Illiu btiju Sim L hin Uh ti ü .Mi ililiei SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger 0 ÜM Jahrgang 1959 Zreitag, den (. Zeptember Nummer 67 Will ui# i|orjU /D 50»)' dich Mdi Herz, wo liegst du im Quartier? »Itijll iliim t ist Eln heiterer Roman von Kurt Heyntcke itnliii W um Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 2. Fortsetzung. Rund um den Platz, den Blancbois erwähnt hatte, stand Volk und n H rissen Witze, in ■ot* ifli *: hinüber, gerichtet als sich In ZU im 3# IW tW 5 Da sie Engländerin war, blieb ihr Anteil an der Zeitgeschichte in den , den der Zurückhaltung hängen, sie konnte den Lauf der Dinge von höheren Warte betrachten, die in solchen Fällen nur den Gottern ,ö ?en neutralen Zeitungsberichterstattern vorbehalten ist. Vivian hatte Landkarten gekauft und ihnen ein ganzes Zimmer ein« ? raumt Sie hingen an den Wänden und lagen auf den Tischen, sie «uren wie ein Bilderbuch des Krieges, dessen Zeichnungen von Vimans tgantasie bunt ausgemalt wurden. i#’ eis es notwendig war. Gilbert fühlte, daß die Hingabe an die große Sache dadurch den Reiz !«s Unzweckmäßigen bekam. Wie Pilze nach dem Regen schossen einfache, auf Klapptischen ein« ! te Hfl i tbl Ü ,W m. ® in® W*' all* iifl* b W allti® bttfM 1 ehörig mit Pfeffer gewürzt. Junge Mädchen warfen Scherzworte zu den Männern her lat schien der Eifer der Exerzierenden mehr darauf iein, bei anmutigen Zuschauerinnen Eindruck zu machen, gebrauch der Waffen zu üben. Vielleicht trug die Tatsache, daß die Männer nicht zum Dienst ler Linie bestimmt waren, das ihre dazu bei, alles leichter zu nehmen, Das Haus, welches Vivian Moreland bewohnte, lag in einem Park k der Nähe der Rue de Valois. Strauchwerk und Baumkronen wurden juft von der Ahnung sommerlicher Vergänglichkeit ergriffen; die ersten Blätter verfärbten sich. Haus und Park gehörten einst einem Marquis, der feiner neuen Zeit, “* inzwischen die gute alte Zeit geworden war, durch eigensinniges Se= Wren auf diesem mitten in der Stadt gelegenen Grunde getrotzt hatte. Tante Vivian wohnte daher so abgeschlossen, daß sie .chraußen" sagte, 8«mt sie Paris meinte. „ Da Ann um diese Stunde noch bei Spamante weilte, war das ©arten« D geöffnet. Gilbert hatte es nicht allzu schwer,.ins Haus zu gelangen. Hin»1' * »Ich falle vor Verwunderung um", sagte Tante Vivian und tat das , # liegenteil, sie blieb stehen und umarmte Gilbert. An diesem zärtlichen und verwandtschaftlichen Empfang erkannte Mildert, daß Vivian inzwischen besser als ihr Ruf geworden sein mußte, war aber nur ihre gute Laune. . Denn in jenem Augenblick, in dem sie wie viele Menschen ihrer Art Erkenntnis gewann, daß ihr die Welt nichts Neues mehr bieten Flinte, kam der Krieg. Das Leben wurde wieder spannend für Vivian Koreland. Landschaften mit Städten, Dörfern, Flüssen, Felder^ wuchsen in Vivians Betrachtung zur Wirklichkeit; Regimenter, Divisionen, Armeekorps marschierten und bezeichneten die strategischen Linien, die Vivian Moreland dem Genie Moltkes nachempfand. Vivian prophezeite ihren Pariser Bekannten den Tag von Sedan, bevor es die Preußen eingeschlossen hatten und zog sich daher die Feindschaft derer zu, die über solche Voraussage lachten und ihr später nicht verzeihen konnten, daß sie recht gehabt hatte. Sie führte Gilbert in die vier Wände ihrer strategischen Selben« schast und sagte: „Sie kommen, sie kommen!" - Gilbert war aber in Vivians Welt noch nicht heimisch genug, um zu verstehen „Wer kommt?" fragte er. „Dummkopf! Die Deutschen! Hier! Sehen Sie!" Sie zeigte ihm die Fähnchen, die sie nach den neuesten Nachrichten eingesteckt hatte. Sie sammelte die Botschaften weniger aus den Zeitungen, die nach ihrer Meinung logen, um die Bevölkerung zu beruhigen, sie hatte vielmehr ein Ohr für Gerüchte, denen sie zwar auch mißtraute, deren Nachprüfung aber nicht allzu schwer war, wenn sie den letzten und vorletzten Stand ihrer Fähnchen betrachtete. Oie meisten Nachrichten erhielt sie von Crapulleaux, ihrem Hausmeister. „Wegen der Deutschen soll ich Sie holen", sagte Gilbert, von der Umgebung verwirrt. „Mich?" fragte Vivian. „Auch Ann", erwiderte Jlllngton mit einem Versuch, diplomatisch zu sein; „Sir Anthony schickt mich." „Ich will Ihnen sagen, was Ihnen mein Bruder aufgetragen hat: wenn Vivian mitkommen will, bring sie mit. Wenn nicht, lasse sie, wo der Pfeffer wächst." Sie hatte Sir Anthonys Rede ziemlich genau getroffen. Sie macht einen ja doch verlegen, dachte Gilbert. Er versuchte das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die seinem Herzen teuer, ihm aber auch voller Aengste war: „Hat Ann öfter von mir gesprochen?" „Man soll bei Noisy-le-grand eine preußische