit, daß sie, das arme Mädchen, im Testament einer reichen rau bedacht sei, versetzte Siska zunächst in freudige Bestürzung: aber 1 hätte gar zu gern ihrer Herrin den Gehorsam verweigert. In ihrer redlichen Seele entspann sich ein Kampf zwischen dem Wunsche, Roosje lfgen des Testamentes nicht zu mißfallen, und der Gewohnheit, Mar- >rete, die sie liebte, gegen Roosfe zu verteidigen. „Baesin", meinte sie schüchtern, „sie wird sehr traurig sein, wenn sie erfährt ... Gewiß, es ist nicht recht von ihr, daß sie Sie nicht besuchen Mimt ... Aber schließlich, sie ist doch ganz jung verheiratet ... Ich hab s Men ja erzählt: Als ich jung verheiratet war, ging ich nur zu meiner Weit und konnte es nie erwarten, meinen Mann wiederzusehen. Aber rchdem muß ich zugeben, daß Frau Margarete ..." „Frau!?" unterbrach Roosse Siskas Erklärung. „Entschuldigen Sie, Fräulein Grietje: trotzdem muß ich zugeben, ”9 sie recht hartherzig zu Ihnen ist " „Nicht wahr?" „3a, recht hartherzig, Baesin." Sie dachte an das Testament. — „An ihrer Stelle hätte ich das nicht getan; es ist ein Zeichen des schlechten Charakters einer Tochter, die ihre Mutter nicht liebt." Statt Siska recht zu geben, wurde Roosse vor Wut ganz blaß. „Wiel" schrie sie, „du, die ich im Schweiße meines Angesichtes er» nähre — Siska wußte, woraus diese Nahrung bestand: in der Woche S.YS-Irarto^eln mit dz, am Sonntag mit einigen Gramm gekochten Fleisches —, „die du jeden Monat zehn Franken an deine Eltern schickst, öeha Franken, die ich dir gebe ..." — Die verdiene ich schwer genug, dachte Siska — „wie, du wagst es, Grietje schlechtzumachen!? Ich kann sagen, was ich über sie denke, aber nicht d u, du Tellerspülerin." .Leder tick, was er kann, Baesin, und sicherlich wurden meine Hände *W we-ick) durch das Fett, das an den'Tellern Hebt. Ich liebe Frau Margarete mehr als Sie, verstehen Sie? Sie war gut und lachte mit mir Sie aber schimpfen immer nur auf mich. Wenn Sie noch weiter so grob 3U mir sind, so lasse ich Sie sitzen. Sie und Ihre Teller. Sie haben fein Herz. Wer arbeitet hier für drei, wer wäscht, näht und bügelt, holt alles etn und pflegt Sie wie eine Mutter? Bin ich das nicht? Und Sie werfen mir die armseligen zehn Franken vor, die ich verdiene; woanders kann ich sunfzehn, zwanzig, ja fünfundzwanzig haben, wenn ich wollte. Dafür finde ich überall eine Stelle." — Sie streifte ihre Aermel hoch: „Wenn man solche Arme sieht, weiß man auch, was sie leisten können. Wenn ich noch bei Ihnen bleibe, obwohl Sie mich wie einen Hund behandeln bann hie ich es nur, weil Sie gut zu Frau Margarete waren. Das beweist daß Sie hier etwas haben." Siska zeigte auf ihr Herz. „Sonst, das erkläre ich Ihnen ganz offen: Regt voor de vuist, Recht geht vor Gewalt, sonst ließe ich Sie ohne weiteres sitzen." Und damit drehte sie Roosje den Rücken zu und legte in ihrer Aufregung eine Schaufel Kohlen auf die Kartoffeln. Als sie sich bann wieder ytoosje zuwandte bemerkte sie in ihrer Verwirrung nicht die langsam auf den Tisch fallenden dicken Tranen der alten Frau. „Siska!" sagt« sie, „geh fort, wenn du willst, laß die arme, alte Mutter ohne Kind allein. Laß mich sterben, laß mich verrecken! Wozu ist man noch nutze, wenn man alt ist? Liebe nur Fra—a—n Margarete, recht so! Aber mich ... Weil meine Tochter mich verläßt, weil alles mich verläßt mußt du mich eben auch verlassen!" Siska weinte. „Baesin, Herrin, seien Sie nicht traurig. Ich liebe Sie auch, glauben Sie mir. Alles, was ich gesagt habe, war nur im Zorn gesagt." Sie fiel Roosje um den Hals, und Roosjes Tränen wurden Freudentränen, weil sie nicht mehr allein auf der Welt war. Sie beschlossen nun, in aller Stille auszuziehen und die Gardinen an den Fenstern zu lassen, bis sie anderwärts eine neue Wohnung gefunden haben würden; sie schworen, nie den Fuß über die Schwelle dieses .Lumpendoktors" zu setzen, der für sich allein die ganze Liebe, alle Gedanken Grieljes in Anspruch nahm, Grietjes, jetzt die so leicht vergeßliche Fra—a—u Margarete. Als Roosje diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde sie ganz blaß und wollte nicht zu Abend essen, obwohl Siska eiligst mit ihrem eigenen Geld „Olie-koekes" gekauft Hatte, um di« durch die plötzliche Beigabe von Kohlen verdorbenen Kartoffeln zu ersetzen. 10. Nichts deutete bei Margarete darauf hin, daß sie bald Mutter werden könnte, obwohl Juno sie dazu geschaffen zu haben schien, ohne Schmer- zen zu gebären; Paul jedoch war gewiß, bald Vater zu sein, und von nun an stand in seinen Träumen neben der Liebe zu Margarete die Liebe für das zu erwartende Kind. In dem Gefühle, fein Kind würde die Fehler und Vorzüge der Mutter erben, verfolgte er, wie sich Margaretens Geist im Verhältnis jur Natur entwickelte; er wollte ihr absichtlich nicht die Liebe zur Natur predigen und war jedesmal froh, wenn er bei ihr Verständnis dafür entdeckte. Wenn der „Kleine" groß genug fein würde um zu begreifen, würde Margarete in ihm schon den Sinn für das Wahre, Gute und Schöne wecken; Paul war dessen gewiß. Sie besaß jene' stark« Lebensweisheit, die darin bestand, stets an das unaufhörlich unfern Blicken bald erschlossene, bald verschlossene Unbekannte zu denken und doch das Leben so zu nehmen, roie es ist; nicht sich ein anderes ,zu erträumen, sondern von ihm das zu fordern, was er uns geben kann: Arbeit, Mühe und inmitten tiefer und beständiger Freude Seelenruhe und mutige Hoffnung, den Stern und Führer wackerer Herzen. 