GieheimZainilieubMer ____ Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1958 ___________ Montag, den 3|. Oktober Nummer 85 ine von Äitotti Roman von Rolf Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin 12. Fortsetzung. Christine lag in -em schmalen Schlafzimmer in ihrem Mädchenbett, daß sie in die Atelierwohnung mitgebracht hatte. Sie ließ die Nachttischlampe brennen. Sie liebte es, bei dem matten Licht einzuschlafen. Zu Hause hatte sie es niemals gedurft, es hatte jedesmal Aerger gegeben, wenn am Morgen die kleine Lampe brannte. Sie lag auf dem Rücken und legte die Hände flach auf die Bettdecke. An der Decke über ihrem Kopf war auch ein Wtderglanz des kleinen gelben Lichtscheins. Ihre Gedanken tanzten. Sie hatte schließlich doch noch ein paar Glas Sekt getrunken, und dann hatte ihr Lady Grace ein scheußliches Zeug zu trinken gegeben, das die Hausfrau selbst besonders liebte. Ach, Beveridge hatte ja vielleicht rechts Milotti kopierte immer wieder sein gutes Hafenbild, das er gemalt hatte, als er noch beim Seebataillon war. Milotti malte fast nichts Neues mehr, aber er war da, er war immer da in dieser furchtbaren Zeit mit seinen hellen Augen, mit seiner Anständigkeit und seiner Sauberkeit. Es tanzte ja alles neben einem, so, als tanze man an Bord eines Schiffes, und am Ende der geneigten Fläche war unruhige See. Ach, man hatte mitgemacht! Als sie Beveridge kenvenlernte, hatte sie die Gelegenheit ergriffen, in die Gesellschaft zu kommen, in die Schicht dieser Fremden, denen es gut ging und die Geld hatten. Es ging vielen gut, aber man sah das Elend wachsen. Wie verdorrte Sträucher standen die Bettler an allen Straßenecken. Christine gab viel. Sie gab die neuen Fünfzigmarkscheine und fragte nicht viel danach. Aber man kaufte sich ja damit nicht los. Es gab kein Loskaufen! Beveridge hatte natürlich auch darin recht: Ueberall in der Welt wird es leichter fein... Mein Gott, ich liebe doch aber Milotti! Sie sah noch einmal das Gesicht dieser letzten zwei Jahre, die lastende Stille im Hause des Balers, den Kamps um die Malerei, sie sah plötzlich die guten und freundlichen Augen von Professor Rottenbach. Ihr fiel ein, sie hatte es ganz vergessen in diesem merkwürdigen Tanz der Tage: An dem Abend, da sie versprock)en hatte, Milottis Frau zu werden, da war ein merkwürdiges Wort gefallen. Was hakte Professor Rottenbach gesagt? Die Jungen haben, scheint s, mehr Mut als die Alten! So ähnlich war es gewesen. Aber es lag ein anderer Sinn darin. Sie hatte über den Sinn gar nicht nachgedacht, denn man hatte ja so viel mit sich zu tun und mit dieser irrsinnigen Zeit. _ Jetzt fiel ihr das Wort ein und auch der Sinn. Wenn er etwas für mich übrig hatte, dann war es feine Sache, es deutlicher zu zeigen. Ich war ja verlassen und einsam genug! Wer war denn da für mich? Milotti. Nein, es stimmte nicht ganz: diese nette, runde Frau Hinterzart, die hatte ihr auch Rottenbach empfohlen, die konnte mitten in allem Jammer hinein lachen... Aber dann war der kleinen guten Schwarzwälderin auch das Lachen vergangen. Sie wußte nicht ein noch aus und hielt die Geldscheine ratlos in der Hand, die Scheine, die mit immer höheren Zahlen bedruckt waren und immer weniger galten. Mein Gott, wenn der Hexentanz weiterging! Beveridge meinte es, von feiner Seite aus gesehen, ehrlich. Christine sprach halblaut vor sich hin: „Christine Couteß of Beveridge. Ich will nicht, Beveridge! Es ist zu spät! Ich habe Angst, Beveridge! Sie haben es ganz richtig gemerkt, Milotti ist gar nicht hart- Aber ich werde es schaffen. My dear — reifen Sie! Es tut ein bißchen weh, wenn Sie reifen. Wenn es auch vielleicht falsch war, daß ich das Glück so haben wollte, wie Milotti aussieht!" Sie sah hinaus zu dem kleinen gelben Kreis, der wie ein blasses Mondlicht an der Zimmerdecke stand. Sie sagte noch einmal leise vor sich hin: „Christine Counteß of Beveridge!" Milotti stand an der Tür. Er öffnete vorsichtig einen Spalt: „Du sprichst im Traum, Liebste. Ist dir nicht gut?“ „Nein, Hans, mir fehlt nichts." Sie öffnete die Arme: „Komm, Hans, fetz dich zu mir. Mir fehlt gar nichts. Man träumt nur zuweilen sehr sonderbare Träume, mein Lieber!" Das kleine Schlafzimmer lag nach dem Süden. Die Morgensonne tastete durch die weißen Borhänge. Ein gelber Streifen griff weit in das Zimmer. Christine faßte nach der Nachttischlampe und schaltete sie aus. Dann erst öffnete sie die Augen ganz. In dem Sonnenstrahl tanzten blaue und graue und silbrige Punkte. Es gab ein Bild von Christoph von Rucktasch, dg fiel so ein Sonnenstrahl in ein Bauernzimmer, von diesem Strahl war das Zimmer seltsam erleuchtet, so, als ob es von der Sonne lebte. Das Bild hing in einem Londoner Privatmuseum. Ach, es war so schön, in das spielende Licht zu blicken! In der Kammer bei dem Onkel da an der Elbe kam das Licht durch grüne Fensterläden, in die war ein Herz geschnitten, und davor schwankte ein Rebenzweig von Wildem Wein. Die Sehnsucht nach den grünen Wiesen und den Apfelbäumen und den weiten weißen Wolken stieg brennend hoch in Christine. Ach, diese Welt, in der man lebte, war grausig. Ein Schmerz saß ihr in der Kehle, Immer starker. Er wurde plötzlich körperlich, sie fühlte ein Würgen im Hals, das Herz schlug ein wenig schneller, es war wie ein Brechreiz. Ihr ganzer Körper zitterte unter dem würgenden Druck. .. . Sie konnte nicht liegenbleiben, sie nahm den Morgenrock um und setzte sich iw Atelier in den Sessel am Fenster. Ein ganz zartes Morgenlicht lag über dem Platz. Die fernen Häuser waren wie mit einem dünnen Silberstreifen umzogen. Die Uebelteit wurde stärker ... 