Patrouille gefangen haben", sagte Vivian und suchte mit einem ihrer Stecknadelfähnchen den Ort. „Das ist wahr", bestätigte Gilbert und erzählte, wie er dem blauen Husaren begegnet war, und daß dieser in Gefahr gewesen sei. Sie steckte das Fähnchen ein und sagte leichthin: „Und was Ann betrifft, so sage ich Ihnen im Vertrauen, sie hält nicht viel von Ihnen! Aber da sie bisher überhaupt noch keine Ahnung von Männern hat, brauchen Sie dem keine Bedeutung beizulegen." Sie seufzte wie eine Sibylle, die im Hinterhof Dienstmädchen empfängt und keine große Kunst anwenden muß, um die Schicksale unter Kartenschlag wohltätig zu raten: „Es sind schon die merkwürdigste^ Verbindungen zustande gekommen!" Gilbert fühlte, daß diese Bemerkung keine Ermunterung darstellte. Er konnte es aber nicht verhindern, daß sich die Not seines Herzens auf feine Zunge legte: „Und hier in Paris — hat sie — ich meine — sagen Sie es mir! Hat sie irgendwelche Bekanntschaften?" Tante Vivian grinste. „Wenn Männer verliebt sind, geben sie sich entweder als Bullen oder als Jammerbilder!" „Miß Moreland!" „Sie scheinen die Mitte zu halten", schloß sie unbeirrt. Gilbert machte ein unglückliches Gesicht. Es war ihm zu seinem Leidwesen unmöglich, Vivian in ihrem eigenen Stil zu antworten. Sie mißverstand sein Mienenspiel, bekam Mitleid und schob ihren Arm unter den seinen: „Kommen Sie an die Luft, mein Junge." Im Park gab es Wege zwischen kunstvollen Hecken. „Hier lustwandelten zur Rokokozeit die Liebespärchen! Haben Sie Phantasie? Ich kann mir vorstellen, daß zwischen den Hecken die tollsten Geschichten geschehen sind!" „Die Vergangenheit ist mir ganz gleichgültig! Diese Hecken auch! Und die Geschichten, an die Sie denken, sind wahrscheinlich so frivol, daß ich erröten würde, wenn ich sie hörte! Ich liebe Ann, und alles andere ist mir gleich! Und Ann will ich holen! Und wenn ich mit ihr in England ankomme, dann wird sie wohl selbst so weit [ein, anzunehmen, daß sie und ich unzertrennlich sind! Deshalb müssen Sie mit heften! Ann schlägt nach Ihnen! Und Sie wissen, daß es gar nicht so viel Männer geben würde, die Anns Zauber aushaften, wenn er sich von feiner dauerhaften Seite zeigt!" Es war die längste Rede, die er in der Sache Ann gehalten hafte, sie war umfangreicher als seine Werbung bei Sir Anthony. „Sie sind berechnend wie Ihre Mutter, mein höflicher Junge", sagte Vivian. „Sie denken, hab' ich Ann erst in England, dann kompromittiere ich sie mit meiner Gegenwart?" kompromittiere?" selbst es sagt! kleines Kind, ein war und daß es Brombeeren den werden. Aber als (Fortsetzung folgt.) Eigentlich gegen Vivians Willen, die doch Anu allmählich auf Jlling- ton vorbereiten wollte. Aber der Name hatte die ganze Zeit aus dem Grunde des Bewußtseins geruht. Dort war er ihr lästig, sic wollt« ihn los sein. Nun knallte er los wie ein Feuerwerkskörper, der ein« schlecht vorbereitete Menge erschreckt. , Vivian hielt in der letzten Zeit gern Ruckschau aus ihr Leben. Do sah sie die verpaßten Gelegenheiten verdorrt am Wege liegen. ' Ihre Gedanken waren dann geneigt, Kompromisse zu schließen und das Schicksal mit dem Worte ,glätte ich damals" theoretisch zu be- Vivian spürte, daß in Anns Seele kein Frühling eigentlich gut sei, Gilbert weit hinten im Park bei richtigen. Sie übertrug Darum sagte wärest du, was „Wie du auf „Gott, wenn „Ober wie man das nennen will. Wenn sie es nur nicht merkt. Soll ich Ann alles wiederholen, was Sie gesagt haben?" fragt sie ernst. ,Hch fürchte, es wäre nicht günstig", meinte Gilbert kleinlaut. „Das fürchte ich auch. Nun, Ihre Anwesenheit wird auch ohne Worte für Sie sprechen. Aber vertrauen Sie ein wenig dem Zauber diefer checken und Wege. Ich sage, sie haben es in sich. Dort drüben sind Brombeeren, Gilbert! Ich rate Ihnen, so lange welche zu pslucken, bis ich Ann vorbereitet habe, daß Sie hier sind!" Er bat: „Sagen Sie nicht zu viel!" , „Haben Sie nur keine Angst, daß ich Ihrem Beispiel folge! Natürlich ist es am besten, Sie sagen ihr alles selbst, was Sie auf dem cherzen haben. Noch besser ist es, Sie sagen überhaupt nicht, daß Sie Ann lieben. Warten Sie, bis Ann selbst es sagt!" „Ann — mir?" , „Natürlich! Ein richtiger Mann kann eine Frau schon dahin bringen! Vorausgesetzt, die Frau liebt chn!" , „Vorausgesetzt sie liebt mich", sagte er wie ein Echo. Er sah duster aus wie der Torbogen eines alten Klosters. Gilbert riß an den Brombeeren und versuchte sie, als Vivian ins chaus gegangen war. Er stach sich an den Dornen. Die Beeren waren sauer. Vivian sah Ann den Weg heraufkommen. Ann schritt über die goldenen Ornamente, welche die Sonne durch die Kronen der Bäume auf den Weg zeichnete, sie