11. Eines Tages befanden sich Paul und Margarete an den Ufern der prächtigen Teiche von Rouge-Cloitre. Sie sahen eine weiße Schnecke im Glaube kriechen, die sich den Rücken In der Sonne wärmte und ein Rech! auf das Leben zu haben glaubte. Das glückliche und vertrauensvolle Tierchen bewegte sich langsam vorwärts und schien Gott zu danken, daß der Sand so warm war, die Luft so angenehm und das Wetter so trocken. Plötzlich kam schnell und behende, zwei gezähnte Scheren hochstreckend, bedeckt mit einem funkelnden, bronzeartigen Panzer, der an einigen Stellen golden schimmerte, ein Hirschkäfer aus den Grasern hervor, die sich unter seiner Last bogen. Es war ein schönes Insekt, aber es hatte den stumpfsinnigen und wilden Ausdruck aller Mörder, bie die Natur in ihrem Solde hat. Die Schnecke zieht ihre Fühler ein und will fliehen. Es ist zu spät. Der Hirschkäfer öffnet seine beiden Zangen und macht zwei tiefe Einschnitte in den Körper der Schnecke, die sich langsam windet; so langsam wie ihr Leben ist ihr Todeskampf. Nach einigen schwachen Zuckungen verendet sie. ~ . .... ... „Das ist schrecklich", sagte Margarete. „Soll ich das böse Tier mcht zertreten?" „Beeile dich nicht", erwiderte Paul. ... . Der starke Käfer zerriß mit seinen Zangen das weiche Fleisch der Schnecke und fraß, während er mit seinen Fühlern umhersuchte; nach und nach fraß er weniger schnell und gierig; man sah, wie er anschwoll und bald das glückselige Aussehen eines dickbäuchigen Finanzmannes gewann der sich den fetten Genüssen einer gesegneten Verdauung hingibt. Da erschien, ganz heimlich, vorsichtig und kaum den staubigen Boden berührend, ein etwas kleinerer Käfer, der aber gewandter war und auch Hunger hatte. Er stürzte sich auf die Schneckenleiche, der Hirschkaser wollte sie verteidigen. Im Augenblick war ein Kampf im Gange, em heftiger und grausamer Kampf, als ob zwei Maschinen aufemander- stießen. Die Körper bewegten sich kaum; die beiden sich berührenden Köpfe schienen nur Augen zu haben, um den schwachen Teil, den Bauch, zu schützen. Die Zangen gerieten ineinander. Das gesättigte Insekt verlor eine der {einigen, preßte aber mit seinen Füßen den Angreifer heftig zusammen. Hätte es ihn losgelassen, so hätte es sich selbst zum Tode verurteilt. Aber der hungrige Küfer machte plötzlich eine so heftige und schnelle Bewegung, daß sein Gegner auf den Rücken fiel und die Fuße von sich streckte. Er teilte das Schicksal der Schnecke und wurde wie sie ausgeweidet. Der Sieger beschnüffelte, ehe er fein Mahl begann, (ein noch lebendes Opfer und den Rest des Mahles des Besiegten, aber er zögerte nicht lange. Er entschied sich für die Schnecke, deren Fleisch zarter schien und ließ seinen zur Hülste verzehrten Femd sich in den Qualen eines furchtbaren Todeskampfes winden. „Ach", sagte Margarete und zertrat die Schnecke und die beiden Käfer. „Ist es gerecht, daß Gott dem Starken erlaubt, den Schwachen zu fressen? Was hat denn die Schnecke getan, um diesen Tod zu verdienen?" „Sieh her!" sagte Paul. . Ein schönes kleines Lämmchen fraß, mit dem Strick an einen Pfahl gebunden, an den jungen Trieben des Weißdorns. Wie schön ist es!" sagte Margarete und streichelte es. „Armes kleines Tier, sieh doch, wie nett es frißt! Wie zufrieden es ist, so den Rücken in der Sonne und das Mäulchen auf der Weide zu haben Siehst du, es läßt sich gar nicht stören, wenn ich es streichle. Ach, Grasfresserm, ich möchte dich als Hund haben. Du bist gut und hübsch, ich liebe dich fehr, Lämmchen!" , „Kannst du mir sagen", fragte Paul, „was dieses Tier getan hat, um zu verdienen, von dir gegeffen zu werden?" „Von mir?" rief Margarete erschreckt und zog chre Hand aus dem wolligen Fell des Tieres. „Gewiß, durch dich! Hast du niemals Hammelkeule oder -kotelett 9T,2)u hast recht", sagte Margarete, „aber es ist nicht mein Fehler, daß Gott die Steine nicht ebenso eßbar gemacht hat wie den Hammel." In diesem Augenblick ging die Dame mit dem Windhund in einem graue», weihverzierten Leinenkleid an ihnen vorüber. Sie trug einen Hut aus Reisstroh mit großen Flügeln und mit Rosen und Mohnblumen geschmückt. Die beiden Frauen wechselten einen beinahe feindlichen Blick. Paul schien verlegen Die Frau mit dem Windhund entfernte sich mehr unb mehr. . . _ . Margarete setzte mit Paul, der blaß geworden war, den Spaziergang fort Sie schwiegen, bis Margarete mit dumpfer Stimme sagte: „Diese Frau ähnelt dem kleineren Käfer." „Entfernt", sagte Paul. „Sie ist nicht gut, was denkst du darüber? „Nichts, sie ist mir gleichgültig." „Weißt du, wie sie heißt?" „Ja." Nun?" ''g5 ist die Gräfin von Zurmondl, und ihr Vorname ist Amelie. 