GietzenekZainilienbMer Nummer 67 Die wilden Hunde. Schlag auszuholen. Und während W,e sie da so auf ihren spindeldürren Beinen sich im Gleichgewicht ?u halten sucht, erscheint sie nicht gerade als ein ebenbürtiger Gegner für □en Loroen; doch für.den Augenblick ist sie mit ihrem Kleinen in Sicherten. Statt gerade oorzugehen, fängt der Löwe jetzt an, sie zu umkreisen: ^abei vermeidet er vorsichtig, sich ihr auf mehr als etwa fünfundzwanzig is dreißig Meter zu nähern. Sein Blick ist unablässig aus sie gerichtet. r'.r auf der .Hut fein: weiß er doch, wie gefährlich die einzige Waffe, le x ,®'r.affe besitzt, ihm werden kann. Kommt er ihr zu nähe, dann ivird plötzlich mit einer ungeheuren Wucht der eine Vordersuß vor- onjneUen; solch ein hieb kann ihn glatt erledigen. Aber auch wenn er sich Mas mehr zurückhält, kann er sich dadurch in Gefahr begeben, daß er ,e vielleicht für eine Sekundenlänge aus dem Auge läßt. Den kurzen Augenblick kann sie dazu benutzen, selber vorzugehen und mit gesam- ; p " Kraft ihren furchtbaren hieb so aus ihn niedersausen zu lassen, «ö ihm die Schulter zerschmettert wird. «o kreist er denn um sie herum, in ständiger Erwartung des Augen- v %'to0 er überrumpeln kann, ohne selbst in Gefahr zu kommen. ’f mraffe aber wendet nicht einen Blick von ihm: das Gesicht ihm zu- fi 'h* fie sieh unablässig um sich selber, die Vorderbeine in steter ereitschaft, z,, dem vernichtenden Schlag auszuholen. Und während ele5 ganzen Manövers hält sie das Kleine in feinem Unterschlupf unter > rem Bauch fest. , " brehen sie sich wer weiß wie oft in der Runde. Das Kleine wird -Vs i Ulltcr ben ewigen Bewegungen seiner Mutter ganz verwirrt ao tappt einen Augenblick aus seinem Unterstand heraus. Jetzt — denkt r toroe, jst der rechte Augenblick für ihn da, sich des zarten Bratens und wagt sich näher. Da aber springt die Giraffe vor r, 0 ichleudert einen tödlichen hieb nach ihm hin, der ihn abet um aresbreite verfehlt: schnell sammelt sie sich wieder, und ehe der Löwe km “V5 '^rem sekundenlang verlorenen Gleichgewicht Nutzen ziehen ^A sie schon wieder rittlings über ihrem Kleinen und in Vertei- >i e*ne Schreckensstunde für di« kleine Giraffe! Unaufhörlich sieht oen Löwen um sie beide Herumkreisen und ihnen den Weg zur Flucht I P " iiuh findet vertraute Spuren. — Wieder auf d e r S u ch e. — V o n d e r M e u t e g e j a g t. — W e t t l a u s m i t dem Tod. — Eine Elefan tenhe rde. — D ie rettende Oeffnung. Wenn die kleine Pallah auch gern bei den Zebras war und sich wohl UP? zufrieden bei ihnen suhlte, so hatte sie dennoch ihre eigene Herde nicht vergeßen, noch aufgehört, sich nach ihr zu sehnen. Von Zeit zu Zeit kamen in die en Wochen wohl andre Pallahs in die Nähe. Dann lief sie ,m ersten Ansturm freudiger Hoffnung darauf zu. £>b es wohl die Ihren waren? Nein, immer waxen es Fremde, und obgleich sie mehr als einmal m Versuchung war, sich ihnen anzuschließen - einzig und allein aus dem Grund, um wieder einmal unter ihresgleichen zu sein — so ft b'e Freundschaft für das junge Zebra und das Zugehörigkeits- gefuhl, das sie mit der Zeit für feine Herde gewonnen hatte, sie immer wieder davon ab. Und sie merkte auch bald, daß sie eines herzlichen Will- ,s°'ien dieser fremden Pallahs durchaus nicht gewiß sein durste Oftmals begegneten sie ihr mit mehr Mißtrauen und weit weniger freundlich, als die Zebras es damals getan hatten. So blieb sie denn, wo sie war, und freundete sich allmählich mit ihrem Los an Nach und nach macht sie sich die Vorsichtsmaßregeln der Zebras zu eigen, lernte ihre Warnungszeichen verstehen, ja, empfand sich bald nicht mehr als Einzelwesen, sondern als Glied der gesamten Herd». Die Angstzustande, die oft ganz grundlosen Schreckansälle, die sie gequält hatten als sie noch so ganz allein umhergeirrt war, wiederholten ich immer seltner und horten schließlich ganz auf. Erst als sich diese ungewöhnliche Scheu der Herde bemächtigte, teilte der Zustand sich auch ihr sofort mit Wenn sie alle plötzlich durchgingen — oft wußte nicht eins von ihnen, was 105 mar — machte auch sie die fürchterliche Angst der wild Davonsprengenden mit durch. , ®'nes Abends, als die Zebras sich langsam zum Fluß hinabgrasten, stieß die Pallah unversehens auf Spuren ,m Gras, die ganz offenbar von ihrer eigenen Herde herrührten. Ja, kein Zweifel: hier waren noch vor kurzem Pallahs vorbeigekommen! Es war nur eine Vermutung aber die Vermutung verstärkte sich immer mehr, daß sie hier endlich aus der Spur der Herde war, in der sie zur Welt gekommen und von der sie erst vor wenigen Wochen getrennt worden wär. Einen kurzen Augenblick lang wurde sie von zwei Empfindungen hm- und hergeworfen: sollte sie bei den Zebras bleiben, bei denen sie doch fh flutet Sjut Mat? Dbct füllte fie nicht lieber fotttDanbern, immer den Spuren im Grase nach, wieder einsam und schutzlos — ja — aber nicht auf lange, da doch das Wiedersehen mit ihren Lieben ihr bevorstand? Indes sie so noch zögernd verweilte, strebten die Zebras äsend weiter auf die Stelle zu, wo der Pfad durch den Busch zum Fluß führte. Schon war die Pallah von ihnen getrennt, und als sie dies gewahrte, wurde der Wunsch, auf eigene Faust loszuwandern, mit einemmal übermächtig in ihr. So wandle sie sich denn vollends ab und verfolgte emsig die entdeckte Fährte. Die führte sie vom Fluß fort, quer über ein Stück freien Steppen- lands. Die kleine Pallah vergaß, zu trinken, vergaß alles außer der wachsenden Gewißheit, daß es wirklich die Ihren sein mußten, die dieses Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3, Engelhorns Nachf., Stuttgart. 