setzte die Füße stampfend wie ' ts>:"x das ärgerlich einem befohlenen Ziele zustrebt. zu wissen. . „ , Es lag sonst nicht in Anns Charakter, zärtlich zu -------- —— sie die Tante Vivian erblickte, wars sie sich in ihre Arme. Daran konnte Vivian erkennen, daß Anns Herz weich war. Und Anns Herz war weich, weil sie sich nicht zu helfen wußte. Und weil sie sich nicht zu Helsen wußte, war sie unglücklich. Sie sagte es: ,Lch bin unglücklich, Tante aber diese späte Milde auch auf andere Menschen. Tante Vivian: „Ich dachte nur, an der Seite Gilberi- die Kunst angeht, vor weiteren Versuchungen sicher?" einmal auf Gilbert kommst? ..." meinte Ann. du ihn nicht leiden kannst —! Bist du wirNich ganz Vivian!" . . „Etwas Seltenes bei deinem Charakter!" erwiderte Vivian. „Warum bist du unglücklich?" „Spumante sagt, ich hätte keine Stimme!" „Das lügt er in seinen Hals hinein", sagte Vivian; „ich höre dich doch!" „Keine Stimme für den großen Gesang!" „Ah! Aber du hast ihm das Gegenteil bewiesen!" z „Dreimal habe ich es versucht! Aber er haf dreimal nein gesagt." „Ein Narr!" „Er sagte es sehr lieb. Und ich glaube, Tante Vivian, er hat recht. Deshalb bin ich unglücklich." Vivian trug noch immer die Krinoline, obwohl die Kaiserin Engenie bereits vor drei Jahren auf einem Hosball ohne Krinoline erschienen war, ein Zeichen für die Modekünstler und Frauen Frankreichs, in eine neue Linie einzuschwenken. Aber das dralle Rundgewand stand Vivian, es milderte die Strenge ihrer Erscheinung. Mit einer Krinoline ist es schwer, wie ein Kürassier die Treppen hinauf und hinunter zu poltern oder erschreckend männliche Gesten zu tun. Vivian zog Ann in das schönste Zimmer des Hauses. Es war in Kirschbaum gehalten, mit geblümten Polstermöbeln, hell und duftig. Es war alles geschwungen wie die Krinoline. Die Schränke, die Tischbeine und die Stuhllehnen. Es war ein heiteres Zimmer. „Nun", sagte Vivian, „setz dich! Laß uns miteinander reden!" Eine verborgene Feierlichkeit schwebte. Ann wappnete sich mit Vorsicht. Denn wenn Ann auch unglücklich war, so wollte sie Vivian keinen Einfluß über sich einräumen. .Launen sind Schlingpflanzen und überwuchern den Verstand. Sieh micst an! Wir Morclands hegen unsere Verrücktheiten, statt sie am Wege liegen zu lassen. Wir schätzen sie wie ein Kleinod, und eines Tages ist eine Laune ein Laster! Ein Laster ist, was man nicht lassen kann! Und wenn man sich gar nicht zu helfen weiß, dann erhebt man das Einfache zur Laune. Sieh, ich konnte mich nicht verstellen und machte eine Tugend daraus. Ich sagte, was ich dachte, und hatte ein Vergnügen daran. Aber ich rouroe von niemandem verstanden. Das Schlimmste war, daß man mich komisch fand. Wenn die Männer über eine Frau zu lachen beginnen, zertrümmern sie in ihr die Fähigkeit, zu lieben." Ann unterbrach: „Was willst du eigentlich, Tante Vivian?" „Dich trösten! Die Morclands waren Gutsbesitzer, Züchter, manchmal auch Spieler. Aber Säuger, nein, Sänger waren sie nie." „Vielleicht bin ich, ohne es zu wissen, romantisch?" Vivian dachte an den Mann bei den Brombeeren: „Sei es, mein Kind, sei es! Die Männer verlangen es! Ich — war es nie! Und ich bereue es, obwohl ich nicht glaube, daß ein Mann bei mir ausgehalten hätte! Nein, tröste dich! Du hast Besseres als eine Gesangstimme!" Ann schnappte die Luft, die Bivian bei ihrer langen Ansprache übrig- gelassen hatte, dann sagte sie: „Ich weiß nicht, ob du mich verstehst, Tante Vivian!" „Warum soll ich dich nicht verstehen? Du bist in die Kunst verliebt, weil du in keinen Mann verliebt bist! Dabei ist es die höchste Zeit! In deinem Alter war ich es täglich!" „Oh, Tante Vivian! Und warum wurde nichts daraus?" Beinahe bereute Vivian, ihre Seele den neugierigen Fragen dieses jungen Mädchens preisgegeben zu haben: ,Ich weiß nicht! Erstens war cs jedesmal ein anderer und zweitens hatte ich zu wenig Mut! Wahrhaftig", schalt sie, „ich hätte vor dreißig Jahren irgendeinen dieser furchtbaren Kerle heiraten sollen! Es waren schlimmere darunter als dein Gilbert!" Gilbert! Da war es heraus! und gar gegen ihn?" i Damit erhob sie sich und machte eine Wendung zum Fenster. Di« Krinoline rauschte. Ann aber sah den Blick, mit dem Vivian Ausschau hielt. Ann wurde, ohnedies bereits im Gemüt erschüttert, hellsichtig. Vivian, die sonst so überlegene Vivian, hob die Hände, als müsse si« das Mißtrauen, das Ann ihr zuwarf, wie einen Ball zurückschlagen. Ihr war zumute wie einer Katze, die aus Versehen ins Fuchseisen geraten ist. Jetzt schrie Ann: „Gilbert ist hier!" „Im Garten!" erwiderte Bivian erlöst. Gilbert sah aus einer steinernen Bank in der Nähe der Brombeeren. Der Strauch war leer. Gilbert hatte