Jahrgang 1938 Sreltag, -en 30. September Nummer 76 Roman von Rolf Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin 3. Fortsetzung. er das Hörrohr fest an. „So", sagte b/m' Birettor L^ihS?Lroer@n ^ad) H°use gehen, ich selbst werbe 7^' • $?Jcf)etö fagen. Können Sie mcht irgendwohin aufs Land? Menn M 'abe Ihren Herrn Großvater gekannt und sehr verehrt der Elbe?" dusche, hatte er doch einen Bruder irgendwo an Christine stand schon: „Sie kannten Großvater?" im/h* 3 ®ut ?? ^hr lange her, mein Fräulein, Sie waren ein Mädchen von acht Jahren vielleicht. Da saßen Sie aus zwei Kissen an einem großen Tisch, und Sie verlangten für eine Tischkarte mit einem daraus zehn Mark Den Löwen hatte allerdings der alte Ruck- nun StfrMiA ",ar die Karikatur eines alten Generals, und der heißt S*fn*l t ^’2)er ßoroe' er dat im Osten eine schon fast verlorene 31e??" ber9em°nnCn ’ ’" ®ert*n Sie allein nach Hause kommen -^^ntürlichl" sagte Christine. „Außerdem muß ich Ihnen gleich sagen, Sanitatsrat: Wenn man sich jetzt hier schon herumaeschunden hat ^'e^!?ahre, will man auch die Abgangsprüfung machen. Es ist ja hn* in ein paar Tagen plötzlich wieder umklappen, das hat M Wh® faulem von Rucktasch! Nein, Sie sind unterernährt, ff'"/°"ten sofort auf das Gut fahren. Ist es noch in dem Besitz von Ihrem Herrn Großonkel? ''^"-sogie Christine, „aber er ist mit Baker wieder vollkommen ver- fwA- , x maf dort im Juli, als der Krieg ausbrach, und da haben sich Onkel und Vater so in die Haare bekommen ..." arat;c Arzt lächelte: „Das ist doch kein Grund, Werden Sie denn «L x 2 s" schlecht verpflegt? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Cs Arnien siefytP*$ Symptome, die man sonst nur bei den Aermsten der „Wir leben nach dem Gesetz, das will Vater so, und das ist aut so" jagte Christine. 1 M nichtig, wir alle versuchen, nach dem Gesetz zu leben. Aber sur Ihr Alter ist das Gesetz eben besonders hart. Es muß etwas geschehen. Das Gut liegt doch bei Hamburg?" ^Ja", sagte Christine, „für mich liegt es im Mond." Wieder lächelte der Sanitätsrat: „Sie haben so viel Aehnlichkeit mit auch?" ®ro^Dat€r' roie Sie es selbst noch gar nicht wissen. Malen Sie „Vater war dagegen", antwortete Christine. „Ich werde ihn aufsuchen, so geht das nicht weiter! Sie sind doch die einzige Enkelin..." „Man ist zuerst Tochter", erwiderte Christine. „Aber wenn Sie das mit dem Malen für meine Gesundheit als besonders wichtig erklären, will ich Ihnen um den Hals fallen." ,^Jch werde Ihren Herrn Vater aufsuchen." Schon am nächsten Tage saß der Sanitätsrat in dem Arbeitszimmer r« x rr^'erun95rates- „Wenn Sie schon nicht an sich denken — eine ;<">°che, die man Ihnen ja ansieht —, so haben Sie die Pflicht, für das "den Ihrer Tochter zu sorgen, Ein rauher Wind — Lungenentzündung ;*e,ne drei Tage! Außerdem, auch wenn wir den Krieg gewinnen louten und wir müssen ihn gewinnen, kann sie einen Herzknacks bekom- ( en Tr if)r ganzes Leben. Wir haben die Pflicht, für die Jugend zu Wenn einmal Frieden ist, wird Deutschland auch noch sein. Also vyne Widerrede, Herr Oberregierungsrat! Ich war mit Ihrem Herrn Va- S'e wissen, befreundet — es ist vielleicht ein falscher Ausdruck, gehörte zu einem kleinen Kreise, der ihn alle acht Tage einmal in einer Weinstube sehen durste." l es, Herr Geheimrat. Ich habe es bisher für meine Pflicht Zyanen, ,n dem Haushalt eines preußischen Beamten keine Schmuggel- * “re emzusühren, die man nur mit Uebertretung der Gesetze erlangen «nn und die dem allgemeinen Verkehr, also auch den Allerärmsten entzogen wird." rt.?mmen wir ja nicht weiter", sagte der Sanitätsrat. „Ich teile wstverstündlich Ihre Meinung, aber ich bin außerdem Arzt. Ich kann 1 SietzenerKilnilieiikMer ________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger | b^eör3‘Safj" rfSre‘ernbU.in «* £*' s y? ff väs ä H-rrn Gutsbesitzer Paul von Ruck!aschschr7ckeSi7weL nicht im Uebersluß leben, aber doch ganz anders als hier!" $ ßo,ün8 wäre mir sympathischer!" 65 bier Uberf)',l,pt an, sondern aus «ll.?"4fSÄÄsn;?,s™l"n‘""M * «■*"*» - *. h?tte festgestellt, daß der Inspektor, ein junger Menscki von tüns- ndzwanzig fahren, meine Tochter beim Abschied geküßt hat" ..ss''^.rv°r d°ch aber Kriegsausbruch, Haben Sie äenr/ den Juli ver- den Juli mit den Liedern und dem Eichenlaub? Ach ick stelle ia •ft’Ä'ÄSl! •** - *w i“ "■* v-w Obe?r7gLng7rat?"'"° "®° (eben Sie eigentlich, verehrter Herr „In meinem Amt. Ich tue manchmal zwölf Stunden Dienst und außerdem betätige ich mich noch politisch. Man muß doch dazu bei raaen daß die Stimmung nicht sinkt." ' ö Miragen, fn ?enrP?r3t fcnrr roie^r den Kopf: „Herr Oberregierungsrat, wenn Sie ®ri.f • ~ Auf dem Gut waren noch ein alter Knecht und die Großmaad Im Stall standen drei Kühe. Auch die Schimmelstute Himmeld7eck war längst an der Front. Irgendein Rittmeister ritt sie vielleicht oder eG M^ior »Ä’S'VÄ w” u-ch ?ür die Frühjahrsbestellung bekam der Onkel zwei Sibiriaken xu- ! de^MilchwirtschaL" fIei6‘9 Unl> "erstanden sogar etwas von i°. B ÄS' KW jonne waren. Der Onkel war uralt geworden. Er war für* niemand ju sprechen, aber er gab, was er geben konnte, für die Lazarette in HiuT»nUrtn' v"f?en Magde waren alle in den Kriegsfabriken und di?Torniste^undB?°tbeÜtel°^" Nähmaschinen für hnfi?\r''tin-C bekam ihren Liter Milch täglich, sie bekam Eier und sehr bald den jungen, grünen Salat aus den Glasbeeten, den Salat den man in der Großstadt auch nicht mehr kannte. Sobald die Sonne warmer wurde lag sie draußen im Liegestuhl. Sie sah müde und selln- N'g m die Klrschbaume, die plötzlich über Nacht mit weißen und rosa Bluten wie uberstickt waren. 