12. „Gut", fügte Paul. _ . _ ©ie gingen fröhlich fort Und sahen, als sie vor Rooszes Haus ankamen, die Vorhänge unb ©arbinen an ben Fenstern alle in schönster Drbnung. Die läuteten, und Siska kam, um. ihnen zu öffnen. „Baesin, Baefin", rief sie unb vergaß, bie Tür ganz zu offnen, so daß der Doktor unb Margarete sie vollenbs aufstoßen mußten. „Baesin, ©netze kommt, Fräulein Grietje." . Man hörte eine kalte, zornige Stimme antworten: „Was nützt mir bas, D*eI„3u 'spät? Warum?" rief Margarete unb stürmte die Stufen hinaus. „Zu spät, Mama, zu spät?" Unb sie fiel Roosje um ben Hbls. „Ist er auch da?" fragte Roosje, bie sich nur schwer ihres Kmbes Liebkosungen erwehren konnte. , , , „ . , „ Ich bin hier", rief Margarete. „Ich habe bich so lange allein gelassen, aber ich bin nicht schulb baran. Küsse mich, Mama, küsfe mich!" Roosje küßte Margarete nicht wieder, aber unwillkürlich druckte sie sie fest an sich. „Laß dich durch jemand andern küssen, was brauchst du meine alten Liebkosungen? Wenn man sechs Wochen fortbleiben tann, ohne feine Mutter zu sehen, dann kann man sie auch zwei Monate, drei Monate für immer allein lassen, bis sie unter dem Rasen hegt, statt darüberhin zu gehen. Du bist ja schön aufgeputzt, ganz in Selbe. Du scheinst ganz im Selbe zu schwimmen. Ich weiß nicht, warum bu dich traust, mich in meinen Lumpen zu umarmen. Wo ist er? „Hier, Mutter!" antwortete der Doktor freundlich, aber etwas erregt und stieg die Stufen empor. Als er auf dem Treppenabsatz angekommen war, auf dem Roosie starr unb hart stand, wollte er sie küssen, wie Margarete es getan hatte, aber Roosje stieß ihn zurück und sagte „Ich küsse Männer nicht! „Sind Sie nicht meine Mutter?" fragte er freundlich. „Ihre Mutter?" erwiderte Roosje ganz erstaunt. „Ihre Mutten nein’" Unb sie warf auf Paul einen Blick so tiefen Haffes, daß er erschrak. Inzwischen preßte Siska, lachend und weinend zugleich, Margaretens Hände: „Ach, Fräulein, Fräulein! Da sind Sie ja! Da sind Sie ja!" Paul litt unter Roosjes Ungerechtigkeit. „Ich komme unbefangen, voller Vertrauen, liebevoll zu dieser Frau, will sie umarmen, will wie ein Sohn ihr altes Herz an meinem jungen wärmen, und sie behandelt mich wie einen Strolch." Das Blut brannte ihm in den Ohren, brennender Schweiß netzte feinen Körper, und feine Fäuste ballten sich; er mußte an sich halten, um Roosje nicht zu schlagen. Aber bald trat schmerzliche Entrüstung an Stelle der kurzen, heftigen Aufwallung. Er verzieh ihr. Margarete, deren Liebe zu Paul mindestens ebenso groß war wie zu ihrer Mutter, war über diesen hartherzigen Empfang empört; sie öffnete eine der Türen und schob ihre Mutter und Paul in ein Zimmer. Hier blickte sie, hochaufgerichtet, Roosje fest und entfchlofsen in Die Augen und fragte: „Warum küssest du ihn nicht? Warum empfängst du uns auf dem Flur? Warum ließest du uns nicht hereinkommen?' „Weil erwiderte die alte Frau. Dann ging sie ebenso aufrecht und fest auf Margarete zu: „Mit welchem Recht kommst du hierher, um mich auszufragen? Wenn es mir nun einmal nicht paßt, deinen Doktor zu küssen, und wenn ich^ ihn nun nicht zu mir hereinkommen taffen will? Was findest du babei? „Ich finde babei, daß du ungerecht bist, daß er mein Mann ist, uns daß er dir nur Gutes getan hat." , Roosje entgegnete mit höhnischem Lächeln: „Gutes? Was für «Gutes, bitte’" Aus ihr sprach Haß, Haß trotz allem, der Haß einer Frau, bie ain hellen Mittag zur Sonne gesagt hätte, wenn sie glaubte, einen ©runO' zu haben ihr böfe zu fein: Du bist ein alter Mond mit blassem Licht uno> höchstens gut genug, um im Paradies auf den Speicher gestellt zu „Wollt ihr euch nun küffen, ja ober nein?" forderte Margarete. „Nein!" '. Nein? Nein? Du hast wirklich nein gesagt? Gut, da du meinen Mann nicht sehen willst, wirst bu mich also auch nicht mehr sehen. „Sei nicht hart", sagte Paul. „Ich bin nicht hart; ich will keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen Jetzt sehe ich in ihr nicht mehr eine Mutter; sie ist eine böse Frau, Die uns beide verabscheut. Nein, ich sterbe lieber, als daß ich hierher zuruw tCl)“®ut, komm nicht mehr her", sagte Roosje, die, mit einigem Rech, hinter diesem Zornesausdruch irgendeinen arglistig berechneten Versuiy. eine Annäherung zwischen ihr und dem Doktor herbeizufuhren, zu W“ 9 „Komm nicht wieder, wenn du es so willst", fügte sie voller ®et" achtung hinzu. „Ich kann ihn nicht ausftehen, ich verabscheue ihn, mochte ihn tot und in Stücken sehen, und da du ihn mehr liebst au» Roosje hatte ihren Fluchtsilan noch nicht ausgefuhrt, unb Margarete dachte unaufhörlich an ihre Mutter. Jeden Morgen sagte sie sich: „Was mag sie jetzt tun? Beim Frühstück wird sie Angst haben, daß Siska zuviel Holz zum Feueranzünden braucht und zuviel Kaffee und nicht genug Zichorie nimmt. Sie ist vielleicht recht traurig. Mittags wird sie