Magenschmerzen. Ann stürzte zum Fenster, riß es auf und schrie: „Gilbert! Gilbert! Er rannte der Stimme entgegen. Seine Seele brannte vor Freude Ann beugte sich weit aus dem Fenster und ries: „Willkommen in Pans, Gilbert! Aber ich heirate Sie nicht! Niemals, hören Sie? Lieber nehm.! ich einen alten Kehrbesen!" Sie schloß das Fenster wieder und sah Tante Vivian erschöpft an: „Nun hat er wohl genug!" So gut es die Krinoline erlaubte, sank Vivian in den Sessel: „Do, Ann, vom Heiraten hat er kein Wort gesagt!" „Aber gedacht! Hat er nicht wenigstens gesagt, daß er mich liebt?! Sieh ihn doch an, diesen Duckmäuser! Sieh, was er für ein Gesicht mach«! Aber ich lasse in seine Hoffnungen hageln! Ach, diese Hoffnungen!" Gilbert entzog Ann fein Gesicht, indem er ins Haus ging und lan® sam die Treppenstufen nahm. Seine Mienen waren fauer wie die Brombeeren, die er geno||ni hatte. Außerdem erschreckte es ihn, daß Ann leidenschaftlich sein tonnte. Von der Seite kannte er sie gar nicht. Er hatte sie bisher für cim temperiertes Temperament gehalten. Er betrat das Zimmer mit einer Zurückhaltung, die sich wie die En» schuldigung für seine Anwesenheit ausnahm. „Guten Tag, Ann, wie geht es?" sagte er. Sein Blick flehte Vivst« um Hilfe an. ~ , iL . Vivian Moreland strich ihre Würde und die Krinolme glatt un b meinte, daß Gilbert ja nur gekommen sei, um die Damen nach Englai.) zu holen. „Der Wunsch meines Bruders", sagte si«, „ist verständlich. Aber er ist nie Soldat gewesen, während ich, hätte sich mir das Schicksal gnädiger erwiesen und mich einen Mann werden lassen, es gewiß bis zum FM Herrn gebracht hätte. Die Preußen kommen, Paris wird belagert, iah werde mir ein solches Ereignis nicht entgehen lassen! Aber du, nwi Kind!" sie wandle sich an ihre Nichte, „solltest wirklich nicht hierbleiben!! In Anns Gedanken lag das Wort Spumantes: „Auch die Liebe ill Gesang ..." ... Da saß Gilbert, er verschlang sie mit den Augen, aber es war i®r nicht einmal unbehaglich. Es machte ihr überhaupt nichts. Nein, d°u war der Gesang der Liebe nicht. „Ich kenne doch meinen Vater! sagte Ann. „Er hat Gilbert geschickt er soll mich nach England begleiten. Aber ich wette, er hat auch gesagt, das ist eine Gelegenheit: gewinnen Sie sich Ann!" Wie genau die beiden Frauen Sir Anthony kannten. Gilbert log: „Ich verstehe Sie nicht, Ann! Denken Sie noch immer an den dummen Antrag?" .. Die Liebe versuchte sich bereits in Diplomatie. Es schien, daß es -tr“ für Amor war, sich kopfschüttelnd zurückzuziehen. „Heucheln Sie nicht", sagte Ann. „Und was Vater angeht, so ist ® unruhig, solange ich weg bin. Väter halten solche Gefühle für mr. Pflicht. Aber anderseits möchte er auch gern seine Ruhe haben Den« seine Ruhe liebt er noch mehr als mich. Hat er sie etwa gehabt, wen. ich auf Moreland Castle war? Nein! Wann aber wird er feine JW haben? Wenn ich verheiratet bin, und wenn mein Gatte die Pflicht sich meinetwegen zu beunruhigen." Sie seufzte: „Ob es ein Ze>ta>>- geben wird, in dem junge Mädchen in meinem Alter etwas Vernünftig tun können, wenn sie nur wollen?" Es gibt nur wenig Männer, die dem Gedankengang einer Frau folge' können, ohne ihn sogleich mit ihrem männlichen Gesichtspunkt zu v - binden. Rar wie Maiblumen zwischen Pslastersteinen sind solche Manne- Gilbert war aber keine Maiblume. Darum fragte er nicht ohne Ziner - „Sie Heben jemanden?" ... .... Sie sah ihn voll zuckenden Spottes an. „Gewiß liebe ich." Sic Iacye> • „Einen alten Mann, der mir heute die Wahrheit gesagt hat." (fi. Er wußte nichts mit dieser Antwort anzusangen. Darnach tranken zu dritt beharrlich Tee und versuchten die Verlegenheit, di« sich Dr macht«, durch stures Schweigen abzuwürgen. . „ , . Um diese Stunde brachte ein Bote einen Bries und ein kleines 4- für Ann Moreland. An eine Aeolsharfe Von Eduard Mörike. Angelehnt an die Efeuwand Dieser alten Terrasse, Du, einer luftgeborenen Muse Geheimnisvolles Saitenspiel, Fang an, Fange wieder an Deine melodische Klaget Ihr kommet, Winde, fern herüber. Ach! von des Knaben, Der mir so lieb war, Frisch grünendem Hügel. Und Frühlingsblüten unterwegs streifend, Ueberfättigt mit Wohlgerüchen, Wie süß bedrängt ihr das Herz! Und säuselt her in die Saiten, Angezogen von wohllautender Wehmut, Wachsend im Zug meiner Sehnsucht, Und hinsterbend wieder. Aber auf einmal. Wie der Wind heftiger herstötzt, Ein holder Schrei der Harfe Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken, "Meiner Seele plötzliche Regung; Und hier — die volle Rose streut, geschüttelt, All ihre Blätter vor meine Füße! »Oie guten Willens sind.'" ist Anmerkungen zu einem Roman von Jules Romains. Von Hans Thyriot. M die Grenzen