SiehenerZainilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 30. Mai Nummer ^2 =========^==i===iii5^ Lady Hester Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Mana Josepha Krück von poturzyn Copyrlght by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 3. Fortsetzung. Plötzlich, in jähem Windstoß, ging das hohe Bogenfenster auf, Luft strömte herein, die unruhige Luft des Kanals. Pitt hob den Kopf. „Ostwind! Die Nacht klärt sich auf... Hefter, Kind, schlaf wohl. Ich muß noch schnell «ine Depesche —", Leise öffnete sich die Tür. Hefter starrte auf die Klinke, die sich unter leinen Händen schloß. Dann fiel ihr Arm herab, das Gesicht vergrub sich in den Kissen. Er gehörte England... Ja, sie wußte es. Nie sollte er einer Frau gehören! Eine Träne verrann über Hefters weißen Wangen. — Am nächsten Morgen, als sie zum Frühstück kam, war Pitt schon drtgeritten. Oberst Moore, Kommandant des Nachbarabschnittes, ein schöner Mensch, Sieger in manchen Schlachten der Koalitionskriege, bestellte, doß er im Auftrag von Mr. Pitt Gesellschaft leisten dürfe. ie mit Pitt lebte — dem kommenden Mann, wenn England nicht unterging. Es regnete Einladungen, »Zuschriften und Komplimente, alte Bekannte erinnerten sich entzückt, mit Hefter bereits getanzt zu haben, neue konnten die Stunde nicht Erwarten', ihr zu Füßen zu fallen. Pitt war viel außer Haus, und wenn er wiederkam, fragte er schuldbewußt, ob sie sich nicht langweile — aber dann klingelte es, er bekam abwesende Augen und beriet, eingeschlossen in seine Zimmer, bis in die skate Nacht. . . Hefter begriff und suchte ihren Weg, so gut, wie sie es in Walmer Han. , - Als sie zum erstenmal in den Salons erschien, hochgewachsen und. strahlend hell, die unwahrscheinlich durchsichtige Haut von der Frisch« "morgendlicher Blumen, um die hellroten Lippen vibrierende Glückfelig- k'it: Da huldigte ihr sogar Lord Hertford, der große Frauenkenner, als dir schönsten Dame des Abends, und Brummet, der jeden Ball auf Hd)(agene Minuten beehrte, behielt ihre Hand mit [einer unnachahm- lijen Grazie: „Um’s Himmels willen, Lady Hefter, nehmen Sie diese Ohrgehänge weg — ich möchte die Linie des Halses bewundern!" Sie- hatte ein promptes: „Dummkopf!" darauf, aber, schon eilte der Herzog von Cumberland quer durch den Saal auf sie zu: „Lady Hefter? Wo ist sie? Ah, meine Liebe, ich bin halb blind und Sie sollen mich führen!" Der Herzog, königlicher Prinz, hatte niemals einer Dame gehuldigt. Schon wisperte es im Saal, ob Lady Stanhope bestimmt sei, Seine Hoheit zu erlösen... Danach eroberte sich Bradford die Nichte Pitt^ und meinte, daß der Marmorbruch von Carrara nichts sei gegen solchen Teint. Der Herzog von Cumberland ging indessen mit dem Lorgnon vor der Nase durch die Säle und rief laut ihren Namen. Es war ein voller Erfolg. Pitt, zu dessen Geheimnissen es gehörte, jederzeit und in allem auf dem laufenden zu [ein, überraschte sie folgenden Tags mit seiner Gratulation: „Ich glaubte bisher, bit seiest in unserem Lager zu Hause, aber mir scheint, auf dem glatten Boden von London reitest du Hohe Schule... Darf ich dich selbst für heute abend bitten? Ich habe die Freunde des Prinzen von Wales geladen. " * „ Hefter straffte den Nacken: „Glaubst du, ich mache das alles mit, um mir sagen zu lassen, was für Schultern und Augen ich habe?" — Ihre Worte flammten kerzengerade in sein Gesicht. „Hör zu, bitte. Da war einer, der nicht genannt sein will. Er sagte, seine Freunde in der City möchten dich unabhängig machen vom König und jedermann — wenn du nur wieder die Regierung übernimmst und dein Land rettest. Er sprach von 10 000 Pfund jährlich —" „Und was hast du erwidert?" „Ich sagte — ich wollte es ausrichten, aber ich fürchte, deine Antwort würde nicht nach seinen Wünschen lauten." Pitts Sippen zuckten belustigt. • „Bestell dem Anonymus, ich sei sehr geschmeichelt über das Vertrauen der City ... aber ich könne mich nicht auf derlei etnlaffen. Uebrigens" — er lachte auf — „kommen die Burschen schon zu spät. Gestern roa'ren vier Kaufleute da und brachten gleich eine ganze Schachtel mit: 100 000 Pfund in Banknoten! Auch sie sprachen natürlich von Patriotismus — und meinten ihren Handel. Schade, daß du nicht da warst — du hättest Spaß gehabt, sie abziehen zu sehen — mitsamt der Box!"- Er nahm ihren Arm und führte sie in der untadeligen Haltung feiner Höflichkeit die Treppen hinab bis an die Tür: „Hab Dank — du machst deine Sache gut — sehr gut ..." Und Hefter vergrub sich glücklich in die Polster seines Wagens. Zwar: Napoleon landete noch immer nicht, weder im Februar noch im Marz. Es gab da Schwierigkeiten, die auch sein Wille noch nicht zu beherrschen schien. Während einer Fickt konnten nicht mehr als hundertfünfzig Fahrzeuge aus den vier Häfen Frankreichs gebracht werden, also brauchte man sieben Tage, um die stachen Ruderfahrzeuge in See zu bringen — sieben windstille Tage! Die Flotte hinwieder brauchte Wind. „Die ganze Jnvasionsgeschichte ist von Pitt erfunden, um sich unentbehrlich zu machen", verbreitete Fox, der Führer der Whigs. Aber seine Meinung fand wenig Glauben. Was Napoleon heute nicht gelang, konnte morgen durch irgendwelchen Zauber geschehen. Hatte er nicht — Diktator der Franzosen, Präsident der italienischen Republiken, Mediator der Schweiz, Kontrolleur von Holland — bereits britisches Besitztum und britischen Handel gefährdet: in Aegypten, auf den ionischen Inseln, ja sogar bis nach. Indien? Und ein neuer Frühling stand vor der Tür. — Am 21. März erschien Henry Dundas, Pitts- alter Freund, mit sichtlich betretener Miene in Walmer. Nach Diner und Wein räuspert« er sich... Addington lasse fragen, ob er, Pitt, sozusagen als Koadjutor des Premierministers in die Regierung.... Pitt unterbrach mit jener Meisterschaft, gegen die keiner ankam. —, „Was vollke er denn?" erkundigte sich Hefter hernach. „Ich hatte nicht mal die