selbst das Essen kochen, und Siska bekommt nicht mehr die guten Stücke, die ich ihr immer gab. Arme Siska! Ich muh ihr doch ein paar Leckerbissen bringen." Um ein Uhr dachte Margarete: „Jetzt ist Essenszeit, warum soll ich der Mutter nicht unser Mittagessen bringen? Es ist viel besser; aber sie würde es nicht annehmen. Dann, wenn sie gegessen haben, trägt sie in das Haushaltbuch ein, macht Kaste und bessert ihre Strumpfe aus, unb dazu nimmt sie bie Wolle von den Sttümpfen, bie bes Anziehens nicht mehr wert find. Dann wird sie aus alter Gewohnheit meine Winterkleider ausschütteln, in der Hoffnung, die Motten herauszubringen. Und dann wird sie vielleicht denken, ich liebe sie nicht mehr. Oh, arme, einsame Mutter, doch, doch! Aber du wirst nicht mehr lange allein sein; Paul, wir wollen zu ihr gehen und sie küssen!" ""^Nrin^ch liebe ihn nicht mehr als dich, ich liebe ihn nur anders, ba* 'f* Ü®irft bu jetzt gehen?" rief Roosje, außer sich bei diesen Worten- „Wirsi du jetzt gehen, sonst verfluche ich dich!" Und sie erhob drohend die Hand gegen ihre Tochter. „Ich habe nichts Böses getan, du hast kein Recht, mich zu verflue^w „Wirst du gehen, wirst du mit ihm fortgehen! Ich werde demettveg noch einen Schlaganfall kriegen! Geh fort!" „Aber Mutter, Mutter, was machst du nur! „Geh!" rief Roosje zitternd und blaß vor Wut. „ ,Zch gehe, Mutter, ich gehe, aber das ist ungerecht , Die beiden verließen bekümmert das Haus, den Blick unter d I unverdienten Haß zur Erde gesenkt. „„ürfoina unö Kaum hatte Margarete einige Schritte getan, als I'e Zurackg , g weinend an die Tür klopfte: „Mutter, öffne mir, offne, kusfe mich! (Fortsetzung folgt.) Fahrt in -en Winter. Von Herbert Böhme. Nun singen die Räder ihr jauchzendes Lied hinein in die lauschende Ferne, du aber, mein fröhliches Herz, singe mit. Was lang unter Lasten des Lebens litt, glüht auf im Leuchten der Sterne. Es blüht die Erde kristallen, der Mond hängt über dem hellen Gefunkel, und was im Land meiner Träume sonst wohnt, von des Tages umdüsterten Blicken verschont, wächst nun aus bedrückendem Dunkel. Weit öffnet der Winter die Arme, bereit mich gastlich und froh zu empfangen. Da lockt eine bunte und festliche Zeit, die Wiesen und Hänge in leuchtendem Kleid: Alle Sorgen sind von mir gegangen. Frauenbart Von Otto An t he s. Wilhelm, den die Geschichte den Schweiger nennt, aus dem gräflichen Haufe Nassau, besaß außer seinen deutschen Besitzungen, mit denen er zum Reich gehörte, und denen in der Niederlanden, die ll)n zum Vasallen des spanischen Königs machten, auch noch das unabhängige Fürstentum Orange in Südfrankreich, von dem er den Titel Prinz von Oranien führte. Tief in die niederländischen Wirren verstrickt und angesichts der gefährlichen Feinde, die er um deswillen in aller Welt hatte, hegte er den Wunsch, in seinem französischen Ländchen einen Mann seines unbedingten Vertrauens zu wissen, der über die Gesinnung seiner Untertanen zu wachen und etwaige Anschläge seiner auswärtigen Gegner obzuwehren hätte. Nach reiflicher Ueberlegung fiel seine Wahl auf den tDlen Bodolt von Hachenburg, aus seiner nassauischen Heimat stammend, der denn auch bald darauf mit samt seiner Frau Harwig an feinem Bestimmungsort anlangte. Den Edlen selbst, einen in vielen Wettern gehärteten Kriegsmann, empfing das harmlose und friedfertige Völkchen von Orange mit scheuer Achtung. Die Frau aber erweckte, wo man sie auch zu Gesicht bekam, eine stille weil versteckte Heiterkeit. Frau Harwig war eine stattliche und eigentlich noch immer schöne Frau, aber sie trug auf der Oberlippe einen ziemlich starken Haarwuchs, ja, man konnte wohl sagen: einen richtigen kleinen Schnurrbart. Und die Leute in Orange, die draußen in der Welt gänzlich unbewandert, sich sowieso von den Deutschen die merkwürdigsten Vorstellungen machten waren nun der Meinung, daß alle deutschen Frauen auf diese Art beschaffen seien, was ihnen überaus drollig deuchte. Um so größer war ihr Erstaunen, als die Eltern Hachenburg ein halbes Jahr später ihre Tochter nachkommen ließen und sich erwies, daß dieses Mädchen, Algund geheißen, obwohl mit ihren zwanzig Jahren vollkommen erwachsen, keinerlei Spuren der vermeintlichen deutschen Frauentracht zeigte. Aber die Leute waren nicht geneigt, ihr /Weltbild so schnell zu ändern, sondern sie trauten einfach dem Frieden mch.. Und die kleinstädtischen jungen Edelleute, mit denen Sitte und Gesellschaft das Mädchen zusammenführte, schauten, wenn sie mit ihr jpsachen, immer nur wie gebannt auf ihren Mund, ob auf ferner rosig blühenden Höhe nicht doch ein Gräslein sprießen wolle. Im übrigen war Algund keineswegs ein uberzarte Pflanze. Die Eltern hatten sie vielmehr in Ermangelung eines Sohnes noch eifriger, als dies sonst in adeligen Häusern der Brauch war, in allen ^"erlichen Künsten erzogen. Sie ritt wie ein Stallknecht, kannte alle Kmffe der niederen wie der hohen Jagd, wußte zur Not einen Kurah zu tragen und hatte zur Nacht allezeit ein