hinweg. .. ... . B Was für den Film gilt, gilt naturgemäß auch für die andern, alteren formen künstlerischer Aeußerung, obwohl sich keine von diesen so unmittelbar, so vielfältig-finnfällig und mit so breiter Wirkung wie der Bilm zur Geltung zu bringen vermag; rein wirkungsmaßig am nächsten st hen wohl bildende Kunst und Musik. „, r Im Raume der Dichtung kommt das Drama dem Füm am nächsten, "Lhrend dem Gedicht die äußerlich schmälste, leiseste, freilich oft amy i^fste Wirkung beschicken ist; zwischen beiden steht die Erzahlung stden ! Erädes und Anspruches. Roch heute, wie zu Goethes Zeiten, gibt es Somane mit Weltersolg und Weltverbreitung; „Vom Winde verweht ist S genwärtig das bekannteste Beispiel. Der Roman, auf den wir"heut Hinweisen wollen, kommt nicht aus Amerika, sondern aus Frankreich, ist s-rläusig kein Welterfolg und wird auch kaum einer werden, sofern der rcim sich nicht des Buches bemächtigen sollte; das ist wiederum unwahr- peinlich, obwohl der Stoff eine Menge für die Kamera sehr reizvoller Möglichkeiten in sich schließt, weil die Fülle des Stoffes den normalen . Mang eines, ja selbst mehrerer Filme sprengen wurde und weil uber- M der Autor, was entscheidend ist, die Verfilmung vermutlich s s - wischen Erwägungen (die im Vorwort gestreift werden) ablehnen wurde. , Cs handelt sich um die Roman-Sene „Die guten Willens I n d" von Jules Romains. Das Original (bei Ernest F owmarion, Mris) heißt „Les hommes de könne volonte“ die beuftche Uebersetzung !®n Franz Hessel erscheint bei Rowohlt, Berlin, letzt in Stuttgart He Reihe ist noch nicht abgeschlosst " «■anbe „Prelude L Verdun“ und , --- Arininnr tipnprl Ndern Mitteilungen sogar auf 24 Bände berechnet. Im Origmal liegen Mn wir recht unterrichtet sind, bis jetzt 14 Bande vor, bteMh tc ms Deutsche übersetzt. „Um Niemand zu erschrecken, verme de ich es, me genaue Zahl anzugeben", sagt Romains seiber, nn Hmblickausf d i« erwartenden Fortsetzungen des Werkes, in der Vorrede - 7 ; Qnb, „Am 6. Oktober", einleitet. Romanwerke solchen Ausmaßes ' bei uns nicht. Da sich das Ausmaß nicht allein auf den äußeren Um also die Zahl der Bände, bezieht, sondern in erster L.nie aus oie Die Zahl der Uebersetzungen aus den Literaturen des Auslandes hi uns im Lause der letzten Jahre merklich zurückgegangen und teil- ttsifc auch bewußt eingeschränkt worden: ohne Zweifel mit gutem istunde, sofern man sich darüber einig ist, daß die Zahl fragwürdiger her auch nur mehr ober minder durchschnittlicher Importware die eigene Produktion nicht Überwuchern und die Aufnahmefähigkeit des Marktes tib der Leserschaft nicht ungebührlich belasten dürfe. Dagegen sind wir, nt ebenso gutem Grunde, jederzeit empfänglich für das nicht nur Neue, sndern vor allem unbezweifelbar Wertvolle, was von draußen her zu ns bringt. Es gibt, jenseits der Grenze, nah und fern, manches, was ulerer Aufmerksamkeit nicht entgehen sollte: zunächst um der kunst- kstschen, der dichterischen Qualität an sich und um der stets willkommenen Möglichkeiten des Vergleiches willen. Wir malen unsere Bilder, drehen ttjere Filme, schreiben unsere Romane, unsere Gedichte — und wir tun i<5 alles so, wie es unserem Wesen, unserem Gefühl, unseren nationalen besetzen und unserer landschaftlichen Eigenart gemäß ist. Aber es kann ins nicht ganz gleichgültig sein und wird, zum mindesten, immer lehr- tiid) und oft sehr anregend sein, zu sehen, was inzwischen die andern nadjen, und wie sie es machen. Eine Veranstaltung wie die Biennale, I te Internationale Filmschau in Venedig, ist, wie wir glauben, von um |Meiner Bedeutung für einen befruchtenden Austausch unter den belei- IIiijten Nationen ... nicht allein was den Film oder die allgemeinen kstinstanschauungen, Kunstgesetze und Kunstformen eines Landes angeht, I Imbern auch, darüber hinaus, im Hinblick auf das gegenseitige Kennen- || henen der Völker untereinander, auf Berständnis und Verständigung IV UM Kl, > -J f . ix'« [en; in Paris erschienen zuletzt die 'erdun“; das Ganze ist auf 18, nach ganz ungewöhnliche epische Konzeption, so lohnt es sich wohl, sich ein wenig damit zu beschäftigen. In der modernen französischen Literatur gehören zwar, soweit wir zu sehen vermögen, Projekte dieses Stiles ebensalls zu den Ausnahmen; aber Frankreich verfügt über eine Tradition besonderer Art in dieser Gattung. Man muß, wenn man Romains' Werk in Augenschein nimmt, soweit das vorläufig möglich ist, an große Vorbilder im 19. Jahrhundert denken, an Zola („Rougon-Macquart“) und vor allem an Balzac („Comedie humaine“) —: hier finden wir zuerst die Tendenz, den herkömmlichen Begriff, den Raum und Rahmen des Romans zu sprengen mit dem Plane, in