Neugier zw fragen, was ich fein sollte!" Pitt lachte. Ader sie gewahrte wohl, daß.ein Ton von Schmerz durch seine Stimme schwang. „Bist du noch immer an dein Wort gebunden?" „Ja. Doch mir scheint — nicht mehr lang ..." Es blühte über der Kreideküste von Walmer. Hefter führte Pitt Itn sinkenden Abend zu den Veilchen und Narzissen ihrer neuen Beete, von lickstgrün sprossenden Zweigen herab sangen die Vögel. „Worauf wartest du noch, Pitt?" In dem verschlossenen Gesicht kannte sie jede Linie — dennoch, da war ein Geheimnis, auch für sie ... Er wich ausi I mm Ion fern» >Hrt Cangl ®run schlr *1 Ui pnnn I jur € I I bucht & men i grtrof mies' ffiunö im K vzt, De Lins« bauer Lchini Sh« hoch« zeugei te Ü Lach Schon unb z der 2 Liebe mgte die la aus ii leit 3 pennö 3«doi Hot i lanb Bei »3n i «ächt »ar Mn Aiitk « sie Ws 5oam M berch , Ui Ichwa Soge; »toal tat Neu Haut » dt stein -"chte " eit to; ibetf »irb licht . 31 »en t tob °«rch Met K Süiz Hs tost topr < told s Napoleons Gesicht wurde gefährlich, wenn er darauf zu sprechen tarn' „Acht günstige Nachtstunden werden die Geschicke des Weltalls entscheiden — versteht ihr noch immer nicht!?" Admiral Latombe erhielt Befehl, am 29. Juli mit der Flotte die Blockade vor Toulon zu durchbrechen, das Geschwader von Rochefort — fünf Linienschiffe — zu deblockieren und, direkt in den Kanal einlaufeno, den Uebergang der Kanonenboote in den länger werdenden Nächten des September zu decken... (Fortsetzung folgt.) J3n diesem Frühling — zum erstenmal — kann ich mir «in Leben als Privatmann denken — als Gutsherr — mit nichts anderem als dem eigenen Grund unb Boden —* Sie streckte sich, ihr Haar streifte an seiner Wange vorbei: „Das können tausend andere, Pitt, — aber du...?" Er schien nicht zu hören, was sie sprach. Ihre Wangen glühten und in ihre Augen kam jener hellstrahlende Glanz, den er heimlich genoß wre die Erinnerung an eine wärrpere Sonne. „Warum nennst du mich eigentlich Pitt — und nicht William? „Weil du in der Geschichte leben wirst als Pitt — und weil meine Mutter auch eine Pitt war. Ich möchte denselben Namen tragen wre 1)11 Die breite Allee hinunter gegen das Schloß zu gingen sie schweigend, stiegen in gleichem Schritt die hohe Treppe hinaus und verschwanden hinter der schweren Tür seines Arbeitszimmers. ' ■ Mit rascher Wendung trat er in die Umrahmung eines Fensters. „Sag, Hefter, General Moore wendet nicht die Augen von dir, wenn er bei uns ist —" „Ich kann nichts dagegen tun —" „Dagegen nicht — aber dafürl" — Pitts Stimme wurde lauter, sie trug einen geflissentlichen Ton von Sachlichkeit: „Moore ist ein tapferer, sehr begabter Offizier — und wie mir scheint,, sieht er gut aus — auch für Frauenaugen —" - Hefter sprang vom Sessel, ging gegen die Tür und, die Sachlichkeit seiner Stimme überbietend, fragte sie: „Hat Mr. Pitt noch weitere Wünsche? „Ja." „Die wären?" „ . „Daß Lady Hefter mir heute abend Gesellschaft leistet — mir allem! Wie eine Bombe explodierte- die Nachricht, die Dundas aus Walmer brachte: Mr. Pitt denke aus persönlichen Gründen nicht daran, in die Regierung einzutreten. „Was tun?" jammerte Addington. „Eine Finesse steckt dahinter!" meinte Lord Carysfort — „wer weiß, was Pitt ausbrütet." , Grenville aber ging, um insgehSstn Fox zum Sturz des Ministeriums zu gewinnen — wenn schon Pitt seine Mithilfe verweigerte... Es begannen die Intrigen der Anhänger des Prinzen von Wales, der Parteigänger Fox' — man dachte an Umsturz, Tod des Königs, Regentschaft — und Anteil an der Beute. Bergessen war nur, daß, durch einen Kanal bloß getrennt, Frankreich existierte mjt seinem rastlosen Konsul, der Englands Meeresherrschast bedrohte. Da — in der Sitzung des Parlaments am 23. April 1804 erschien Pitt ... Gs wurde eine Rede ohnegleichen an Sarkasmus, an meisterlich verschleiertem Angriff auf die Regierung. Knapp, mit siebenunddreißig Stimmen, entging Addington einer gänzlichen Niederlage. Tags darauf bat er den König, mit Pitt zu verhandeln. —■ Oh! Der König bedauerte, daß Mr. Pitt solche Abneigung gegen Addington gefaßt habe — bei dessen preiswürdigen Verdiensten um die glorreiche Kirche und den Staat! Ehe er Pitt empfange, solle dieser schwören, nicht mehr die Indelikatesse zu haben, ihm von Emanzipation der Iren zu'sprechen?. Wie? Es ging nicht mehr um Irland? Ach ja — Frankreich und dieser Usurpator bereiteten Unannehmlichkeiten. Georg III. beschäftigte sich derzeit mit Aenderungen in seinem Haushalt: er machte Grooms zu Soldaten und Soldaten zu Lakaien; dann wieder wurden die englischen Diener durch deutsche ersetzt ... Er stritt mit der Königin, daß die Töchter davon erkrankten, und floh aus seinem Palast gern und häufig in die Ställe. Den Prinzen von Wales empfing er schon lange nicht mehr. Der bloße Gedanke an den Sohn verursachte ihm Anfälle, die ihm teuer zu stehen tarnen: fünf Aerzte banden ihn dann ans Bett. Nein, er wollte» nichts mehr von allem hören! Aber Addington gelang es, in die Umnachtung des Königs den Namen Fox zu flüstern ... Fox! Wer wagte es, diesen Mann zu seiner königlichen Kenntnis zu bringen?! Fox, der mit sieben Jahren am Kartentisch von Spa mit dem Teufel selbst gespielt — der dem Prinzen' von Wales alle Laster gelehrt — was? Dieser Sünder zielte nach der Regierung? Nein, ehe das geschah ... v Am 7. Mai hielt die Kutsche des Premierministers vor dem kleinen Haus Yorke Place 14. Pitt und Lady Stanhope saßen dort beim Frühstück. ' „Hallo, Addington, wie geht es Ihnen?" „Lieber Pitt — der König will Sie sprechen ... Darf ich Sie gleich in meinem Wagen dahin bringen?" Pitts Gesicht veränderte sich nicht, vielleicht nur war es um einen Schein blasser als sonst. „Der König? Es geht ihm doch nicht schlecht?" „Nein — es handelt sich um die Regierungsbildung...' Hefter beobachtete, wie Pitt sein Glas zum Munde führte. Die Hand, die Lider, der Mund, blieben vollständig ruhig ... Daß