0 Eigentlich war Christine glücklich dabei. Sie war ganz ungefüllt m, einer fremden Traurigkeit, sie war ganz leicht und wunschlos Ihre Augen sahen unnatürlich groß aus in dem blassen Gesicht Ernes Tages fühlte sie sich ein wenig frischer. Sie nahm einen Block oon Zeichenpapier, der noch seit der Zeit des Großvaters in dem Dach- arnimer, das nach der Elbe ging, stand. Sie trug den Block in den ©arten und zeichnete einen Kirschenzweig. Dann arbeitete sie jeden e’n p""r Stunden; sie zeichnete das Haus und die Ställe sie zeichnete das Stuck des ©artens mit dem Blick in die weite Ferne sie ging langsam und schlaksig zur Elbe und zeichnete einen braunen Sroer, der dort wieder zu Änker lag. Ach, es lagen viele Ewer zu Anker, niemand brauchte sie. Der Hafen war ja leer. 3 und Judas signiert hatte, das „Rt". ... . „Könnte auch ein echter Rucktasch sein, sagte ^der Kunsthändler sah sich die Arbeit genau an. „Jugendarbeit, wie?" „Was würden Sie geben?" „Fünfzig Mark", sagt« der Händler, „wenn Sie mir auch die sicherunq geben, daß die Zeichnung echt ist!" „Das kann ich vorläufig noch nicht", sagte Christine und steckte Blatt wieder in ihre Mappe. „Was heißt vorläufig?" fragte der Händler. „Ich will mich vorläufig von diesem Blatt noch nicht trennen, weiter gor nichts. Ich danke Ihnen!" ^Malerei ist nicht dreckig, Vater. Ich weih, daß Tausende sterben, auch Peter ist ja schwer verwundet! Ich bin ja kein Junge, sonst stürbe ich auch, id} 'tone soll'das heißen?" fragte der Oberregierungsrat, der sich zum siebenten Male vergeblich bei einem Regiment gemeldet hatte „Wenn es nichts kostet, Vater", antwortete Christine ohne m»f die Frage eigentlich einzugehen, „dann darf ich ein Atelier besuchen? Der Oberregierungsrat zuckte die Achseln: „Mein armes Kind! Du hast leider kein Herz geerbt! Tue, was du nicht lassen kannst, aber verlange nicht, daß ich noch Geld dafür, ausgebe!" Der Kunsthändler sah die kleinen Zeichnungen prüfend cm. Es war die Studie zu der alten Eiche am Wasser, die der Großvater einmal der kleinen Christine geschenkt hatte. „Wer gibt mir aber Garantie für die Echtheit? fragte der Kunst- hondler.E. Christine. „Ich bin die Enkelin des alten Rucktasch". und sie zog ihr Abgangszeugnis aus der Handtasche. „Genügt das? Ja mein Fräulein, haben Sie denn die Berechtigung? .'Selbstverständlich, die Zeichnung ist mein Eigentum. „Es ist jetzt kein rechter Markt dafür, aber hundert Mark will ich ^^Das^genügt","sagte Christine. Sie zog eines ihrer eigenen Blätter aus der Mappe. „Was würden Sie hierfür geben?" In der rechten Ecke des Blattes stand groß, so, wie der Meister auch Herr Professor!" "Es mär'da eine auffahrende Batterie", sagte Christine. „Die Syntiv pserde waren zusammengeschossen, und die beiden Pserde vor dem - schütz bäumten sich hoch auf. Der Fahrer r,ß an den Jugeln. Jn der grauen Ferne war ein unbestimmtes Licht. Da sah man den Krieg Herr Professor. Das war Ihr Bild, das einzige, in dem man wirklich den ^'Xi^aben'^inen ganz guten Glauben, mein Kind. Das meiste war Kistch! Aber sie haben den Krieg ja auch mcht erlebt, diese Der einzige, der aber nicht mit ausgestellt bfltte, ist ßubwtg Dethnann. Er schlug ihr plötzlich freundschaftlich und derb auf die Schulter „S^ sind ein ganz netter Kerl, und verstehen tun Sie auch was! Also, ich freue mich direkt, daß Sie zu mir gekommen sind. Morgen um zehn. Die Junisonne lag warm und breit wie ein goldenes Fahnentuch über dem wilden Wein an der gegenüberliegenden Hausmauer. Im 2lte lier selbst war klares und kaltes Licht. Christine sah auf Sonnen- schein, und sie dachte, wie sinnlos es gewesen fei, vom Gut svrtzufahren. Wer wird mir etwas für die Reifeprüfung schenken? Wer wird überhaupt danach fragen! Es ist kornifch, wie man plötzlich nach Dingen besessen ist die einen gar nichts angehen, die ich eigentlich immer gehaßt Habel ' Aber es ist ja sinnlos! Bei Onkel Paul war es still und einsam unö schön. Ach, es war eben zu still und zu einsam und zu schon! Der ein Russe — wie hieß er doch ... er hieß Alexander. Alexander Wladimiro witsch Strobom und stammte aus Omsk. Er fang am Abend ein kleine Lied vor sich hin, er hat es sogar übersetzt: „Ach, süße Kameraden .. Komisch! Die Russen sagen „Süße Kameraden!" Das würden wir niemals sagen ... Jetzt werben die Erdbeeren alle re st fein, ich W" helfen können, sie in große Körbe zu verpacken und die Korbe nach W bürg zu bringen in die Lazarette. Da wäre man wenigstens zu etwa, nütze gewesen. Ist Malen überhaupt nützlich? - 'Sie ah auf die drei Mädchen hinter ihren großen Blocks, sie sah nur die jungen Männer, die eifrig mit dem Kohlestift aus dem Papier arbeiteten In der Mitte auf einem kleinen drehbaren Gestell faß ein wein liches Aktmodell. Sie hatte viel zu magere Brüste, bie fptfe ntebcrfielerh fie hatte Gruben zwischen den Schlüsselbeinen, aber sie hatte ruhreno« dunkle Augen. Das braune Haar floß über den mageren Rucken. (Fortsetzung folgt.) Der Professor hatte im Felde den linken Arm -ingebüßt und „sonst nitorfvinh" mie er faate Er liebte feine Qormnlitäten. . ^Rucktasch?"' sagte er und kniss ein Auge zusammen. “VV gen's! Ja Enkelin,^nicht wahr? Also Sie wollen malen? Haben Sie sich ^°Chrsttine°sä^ihn an und sagte: „Herr Professor, ich kenne Ihre Bil- der und ich liebe Ihre Bilder, sonst würde ich mich ja nicht f>"r weiden. Ich' habe nicht geglaubt, daß man so gute Silber malen kann und dabei 10 A?sagt7der'Proiess°r, .der ganze Großvater! Also Sie haben 65 MÄ I°h sü- slüchtig. durch. Die^allere'rste"Zeichnung," die Christine angefangen hatte, den Kirschen- zweiabh er einen Augenblick in der Hand. Er kniff Wie^r das eine Auge^' zu, fah aus das Blatt und sah Christtne an: „Geklaut? sagte er, "wött "es "gibtTod) Pauspapier", sagte Professor Rottenbach. "E- gibt auch unausstehliche alte Maler", sagte Christine. „Also nicht geklaut! Hätte gedacht, der Zweig wäre von dem hoch- *dtiC|)’riftino"schimcg"° ah'dann in die spöttischen braunen Augen, in das magere Gesicht, in dem das Leben selbst so viel gezeichnet hatte, sah au