SietzenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den 31. Januar Nummer 9 OerLanövoAvon Greifensee Novelle von Gottfried Keller 4. Fortsetzung. Landolt aber war so betört, daß ihm das Schuldenverzeichnis des schönen Wesens, als er das Büchlein sorgfältig in seiner Brusttasche verwahrte, ein so süßer köstlicher und anmutiger Besitz schien, wie kaum das Bermögensinventarium einer reichen Braut; er liebte alles, was auf dem Register stand, die Roben, die Spitzen, die Hüte, die Federn, die Fächer und die Handschuhe, und selbst die Näschereien erweckten nur seine Gelüste, das reizende große Kind mit dergleichen selbst einmal füttern zu dürfen. Ms er sich verabschiedete und bald wieder von sich hören zu lassen versprach, schaute sie ihn mit zweifelnden Blicken an, da ihr nicht deutlich war, wie es werden sollte. Doch war sie heiter geworden und leuchtete ihm selbst mit traulich dankbarem Wesen bis unter die Haustürs, wo sie mit einem freundlich gelispelten „Gute Nacht!" vollständig die Oberhand gewann über den Stadtrichter. Sie stieg langsam und gedankenvoll, letzteres vielleicht zum erstenmal, die Treppen wieder hinaus und schlief jedenfalls zum erstenmal seit geraumer Zeit süß und ruhig ein, so daß sie den polternden Kapitän nicht nach Hause kommen hörte. Desto weniger schlief Landolt in dieser Nacht und überlegte den Handel, bis die Hähne krähten in den vielen Hühnerhöfen der Stadt. Da Salomog Landolt noch bei seinen Eltern lebte und von ihnen abhing, konnte er höchstens einen Tei^der Summe aufbringen, deren es zur Erlösung Wendelgards bedurfte, weil seine Einmischung verborgen bleiben mußte, wenn er sich die spätere Verbindung mit dem Leichtsinnsphänomen nicht von vornherein noch mehr erschweren wollte. Dagegen besaß er eine reiche Großmutter, deren Liebling er war und die ihm in allerhand Geldnöten beizustehen pflegte und ein Vergnügen daran fand, es ganz im geheimen zu tun. Sie hatte dabei die Eigenschaft, daß sie heftig gegen jede Verheiratung des Enkels protestierte, so oft etwa von einer solchen die Rede war, indem er, den sie am besten kenne, dadurch nur unglücklich werden und verkümmern würde; denn auch die Weiber, behauptete sie, kenne sie genugsam und wisse wohl, was an ihnen (ei. Sie begleitete daher jedesmal ihre Handreichungen und geheimen Vorschüsse mit der vertraulichen Ermahnung, nur ja nicht ans Heiraten zu denken; und wenn er in einer Verlegenheit sich an sie wendete, brauchte er nur eine derartige Anspielung zu machen, um des schnellsten Erfolges sicher zu sein. Auch jetzt nahm er seine Zuflucht zu der wunderlichen Großmutter und vertraute ihr mit einem versteckten Seufzer, daß er nun doch endlich darauf werde denken müssen, durch eine gute Partie, welche sich zeige, aus der Not und überhaupt in eine unabhängige Stellung zu kommen. Erschreckt nahm sie die Brille ab, durch die sie eben in ihrem Zinsbuche gelesen hatte, und betrachtete den unheilvollen Enkel wie einen Verlorenen, der sein eigenes Haus in Brand zu stecken im Begriff steht. „Weißt du, daß ich dich enterbe, wenn du heiratest?" rief sie, selbst entsetzt Über diesen Gedanken; „das fehlte mir, daß so ein scharrendes Huhn einst über meine Kisten und Kasten kommt! Und du? Wie willst du denn ein Weib ertragen lernen? Wie willst du es aushalten, wenn zum Beispiel eine den ganzen Tag lügt? oder eine, die Über alle Welt lästert, so daß dein ehrlicher Tisch eine Stätte der Schmähsucht wird, oder eine, die immer etwas ißt, wo sie steht und geht, und dazu klatscht während des Kauens? wie wirst du dastehen, wenn du eine hast, die in den Kaufläden mauset, oder die Schulden macht, wie die Gimmelin?" Der Enkel unterdrückte das Lachen über die letzte Spezies, mit der es die Großmutter so nahe getroffen, und er sagte möglichst ernsthaft: „Wenn es so schlimm steht mit den armen Weiblein, so kann man sie ja umsoweniger sich selbst überlassen und man muß sie heiraten, um zu retten, was zu retten ist!" Aufs äußerste gebracht, rief die Feindin ihres eigenen Geschlechtes? „Hör' auf, du Greuel! Was ist's, was brauchst du?" „Ich habe tausend Gulden im Spiel verloren, daran fehlen mir sechshundert!" Die alte Dame setzte ihre Brille wieder auf, riß ihre Gloriahaube vom Kopf, um in ihren kurzen, grauen Haaren zu kratzen, und humpelte en den eingelegten Schreibtisch. Mit Vergnügen sah Landolt hinter der ^urückrollenden Klappe die Wunder erscheinen, die dort aufbewahrt wur- oen und schon seine Kindheit erfreut hatten; eine kleine, silberne Weltkugel; einen Ritter aus einem aus Elfenbein geschnittenen Pferde, der trug eine wirkliche silberne und vergoldete Rüstung, die man abnehmen konnte; der- Schild war mit einem Edelsteine geschmückt und die Federn des Helmes emailliert: dann aber, ebenfalls aus Elfenbein kunstreich und fein gearbeitet, ein vier Zoll hohes Skelettchen mit einer silbernen Senfe, welches das Tödlein genannt wurde und an dem kein Knöchlein fehlte. Diesen zierlichen Tod nahm die Alte auf die zitternde Hand und sagte, während das seine Elfenbein kaum hörbar ein wenig klingelte und klapperte: „Sieh her, so sehen Mann und Frau aus, wenn der Spaß vorbei ist! Wer wird denn lieben und heiraten wollen!" Salomon nahm das Tödlein auch in die Hand und betrachtete es aufmerksam; ein leichter Schauer durchfuhr ihn, als er sich die schöne Gestalt der Wendelgard von einem solchen Gerüste herunterbröckelnd oorstellte; wie er aber an die schnelle Flucht der Zeit und ihre Un- wiederbringlichkeit dachte, klopfte ihm das Herz so stark, daß das Ge- rippchen merklich zitterte, und er warf einen verlangenden Blick auf die Hand der Großmutter, welche jetzt dem stets in einem Fache liegenden Barschatze eine Rolle schöner Doppellouisd'ors enthob und sagte: „Da sind die tausend Gulden! Nun bleib mir aber vom Halse mit allen Heiratsgedanken!" Zunächst machte er sich nun an den Kapitän Gimmel, den er in der Schenke aufsuchte und beiseite nahm. Er trug ihm vor, wie er von einer dritten Person, die nicht genannt sein wolle, beauftragt und in den Stand gesetzt sei,. die unangenehme Angelegenheit der Tochter in Ordnung zu bringen; allein es werde verlangt, daß der Kapitän die Sache in seinem eigenen Namen geschehen lasse, zur möglichsten Schonung der