3Ran sollte alles lassen, ein kleines Haus irgendwo draußen ... Sie rieft „Milotti!" 1 (Sie fühlte, wie ein dunkler Vorhang immer näher wehte und sich nun vor die Augen legte ... Der alte Geheimrat kam, sie mußte beschreiben, wie der Anfall gekommen sei. Milotti wurde aus dem Zimmer geschickt, der alte Mann lächelte: „Meine liebe Frau Christine, Sie erwarten ein Kind, ich gratuliere Ihnen!" Nun sah das Leben anders aus! Man mußte Pläne machen für eine Zukunft, die nicht mehr so sein durfte wie die Gegenwart, abhängig von jeher Laune des Tages. Christine überlegte, ob man nicht für das Geld, das sie von dem Discount erwartete, ein kleines Haus erwerben sollte mit einem Garten. Das Kind sollte es anders haben als sie: Sonne und Lachen, glückliche Eltern und eine frohe Zeit. Aber die Lebensangst, die in dieser Nacht plötzlich emporgestiegen war, wurde starker. Es würde die Zeit kommen, da sie nicht mehr malen konnte. Was wurde bas für eine merkwürdige Zeit fein? Dann lag alles auf Milotti. 1 Sie hatte eigentlich gedacht, Milotti von der Eröffnung des Sanitätsrats nichts zu sagen. Er würde sich freuen, aber er würde auch sofort seine Sorgfalt um sie verdoppeln. Er würde viel zuviel Zeit für sie hingeben. Ganz allein fein mochte ich eigentlich, dachte sie. Nur zuweilen Hans sehen und ihm die Hand geben. Nicht einmal küssen dürfte er mich Daß die Männer alle so gern küssen! Ist) glaube, die Männer verstehen überhaupt alle nichts von der Liebe! Milotti benahm sich so ähnlich, wie es Christine erwartet hatte. Er nahm sie in feine Arme und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit vielen Dutzend kleiner und schneller Küsse, bann fuhr er auf: „Ach, Christine, 'ch habe bich erschreckt! Christine, weißt bu, es ist zu toll, es geht nicht anbers, ich muß irgenb etwas tun!" Dann tanzte er um bie Staffelei unb fang bazu ein Lied, das fo uhnlich klang wie der Kriegsgesang der Siouxindianer ober Huronen. Er ging plötzlich auf ben Hacken burch das ganze Atelier, schwang sich um sich selbst herum, als sei er ein berühmter Tänzer. Dann stand er wieder vor Christine. Ohne jeden Uebergang, noch ein wenig schwer atmend, sagte er: -Wir müssen ein kleines Haus im Grünen kaufen, ein kleines süßes Haus für bas kleine, süße Mäbchen." „Ein Mädchen?" sagte Christine. „Aber, Milotti, warum ein Mädchen?" "Aber, Christine, bu bist doch ein Schaf! Ein Mäbchen, bas dir ähnlich steht! Mit großen grauen Augen und einem frechen, großen Mund." „Schaf verbitte ich mir!" ..Du hast mir gar nichts zu »erbitten! Sage mir lieber, was der Arzt erklärt hat." „Er hat dasselbe gedacht, was du gesagt hast, .kleines Schaf, man merkte es ihm an. Dann hat er gesagt, daß ich sehr viel spazierengehen soll und nicht zuviel essen." „Warum?" fragte Milotti. ..Das fei bie Erkenntnis ber modernen Medizin. Du kannst ihn ja selbst fragen, warum, bu ahnungsloser Bursche du!" Milotti zog plötzlich das Jackett aus und den Malerkittel wieder an, ging zur Staffelei und begann eifrig zu malen. sctzter hat es gekauft!" „Er hat oorläuflff noch kein« Zeit gehabt, es sich anzusehen. Ich weih auch nicht, ob er seinen Vorsatz überhaupt noch aussuhren will , sagte Christine. igen kommen wollte. „Ich würde es nicht verant- Liebel Das viele Stehen beim Malen kann Ihnen stine. Wenn man sich nicht tras in den Hotelhallen vel oen vrouis oer Gesandtschaften, bei den Theaterpremieren und den Wohltatigkeitsnach- mittagen, dann war man plötzlich nicht mehr da. Es war so gut, nicht einen grohen Strauß dunkelroter Rosen mit. Christine war so erschöpft von der Zeit und dem täglichen Kamps, daß sie säst aussprach, was sie dachte; „Das sind sa für fünf Millionen Rasen!" , Aber sie rechnete sofort, daß es für ihn nur ein paar Schillinge bedeutete. Es sind billige Rosen für ihn, dachte sie erbittert. Beveridge war sehr ernst. Sie machte ihm Tee auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Fensterplatz. Sie saß in einem großen dunkelgrünen Sessel, und er holte sich einen der vielen einfachen Schemel heran, die hcrumstanden. An der einen leeren Wand hing das große Bild von Christoph von Mas treibst du? Du hast doch erst gestern eine Kopie fertiggemacht. So "schnell kann man ja gar nicht verkaufen!" . Er sagte wieder, was sie gedacht hatte: „Es wird die Zeit kommen, Christine, da werden wir von diesen elenden Kopien leben müssen. Sie gehen ja eigentlich auch ganz gut. Es geht uns doch eigentlich auch ganz, gut! Du sollst nicht mehr malen, es strengt letzt unnötig an, das Stehen. ö „Vorläufig kann ich noch malen! Außerdem, mein Lieber, habe ich eines von Großvaters Bildern verkauft." Das war falsch, Christine, weißt du das? „Rein, es war richtig. Ich habe es gegen englische Pfunde verkauft. Der Viscount wollte es." Rucktafch, das Christine von der Galerie geholt hatte, wo es leihweise aufgestellt war, weil sie gehofft hatte, der Viscount würde es