Funken aus seiner Stirne sprühten, sah wohl nur sie ... Er legte die. Serviette hin und beugte sich leicht gegen Addington: „Ich bin fertig — wenn Sie in Ihrem Wagen Platz haben —?" Cs war mit dem Ton gesagt, der einer Spazierfahrt gilt — obenhin selbstverständlich. Addington schwollen die Adern an der Stirn. „Kann ich dich zum Dinner zurückerwarten?" fragte Hefter, auch sie mit der gleichen Unbeschwertheit in der Stimme. Aber der Blick, den sie tauschten, und die zwei lächelnd geflüsterten Worte entgingen dem Premierminister von England: „Pilot!" sagte Hefter. „Sibylle!" lächelte Pitt. Am 12. Mai 1804 stand William Pitt in der Zeitung als vom König genehmigter Premierminister, erster Lordschatzkanzler und Großsiegel- de wahrer. _ Sechs Tage darauf machte sich jenseits des Kanals Bonaparte zum Kaiser. , Mars und Merkur. x - Sie standen sich gegenüber — zwei Männer, die das Schicksal von Millionen führten, beide nicht aus Königsblut, beide geboren zu Herrchen: Napoleon Bonaparte, dessen Leben Eroberung hieß; William Pitt, >er an die Meeresherrschaft Englands und seine Freiheitssendung glaubte. m . Sie waren verschieden wie Mars und Merkur, rote Feuer und Erde; Napoleons machtgeladener Tyrannengeist, der auf der weiten Welt das Hemmnis menschlicher Bande nicht kannte unb zerbrach, was auf feinem Wege lag; Pitts kühler, ordnender Genius, der handeln muhte trotz aller Ketten, die das Schicksal ihm auferlegt — der über die Grenzen mensch. ltcher Selbstverleugnung seinem geisteskranken König die Treue hielt. Zwar hatte König Georg III. seinen alten, neuen Premierminister huldvoll empfangen unb genehmigt; aber der Vorschlag, im Augenblick der Krisis ein starkes nationales Kabinett aller Fähigen, mit Einschluß von Fox zu bilden, scheiterte an einer Starrköpfigkeit, die selbst Pitt nicht überwand. . _ ,,, ., . „Ich bin allein auf der weiten Flur — hinter mir Halbheit und Mittelmaß; Hawkesbury ass Innenminister, der keinen Kopf hat, keine Methode- und keine Verläßlichkeit; Härrowdy, der die Hälfte der Zeit im Bad fein muß ... unb Fox, der intelligenteste Mann von England — ausgeschaltet!" ■ , „ , . . „Entschuldige — der intelligenteste Mann von England spricht eben mit mir", entgegnete Hefter, „er ist — endlich! — wieder Lordkanzler geworden und wird es allein schaffen! Hefter bestand aus nichts als Sonnenschein durch alle Tone und Wochen, die folgten. Zwar huschte schnell wie Sommergerooir, Enttäuschung über ihr Gesicht, wenn Pitt frühmorgens feine Beratungen begann, ohne Pause den Wagen bestieg, nach Windsor fuhr — unb zu Mittag einen Boten sandte, sie solle auch abenbs nicht auf ihn warten... Aber wenn er spät nachts zurückkam, hungrig, besorgt, erschöpft, war sie noch auf, hatte bereiten lassen, was er gerne aß — unb erzählte die Ereignisse bes Tages, wie er sie nicht kannte, von Schwere gelöst, in Lachen getaucht... „Lord Liverpool war bei mir, dem du Anweisung gegeben, einen Orden für militärische Verdienste zu schassen —" „Und jetzt sollst du ihm das abnehmen?" „Nein, ich sollte das Band bewundern... Rot, die englische Flagge, Blau: die Freiheit, Weiß: die Reinheit der Mottve! erklärte er mir stolz... Alle seien begeistert —" - „Unb du?" , ,, „Ich sagte ihm, die Farben hätte ich schon einmal gesehen — auf den französischen Soldatenkokarben! Es machte ihn tief unglücklich, benn er hatte schon fünfhundert Yards bestellt! Ich riet ihm, seine Breeches daran zu befestigen — er trägt doch immer so schwere Dokumente in der Tasche, daß man fürchtet, sie fallen ihm eines Tages herunter..." „Hefter! Das hast du ihm hoffentlich nicht gesagt?" „Doch!" Pitt kannte, nach achtzehnstündiger'Ardett, ein blitzschnelles Ergreifen dessen, was das .Schicksal bot... Mit einem knabenhaften Satz sprang ex auf, bog den Kopf der Frau zu sich — unb Lady Stanhope, die Königin der Saison von London im Jahre 1804, erwachte zum kommenden Tag in strahlendem Glück von der kurzen Gunst dieser einzigen Zärtlichkeit. — Fernher, schon wie aus einem anderen Leben, erreichte die Nachricht sie, daß Camelsord, der wilde Vetter, in einem Duell den Tod gefunden. — Bisher hatten die europäischen Mächte einem Lande mißtraut, das unter dem kranken König Georg keinen andern Minister als Addington aufweisen konnte; seit Pitt regierte, sandte her Zar den Grafen Novos- siltzos nach London — angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken; aber sogar sranzösisck>e Agenten fanden heraus, daß er einen Koalitionsvorschlag in der Tasche trug. Gustav IV. von Schweden schrieb, nachdem Napoleon den Bourbonenherzog Enghien hatte erschießen lassen, an „Monsieur Napoleon Bonaparte , daß er alle Beziehungen zu,Frankreich abbreche — und stellte England die schwedischen Stützpunkte Rügen und Sttalsund zur Disposition gegen die Kleinigkeit von 80000 Pfund im Jahr. , - Pitt aber zögerte. Er verstand die Kunst, nicht zu eilen und dennoch zu handeln. Er, von dem die Lehrer in der Kindheit gesagt, er lerne als erinnere er sich bloß der mit vierundzwanzig Jahren ein fertiger Staatsmann gewesen, wankte in seinem fechsundvierzigsten Jahr nicht vor dem Dämon Bonaparte. Doch sei erster Blick galt dem Meer. Es hatte sich als kleiner Rechenfehler herausgestellt, daß die sranzö- sischen Kanonenboote zu schwer geladen waren und der Hasen von Bou- logne für die gesamte, zur Invasion bestimmte Flottille nicht reichte. - Umbauten hielten auf; man konnte in England für weitere Monate gesichert sein. . . Mählich ging die englische Marine in kleinen Belästigungen von der tatlosen Blockade zur Offensive über... Vor Boulogne erschienen in dunklen Nächten Kreuzer, beunruhigten, störten — und zogen wieder ab, ohne daß die Hafenbatterien auch nur einen Mann getroffen hatten. — Spruch. Von Wilhelm Jensen. Ein Frühling, kühl, dock znm Ertragen, Ein Sommer, reich an sonnigen Tagen, Ein Herbst, nicht fruchtlos, still und klar — Was wolltest du mehr von deinem Jahr? Heimweg. Von Hans Kloepser. Beim Almschwaiger in der Hochleiten ist ein junger Bauer angekommen und liegt nun nach trotzigem Ringen um Geltung warm und getrost an der Seite der jungen Mutter. Wieder einmal hatte die Natur, wie sie ja zu Recht Mutter heißt, mit der Gewährung letzter Hilfe ihre Wunderkraft am ewigen Rätsel des Lebens erwiesen. Die bange Sorge im Einschichthofe ist wieder gelassenem Gleichmut gewichen, und ich, der Arzt, kann den Heimweg antreten. Der führt über weite Vorberge gestuft zu Tal. Wie in gewohnter Einsamkeit ist alles wieder zurückgeblieben: der rauhe urtümliche Alm- bauecnhof in seiner wie anklagenden Armseligkeit unterm breitgeduckten Schindeldach, der Bergahorn am flechtengrauen Zaun, der sprudelnde Röhrenbrunnen Hinterm ungefügen Holztrog. Steil gehts durch den alten Hochwald einen sandigen Hohlweg hinab. Radspuren auf halber Höhe zeugen von jahrhundertalter Mühsal. Weit tut sich unterm Waldgürtel das Larck zu Füßen auf. Der Frühling steigt an ihm zu Berg im ersten Lärchengrün mit Krokus und Seidelbast überm winterfahlen Rasen. Schon werden die Siedlungen zahlreicher, traulicher, reicher an Kulturen, und zwischen die alten Bauernhuben wagen sich die ersten Holzkeuschen der Taglöhner und Freikünstler mit buntem Flickkram am Zaun, ein Weber da, ein Wagner dort. Aber langsam löscht der Abend die bewegte Vielfalt der Farben. Noch rändert im Westxn verglühendes Gold die taubengraue Föhnwand. Nach Osten zu verwellt das Land weit hinaus in flachen Hügeln. Dort liegt irgeniroo überm letzten Saum Ungarn, seit Jahrhunderten, seit tausend Jahren schon der Heerweg wilder Steppenvölker in den steirischen Frieden, der Hunnen, Avaren, Osmanen. Davon spricht selten mehr eine Sage: nur im Fluche „Kruzitürken" sind Not und Zprn noch lebendig, wenn Kuruzzen und Türken übers Flachland hereinbrachen und an „des deutschen Reiches Grenzzaun" vom deutschen Bauerntum harte Gegenwehr erfuhren. Kühler weht der Wind von der Alm her, Krähen ziehen zu Walde, vom Bergbach drunten murrt’s wie von gebannten Wassergeistern. Aus dem hölzernen Mühlstübl glänzt ein rotes Licht herauf. Dunkel ist's geworden, wie ich vom letzten Stege auf die breite Straße trete. Die führt nun lange zu beiden Seiten durch hohen Wald. Zwei bäuerliche Langholzfuhren habe ich eingeholt. Gemächlich rollen fi« nun auf festem Grund, nach gefahrvollem Schwanken über steil« Kehren der Bergwege. .Schlanke Stämme, wohl zehn Klafter lang, führen sie zu Dal, auf weitgespanntem Wagen, für Schacht und Stallenzimmerung im Bergbau. Und was das Auge im Licht der freien Höhe erschaut, holt es nun sinnend heim ans Herdfeuer des Behagens an Heimat und Volk. Das lebt wohl auch unbewußt in meinen Weggenossen, wie sie so behaglich zur Seite ihrer schwer knarrenden Holzfuhre dahingehen. Denn morgen ist Feiertag. So gehts denn sicher durch den langen Wald. Kein Wolf bricht mehr hervor, wie vor hundert Jahren. Davon wissen noch die zwei Leute. Und den letzten Bären hat der Urahn vom einen erschossen: „In der Klausen, hinten im Demmelwinkel, hat zu der Zeit a großmächtiger Bär ahaust. Hat mein Urahnl — der a meni a Wildschütz war — zweimal auf eahm geschossen. Umsunst. Da hat der Urahnl — Pulver hat er no ghabt, aber ka Kugel mehr — in Leibtaschl a klans Stück von an Kettngliedl gfunden. Wanns Leben schon verspielt ist, hat er fie denkt — hats einigladen in Lauf und hat losdruckt. Und richti Hais der Bär müasfen gelten lassen. Steht heut noch ausgestopfter in Joanneum zu Graz —" < Dabei löst er gleichmütig die Schleif« vom Vorderrad, denn die . letzte Wegstrecke läuft ebenaus nach den Kohlenbergbauen. Die sind ihr Ziel. Und schon tut sich neben der nun freien Straße tief unten der schwarze Kessel des Tagbaues auf, ein gewaltiges Inferno, von hohen Bogenlampen grell überhellt. Am Rande schafft Tag und Nacht ein gewaltiger Bagger, um die Tagdecke vom Kohlenflöz abzuräumen. Der dreht sich gelassen wie ein riesiger Elefant, gräbt sich mit dicken, ungefügen Zähnen zu unterst ins weiche Erdreich, füllt damit das weite Maul, Hebt di« Zentnerlasten hoch und stürzt sie in langsamem Drehen in den Abraum. Ein Zistern läuft durchs Gestänge, wenn ihm ein 'Steinblock zwischen die Zähne gerät, mit einem Ruck reißt er sich erleichtert los. Gottes Mühlen mahlen langsam, fällts mir ein. Nun hat er ein blühendes Apfelbäumchen zwischen die Zähne bekommen: ein Hub, mit Pistolenknall reihen die Wurzeln, und das junge Blütenwunder, grell überstrahlt vom Scheinwerfer, sinkt sterbend zum übrigen Schutt. Das wird der alten Bäuerin, die ihr längst abgelöstes Häuslein noch immer nicht räumen wollte, wohl schwere Träume bringen. Noch eine halbe Stunde habe ich bis zum Heimatort. Die ist nach all den reichen Bildern meiner kleinen Welt die rechte Zeit zur Zwiesprache mit der eigenen Seele. Mein Leben liegt vor mir gebreitet, wie ick einsam durchs Dunkel wandre, und all die Jahre, die Jahrzehnte stiller Mannes- jatbeif. Und wie ich so einsam im Dunkel wandere, weitet sich mein kleines Arbeitsfeld in unendliche Fernen, lieber schwarze Wälder und lastendes Gewölk fühle ich mein Leben verströmen und zurückwellen, geläutert, geklärt, von all dem Reichtum, den mein deutsches Volk seit Jahrhunderten aus seiner Bestimmung, seinem Schicksal erftritten und gewonnen. Ein iheatrum mundi tut sich auf, aber heilig, in Ehrfurcht gtschaut und empfunden. In Bildern lebt's auf, von wehrhaften Städten des Mittelalters, von Burgen und Domen, von weiten goldenen Saatfeldern aus waldigen Höhen, bis ans ewig rauschende Meer: Deutschland, soweit mein Sinnen trägt. Und umklungsn von Orgelströmen und himmlischen Snm- phonien der großen Meister. Male säumen meinen Weg wie erratische Blöcke aus Urzeiten. Unter ihnen die Welt der Großen, Zeitlosen, Luthe«, Dürer, Goethe. In sie verflochten spür ich das seine