Tochter, und es dürfe auch diese nichts anderes glauben, als daß der Vater die Schulden bezahlt habe. In diesem Sinne werde Landolt die Summe, als vom Kapitän herrührend, an amtlicher Stelle einliefern und dafür sorgen, daß dort die Gläubiger in aller Stille befriedigt würden. So werde dem Vater und dem Qräulein jede weitere Verdrießlichkeit erspart sein. > Der Herr Kapitän. betrachtete den jungen Mann mit verwunderten Augen, sprach erst von unbefugten Einmischungen und Wahrung seines Hausrechtes und rückte an feinem Degen; als ihm aber Landolt vorstellte, daß man sich sehr für das Fräulein und ihr zukünftiges Wohl interessiere, welches von einer baldigen Regulierung der bewußten Sache abhangen könne, und der Kapitän eine gute Versorgung des Kindes zu wittern begann, steckte er das Schwert seiner Ehre wieder ein und erklärte sich mit dem vorgsschlagenen modus procedendi einverstanden. Salomon führte nun das Geschäft mit Vorsicht und Geschicklichkeit zu Ende, so daß die Gläubiger bezahlt wurden. Jedermann glaubte, der Kapitän Gimmel habe sich eines Besseren besonnen, und Wendelgard selbst glaubte nichts anderes. Ihr gegenüber gab sich der Vater ein feierliches Ansehen, welches von neuem sie in der Meinung bestärkte, daß er ein vermögender Mann fein müsse. Sitz war daher keineswegs über die Maßen erstaunt und fassungslos, als Salomon, der Geschäftsträger, eines Abends wieder erschien und ihr die quittierten Rechnungen über alle großen und kleinen Schulden in die Hände legte. Dies gönnte er ihr jedoch von Herzen und freute sich ihrer gewonnenen guten Haltung, da ihm während der Abwicklung über die Zahl und Art der Schulden doch das eine oder andere Bedenken aufgestiegen war, freilich nur mit der Wirkung, daß ihn aufs neue ein zärtliches Mitleiden mit ihrer unberatenen Armut erfüllte und die stärksten Wünsche erregte, ihr Schicksal für immer in feste Hand nehmen zu dürfen. Wendelgard hatte sich in Voraussicht seines Besuches die letzten Tage noch sorgfältiger als sonst gekleidet und geschmückt, und auch sie war ihrer besseren Fassung doch hauptsächlich froh, weil sie vor- dem Retter in der Not nicht mehr so erniedrigt erschien, und zwar aus eigenen Mitteln, wie"sie glaubte. Sie dankte ihm aber dennoch mit kindlichen und herzlichen Worten für seine hilfreiche Bemühung; sie gab ihm dabei vertraulich die Hand und war jetzt so schön, daß er ohne weiteres Zögern ihr seine Neigung gestand und daß nur diese ihn vermocht habe, sich so aufdringlich in ihre Angelegenheiten zu mischen. Ja, er ging in seiner rückhaltlosen Offenheit so weit, ihr auseinanderzusetzen, wie sie ihm durch Erwiderung und Gewährung ihrer Hand eine ungleich größere Hilfe erweisen und ihn veranlassen würde, ein etwas unstetes und planloses Leben endlich zu- fammenzuraffen und für Liebe und Schönheit das zu tun, was er für sich selbst nicht habe tun mögen. Diese ehrliche Unklugheit oder unkluge Ehrlichkeit erweckte aber die Klugheit des schönen Mädchens. Sie ließ während seiner Reden dem erregten Salomon ihre Hand und sah ihn mit freundlichen Augen an, die von dem Glücke, aus der Erniedrigung so plötzlich erhöht zu sein, lieblich erglänzten. Allein mitten in aller Lieblichkeit des Augenblicks be- ann sich die sonst so Leichtsinnige wegen der unsteten Lebensführung, )eren ihr Liebhaber sich anklagte, und sie erbat sich eine Bedenkzeit von leben Tagen. Sie entließ ihn aber durchaus huldvoll und atmete so chnell und kurz wie ein junges Kaninchen, als sie sich wieder allein befand. Indessen hatte der Kapitän sich di« geheimnisvollen Andeutungen Landolts eingehender überlegt und di« Entdeckung gemacht, daß feine Tochter allerdings nun reif fei für das Glück und auf den Markt gebracht zu werden. Er war nicht gesinnt, das Kieinod sich von unbekannter -and abjagen zu lassen, sondern wollte mit offenen Augen dabei sein und vor allem eine gehörige Schaustellung veranstalten. Um gleich ms «eug zu gehen, beschloß er, mit der Tochter die Bäder von Baden zu besuchen, die wegen der schönen Psingstzeit gerade voll Gäste waren. Sie mußte ihre schönsten Kleider einpacken, die sie in Zurich wegen der Sittenmandate nicht einmal sehen lassen durfte, und so zogen ste zusammen ohne Säumen im Hinterhof zu Baden ein, der gleich den andern Gasthäusern schon von Fremden angefüllt war. Damit hatte die väterliche Aussicht Gimmels aber auch ihr schnelles Ende erreicht; denn er suchte und fand augenblicklich genügende Gesellschaft trinklustiger alter Soldaten und überließ die Tochter Wendelgard gänzlich sich selber. Zufälliger, aber auch glücklicherweise befand sich im gleichen Badhofe Figura Leu im Begleit einer älteren Dame, die wegen Gliederschmerzen die Bäder brauchte. Sie war jetzt in den Jahren auch schon ein wenig vorgerückt und tat noch mehr als früher, was sie wollte. Als sie die schöne und durch ihre Schulden berühmt gewordene Wendelgard sah und wie diese in ihrer Verlassenheit nichts mit sich anzufangen wußte, zog sie dieselbe in ihre Gesellschaft und vertrieb sich selbst die Zeit damit, das seltsam«, eigenartige Geschöpf, in welchem die Schönheit ohne alle andere Zutat persönlich geworden schien, zu studieren und kennenzulernen. Sie gewann bald das Vertrauen des Mädchens, das die Wohltat solchen Umganges noch nie erfahren hatte, und so wußte sie auch schon am ersten Tage von dem Verhältnisse zu Salomon Landolt und der siebentägigen Bedenkzeit. Am zweiten Tage hielt sie es auch schon für das schwerste Mißgeschick, welches dem unvorsichtigen Freier zustvßen könnte, wenn er das Mädchen gewänne. Sie wußte selbst nicht recht, warum? Sie hatte nur das Gefühl, als ob Wendelgard keine eigentliche Seele hätte. Dann dachte sie aber wieder, so sei sie ja ein reines weißes Tuch, auf welches Salomon schon etwas Leidliches malen werde, und alles könn« sich noch ordentlich gestalten. Bekümmert über ihre eigene Unsicherheit beschloß sie plötzlich, eine Art Gottesgericht und Feuerprobe entscheiden zu lassen, wozu die unverhofft angekündigte Erscheinung ihres Bruders Martin ihr den Gedanken gab. Er stand schon seit fünf Jahren als Hauptmann in dem Züricherregimente zu Paris und war ein in allen Künsten erfahrener Gefell, besonders auch ein vorzüglicher Komödiant in den