die schütteren, schon ergrauten Haare, auf den lose herabhangenden Aermel au her linken Schulter zuckte die Achseln und sagte dann: „Herr Professor, bPe^roar meine aUererfte Zeichnung seit meiner Schulzeit, wo ich Zeichnen nirfn lehr liebte. Ick) habe sie auf dem Gut meines Großonkels .gewacht. £)m", sagte der Professor, „werden Sie nun alle Ihre Zeichnungen mit"biefeni großen .Rt' unterschreiben?" Jetzt lachte Christine: „Das kommt daraus an! Der Professor reichte ihr die Hand: „Sie sind ausgenommen, Rummero Heben' Hoffen lick) find wir das Fähnlein der sieben Aufrechten! Ich selbst I Ne ja w°hi notgedrungen bei der Stange bleiben, 4 bm ja nur „och ium Korrigieren nütze. Ach, Sie meinen, weil es der linfe Arm ist? Der rechte tut auch weh! Außerdem muß man sich erst daran gewöhnen, daß die Palette... Ra ja, man muh sich Überhaupt gewöhnen. Also vier Mädchen, drei Lümmels! Der eine hat einen Lungenknacks, deshalb tft er hier, der andere hat einen Steckschuß in der linken Seite, und der dritte ist ein Ausländer. Von den Mädchen ist eine talentiert. K, 'iVWS’ÄW gen können Sie kommen, um zehn Uhr. Es kostet fünfzig Mark im Monat. Nicht teuer." „ ^Si^dittsen"Pm'eintt°der Professor. „Zahlen dars wanimmerlEigent. lich sollten Sie das von Ihrem Großvater auch schon gehört haben! Aber der hatte ja ein Fürstenfchloß und ah von diamantenen Tellern. „So schlimm war es nicht", sagte Christine. Ach mein Gott", sagte der Maler, „von seinen Frauengefchichten sprach doch" ganz Berlin! Und dann die Villa! Machen Sie, bitte, nicht solches Gesicht, Fräulein von Rucktasch! Ich hab s ihm ja gegönnt,. bee Monn hat was gekonnt, da können sich alle ein Stuck von abschneiden! Ich selbstverständlich auch. Schade, daß er den Krieg nicht wehr erlebt hat! Der hätte Bilder hingehauen! Haben Sie meine Kriegsbilder ge leben?" fragte er unvermittelt. , ... . ° „Es war doch eine Ausstellung von Kriegsbildern in der Akademie, ÄoSSätETbiäyüfuS lu^UeSfÄ^es Direktors I «mach iie dabei ziemlich fließend Englisch. Lernt man das jetzt an der Elbe?" fragte der Direktor. 'Nein dort lernt man Russisch", sagte sie, „von den S,b,Haken. Aber mein Onkel meinte, ich sollte nur Englisch lernen, und ich meinte " ZK MÄIJSt SÄ 6,-6. l-,.ch NI* "^Ch?istine°'kam mit der Bescheinigung der Abschlußprüfung nach Hause und eröstnete ihrem Vater sosort, daß sie nun em Atelier bC|UeE9n wäUreä,emein einziger Wunsch gewesen, Vater als Schwester ins "Feld zu gehen. Du hattest von vornherein recht; ich weiß setzt, daß ich es nicht aushalten würde, und daß man bann nur ein Batlas s. Aber id) möchte jetzt zeichnen und malen. Warum, kann> ichi b.r n * Jagen. Aber id) möchte nach meiner Art arbeiten. Im übrigen vejig 'dj Ueber Tas 'duTrst"nach dem einundzwanzigsten Lebensjahr die Der- ! '""".Soll °das"he"ßen,'"Dater, daß du mir die Erlaubnis nicht geben roiU,Oriftine es handelt sich hier nicht um die Erlaubnis, auf die Malfchule zu gehen, es handelt sich ja darum, daß du tn eine Gefell- Aast kommst ^und mit Menschen zusammen bist d'e 'ch e>t memer trül eiten Juaend hasse! Ich verspreche dir, einmal ausführlich darüber zu reden wenn du nod; reifer geworden bist, um bu 3ufammeril)ange ganz zu sehen Dein Großvater war ein sehr großer Künstler - aber rn, in meiner Jugend, ach, wir alle, die um ihn waren damals, auch beine Großmutter, wir haben dies Künstlertum mitbezahlen muffen! „Ihr habt doch auch den Erfolg miterlebt! Wir 'r°gen d°ch fe.nen Namen! Noch heute find unbekannte Menschen gütig zu nur und großartig, wenn sie wissen, daß ich die Enkelin bin. Es ist doch keine SS f wm«.' E- i>. selbstverständlich, es kann eine Ehre fein, aber für mich ist es ein sehr schwerer Gedanke, daß meine Tochter Mattnn werden will! Du haft doch fo viele Begabungen. Es ist ja nicht einmal sicher, ob du eine sehr große Begabung für Malerei hast." „Es läge aber nahe", sagte Christine. „Es ist möglich. Immerhin, ich bin ber Sohn, und ich kann n!M einmal ein viereckiges Haus zeichnen. Christine, glaubst du mir, daß ich C5 EhrchinTsahPhreT Vater ernsthaft und lange an. „Wenn ich das nicht glaubte, wäre ich aud) nicht mehr hier! „ , . “ Sie stand auf. Ihre Stimme war spröde und hart Aber sie sagte. Vater wir verstehen uns nicht. Aber du tust mir leid! Der Regierungsrat erhob sich: „Mein Kind, solche Bemerkungen stehen dir nicht zu! Ich wollte versuchen, mich menschlich Mit dir auszufprechen, ich merke, du bist unreif und überheblich! Ich bw dagegen, bah bu in ein Atelier gehst! Auf jeden Fall halte ich es 'w Augenblick für gänzlich inopportun, für solche Dinge Geld auszugeben. Ich finde es überhaupt unerhört von dir, in diesem Moment mit solchen persönlichen Dmgen zu kommen! Du weiht, an der Westfront brennt die Entscheidung, du weißt, unser aller Schicksal steht aus des Messers Schneide! Noch^ noch können wir den Sieg erringen! Bekommen wir Amiens, sind die Engländer und Franzosen getrennt, bekommen wir Amiens, hat Ludendorff es geschafft! Noch sterben täglich Tausende, und du sprichst von deiner dreckigen Oie Liebende schreibt. Von 3. 3S. von Goethe. Ein Blick von deinen Augen in die meinen. Ein Kuß von deinem Mund auf meinen Munde, Wer davon hat, wie ich, gewisfe Kunde, Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen? Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, Führ ich stets die Gedanken in die Runde, Und immer treffen sie auf jene Stunde, Die einzige; da fang ich an zu weinen. Die Träne trocknet wieder unversehens: Er liebt ja, denk' ich, her in diese Stille, Und solltest du nicht in die Ferne reichen? Vernimm das Lispeln dieses Liebeswehensl Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen! Oer Korbmacher. Von Andreas Zeltler. Eines Mittags im hohen Sommer, als er feine Körbe in die Stadt brachte, die er im Laufe der Woche geflochten hatte, und vor dem Gasthof ,Lur grünen Flasche", wo ein Brunnen auf der Gaffe rann, die hochgetürmte, weihfchimmernüe Last abstellte, um zu trinken, fah Georg im halbdunklen Hausgang ein junges Mädchen fitzen, das Gemüse putzte und dabei leise vor sich hinfang. Er kannte es nicht und musterte es neugierig. Es hatte kräftige, volle Glieder und ein über und über forn- merfproffiges Gesicht mit einer hohen, sonnenverbrannten Stirn. Die Augen, die unter starken Brauen mutwillig funkelten, und das glatt zu- rückgeftrichene, über dem Nacken zu einem dicken Knoten verschlungene Haar hatten fast die gleiche kaffeebraune Farbe. Es trug ein rotgemustertes gelbes Kleid und darüber eine blauleinene Küchenschürze, unter deren Saum die nackten,' in Holzpantoffeln steckenden Füße hervorkamen. Während Georg am Brunnen feine Mütze voll Wasser laufen ließ, wandte ihm das Mädchen das Gesicht zu und beantwortete feinen Gruß. Der Händler, bei dem er sich fpäter erkundigte, sagte, es sei eine Nichte des Wirts, Hedwig mit Namen, die im Gasthofe kochen und nähen lerne und was sonst noch zu einer großen Wirtschaft gehöre. Auf dem Heimweg trat Georg wieder an den Brunnen heran, um verstohlen in den Hausgang zu fpähen, aber Hedwig faß nicht mehr dort. Er wollte sie unbedingt noch einmal sehen, und er wäre gern hineingegangen. Aber er schwankte, ob er sich ein Bier leisten durfte. Sein Vater war ein Holzfäller in dem Waldlanü im Norden; auch fein Großvater und dessen Vorfahren waren Holzfäller gewesen, und auch feine drei jüngeren Brüder standen bei Sägemüllern im Dienst. Er allein tat andere Arbeit. Von klein auf schwächlich, konnte er es seinen Altersgenossen an Kraft und Ausdauer nicht gleichtun; es benahm ihm den Atem, wenn er die Axt schwang, und schon nach wenigen Schlägen muhte er erschöpft innehalten. So verdiente er fein Brot wie die Holzfällerfrauen und die alten Männer mit Korbflechten. Seine Brüder und Schwestern waren längst ihre eigenen Wege gegangen; nur er lebte noch in dem baufälligen, einsamen Waldhaus bei feinen Eltern. Vom Morgen bis zum Abend kauerte er rittlings auf einer niedrigen Bank und flocht aus breiten Spänen die flachen, muldenartigen Körbe, für die nur ein paar Pfennige bezahlt wurden. Ein Weilchen befühlte er unschlüssig die wenigen Silbermünzen, die ihm der Händler gegeben hatte. Dann aber stieg ein trotziges Begehren in ihm auf und er ging in den Gasthof hinein. Es waren erst wenige Gäste da, in der Hauptsache schwerfällige, ergraute Männer, die reglos in ihre Gläser starrten oder mit heiseren Stimmen lärmend miteinander sprachen. Georg setzte sich an einen Tisch in der Nähe des Küchenfensters, durch das Getränk und Speisen her- ausgereicht wurden. Zu feiner Enttäuschung konnte er aber Hedwig nirgends entdecken. Sein Bier brachte ihm das überlang aufgeschossene schieläugige Mädchen, das seit Jahren bediente. Das herbe Bier schmeckte ihm, es rann kalt in ihn hinab und jagte zugleich heiße Fluten durch feinen Leib; behaglich legte er sich zurück, so gut es die steife Bank e, und beschloß auf Hedwig zu warten, und wenn cs darüber j werden sollte. Er zündete sich seine Holzpfeise an und blickte gedankenverloren dem Rauchgekräusel nach in die Zweige, wo das goldene Sonnensprühen allmählich immer höher hinauswich. Er war durstig und bestellte ein zweites Bier, danach ein drittes, es mundete ihm immer besser; er zog feine Jacke aus, legte die Arme breit auf den Tisch und fühlte sich stark und war guten Muts wie seit langem nicht. Endlich, es war nur noch ein grünes Schimmern unter den Lindenbäumen und der Himmel leuchtete mit den ruhigen, matten Farben, die auf den Sonnenuntergang folgen, durch die Blattlucken, hörte er in der Küche die Stimme sprechen, die am Mittag irn Haus- gang gesungen hatte, und gleich danach tarn Hedwig mit einem voll- gestellten Brett in den Garten. Der Wirt setzte sich mit seiner Familie und dem Gesinde nicht weit von Georg zum Abendbrot nieder, und Hedwig, von der Hageren begleitet, deckte auf. Nun sah er sie so nahe vor sich, ruic er es sich erhofft hatte. Sie war so groß wie er selbst, von gedrungener Gestalt, breit in den Schultern und Husten, aber beweglich und gewandt. Während sie aß, wandte er kein Auge von ihr, und als sie es merkte und einige Male halb unwillig, halb belustigt nach chm schaute, hielt er ihrem Blick stand; es flog ihm aber heiß und kalt über den Rücken dabei, und er rauchte hastiger und tränt schneller, als er wollte. Inzwischen hatten sich neue Gäste eingefunden; der Garten erscholl, von Gespräch und Gelächter, und in der Kegelbahn rumpelte und rollte es ohne Unterlaß. Dort sahen oder standen die jungen Männer aus der Nachbarschaft beisammen und gebärdeten sich, als feien angehende Schlosser, Tischler, Schmiede und Metzger die Gebieter der Stadt. Sie sprachen dem Bier kräftig zu, und da die Hagere nun nicht mehr allein mit den Bestellungen fertig wurde, trug ihnen Hedwig die vollen Gläser hinüber. Es schien ihr Vergnügen zu machen, denn sie verweilte immer länger bei ihnen und schwätzte und lachte so ausgelassen, daß es Georg bis an seinen entfernten Platz hörte. Er sah auch, daß zuweilen einer der Burschen den Arm um sie legte und sie an sich zog, was sie mit schwacher Abwehr geschehen ließ. Wäre er nicht vom Bier erhitzt gewesen, hätte er wahrscheinlich das Treiben seiner Altersgenosien nach seiner Art mit Bitterkeit im Herzen betrachtet und bald das Weite gesucht. Heute indessen war eine zornige Lust in ihm, das trübe, gedrückte Waldwesen abzustreifen und so jung, unbekümmert und selbstgewih zu fein wie jene. Er ergriff fein Bierglas, durchquerte den Garten und trat mitten unter sie. Hedwig sammelte gerade die teeren Gläser eim Er grüßte, aber ehe er noch ein weiteres Wort sagen konnte, stob plötzlich laut und schnarrend Tanzmusik vom Hause herüber; der Wirt hatte den