kaufen. Beveridge trank seinen Tee und rauchte schweigend. Schließlich fragte er: „Warum hängt das Bild noch da? Ich denke, mein hoher Dorgestiegen!" flüsterte er. Dann versuchte man, Brot einzukausen. Der Bäcker gab nur an feine treuesten Kunden ab, und es war notwendig, eine Marke vorzuzeigen. Dann wurde man von einem Lehrling über einen dunklen Hof geführt; neben der Backstube war die Ausgabe. Die Bäckersfrau lächelte Christine freundlich an, aber sie sagte: „Wie lange es noch geht, wissen wir nickt. Wir kriegen ja kein Mehl mehr von den Mühlen für diese Scheine." Beveridge machte in diesen Tagen feinen Abschiedsbesuch. Er brachte einen großen Strauß dunkelroter Rosen mit. Christine war so erschöpft „Was heißt das? Kaus ist Kauf, und Scheck ist Scheck!' .Jkh habe ihn selbstverständlich noch nicht ausgefullt. '^Frau Christine", sagte Beveridge, .Deutschland ist nun »w Ehaos. Diese tausend Pfund sind für den großen Fmanzmann gar nichts Das Bild ist mehr wert, das wissen wir beide. Fullen Sie den Scheck aus und schreiben sie ihm. er solle bestimmen, wo das Bild hinkommen solle. Dann Haden Sie tausend Pfund in der Hand und sind fürs erste ge- zwischen Linden und Gedächtniskirche, der nicht seine Dollars oder seine ^^,"Soll"ich°mich°^em^aussetzen", fragte Christine „daß der Viscount den Scheck sperrt und mir schreiben laßt, er müsse leider auf das Bild verzichten? Man kann doch heute so billig in Deutschland kaufen .... „Frau Christine, das wird er nicht tun,, er ist ein Gentleman. „Aber ich werde es auch nicht tun! Wir wollen, bitte, nicht mehr herüber ^den^ ^he Sorge!" Er streichelte ihre Hand undlieh die niedergleitenden Finger einen Augenblick in der Hohe ihres Knöchels rUf,,e,grau Christine, ich bin noch länger hiergedlieden, als ich lollte- Jch komme nicht nach Madrid, ich gehe nach London ins Foreign Office. Ich kenne viele Frauen ... Von dem ersten Augenblick an, da ich Sie sah, Christine ..." . Beveridge, Sie sollen nicht weitersprechen, mir haben doch dies ganze Thema begraben, und es war gut, daß wir es begraben haben. Ich lieb« meinen Mann, Beveridge, so, wie er ist. .. Beveridge schwieg. Dann sagte er: „Das ist eine Einschränkung. Ich kann es nicht ertragen, Sie zurückzulassen mit dem Wissen, daß Sie in einen fast sicheren Untergang gehen!" „Ich werde nicht untergehen, Beveridge. Man kann das Bild bei Graeser verkaufen, man kann ein Haus dafür bekommen. Das Bild wirs unter dem Wert verkauft werden, das Haus aber auch I „Christine!" Beveridge umspannte ihren Knöchel: „Christine, haben Sie 'ein wenig Mitleid! Sie waren nicht immer so zu mir. „Ich war immer so zu Ihnen, Beveridge, nur haben Sie immer mehr erwartet. Wir wollen wirklich als gute Kamerccken nun Schluß machen. Ich will auch ein Wort sagen, Beveridge, wie die Dinge stehen, ich will es Ihnen nun sagen ...ich erwarte ein Kind und bin sehr ^Beveridge ließ die Hand von ihrem Fuß. Er sah lange und ernst ihr Gesicht an: „Es ist dann Schicksal" sagte er. „Wenn Sie je den Rat ober die Hilfe eines Freundes brauchen, der m London sitzt, Christin«, Der Viscount entschuldigte sich telephonisch, er könne in der nächsten Zeit nicht kommen, die Lage habe sich aufs neue verfinstert. Er sähe die Lage überhaupt für ganz ungewöhnlich ernst an, bäte aber, das Bild ihm vorläufig noch zu reservieren. Run sah es wirklich ernst ausl Wenn man das Bild zu Graeser gab, dann zerstoß das Geld, dann mußte man sofort em Haus dafür kaufen. Der Viscount hatte zwar nichts von dem offenen Scheck gesprochen, aber das Wort „vorläufig" sagte ja alles. Es stand ihm ^wohl nickt mehr der Sinn nach der Erwerbung von deutschen Bildern, vielleicht verlieh er sogar (einen Posten. Er schien genug zu haben, jung war er auch nicht mehr. Christine ging nicht mehr aus, zu keinem Tee und zu keiner der unzähligen Tanzereien, die jeden Tag unter einem anderen Dorwand m einem anderen Hotel stattsanden. Aber sie merkte schon nach vierzehn Tagen, wie schnell man vergessen wurde. Sie entschloß sich, Lady Grace ein Geständnis zu machen. Die lächelte mütterlich: „Kommen Sie zu uns aufs Land, wir haben ein hübsches, kleines Haus auf Wigth zwischen Rosen und grünem Rasen, der bis zur See geht." Christine schüttelte den Köpf: „Ich danke Ihnen, Lady Grace, ich danke Ihnen sehr herzlich, aber ich bin so, wie ich nun einmal verbraucht werden muß! Ich meine, das Kind muß in Deutschland geboren werden. Es ist doch ein Urenkel von Rucktasch." Lady Grace verstand das sogar, aber sie meinte, daß sie nun doch zu keinen Porträtfitzungen kommen wollte. 