Haustheatern der Pariser Gesellschaft geworden. Der Kapitän Gimmel und seine Tochter hatten ihn noch nie gesehen, und übrigens verstand er sich auch für andere unkenntlich zu machen, denen er wohl bekannt war. Auf diesen Umstand gründete Figura ihren Plan, und sie wußte dem Bruder, als er jetzt, unversehens in di« Heimat auf Besuch gekommen, auf dem Wege von Zürich nach Baden war, heimlich entgegenzureifen und ihn eilig für ihr Projekt zu unterrichten und zu gewinnen; denn er nahm fast eben so viel teil an dem Wohlergehen, seines wackeren Freundes, wie seine Schwester. Sie aber hatte große, Eile, weil von den sieben Tagen schon vier verflossen waren und sie wohl merkte, daß Wendelgard kein Nein von sich geben werde. So verzögerte denn Martin Leu seine Ankunft bis zur angebrochenen Dunkelheit, während Figura schnell vorauseilte und tat, als ob nichts geschehen wäre. Ueber Nacht traf er seine Vorbereitungen und trat am anderen Tage als ein unbekannter Fremder auf mit großen und geheimnisvollen Allüren. Wie durch Zufall machte er sich, sobald er orientiert war, an den Kapitän und ließ denselben, indem er eine Flasche mit ihm trank, sofort im Würfelspiel ein paar Taler gewinnen, wobei er es aber bewenden ließ. Dann lustwandelte er auf den öffentlichen Spazierwegen und am Ufer des Flusses, während Figura auf listige Weife das Gerücht verbreitet hatte, der Fremde sei ein französischer,Herr, der eine halbe Million Livres Renten besitze und durchaus eine protestantische Schweizerin heiraten wolle, da er selbst dieser Konfession angehöre. Er sei schon in Genf gewesen, habe aber nichts gefunden, und wolle nun nach Zürich gehen, vorher aber sich ein wenig in Baden umsehen, wo, wie er erfahren, zu dieser Zeit ein ausgesuchter Darnen- flor sich sehen lasse. Der Kapitän kam schleunig und gegen seine Gewohnheit schon vor Tisch nach Hause, das heißt in den Gasthof, gelaufen und holte di« Tochter, die sich herausputzen mußte, zur Promenade. Er führte sie sogar am Arme und tat mit seiner Karfunkelnase so geziert und breitspurig, daß die Hunderte von Spaziergängern von seiner Possierlichkeit nicht minder erheitert, als von der Schönheit Wendelgards erbaut waren. Als er aber dem reichen Hugenotten begegnet«, gab es einen noch größeren Auftritt und einen langen Wechsel von Komplimenten und Vorstellungen. Martin Leu brauchte kein Erstaunen Über Wendelgards Erscheinung zu heucheln, da er es in der Tat empfand; doch sah er $u gleicher Zeit auch, wie notwendig es sei, den Freund Salomon dieser Gefahr zu entreißen. Er bot ihr den Arm und führte sie an des Vaters Stelle zur Tafel, wo Figura wie verschüchtert hinblickte und alle die zier- vollen Szenen zu bewundern schien, die sich nun ereigneten. Nur wenige Minuten sprach Wendelgard nach dem Essen mit ihr, weil eine Lustpartie nach Schinznach stattsinden sollte, wo eine nicht weniger vornehme Welt versammelt war. Kurz, Martin machte am ersten Tage seine Sache so gut, daß Wendelgard am späten Abend zu Figura Leu geflogen kam und ihr atemlos mitteilte, es werde sich etwas ereignen, der Hugenott habe sie soeben gefragt, ob sie nicht lieber in Frankreich leben möchte, als in der Schweiz. Und dann habe er gesprächsweise gefragt, wie alt sie fei, und eine Stunde früher geäußert, wenn er je heirate, so werde er keinen ^Denar Mitgift von der Frau nehmen. Und der Vater habe ihr bereits befohlen, dem Bewerber sogleich ihr Jawort zu geben, wenn er sie frage. „Aber, liebes Kind", bemerkte Figura, „das alles will noch nicht viel sagen. Nimm dich doch in acht!" Wendelgard aber fuhr fort: „Und als wir Über eine Stunde allein zusammengingen, hat er mir die Hand geküßt und geseufzt." „Und dann hat er dich gefragt?" „Nein, aber er hat geseufzt und mir die Hand geküßt." „Ein französischer Handkuß! Weißt du, was das ist? Gar nichts." Geschichte jedoch nicht zu Ende. Denn Martin Leu und der Uebermut, die seltsame Schönheit erst jetzt Wochen dort; dann und unverträglicher hielt sich verborgen. Damit war die reiche Hugenott natürlich in Baden verschwunden war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Der Kapitän und Wendelgard weilten noch zwei kehrten sie nach Zürich zurück, der Kapitän durstiger als je, und die Tochter, still und niedergeschlagen, der wilde Alte jählings vom Schlage getroffen dahinftarb, verliebte er sich in die Verlassene so heftig, daß er alle Einsprachen, Ermahnungen und Vernunftgründe ungestüm wegräumte und nicht ruhte, bis sie seine Frau war. Vorher hatte er den Salomon noch ein letztes Mal gefragt: „Willst du sie oder nicht?" Der hatte aber ohne Besinnen geantwortet: „Ich halte es mit dem Bibelspruch: Eure Rede fei Ja, Ja und Nein, Nein! Ich komme nicht mehr auf die Sache zurück!" „Kostet mich freilich tausend Gulden, was kein Mensch weih, Gott sei Dank!" setzte er in Gedanken hinzu; denn er wußte, daß feine Großmutter in ihrer Gerechtigkeit alle ihre Vorschüsse genau notierte, damit ste einst, seinen Geschwistern gegenüber, von seinem Erbteile abgezogen würden. (Fortsetzung folgt.) „Aber er ist ja ein ernsthafter Protestant." „Wie heißt er denn?" .... ., . ... „Ich weiß es noch nicht, das heißt, ich glaub', ich weiß es noch nicht, ich habe nicht einmal acht gegeben." „Das ändert freilich di« Sache", sagte Figura nachdenklich; „aber rote oll es nun mit Salomon Landolt werden?" ,^a, das frag' ich auch", erwiderte Wendelgard seufzend und rieb ich die weiße Stirn mit den weißen Fingerspitzen; „aber bedenke doch, eine halbe Million Einkünfte! da hört alle Sorge und aller Kummer auf! Und Salomon braucht eine Frau, die ihm hilft sein Leben zu» ammenraffen und etwas werden! Wie kann ich das, die selber nichts versteht?" ... „Das meint er nicht so, du Gänschen! Er meint, wenn er dich nur hat, so wird er deinetwegen ansangen zu schäften, zu wirken und zu befehlen, und du kannst nur zusehen und brauchst dich gar nicht zu rühren; und er wird es tun, sag' ich dir!" „Nein, nein! Mein Leichftinn wird ihn nur hindern! Ich werde wieder Schulden machen und noch viel mehr, das suhle ich, wenn ich nicht reich, außerordentlich reich werde!" „Das ändert freilich die Sache",--versetzt« Figura, „roenn du nicht vorziehst, dich von ihm ändern und bessern zu lassen! Und er ist der Mann