einer in sich zusammenhängenden Reihe von Romanen ein großes erzählerisches Universalgebäude zu errichten, wobei Balzac in seinem Thema die Grenzen noch weiter zog und noch-weiter ausholte als Zola; während diesem das soziale Bild seiner Gegenwart in epischer Fresko-Manier vorschwebte, wollte Balzac „mit der Feder vollenden, was Napoleon mit dem Degen versagt blieb": nur ein Mann von der künstlerischen Besessenheit, der schöpferischen Phantasie, und der enormen Arbeitskraft wie Balzac konnte ein Werk in Angriff nehmen, dessen Ziel ein Riesenpanorama menschlicher Charaktere und Leidenschaften war, wie es sich in seinem Umkreise, feinem Lande und seiner Zeit darstellte und schlechterdings überschaubar und faßbar war. * Romains unternimmt etwas anderes, und es ist vorerst kaum auf eine Formel zu bringen. Der erste Band, „Am 6. Oktober", beginnt im Jahre 1908; da der bisher letzte „Verdun“ heißt und noch eine ganze Reihe weiterer folgen werden, ist leicht einzusehen, daß das Ganze bis in die allernächste Gegenwart hineinreichen wird; das wäre die zeitliche Abgrenzung. Der Schauplatz ist Frankreich, im befondern Paris. Wir haben hier, unter anderm, den Roman einer großen Stadt, und, da Paris in einem viel ausgeprägteren Maße Mitte und Herzpunkt von Frankreich ist als etwa Berlin für Deutschland, so Haden wir bis zu gewissem Grade zugleich ein Bild vom gegenwärtigen Frankreich in der Spiegelung seiner Metropole, jedensalls ein Bild des französischen Menschen unserer Zeit, wie es sich in Paris barstellt. Das Bild dieser Stadt ist angelegt und ausgeführt mit einer Vitalität, einer eindringenden Kenntnis, einer Leidenschaft, das Ganze in allen, auch den geringsten Teilen zu erfassen und zu erkennen, die den Leser, je tiefer er einbringt und sortschreitet, überwältigen muß. Romains umkreist das Weichbild, er geht in die einzelnen Viertel, aus die großen Boulevards, die stilleren Straßen und Plätze und Brücken; er bringt in die Häuser ein bei Tag und bei Nacht und zeigt uns das Volk von Paris, Männer und Frauen, Politiker und Arbeiter, Angestellte und kleine Leute, Adlige und Handwerker, Studenten und Kinder: man erlebt dieses Volk von Paris bei der Arbeit und beim Essen, bei der Liebe und beim Spiel, im vertrauten Gespräch, in seinen verschwiegenen Gedanken, in seinen dunklen Geheimnissen, freundlichen Hoffnungen und ehrgeizigen Plänen, bei feinen Geschäften, Spaziergängen, Verabredungen, Zusammenkünften. Dabei wird eine sehr geistig gerichtete Unterhaltung junger Studenten nicht weniger genau, anschaulich, charakteristisch beschrieben als das halblaut abgerissene Gespräch zweier Liebenden, eine Aussage auf der Polizei nicht minder exakt als eine Erörterung über Petroleumpreise ober eine Diskussion über die Möglichkeiten kriegerischer Konflikte in Europa. Hier scheint alles wichtig, alles bedeutsam, alles zum Gesamtbild gehörig und auch ganz mühelos in dieses Gesamtbild eingefügt: die Beschreibung einer Wohnungseinrichtung wie die Schilderung eines Abendessens, das Wetter und die weibliche Mode im Herbst 1908 wie der abenteuerliche Spaziergang eines (einer Herrschaft entlaufenen Hundes. Dabei hat dies alles nichts von kahlem Naturalismus an sich, nichts von bloßer Reportage: hier ist ein mit bewundernswerter Kunst und großartig-gelassener Uebersicht komponierter Roman; breiter Lebensausschnitt voller Atmosphäre, voller Handlung, Figuren und Schicksale. Es muß wohl der romanische Geist der Klarheit, der Sinn für innere Ordnung und gute Form sein, der solche Fülle der Gesichte beherrscht und lenkt. Das Ganze dieser riesigen Erzählung breitet sich vor dem Leser aus wie ein überaus kunstvolles Gewebe. Figuren erscheinen, verschwinden, tauchen wieder auf, gewinnen Beziehung, Bedeutung, sinnvolle, ja manchmal sinnbildliche Kraft. Lebenskreis«, Handlungsreihen, Schicksalsbeziehungen, anfangs scheinbar unverbunden, unverbindlich aus- gegriffen beginnen sich, je weiter man vor- und eindringt, zu ordnen und Dasein, Lebendigkeit charakteristischen Umriß zu gewinnen im Bilde ber Stadt, des Landes, des Lebens jenseits unserer Grenzen. Das könnte den Leser entmutigen und verwirren in seiner Vielfalt, aber Romains hält gelegentlich, zu Beginn eines Bandes, eine Ansprache an ihn dankt ihm, ermutigt ihn ... und hilft ihm, indem er jeweils am Ende eines Bandes ganz knapp zusammenfaßt, was hier an Handlung, an neuen und schon bekannten Gestalten versammelt ist. Er geht ganz systematisch zu Werke; er gibt, was man sonst nur in wissenschaftlichen ober ähnlich gearteten Büchern findet, außer bem Inhalts- auch ein sehr exakt gearbeitetes Personenverzeichnis, an Hand dessen man jede flüch- tiq