Geäder meines Einzellebens, meiner Erkenntnisse, genährt aus dem keimkräftigen Wurzel» baden, den das Blut von Ahne und Urahn in ihn gesenkt. Dem allen will ich weiter dienen'— bis ans Ende. > Bis ans Endel Und das fällt schwer. Denn ein Scheiden wird's, ein unentrinnbares von all dem Reichtum, den ich eingesammelt, Körnlein um Körnlein, eingebaut ins Gerüst meines Wesens. Das aber ist an Orte gebunden, an Bilder, an Begegnungen, an Erinnerungen und Gespräche, an Licht und Schatten, Frost und Wärme, an leuchtende Gipfelhöhen und dunkelnde Täler, durch die kommende Leben Hinwegschreiten über geschiedene, aber freier, leichter, als ich es getan. So fühle ich meine Bahn und weiß um ihre Grenzen, ohne Bangen. Und zu guter Stunde glaube ich dann getrost d^r Pforte des Bereitseins entgegenzuschreiten. Und dennoch! Denn so Überwältigend schön scheint mir mein’* armes Leben, so mild Überglänzt von Licht und Wärme und so reich an Früchten und immer noch drängenden Keimen, daß' mir vor dem ewigen Dunkel graut, das mein Licht für immer löscht, früher vielleicht als ich s ahne. Denn geben, schenken, helfen möchtest du noch aus einem Durst der Seele, der von Schätzen weiß, daran die meisten wohl vorübergehn. Bis die Vettkante zur letzten Planke des sinkenden Schiffs geworden, mit der du treibst ins weite Meer der Ewigkeit. Doch da beginnen schon die ersten Häuserreihen. Das gewohnte Geräusch des Alltags ist noch wach und umfängt ftieinen Weg mit Arbeit, Pflicht und Sorge. Aber gelassen, getrost sinde ich mich wieder daheim, im Kreise meiner Lieben. Ich weih: Da wächst mir ein Teil meines Lebens wieder ins Licht wie dem Bauern hoch droben, dem sich heute das ganze Geschick feines Stammes in einem jungen Leben erneute. Und ohne kleinliche Furcht erwarte ich hinfort die große Generalpause nach der stillverklingenden Harmonie meines Lebens — den Heimweg. Oie Macht großer Erinnerung. Erlebnis auf den Spicherer Höhen. Don Jofef Friedrich Perkonig. Cs sind nun zehn Jahre her, da kam ich, im deutschen Westen wandernd, auch nach Saarbrücken, und in diesen Tagen, da ich die Gewalt alter Erinnerungen sammle, die mich mit dem Deutschen Reiche verbinden, das nun auch mein Vaterland geworden ist, lese ich in meinem Reisetagebuch einen Abschnitt, der auf ein geschichtliches Ereignis verweisen möchte, dem sich zu nähern mein Wunsch war, lange bevor es nun ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte wurde. In meinem Reisetagebuch des Jahres 1928 lese ich also: Wenn ee auch seine tieferen und tiefsten Gründe hat, man muß sich dennoch wundern, welche nicht umzubringende Gewalt eine große Erinnerung besitzt. In Saarbrücken kann man diese alltägliche Weisheit auf eine besonders eindrucksvolle Probe stellen. Jeder junge Mensch, von den älteren gar nicht zu reden, weiß einem, sobald nur sein Geschlecht um jene Zeit wirklich nicht daheim mar, eine Reihe von Einzelheiten zu erzählen, die, nirgends ausgezeichnet, eine Art von unveräußerlichem und treu weitervererbtem Familiengut, der großen Geschichte des Jahres 1870 einen geschmeidigeren, ja freundlichen, um nicht zu Jagen fächelnden Zug verleihen. Man möchte es nicht glauben, und dennoch ist es wahr, daß unter der bewegten, eher den Dingen von morgen als von gestern zu- geneigten Gegenwart dieser Stadt noch immer vernehmlich die Vergangenheit, wenn auch als ein mehr und minder entschwindender Abgesang zittert, daß ein letzter Widerhall der ersten Augustschlacht von 1870 nicht etwa nur ein Hirngespinst absterbender Veteranen ist, die ihre alte Zeit in den geliebten Medaillen und Kreuzen bewahren, sondern daß man von ganz jungen Leuten die Frage hören kann: ..Und auf die Spicherer Höhen wollen Sie nicht ...?" Jeder, der sich die Ehrfurcht vor großer Vergangenheit bewahrt hat, wird über die weite, holprige Ebene bis an den Roten Berg hin zu gelangen trachten. Auf diesem unendlich riesigen Feld ohne Baum, auf dem für den bedrohten Menschen eine seichte Mulde, eine winzige Bodenfalte schon ein Geschenk Gottes bedeutet, über dem sich der Himmel wie ein riesiger Glassturz wölbt, kann man ungefähr ahnen, wie es den Soldaten am tropischen 2Iuguftanfang 1870 zu Mute gewesen sein muß, als sie gegen den Roten Berg stürmten, und dann begreift man auch, was es heißt, hier unter einer unbarmherzigen Sonne die Augen einer ganzen Wett auf sich gerichtet zu wissen. Es muß ein furchtbares Rasen in Sonnenbrand und Puiverdampf gewesen sein, eine tödliche Jagd diese stellen, todspeienden Hänge hinan. Man schämt sich wahrhaftig, wenn man im summenden Wagen die Kehren emporgleitet, wo jeder Zentimeter Höhe einen Deutschen und eilten Franzosen kostete; denn fast hundert Meter ragt der Berg über di« Ebene empor, und rund zehntausend warf der blutig« Tag von Spichern auf jeder Seite in das Grab. Die vielen morschen und erneuerten Kreuze auf der Höhe — das bebaute Feld hat sich allenthalben nach ihnen gerichtet, so daß die Gräber von Pflug verschonte.Inseln wurden — sind unverlierbare Zeugnisse geworden. Was tun nun in der Näh« der Toten, in einer ländlichen Einsamkeit, di« dem friedlichen Bauern gehört und die lange ein Ziel der Wallfahrt nachdenklicher Menschen von hüben und drüben bleiben wird, die paar erbeuteten Kanonen, die ihre Rohre drohend nach der Richtung drehen, wo Deutschland liegt? Es ist eine überflüssige, eine museale Gebärd«, es ist eine Torheit von jedenfalls kleiner Ursache und wahrscheinlich großer Wirkung, so daß Frankreich wohl daran täte, jenen überspannten Kopf, der den törichten Gedanken zu dieser törichten Geste an der Grenze ausbrütete, «in wenig auskühlen zu lassen. Und diesem einen möge dann der andere jugefeUt werden, der die Adler aus den Denkmälern der deutschen Regimenter entfernen ließ. Bei solchen scheinbar lächerlich geringen Uebergriffen kleiner, allzu eifriger Geister, von denen die fernen Großen oft gar