01141 »=- n,At verantworten können, meine Liebe! Des , dazusein! Christine horchte' in sich hinein. Sie hatte ein stilles und schmales Gesicht. Zuweilen aber überfiel sie eine ganz sinnlose Angst. Der Tanz der Zahlen, der sie bisher belustigt hatte, war nun zum Chaos geworden. Von dem letzten Porträtauftrag hatte sie noch ein paar Pfund. Wenn sie einkauften, taten sie es nun, wie alle anderen, auf eine fast abenteuerliche Weise: Milotti stellte sich am Ende einer der dunklen Menschenschlangen auf. Sie führten alle den Ausdruck „Devisen im Munde selbst die, die noch vor einem halben Jahre nichts von der Börse gewußt hatten. Wie giftige Pilze schossen kleine elegante, aus Eisen und Glas konstruierte Häuser auf den Promenaden Berlins aus. lieber ihrem Eingang, hinter dem sich ein kleiner Schalter befanö, Itanb „Wechselstube". Davor die lange, dunkle Reihe; am Ende stand Milotti. Christine ging neben ihm. Langsam schob man sich vorwärts. Um drei Uhr nachmittags erschien eine neue schwarze Tafel, auf der man den letzten Kurs des Dollars aufgezeichnet hatte. Er war schon über eine Million wert. Sobald der Kurs erschien, löste sich Christine von der Seite ihres Mannes und ging in eines der Schuhgeschäfte gegenüber und fragte nach dem Preise. Das Fräulein zögerte mit dem Verkauf, der Geschäftsführer mischte sich ein. Milotti stürzte in den Laden. „Nimm die Schuhe um jeden Preis, der Dollar ist schon wieder ge- $ Er nahm ihre Hand, preßte sie an seinen Mund, stand auf und ging ganz schnell aus dem Atelier. Er vergaß einen Gruß und vergaß das Wort „Auf Wiedersehen". h Christine trat vor das Gemälde. Die junge Frau schlaf „sanft und tief Um ihren Mund war ein ganz kleines Lächeln. Dies Lächeln Der Schlafenden hatte das Bild berühmt gemacht. Ach, dachte Christine, wir alle werden nicht so lächeln, wenn wir schlafen, so glücklich angestrahlt von dem Hauchseines reinen Tages! Sie wandte sich ab. Es war nötig, sich zusammenzunehmen. Auch Beveridge war ja im Grunde der Meinung gewesen, daß man auf den Viscount nicht mehr rechnen dürfe. Wenn das Chaos aber zunahm, dann konnte man vielleicht solche Bilder wie die „Schlafende 8rau überhaupt nicht mehr verkaufen. Es waren ja im Grunde nur die Fremden die das Gute aus der alten Zeit Deutschlands billig fort- schleppten! Man mußte den Viscount verständigen, daß man leider gezwungen gewesen sei, inzwischen schnell abzuschließen und ihm den Scheck zurückschicken. Man mußte zu dem alten Graeser gehen und mußte zäh mit ihm verhandeln ... Inzwischen mußte man ein Haus haben, das man andern gleichen Tage kaufen konnte. Die Summe war vielleicht in einem Aktienpaket zu erlegen Milotti sollte inzwischen ruhig weitermachen, es war ja so gut, daß er feit ein paar Tagen an einer Herbstlandfchaft arbeitete. Spätherbst, schon kahle Zweige, ein paar verwehte Blatter, im Vordergrund fast dunkelrotes Laub. Der Vordergrund war gut, die verwehten Blatter ... Das kann Milotti nicht, dachte Christine. Cs ist merkwürdig, als ob er keine Kraft mehr habe oder keine Luft. Es liegt wohl nicht nur an Milotti. Sie zog sich sorgfältig an, legte Rouge auf, färbte sich die Lippen und sah in den venezianischen Spiegel, den sie von Hause mitgebracht hatte. Ein fremdes Gesicht, dachte sie. Unter den Augen waren Schatten, um den Mund eine neue, fremde Linie. Sie wandte sich um und umfaßte mit einem Blick noch einmal ben I großen Atelierraum. Eigentlich war man hier ganz glücklich gewesen! Sie trat zu den Rosen und hielt eine zwischen ihren Fingern. Run fuhr Beveridge, nun gab es niemanden mehr, der ihr hals. Milotti wurde immer treu dastehen. Immer? Ja, wenn ich zu ihm halte, wird er immer zu mir halten, so sehr er auch manchmal Augen für andere Frauen hat. Die Rosen dufteten stark. Christine sah die zwei Jahre von bem Zage an da die Möbel hier ankamen, von dem Besuch der kleinen Frau Hinter- zart die hier in dem Atelier einen regelrechten Schwips gehabt hatte, da war der Abend mit den Kollegen, da war das erste Porträt ... Ach, es war so schnell gegangen! Wie sie es immer tat, nahm sie den Abschied voraus Nun war es entschieden, nun war es eigentlich in Ordnung. Man muhte sich fest in der Hand halten, man mußte die dreimal verrückte Sentimentalität aus- 9CbJDuat(d)!" sagte sie laut. „In ein paar Monaten werde ick wieder porträtieren, und wir werden den Winter hinter uns haben. Was >st schon ein Winter! Wir sind jung, und das ist schön! Man hätte auf der Schule mehr lernen sollen ..." (Fortsetzung folgt.) nicht gut fein! Je mehr der Herbst fortschritt, desto einsamer wurde es um Chn- — sich nicht traf in den Hotelhallen bei den Routs der :i Den Theaterpremieren und den Wohltätigkeitsnach- Kehr ein bei mir. 4on Friedrich Rückert. Du bist die Ruh, Der Friede mild. Die Sehnsucht du Und was sic stillt. Ich weihe dir Voll Lust und Schmerz Zur Wohnung hier Mein Äug' und Herz. Kehr ein bei mir, Und schließe du Still hinter dir Die Pforten zu. Treib anbern Schmerz Aus dieser Brusti Voll sei dies Herz - Von deiner Lust. Dies Augenzelt Von deinem Glanz Allein erhellt, O füll' es ganz. Oer Hof. Aus meinen Kindertagen. Von Julius Kreis. Der Kastanienbaum rauschte vor dem Fenster, und wenn man sich reckte, kam die Kinderhand vom Fenster des Schusters Marlinger bis ins Laub. War der Herbst da, dann holte man sich die großen, grünen, igeligen Kastanien herein, und am Feierabend machte der Marlinger daraus Mandln und Viecher, daß es eine wahre Pracht war. Zünd- hölzeln — ein bißchen Schusterdraht — bunte Wolle — und die schönen glänzenden, braunen Kugeln dazu: fertig waren Roh und Reiter. Der Kastanienbaum war die Seele des kleinen Großstadthofs. lieber die niedere Hofmauer hinweg grüßten die Oleander- und Efeustöcke der Nachbarhöfe, und es ging zwischen Vorderhaus und Rückgebäude die ganze Straße entlang wie ein einziger Garten. Den Boden deckte ein kurzer, grober Grasteppich, durchschnitten von einer gepflasterten Traverse. Wenn