ober wesentlich mitspielende Gestalt sogleich roieberfinben, rekonstruieren und in den gehörigen Zusammenhang einordnen kann. Das sieht beispielsweise so aus: „Haverkamp (FrÄeric) redet Wazemmes beim Rennen an Schlägt Wazemmes eine Ausstellung vor. Seine neue Einrich- tunq und seine Pläne. Geistesart; Visionen; Organisation seines Betriebes- Ißt im .Goldenen Schwein* zu Mittag ein lästiges Filetbeefsteak." — Zn jedem dieser Stichwort« ist Band- und Seitenzahl angegeben, wo man die Gestalt in diesem oder jenem Zusammenhang seiner Entwicklung wiederfinden kann. Oder so: „Rita (die Dame im Autobus) macht Wa- zemmes Avancen. Empfängt ihn und behandelt ihn gut. Schreibt ihm. Behandelt ihn noch bester." Oder endlich, da die Stadt selber wie ein großes oielglieberiges, lebendig atmendes Wesen angesehen und bar» gestellt' wird —: „Paris, geht am Morgen zur Arbeit. Gesamtbarstellung Bei Nacht. Straßenrausch. Als Gegenstand kausmanmscher und Grundstücksspekulationen. Als Versteck. Geheimnisvolle Wirklichkeit. Als Verbrechensstätte. Vom Dach der Ecole Normale gesehen. Statte der Kindheit Stadt der Reichen. Acht Uhr abends. Mitternachts. Laden, heimliche Wege Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts, Klasse von Un- bekanntem, Gegend des Verschwindens, Wachsende Stadt. Mystischer Empfang. Herrschaft des jleischlichen Eros/' — Der zweite Band heißt „Quinettes Verbrechen", der dritte „Junge Liebe", der vierte „Eros von Paris"*. Da jeder Band der deutschen Uebersetzung im Durchschnitt etwa 300 Seiten umfaßt, kann man sich eine Vorstellung davon machen, was Romains hier in Angriff genommen und zu einem beträchtlichen Teile bereits vollendet hat, welcher Gestalt und welchen Ausmaßes das Bild ist, das sich dem deutschen Leser hier vom französischen Leben der Gegenwart und einer nahen Vergangenheit entrollt: man wird es, wie uns scheint, nicht nur als Roman, als künstlerische Leistung von erstaunlichem Range zu wüMgen haben, sondern auch als Quelle, als menschliches Dokument, als Spiegel einer uns benachbarten Wirklichkeit: nicht nur als Lesestoff, sondern auch, in einem sehr bestimmten, wenn man will: politischen Sinne als Lern- und Wissensstoff. Das Werk, soweit wir es bis jetzt haben kennenlernen können, hinterläßt, unbeschadet aller Roman-Eigenschaften und dichterischen Werte, den Eindruck des Ehrlichen, Echten, ungeschminkt Sachlichen: man wird, wenn man es liest, den Nachbarn zur Linken näher und deutlicher sehen und kennenlernen. Und es scheint uns heute mehr denn je ein allgemein europäisches Anliegen zu sein, daß die Völker einander lernen. Es konnten hier nur ein paar große Umrisse gegeben werden. Ausführlicher, als es geschehen ist, auf Einzelheiten einzugehen, verbietet sich, jo verlockend es wäre, aus räumlichen Gründen. „Die guten Willens sind" werden, so sagt Romain'in der Vorrede, „vermutlich das Hauptwerk meines Lebens sein...": fast alles, was er vorher schrieb, darf als Fingerübung, Vorstufe und Entwicklungsstufe gelten. Was es mit dem gemeinsamen Titel auf sich hat, kann in diesem Stadium der Dinge höchstens vermutet werden. Die letzten Sätze der Vorrede im ersten Bande mögen mit den Worten des Dichters andeuten, wohin er zielt, worin er den entscheidenden und bleibenden Sinn im bunten, flimmernden Panorama der Gestalten und Schicksale findet, die er vor uns ausgebreitet hat: „ .. Im Wirrwarr der Willen muß es sicherlich einige geben, welche di« guten Willen sind. Man verlange nicht, daß ich sie mit unfehlbarem Finger im voraus bezeichne. Wie meine Leser werde ich sie nach und nach kennen lernen, indem ich ihre Taten und was aus ihren Taten hervorgeht, betrachte. Ich vermute, die .guten Willen' sind zahlreicher als man glaubt und als sie selber glauben... Mögen sie noch einmal, wann es auch sei, durch eine .frohe Botschaft' versammelt werden und ein sicheres Mittel finden, um einander zu erkennen, auf daß dies« Erde, deren Ruhm und Salz sie sind, nicht untergehe." Kurische Nehrung. Von Rudolf Naujok. Mit der Befreiung des Memellandes ist nun auch der schönste Teil der KurischenNehrung, die ganze nördliche Hälfte mit den bekannten Bädern Nidden und Schwarzort wieder ohne Paß und ohne Devisenschwierigkeiten für jeden erreichbar. Jedesmal, wenn der Frühling naht, ziehen die beiden Motorschnellschiffe des Norddeutschen Lloyd, „Hansestadt Danzig" und „Preußen , wie zwei riesige weiße Schwäne nach Norden hinauf. Wer sich ihnen anoertraut, lebt einen Tag mit der blauen Weite der Ostsee, den fernen Dünenketten am Strande und den ewig hungrigen Möven am Heck, das ist wohl Unterhaltung genug. Dann sind die Villen der Zoppoter Kurpromenade plötzlich