Lautsprecher aufs Fensterbrett gestellt. Sogleich umfaßte ein junger Schreiner, über dessen unförmig dickem Körper sich ein ohne Auf- «Ören lachender und schwitzender kleiner Kopf fortwährend drehte und chüttelte, die verdutzte Hedwig und begann, mit ihr die Kegelbahn entlang zu tanzen. Er war aber noch nicht bis unter die erste Lampe gelangt, als Georg hinzusprang, das Mädchen aus feinen Armen riß und ihm einen derben Schlag ins Gesicht versetzte. Aus den Nasenlöchern blutend, brüllte der Getroffene wütend auf und drang Georg nach, der Hedwig mit sich fortziehen wollte. Sie streifte indessen seine Hand mit spöttischem Auflachen ab und lief mit ihren Gläsern leichtfüßig davon. Inzwischen hatten sich die anderen drohend erhoben. Georg sah, daß er es mit dem Schreiner aufnehmen muhte, und wich vorsichtig bis art die Wand zurück. Da trat jedoch ein anderer zwischen sie, der Schreiner winkte verächtlich ab, und bevor Georg noch begriffen hatte, daß sie meinten, mit dem betrunkenen, dürren Korbmacher aus dem Walde zrt kämpfen, sei wider die Ehre, wurde er an Beinen und Armen gepackt, emporgehoben, durch den Garten und den Hausgang bis auf die Gaffe getragen und dort einige Male unter dröhnendem Gelächter mit dem Kopf voran in das tiefe, steinerne Brunnenbecken getaucht. Der Morgen graute bereits und hinter den Bergen schossen zarte weiße Strahlen in die Höhe, als er endlich das Tal erreichte, in dem er zu Hause war. Er sah, bachaufwärts schreitend, aus braunen Schleiern das Haus aufsteigen, und ein wilder Schmerz durchschnitt ihm die Brust, als er unter dem Vordach die niedrige Bank gewahrte, auf der er feine Körbe herzurichten pflegte. Noch hatte er sie nicht erreicht, da empfingen auch feine Ohren den Willkommengruß; er hörte den kobold- haft durch den Wald springenden Klang von wuchtig geschwungenen Aexten und gleich darauf den dumpf hallenden Sturz eines Baumes hoch oben am Hang, wo die Holzfäller schon bei der Arbeit waren Auch der Teufel hat Pech. (Eine volksfage aus den Bergen. Nacherzählt von Josef Friedrich Perkonig. Auch der Teufel hat hie und da feine mageren Zeiten, es will sich niemand melden, der seine arme Seele verschachern möcht, es ist so, als wären die Leute alle zufrieden, und es hätte keiner ein Gelüst nach einem Sack voll Gold und nach luftigen Tagen. Das ist dann eine trübe Zeit für den Teufel, und feine Großmutter hat bittere Not mit ihm, und die Unterteufel haben nichts zu lachen, bald ist chm das höllische Feuer zu heiß, bald zu schwach, bald schimpft er, daß sie mit dem Holz nicht zu sparen wissen, und bald ist ihm der Hausen Glut unter dem Kessel zu klein. Der Mensch soll sich auskennen dabei! fluchen die Unterteufel; ja in der Hölle rufen sie den Menschen an, wenn ein Fluch recht arg fein soll. „Du mußt ein wenig nachhelfen", rät die Großmutter, „sonst wirst du den Engeln zum Gespött." Und das leuchtet dem Teufel ein, man muß den Leuten das Leben sauer machen, da wird dann die Seele locker im Leib und man kann leicht feinen Handel treiben mit ihr. So sucht er sich diesmal eine bäuerische Gegend aus und nimmt zuerst einen Wirt aufs Korn. Der hat an der Straße sein Gasthaus, die Fuhrleute kehren bei ihm ein, am Sonntag kommen die Bauern. So ein Wirt in der Einschicht hat kein fettes Leben, aber es ist ruhig und macht einen braven, stillen Mann satt, wenn nicht ein Unglück über das Haus kommt. Der Teufel. weiß ihm wohl etwas anzuhaben, er spuckt ihm in das Weinfaß und in das Mostfaß, und Wein und Most sind am nächsten Tag purer Essig. Cs ist ein Schlag für einen Wirt, der von der Hand in den Mund lebt, er weiß es auch nicht zu deuten, wie solches über Nacht geschehen fonnti, aber ein langes Rätseln und Wundern hilft ihm nicht. Er kauft sich neuen Wein, neuen Most, er kauft sie auf Borg, ein paar Tage später sind sie wieder fauer. Und noch ein drittes Mal geschieht das Unglück. Jetzt ist der Wirt reif für den Handel, denkt sich der Teufel, gewandet sich wie ein Weinhändler und kehrt ein in dem Gasthaus. Die Not ist ihm sicher, denkt er. Aber er weiß nicht, daß dem Wirt der Ausschank, das Haus, die Straße, die Gegend und zuletzt das Leben verleidet find, und der Weinhändler ist für ihn jetzt das nämliche wie das rote Tuch für den örter. In dem einen hat er alle anderen, ist einer der gleiche Gauner wie der andere, betrügen einen armen Wirt in der Einöde, der sich nicht rühren und nicht wehren kann, mit verdorbenem Wein und Most, und er ladet den Weinhändler ein, mit ihm in den Keller hinabzusteigen. Kaum will der drunten den Mund austun und ihm die Seel abschachern, da hat ihn der Wirt schon beim Genick und hat ihm mit einem Besenstiel ein paar an den Ort hinausgemessen, wo beim Heidenmenschen und Christenmensch der Buckel aufhört, und weil es kreuzweis geschehen ist, kann der Teufel aus dem jammernden Weinhändler nicht herausfahren, er muß die ganze Tracht Prügel dulden, die ihm der ergrimmte Wirt zugemessen hat, und das ist nicht wenig, für jedes Faß einen Buckel voll; ihrer sechs Fässer aber waren es. Hinkend und jaulend rennt der Teufel aus dem Wirtshaus davon, seiner Lebtag ist er nicht so gedroschen worden, die Großmutter zupfte ihn bei den Ohren, wie er noch ein kleiner Unterteufel war, der Vater gab ihm einen Tritt, und die Brüder zwickten ihn, aber geprügelt hat ihn niemand. Alles, was er in seiner Wut tun kann, ist, nach Rauch und Schwefel zu stinken. . Das Tal ist ihm jetzt verleidet. Er reiht einen dürren, roten Krana- wettbusch aus, setzt sich drauf und steuert mit einem Farnwedel hinauf in das Gebirg. Dort mag vielleicht ein leichtgläubiger Mensch unterwegs sein, dem man sein Glück einreden kann, daß er zuletzt seinen Namen mit Blut auf ein Papier schreibt. Der Teufel braucht nicht lang sich umzuschauen, da hört er ein Roß wiehern. Er zaubert sich ein paar genagelte