7. Fortsetzung. (Birnfnf,ner^h9r-r^n^rnun9 st°ht unter einer Baumgruppe eine Herde ® k « ra9en «ns Laubwerk hinauf, die gefleckten Leiber und halse sind fast nicht zu unterscheiden, solange sie sich nicht bewegen St W h°nronn?at f f ich°u 8-sehen, und da zur Zeit nichts andres in Sicht ist, beginnt er sie anzuschleichen. Näher und näher schiebt er sich heran, ohne Verdacht zu erregen. Jetzt f,Vc.nn.t "fünf ausgewachsene Giraffen, und ein noch ganz, ganz Junges ist dabei. Er weiß: wenn die Giraffen sortgaloppieren, kann er sie nicht aber wenn sie das Kleine.im Stich lassen, kann er das m,t Leichtigkeit reißen. Und so kriecht er mit der Absicht vorwärts, das Junge möglichst von den Großen abzuschneiden. Noch steht seine Mutter vei ,ym: die Vorderbeine weit auseinandergespreizt, hält sie den Kopf r ®re 'R'a,e an eineln niedrigen Ameisenhügel zu reiben. Aber Plötzlich wird sie stutzig, blickt unruhig auf und gerade in ein Paar Augen, öie hinter den spärlichen Halmen hervorglühen. Obgleich die Giraffe keinen Laut von sich zu geben vermag, wissen Ole andern vier, die gerade durch die Baumgruppe von ihr getrennt sind, iofort, daß da Gefahr ist. Und mit durch die Luft wirbelnden Schwänzen luchen sie eiligst das Weite. Eine Sekunde lang ist es, als ivolle die miraffenmutter ihnen folgen: dann aber wendet sie sich ihrem Kleinen zu, und — indem sie es vor sich herdrängt — macht sie sich mit ihin so schnell, ms es seine kürzeren Beine erlauben, davon. Sie folgt der Richtung, in oer die andern geflohen sind, die weit drüben schon in der dunstigen yerne verfchwinden. Immer wieder wirft sie ängstliche Blicke nach hinten. JJer Lowe hält sich nicht länger mit Kriechen auf, sondern rückt rasck) offen naher, ganz ohne seine sonstige Vorsicht. ,, ,®*e Giraffenmutter begreift, daß Entrinnen unmöglich ist. Sie-macht ^hrt und stellt sich dem Löwen entgegen. Geschwind bugsiert sie das -tleine mit ihrer Schnauze an den einzigen Platz, wo es verhältnismäßig inyer ist — nämlich unter ihren Bauch, zwischen Vorder- und hinter- Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 29. August " ~ nKt-e äe ' 1r fei." schreckliches Brummen und Knurren, und wird' obendrein noch gequält und verwirrt durch die fortwährende Drehbewe- 9“n9 ,*Jrcr butter und die sanften Püffe, die sie ihr versetzt wenn fie ar? uni? »Ä” J’jm Siopf stößt sie gerade an der Mutter Bauch nach demÄven. ^^derbemen hindurch starrt sie voller Entsetzen So vergeht eine Stunde. Unermüdlich bleibt die Mutter in ihrer See« bi^'Öp5 6 örel>t[ lanr9|am- nicht zu langsam, nicht zu schnell, rnwJLs9 unablässig auf den Femd gerichtet, jede Absicht zu über« Qjcf)enbein Angriff, zu urplötzlichem Ansprung durchschauend. Aber als d,e Sonne nut immer stärkerer Glut herabbrennt, beginnt des Läuu>n mff«"s'nr9 Einmal bleibt er stehen und nimmt die Giraffe all Dann T 7 " wohl einen plötzlichen Ueberfall wagen “ L SR ber fon9t " wieder langsam an zu kreisen: doch sein Blick £ es aufi^Tn,9^,*" b6r "scht mehr so sicher. Und plötzlich gibt er sich a'uf An h2w7/ °""" nod> Surückzuwerfen, macht u G.iraffenmutter wartet noch ab, bis er außer Sicht ist, dann aber ?u fh.Mpn'^unh Qhn9en f)Q,!S l)?.rab/ "'N 'hr Klemes in die nötige Richtung Gefährten nack? Ziehen sie beide in aller Ruhe ihres Wegs — den Zunächst sah sie nichts als Elefanten-, bann ober hob eine Elefanten kuh ihren Rüffel hoch und es öffnete sich in all dem Grau ein schmaler Spalt, durch den die kleine Pallah sehen konnte, wie die Hunde fortliefen. Sie blieb stehen, lief sogar wieder ein Stückchen zuruck (wobei sie sich aber beileibe nicht aus der Herde entfernte) und konnte ine Hunde nun noch deutlicher sehen, wie sie zu einem Baum liefen und sich dort meder- leaten Es war gut zu merken, daß sie sie noch keineswegs vergessen oder qar aufgegeben hatten. Nein, sie lauerten sichtlich darauf, daß sie ihr Schußgehcge verlaßen und ihnen doch noch zur Beute fallen werde. Aber die kleine Pallah dachte nicht daran, ihnen diesen Gefallen zu tun. Sie aerade noch vor kurzem gemachte Erfahrung, daß es Sicherheit nur in der Gesellschaft andrer Tiere gab, die Furcht vor der Einsamkeit rieben sie schnell wieder in die Mitte der Herde zurück, d,e sich letzt langsam in Bewegung setzte und mit der sie nun gleichen Schritt hielt. (Fortsetzung folgt.) Spätsommer. Von Hans Leifhelm. Der Lattich breitet sich übcrm Schutte, Wo einst sie gruben nach Sand und Kies Granatrot leuchtet die Hagebutte, Es haust die Spitzmaus im Dornverlies. Sie Grillen zirpen endlose Sage, Aus feuchter Tiefe hallt Unkenklage. Zaunkönig schlüpft durch das Strauchgefieder, Elbisch entschwindend, ein flüchtiger Gnom. Spätsommerfonne sinkt bald hernieder In gelben Abends metallnen Strom. Schon rührt der Igel sich in der Hecke, Schon streckt im Bruch sich die Nebeldecke. Am harzigen Stamme wimmelt und klettert Ameisenvolk wie in Zauberei, Stockende Stille — fanfarend schmettert Vom fernen Sorf der Hahnenschrei. Es kommt ein Karren, mit Klee beladen, Er schwankt inmitten von duftigen Schwaden. Der Menschenheimkehr harrt das entfernte Gehöft, die Tore weit aufgespannt. Von allen Siedern weht Ruh der Ernte Und unablässig steht überm Land Wie Ton von Hummeln, wie Ton von Bienen Das dunkle Summen der Dreschmaschinen. Oie Salige vom Gollinberg. Rach einer Kärntner Sage. Von Hedwig For st reute r. Am Wörthersee in Kärnten erhebt sich der Gollinberg, nördlich von den Moßburger Moosen begrenzt, mit dem Südhange sanft zum Wasser abfallend. Der Nordabhang zeigt eine Felsenhöhle, eine Wand, vom Schnee- und Regengetropf durchspült und zerklüftet. Riesigen Stühlen gleich dehnen sich zerspaltene Steine, und das Volk erzählt, daß in mondhellen Nächten die saligen Fräulein dort an der Salmvand ruhen. Sie reden und lachen miteinander; das tönt wie Seufzen des Windes im Fels, wie Wassermurmeln und Bäumerauschen, melodisch und gedämpft. Wie sie selbst nur sanfte Rede hin und her gehen lassen, so lieben sie auch bei anderen keinen Lärm und ziehen sich zurück, wenn jemand singend oder peitschenknallend des Weges kommt. 