da, dann die weiten Molen des Pillauer Hafens und schließlich die Steilhänge des Samlandes mit der B'e r n st e i n k ü st e. Wer mutig ist und Freude an neuen Entdeckungen hat, stößt noch weiter nach Norden hinauf. Dort, wo es einsam wird, säumt die Kurische Nehrung mit sanft geschwundenem Bogen den Rand des Meeres Som- mertage am memeldeutschen Strand! Die klare nordische Luft, die Farbenfreudigkeit von Haff und Meer, die weißen, schweigenden Dünen in weltferner Einsamkeit, das alles gibt einen guten Rahmen für Ferienfreunde und Feriensehnsucht. Auf der Landkarte mutet die Kurische Nehrung schmal und zerbrechlich an, unendlich verlassen, umbraust von dem weichen Wellenlied des Kurischen Haffes und dem monotonen, härteren Gesang des Meeres. Eine gewaltige Wasserscheide, in Urzeiten aus Flußschlamm und Meeressand emporgetrieben, voller Unruhe noch heute, ein achter Schöpfungstag. Gierig steigen die Sanddünen aus der Ostsee, und der Westwind treibt sie über flaches, struppiges Vorland. Wo kein Wald ihnen trotzt, verschütten sie Saaten und Kirchhöfe, Gärten und Fischerhütten. Was jenseits des Haffes in der weiten Memelniederung das große Frühjahrshochwasser ist, ein ewiger Schrecken der Bewohner, das sind auf der Kurischen Nehrung di« Wanderdünen. Agnes Miegel singt von ihnen in ihrer berühmten Ballade „Die Frauen von Nidden": „Nun, weiße Düne, gib wohl acht, Tür und Tor ist dir aufgemacht, In unsere Stuben wirst du gehen, Herd und Hof und Schober verwehn, Gott vergaß uns, er ließ uns verderben. Sein verödetes Haus sollst du erben, Kreuz und Bibel und Spielzeug haben, Nun, Mütterchen, komm uns zu begraben!" ... Das Mütterchen Düne spielt wohl gern den Totengräber, und manchmal, wenn es ihr gefällt, deckt sie auch Friedhöfe, die sie vor zweihundert Jahren verschüttet hatte, wieder auf. Die wetterharten Gesichter der kurischen Fischer wissen von der Not dieses Lebens. Auf kargem Boden lebt hier ein starkes Geschlecht in ewiger Gefahr zwischen Hoct^üne und Meer. * Band III, 366 Seiten; Band jV, 298 Seiten; jeder Band kart 3,80 RM., Leinen 4,80 RM. Gesamtausstattung von Prof. E. R. Weiß. Rowohlt Berlag, Berlin W 50, 1936. — (200/201.) — Die Kurische Nehrung war lange genug unbekannt. Ihre Herde Landschaft, ihre Sandeinsamkeit, ihr auffälliges Nebeneinander von nordischer Strenge und südlicher Farbenglut entsprach nicht dem Lan».s schaftsgefühl einer Zeit, in der die Damen sich nicht ohne Sonnenschirm I hinauswagten, in der man von jeder Landschaft vorwiegend romantische Lieblichkeit verlangte. Wilhelm von Humboldt, der Bielgereiste, bt< I hauptete zwar schon 1802, man müsse die Nehrung ebenso wie Italien und Spanien gesehen haben, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. Viele Maler und Dichter haben sich später diese» Hinweis zu eigen gemacht, die Kunst der Palette und eine feine Lyrik haben auf der Nehrung eine Heimat gefunden. Jedes Jahrhundert hck sozusagen seine ihm gemäße Landschaft, und vielleicht ist gerade dies« ernst und unberührte Erdreich zwischen Haff und Meer die Landschaft die dem Menschen unserer Zeit, der durch tausend Erschütterungen gt« gangen ist, etwas von dem ausgleichenden Ewigkeitsgefühl geben kanic, dessen er bedarf. Am Fuß der Toten Düne, die weithinüber dem blauen Haff steht, schmiegen sich Fischerhütten und Hotels in das Grün des Hochwaldes: Nidden, das schönste Dorf der Kurischen Nehrung. In leuchtende» Farben feiern hier Scharen von Malern Düne und Meer. Auf Ausstel. lungen in Berlin, München oder Düsseldorf stößt man oft auf Nehrung;, bilder: eine Niddener Fischerkate, Elche im Bruch, kurische Kähne mit uraltem Wimpelschmuck, die Hochdüne, der Charakterkopf eines alten furi« scheu Fischers. Man kann sich kein Dorf denken, das so voller künstlerischer Eingebung steckte, so in Farben und Verse getaucht wäre wie Nidder. Schöner aber noch als alle Kunst ist es, den eigenen lichthungrige» Körper im warmen Sand der Nehrung zu baden, im Rauschen de; Meeres eigenen Träumen nachzuhängen, durch den alten Nehrungswald zu wandern oder in Vollmondnächten über das blaue Haff zu schauen. Die Hotels, bunt aus Holz und mit weilen Veranden, lehnen sich slil- voll an Wald und Düne. Schenkend und doch dienend scheinen sie hier nicht Mittelpunkt sein zu wollen, sondern nur Mittler zum Erlebnis dieser Landschaft. Ridden und Schwarzort ergänzen sich landschaftlich in glücklichster Weise. Schwarzort war schon in älterer Zeit, da man no«h ] kein Auge l-atte für die herb«, abseitige Schönheit Niddens, berühmt! wegen seines uralten Nehrungswaldes und seiner romantischen Täler undl Höhen. Preil und Per welk sind dann das Einsamste, was man (i