Schuhe an die Füße, einen grünen Anzug an den Leib und einen Hut mit einer Spielhahnfeder auf den Kopf. Und wie ein Jäger hält er bei dem Holzknecht an, bet eben einen schweren Baum auf seinen Wagen ziehen will. Er gibt ihm einen Schluck Kranawettschnaps zu trinken und jagt dann: „Ist ein saures Brot, das Holzschlagen auf dem Berg." „Was willst tun, wenn du kein süßeres hast?" sagt der Holzknecht dawider „Man muß seine Augen halt "auftun", lockt der Jäger. „Magst sie aufreißen, daß sie dir herausfallen, auf dem Berg wachst kein anderes Leben." „Ist dir bis jetzt nur nicht der Richtige begegnet", orakelt der Grüne. „Bist vielleicht du der Richtige?" lacht der Holzknecht. „Es könnte schon sein. Was ich fragen will: Bist ein Kirchengänger?" „Was kümmert es dich?" „Man hat manchmal seine Neugier." „In die Kirchen komm ich selten, das ist wahr." „Dann bist mein Mann. Magst eine Bauernhube haben und eine Truhe voll Geld?" „Hast sie vielleicht in deinem Rucksack?" „Frag nicht jo viel. Ich muß weiter. Kurz heraus: Ist dir deine Seele feil?" „Ach, der bist du?" wundert sich der Holzknecht, jetzt gehen ihm die Augen auf. Er ist ein wilder Kerl, öfter auf dem Tanzboden und in der Mädchenkammer anzutreffen als an einem frommen Ort, ober die ewige Seligkeit möcht er nicht dahingeben. Es hat ihn immer schon gelüstet, dem Tod oder dem Teufel einmal zu begegnen und sich mit ihm zu messen, das Geraus mit den Burschen in der Gegend ist ihm schon zu langweilig. Da hat er nun den höllischen Hausierer vor sich, und er will ihm für den Seelenfang einen guten bäurischen Lohn geben. „Setz dich da her", verlangt der Holzknecht und weist auf einen alten Baumstrunk hin, „soviel ich weiß, muß ich dir meine Seel verschreiben." Der Teufel ist froh über den glatten Handel, er sieht nur die frische Seele — die wird ein fetter Höllenbraten fein — und sieht nicht das dunkle Kreuz auf dem Strunk, das einmal ein Holzknecht nach ehrwürdigem Brauch mit der Axt hineingehackt hat. Er fetzt sich hin und spürt im selben Augenblick das heilige Feuer, das ihn wohl anzusengen vermag, im Nu ist um ihn eine stinkende Wolke, der Teufel aber kann aus dem rauchenden Jäger nicht herausfahren, das Kreuz hält ihn fest, und er muß es leiden, daß an ihm ein Stück Fleisch verbrennt, das man zum Sitzen braucht. „Es soll dir vergehen, einem rechtschaffenen Menschen die Seel abzuluchsen", sagt der Holzknecht schadenfroh, und er kümmert sich nicht tim das Gewinsel des Jägers. Vielleicht wäre der Teufel ganz in Rauch aufgegangen, hätte nicht ein Regenguß das Feuer gelöjcht, den Regen aber zaubert die Großmutter in der Hölle schnell daher. Jammernd stiebt der Teufel davon, er hat nun auch genug von dem Gebirg. Aus her Frühgeschichte des Feuilletons. Von Dr. Hermann DreyhaUs. Die Bezeichnung Feuilleton (Blättchen oder Beilage) entstammt zweifellos der französischen Sprache. Man weih auch genau, daß sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in dem deutschen Zeitungswesen Eingang gesunden hat. Diesseits wie jenseits des Rheins betrifft sie den nicht politischen Teil der Zeitung, der die Leser über wissenswerte Dinge in Kunst and Wissenschaft unterrichtet. Gleichviel, ob der Teil selbst nur ein Blättchen füllt, d. h. den Raum „unterm Strich" des politischen Teils (die Franzosen sagen „Rez-de-chaussee" = Erdgeschoß) oder ob er eine eigene Beilage ausmacht. Wie manche Erscheinung des literarischen Lebens hat auch das Feuilleton in den ersten Jahrzehnten feines Daseins zugleich die Zeit seines größten Ruhms davongetragen. Es war unter dem jungen Bürgerkönigtum Louis Philippes, wo die Federn sich nicht nur geistreich, sondern im Namen der Pressefreiheit auch spitz zeigten. Die Feuilletons lieferten nicht nur Berichte und Kritiken, sie gestalteten sich sogar zu dramatischen Auftritten, in denen das Für und Wider in leibhaftiger Gestalt auftraten. Das „Journal des Debats" In Paris erlebte eine Glanzzeit, als von 1836 ab der Dichter und Kritiker Jules Janin m ihm seine Feuilletons veröffentlichte, deren jedes ein Ereignis bedeutete und ihm schließlich den Titel „Prince des critiques“ (Kritikersürst) einbrachte. Doch geschah dergleichen nicht zum erstenmal. Die Ehre dieses „ersten Males" darf Deutschland für sich in Anspruch nehmen. Es war zu Anfang der Geisteshaltung, die vor hundert Jahren ihrem Höhepunkt zustrebte. Die Aufklärung, Tochter der Reformation und Mutter des Liberalismus, hat das erste Feuilleton hervorgerufen, und zwar gleich in einer Gestalt, die alle Kunstformen des Feuilletons vom fachlichen Bericht bis zum hochdramatischen Zwiegespräch in sich vereinigt. In den Jahren 1688/89 erschien in dem Verlage Moritz Georg Weidmann in Frankfurt und Leipzig eine Monatsschrift unter dem Titel: „Scherz- und ernsthafte, vernünftige und einfältige Gedanken über allerhand luftige und nützliche Bücher und Fragen". Sie behandelt all das, was zum Gegenstand eines Feuilletons gehört, wenn auch in der Form einer selbständigen Zeitschrift. Ihr Herausgeber war der damals dreiunddreißigjährige Christian Thomas ins (1655 bis 1728), Dozent an der Universität Leipzig. Da Leipzig noch völlig im Banne eines strenggläubigen Luthertums stand, fühlte er sich berufen, den Kampf für eine freiere Handhabung der Wissenschaften aufzunehmen, wie sie dem wahren Geist der Reformation entsprach und wie sie schon von Philosophen des Westens, vor allem aber von seinem Landsmann und Lehrer Samuel Pufendorf gefordert wurde. Mit diesem Unternehmen stellte sich Thomasius in die vorderste Reihe der Vorkämpfer für die Aufklärung, eine Geistesrichtung, von der das gesamte politische und kulturelle Leben der Gegenwart seinen Ausgang nimmt. Darüber hinaus besitzt Thomasius seine eigene Note. Er weiß sich seinem Volkstum verbunden. Es gelingt ihm, als erstem der deutschen Sprache eine feste