nicht wissen, di« dann aber di« Summe den Vogeltanz. Sie weihe Federflaum-- Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfch« LlniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen. In Tofuque am dünnen Nebenfluß des Rio Grande del Norte, der die Wüste von Neumexiko durchfließt, in dem mit seinen Lehmhäusern in der Mergel- und Tonlandschaft versteckten Jndianerdorf, ist heute Tanz. Wir fahren hin. Wie wir in den das Dorf umgebenden Gürtel der Ställe aus offenem Astwerk kommen, hören wir schon den dumpsen Klang der Trommel und sehen Frauen und Kinder und Greise aus den flachen Dächern der Häuser stehen. Wir betreten dtn Dorfplatz. Da wandelt mit hüpfenden Schritten und steht bald, auf der Stelle hüpfend, der Chor von fünfzehn bis zwanzig Männern. Sie sind gekleidet in phantastischem, regellosem, individuellem Bunt. In den schwarzKi Haaren stecken weiße Flaumfederchen. Sie singen eine eintönige, sich immtr wiederholende grobe, dringliche Weise. Die Trommeln klingen dumpf. Vor ihnen her aber, wenn sie in zwei oder drei Reihen schreiten, oder neben ihnen, wenn sie, um die Trommel zum Knäuel geballt, stehen, mimen zwei junge Männer in Adlermasken hüpfend den Vogeltanz. Sie sind nackt bis auf den bunten Schurz, sie tragen, eine weihe Federflaum» Haube, ein gelber Haken versinnbildlicht daran den Vogelschnabel. Oberkörper und Waden sind schwarz, Gesicht, Arme und Füße gelb. Aus den Armen liegen Adlerschwingen, das Flugsteuer des Adlers ist den Tänzern hinten an den Schurz geheftet. Sie schreiten nur gebückt in rhythmischen Trittchen der lebendigen Füße zum Trommeltakt, manchmal lassen sie sich auf das eiüe und dann auf das andere Knie nieder und berühren mit den Schwingenenden die Erde. Der Chor singt eintönig und gläubig laut, die vier Trommeln hallen dumpf. Eine Viertelstunde dauert das Spiel im großen Hinundwieder derselben Formen, dann ordnet sich der Zug in zwei Reihen, und, die Vögel vorauf. trommelnd, singend, hüpfend, tanzend zieht das Ganze unten in die Ecke des Dorfplatzes und verschwindet. Der gekehrte und gepflegte Platz liegt leer da, das Eisengestange des modernen Windmotorbrunnens aus Chikago knarrt. Drei Manner, die bunte Jndianerbinde um Stirn und schwarzes Haar, in farbige Decken gehüllt, machen die Pfatzpolizei. Alles wartet. Indianer haben Zeit. Ich steige eine rohgefügte Leiter hinauf auf ein flaches Dach. Da draußen liegt die Wüste. Wasser! ruft alles Leben in diesem dürren Land, und Wasser ist der Gegenstand der meisten Gebete, Riten, Zeremonien und Zauber dieser Indianer in den Flußoasen des Rio Grand«. Der Adler ist heilig als „Donnervogel , und der Donner ist der Lünder des Gewitters der Regenzeit. Seht da den alten Topf' Auf grauem Schalengrund im tiefen Mittelpunkt die ersehnte vergötterte Wolke, Adler fliegen zu ihr auf, Zickzacklinien der Blitze fahren hinauf zum Schalenrand in den Mund von kleinen Fröschen. Sie schlafen die Trockenzeit über im hartgebackenen Lehm, das neue Naß des Jahres wird sie erwecken. Oh gib' uns Regen großer Geist! Ich sitze auf dem Dach und warte. Und denke an die Aussaatprozession unseres katholischen Dorfes in Deutschland. Ja, sie war ihrem Sinn nach nicht anders als di« kultische Szene des Adlertanzes, und wir beschritten die Fluren unseres rheinischen Dorfes mit derselben gläubigen Jnbrust, mit der diese Indianer tanzen. Man muß doch die Flurmächte zwingen können! Unten tritt der Chor wieder an, diesmal mit nur einer Trommel. Und die Tänzer treten aus, fünf Männer, vier in Büsfelmasken, und vier Frauen. Einst zogen auch diese ackerbauenden Indianer jährlich einmal zur großen Büffeljagd hinaus nach Osten in die Prärien, und der Büffel, tanz wie der Jndianertanz bedeutet genau dasselbe roie: Unser tägliches Brot gib uns heute. Der Chor schreitet langsam gerade aus, aber die Tänzer gehen in einer Wellenlinie nach der Ostseite des Platzes. Die vier jungen Männer, deren Gesichter unsichtbar gemacht sind unter den wolligen, braunen Büffelmasken, tragen in der Hand einen Bogen und Pfeil. Wenig anders wird der Jäger zur Büffelzeit ausgesehen haben, der unter der Büffelmaske das Wild anschlich. In der anderen Hand schütteln sie eine leise klingende Rassel aus einer trockenen, mit Kieseln gefüllten Kürbisschale. Ihr nackter Körper ist blau bemalt, an einem Lederschurz hängen hundert kleine engtütige, hochklingende Glöckchen. Um die Husten tragen sie eine rote Schärpe und einen Gürtel mit Glocken, es sind runde, lautsingende Glocken. An den Füßen haben sie Schuhe, die Schäfte um die Knöchel sind gemacht aus der weißen und braunen Bauchwolle des Büffels. An den Gelenken fliegen im Tanz Adlerfedern. Federn, Büffel' schwänze und Grünkraut, chier und da befestigt, entführen mit vielfacher und uns dunkler Bedeutung die Ausrüstung aus dem Realistischen ins Dekorative und Symbolische. Die Männer hüpfen und springen, bei lebhafter Bewegung klingen, singen und rasseln die Glocken zum dumpsen Tönen der Pauke des Chors. Die vier Frauen, kleine Gestalten, zwei reiferen Alters, zwei Mädchen, haben einen kurzen, wippenden, leicht stampfenden Tritt. Sie wechseln und tauschen nach der Tanzregel den Ort. Ich möchte glauben, sie stellen gegenüber dem wilden Schweifen der Manner di- ruhige Erde, das abwartende Land dar. Sie heben und senken in der Rechten einen Maiskolben in einem Krautbüschel, in der Linken ein geflochtenes Körbchen mit den am seinem Grund befestigten blauen Federn eines Truthahns. Auf dem Rücken tragen sie eine grüne Sonne im roten Rund, die Sonnenstrahlen stesit ein Kreis von Adlerfedern dar. Dumpf tönt die Pauke, alles im Chor wippt im Takt mit. Der Führer der Tänzer ist die schönste Figur. Er ist ganz in weiße, gegerbte Büffelhgpt gekleidet, sein langes schwarzes Haar über dem geschwärzten Gesicht weht offen; er trügt einen langen Köcher mit Pfeilen und in der Linken den Bogen, in der