schubferttges zweilausiges Pistol auf dem Tisch an ihrem Bett liegen. Und daß sie damit umzugehen verstand, bewies sie des öfteren, wenn sie aus ihrem Fenster auf das Raubzeug feuerte, das ihren Tauben nachzustellen kam. Dergestalt festen und starken Leibes war ihre Seelenverfassung nicht minder derb "ad gesund, und sie wäre darum auch einem kräftigen Liebesspiel nicht abgeneigt gewesen, wenn der Rechte gekommen wäre. Daher verdroß sie blöde Befangenheit der adeligen Jugend von Orange, deren Ursache sie nicht kannte. Und die Mutter, die wohl wußte, was man von ihr sprach, hütete sich, ihr Mädchen aufzuklären, um keinen trüben Tropfen m ihr ^Das Minderte sich^alles, als der Chevalier de Queysfac auftauchte, der aus Paris kam und all der dort blühenden Künste des H°smachens und der Verführung Meister war. Mit dem Erfolg, daß Algund sich eilends und heftig in ihn verliebte. Und starkherzig wie sie war. nahm sie, einmal so weit, auch keinen Anstand, ihm ein nachtlch>es St^dichem im Burggarten zu bewilligen, zu welchem Ende sie ihm den SchluM zu dem Pförtchen einhändigte, durch das man von drauß Garten gelangen konnte. Die Verabredung »mg dahin, daß Algund, wenn die Eltern zu Bett gegangen waren durch das veslnen ihres Fensters das Zeichen geben solle, daß dem Treffen kein ) im Wege stünde. An dem vorgedachten Abend nunzogen sichs d" E"er früher als gewohnt zurück. Und Algund in 4rer, Dehro it $[s r;e öffnete das Fenster schon eine Weile vor der verabredeten Zett. Als sie sich dann wenig später auf die Fensterbrustung lehnte h Z schauen, fiel ihr auf, daß der eine der beiden SaMtemquadern, Die Brüstung bildeten, lose war. Es war zwar em alte f . hausten, aber daß die Steine sich darin losten, hatt s ch weiter bemerkt. Sie beugte sich hinaus und gewahrte, d 6 offenbar den unter dem Fenster angestellt war, deren eiserne H. @erl in ^,er Stein losgestohen hatten. Und schon sah sie auch v .(e Schat- Sturmhaube im Begriff, die Leiter hmaufzuklimm Kurz ent- ten hinter ihm deuteten darauf, daß noch andere ihm f g schlossen packte sie mit ihren kräftigen Händen den lockeren Stein mid> schleuderte ihn auf die sich aufwärts nähernde Sturmhaube. Ein Krach, ein Stöhnen, Poltern und Fluchen zeigte ihr an, daß sie nicht übel getroffen hatte. Schon sprang sie ins Zimmer zurück, ergriff ihr Pistol und feuerte zweimal in den Knäuel, der sich in der Tiefe wand. Die Schüsse weckten alsbald die ganze Burg. Die Wachen, die in den Garten drangen, fanden dort einen toten, ein paar verwundete und auch noch einige heile Knechte, und fingen dann auch den Chevalier, der später kam. Der Edle von Hachenburg verhörte zuerst die üblen Burschen, die ihm schließlich gestanden, von dem Chevalier gedungen zu sein, damit sie sich seiner, des Gouverneurs, bemächtigten. Woraus sich ergab, daß der Chevalier ein Werkzeug der Feinde Oraniens war. Der Anschlag war nur dadurch mißglückt, daß die gedungenen Burschen in ihrem Eifer, ihr Sündengeld zu verdienen, nicht abgewartet hatten, bis Algund 'zu ihrem Stelldichein das Zimmer verlassen hatte, wie es des Chevaliers Absicht gewesen war. Der wurde dann auch vorgesührt. Und da er sah, daß alles verloren war, enthüllte er hohnvoll und frech den Eltern auch den Anteil ihrer Tochter an dem ganzen Geschehen. Er sagte offen, da er die Liebschaft mit ihr nur angefangen habe, um feine finsteren Pläne zu verwirklichen. Er fügte lachend hinzu, man habe ihn zwar vor dem deutschen Frauenbart gewarnt, aber er habe geantwortet: wenn ihr die Haare auf der Oberlippe wachsen, habe ich mich längst an ihrem Munde satt geküßt und frage nichts mehr nach ihr. — Da aber sagte Frau Harwig» die der ganzen Verhandlung beigewohnt hatte: daß die deutschen Frauen in der Liebe einmal eine Dummheit machen, das haben sie mit den Frauen aller Länder gemein. Dagegen ist es ein Irrtum zu glauben, daß sie alle Haare unfer die Nase bekämen. Wohl aber haben sie alle Haare auf den Zähnen, das heißt in unserer Sprache so viel wie daß sie tapferen und unerschrockenen Gemüts sind. Was Eure Buben erfahren haben. Zufall. Von Friedrich Freksa. Jugendfreunde sitzen beisammen, Erinnerungen werden wach, schichten erzählt von Freunden, die das Schicksal irgend wohin verschlagen hat. Da fragt der eine: „Sag mal, was ist aus Fred geworden? Du warst doch mit ihm besonders befreundet, Konrad!" Konrad, ein starker Mann mit rotem Gesicht, runzelt die Stirn: „Ach, der! Laß mich mit dem zufrieden! Der ist durch einen reinen Zufall zu einem Riesenvermögen gekommen! Ich habe ihn dann an einem lukrativen Geschäft beteiligen wollen, und da hat er abgelehnt." „Und womit hat er sein Vermögen gemacht, Konrad?" „Lächerlich, das zu sagen! Früher wurden die Dorne in die Messingplättchen der Reißnägel eingesetzt, und er ist auf die Idee gekommen, verzinkte Eisenplättchen unter eine Stanze zu schieben und den Dorn radikal von der Mitte aus ausstanzen zu lassen. Natürlich kosten diess lächerlichen Reißnägel den zehnten Teil