'Menschenscheu und leicht zu verstören sind die Saligen, aber wiederum auch hilfsbereit und voll Sehnsucht nach Liebe. Zu den Zeiten des Vollmondes wächst diese Sehnsucht mit dem steigenden Licht. In solchen Nächten spähen die Jungfrauen von ihren Felsensitzen ins Tal; die Wege und Bergpfade liegen wie helle Bänder vor ihnen im Gestein, und sie harren, ob die Gestalt eines Jungbauern oder eines Knechtes aus diesen Wegen daherkommt. Dann locken sie den Einsamen mit mildem Wort ober, falls er flieht, stürmen sie zu ihm nieber, ihre Schüchternheit vergessend vor dem Glück, einen Menschen zu sehen. Gleich großen unbeholfenen Kindern wissen sie nicht, daß ihre wilden Umarmungen Sterblichen Gefahr bringen, und wenn der Mann, der in ihre Gewalt kommt, nicht starken Geistes ist und sie mit Drohwort und dem heiligen 'Zeichen des Kreuzes beschwört, kann es sein, daß er erdrückt niederfällt. Aber nicht alle saligen Frauen sind so wilden kindischen Gemütes. Einige sind helleren Geistes, sie wagen sich in die Häuser der Menschen hinab, helfen unerkannt bei der Arbeit und ruhen sich bei ihnen aus. So geschah es auf einem Bauernhof zu Füßen des Gollinberges. Täglich half dort eine fremde Magd beim Heuen in den Wiesen. Sie war jung und hochgewachsen; ihr bräunliches Haar lag in dichten Zöpfen um dir Stirn, und die Augen blitzten vor unschuldiger Lebensfreude. Wer sie genauer ansah, der überlegte, welche Farbe diese Augen hatten. Sie schimmerten braun, graublau oder grünlich, wechselnd wie die Wasser des Sees, wenn Wolken über sie dahinfuhren, Wind sie auftrieb, Sonne Lichter in ihnen weckte. Zwischen der Magd und dem ältesten Bauernsohn ging ein Wetter leuchten hin und her; sie wußten es beide noch nicht, daß sie sich mit den Augen suchten, doch in der Mittagsruhezeit geschah es immer wieder, daß die Magd dem Jungmann zuerst den Bierkrug reichte, und daß e neben ihr lagerte und mit seiner tiefen werbenden Stimme zu ihr spra^ Seine Augen sahen, daß die Frembe schön war, daß ihre Hout nicht der Sonne bräunte wie bei anderen Mäbchen, sondern weiß und blewen klar blieb wie der Schnee an den Gipfeln der Karawankenkette. Niemai Wegs gezogen waren, und daß sie selbst über ein Kurzes bei ihnen sein wurde. Unter einer Baumgruppe, etwa hundert Meter abseits, liegt ein fRubel wilder Hunde. Zwölf find es, lauter stämmige wilde Gesellen mit »einen wie geschaffen zum Rennen und mit mörderischen Korperkrasten. W Löwe und Leopard sind sie der ewige Schrecken aller Herden. Ihre Opfer sind Antilopen oder Gazellen, die allein daherkommen oder die sie mi fiift so von ihrer Herde fortmanövrieren, daß sie ihnen mit Leichtigkeit den Weg abschneiden können; flüchten die Aermsten dann m ihrer Panik noch nach der entgegengesetzten Richtung, bann stürmen die Hunde ihnen nach und schwärmen im Halbkreis auseinander, um ihr Opfer einzukreisen Und so behend sind sie, daß ihnen nur in den seltensten Fallen einmal ein Wild auskommt. Sie reißen das Tier, stürzen sich mit Heißhunger daraus und lassen den Aasräubern wenig übrig; wenn sich bann nach bem Blutgenuh ber Dürft einstellt, trollen sie sich zum Trinken an den Fluh, schlappen mit ungestümer Gier das Wasser, nicht ohne ges^^nnt nach Krokodilen auszuschauen, bem einzigen Feind, der ihnen an Schnelligkeit — wenigstens auf kurze Strecken — überlegen ist, und dessen greulicher Rachen ohne vorherige Anzeichen urplötzlich aus der Flut auftauchen und sie in den Tod ziehen kann. Im Augenblick liegen zehn Stück vom Rudel auf ber Erde, den Kopf auf den Pfoten; die übrigen beiden stehen Wache und nehmen mit schnuppernden Nüstetn Witterung. Ob wohl von irgendwoher Beute winkt? Jetzt schlägt einer ber beiden kurz und lebhaft an. Im Augenblick ist bas ganze Rudel auf den Beinen und hinter ihm her. Schon nach zehn Meter gibt ein andrer Laut und fetzt sich an die Spitze. Jetzt wissen sie, wohin es geht, und fort sausen sie. _ Wie von einer inneren Stimme gewarnt blickt in diesem Augenblick die kleine Pallah pom Boden auf. Die böse Meute sehen und davon- rennen ist eins. In ihrer Sorge, b-en Hunden nach der andern Dichtung hin zu entkommen, verläßt sie die Fährte. Sie muß gegen den Wind laufen und läßt starke Witterung hinter sich, und ihre hohen Sprunge verraten sie ihren Verfolgern immer wieder aufs neue. Doch sie denkt nicht daran, noch an irgend etwas andres als das eine: so schnell sie die Beine tragen vor dem heranstürmenden Rudel geradeaus zu fliehen. Angst und Schrecken erfüllen sie; sie weih, dah es auf Leben und Tob geht dah die Hunde sie einholen werden und daß ihr keine Zuflucht, kein Versteck, keine Rettung winkt, es fei denn ihre eigene Schnelligkeit. Und die will fast versagen! Schon schwärmen sie hinter ihr aus, zu beiden Seiten rast einer ber Hunde dahin, als wollten sie ihr den Weg verlegen, sollte sie je versuchen, nach bem Fluh ober den Bergen hin auszubrechen. Bald werben sie sie ganz umzingelt haben! Ader nicht daran denken letzt । — nur immer vorwärts, vorwärts! Die Angst hockt ihr im Nacken und i peitscht sie zu erneuter Schnelligkeit an; diese Angst durchdringt sie so . völlig, dah sie gar nicht auf den Gedanken kommt, zu wenden ober eine ° anbre' Richtung einzuschlagen als die immer geradeaus. Sie wird müde, aber sie beachtet es kaum. Die Furcht setzt ihr dermaßen zu, dah ihr das Herz wie wild klopft. Atemlos keucht sie, rennt, rennt. Weiter, weiter — blindlings drauf los! Sie denkt nichts, sie hofft nichts — die Angst vor der Gefahr, die da hinter ihr her ist, droht sie fast zu lähmen! Da — als sie keuchend über den Kamm einer kleinen Anhöhe dahin- ftiegt, erblicken ihre angstgeweiteten Augen plötzlich unter sich die verschwommenen grauen Umrisse einer Elefantenherde. Die Tiere stehen in einer geschlossenen Gruppe gerade in ihrer Laufrichtung. Sie selbst ist viel zu angstverwirrt, um sie mit einer Seit- wärtsfchwenkung zu umgehen; ist auch dermahen furchtgeblendet, dah sie nicht in diesen Elefanten ihre Rettung erkennt. Von drei Seiten haben die Hunde mit zurückgeworfenen Lefzen und gefletschten Zähnen sie jetzt umzingelt; auch sie haben die Elefanten gesehen, und die „Flügelhunde" schwenken weiter auswärts, um an ihnen vorbeizukommen. Die kleine Pallah aber bleibt immer geradeaus. Den Bruchteil einer Sekunde lang sieht sie eine graue Masse sich vor ihr auftürmen, sieht eine Oeffnung, die wie ein Tor nach innen führt — und gleich darauf schlüpft sie in dieses Tor, nämlich, zwischen die Beine eines Elefanten, hinein bis unter des Elefanten Bauch. Die Hunde, die ihr fast auf den Fersen sind, -stutzen, als sie ihr Wild so plötzlich mitten in ber Elefantenherde