int Frühjahr der erste gelbe Huflattich sich schüchtern In der Sonnenecke aus den Halmen hob, war's ein großes Fest. Da bauten die Kinder aus Spreißeln und Spänen einen Zaun herum, und der Tandler Brömeisl kam eigens aus dem kleinen Lagerraum, schob die Brille auf die Stirn und besah sich den Frühling. An der Teppichstange an der Mauer brachte uns kleineren Buben der große Bruder vom Sporer Fritzl den Bauchaufschwung bei, und hinten in den Kisten vom Tandler Brömeisl hatten die Mädeln ihren Puppenkram eingerichtet, kochten, nähten, und hatten großes Zeter und Mord, wenn die Brüder kamen und Gericht um Gericht wegfraßen. Und was für herrliche Gerichte gab es da! „Strudel" aus Oblaten und zerlaufenen Minzenkugeln, „Bärendreck" auf Warschauerbrot, das schon bessere Tage gesehen hatte. War dann Geheul und Kampfgeschrei gar zu arg, dann ging oben beim Marlinger, der zugleich Hausmeister mar, das Fenster auf, und ein brauner Arm schwang drohend den Knieriemen. Der Tandler Brömeisl breitete an sonnigen Tagen wie einen Nibelungenhort feine Schätze zum Aussonnen im Hof aus: alte Kürassierhelme und Federbetten, vor denen uns di« Mutter inständig warnte, Messingmörser, antike Gipsfiguren und neuzeitliches Nacht-Gebrauchs- Porzellan. Dazwischen spazierte, einmal dahin, einmal dorthin pickend und nicht zuletzt auf die Federbetten, der .Lacki", die schwarze Dohle, die der Tandler Brömeisl an Kindes Statt hielt. In der anderen Hofecke hatten die Schreiner ihren Platz. Bei Regen hockten wir wie Hühner unter dem Dach der Vretterhütte, und in der Mittagszeit schlüpfte dann der Alisi, der Lehrbub, zu und erzählte uns feine Räuber-, Gespenster- und Mördergeschichten, daß es uns nur so kalt über den Rücken lief. Er war nach seinen Berichten bekannt, wenn nicht befreundet mit dem damals sehr gesuchten Räuber Kneißl und ließ uns.angenehm erschauern, wenn er von seinen nächtlichen Begegnungen mit diesem altbayerischen Bravo im finsteren Forstenriederpark berichtete. Bei langem Regen aber war's am schönsten. Da stand der Hof zwei Handbreit unter Wasser, denn der Abfluhschacht war immer verstopft, und bann werkten der Schuster Marlinger und der Tandler Brömeisl mit langen Stangen im Kanal herum und hatten die Hosen über ihre haarigen Waden gestülpt. Wir plantschten voll Lust um sie und um den Kastanienbaum herum und sahen wiederum voll wonnigen Grauens auf die also profanierten Waden dieser unserer Götter, und daß sie Haare daran hatten, war das Allerschönste! Im zweiten Stock wohnte der alte Inspektor Hingerl. Sein Balkon mar ganz von Bohnen und Geißblatt überwachsen. Der alte Horr war r°nft ein knurriger, schrulliger Sonderling, der den Leuten im Hause aus dem Wege ging Die Kinder mochte er lieber. Von Zei. zu Zeit gab's ein großes „Fischen". Da stand der Hingerl in seinem rof-n Schlafrock mit der Türkenkappe und der Pfeife wi« ein SpigroegrnanN >uf (einem Balkon und ließ an einer langen Schnur allerhand Kinderherrlichkeiten in den Hof baumeln. Kleine Mundharmonikas, Farbstifte. Bleisoldaten, Püppchen und Kreisel — bas alles schaukelte handhoch über Reichweite, und wir sprangen danach, bis einer einmal einen glücklichen Griff tat. An solchen Scherzen hatte der Alic oben feine Freude, aber mehr noch wir drunten im Hof, und unsere Kopfe glühten vor Aufregung, Erwartung und Freude über einen glücklichen Fang. Alle zwei, drei Tage kam der Drehorgelmann. Für ihn das Geld zu sammeln, war uns höchste Auszeichnung. Hin und wieder erschien ein alter Jtaliano mit einem dressierten Affen, ober der Scherenschleifer lieg in der Hofecke jein Rad sausen. Alle diese Leute mit ihrem geräuschvoll an der Öffentlichkeit und im Umherziehen verübten Beruf waren uns verehrunaswürdig und das Ideal unserer zukünftigen Berufswahl. Daß das Leben hier mit rauher Hand Hoffnungen geknickt hat, ist nicht unser« Schuld. So war der Hof ein wahres, grünes Kinderparadies mitten in der steinernen Stadt, und fast immer, wenn eine fröhliche Erinnerung aus diefen Tagen auftaucht, ist sie umschattet und umrauscht von dem alten Kastanienbaum im Hof. Heute ist von ihm nichts mehr da. Die allen, kleinen Hinterhäuser sind abgerissen, und Fabriken, Garagen, Lagerhäuser stehen an ihrer Stelle. Unser alter Hof hat keinen grünen Teppich mehr. Auf Zementboden wächst kein ©ras. Oel- und Benzinlachen schillern giftig in der Sonne, und wo in der alten Schreinerwerkstätte wackeres Handwerk pochte, hämmerte und schnitt, da laufen heute Transmissionen, und an den Mauern stehen Motorräder und Autos, durch das reiche hohe Tor sährt's und knattert's ein und aus. Kein Platz mehr für Kinder. Und an der Stelle, wo uns der Alisi mit dem Räuberhauptmann Kneißl das Herz schaudern machte,, feine Kämpfe mit Drachen, Wölfen, Wildschweinen und Riesenknaben zähnefletschend und mit grausig verstellter Stimme erzählte, da horcht heute ein kleiner Knirps auf ein heranknatterndes Schnaufer! und sagt zu seinem Kameraden: Wett'ma, daß dös a ,Viktoria' is und koa .BMW.'l Bon Bergbau und Berggeistern. Von Dr. Ludwig Roth. „Die bergmännische Weise gesällt mir sehr wol. Wenn jeder lebt, wie er billich soll, Aufrichtig, gottfurchtig und fleißig dabei: Das sind die bergmännifchen Tugenden drei." So heißt es in dem alten „Berg-Reien". Diese Gesinnung der Bergleute fand ihren Ausdruck in ihrem Brauchtum. Wie bei den Jägern und Fischern hat sich bei den Bergleuten ein eigenes Brauchtum, eine besondere Bergmannssprache und auch ein gewisser Bergmannsglaube bzw. -aberglaube erhalten. Das Brauchtum kam schon in der Begrüßung zum Ausdruck. Christoph Herttwig berichtet in feinem Anno 1710 zu Dresden erschienenen „Neuen und vollkommenen Bergbuch": „Weil die Bergleute bei ihrer Zusammenkunft gemeiniglich einander die Hände zu geben, und di« Daumen auf eine sonderliche Art an einander zu setzen, auch daran die Hände in einander zu winden und sodann die ineinander geschlossenen Hände und Arm etwas zu schütteln oder zu schwenken pflegen, umb dadurch gute alte Treue und Freundschaft zu bezeugen, ist das Sprichwort entstanden, daß, wenn zwcy Personen es miteinander gut meynen und sich die Hände geben wollen, man es .auf gut Bergmännisch' heißet." Neben die eigenartige Form der Begrüßung mit der Hand trat der mündliche Gruß, den Theodor Körner, Sänger und Held der Freiheitskriege, als „der Berge uralt Zauberwort Glück auf" bezeichnet hat. Christian Melcher gibt schon 1684 die Erklärung: „Glück auf, das ist bes Bergmanns Gruß. Dieses weiß jedermann, daß dieses .Glück aus' die gemeine und gewöhnliche Grußcsformel der Bergleule ist, wenn sie sowohl auf den Zechen als anderswo außer denselben einander begegnen. .Glück auf heißt es, uhb müßte das kein redlicher Bergmann sein, der nicht seinen Schlegelgesellen ober auch ein gantzes Gelagk mit einem bergmännischen .Glück auf grüßte." lieber di« Ableitung des Grußes „Glück auf" sagt Herttwig in feinem „Neuen und vollkommenen Bergbuch" (Dresden 1710) unter Verweisung auf das Bergbuch von Eifen- hardt, welches 1681 zu Helmstaedt erschienen war: „Glück auf! ist der Bergleute gewöhnlicher Gruß. Und würde es sehr übel empfunden, wenn einer sagen wollte .Glück zu!'. Indem die Klüffi und Gänge sich nicht zu- sondern aufthun müssen. .Glück zu' ist nicht bergkmännisch. .Glück auf!' Aus! heißt es, nicht Glück zu!. Bergleute leiden dies Formel nicht, sie danken auch gar nicht gerne einmal auf das .Glück zu!', aber auf das .Glück auf!' danken sie fleißig." Johann Mathesius hat 1571 zu Nürnberg ein Buch erscheinen lassen: „.Sarepta', barinn von allerley Bergwerk und Metallen, was ihr Eygen- schaft und Natur und wie sie zu nutz und zu gut gemacht, guten Bericht gegeben." Darin kommt der Gruß „Glück auf!" nicht vor, trotzdem Mathesius in dieser Schrift ein treues und vollständiges Bild der Bergmanns» sprach« seiner Zeit gegeben hat. Auch In dem im Jahre 1673 zu Frankfurt am Main erschienenen Buch bes Christian Berward kommt der Gruß „Glück auf!" nicht vor, trotzdem ber Verfasser sein Buch betitelt hat „Erklärung der fümembften Redens-Arten, welch« bei den Bergleuten, Puchern, Schmelzern, Probierern und Müntzmeistern in Benennung ihrer Profession, Sachen, Ge- zcugs, Gebärde, Werkschafft und Instrumenten gebräuchlich sind". Hätte Bcrward den Gruß „Glück auf!" gekannt, fo hätte er ihn unbedingt auf» geführt. Als Bergmannsgruh nennt er aber nur folgend« zwei Gruß- formeln: „Gott grüße Euch alle miteinander, Bergmeister, Geschworenen, gelbe sich gar gnädig und willfährig, denn sie graben, brechen und hauen eine solche Menge Erz aus, als die Bergleute mit aller Muhe und Arbeit kaum in vielen Tagen herausbrechen können." Zu den Bergmännssagen der nassauischen Lande gehört auch die Er- schwunden. Nach andern Erzählungen nimmt der Berggeist oft die Gestalt eines Steigers, eines Vergamtsoberen oder Markscheiders an, trägt gelbe Lederhosen, Stulpstiefel und Blechhandschuhe, deren spitze Haken beim Ohrfeigengeben besonders schmerzhaft wirkten. Oder er trügt zwar dunkle Beramannstracht, aber weiße Strümpfe, glänzend schwarze Schuhe und einen Napoleonshut; immer hat er einen langen weißen Bart. Er hält strenge Zucht im Bergwerk; Eigennutz, Trunkenheit, Wortbruch, Untreue, Faulheit, Pfeifen und Fluchen bestraft er streng; seinen Befehlen muß man unverzüglich Folge leisten. Aber auch liebenswürdige Züge werden von dieser Erscheinung berichtet. Er zeigt seinen Lieblingen versteckte Erzadern. Man braucht nur eine Keilhacke in die Gesteinsöffnung zu tun, die sich auf sein Geheiß öffnet, so bleibt sie offen. Er schenkt auch Zauberschlegel und Zaubereisen den armen Bergleuten als Patengabe. Wem er von seinem Oel abgibt, der braucht seine Lampe nie wieder aufzufüllen. Manchmal fährt er die Bergknappen stunden-, tage- oder gar jahrelang durch sein an Schätzen reiches unterirdisches Gebiet und erlaubt ihn-yi wohl, sich die Taschen mit Gold zu füttert. Auch im Nassauer Lande sind Bergmannssagen verbreitet. Nicht weit vom Stammsitz des Reichsfreiherrn vom Stein liegen die Hanselmannshöhlen. An sie knüpft die Bergmannssage an. Es sind Bergmännlein, Zwerge, Wichte, Fingerlein, wie sie überall, wo'Bergbau getrieben wird, im Volksglauben vorkommen. Der Chronist erzählt: „Gewiß ist, daß unsere Hanselmänner von Ems, deren Revier sich weit die Lahn hinauf, viel weiter als die Mehlbach, die wohl' in einem Jahre achtzigtausend Gulden reine Ausbeute gab, ausdehnt, gewisse Sympathien für die Bergleute verraten. Denn es ist ganz gewiß, daß man vordem in allen Bergwerken