der anderen. Durch irgendeinen Zufall ist er darauf gekommen, und nun spielt er den großen Mann!" — Zwei Frauen sprechen miteinander: „Du möchtest wissen, Lisa, wie Mieze, das kleine Trampel, zu einem so netten, hübschen, wohlhabenden Mann gekommen ist? — Du weiht, sie war immer unverfroren. Eines Abends war sie auf dem Nachhauseweg von einer Gesellschaft. In der dunklen Ulmengllee ging vor ihr her ein Herr, der die Bordsteine der kreuzenden Grenzallee übersah, fehltrat, stolperte und hinschlug. Ich wäre so schnell wie möglich davongelaufen, denn diese Tricks auf dunklen Straßen sind viel zu bekannt! Wenn unsereins so einem hilft, läuft man bestimmt in eine Falle. Aber unser gutes Trampelchen kennt solche Bedenken nicht. Sie hat den Hingefallenen aufgerichtet, zu einem Baum geführt, ihn angelehnt, ein Auto geholt und ihn nach Hause gebracht. Und da sie ja als Hilfsschwester ausgebildet ist, konnte sie ihm sogar den verstauchten Fuß richtig behandeln. Daraus ist dann eine dicke Freundschaft geworden. Sie hat den nettesten Mann aus unserer ganzen Bekanntschaft bekommen. Alles durch Zufall!" — „Wie der Zufall doch spielt!" ruft Herr Timpe aus, der ein eifriger Besucher der Rennplätze ist. Ich wette mit Sinn und Verstand, ich verfolge die Chancen, ich lasse mir Tips geben, und mit Muhe und Not verdiene ich etwas. Und gestern kommt mein Vetter aus Dingsda und schüttelt nur den Kopf, wie ich meine Einsätze mach«. Schließlich sagt er: „Fünfzig Mark werde ich auch mal riskieren!" — Ich flüstere ihm zu: 'Setze Rotspon — Platz, dann kriegst du zu deinen Fünfzig bestimmt Dreißig dazu." — Er sagt: „Laß mich nur machen!" setzt auf diesen blutigen Außenseiter Haimibal — und was sage ich euch? Rotspon verliert seinen Reiter an der Hürde mit Wassergraben, Haubenlerche bricht aus, und Hannibal, auf dem ein ganz unbekannter aber fabelhafter Jockey sitzt — den Namen Alberti muht du dir merken — fchafft's, und mein Vetter aus Dingsda streicht vergnügt 214mal 50 Mark ein — so war die Quote — und sagt ganz behaglich: „Na ja, einmal und nicht wiederi Und ich uze ihn: „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln!" — War doch ein toller Zufall, nicht wahr?" — Oder es wird erzählt: „Durch einen blöden Zufall ist er ums Leben gekommen! Er lehnte an der Eisenbahntür. Die war nicht ganz gesichert, sprang auf, und er stürzte hinaus." — Geschieht im Dasein etwas Unerwartetes, geht etwas wider den Strich wird etwas nicht begriffen, entspricht etwas nicht den Spiel- reaeln die die Menschen selbst aufgestellt haben, dann schieben sie es dem kleinen Schalk „Zufall" in die Schuhe. Wenn Konrad seinem Freunde Fred das Vermögen mißgönnt, das er durch eine Erfindung gemacht hat fo spricht er aus einem Neide vorn Zufall, denn er will nicht gelten lassen daß Fred eine einfache und sogar gute Lösung für die Herstellung von Reißnägeln gefunden hat. Der kleine Schalk wird von ihm engagiert, um Fred ein wenig lächerlich zu machen. Damit redet er sich vor sich selbst heran«, daß er nicht so ftuchtbare und gute Einfalle hat, wie Fred. — Und die junge Dame, die ihrer Freundin den netten Mann mißgönnt, behauptet, auch hier hätte der Zufall eine Rolle gespielt, während sie doch selbst eingestanden hat, aus Furcht und Mißtrauen würde sie nicht geholfen haben. Und dem Manne hat gerade das bei der Frau gefallen, daß sie keine Furcht hatte, hilfsbereit war und sich als tüchtiger, lebenskräftiger Mensch zeigte. — Der alte Sportsmann, der gewerbsmäßig immer gewettet hat nach ganz bestimmten Regeln, mit viel Grübelei und Zeitopfern, kommt nicht darüber hinweg, daß sein Vetter aus Dingsda das Wetten beim Pferderennen wie eine große Lotterie behandelt und nun, weil er an dem Tage Glück hat, das tut, was der kluge Vetter immer nur zur.Selbstversicherung mit ein paar Mark wagt: auf einen Außenseiter zu setzen! Denn vielleicht kann es ja sein, daß der Außenseiter gewinnt, und damit ist eine Rückversicherung gut. — D^r blöde Zufall des Mannes an der Eisenbahntür entpuppt sich als Unvorsichtigkeit! Wer sich an die Tür eines fahrenden Zuges lehnt, soll sich vorher vergewissern, ob die Tür wirklich geschlossen ist oder nicht! Das, was zumeist unter der Rubrik „Zufall bei Mißgeschicken" gebucht wird, ist gewöhnlich die persönliche Unzulänglichkeit eines Menschen, Unentschlossenheit, Gedankenlosigkeit, Angst! Ein alter Sjerr kreuzt die Straße, ein Wagen biegt um die Ecke. Würde er entschlossen vorwärts laufen oder entschlossen zurückspringen, dann hätte ihn der Kotflügel nicht gestreift. Aber im Augenblick der Schrecksekunde brachte er es nicht auf, entscheidend zu handeln. Er sprang einen Schritt vor und dann wieder einen Schritt zurück, und der Fahrer, der nun nicht wußte, wo er hinwollte, konnte dem Wagen nicht die Ausweichrichtung geben, die den Armen vor dem Sturz bewahrt hätte. Wir tragen wirklich unseres Schicksals Sterne « der eigenen Brust. Wieviel schlimme Zufälle sind zu vermeiden, und wieviel glückliche