verschwinden sehen. Hüben und drüben stehen japsend die Flankenjäger, und plötzlich fängt einer von ihnen an, seiner ganzen Wut und Enttäuschung in einem erbärmlichen Geheul Lust zu machen. Dann laufen sie alle wie auf Kommando zurück, fcharen sich wieder zum Rudel und werfen sich in der Nähe unter einen Baum. Von dort aus beobachten sie mit glühenden Augen die Elefantenherde, die sie um die schon so gut wie sichere Beute gebracht hat. Die Elefanten. Die graue Mauer. — 21 u f breiter Fährte. — Sorglose Tiere. — Im dichten Urwald. — Nächtlicher Friede. Wieder zum Fluß. — E i n Stück Holz. — Der alte Feind. Die Gazel-lenherde. Als die kleine Pallah sich ringsum von diesen mächtigen grauen Massen umgeben sah, verspürte sie wieder dieses selbe Gefühl der Geborgenheit wie damals, als sie mitten in die Zebraherde geraten war. Diesmal aber war die Gefahr, der sie entronnen, doch noch größer gewesen, und auch die Tiere, bei denen sie Schutz gefunden hatte, waren viel, viel größer. Uebri- gens mußte sie feststellen, daß sie ihren langgestreckten stürmischen Lauf inmitten dieser Herde nicht fortsetzen konnte. Nur ganz langsam und in vielen Windungen kam sie zwischen den Riesenleibern vorwärts: bald muhte sie unter dem Bauch eines alten Bullen durchschlüpfen, dann wieder einem Elefantenkalb ousweichen. Die wilde Hatz lag noch wie ein drückender Alb auf ihr und sie mühte sich, immer noch weiter vorzudringen; dabei überkam sie allmählich jene trauliche Stimmung der Zuversicht, wie sie das Eingeschlossensein im Kreis einer großen Herde verleiht, und da wagte sie es denn, einmal einen Blick nach rückwärts zu tun. als zutraulich, er tonnte nicht um den Bater spielen und schmeicheln, wie es die zarte blondhaarige Schwester tot. Um diese liefen alle Gedanken des Vaters, sie war seine Augenweide und liebstes Spielzeug. Den ganzen Tag schwatzte und lachte sie, und wenn sie anderen, auch den geduldigen Großeltern, oft lästig fiel mit ihren phantastisch ausgeputzten Geschichten, in deren Mittelpunkt sie selbst stand, der Vater hörte geduldig alles an und merkte nicht, welche selbstgefällige Eitelkeit da heranwuchs. Es ärgerte ihn mehr als einmal, wenn seine Frau in ihrem untrüglichen Gefühl für Echtheit das Kind hart ermahnte und von Unwahrhaftigkeiten sprach, wo er nur Uebermut hörte. Theresa grämte sich um die Tochter. Sie fand in ihr das wilde kindische Wesen ihrer Schwestern von der Salawand wieder, vermischt mit menschlicher Geltungssucht. Und der junge Bauer, so sehr er sein Kind liebte, empfand dunkel, daß die Strenge der Mutter aus gramvoller Liebe kam, und er hütete sich, ein Wort des Vorwurss zu sagen. Bis eines Tages das Grausige geschah. Beim Heimweg vom Kirchgänge spielten die Kinder um die Eltern, sie haschten sich auf der Drau- brücke und riefen einander Neckworte zu. Die kleine Tochter trieb ihr ruhmrediges Wesen und Gespreize ärger als je, sie zieh den Bruder der Lüge und reizte ihn mit Spottreden, ungut zu hören. Da tat die Mutter einen Schritt auf sie zu, nahm sie beim Handgelenk und stieß die Eifernde mit einem Ruck iw das quirlende Wasser der Drau. Freilich nur, um gleich nachzuspringen und nach der Treibenden zu greifen. Man zog beide ans Land, das Kind tot, die Frau noch mühsam atmend. Lange lag sie krank, und als sie gesund wurde und wieder umhergehen konnte, geschah es mit bleichem, erstarrtem Gesicht, das kein Lächeln mehr kannte. Niemand sprach einen Vorwurf gegen sie aus, aber die ungesagten Worte hingen drohend in der Luft, sie verdunkelten das Licht der Einige feit, das bis dahin hell und freundlich in dem Haufe schien. Vor allem der beraubte Vater ging in einer solchen Wolke von Trauer umher, daß in seiner Nähe nur Schweigen und Beklommenheit fein konnte, jedes harmlos heitere Wort erfror. Die Frau lebte Wochen unter diesem Druck, sie suchte durch Liebe und Demut die Verfinsterung des Mannes zu durchdringen. Da traf sie einmal fein Blick, als sie die Hand hob, ihn zu streicheln. Ein Blick der Trostlosigkeit und Abwehr. Sie ließ den Arm sinken, ging aus der Tür, strich im Halbdämmer der Küche ihrem Jungen über das Haar und verließ wie eine Gejagte den Hof. Ein Knecht, der von der Alm heimkehrte, sah sie am Waldrand anhalten und zurückblicken. Ihr Gesicht leuchtete hell und wächsern wie das Antlitz einer Ueberirdischen. , Der Bauer forschte Theresa zunächst nicht nach. Er lebte dahin zwischen Arbeit und Grübeln, verzehrte sich in Sehnsucht nach seinem Kinde und grollte der Frau. Tief in ihm aber lebte versteckt ein schweres Sehnen nach ihrer Schönheit und Sanftmut, und er bereute den Blick des Vorwurfs, der sie vertrieb. Aber so oft er nach ihr Ausschau hielt, an klaren Tagen, in der Stille der sommerlichen Wiesen oder im Schweigen mondheller Nächte, sie kam nicht wieder. Auch die seltsamen Erntegäste, die zu ihrer Zeit geholfen hatten, fehlten jetzt. Dennoch blieben Wohlstand und gute Ernten dem Hose treu. Das Getier, das Theresa geliebt und gepflegt hatte, war um den Bauern und erinnerte an die Frau; das Geflatter der Tauben und Hühner im Hof, die zahmen Lämmer und die Kühe, die beim Klang ihrer Stimme brummend den Kopf gedreht hatten; die Katze, der Vogel im. Käfig. Abends schossen die Schwalben über den Hof, wie an jenen guten Feierabenden, als sie noch ruhend neben ihm faß. Das Käuzchen rief vom Walde her, und die Eule strich lautlosen Fluges um das Gebälk. Dann schien es dem Bauern, als ständen Theresas helle Augen nahe vor ihm, sie lockten mit ihrem sehnfüchtig-saugenden Blick, aber wenn er aufstöhnend ihren Namen rief, war die Vision verschwunden. Darüber gingen die Jahre. Sein glattes Gesicht furchte sich, die dunklen Haare durchzogen Silberfäden. Neben ihm wuchs der Sohn auf, schlank, feingliederig. Sein stilles Wesen war seit dem Fortgang der Mutter noch scheuer geworden, er sprach wenig und liebte den Vater mit einer selbstverständlichen wortkargen Liebe. Die Schule lag hinter dem Jungen, auch das Seminar und die ersten Unioersitätsjahre, denn er wollte Priester werden. Am Tage seiner Einführung, als sie eben aus der Kirche zurück waren