Rechten ein großes Buschel mit Wacholder. Es mag den Wacholderbusch der Steppen darstellen, hinter dem sich der Jäger verbirgt. Auch sein Schurz ist mit Glocken besetzt. Der erste Teil des Tanzes §t ruhig. Der Führer geht in Schlängellinie zwischen den zu zwei und zwei ausgestellten Frauen hin und her, und dasselbe tun, erregt und in Sprüngen, die Büsfelmasken. Einmal halten sie den Bogen vor der Stirne und die Rassel im Rücken, dann, nach einem Taktschlag, die Rassel vor der Stirn und den Bogen im Rücken. Paukenschlag! Sekundenpause ... Andere Tonart des Chors. Und der Tanz wird wilder. Der Führer hüpft in rhythmischen, fein ausgemessenen Sprüngen, und die Masken tanzen wild. Der Tanz dauert eine halbe Stunde. Der Eifer und der heilige Ernst der Tanzenden inmitten der Schaulustigen ist ungemindert. Ein Hund läuft unbeteiligt zwischen Chor und Tanzenden hindurch, ein Jndianersäugling, das Fäustchen im Mund, starrt unverstehend das bunte, tosende Gewimmel an, oben träumen die Greise Träume von jener Zeit, da sie noch wirkliche Büsfeljäger waren, was die Jungen da unten nicht unti nie mehr sein können, denn die Büffel hat der weiße Mann ausgerottet. Dumpf paukt die Trommel, laut und feierlich-grob singt der Chor. Drei Büsfel- und zwei Adlertänze gibt es am Vormittag, dasselbe, nach einer Pause, am Nachmittag. Eindringlich durch Wiederholung und Dauer sind alle Veranstaltungen der Primitiven, sie kennen nicht die Unterhaltung der Weißen, die Abwechslung verlangt. Die Sonne neigt sich herab, und der letzte Büsfeltanz kommt zum Ende. Eine alte Squaw, „die Mutter der Tiere", wirft Brote in den Chor Den hat das immer wiederholte Pauken und Singen immer derselben Weisen in eine leichte Raserei gebracht; auch die Festordner haben sich ihm zugescllt und. hüpfen und wippen die letzten Gesänge mit. Und als die Sonne unten ist, zieht alles vom Platz, ob auch ermüdet, doch bis zum Ende in Andacht. Unser tägliches Brot gib uns heute! Nach ein paar Tagen zogen Wolken über der Wüste auf. Plötzlich ein weißer Blitz, ein ^einziger Donnerknall, ein kurzer Hagel ging nieder, und die rote Wüste bedeckte sich weiß. Da lag, noch starr, eine andere Form des Wassers. 6er Dummheiten von allzu Eifrigen zu verantworten haben, beginnen Mißverständnisse und Haß zwischen Völkern. Es ist zum; Traurigwerden, daß die unzähligen Kreuze im Gifserlwalde zwei Geschlechter hindurch für jene eine vergebliche Mahnung waren, die letzt unter dem Vorwande, Beutestücken einen besonders sinnreichen Platz anzuweifen, eine durchsichtige, dauernde Demonstration versuchen. . . , . Roter Berg, Spicherer Höhen, Giffertwald sind sonft eine so wunderbar friedliche Grenze, völlig jenen überlassen, die erinnert sein wollen. Es wird hier wahrscheinlich jedem Besucher ähnlich ergehen: Hinter dem dichten Gebüsch an einem Denkmal tritt ein alter Mann von arm- licher Sauberkeit hervor. Den dünnbeharrten Greisenkops entblößt, fragt er Sind Sie hier fremd?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, beginnt er, in die weite Gegend zu unseren Füßen weisend, ein memoriertes Kapitel der Kriegsgeschichte vorzutragen, in allen Einzelheiten getreu, im Gesamten sachlich, ohne Leidenschaft, ohne eigene Meinung, gls wäre er berufen, den Besuchern dieser Höhen Anfang, Verlauf und Ende jener ersten Schlacht des Jahres 1870 zu erklären. Otegiments- nummern Namen von Generalen und Orten, Abschnitte des Kampfes find einem Gedächtnis Überlassen, das nun schon längst nachtwandlerisch sicher die Geschichte jenes Augusttages wieder gibt. Spater höre ich, daß der kleine, zerbrechliche Greis seit vierzig Jahren Deutschen und Fran- zosen, manchmal auch gleichzeitig, die beiden Sprachen Satz für Satz vorsichtig vermengend, Sieg und Niederlage erklärt, indem er sich unbestechlich an den Gefechtsbericht hält. So wie er die beiden Sprachen gleich gut spricht, läßt er seine auf diesen einen Tag beschränkte, aber erstaunlich reiche Wissenschaft mit Frank und Mark gleich gern bezahlen. Er denkt nicht daran, einem auch nur eine einzige Einzelheit zu schenken: Hier zog sich damals die schöne, alte Pappelallee empor, und hier war der Steinbruch, der das Grab der unzähligen Pferde wurde. Dort hatten die Franzosen soundsoviele schwere Geschütze eingebaut, und dort verblutete dieses und jenes deutsche Regiment in immer erneutem Ansturm auf die Schützenaräben in der Lehne. Manche der riesigen Massengräber auf dem Rottn Berge 'sind in den letzten Monaten geö.ff- pet worden, je zwölf Skelette kamen gemeinsam in einen Sarg. Fast alle Schädel hatten das Kugelloch in der Stirn oder im Scheitel; dann waren es todsicher die Gebeine deutscher Soldaten, die bei dem Sturm auf den steilen Hang ja fast nur den Kopf als Ziel barboten. Sie werden tiun in den Ehrensriedhos drunten im Tal gebettet sein. Bis herauf steht man die wohlgeordneten, ausgerichteten Reihen der toten Bataillone. Niemals in ihrem Soldatenleben mögen ihre Linien so schnurgerad gewesen sein. , Sind zehn Frank ein für den Alten ungewöhnlicher Lohn oder entzündete er sich an seinem eigenen Bericht, er will nun auch noch die Standorte und- Handlungen der niederen Kommandanten erklären — er scheint Tausende immer bereitet Namen an Drähten zu haben — er Wächte mich in das kleine Privatmuseum führen, das in dem Restaurant ■ „Cöte de Spicheren“ angehäust ist. Als ich den Hüter der Vergangenheit i ftun sanft zu verabschieden trachte, nimmt er mir noch das Versprechen lab, an dem Ehrenmal nicht achtlos vorüberzufahren. Dort fei die Schulzen Kathrin zu Grabe gelegt, die den vor Hitze Und Durst schmachtenden Soldaten furchtlos Wasser in die vorderste Kampflinie brachte. Es steht auf freiem Felde, hart -an der Straße, die in das Lothringische Land führt, dahin, wo an der Grenze die Förderanlagen von Grubenschächten mit feinen Strichen in den hellen Horizont gezeichnet find, wo die Rauchfahnen