des Reviers die kleinen Berggeister vielfältig, mit Hammer, Schlägel, Berglampe ausgerüstet, erblickt, und noch viel öfter sie in der Tiefe lustig klöpfen gehört hat, worüber die solches hörenden Bergknappen sich erfreuten und desto tapferer daraus los arbeiteten, in der Hosfnung, daselbst gutes Erz zu bekommen, wie solches auch gemeiniglich darauf erfolgt. Es pflegten die Bergleute den Hanselmännern täglich einen kleinen Topf mit Speisen gefüllt herzustellen, auch alljährlich ein rotes Röcklein, so der Länge nach einem Knaben gerecht, zu gewisser Zeit zu kaufen und ihnen als Geschenk zu opfern; wofern sie solches unterlassen, zeigen sich ihnen diese Männlein gar ungnädig und erzürnt. Wofern man ihnen aber hierin genug hit, verspüren sie dieselben gegen Zahlung von dek Zwergenkönlgin tnb der Gemahlin des nassauischen Hüttenherrn und Bergwerksbesitzer, von Marioth: „In der Walpurgisnacht erschien in dem festverschlosse>«n Schlafgemach, in dem Frau von Marioth und ihre Kinder schliefen, eine Zwergin mit einer hell leuchtenden Laterne. Herr von Marioth wr geschäftlich verreist. Die Zwergin bat Frau von Marioth um Hilfe für ihre Zwergenkönigin, die ihrer schweren Stunde entgegensehe. Hilfsbereit folgte die unerschrockene Frau eilends der kleinen Botin, die in den flehentlichsten Worten zu reden wußte. Durch Gewölbe und Gänge ging es, auf dem ganzen Wege von kleinen Bergknappen und Dienern, die sich tief verneigten, ehrfurchtsvoll begrüßt. Am Ende des Ganges standen sie vor einer kunstvoll gearbeiteten Tür, die sich auf leises Kloplen öffnete." Der Chronist berichtet weiter: „Umgeben von einer bedeutenden Anzahl von Zwergdamen, die alle in vollständiger Ratlosigkeit begriffen, lag in einem Armsessel die Zwergenkömgin, den Tod in allen Zügen. Daß hier ohne Verzug einzuschreiten, hat auf den ersten Blick Frau von Marioth erkannt; die kundige, selbst mit Kindern reich gesegnete Frack leistete sofort und glückliche Hilfe. Den nicht gerade holden, vielmehr mit einem griesgrämigen ©reifen« gesicht begabten Knaben übergab sie der Sorge der nächsten Frauen, während sie sich ausschließlich mit der Zwergenkönigin befaßte. Dankbar sagte ihr diese beim Abschied: ,Das Vertrauen, so ich in Euch gesetzt, hat mich nicht getäuscht. Empfanget meinen herzlichsten Dank für alles, so Ihr mir gethan, und nehmet zum Gedächtnis an die mir gewidmete Stunde dieses Ringlein! Allsolchetz am Finger wollet Ihr am nächsten Johannisabend, wenn eben die Sonne untergehen will, zu Weinähr, an des Silberberges Fuß, Euch einfinden und den Pfad hinauffteigen bis zu der Stelle, wo Ihr einen Raben und zwei Habichte im Streite um eine tote Taube antreffen werdet. Die Stelle merkt Euch wohl, denn sie birgt Euer Patengeschenk. Solange der Ring unverletzt in Eurem und Eurer Nachkommen Gewahrsam bleibt, solange wird das Glück Euch begleiten.* Am Johannis.-Abend stand Frau von Marioth mit ihrem Gemahl, sie mit dem Ringe geschmückt, an der von der Zwergenkönigin bezeichneten Stelle. Sie sahen den Raben und die zwei Habichte und sanden die Taube. Am andern Morgen war der Hüttenherr mit einer Anzahl von Häuern wieder zur Stelle; ungesäumt ward eingeschlagen, und nach eifrigem Schürfen tarnen die ersten Silbergänge zum Vorschein, die ein volles Jahrhundert lang mit ihrem Segen die Familie Marioth überschütteten und sie zur reichsten der Gegend machten. Johann Franz Marioth starb am 18. März 1726; nach seinem Tode entstand um den Ring der Zwergenkönigin Streit. Der Ring wurde — entgegen der Bestimmung der Zwergenkönigin bei der Schenkung — nunmehr nach dem Tode Marioths geteilt, und von Stund an schlossen sich die reichen Erzgänge von Weinähr für alle Zeiten." Auch aus anderen Gegenden der nassauischen Lande liegen Sagen von den „Bergmännlein" vor. So wird erzählt, daß im „Seidenstein" (Ge- । marfung Hellenhahn auf dem Westerwald) die Gnomen oder Kobolde hausen. Ein Mann von Pettum (nahe bei Hellenhahn) namens Heinrich Doll soll einmal in die Nähe gekommen sein, da gerade die Berggeister ihre Schätze offen liegen hatten. Staunend bleibt er stehen und schaut stillschweigend die Herrlichkeiten an. Ein Zwerg aber ruft ihm zu: „Heinrich Doll! Pack alle Hände und Taschen voll!" Der aber denkt: „Auf nach Hause und hole dir einen Sack!" Bei seiner Rückkehr findet er weder Berggeister noch Schätze. Auch in den Vergrevieren Weilburg, Wetzlar, Dillenburg, im ganzen Nassauer und Solmser Lank» sowie im hessischen Bergbau sind die Sagen von den Wichtelmännern und den Zwergen und den Berggeistern heimlich. Als mein Großvater, der Bergverwalter in Dillenburg war, im Jahre 1856 nachts von der Grube heimkehrte, kam ein riesengroßes, weißes Gespenst auf ihn zu. Rasch griff er in feine Umhängetasche, in der er mehrere schöne Handstücke hatte, und warf mit einer Erzstufe nach dem Kopf des Gespenstes, welches in seine nächste Nähe gekommen war. Mit lautem Wehgeschrei purzelte der obere Teil des Gespenstes herunter, die ganze Erscheinung löste sich in zwei Teile auf, das große weihe Laken blieb am Platze, und schreiend enteilten zwei armselige Menschenkinder in den Wald, verfolgt von meinem Großvater, der aber die Verfolgung als aussichtslos bald aufgeben mußte. Der eine hatte auf den Schultern des andern