und der junge Priester feiner Mutter gedachte, die unter ihnen fehlte, kam eine schöne jugendliche Frau durchs Tor, schritt leichten Fußes über Hof und Diele, geradewegs auf den eben Geweihten zu, begrüßte ihn mit einem Suffe und brachte zwei goldene Aepfel als Primizgeschenk. Es ging ein Leuchten von ihr, als sie lächelte. Da sahen alle, daß vor ihnen die Bäuerin stand, die so lange fortgewesen war. , ,, .... „ , Der Sohn nahm ihre Hand und staunte sie an, sehr hoheitsvoll und herrlich schien ihm die Mutter. Die Heimgekehrte hielt seine Rechte fest in der ihren und sah fo zu ihrem Manne auf. s freute kann ich sagen, warum ich damals unser Kind in den Tod schicken mußte. Wir Leute vom Berge haben das zweite Gesicht. An jenem Tage, als die Kleine eiferte und schalt, sah ich, daß sie ein schlechtes Leben führen würde, für sie und für uns schlimmer als ihr Tod. Da mußte ich ihr zu dem gnädigen Ende helfen. Doch im gleichen Augenblick stieß mich der Jammer um bas Leben, bas ich geboren hatte, unb ich bot mein Dasein um das ihre. Der Tausch aber wurde nicht angenommen." Der Bauer schwieg. Ihm war die Wahrheit lange aufgebammert, menn er rückblickend die Ereignisse wieder unb roieber burchprüft hatte. Unb er streckte die Hand aus, die immer Geliebte an sich zu ziehen. Aber sie war wie ein Nebel vergangen. Er spürte noch ihren Hauch neben sich, sah ihr blühendes helles Gesicht, und doch war sie schon nicht mehr ^"^Jhr^Abschiedsruf klang weit von den Bergen her, die Salawand glühte !m Licht der scheidenden Sonne, und etwas von dem Glanz, der dort oben webte, lag auch über dem Rund der goldenen Früchte vor dem ernsten jungen Priester. Er schloß die Hände fest um dies letzte Geschenk der Mutter. verbrachte Theresa eine Nacht im Bauernhause; sie verließ den Hof, wenn ber letzte Wagen durch das Tor geklappert, die letzte Kuh gemolken, der letzte Teller vom Abendtisch gespült war. Schnell trat sie aus dem Tor, unb wenn jemänb ihr nachsehen wollte, wandte sie den Kopf und lächelte zurück. Bei diesem Lächeln ging von ihrem Gesicht ein so starker Glanz aus, daß der Nachsehende geblendet die Augen schließen mußte, und wenn er sie wieder öffnen konnte, war der Weg leer. Nur gegen den Berg- walb hin, zwischen den Stämmen, glänzten noch verloren ihr Kleid und das helle Kopftuch. Einmal aber, an einem sehr heißen Tage, als Gewitter niebergingen unb die Mittagsruhe sich deshalb weiter ausdehnte als sonst, in dieser drückenden Stunde trieb die Müdigkeit die ftemde Magd zum Ruhen ins Haus. Die Knechte und Mägde lagen im Heu in der Scheune; in diesem Dunst mochte sie nicht schlafen. Sie klinkte Türen auf,-sah in halbdunkle dumpfe Gelasse und sank in einem Raum, dessen schmales Fenster weit offen stand und den Blick auf den regengetriebenen See freigab, mit zufriedenem Seufzer auf ein Bett. Ihr Haar löste sich unb fiel weit über Kiffen und Bettpfosten hin zur Erbe. Sie war, ohne es zu wissen, in die Stube des ältesten Sohnes geraten. Die Bäuerin, durchs Haus streifend, wie bei jedem Gewitter, daraus bedacht, daß alle Fenster vor Regen unb Blitz geschlossen seien, stand in des Sohnes Kammer wie betäubt vor dem schlafenden Weib. Zorn und Beschämung wallten in ihr, denn hier schien nur eine Deutung möglich. Aber verstänbig bedachte sie gleich darauf, daß sie selbst vor Minuten die Magd wie betäubt ins Haus schleichen sah, und daß ber Sohn die ganze Zeit mit dem Vater unter dem Küchenvorbau stand und das Einsahren beredete. Jetzt sah er in die Türe, blieb auf ber Schwelle stehen, und vor dem echten Ausdruck feines Erstaunens verlor die Frau den letzten Rest ihres Verdachtes. Mit sanfter Hand nahm sie das niederhängende Haar der schönen Schläferin vom Boden auf und legte es über das Kiffen. Sie ahnte nicht, daß sie damit, einen Zauber beging. Das yjaar eines faligen Fräulein muh beim Ruhen stets bis auf den Boden hängen, damit sie den Kontakt mit der Erde und ihre Kraft als elfifches Natur- wefen behält. Die Schlummernde spürte wie einen elektrischen Schlag die Berührung ihres Haares, die Kraft, die von ihr wich. Verstört fuhr sie auf, sah mit den überhellen Augen auf Mutier und Sohn, fand ihr Haar rieben sich auf das Kiffen gebreitet, nicht mehr herabhängen und begriff. Mit einem Wehlaut verbarg sie das Gesicht, klagte so schneidend und verzweifelt, daß ber Mann sich davonschlich, in tiefster Seele verstört. Die Mutter aber blieb; sie wartete, bis bas Weinen sanfter wurde, saß neben der Traurigen unb hörte ihr Schicksal, daß sie eine Salige sei, bestimmt, frei zwischen Bergen und Himmel zu schweifen... Durch das Aufheben des Haares fei sie gebannt unb müsse in dem Haufe bleiben, wo ihr solches geschah. Die Bäuerin lächelte so zart, daß ihr breitknochiges Gesicht fast lieblich wurde, sie stellte mit sorglicher Stimme Fragen und gelobte Schweigen gegen ihren Sohn. Nach ein paar Tagen wußten alle im Haus, daß ber Jungbauer die fremde Magd zur Frau nehmen würde. Und die Hochzeit geschah bald mit Tanz unb viel Fröhlichkeit. Am Morgen dieses Festes ließ sich die Braut von Schwiegereltern und Bräutigam in die Hand versprechen, daß man ihr nie etwas verweise ober tabele, auch wenn sie einmal Seltsames beginge. Sonst mutze sie vom Hose weichen. Sie erhielt bas Versprechen. Mit Kopfschütteln, benn dies war das Verwunderliche an dem fremden Mädchen: sie tat nichts Falsches ober Unrechtes. Alles was sie angriff, geschah frisch unb geschickt unb doppelt so flink wie bei anderen. . Eine Glückszeit begann. Der Wohlstand des Hofes mehrte sich m diesen Jahren. Es war, als seien neue gute Geister mit ber gretnben ins Haus gekommen. Man sah unter ben Schnittern au den Atoiwie en, sah beim Viehhüten, beim Einfahren unb Füttern oft fremde Gestalten. Sie halfen, als gehörten sie zum Gesinde. Einige waren lieblich, mit Gesang und Scherzreben begabt, manche wunderlich, wirr unb fremo, mit breiten Füßen und watschelndem Gang. Alle schienen mit der Theresa bekannt unb ihr auf eine zärtliche Weise verbunden. Aber nie sah man bie junge Bäuerin mit ihnen reben, es ging nur fo ein Nicken unb Augen- grüßen hin