aus Schloten und Hüttenwerken in den Himmel wehen, eine einsame Birke über einem gepflegten Soldatengrab. ' Cs ist weitum das - einzige, Ueberbleibsel einer ein halbes Jahrhundert alten Trauer. Dort treffe ich einen hohlwangigen Arbeiter rastend, rußig von der Schicht, kommend. „Sie waren droben?" fragt er mich im Laufe des Gesprächs, und sein Kopf zeigt gegen die Spicherer Höhen. „Sind brave Burschen gewesen, unsere Soldaten", ergänzt er sich selbst. Kein gesunder Mensch, aber auch kein gesundes Volk kann seine große Vergangenheit ungeschehen haben wollen, es gibt einen Stolz und eine Würde, di« zeitlos sind. Adler- und Büffettanz der Pueblo-Indianer. Von Josef Ponten. Jahrgang 1938 Montag, den 2. Mai Nummer 34 GiehenerKmiilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger .Schade. Das war ein Kerl. Den könnten wir hier brauchen. er Front, pirscht sich in Zivil bis in die jr, läuft die blödsinnigsten und zwecklosesten :r glücklich zurllckkommt, mit den andern ist es ein viehischer Kampf, voll Hinter- ringsum, man weiß nie, wer einem ent- Straße entlangreitet, gleich in welcher uzen sich schon lange — gebeten: „Nimm t, Käpten, du hast Frau und Kind zu Haus." .Aber ich will mit." White In dieser Zeit kommt William Bruce nach Berlin. Irene erwartet ihn, denn er hat ihr von Dreadford aus geschrieben, wann er bei ihr sein würde. Er trägt einen dunklen Rock wie damals, als er in Waidhausen war zur Beisetzung Alexander Czehs. Seine Gestalt hat sich nicht verändert, aber sein Gesicht ist zerfaltet und sein Haar ist sehr grau. Irene sieht die Falten nicht, sie sieht nur ihn. Es ist keine Feindschaft in ihr, obgleich sie daran denken muß, daß ihr Sohn gegen England fiel. Sie reicht ihm beide Hände und läßt sich an seine Brust ziehen. Sie fühlt seine Finger über ihr Haar gleiten und fühlt sich unendlich geborgen. Ihr ist, als ob sie zum erstenmal voll begriffe, was sie an diesen Mann bindet: die klare Sicherheit, die von ihm ausgeht und die sie spürt, sobald er in ihre Nähe kommt. Gerade jetzt empfindet sie diese Sicherheit doppelt, denn in Deutsch- and scheinen alle sie verloren zu haben; in Deutschland scheint keiner Jcr geblieben zu sein, der er war. William Bruce ist es geblieben. Vielleicht gewannen sie deshalb den Krieg. „Dank, William, Dank für alles, was du getan", sagt sie. Dann sitzen sie beieinander, und er berichtet, wie Günter starb und «ie er ihn gebettet. „Soll ich ihn dir bringen?" fragt er. Sie schüttelt den Kopf. „Nein, William, laß ihn ruhen, dort wo der Lu.it» weht und abends die Pferde an seinem Birkenzaun stehen und varE" Sie sieht das alles ganz klar vor sich, und Waldhausen und ^ie „Ich habe deiner Frau versprochen, auf dich aufzupassen. Also, kein« Widerrede, Käpten." Auch dieser Krieg geht zu Ende. So kommen sie nach Berlin zurück. Bernd geht in die Hohenzollern- straße. Notz sucht sich ein Zimmer im Alten Westen und findet es in der Genthiner Straße. Das ist gar nicht weit von der Czehschen Wohnung, nur über den Landwehrkanal hinüber, noch nicht zehn Minuten Wegs. „Wollen Sie nicht nach Hessen zurück, zu Ihren Eltern?" fragt ihn Lexe. Er hat sein frisches Dumme-Jungens-Lachen. „Nee, Baronin, ich- bleib lieber hier." Bernd ist flügellahm. Er kann sich nicht daran gewöhnen, daß er Zivil tragen muh. Er kann sich aber auch nicht entschließen, zur aktiven -Truppe zurückzukehren, die im Umbau Gegriffen ist: er will nicht Soldat der Republik werden, er kann nicht den neuen Eid leisten, der gefordert wird. So setzt er sich schweren Herzens hin und schreibt sein Abschiedsgesuch. Dann irrt er in der Wohnung umher; er versucht zu lesen, kramt seine Kriegskarten heraus, ordnet die Bilder, die er von der Front mitbrachte, nimmt seine Kriegsbriefe und Tagebücher vor und versucht, sie zusammenzustellen. Es bleiben aber Versuche. Er kann auch nicht mit feiner Frau sprechen, nicht einmal mit Jürgen. Nur mit Hilde kann er spielen, stundenlang, oder ihr zusehen. Einmal findet er den Brief, den ihm Lexe damals im Sommer 1917 schrieb: »Sie iiLbt-aua-am-. M,,ttor mm lana und schmal und feinaliedria. Die ■hIHIIIIIIIII|IIII|IIII|IIIIIIIII|IIII|IIII|IIII|IIII|IIIIIIIII|IIIIIIIII|IIIIIIIII|IIII|IIII||I 0 cm 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 6 9 8 •ummon Waunm jei. Den rennen Ile aue, ote slly oort zuiammengesun- «en haben, die setzten Landsknechte des Weltkrieges. Sie sind erstaunt, ^enn er antwortet: „Nein, der Sturmbataillonssllhrer ist mein Bruder", pnn sie denken, der Sturm-Wallnitz muß doch wieder zu uns stoßen, Er tolle Kerl, der sich als Oberleutnant am „Toten Mann" den Pour le "'«rite geholt und sich dann eine eigene Truppe ausgebildet hatte: Flammenwerfer und Minenfchleuderer, Handgranatenspezialisten und Pistolen- syützen, die man mit Ellkrastwagen an die Front roarf, wenn es galt, Utzendwo einen Graben aufzurollen oder eine besonders windige Ecke vegzunehmen. «Ja, wo steckt denn Ihr Bruder?" „Zu Hause. Auf dem Lande. In Dapper." „Und was macht er da?" „Er baut Kohl." vuu) yiv*/ vvwxx-j. wmumi|iuvvv* |mhv */vv*/ im jvuiz». IV V"' dustrie reißt sich um euch. Haft du keinen Bekannten unter den Leuten?" „Ich kann nicht betteln gehen, Notz. Ich kann nicht anklopfen und fragen: .Haben Sie vielleicht eine Stellung für mich?' Ich kann das nicht!" Es ist wie ein Schrei. Notz bleibt ganz ruhig. „Betteln ist Quatsch", sagt er, „Du hast fünf Jahre im Feld gestanden, da kannst du fordern. Die Leute haben die Pflicht, dich unterzubringen. Ein Kopf, wie du bist. Wach aus, Mensch, Bernd, wach auf!" Bernd schreibt auf eine Chiffreanzeige hin einen Bewerbungsbrief. „Ehemaliger Offizier..." heißt es in ihr. Er schreibt sehr kurz, sehr knapp, er streicht sich und sein Können nicht heraus. Wenige Tage später ist schon die Antwort da: er soll sich vorstellen. Der Briefkopf trägt die Firmenbezeichnung „Schillingswerke". Es ist ein