Zufälle entspringen dem Charakter und dem Lebensweg eines Menschen. Einem Erfolgreichen Theaterdichter wurde einmal unverblümt gesagt: „Wieviel Zufälle und wieviel Glück haben doch bei Ihnen mitgespielt!" — Er gab Mr Antwort: „Das Geheimnis des Erfolges ist, neun Mißerfolge hinnehmen zu können ohne bange zu werden! Dann wird es beim zehntenmal «in Erfolg!" — Das Wort Zufall hat feine in unserer Zeit eigentümliche Bedeutung erst in der Zeit der deutschen Romantik erlangt. Damals herrschte der Glaube an mystische Schicksalswendungen, an Eingriffe höherer Mächte zugunsten des einzelnen. Man glaubte an Menschen, die mit einer Glückshaube geboren wären. Die Menschen hatten Freude am Unvermuteten, am Unausdenkbaren, ja, am Wunder! Und so wurde das Wort Zufall für die kleinen Wunderlichkeiten des Lebens erfunden. Ursprünglich hatte das Wort in unserer Sprache den Sinn: einem ist tztwas zugefallen, etwas zugestoßen! Goethe schreibt noch: „Ohne den mindesten Zufall hat unsere Tagereise sich geendet." — Er hätte ebensogut schreiben können „Erlebnis". Schiller schreibt: „Heute vor vierzehn Tagen überfiel mich ein fürchterlicher krampfhafter Zufall!" — Und im gleichen Sinne schrieb noch Storm: „Sie hat wieder ihren Zufall." Heute wirkt im Worte Zufall ein kleinlicher Zweifel der Menschen an die großen Lebensgesetze sich aus. Der kleine Schalk Zufall erweckt eine Art Schadenfreude und soll aufzeigen kleine Ungerechtigkeiten und Ungesetzmäßigkeiten. Weit entfernt sind die Menschen von dem hochgespannten religiösen Gefühl, daß alles vorausbestimmt ist, wie in dem evangelischen Glaubensbekenntnis der Reformierten zu Genf, die keinen Zufall kannten. Conrad Ferdinand Meyer hat dies Gefühl in die folgenden Verse gebracht: In die Schule bin ich gangen Bei dem Meister Hans Calvin, Lehre hab' ich dort empfangen: Vorbeftimmt ist alles ewighin! Jeder volle Wurf im Würfelspiele, Jeder Diebestritt auf Liebchens Diele, Jeder Kuh — Schicksalsschluß! Dann bin ich zu Roß gestiegen Mit dem Hauptmann Des Adrets, Der das Kindlein in der Wiegen Würgt und sich ergötzt an Qual und Weh! Jeder First, der raucht und dampft und lodert, Jeder Tote, der im Graben modert, Jeder Schuß — Schicksalsschluß! Das hänel frer Sprache. Von Bruno H. Bürgel. „Warum sind di« Fische stumm? Weil sie sonst reden würden dumm!" «o sagt cm alter Kinderreim. Nun, man kann nicht behaupten, daß alles, was wir Menschen reden, klug wäre, aber eines ist wohl sicher: niemals hätte unser Geschlecht diese Höhe erreicht, wenn es nicht fähig gewesen wäre, die artikulierte Sprache auszubilden. Wer aber dentt daran, daß das Zustandekommen der Sprache noch immer ein viel umstrittenes Problem ist, mit dem sich fett Jahrhunderten die Sprach- Philosophen, die Physiologen und Psychologen beschäftigen. Wir dürfen , nie vergessen, daß der Mensch, wie die Forschungen der Anthropologen ergeben, einst aus langen, niederen Vorfahren-Reihen emporsteigend ein sehr primitives Wesen war, das mindestens eine Million Jahre brauchte um zu dem zu werden, was es heute ist. Selbstverständlich hatte der . Urmensch diese artikulierte Sprache nicht, wohl aber die Anlagen dazu, sowohl was die äußeren Sprechwerkzeuge anbelangt wie die Gehirn- partien, die vor allem für das Sprechen, das Wortgedächtnis usw. in < Frage kommen; auch sie haben sich, durch den Gebrauch immer mehr gestärkt und vervollkommnet, in wundervoller Weise entwickelt. Der Mensch der Frühe konnte genau so wenig sprechen wie ein kleines Kind, das ja auch nur Gaule von sich gibt, die Empfindungen und Eindrücke, Lustgefühle und Unlustgefühle andeuten; aber auch hier ist der Mensch dem Tier gegenüber schon bevorzugt, er hat eine reichere Skala der Empfindungsausdrücke. Denken wir nur an das Weinen und Lachen, an die Fähigkeit, Naturlaute zu kopieren, wie etwa das Grollen des Donners, das Heulen und Pfeifen des Windes ufw.l Gewiß, auch das Tier hat vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten für Lust- und Unlustgefühle, ja, es vermag durch ganz bestimmte Töne den Mitgeschöpfen seiner eigenen Art Mitteilungen zu machen; wir wissen alle, daß die Vögel bestimmte Warnrufe haben, mit denen sie sich gegenseitig alarmieren, wenn eine Gefahr droht, etwa eine Katze, ein Raubvogel sich nähert, und ohne Zweifel ist das sehr unterschiedliche Gebell der Hunde, um nur von ihnen zu sprechen, ein Äerständigungsmittel. Aber wie weit ist das von einer artikulierten Sprache entfernt! Man sollte meinen, daß die dem Menschen am nächsten stehenden Geschöpfe, die menschenähnlichen Affen, noch am ehesten so etwas wie eine „Sprache" haben müßten, vielmehr eine besonders reiche Skala von Tönen, um unterschiedliche und hier schon kompliziertere Empfindungen auszudrücken. Das ist auch von manchen Forschern behauptet, von anderen bestritten worden, ja, man hat Versuche gemacht, diese „Afsensvrache", diese Anfänge einer komplizierteren Lautgebung zu studieren, sie vor gefangenen Affen nachzuahmen, um