und her. Auch war nichts Scheues oder Wildes mehr an Der jungen Frau. Freilich fang sie oft allein für sich, Lieber, fo traurig-stiß, baß bie Mädchen sich unter ihr Fenster schlichen und böse die Burschen abwehrten, die kichernd mit handgreiflichen Scherzen folgten. Di» Frau schalt nicht, wenn sie die Lauscherinnen entdeckte. Siehatte elpe G ibe, die Herzen zu gewinnen, mit einem Wort, einem l_ad)cin. (Schor"'.irr oerroeigerung ober Schmollen gab es vor ihr nicht. Sie war selbst viel iu frohherzig, zu fleißig und lebensvoll, als baß irgenb jemanö in ihrer Nähe in mürrisches Wesen verfallen konnte. Fröhlich war die junge Frau und liebte doch d,e Einsamkeit. Sie gmg gern allein vor das Tor, besonders bei Mondschein. «jf)r Mann folgte zu w-u-ri. denn ihn bedrückte oft bie Angst, sie könne einmal so weggehen uu-> nicht zurückkommen. Er dachte ihres abendlichen Fortgleitens, als j e noch Magd war. Wie sie sich dann umzuwenden und zu lächeln pflegte mit dem wie von innen verklärten Gesicht. Auch jetzt trmg ihr Antlitz f diesen Schein, ihre Augen waren so durchdringend licht, wie Die eines Nachttieres. Er fragte sich, was auf dem Grunde dieser Augen lag. War die uferlose Sehnsucht, die ihn da ansah, Liebe ober nur bie Unraft schwwfender Kreatur? Woher kam sein Weib, ehe sie zu ihm fand. Dies Nichtwissen brannte ihn, aber er hatte sie zu lieb, um sie auch nur nut ^'"Wenn°1hre" Friedlosigkeit auch ihn überkommen wollte, fo n>anbte er sich zu seinen Kindern, spielte mit ihnen, ober ftanb abends an ben -Bette ber Schlafenden, hingeqeben an ben Frieden ihrer reinen Zuge. Gerade bei diesen Kindern aber griff ihn das Schicksal an. Der Knaoe war still und verschlossen, er lernte lantrfam, aber behielt, was er ge Wen hatte, in seinem gewissenhaften kleinen Kopf. Sem Wesen war eher scheu Lied -weier Alien. Von Hermann Claudius. Alle unsere Kinder wandern von uns aus, alle nacheinander. Einsam wird das Haus. Du und ich, wir beide bleiben dann allein. Es wird wie am Anfang endlich wieder sein. Und wir sitzen wieder wie ein junges Paar. Und ich streichle leise dein ergrautes Haar. Wiegenlieder singen durch die laute Zeit. Und der Große Pförtner steht am Tor bereit. Alles schrumpft zusammen in ein einziges Licht. Und wir schauen Gottes ewiges Angesicht. Oll Kaptain Hinnerk. Eine Geschichte von Friedrich Freksa. Lucie sollte die größte und beste Strandburg haben! Das war mein fester Vorsatz, und ein neunjähriger Junge ist hartnäckig, wenn er eine kleine Jugendfreundin hat. Lucie beteiligte sich nicht am Schippen: sie war für Schönheit Sie holte Strandblumen und pflanzte sie in die Mitte auf den Hügel. Sie freute sich, daß die Burg, an der ich tagelang geschuftet hatte, den Leuten aufficl, die besonders mein kunstvolles Bewässerungssystem bestaunten. Aber freilich, der Neid blieb nicht aus. Morgens fand ich oft die Walle niedergetreten, die Kanäle verstopft. Und Lucie war herzlos genug, zu sagen: „Ach, laß doch die dumme Buddelei, wir wollen lieber auf Forschungsreise ausziehen!" Uni> dann trabten wir den Strand hinunter und sahen uns die Menschen an, und Lucie, die kleine Hexe von acht Jahren, machte boshafte Bemerkungen über die Kleider der Damen und über die fetten Herren mit Glatze. !Ganz hinten am Strand, nach dem Hafen zu, an der Mole, stand ein Haus aus dunkelroten Ziegeln mit einem Schieferdach und weißen Fehsterladen. Es war ein schmuckes Haus, aber ein Fischerjunge warnte uns: „Da drin wohnt der alte Hinnerk! Der hat mit den Kannibalen gefrühstückt! Der ist gieprig auf Kleinkinderfleisch!" Lucie stand da, ganz gespannt, und schaute wie verzaubert auf das Häuschen. Und dann fragte sie den alten Großvater der Fischersleute bei denen wir wohnten. „O", sagte Großvadding, „oll Kaptain Hinnerk? Man 'n büschen wunnerlich, aber 'n feiner alter Schiffer! Zwölfmal ist er um Kap Horn geseilt und achtmal um die Gute Hoffnung. Wenn der vertellen wollte — Aber hei veriellt nix!" „Und er war bei den Menschenfressern?" fragte Lucie. „0", meinte Großvadding, „bei den Fidschis war er auch, aber sreeten haben sie ihn nicht." „Und er selber? Hat er sich's anaewöhnt?" Großvadding lachte: „So in die Äeppelbacken von 'ne hübsche Seern weiht du, da hat er schon hineingebissen, aber nix abgebissen!" „So", sagte Lucie und wurde ganz rot, „ich versteh schon." „Bist du so haut? Dann kann aus dir noch was werden!" Und nun war meine kleine Freundin nicht mehr zu halten. Sie lief, sowie sie freie Zeit hatte, den Strand hinunter und stand dann dreißig Schritte entfernt von dem schmucken Häuschen und schaute hin Ich wollte sie fortziehen, aber sie war wie gebannt. Und dann am Nachmittag, da kam der alte Hinnerk selber heraus, mit einer holländi- schen Tonpfeife in der Hand, und ging in der Sonne vor dem Häuschen auf und ab. — Da ging Lucie ganz langsam näher. „Guten Tag ook, Kind", sagte der alte Hinnerk, „suchst du wen?" Lucie stellte sich auf die Zehenspitzen, schaute ihn aus ihren blauen Augen ernsthaft an und sagte: „Ist es wahr, Herr Kaptain, Sie sind siebzehn Mal um das Kap Horn gesegelt?" „Na", sagte Hinnerk, „siebzehn ist 'n büschen reichlich, es werden wohl zehnmal gewesen fein." Ich kam nun auch langsam näher und hörte, wie Lucie atemlos fragte: „Und war das nicht furchtbar schrecklich?" „Ach", sagte Hinnerk, „man wird das alles gewöhnt! Wir sind da I" lunfzig Tage auf und ab und kamen immer durch den alten Fjord nicht durch, und oben auf den Bergen war Eis, und drunten die Luft war diesig, und die alten Eingeborenen, die wetzten schon ihre Messer weil sie dachten, wenn wir scheiterten, dann würden sie mal was Besseres zu fressen bekommen als ihre alten Muscheln!" „Sind das Menschenfresser?" „Nö , sagte Hinnerk, „aber sie sind ’n büschen doll auf das Salz, fleisch und auf Speck und Wurst und Konserven. Alles, was der Mensch nicht hat, das möcht er am liebsten haben." Und dann ging er zu der großen dicken Holztür und zog sie am Messingknops auf und Lucie starrte in die Diele, und ich stand hinter ihn Ja, das sah aus wie eine Zauberbude. Da drinnen, da lagen Neger- spieße am Boden, und