dazu, glaub' es mir!" . .. Da sie aber sah, daß Wendelgard nur in eine ängstliche Verlegenheit geriet, ohne ein Gefühl für Salomon zu äußern, fuhr sie fort: „Jedenfalls sieh zu, daß du nicht zwischen zwei Stühle zu sitzen kommst. Wenn der Franzose dich nun morgen fragt, so mußt du ihm aus freier Hand antworten können. Uebermorgen ist der siebente Tag; dann mußt du gewärtig sein, daß Landolt herkommt, deine Entscheidung zu holen; dann gibt's Auftritte, Enthüllungen, und du läuftt Gefahr, daß beide dir den Rücken kehren!" ,,f) Gott! Ja, das ist wahr! Aber was soll ich tun? Er ist ja nicht hier, und ich kann jetzt nicht hin!" „Schreib ihm, und gleich heute noch! Denn morgen muh ein Ex» preffer damit nach Zürich, sonst kommt er übermorgen, wie ich ihn kenne, unfehlbar." „Das will ich tun, gib mir Papier und Feder!" Sie setzte sich hin, und als sie nicht wußte, wie beginnen, diktierte ihr Figura Leu: „ ..... , „ " „Nach reiflicher Prüfung finde ich, daß es nur Gesichte der Dankbarkeit find, die mich für Sie beseelen, und daß es Lüge wäre, roenn ich sie anders benennen wollte. Da üb erd em der Wille meines Vaters mir eine andere Lebensbahn anweift, so bitte ich Sie, meinen festen Entschluß, ihm zu gehorchen, als ein Zeichen des Vertrauens und der achtungsvollen Aufrichtigkeit ehren zu wollen, die Ihnen stets bewahren wird Ihre ergebene und so weiter." „Punktum!" schloß Figura, „haft du unterschrieben?" „Ja, aber es dünkt mich, man sollte doch etwas mehr sagen; es ist mir nicht ganz recht so." „Eden so ist's recht! Das ist der verzwickte Absagestil in solcher Lage, die keine Erörterungen verträgt; das schneidet alles weitere ab, und die Trinklustigen merken am Klange, daß sie an ein leeres Fatz geklopft haben!" Diese etwas von Eifersucht gewürzte Anspielung verstand Wendelgard nicht, da sie gutmütigen Herzens war. Sie bat noch, Figura möchte die schleunige Absendung des Briefes beforgen, damit ja kein Zusammentreffen stattfinde. Figura versprach es, und um ganz sicher zu gehen, übergab sie die Mission mit Tagesanbruch ihrem Bruder, der unverzüglich damit nach Zürich ritt und den Salomon Landolt überraschte, der eben sich bereit machte, am nächsten Tage nach Baden zu gehen. Er erblaßte leicht, als er das Brieflein las, und wurde wieder rot, als er bemerkte, daß Martin Leu wußte, was darin stand. Der gab ihm aber ohne Säumen die mündlichen Erläuterungen durch Erzählung des ganzen Vorganges. Er lieh ihn darauf eine Stunde allein, kam dann wieder und sagte ihm: „Salomon! Die Schwester Figura läßt dich grüßen und dir sagen, wenn du die schöne Gimmelin doch haben wolltest, so möchtest du es ihr, der Schwester, nur kund tun, jene laufe dir nicht fort." ,Hch will sie nicht und sehe meine Torheit ein", sagte Landolt; „aber sie ist doch schön und liebenswert, und ihr seid Schelme!" Martin blieb nun in seiner wahren Gestalt in Zürich, weshalb der stach die Neugierde , , , , „ etwas näher zu besehen. Er machte sich mit aller Vorsicht herzu, um nicht als der geheimnisvolle Franzose erkannt zu werden, und besucht« den Fechtsaal des Kapitäns. Nun drehte sich das Rad der Fortuna, als er die Arme in ihrer bescheidenen Trauer und Schönheit sah, und da Aus der Jugendzeit. Von Friedrich Rückert. Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war! Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang, Die den Herbst und Frühling bringt. Ob das Dors entlang, ob das Dors entlang Das jetzt noch klingt? „Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer." O du Kindermund, o du Kindermund, Unbewußter Weisheit sroh, Vogelsprachekund, vogelsprachekund, Wie Salomo!/ O du Heimatslur, o du Heimatflur, Laß zu deinem Heilgen Raum Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur Entfliehn im Traum! Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm. War die Welt mir voll so sehr; Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer. Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt. Und der leere Kasten schwoll; Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert, Wird's nie mehr voll. Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt Dir zurück, wonach du weinst; Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt Im Dorf wie einst: „Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam. War alles leer." Blinde Liebe. Von B. B r a n d e i s. Unserem Tisch gegenüber saß ein Liebespaar. Der Mann mochte um fast zehn Jahre älter sein, als das Mädchen; sie trugen Derlobungsringe. Das Mädchen hatte große, dunkle Augen, deren Glanz keine Sekunde lang erlosch. Manchmal lehnte es seinen Kopf in einer sehr zärtlichen und raschen Bewegung gegen die Brust des Mannes, der dann darüber hinweg einer anderen Frau zulächelte. , Diese andere Frau saß auf dem Podium der Musikkapelle, und wenn sie nicht gerade Cello spielte, erwiderte sie den Blick des Mannes. Das Glück des verlobten Paares, das auf den ersten Blick so vollkommen erschien, erwies sich auf den zweiten als ein Betrug, den der Mann in aller Offenheit beging, und der von allen anderen, außer dem Mädchen, bemerkt wurde. Selbst bann, als der Mann, gleichzeitig während die Kapelle große Pause hatte, vom Tisch aufstand, für zehn Minuten verschwunden blieb und noch zufrieden« lächelnd als zuvor, zurückkehrte, war das Mädchen in gleicher Weife ahnungslos zärtlich. Mathias Wendt zeigte für mein Empfinden, daß der Anblick dessen, was wir nun schon seit einer halben Stunde beobachten mußten, ein erfreuliches Verbleiben in diesem Lokal ausschließe, volles Verständnis. Aber als ich dann, nachdem wir uns in anderer Umgebung wieder gemütlich eingenistet hatten, immer noch davon sprach, wie sehr das arme Mädchen, das in seiner Liebe mit Blindheit geradezu geschlagen sein müsse, zu bedauern sei, erwiderte er vollkommen ruhig, daß ich mich mit meinem Urteil im Irrtum befinde. „Das Mädchen kann man nur beglückwünschen", sagte er. „Beglückwünschen — weil es betrogen wird?" „Weil es blind verliebt ist und blinde Liebe gewisse Voraussetzungen für eine glückliche Zukunft in sich birgt", antwortete er lächelnd. Ich wußte, daß Mathias Wendt überaus glücklich verheiratet war Er konnte also in Wahrheit nicht gut annehmen, daß eine Ehe zwischen dem Paar, das wir beobachtet