zu sehen, ob und wie sie darauf reagieren. Es wird folgende amüsante Geschichte erzählt: Jemand hat in Afrika die Laute der Menschenaffen in der freien Natur studiert und vermochte sie sehr naturgetreu wiederzugeben. In Europa angekommen, war er gespannt, wie die Affen der Zoologischen Gärten diese Rufe ihrer Brüder in der Heimat aufnehmen würden. Ein sonst sehr umgängliches Schirn- panfenfräulein schien in der Tat interessiert und irgendwie angeregt zu lauschen, plötzlich aber holte es aus und versetzte dem erstaunten Forscher eine recht kräftige Ohrfeige. Ein humorvoller Mann schloß daraus, daß dieser Zuruf aus dem Urwald vielleicht das Zartgefühl der Schirnpanstn verletzt habe, aber man darf wohl eher annehmen, daß die Steffin irritiert war, eben diese Laute aus dem Munde eines Menschen zu vernehmen, statt aus dem eines Artgenossen, der sie zu sich rief. * Wie aber, das interessiert bei diesem Problem am meisten, mögen die Uranfänge der Sprache gewesen sein? Eine schwer zu lösende Frage, über die mancherlei Ansichten herrschen. Im Anfang sind ganz offenbar nur primitive Laute für Empfindungen vorhanden gewesen; Hitz«, Kälte, Hunger, Schmerz, Durst, Behagen, Furcht, Wut und ähnliches, gab sich in einfachen Tönen kund, und mit Recht sagt man, daß der Mensch sich vor allem dadurch von allen Mitgeschöpfen unterschied, daß seine Gehirnanlage, sein Empfindungs- und Seelenleben ihn befähigte und zwang, nicht nur eben primitive Empfindungen kundzutun, sondern auch Vorstellungen, also Eindrücke, Gedanken in Laute zu fassen, daß er das Bedürfnis empfand, sich feiner Umgebung, feinen Gefährten mitzuteilen. Man meint, daß im Anfang auch die Zeichensprache eine wichtige Rolle # spielte, die die artikulierte unterstützte, verdeutlichte. Diese Zeichensprache spielt noch heute bei manchen Naturvölkern eine große Rolle, ja, selbst wir (achten Sie einmal darauf, daß Leute selbst am Telefon das, was sie sagen, durch Gesten unterstreichen!) verwenden sie oft unbewußt. Die leider völlig ausgerotteten Ureinwohner Tasmaniens sollen nur ganz wenige Worte gehabt haben (im Gegensatz zum Europäer, der im Durchschnitt etwa 50 000 Worte gebraucht), und ohne Zeichen konnten sie sich nicht verständigen. Man sagt, daß in der Nacht, im Dunkel, eine Unterhaltung zwischen ihnen unmöglich war. Ohne Zweifel haben die Forscher recht, die da sagen, daß das Zusammenleben der Menschen der Frühzeit in Horden ungemein dazu beige tragen habe, eine Sprache zu entwickeln, um ein gemeinsames Werk (Jagd, Hüttenbau usw.) durchzuführen. Sehr schwer aber ist zu erklären, wie die Lautsprache entstand. Man denkt da vor allem an die Wiedergabe von Naturlauten, an Lautmalereien sozusagen. Steckt nicht in unserem deutschen Wort „Krach", mit dem wir ein Zusammenbrechen, etwa das Niederbrechen eines Baumes, das Herabkollern und Aufschlagen von Gesteinsmassen im Gebirge beschreiben wollen, so eine Lautmalerei? Das Kind gibt das Geräusch des Donners oder eines Schusses ohne jede Anleitung mit „Summ" wieder; wir wissen genau, was sie meinen, wenn Kinder den Naturlaut „Kukuk", das Quacken der Enten, das Kikeriki des Hahnes wiedergeben, und sehr viele solcher Laute sind uns allen wohlbekannt. Ohne Zweifel hat die Ursprache viel davon enthalten, und tm Zusammenhang mit Zeichen und Gesten konnte so leicht eine Verständigung erfolgen. Aber wie weit ist es von dort bis zu komplizierten Mitteilungen über das, was Herz, Geist, Seele, bewegt, wie viele Worte, Sätze müssen wir aussprechen, um etwa unserem Freunde zu schildern, welchen Eindruck eine nächtliche Meerfahrt unter dem Sternendom auf uns machte, oder gar, um ganz vom Gegenständlichen losgelöste Empfindungen, etwa religiöser Natur, darzulegen. Eine gewaltige Gehirnarbeit, ein sehr kompliziertes, noch keineswegs entschleiertes Zusammenwirken von Empfindungszentren, Wahrnehmungszentren, Gedächtnisbezirken, dem Sprachzentrum usw. ist notwendig. Nur das Gehirn und das Seelenleben des Menschen vermögen das zu leisten, ja, eben das ist im Grund« charakteristisch für dieses rätselhafte Wesen, das sich „Mensch" nennt. Hier wird uns auch klar, daß ungeheure Zeiträume vergehen mußten, ehe der aus der Tiefe emporfteigenbe Mensch die ihm mitgegebenen Anlagen durch fortgesetzt gesteigerten Gebrauch so stärken, so „trainieren" konnte, bis sie das zu leisten vermochten, was sie heute leisten. Wer, der heute ein Zeitungsblatt, ein Buch lieft, in dem taufend Zeichen die oer- wickeltsten Mitteilungen, Gedanken, Gefühle dem Leser zugänglich machen, denkt daran, daß der Mensch einst mit ein paar ganz primitiven Zeichen sich' behelfen mußte, aus denen das wurde, was wir „Schrift" nennen! Nicht anders ist es mit der Sprache. Mir scheint, es ist zuweilen nötig, sich derlei wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, um wieder Ehrfurcht zu bekommen vor dem, was wir Menschentum nennen, und was auf verschlungenen Wegen durch Licht und Finsternis seinen Schicksalsweg wandelt.