in der Ecke lugte hinter einer Kommode eine mächtige Frauenfigur mit erhobenem Finger hervor. Starr sah sie uns an. Und von der Decke schwebten Schiffe herab, Schiffe mit Segeln, Schiffe, wie sie in uralten Zeiten über die Meere fuhren. „3a, Kinnings", sagte der alte Hinnerk, „wenn ihr mal eintreten wollt, dann könnt ihr mein Museum besichtigen. Kost' nix!" Und dann traten wir auf Zehenspitzen ein, schauten uns um und oü Hinnerk setzte sich in einen mächtigen Ohrenstuhl, der mit geblümtem Stoff bespannt war, und griff in eine Ecke und holte ein Kästchen hervor. Das Kästchen war jo groß, wie feine beiden Hände, und da drinnen war ein wunderbarer blauer Schmetterling, groß wie das ganze Kästchen. „Tja", fagte oll Hinnerk, „den hab ich im alten Brasilien gefangen-, und mir mitgenommen als Andenken. Da bin ich von Rio de Janeiro raufgegangen, auf den Zuckerhut. Da hab ich den gekriegt." „3ft der schön!" staunte Lucie. „Tja, der is schön! Aber nu paß mal auf, so groß sind die Schmetterlinge da, und Bögelchen so ganz klein. Habe ich auch einen!" Und er holte ein kleines Kästchen hervor und zeigte uns einen funkelnden, blitzenden Kolibri. „Diese Kolibris, die nähren sich wie die Heinen Schmetterlingevon dem Bllltenhonig, so sind die! Und da müßt ihr mal so in dem Urwald fein! Da ist alles dunkelgrün! Und wenn du denkst, über dem Boden schwebt ein Zweig ober eine Liane, die sich an dem Baum emporringelt, dann aus einmal ist es ’ne alte Schlange, und die ist dann falsch, wenn du sie in ihrem Mittagsschlaf gestört hast! — Da schaut sie euch an, da habe ich eine Boa Constrictor geschossen! Meßt nach, achtzehn Meter ist sie lang." Und wir gingen an die Kommode. Da war, gewickelt zu einem dicken Ballen, eine mächtige Schlangenhaut. „Was ist das mit der Frau?" fragte ich und zeigte auf die Figur, die den Zeigefinger an die Lippen legte. „Tja", fagte Hinnerk, „das ist wieder eine andere Geschichte. Das ist die stille Mathilde Boß! Das war die Tochter von dem Reeder Boß, und die war man sehr schweigsam. Und als sie bann glücklich heiraten sollte, da fiel sie vor dem Altar um und war tot. Der Vater, der alte Reeder Voß, war ganz schwermütig, und das neueste Schiff, was er hat machen lassen, das hat er nach feiner Tochter genannt: „Die stille Mathilde". Ihr Bild hat er als Gallionsfigur vorn aufgemacht. Tja, und dann ist die „Stille Mathilde" vor zwanzig Jahren hier an der Küste gescheitert. Damals war ich noch Pilot vom Rettungsboot, bin hinaus mit den andern, und wir haben die Mannschaft gerettet. Und als bann bie „Stille Mathilde" antrieb, da habe ich sie zum Andenken mitgenommen." „Das muh doch aber sehr gefährlich gewesen sein?" „Nö", sagte oll Hinnerk, „nö, das is für unsereins genau fo gefährlich wie Omnibusfahren in der Stadt!" llud rote er das gesagt hatte, da schaute ihn Lucie ganz ehrfürchtig an. „Was ist denn bas?" rief ich und zeigte auf ein großes weißes Horn mit goldenem Rand. „Ho", sagte oll Hinnerk, „da hast du was Schönes gefunden! Das ist bas Trinkhorn von meinem alten Freund aus Nigeria, dem Häuptling Husambo. Das war ein toller starker Kerl, der war beinah stärker als ich. Wir haben mal eine Probe gemacht. Paß mal auf, Junge, nimm die rechte Hand hoch und den linken Fuß vor. Und nun lege ich meine rechte Hand gegen deine, und wer nun den andern vom Platz schiebt, der hat gewonnen." Und natürlich schob er mich vom Platz. Lucie aber sagte: „Aber, Kap- tarn, wenn bu auch sitzt?!" Da lachte ber alte Hinnerk: ,Zch muß schon sitzen, denn ich hab das Reißen in den alten Knochen. Aber schaut euch bas Horn an, bas ist die vorbere Spitze vom rechten Stoßzahn eines Elefanten! Und ich sage euch, wenn man da einen guten Grog reingießt, und trinkt den aus, dann ist man duhnl" Das war für eine Nachmittagsstunde für uns Kinder mehr als genug. Wir gingen voll und schwer von dem Ereignis nach Hause und sagten unfern Eltern fein Wort davon. Und dann gingen wir täglich ^nLaltcn $it1nerf- und er erzählte uns Geschichten, die schönsten Geschichten, die wir je gehört hatten. Aber alle Ferien haben ein Ende. Wir nahmen Abschied vom alten Kaptain und fuhren wieder heim, um auf die Schule zu gehen. Aber im Gang des O-Zug-Wagens gestand mir Lucie: „Du, der alte Hinnerk, bas ,st eine gute Partie! Wenn ich älter werde, bann heirate ich ihn! Was meinst bu dazu?" „Heiraten willst bu ihn?" „Ja!" sagte Lucie, „denk doch mal an, was ber alles hat! Der ist eine feine Partie!" ' Nie bin ich so unglücklich gewesen wie an diesem Abend, denn ich selbst wollte doch Lucie heiraten, und nun hatte sie es auf den alten H'nnerk abgesehen. Und ich träumte von ihm als von einem ganz alten, falschen, scheußlichen Zauberer. — Aber als wir bas nächste Jahr wieder hinauskamen an bie See und nach dem alten Hinnerk fragten, da sagten uns bie Leute, wir sollten mal Kirchstraße 11 fragen, da hätte er jetzt fein Quartier. * Da gingen wir zur Kirchstraße Nr. 11, und mein Herz war fo schwer, weil ich Sudes Vorsatz kannte. Aber als wir Kirchstraße Nr. 11 anlangten, ba war es der Friedhof, und da lag der alte Hinnerk und ruhte schon seit sechs Monaten von seinen Fahrten und Abenteuern aus. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlschr Universitätsdruckerei 2t. Gange, Gießen. SiehenerZamilienbliitter llnterhaltungrbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den [. August Nummer 59 Dies Abkommen, sehr bald durch Vereinbarungen über das Zusammen- 21 16 11 6 Z £ fr S 9 L 8 6 Cyan Grey 1 Magenta Black Deutschland lebte im Frieden seiner Arbeit und seines Wohlstandes, den es, gestützt auf seinen Fleiß, seine Begabung und auf die glückliche wirkens der beiderseitigen Flotten im Falle eines Krieges mit Deutschland. England wird die ganze Nordsee einschließlich der französischen Nordküste unter seine Fittiche nehmen. Frankreich übernimmt das Mittelmeer, denn man weiß noch nicht mit Bestimmtheit, aus welche Seite Italien, das vertraglich immerhin ein Mitglied des mitteleuropäischen Dreibundes ist, sich stellen wird. fOie Schöffe von Serajeuw. Von Werner Beumelburg. In diesen ersten Augusttagen