gesessen; sie wollten ihren häufig geübten nächtlichen Spul und Schabernack wieder ausüben, tarnen aber an den Unrechten. Noch eine heitere Erinnerung sei hier eingeflochten. Wegen der Unterhaltung und Instandsetzung der Waldwege am Friedrichszug und anderen Gruben mußten von den Bergbautreibenden Verträge mit der Forst- behörde abgeschlossen werden. Ein derartiger Vertrag zeigte die Unterschriften des Bergwertbesitzers Grün, des Forstmeisters Blau und des Bergwerkdirektors Roth; hinfort hieß dieser Vertrag bei den Beteiligten der „bunte Vertrag" wegen der Farben grün, blau, rot. Vor fünfzig Jahren waren die Dörfer Niederwetz, Nauborn, Laufdorf, Steindorf, Albshausen, Oberndorf und Bonbaden noch richtige Bergmannsdörfer; ein großer Teil der Einwohner fand Arbeit und Brot im Bergbau. Diese Dörfer lagen um den Eisenberg, der sich zwischen Wstz- bach und Solmsbach erstreckt, nördlich fließt die Lahn. Im „Eisenbekg wird feit grauer Vorzeit Bergbau getrieben; in ihm Ionen zu meiner Jugendzeit die Gruben Eisenhardt, Margarethe Neufang, Amanda, Juno, Uranus, Laubach, Adelheid, Helfenstein, Prinz Alexander, Eduard, Martha, Metzebmrg; später erschloß der Friedrich-Alfred-Stollen den ganzen Eisenberg. Damals gingen die Bergleute auf Waldpfaden, sogenannten Bergmannspfädchen, zu ihren „Grubenhäusern", die mitten im Walde lagen. . An den Eisenberg schloß sich der Köhlerberg an, wo die Köhler ein|t ihre Meiler hatten. Benachbart war der Hüttenberg, wo vordem die kleinen Hütten lagen, die Waldschmieden, in denen bas Erz verhüttet wurde. Auch außerhalb des Hüttenbergs gab es Hüttenwerke; im Kreise Wetzlar und in feiner nächsten Nachbarschaft nenne ich die Oberndorfer Hütte, die Aßlarer Hütte, die Audenschmiede bei Weilmünster und den I Schmiedenhof bei Kraft-Solms. Steiger, Schlegel-Gelellen, wie wir hier versamblef sein; mit Gunst bin | ich aufgeftanöen, mit Gunst will ich mich niedersetzen. Grüßt ich das Gelag (Zeche) nicht, so wäre ich kein ehrlicher Bergmann nicht./ Oder: „Gott ehre das Gelag, heut morgen und den gantzen Tag; ist es nicht groß, so ist es doch aller Ehren wert!" Auch in dem alten Berg-Büchlein von 1534, welches die älteste bekannte Sammlung bergmännischer Ausdrücke enthält, ist der Gruß „Glück auf! nicht enthalten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kommt „Glück auf!" häufiger vor. Vor Beginn der Arbeit und bet Ende der Schicht fangen die Bergleute das Lied: „Und wenn wir aus- und emfahren, Sankt Barbara steh' uns bei!" Die Bergleute find überhaupt sehr fromm gewesen, sie sprachen ge- tticinfam das „Berg-Gebet": „Laß auch die Engetein ein und aus j mit uns fahren!" _ Neben der Frömmigkeit war der Glaube an Berggeist et und Bergmännlein bet den Bergleuten fest eingewurzelt. Bon den Bergmannlem hat auch Luthers Mutter, die Bergmannsfrau, ihrem Heranwachsenden Martin in den Tagen der Kindheit erzählt. Von ihr ist der Knabe erfüllt worden von all dem, was das Volk sich erzählte, was es liebte, was es fürchtete in seinen Sagen und in seinen Vorstellungen von der Natur und ihren geheimen Kräften. Er hörte von den Geistern, von den guten wie den Wichteln und den Helkäpplein (Tarnkäppchen); auch von den Bergteufelchen, den Stollen-, Schacht- und Grubenmännlein. Sie tragen Bergmannstracht mit spitzer Kapuze und verrichten polternd bergmän- yi che Arbeiten. .. _ Oft mag auch die Sage vorn „Bergrndnch erzählt worden fein. Das soll ein Bergmeister gewesen sein, der solche Freude am Bergbau gehabt habe, daß er beim Tode den lieben Gott gebeten habe, er möge ihm statt der seligen Ruh im Himmel lieber die Erlaubnis geben, bis auf den Jüngsten Tag in Gruben und Schächten umherzufahren und den Bergbau zu beaufsichtigen. So fährt er in einer Mönchskutte bis an den Jüngsten Tag durch die Gruben des Mansfelder Landes und des Harzes. Eine der Bergmannssagen erzählt: Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinsam. Einmal, als sie in den Schacht fuhren, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie nicht genug Oel zu einer Schicht auf ihren Grubenlichtern hatten. Sie gingen aber trotzdem an die Arbeit. Da sahen sie ganz in der Ferne ein Licht, das auf sie zukam. Anfangs freuten sie sich; als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig; denn ein ungeheurer, riesengroßer Mann ging, ganz gebückt, in der Strecke (Stollen). Er hatte eine große Kapuze auf dem Haupt und war auch sonst wie ein Mönch angetan- in der Hand aber trug er ein mächtiges Grubenlicht. Als er zu den beiden, die In Angst sich still verhielten, gekommen war, sprach er: „Fürchtet Euch nicht! Ich will Euch fein Leids antun!" Dabei nahm er ihr Geleucht und schüttete Del von seiner Lampe darauf. Dann aber ergriff er ihr Werkzeug und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in einer ganzen Woche mit allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: „Sagt's keinem Menschen je, daß Ihr mich gesehen habt" und schlug mit der Faust links an die Seitenwand. Diese tat sich auseinander, die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, wandten sie sich ab; als sie aber wieder hinschauten, war alles ver- Derantw örtlich: Or. HanSThhrivt. — Druck und Verlag'. Brühl sche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.