Stellung im Universitätsunterricht zu erringen. Die Fremdspkachen betrachtet er nur als eine „Zierart" für einen Gelehrten, „an sich selbst machten sie niemand gelehrt". Zum andern findet er den Weg zum Pietismus. Dieser stellt gleichfalls einen Versuch dar, das deutsche Leben aus dem Banne mittelalterlicher Geistigkeit, wie sie in dem strenggläubigen Luthertum noch nachwirkte, zu lösen und die seelischen Kräfte zur Entfaltung zu bringen. Thomasius vereinigt also scheinbar einander widerstrebende Kräfte in sich, tatsächlich sind sie aber zusammengenommen die Merkmale des innerlich freien und selbständigen Menschen. Und für diesen kämpft er fein ganzes Leben lang. Als diese Erkenntnis in ihm lebendig wird, läßt er feine Monatsschrift erscheinen. Die einzelnen Elemente solcher Erkenntnis ringen noch in ihm miteinander. Das gibt der Zeitschrift ihren Wert. Seine Jugend und Kampfeslust aber verleihen ihr die Würze und bedingen ihren großen Erfolg. Man vernehme feine Absichten in bezug auf die Wissenschaften: „Wird die Gelahrtheit als ein geschloffen Handwerk behandelt, jo kann die Wahrheit ihre Zweige nicht weit austreiben!“. Die ganze Nation soll Miterbe neuer, vorurteilsloserer Anschauungen werden. Und dazu ein Beispiel: Da treffen sich in einer Postkutsche Herr Augustin, ein weit gereifter Kavalier, Herr Benedikt, ein gelehrter Mann, Herr Christoph, ein Handelsherr und „daneben von lustigem Humeur", sowie Herr David, ein Schulmann, der eine Berufung als Rektor nach Leipzig erhalten hat. Er spielt die komische Figur, der zuletzt den Schaden zu tragen hat. Die vier Männer unterhalten sich über Literaturwerke aller Völker und Zeiten. Bei den deutschen Büchern geraten die Meinungen besonders scharf aneinander. Ehe aber das Wort Zensur fällt, stürzt der Wagen um und wirft feine Insassen in den Schnee. Der Rezensent bricht schmunzelnd seine Besprechungen mit dem Bedauern ab, „daß also ihr angefangener Diskurs basmal ein unangenehmes Ende nehmen mußte, oder, damit ich nach der invention vieler Teutfchen Skribenten die Sachen zierlicher gebe: ihr Diskurs nahm ein beschneites Ende." Thomasius wagte sich bei feinen Kritiken bis an die äußerste Grenze des Möglichen. Politisches vermied er gänzlich. Man erinnere sich, daß er in der Hochblüte des reinen Absolutismus lebte. Daher fein Urteil, „daß man über politische Gegenstände allenfalls wohl in täglichen Konversationen vernünftig diskurieren, aber ja nur keine Bücher schreiben möge". In Fragen der Wissenschaft'Unb Literatur wurde er jedoch so deutlich, daß die Angegriffenen ihn durchaus verstanden. Hier machte er wahr, was er später einmal ausdrücklich betonte: „Der Verstand erkennt (einen Oberherrn als Gott. Daher ist ihm das Joch, das man ihm auf bürdet, wenn man ihm eine menschliche Autorität als eine Richtschnur vorschreibt, unerträglich." Den durch seine Monatsschrift heraufbeschworenen Kampf mit den unfreien Geistern der Universität Leipzig führte er unerschrocken und mit Eleganz durch. Bis schließlich im Sommer 1689 die gekränkte lieber» lieferung einen Haftbefehl gegen ihn erwirkte. Dem entzog sich Thomasius durch die Flucht nach Berlin. Hier genoß er bereits ein solches Ansehen, daß der damalige Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (als König ab 1701 Friedrich I.) ihm gestattete, in der Leipzig benachbarten Stadt Halle Vorlesungen zu halten. Diese fanden einen so starken Zulauf, daß schon 1694 in Halle eine Universität ins Leben gerufen werden konnte, dessen erste juristische Professur Thomasius bekleidete, wozu sich bann noch bald bas Direktorat ber Universität gesellte. Neben Thomasius wirkte als Theologe der Pietist August Hermann Francke, der durch die Stiftungen in Halle Weltruf erlangte. So gingen Aufklärung und Pietismus als lebensspendende Kräfte nebeneinander her. Die Monatsschrift hatte den Ruhm des jungen Thomasius begründet. Hinfort hielt er es nicht mehr mit feinem wissenschaftlichen Amt vereinbar, einer so leicht geschürzten Muse zu dienen. Einen Nachfolger fand er.zücht. So brach die Zeitschrift ab. In einem Feuilleton jedoch über dstp Frühgeschichte des Feuilletons ist es vielleicht nicht unbescheiden zu sägen, daß eben dieses erste Feuilleton einen kleinen Baustein lieferte zu einer der blühendsten deutschen Universitäten. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger GietzenerZamilienbMer Jahrgang 1958 Zreitag, den 2. September Hummer 68 £ Z 9 L fr 6 8 14 15 16 17 18 19 20 21 9 10 11 12 13 0 cm 1 2 3 4 5 6 7 8 nun auch an zu grafen. Die Elefanten waren auf dem Heimweg vom Fluß, den sie heute schon zum Trinken ausgesucht hatten. Jetzt tarnen sie durch eine Strecke, wo bas Gras so hoch wuchs, daß es dem größten Bullen fast bis zum Rücken 6 reichte. Nur auf der Fährte selbst, die durch das tägliche Hin- und Her- wandern der Herde hinreichend ausgetreten war, waren die Halme ganz S niedergetrampelt. Der Pallah wurde es auf dieser breiten Heerstraße r plötzlich bänglich zumut, als sie das hohe Gras links und rechts auf« I lagen sah und hörte, wie es gegen die Flanken der Elefanten raschelte, : Wt an der Außenseite der Herde schritten und daran oorbeiftreiften. Aber ! iiies dauerte nicht lange, denn sie fühlte sich wirklich ganz wohl unter ■ diesen sonderbaren Kumpanen. Bald hatte sie heraus, daß diese Tiere i selber'keine Angst kannten. Nicht einmal Wachen hatten sie wie Pallahs, Zebras und Antilopen. Der alte Bulle, der den andern immer um ein paar Schritte ooraustrottete, war mehr Führer als Kundschafter, und andre große Bullen bildeten den Nachtrab. Der gänzliche Mangel an irgendwelcher Furchtsamkeit offenbarte sich auch darin, daß einige von den Jungen einfach halt machten, um zu spielen: sie rollten die Rüssel umeinander und balgten sich, blieben iip Eifer des Gefechtes hinter den andern Lurück und rasten