geht unsere Erinnerung zurück aus jene Kette von verhängnisvollen Ereignissen zwischen Krieg und Frieden des Hochsommers 1914. In Werner Beumel- burgs Buch „Sperrfeuer um Deutschland" hat der Weltkrieg eine großartige und tiefergreisende Darstellung gefunden. Mit Genehmigung des Gerhard Stalling Verlages i. 0. veröffentlichen wir aus dem bereits im 260 000. vorliegenden Werk das nachfolgende Kapitel, das die Vorgeschichte des großen Krieges packend erzählt. Im Herbst 1912 hebt der russische Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, al# Vertreter des Zarenreiches an den großen französischen Manöver» tefknehmend, beim Abschiedsdiner sein Glas, gefüllt mit schäumendem Champagner, und ruft unter dem begeisterten Beifall der französischen Offiziere: „Ich trinke auf unsere gemeinsamen Siege in der Zukunft! Auf Wiedersehn in Berlin, messieurs!" Rußland hat seine Vorbereitungen für den Krieg noch keineswegs beendet. Es bedeutet eine stete Sorge der französischen Politik und des französischen Generalstabes, die Verwertung der an Rußland gegebenen 19 20 22 2 12 13 17 18 14 15 erständigung mit Deutschland wohl, wenn Deutsch- eiHieui« vpiei dafür bringt und seine Flotte reduziert. Es will sie nicht, wenn es selbst dadurch zu einer klaren Stellungnahme gezwungen wird. Es hat im Gegenteil nichts Eiligeres zu tun, als seinen schon lange bestehenden engen Beziehungen mit Frankreich durch die Marine-Konvention und durch militärische Vereinbarungen einen eindeutigen, gegen die Mittelmächte gerichteten Charakter zu geben. Rasch folgt eine Verständigung mit dem Zarenreich über die alten Differenzen der beiderseitigen Politik im nahen Asien. Sie ist das persönliche Werk König Eduards VII. Das Jahr 1914 zieht herauf, mit ungeheuren und kaum noch erträglichen Spannungen geladen. Rußland schließt mit Frankreich die letzte Milliardenanleihe ab. Sie gilt, wie offen zugegeben wird, für den Bau strategischer Bahnen gegenüber Oesterreich und Deutschland. Ein russischer Kronrat stellt im Februar ein „Aktionsprogramm" auf. Der russische Außenminister Sasanow erklärt vor diesem Kronrat, vielleicht müsse Rußland sich schon in naher Zeit „seiner historischen Ausgabe unterziehen" und die Herrschaft über den Bosporus und die Dardanellen antreten. Es bestehe kein Zweifel, daß dieses Ziel nur durch einen europäischen Krieg erreicht werden könne. Serbien besitzt schon Rußlands geheime Zusicherung, daß die österreichische Provinz Bosnien sein Eigentum werden lalle. Ma» deati a»u> ... 9 10 7 8 0 cm 1 2 3 4 5 Ausbruch. Von Rudolf G. Binding*. Dreimal heilig sprang der Krieg aus den Herzen der Völker. Dreimal heilig ergriffen alle die Waffen Aus einem Meer von Kraft riß sich Begeisterung wie die Sonne, aus hellgem Meere des Ostens:^ Cölour & Grey Control Chart Daneszx ergänzt, hat seine besondere Geschichte. Im Februar pictayy o Haldane in Berlin, um mit dem deutschen Kaiser deutsch-englischen Flottenbau-Verständigung zu be- ,ar naturgemäß nur durch den Verzicht auf einen iprogramms zu erreichen. Reichskanzler von Becher Zweckmäßigkeit einer politischen Verständigung s der kriegerischen Vorbereitungen rings um die rzeugt, war zum Entgegenkommen bereit. Selbst- man von den Briten als Gegenleistung die Zu- lität für den Fall, daß Deutschland auf dem Fest- e- XVZA persönlich wohl mit Bethrnanns Vorschlägen ein- SqMAÄ/ von seiner Regierung zurückgezogen. England fsJ W ab und berief sich darauf, daß ein solches Ver- eundschast mit anderen Mächten beeinträchtigen dieses Land unter sich austeilen mochten. Unter stärkstem Druck versuchen die Großmächte die lüsternen Sieger zu zähmen. Da bricht zwischen den beiden größten von ihnen, Serbien und Bulgarien, der Hader um die Beute aus. Schon schlagen sie auseinander ein. Griechenland ergreift Partei für Serbien. Rumänien, bisher abseits stehend, beeilt sich, Bulgarien in den Rücken zu fallen und sich ein gutes Stück seines Landes anzueignen. Bulgarien, das die Hauptlast des türkischen Feldzuges getragen, erliegt dem Kesseltreiben. Verstümmelt und geschwächt geht es aus dem ungleichen Kamps hervor. Serbien ist der Nutznießer seines Unglücks. Die Stunde rückt näher, in der die großserbischen Träume reifen. Rußland hat während des Balkankrieges und während der Londoner Konferenz gut sekundiert. Noch bevor man in London sich heiß und vergeblich bemüht, den Balkan ZU ordnen, setzen im September des Jahres 1912 nach eingehenden und jahrelangen Besprechungen die Vertreter der englischen und der französischen Admiralität ihre Unterschriften unter die englisch-französische Marine-Konvention. Ihre Bestimmung ist die Regelung des Zusammen- * Die Werke Bindings sind in verschiedenen Ausgaben im Verlag Rütten & Loening in Potsdam erschienen. Blue White Green Grey 2 Yellow Grey 3 Red Grey 4 „ , , ----------- —.. ..... lui/cnvCTi oujrei nach Revanche, von einer verhetzten und durch den letzten marokkanischen Zwiespalt leidenschaftlich erregten Volksstimmung getragen, hat die Regierung sich von der Kammer mühelos die dreijährige Dienstpflicht gewähren lassen. Ihre Auswirkungen werden bald voll in die Erscheinung treten. Man hat, um den Uebergang möglichst kurz zu gestalten, zwei Jahrgänge aus einmal einberufen. Seit mehreren Jahren ist die militärische Organisation der Kolonien so gefördert worden, daß im Kriegsfälle alsbald eine halbe Million Marokkaner und Senegalesen zusammengebracht werden kann, um sie gegen die Mittelmächte zu verwenden. 827 000 europäische Franzosen zählt das Friedensheer von 1914. Das bedeutet eine Prozentzahl von 2,16 auf je hundert Einwohner. In Deutschland beträgt die gleiche Zahl 1,12, in Oesterreich nur 0,90. Die französische Mobilmachung sieht die Organisation einer Gesamtzahl von 3 781 000 kampfbereiten Soldaten vor. In Deutschland sind es ihrer 3 822 000, obwohl das Deutsche Reich fast 30 Millionen Einwohner mehr zählt. Auf den Kopf der französischen Bevölkerung fallen im Friedensetat von 1914 33 Mark für militärische Ausgaben, in Deutschland 20 Mark. Nicht eingerechnet sind die Milliardensummen, die an Rußland gegeben wurden.