hatten, wenn sie überhaupt zustande kommen würde, auch nur im entferntesten glücklich sein könnte. „Vielleicht ist das, was Sie für ausgeschlossen halten, sogar wahrscheinlich", erwiderte Mathias Wendt geheimnisvoll. „Ich denke, es ist nicht sehr abwegig, die Liebe mit einem sehr zarten, teils sogar noch unergründeten und jedenfalls äußerst empfindsamen Organismus zu vergleichen. Wenn nun der Mensch blind verliebt ist, könnte dann dieser Zustand, über den wir im allgemeinen nur lächeln oder voll Mitleid sind, nicht ebenso gut nur eine Schutz- und Abwehrmaßnahme der Liebe darstellen so, wie ja auch der menschliche Organismus sich selbst, zum Beispiel durch das Fieber, gegen schweren Schaden zu helfen weiß?" Wendts Ausführungen schienen sich zu überspitzen, ich war stoh, als er nnfina, zu ihrer Begründung eine Geschichte zu erzählen: Ein Mann, siebenundzwanzig Jahre alt, war seit einem Jahr mit einem Mädchen verlobt, das Ursula hieß, nicht schön und nicht häßlich war, aber ein aufrichtiger und guter Kamerad. x Thomas, so hieß der Mann, spürte längst, daß seine anfangs heiße Liebe zu Ursula von Tag zu Tag lauer wurde, und als er sich, ohne zu ;en war, sogar hätte Aber Recht jedes einer vor sich stehen. „Da bist du ja, und ich wollte dich gerade anrufen", sagte er überrascht. „Ich muß dich etwas fragen." „Fräulein Nivell ist doch nicht gekommen, obwohl schon über eine Stunde vergangen ist", stellte Ursula fest. „Sie kommt doch überhaupt nicht!" antwortete Thomas. Ursula ging, als fei dies das Selbstverständlichste von der Welt, voran. Während sie die große Treppe hinaufstiegen, sprachen sie kein Wort Auch dann noch nicht, als sie wieder im Zimmer standen. Ursula strahlte vor Glück. Sie legte sich mit weichen Händen den zitronengelben Seidenschal immer wieder um den Hals und hatte Freu- dcntränen in den Augen. Thomas stand verlegen am Fenster und wußte nicht, wie er in diesem Augenblick die Frage nach dem Manuskript anbringen konnte. „Ich danke dir", sagte Ursula nach einer Weile. „Ich wußte ja, daß du diesen Tag, an dem wir uns vor einem Jahr verlobt haben, nicht vergessen wirst. Wenn du auch in letzter Zeit nicht mehr sehr nett warst zu mir; ich kann es verstehen, daß dich deine Arbeit nervös machen muß. Und der Scherz mit diesem Fräulein Nivell, den du dir ausgedacht hast, hat deine Ueberrafchung für mich wirklich noch viel größer werden lassen, obwohl ich, als ich dich aus der Haustür treten sah, natürlich sogleich gewußt habe, daß du mich jetzt rufen wirst." „Mein Gott!" dachte Thomas, „sieht sie denn nicht, daß der Schal überhaupt nicht für sie paßt, für ihre helle Gesichts- und Haarfarbe; während doch Lilian mit ihrem schwarzen Haar entzückend damit ausfehen würde." Ursula legte Thomas, der wieder verlegen zum Fenster hinausfchaute, ihre Arme sanft um den Hals. „Bist du böse, weil ich ein wenig eifersüchtig war und vor der Haustür gewartet habe?" fragte sie leise. „Oder hattest du, als ich fort- . ging, angenommen, ich würde wirklich nicht wiederkommen?" ,Lch hatte es erwartet", antwortete Thomas und atmete schwer. auszusprechen. Aus seinem Verhalten, seinen Launen, die einen manchmal unfreundlichen gereizten Ton zwischen ihnen aufkommen ließen, Ursula längst erkennen müssen, wie wenig Thomas sie noch liebte, anstatt aufzubegehren, ihn zur Rede zu stellen, was ja ihr gutes gewesen wäre, wurde sie nur noch nachsichtiger und überhörte seiner Worte, das hart war, oder das ihr Verhältnis zueinander in freundschaftlichen Weise hätte klären können. Eines Nachmittags aber kam Thomas seinem Ziel mit einemmal sehr nahe. Ursula hatte wieder für ihn geschrieben, er diktierte den letzten Satz, und fast ohne abzusetzen sagte er: „Es geht nicht mehr so weiter, Ursula. Du arbeitest meinetwegen im Büro nur halbtags, erleidest damit einen Lohnaussal'l, den ich dir, da ich ja kaum etwas besitze, und es voraussichtlich noch lange so sein wird, niemals ersetzen kann. Es ist also besser, du kommst von morgen ab nicht mehr zu mir." „Und wer wird dir bann in Zukunft beine Sachen schreiben?" fragte Ursula überrascht. „ „ „Ich werde mich wohl selbst dahintersetzen müssen , anroortete er unsicher. „Das heißt, vielleicht auch nicht, wenn es mir gelingt, Fräulein Nivell für meinen Vorschlag zu' gewinnen. Fräulein Nivell ist Schauspielschülerin, hat nur vormittags Probe und könnte bann am Nachmittag, dadurch, bah sie sich mit meinen Manuskripten beschäftigt, in ihrem Fach sozusagen Sondersiudien obliegen." „Dann werden wir uns wohl nicht mehr allzu oft sehen?' fragte Ursula mit tonloser Stimme. „Das liegt bei dir, Ursula, ob du noch Zeit haben wirst? meinte er verlegen. „Im übrigen kommt Fräulein Nivell heute nachmittag noch zu mir, ihre Entscheidung für meinen Vorschlag zu bringen. Wenn du vielleicht noch eine halbe Stunde warten möchtest, könntest du sie kennenlernen." . „Ich werde jetzt gehen und nie wieder kommen", sagte sie heftig. Und ging. — Thomas atmete auf. Er wußte, baß er sich mehr als schändlich benommen hatte, empfand Abscheu vor sich'selbst; aber wie hätte er dem Verlangen seines Herzens widerstehen können? Schon zählte er die Minuten, die noch vergehen mußten, bis Lilian Nivell eintreten würde. Er hatte die Wahrheit gesagt, Lilian war wirklich Schauspielschülerin, nur hatte er verschwiegen, wie viel schöner sie war als Ursula und noch wie viel geistreicher und witziger. Thomas hatte gerade den zitronengelben, seidenen Schal aus dem Versteck hergeholt, den er für Lilian gekauft hatte, und der für feine Verhältnisse viel zu teuer war, als er überraschend von Lilian eine Absage erhielt. Thomas Wohnungsnachbar, der ein Telephon besaß, übermittelte ihm Lilians Nachricht, daß sie plötzlich verhindert sei zu wissen, wie es kam, plötzlich in ein anderes Mädchen verliebt hatte, blief» ihm kein anderer Ausweg mehr, als sich von Ursula zu trennen. Allerdings wurde es ihm nicht leicht, die Trennung durchzuführen. Thomas war Bühnenschriftsteller, und Ursula klapperte für ihn auf der Schreibmaschine die Manuskripte ab. Sie zeigte auch sonst großes Interesse für feine Arbeiten, war ihm saft unentbehrlich geworden, und da Thomas zudem ihre unveränderte tiefe Zuneigung zu ihm nicht außer acht lassen konnte, fiel es ihm doppelt