bann los, um sie wieder ein^utjolen. Niemand ich erwachte, sah sie, daß auch die Elefanten Kuh, neben der sie geschlafen hatte strebte ng zu, und die Pallah sprang hastig auf, um n. Sie trippelte ein wenig weiter und senkte in Kalb kam mit erhobenem Rüssel auf sie zu, schien fragen zu wollen, wer sie sei und was voller Neugier, war es doch nicht allzu oer- eit, denn es hatte schon des öfteren Zebras, ■ ■ ■ neben [einer Herde weiden sehen. zzeizr vracy oie nerve zu ihrer langen Tageswanderung auf. Wieder auf der gebahnten Fährte zog sie äsend dahin. Und so — durch ein Stück Urwald, über die Strecke mit dem hohen Elefantengras, quer durch die Steppe an dem Baum vorbei, unter dem die enttäuschten Hunde von gestern langst verschwunden waren, schoben sie sich langsam weiter und kamen schließlich durch das aus Akazien, Sträuchern und Unterholz gebildete Stuck Busch an den Fluß. Ruhig und bedächtig zogen sie über die Sandbank, schritten über den Rand hinaus in den dort seichten Fluß, spritzten sich voll Hochgenuß Wasser über den Rücken, legten sich schließlich, walzten sich und planschten, daß es eine Lust war. Oh, wie ist die kleine Pallah durstig! Sie trippelt auf die andre Seite öer Sandbank und senkt den Kopf zürn Trinken: aber bann schaut sie o°ch noch einmal ängstlich aufs Wasser hinaus, ob sie auch nichts wahrnehmen kann von dem einzigen Geschöpf, bas sie hier zu fürchten hat und das so heimlich da unten sein Wesen treibt. Schwache Ringe huschen über den Wasserspiegel — sie ist schon drauf und dran, sich zur Flucht 3“ wenden, da merkt sie, daß die Ringe ja vom Ufer Herkommen, wo die Elefanten sich im Wasser ergehen. Drüben im andern Teil des Fluß- beckens steht sie Flußpferde auf- und untertauchen, aber die schrecken s'e nicht. Und dort auf einer der Ämeli, iieat io etwas mie ein u»■<■»* Blue White Green Grey 2 Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 Baume seltsame Gestalt anzunehmen, ja, sich zu bewegen schienen. Mit angespannten ©innen stand sie da, unschlüssig, ob sie bleiben ober sort- laufen solle. Aber wie hätte sie sich allein in bie Finsternis wagen können, ins Ungewiße hinein, wer weiß welcher Gefahr in die Fänge! Denn konnte nicht aus den schwarzen Schatten dort ein böser Feind über sie herfallen, konnten nicht Gepard oder Leopard von jedem Baum auf sie herabsturzen? . ' 1 Da war s schon besser hierzubleiben, wo sie sich wenigstens einiger« nutften sicher fühlte, in der Gesellschaft dieser großen Wesen, die ihr Pf-OesÄ. i ihr doch noch vor kurzem als Retter in der Pictayjr [ren! Sie suchte sich also in der Mitte dieser id herschwankender Riesen ein geeignetes Plätz- )ie massigen Leiber der Elefanten ragten rings ’mpor, und ihre Beine umstanden sie wie ein n. Da zog stiller Friede in ihr Herz, und mit ju sein, schlief sie ein. PMY Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cberrv Kearton. Colour & Grey Control Chart _______Magenta Grey 4 Black ‘■«iun gerieocn und gescheuert haben. Auch jetzt zielen bie Elesanten, 3utten wie Kühe, darauf los und bald hebt ein allgemeines eifriges rieschrubber an. Erst streifen sie mit der einen Seite daran auf und lieber, auf — ab, auf — ab... So, und nun kommt die andre Seite iran! Die Kälber, bie noch zarte Haut unb noch keine Stoßzähne haben, Nachen es ben Alten nach, wo sie nur ein freies Plätzchen am unteren ^-eil eines Stammes erobern können. e Danach geht es roieber weiter, mitten in dichten Urwald hinein, aber immer noch auf der gestampften Fährte, bis an eine freie Stelle, die * ielbft einmal in vergangenen Tagen ausgerodet haben. Der Leitbulle hellt sich erst mit erhobenem Rüffel und quer abgefteUten Ohren ganz Wg hin: er lauscht unb wittert, ob nicht von irgendher ein Laut, ein , eruch bringt, ob nicht etwas nahe ist, das ihre Nachtruhe stören könnte, rann — sichtlich beruhigt — schickt er sich zum Schlafen- an: aufrecht Itegenb wiegt er sich im Rhythmus seines Atems von einer Seite zur «fibern. Die Elefantenmütter vergewissern sich zuerst, ob sie auch ihre # 2e' sich haben; dann bereiten auch sie sich zum Schlummer. Und °atd schläft die ganze Herde: stehend, in fünftem Hin- unb Herschwingen. „ pü der so plötzlich eingetretenen Todesstille wurde es der kleinen wieder unheimlich zumut. Unter dem mächtigen Körper des nächst- yenden Elefanten hindurch starrte sie ins Urwalddunkel, wo Busch unb hat! Im nächsten Augenblick würde es über dem Wasserspiegel auftauchen zwei kleine Augen würden sich auf sie heften unb sie an die Stelle zu bannen suchen. Die Angst krallt sich ihr ums Herz — fort! fort! In großen Sätzen hat sie über die Sandbank das schützende Gebüsch erreicht: da bleibt sie stehen. Hier kann das Krokodil ihr nichts mehr anhaben: weder kann es wie der Löwe plötzlich aus einem Versteck im Busch hervorbrechen, noch wie der Leopard vom Baum herabschießen, nur am Wasser ist es gefährlich. Mehrmals hatte sie es schon erlebt, wie Tiere auf der Sandbank überfallen wurden: hatte sie auch schnell Reißaus genommen — so hatte sich ihr doch noch in flüchtigen Bildern eingeprägt, wie jene irgendwie an Bein oder Hals gepackt unb unter Wasser gezogen wurden. Niemals aber war dies innerhalb des Gebüschs geschehen, unb so erscheint ihr im Augenblick — obwohl Löwe ober Gepard sich darin versteckt halten konnten — bas Gebüsch als der sicherste Schutz Und Schutz — den braucht sie! Lief sie jetzt durch Busch und Bäume in bie Steppe hinaus, so war sie roieber auf Gnade und Ungnade den wilden Kunden ober gar noch schlkknmeren Raubtieren ausgeliefert. Nur in der Herde ist man geborgen, mögen es Zebras, Paviane ober Elefanten sein! So macht sie wieder kehrt unb, möglichst nahe ans Gesträuch sich haltend, trippelt sie am Rand der Sandbank entlang, bis sie wieder unter ben Elefanten ist. Biel lieber wäre sie ja roieber bei ihrer Zebraherde,