schwer, das entscheidende Wort kommen. . v Thomas tröstete sich so gut es ging, er wußte ja, daß Lilian, wenn nicht heute, so doch morgen kommen würde, und nach einiger Zeit entschloß er sich, noch ein wenig zu arbeiten. Er war nicht erfreut darüber, feststellen zu müssen, daß das Manuskript, an dem er vor einer Stunde noch diktiert hatte, unauffindbar blieb. Wahrscheinlich hatte es Ursula in ihrer Erregung an einen vollkommen ungewohnten Platz gelegt," ober aus Versehen sogar in ihre Mappe gesteckt und mit nach Hause genommen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Urfula bei ihren Eltern an- zurufen. Und ba der Wohnungsnachbar inzwischen weggegangi- mußte Thomas zu dem nächsten Münzfernsprecher auf der Straße gehen. Ein paar Schritte von der Haustür entfernt, sah er plötzlich Urfula Dies war die Geschichte, die Mathias Wendt mir erzählte, „Darf man an die Stelle des Namen Thomas den Namen Mathias setzen?" fragte ich neugierig, „Man darf!" lachte Mathias Wendt, „Ich habe Ihnen die Geschichte' meiner eigenen, sehr glücklichen Ehe preisgegeben. Sie sehen daraus, daß unsere Liebe niemals so schöne Früchte getragen hätte, würde die Liebe von Ursula in ihrer Blindheit sich nicht selbst über die Zeit, da meine Zuneigung erloschen schien, hinweg geholfen haben. Gewohnt, getan. Von I, W, v o n G o e t h e. Ich habe geliebet, nun lieb' ich erst recht! Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht, Erst war ich der Diener von allen, Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen. Ich habe geglaubet, nun glaub' ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht Ich bleibe beim gläubigen Drben: So düster es oft und so dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ist's lichter geworden, Ich habe gespeiset, nun speis' ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tafel vergessen. Die Jugend verschlingt^nur, dann sauset sie fort; Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost' und ich schmecke beim Essen, Ich habe getrunken, nun trink' ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Uyd löset die sklavischen Zungen, Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß: Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die jungen. Ich habe getanzet und dem Tanze gelobt. Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein sittiges Tänzchen, Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch "bie ein' und die andere nicht, Jhni bleibet ein munteres Kränzchen, Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht: Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht,. Den kitzeln fürwahr nur Vie Dornen, So heute wie gestern, es flimmert der Stern; Nur halte von hängenden Köpfen dich fern ''nd lebe dir immer von vornen. Eisberg im Nebek. Bon Alfred von Härtlein. Ein auf hoher See befindlicher Ozeandampfer hatte auf seinem Kurs treibende Eisberge gesichtet, noch dazu auf einer wenig befahrenen Route, die um diese Zelt noch als absolut sicher galt, und sofort die entsprechende Meldung weltergefunkt. Da gleichzeitig leichter Nebel aufzukommen begann, bemühten sich Kllstenstationen, mit den gefährdeten Schiffen in Verbindung zu treten. Dies gelang auch in allen Fällen, mit einer einzigen Ausnahme: Die „Bostonia", ein alter Trampdampfer, der nur ausnahmsweise auf Europafahrt eingesetzt worden war, hatte auf'bie Signale nicht geantwortet. Er führte keine Rädioanlage mit sich, und man mußte annehmen, daß die Funkentelegraphiestation gestört sei. Dabei befanden sich 75 Passagiere auf Zwischendeck, und ihr'Kurs führte gerade auf jenen zu, den man-für die fast unsichtbar dahintreibenden Eisberge bezeichnet hatte. Die Lage war somit außerordentlich kritisch. Tatsächlich waren von der Marinestation schon Militärflieger eingesetzt worden, aber der Besitzer der kleinen Transozeanlinie, der der alte Kasten gehörte, hatte sich doch auch an uns um einen Flieger gewandt. Ich bin an der Reihe und melde mich ohne größere Begeisterung, aber Dienst ist Dienst. Dann ist meine Maschine klar, und ich nehme Kurs aus Europa. Ich überfliege Neuyork — unser Privatflughafen liegt westlich der City. Tief unten stauen sich die Wagen in den Avenuen zu endloser Kette. Dann bin ich über der Küste, konstatiere, daß die Freiheitsstatue eine weiße Mütze aufgesetzt hat. Der Ozean. — Ein paar kleinere Dampfer und Barkassen quirlen noch umher, dann nur mehr die endlose, graue Fläche, über die der Schatten meines Apparates dahinfegt Die „Bostonia" befindet sich seit annähernd 20 Stunden in See, Glücklicherweise läuft die alte Kiste nicht allzu schnell, und wahrscheinlich kann ich in ein paar Stunden aufholen. Immerhin muß ich dann auch noch zuriickkommen. — Aber meine Tanks find für fast zehn Flugstunden gefüllt; das muh^ jedenfalls reichen. Ueber zwei Stunden sind vergangen. Ich muß scharf auf den Kurs achten; ein lästiger Seitenwind treibt mich immer wieder ab. Ein paar mal habe ich auch Schiffe gesichtet. Die „Bostonia" war nicht darunter. m Obwohl nach Heller Mittag sein sollte, wird die Sicht immer schlechter. Nebel! Er macht die Lage bedenklich. Wie soll ich auch im schweren Nebel, der hier zu drohen scheint, den Dampfer finden, den ich nicht einmal anfunken kann? Und allzu viel Zeil darf ich aus der Suche auch nicht verlieren ... Plötzlich bekomme ich im Kopfhörer Morfesignale. Es ist der eine der eingesetzten Militärflieger. Ich melde mich. Er hat den Dampfer bisher nicht finden können, da dieser vom Kurs abgewichen zu sein scheint. Der andere Flieger mußte zurück; leichte Störung in der Benzinzufuhr, weitere Suche daher gefährlich. — Mein Gesprächspartner selbst will noch eine halbe Stunde weiter suchen, dann wird auch er zurückmllssen. Sein Abkionsradius war um etwa zwei Stunden geringer als der meine. Wir einigten uns auf das Terrain, das wir abfuchen wollten, dann verstummten die Signale. Ich suche weiter. Eine Stunde ist vergangen. Der Nebel nimmt schon fast jede Sicht. Richtige Waschküche. Da meldet sich auch der Militärflieger wieder. Muß jetzt endgültig zurück. Höchste Zeit. Rät mir, dasselbe zu tun. — Soll ich wirklich aufstecken? Schließlich habe ich fast zwei Flugstunden ihm voraus. Und dann: die 75 auf Zwischendeck! Ich verabschiede mich, fliege weiter. Meine Kufen — eigentlich sollen es gleichzeitig Schwimmer sein, aber bei diesem Seegang sind sie's wahrscheinlich nur für zehn Minuten — streifen fast die Wogen. Ein paar Leuchtraketen Verzischen im dichten Nebelbrei. Meine Brennstoffuhr zeigt noch knapp die Menge, die für den Rückflug reichen soll. Sicher ist auch das nicht mehr. Also aus. Kehrt. — Und die 75 ... Der Nebel ist hier nicht mehr so dick, man sieht wenigstens wieder ein paar -hundert Meter. Die letzten Raketen zischen ins Leere. Eigentlich sinnlos. Da zischt aus der nächsten Nebelbank ein Heller, farbiger Schein hervor. Sollte eine meiner Raketen sich zu spät entzündet haben? Nein, da ist doch der Schein wieder. Und-gleichzeitig kann ich auch unten einen großen dunklen Schatten ausnehmen. Das muß die „Bostonia" sein! Sie ist es wirklich! Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Wenn es nicht schon zu spät ist. Mein Apparat kreist über dem schwarzen Trampdampfer. Menschen lehnen an der Reling, blicken wahrscheinlich erstaunt zu mir heraus. Ich morse mit dem Scheinwerfer hinunter: „Achtung — Eisberge — in — eurem — Kurs! — Achtung!" Ich muß solange morsen, bis man mir von unten „Verstanden* signalisieren wird. „Achtung! — Eis ..." Ich signalisiere automatisch. Aber meine Augen blicken längst nicht mehr auf das Schiff, um das Antwortfignal zu sehen. — Was schiebt sich uns da vorne, vom Nebel fast verhüllt, genau im Schiffskurs entgegen? Weiße, gigantische Blöcke, wenige Meter aus dem Wasser ragend, von unten wohl fast unsichtbar, noch dazu in diesem Moment, wo alle Blicke auf dem Schiff zu dem merkwürdigen Vogel in der Luft über ihnen gerichtet find. Der Dampfer aber fährt mit voller Kraft auf den weißen Tod 'zu! Durch Sekunden, die hier entscheidend über Tod und Leben sein können, zermartere ich mir meinen Kopf um einen rettenden Einfall. Dann stoße ich mit Vollgas auf die weiße, drohende Gefahr hinunter,-'die ich die Menschen da unten sehen machen muß ... Kaum zweihundert Meter trennen das ahnungslose Schiff noch von seinem Verderben, während ich die Eisberge, die ich säst mit den Krisen streife, zu umkreisen beginne. Noch 100 Meter, 50 ... Ich muß den Apparat in die Höhe reißen. — Da endlich geht ein Zittern durch den Schiffsrumpf, die Maschinen arbeiten mit ganzer Kraft zurück, und der Dampfer gleitet zur Seite, während sein Bug den Eiskoloß fast zu berühren scheint. Die Leute auf der Reling und auf der Brücke winken begeistert. Es muß ein schöner Schreck gewesen sein. Ich habe jedenfalls keine Zeit, darauf zu achten; mein Blick sucht den Benzinmesser. Wird es reichen? Kaum. — Aber hier landen und mit dem alten Kasten nach Europa gondeln? Da würde zumindest mein Apparat draufgehen und bei diesem Seegang ziemlich wahrscheinlich auch ich selbst. Also: Kurs Neuyork ... Bier Stunden sollte der Benzinvorrat reichen; zumindest hat das beim Rückflug die Benzinuhr behauptet, die auf Flugstunden geeicht ist. Jetzt ist der Zeiger längst unter den ersten Strich der Stundeneinteilung gesunken; darunter zeigt er nicht mehr verläßlich. Ziemlich peinlich, hier voraussichtlich zu ersaufen, denn zum Schwimmen ist es doch etwas zu kühl. Wenn ich den Apparat schwer aus die Seite lege, setzt schon die Benzinzufuhr aus, und der Motor beginnt zu husten. Ich rechne mir aus, daß ich mich höchstens noch zwanzig bis dreißig Minuten in der Luft halten kann. Scheußliches Gefühl. Daran kann auch der Gedanke an die fünfundslebzig nichts ändern, die jetzt wahrscheinlich wirklich auch ohne Funkstation nach Europa kommen werden. Dabei sollte ich eigentlich nicht mehr allzu weit von der Küste entfernt fein, und doch kann ich weit und breit kein Schiff ausnehmen. Dafür glaube ich ein paarmal Wrackteile auf dem Wasser treiben zu sehen. Da kommt mir auch die Erleuchtung: hier muß ein furchtbarer Orkan vorbeigerast [ein, der die See so reingefegt hat. Ich habe jetzt an anderes zu denken: Der Motor fängt verdächtig zu husten an, um sich dann noch einmal zu erholen. Ich weiß, daß jetzt die letzten Kraftreserven in die Zylinder gepumpt werden. Die letzten ... Minuten später sehe ich aber die Freiheitsstatue. Auf dem Flugfeld brauche ich den Motor nicht abzuftellen. Die Maschine hat den letzten Tropfen Benzin verbraucht und setzt ganz van selbst vor den Hangars aus. Meine Vermutung wegen des Orkans bewahrheitete sich. Auch' der arme Teufel von Militärflieger, den ich auf der Suche getroffen habe, ist ihm zum Opfer gefallen. Wäre ich umgekehrt, hätte es mich wahr- fcheinlich auch erwifcht ... D«r«ntwortlich: Dr. Han« Thyriot. — Druck und Brrlag: Drühlsche Universität»drucker«i R.Lange, Gießen. Nummer \ Montag, den 3. Januar Jahrgang 1938 I ausitrecken. Es geht noch ziemlich langsam, aber bas gibt sich mit der Colour & Grey Control Chart oanesgS ihnen die Mutter weitere Uebungen und läßt sie glück- pictavy asserspiegel treiben, während sie nach Unterhaltung für II £ 1 $ L 9 8 6 / anderen Geschlechtes. * Magenta Black im Augen zu behalten. Die Familie, mit der wir zusammen ausbrachen, ist auch schon angelangt. Wir müssen uns ordentlich anftrengen, damit sie uns in dem riesigen, nun mehrere Tausende starken Hausen nicht entschwindet. Sie hat keine Zeit verloren und ebensowenig den Vorteil als Anführer des -ganzen Zuges. Die Sprößlinge paddeln schon,in den Brandungswellchen, Vater steht bei seinen Freunden am Strande und Mutter setzt ziemlich ängstlich den Kindern nach. Denn sie muß dafür sorgen, daß sie ihre Stunde bekommen, ehe sie zu spielen anfangen — gestern haben sie sich beim Tauchen durchaus nicht mit Ruhm bedeckt. So schwimmt sie ein paar Meter weit hinaus, senkt dann plötzlich den Kopf und verschwindet, bas geht so blitzschnell, wie man es sich nur denken kann. Kurz darauf stößt' sie zwanzig Mete? weiter wieder an die Oberfläche und blickt zurück, um sich zu überzeugen, ob die Kleinen es ihr auch nachmachen. Vater hat inzwischen seinen Schwatz beendet und besieht sich das Wasser. Es müßte ganz angenehm sein, ein bißchen in aller Ruhe am Ufer hinzupabdeln, ehe man tiefer hineingeht, denkt er bei sich. Genau wie ein älterer Strandbadbesucher sieht er aus, während er so voller Ernsthaftigkeit durch das seichte Wasser watschelt, das ihnt hier gerade nur sanft über die Füße rieselt. Dann und wann hält er inne, sieht den kühneren Schwimmern zu und stellt allem Anschein nach Betrachtungen über die Annehmlichkeiten des Pinguindaseins an. Auch er wird später Mut und Kühnheit beweisen, allein er geht gern schrittweise t>or: zuerst wird ein wenig gepaddelt, dann wird richtig geschwommen, und schließlich geht es an ein prachtvolles Tauchen. Die Kücken haben mittlerweile Tauchstunde bekommen und ihre Sache heute entschieden besser gemacht: endlich haben sie den Dreh heraus, wie man mit dem Kopf im selben Augenblick unter Wasser geht, wo die Floffen sich wie Ruder ausbreiten und die Füße sich steif nach hinten 22 23 19 20 21 12 13 17 18 14 15 16 9 10 4 5 6 7 8 findet sie auch etwas, das sie interessiert, eine Krabbe vielleicht: im Handumdrehen wird die Neuigkeit bekannt, und ein halbdulzend ihrer Spielgenossen kommt herübergepaddelt und guckt einander mit anscheinend größtem Interesse über die Schulter, abgleich wutfjer den ganz vorn Stehenden natürlich keiner etwas sehen kann. Und bann, just im Augenblick, wo ein wagemutiger Geist den Schnabel kühn in die Spalte senken will, erhebt sich neuer „Haifischalarm", und alles miteinander, Krabbe und Spiel und was sonst noch, ist über der Hetzjagd auf die Küste vergessen. Der Paterfamilias, der inzwischen seinen Paddclausslug beendet hat, «st nun fast zum Bade bereit. Doch noch nicht ganz. Erst muß er noch den Strand entlangbummeln und — genau wie ein etwas blasierter alter Herr im Strandbad — hier und da stehen bleiben, um ein Wort mit seinen Bekannten zu wechseln. Auch ist er nicht ganz erhaben über ein leichtes unauffälliges Interesse an den jüngeren Angehörigen des und nicht vom Wege abweichen! Aber genau |o t)t es. UNv ycwen rotr uns einmal von unserem Erstaunen über ihr Verhalten erholt, dann sind wir auf alles gefaßt. Es würde uns kaum mehr überraschen, wenn sie Fahnen schwenkten — oder rote Halsbinden trügen — ober ihre Parteilieber sängen. Bis uns mieber einfällt, baß bas ja keinLpolitifcher Umzug ist, fonbern nur bie Babepolonaise, bie regelmäßig jeden Morgen stattfinbet. Das macht bie ganze Sache aber nur noch erstaunlicher. -Die Pinguine, bereu Zahl ftänbig zugenommen hat, sinb nun bei ben großen Felsen angelangt, bie wir nach der einen Abteilung im ßonboner Zoologischen Garten „bie Mappin-Terrassen" nannten. Hier stoßen zwei anbere Züge zu ihnen, unb eine Menge anberer Vögel verlassen ihre Felsnester unb schließen sich als Nachtrupp an. Sicherlich jft bie Kolonne jetzt zwei-* bis dreitausenb Kopf stark — sie scheint sich auf beinahe einen Kilometer zu erstrecken. Natürlich geht es nicht, ohne daß man einander gehörig schubst und auf bie Zehen tritt — benn die See ist endlich in Sicht und jeder hat es nun sehr eilig. Schließlich ist der große Augenblick da: die Vorhut hat den Sand- ftranb erreicht. Sämtliche jüngeren Mitglieder der Pinguingesellschaft werden, sobald sie den Sand unter den Füßen spüren, zu aufgeregt, um Ocm 1 2 3 iu hält. ibt es genug. Es tummeln sich jetzt sicherlich über tausend sser, nicht zu reden von den mindestens Zehntausend am glichen Spiele sind im Gang, denn wenn bi» Pinguine roerfällige Geschöpfe sinb: sobald sie ins Wasser kommen, ausgelassen. Einige führen allerlei Solokunststücke aus, rollen derart, daß die Wellen ihnen über den Rücken bann plötzlich einen Purzelbaum, tauchen unter und Tümmler und kreiseln behende im Wasser wie Feuer- %l|f# zer gesagt wie dicke Brummfliegen, die in ein Wasser- • I) und auf dem Rücken zappeln. Andere, die mehr Ge- esitzen," spielen in Gruppen, tauchen untereinander weg erbost mit einem widerspenstigen Tang herum. l geht bann irgenbeiner, der ein bißchen weiter draußen schwimmt, plötzlich unter Wasser und hält in größter wrjivurmuiHrevr- auf das Land zu. Im Nu ist das ganze Strandwasser frei unb kein einziger Pinguin mehr zu sehen... Es ist genau als ob ber Wachtposten „Haisisch!" geschrien hätte, obwohl ich sicher bin, baß in ber ganzen Bucht weder ein Haifisch ist noch sonst etwas, wovor die Pinguine Angst zu haben brauchen. Ich glaube einfach, daß bas alles zu einem bevorzugten Lieblingsspiel gehört — ganz ähnlich wie unsere eigenen Kinder sich selbst weismachen, am Gartentor stehe ber schwarze Mann, unb Hals über Kopf vor ihm Reißaus nehmen, obwohl kein einziges wirklich an den schwarzen Mann glaubt. Auf alle Fälle greifen bie Pinguine ben Alarm auf, schwimmen eilenbs nach der Küste zurück, watscheln auf den Strand und betrachten sich von da aus das Meer. So bleiben sie eine gute Weile wartend stehen und die Aufgeregteren aus ihrer Schar steigern sich in regelrechte Nervenzustände hinein — bis einer, dem es langweilig wird, findet, das Spiel lohne nicht mehr: und feinen Gefährten voran wieder in See geht. Die Mutter, auf die wir unser besonderes Augenmerk richteten, ist, so matronenhaft würdig sie sich bei ber Behanblung ihrer Kücken gezeigt haben mag, in Wirklichkeit ein fröhliches junges Ding — bas genaue Gegenstück zu einer ganz jungen Menschenmutter — unb immer bereit (solange sie bie Kleinen in Sicherheit weiß) sich an jeher Lustbarkeit zu beteiligen, bie vor sich geht. So pabbelt sie halbwegs durch bie Bucht unb gesellt sich zu einer Gruppe anberer fportfreubiger Pinguine auf Ich wünschte, ich könnte zeigen, wie genau bie Pinguine ben Menschen gleichen. Immer mieber würbe ich, währenb ich so auf meinem Felsen saß unb biefes Babetreiben beobachtete, an altbekannte Szenen zuhause erinnert. Alle sinb sie da, bje wohlvertrauten Typen aus bem Seebad: bie nervösen Mütter, bie ihre Kinder nicht aus bem Auge lassen wollen, bie anbere Art Mutter, bie bafür schwärmt, ihre Kinder sich selbst zu überlassen unb unterliessen selber bie wohlverbienten Ferien zu genießen, ber Rüpel, ber nicht zwanzig Schritt weit gehen kann, ohne alte Welt anzurempeln, ber Dickwanst, dessen Ferienibeal ein gemütliches Nickerchen im Sand ist, die Schönheit, für die die einzige Anziehung des Seebads in der Möglichkeit besteht, allen Bewunderern ihre Reize zu enthüllen, der Schwimmsportler, der sich unverzüglich in die Wogen stürzt, Blas White Yellow Grey 3 Green Grey 2 Cyan Grey 1 Red Grey 4 Eichener Zamilienblä Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger