SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1938 Freitag, den 29. April Nummer 33 Herz lm LWS Aoman von -Sjone^ofpot von Zobeltih Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 19. Fortsetzung. Scharfer Dienst mußte angesetzt werden, denn es war nicht alles erstklassig, was aus dem Osten kam, wo an ruhigen Frontabschnitten eine Art Schützengrabenverbrüderung mit den Russen getrieben worden war; der Ordonnanzoffizier war anscheinend angesteckt worden von dem Ton. „Ich glaube, der Wallnitz will eine Großkampfdivision aus uns machen", hatte er gesagt. Wallnitz hatte es gehört. „Jawohl, das ist meine Absicht", hatte er entgegnet, „denn das ist der Sinn dieser Neuaufstellungen." Er hatte gemeint, diese Worte würden genügen, um den Herrn zurückzuweisen, aber sie genügten nicht. „Ich dachte, Herr Hauptmann, es gäbe schon genug von der Sorte, die egal Lorbeeren pflücken will. Mein Bedarf an Großkampf ist auf jeden Fall gedeckt." — „Ich . werde Ihnen Gelegenheit geben lassen, Ihre Begriffe von Pflicht wieder etwas aufzufrischen", hatte Wallnitz erwidert. Sie hatten alle ausgehorcht im Stab, denn solchen harten Ton kannten sie nicht an ihm. Der Wechsel im Posten des Ordonnanzoffiziers wurde noch am gleichen Tage vollzogen. Gott fei Dank waren solche Fälle von Gesinnungslumperei selten. Und der Notz war ein anderer Kerl: von Haus aus Kavallerist, aber schon 1915 zur Infanterie gegangen, dreimal verwundet und nun nach einem Lungensteckschuß, den er im Frühjahr siebzehn in 2er Doppelschlacht bei Reims erhalten hatte, nur sehr beschränkt kriegs- oerwendungsfühig; er hätte in der Heimat bleiben können, wenn er gewollt hätte, aber er hatte eben nicht gewollt. So war die Stellung im stab für ihn das richtige; hier konnte man ihn wenigstens etwas schonen, m Graben wäre er bestimmt nach wenigen Tagen erneut zusammen- gebrochen. Es war gut gegangen mit der Division, sie hatte ihre Pflicht getan: • u der großen Schlacht in Frankreich war sie zweimal eingesetzt worden, >or Soissons hatte sie sich in schweren Abwehrkämpfen bewährt, und in der Siegfried-Stellung hatte sie das bittere Ende erlebt. Und auch jetzt war sie nicht aus den Fugen gegangen, trotz allem. Tadellos marschierten die Kolonnen, obgleich die Verpflegung oft hundeschlecht war und die stiefel bei den Gewaltmärschen völlig zerflederten. Wenn jemand in den verfluchten ersten Novembertagen im Großen Hauptquartier von der Un- Ivoerlässigkeit der Truppe gesprochen hatte, hatte er bewußt oder unbewußt die Unwahrheit gesagt. Einen klaren Gegenbeweis als diesen diückmarsch konnte es nicht geben; er war, das erkannte Wallnitz klar, 'n seiner musterhaften Ordnung und in der Summe der zurückgelegten Alometerzahlen in schwierigster Jahreszeit und auf schlechtesten Straßen iie letzte große Leistung der deutschen Armee. Vielleicht fand sich später einmal ein Historiker, der auch dies würdigte. Daß die Leute bei der schweren Artillerie dann und wann murrten, war kein Wunder, sie batten gemäß den Waffenstillstandsverhandlungen im Maastal ihre Geschütze zurücklassen müssen, belgische Zivilisten hatten sie übernommen; tun zogen die Kanoniere mit den leeren Protzen ihre Wege, und es schien ihnen sinnlos, daß sie ohne Waffen noch in Reih und Glied bleiben sollten. „Wir marschieren ja ohne Ehre, Wallnitz", hatte ihr i Kommandeur gesagt, „nehmen sie dem Infanteristen sein Gewehr, er chuft Ihnen einfach weg." Das bittere Ende. Wallnitz kann das alles noch nicht fassen. Er hat seinen Degen in die scheide stecken und abtreten wollen, als die Nachricht kam, daß der Kaiser ihn seines Fahneneides entbunden hätte. Hatte ihn denn der Eid l'bunden, der Eid allein? Hatte es überhaupt dieses Eides zur Treue bedurft? Adel war. von sich aus ein Schwur: ein Schwur, eingeboren dem «lut. Er hatte in der Nacht, die der Nachricht folgte, immer wieder an b'N Zusammenstoß mit jenem Herrn von Schillings denken müssen, .lind wenn Ihr Kaiser einmal ..." Nun war es wohl soweit, und man sollte umdenken lernen, sich mit blm Bewußtsein abfinden, daß es ein Volk ohne Kaiser gab. Im Geraten an die Krone war man 1914 gegen den Feind marschiert, im il Gedanken an das Volk marschierte man zurück. „Wer soll die Massen °mn in die Heimat führen, Wallnitz, wenn wir gehen?" hatte jein n'mmandeur gejagt. „Wenn wir Offiziere jetzt nicht unsere Pflicht weiter ; ü», ist doch auch hier das Chaos da. Es ist schon schlimm genug, daß Hause ein Chaos ist. Retten wir also diese Männer hier, denn wir * von der Front, alle zusammen, Offizier und Mann, müssen die Sache wieder in Ordnung bringen, und wir werden es tun." Aber in welche Ordnung? hatte sich Wallnitz gefragt. Gewiß: der General hatte recht, das sah Wallnitz.ein. Nur sah er kein Ziel. Ein Deutschland ohne Kaiser, ein Preußen ohne König — es schien ihm sinnlos. Wem diente man denn nun? Sie reiten über die Hohe Eifel und Dieter von Notz singt: .....Annemarie ..." Zwei Tage hat auch er den Kopf hängen lassen, aber anders als Wallnitz. Nicht verbissen und stumm. Er hat vor sich hingeschimpft: „Verfluchter Mist!" — „Verdammte Schweinerei!" — „Nun ist der ganze Dreck umsonst gewesen!" — „Saukerle!" Am dritten Tage hat er sich plötzlich im Sattel ausgerichtet und gesagt: „Na, dann müssen wir uns ja wohl an einen anderen Film gewöhnen." Und jetzt singt er. Bernd beneidet ihn manchmal. Nicht darum, daß er jünger ist — der Altersunterschied ist gar nicht so groß: sechs Jahre —, aber darum, daß er diese Leichtigkeit hat, daß er sich feine Wut einfach vom Herzen her- untersiuchen und sich über jeden Aerger mit einem Witz fortheljen kann. Er liebt diesen Dieter Notz, der alles das hat, was ihm fehlt an Sonne, an Humor, an Ursprünglichkeit, an Frische. ,Hören Sie auf mit der Grölerei, Notz, ich kann's nicht mehr aushalten." „Warum denn, Herr Hauptmann, das ist doch ein wunderschönes Lied: ../Annemarie ...!" Das ist gar nicht respektlos gesagt, nicht auflehnend, es ist zuviel echtes Lachen darin, um respektlos zu fein, es ist eben echt: Notz. „Aber Sie fingen es jetzt schon eine Stunde." „Mir fällt eben kein anderes ein." Er pariert plötzlich durch, und auch Bernds Pferd hält. „Da steht Rotwild", flüstert Notz und zeigt auf den Rand einer Lichtung. Drei Geweihte sind es und sechs Tiere, friedlich im Rudel vereint, die Brunstzeit ist ja vorüber. „Ob die uns 'ranlassen? Wenn man zu Pferd ist, halten sie meistens." Er reitet wieder an. Das Rüdel wirft auf und windet, aber es schöpft keinen Verdacht, es wittert nur die Pferde. In den beiden wird die Liede zum Wild wach, sie find ja beide vom Lande, der Notz aus dem Hessischen, wo seine Eltern ein Gut haben, das er einmal erben soll. Sie freuen sich des Anblicks, sie schätzen die Hirsche ab: ein ganz starker ist dabei, dessen Geweih sich zur Krone weitet, es hat sicher seine achtzehn Enden, die anderen Stücke sind schwächer. Als sie auf etwa vierzig Schritte heran sind, schreckt das eine Tier, und das ganze Rudel springt ab. „Das war schön", sagt Notz, „bas hab' ich lange nicht gesehen. Jetzt weiß ich erst so richtig, daß ich wieder in Deutschland bin. In Frankreich haben sie ja längst alles Rotwild vor den Kopf geschossen. Aber bet uns. Das ist es eben: Deutschland. Das bleibt." „Aber sie können es einem verflucht verekeln. Republik, Notz, verstehen Sie das?" „Man muß sich's eben nicht verekeln lassen. Natürlich, Kaiserreich war schöner, aber es war doch nun einmal, es war. Hat schon viel gewechselt zwischen Rhein und Weichsel. Wir Hessen können ein Lied davon fingen: erst der Landgraf, dann eine Weile der feine Jerome, bann mieber ber biete Landgraj unb schließlich bie Hohenzollern. Unb jetzt ohne: — sine sine, sagt ber Lateiner. Nur ber Boden hak nicht gewechselt, der Wald, die Felder, die Berge. Und das Wild zum Beispiel auch nicht. Das bleibt, wenn's bie blöben Menschen nicht abknallen" ,Hch glaube, Notz, es wirb noch Verschiedenes abgeknallt werben tn nächster Zeit." „Wird, Herr Hauptmann, wirb! Worauf wir uns verlassen können. Haben Herr Hauptmann gehört: eines unjerer Regimenter ist gestern in seinem Quartier von einer Deputation des Arbeiter- unb Soldatenrates aus Koblenz feierlich im freien Deutjchland willkommen geheißen worden. Die feinen Herren waren der heimkehrenden Truppe ejetra entgegengereift, und es ist auch einer in Matrosenuniform darunter gewesen. Sie wollten unsere braven Kerls belehren, wie sie sich nunmehr zu Hause zu benehmen hätten. Ist aber nicht viel geworden mit dem Belehren: Achselstücke ’runter unb so. Windelweich sind sie geschlagen worben. Den aus Kiel haben sie ins Krankenhaus schaffen müssen. Zuerst habe ich gelacht, als ich die Geschichte hörte ..." „Na, und dann, Notz?" „Sie haben einen verflucht feinen Instinkt, unsere Kerle aus dem Graben. Sie Wittern wie das Wild vorhin. Das ließ sich auch eine Weile täuschen, weil wir so hoch zu Roh tarnen; aber nicht lange. Das Volt wird bald genug spitz bekommen, daß da nicht alles stimmt. Man muß ihm bloß wittern helfen. Und dann da sein, damit die Karre nicht in den Dreck fährt. Ich denke, aus dem Film läßt sich noch was machen." „Für wen, Notz? Es ist doch keine Spitze da." „Erft mal für Deutschland. Wer oben sitzt, ist meiner Meinung nach vorläufig ganz piepe." „Sie sind auch schon angesteckt, scheint mir." Bernd legt die Schenkel an den Pferdeleib und trabt an. Da kann ich nicht mit, denkt er. Eine halbe Stunde später erreichen sie die Chaussee Wieder, auf der die Kolonnen marschieren. Die Truppe singt, singt wahrhaftig: „Gloria, Gloria, Gloria, Viktoria, ja mit Herz und Hand, ja mit Herz und Hand fürs Vaterland." Als ob nichts geschehen wäre, nichts an der Front und nichts in der Heimat. Notz singt sofort mit, laut und schmetternd, und als das Lied zu Ende ist, meint er: „Na, was sagte ich, Herr Hauptmann? Feine Witterung. Der Laden kommt noch in Ordnung. Und die Hauptsache: nun weiß ich doch, was ich morgen singen muh. .Annemarie" ist ja Quatsch. Es gibt viel bessere Lieder. Morgen sing' ich: ,O Deutschland hoch in Ehren'. Wird auch mal wieder wahr." „Das ist ja Galgenhumor, Notz." „Besser als gar keiner, Herr Hauptmann." * Sie bleiben noch lange Zeit zusammen, die beiden. Als kurz vor Weihnachten in der Gegend von Marburg die Auflösung der Division in aller Ordnung abgewickelt ist, treten sie zusammen zum Stab einer Freiwilligenabteilung. Die Oberste Heeresleitung, die jetzt in Kassel sitzt, hat zur Bildung solcher Verbände aufgerufen, denn in Berlin geht alles drunter und drüber; die neue Regierung muß sich mit Gesindel 'rumschlagen, das noch röter ist als sie selbst. Nun schreit sie nach Hilfe, da müssen Freiwillige der Feldtruppen einspringen. „Gut", sagt Notz. „Geht der Orlog eben noch ein bißchen weiter. Mir soll's recht sein. Ich mach' mit" Walinitz übernimmt wieder die Generalstabsstellung in der Abteilung. Er ist sich selbst nicht klar, warum er nicht Schluß mit dem Soldatsein macht, nicht einfach zu Weib und Kindern fährt, zu Lexe, Jürgen und Hilde. Wie es die meisten tun. Jetzt wäre es doch an der Zeit, den Degen in die Scheide zu stecken, der doch nicht mehr für Kaiser und Reich fechten kann. Aber da ist das Wort „Pflicht", und das hält ihn. Das sitzt verdammt fest im Blut, fester wohl noch als der Treueschwur. Es gilt Ordnung zu schaffen, und Ordnung ist ihm stets der Inbegriff aller Tugenden gewesen, innere und äußere Ordnung. Gerade wenn er an Lexe und die Kinder denkt, an die Frauen und Kinder überhaupt, dann fühlt er sein Pflichtbewußtsein ganz stark. Die Frauen und Kinder brauchen Ordnung, und darüber hinaus alle, die Gesamtheit, das Vaterland eben. Vielleicht reißt ihn der Notz auch mit zu dem Entschluß. Und doch wieder nicht. Bei ihm ist es nicht das: „Gut, geht der Orlog eben noch ein bißchen weiter", bei ihm ist es mehr. Notz ist Junggeselle, er selbst ist Ehemann und Vater; da denkt man anders. In Berlin gibt es verflucht heiße Tage am Schloß und am Marstall. Es ist keine Zeit und keine Möglichkeit, nach der Hohenzollernstraße am Tiergarten zu kommen. Nur telephonieren kann Bernd mit Lexe. „Wann seh' ich dich?" fragt sie, und: „Mußtest du denn wirklich noch dabei- bleiben?" Er weiß keine Antwort, ist nur froh, die Gewißheit zu haben, daß es ihr und den Kindern gut geht, und — Irene. 21m nächsten Tage liegen sie nebeneinander auf dem Bauch zwischen dem Spreeufer und dem Alten Museum, er- und Notz, und das Sttich- seuer pfeift über den Lustgarten. „Bersluchtes Pflaster", schimpft Notz, „nicht mal einen anständigen Schützengraben kann man sich hier buddeln. Und die Schufte da drüben hat man höchstselbst im Schießen ausgebildet. Es ist immer die alte Leier: beim Ausbilden weiß man nie, gegen wen $u guter Letzt die Flinten losgehen." Ins Schloß schlagen Granaten eiy. Wallnitz zeigt hinüber. „Wissen Sie, Notz, hinter den Fenstern im dritten Stock, aus denen die Gardinen jetzt 'rauswehen, weil alle Scheiben zum Deibel gegangen sind, da hab' ich mich verlobt. Grad vor fünf Jahren. Auf dem letzten Hofball." „Hofball!" wiederholt Notz lachend, „eine feine Erinnerung." Sann geht es „Sprung auf — marsch, marsch" vor, erst bis an das Denkmal Friedrich Wilhelms des Dritten und dann weiter über den »lanten Asphalt. Der Verbandplatz ist im Dom eingerichtet. Es sieht scheußlich aus. wenn einer auf dem Pflaster liegenbleibt, viel scheußlicher als draußen, da war doch wenigstens Erde unter dem Körper, Boden; hier sind es Steine. Ueberhaupt, es ist eine Qual: Deutsche gegen Deutsche. Aber Notz hat wohl recht, wenn er sagt: „Nicht weich werden! Die Schufte da sind ja keine Brüder, das sind doch Vaterlandsverräter." Nach ein paar Stunden haben sie das Schloß genommen und den roten Lappen heruntergeholt, der da wehte, wo früher die Königsstandarte aufgezogen worden war. Als Wallnitz vor dem Portal steht, das von den beiden Rofsebän- digern flankiert wird, vom „Gehemmten Fortschritt" und „Beförderten Rückschritt", bückt er sich und hebt einen Marmorbrocken auf den eine Granate aus einer der Säulen herausgeschlagen hat. Er sieht das Stück Stein lange an, dann steckt er es in die Tasche. Zur Erinnerung für meinen Jungen, denkt er. Langsam kehrt Ruhe in Berlin ein, eine blutige Ruhe. Und Dank gibt es Nicht. „Noskehunde", schreit man hinter ihnen her. Es ist ein trübes Wiedersehen in der Hohenzollernstraße. Die gleichen Räume sind es noch wie 1914, die, gleichen Möbel stehen noch am gleichen Fleck, und wieder geht Lexe zum kleinen Tisch und gießt Tee aus dem Samowar in die Meißner Tassen. Aber Irene Czeh sitzt wie versteint in dem hochlehnigen Sessel, der auch damals ihr Platz mar, und in Lexe ist nichts von dem Jubel, mit dem sie Bernd in die Arme schloß, wenn er von der Front auf Urlaub kam. Es ist ein Zittern in den Frauen, und nur die Kinder wissen noch zu lachen. Zu ihnen flieht Bernd. Fast vier Jahre ist Jürgen, er marschiert auf strammen Beinen, und man kann schon richtig mit ihm sprechen; wenn Hilde dazwischenplappern will, sagt er: „Quatsch doch nicht so dumm." Bernd mahnt: „Du mußt höflich fein zu deiner kleinen Schwester." Er meint es ernst, denn Hilde ist doch ein feines, schmales Menschlein, dessen Erscheinung schon von ganz allein Höflichkeit fordert. Aber Jürgen will davon nichts wissen. „Ach, so ’n Mädel", meint er. Es fällt Bernd immer schwer, sich von den Kindern zu trennen; bedrückten Herzens geht er dann wieder in die Porderzimmer zurück. Daß die Frauen dort gar nicht fühlen, wie doppelt notwendig sie, die von draußen kommen, das jetzt haben: Liebe und Fürsorge und Zärtlichkeit und ein Heim. — Es ist nur gut, daß Notz da ist und so gern aus dem Quartier in der .alten Alexanderkaserne mitgeht in die Hohenzollernstraße. Er trägt stets eine Welle von Heiterkeit ins Haus und kann selbst von den ernstesten Lagen lachend erzählen: „Wie die Kerle aus dem Schloß tarnen, die Hände im Genick gefaltet und käfiggrün vor Angst im Gesicht, und wie sie plötzlich wußten, daß sie vor einem Offizier die Knochen zusammenzureißen haben, das war zu komisch. Da war einer, der hatte sogar die Frechheit zu mir zu sagen: „Herr Oberleutnant, wir kennen uns doch von draußen. Nicht wahr. Sie sorgen doch dafür, daß mir nichts geschieht?" Als ob das alles ein Witz gewesen wäre. Bernd nimmt ihm den Ton nicht übel, er weiß, wie der andere es meint, aber er begreift nicht, daß Lexe lachen tann. Dann klappt Dieter Notz eines Abends den Flügeldecke! auf und beginnt zu spielen. Ohne Noten. Ebenso, wie er singt. Erst Soldatenlieder, dann Armeemärsche und schließlich ein paar Operettenschlager aus den letzten Jahren, die sogar bis an die Front gedrungen sind: „Mädel aus dem schwarzen Wald" und „Alles kommt einmal wieder ..." Er haut die Sachen herunter, ohne viel nach den Tasten zu suchen, dabei ist jeder Ton richtig und der Rhythmus mitreißend. ,Hch wußte gar nicht, daß Sie das auch können", sagt Bernd. „Da ist doch weiter nichts dabei", antwortet Notz. Er wendet sich zu Lexe. „Haben Sie ’nen besonderen Wunsch, Baronin? Wie mär’s mit so einem recht schmalzigen Walzer von früher?" Irene steht auf und geht ins Nebenzimmer, sie zieht die Tür hinter sich zu. Nach einer Weile folgt ihr Bernd; er findet sie, auf ihrer Chaiselongue liegend, sie hat ihr Taschentuch in den Händen, in ihren Augen stehen Trinen. „Soll ich ihm sagen, daß er aufhört?" „Nein, laß ihn ruhig spielen. Es macht Lexe Freude. Ich gönn’s ihr. Was hat sie denn gehabt in all der Zeit?" Es ist kalt im Raum; man kann ja nur ein Zimmer heizen oder zwei, die Kohlen sind knapp. Er nimmt eine Decke und breitet sie über Irene, sehr zart und vorsichtig. Dann setzt er sich neben sie. „Wir haben noch gar nicht richtig miteinander sprechen können ..." Er will „Mutter" sagen, aber er bringt das Wort nicht über die Sippen, es scheint ihm merkwürdig, daß er diese Frau „Mutter" nennen soll, diese feine schlanke Frau mit den blonden Haaren; er könnte eher wieder „Gräfin" zu ihr sagen wie einst. ,Zhr habt es so schwer gehabt ..." fährt er fort „Ach mir, Bernd ... nein, mir nicht." Er tastet: Günter... Waldhausen ... „Günter"; wiederholt sie leise, „mir ist manchmal, als ob Ich ihn nie richtig besessen hätte. Als ob er nur eine Traumgestalt gewesen märe, bie nun sortgewischt ist. Ich gab ihn wohl zu früh damals ins Kadettenkorps. Die Ferien waren immer fo kurz. Ich habe gedacht: Wenn er groß ist, bann will ich für ihn sorgen, will ich ihm eine gute Kameradin werden. Dann wird er mich nötiger haben wie als Kind. Und nun ist er nie groß geworden. Ich weiß nicht, ob du bas verstehen kannst." „Doch, ich glaube, ich kann es. Weiht du, wie ich aus der Flandern- schlacht kam, aus dem Trommelfeuer, aus dem Dreck und der Angst, da ging es mir ähnlich. Es mar mie ein Traum, der hinter mir lag Wenn ich von fern den rollenden Donner der Geschütze horte, bie immer noch auf die gleichen Stellen schossen, konnte ich mir gar nicht oorstellen, daß ich zwei Tage vorher mitten in dem Kampf gelegen hatte. Du haft ganz recht: mie fortgewifcht." „War es sehr schwer, Bernd, den Tod so dicht neben sich zu missen?" „Man dachte gar nicht an den Tod, obgleich man ihn rings um sich sah. Was man sah, roar ja ein fremder Tod. An den eigenen glaubte man nicht. Wie auf der Straße, wenn ein Leichenmagen vorbeifährt. Der Wunsch zu leben, roar zu stark, weißt du." ,5», der Wunsch zu leben ist stark, unheimlich stark" Sie schweigen. Sie Horen, daß Dieter Notz noch immer Klavier spielt, aber nicht mehr die schlagenden Rhythmen der Soldatenlieder und Märsche, er läßt die Finger nur über bie Tasten gleiten, und zwischen den Tönen sind feine Stimme und Lexes Lachen. Da sagt Bemb: „An den ruhigen Fronten konnten die Nächte im Graben sehr schön fein. Man stand tief im Erdreich und sah über sich nur ein Stück Himmel und bie Sterne. Die paar Schüße die fielen, störten die Stille gar nicht, sie gehörten dazu. Ja, durch sie roar die Stille eigentlich erst da. Wie jetzt durch Notz' Spiel auch erst die Stille gekommen ist. So etwa. Man dachte bann nicht mehr an den Feind, man dachte an das, was gewesen ist. Früher, viel früher. Solche ©rabenftunben waren nie ein Traum, sie waren Wirklichkeit." „Als wenn ich in Waldhaufen allein über die Felder ritt ..." (Fortsetzung folgt.) Laßt Mechows Schapers Anders geht es, lesen wir Grimm oder Dwinger oder Beumelburg. Kräfte des Willens und der Erkenntnis werden unablässig gefordert und gefördert. Eine Gartenpforte schlägt hinter uns zu. Wir stehen auf den staubigen Straßen der Welt. Alle männlichen Strebungen in uns sind aufgerufen, Ordnung zu bringen in das Chaos des Lebens. Oedipus entreißt der Sphinx ihr Rätsel, daß sie sich in den Abgrund stürze und er vordringe zur ersehnten Stadt Theben. Hüte dich! Die Welt ist kein Garten. Die Welt ist kein Paradies. Die Welt ist der Tummelplatz unheimlicher Gewalten, denen du allein nicht standhalten kannst. Die Welt ist ein Drache, der dich verschlingt, wenn er dich allein trifft und du nicht stehst in der kämpfenden Gemeinschaft deines Volkes. Die Welt ist die Arena der Völker. Bei solcher Lektüre müssen wir leiden und arbeiten, soll sie uns ihre wahre Sendung offenbaren. Viele schrecken vor solcher Leistung feige zurück. Sie möchten sich in bestickten Filzpantoffeln lieber winkelglücklich zurückziehen ins Biedermeiersofa, statt in Soldatenstiefeln durch Sibiriens Winterwälder verzweiflungsbeschattet den eisigen Weg nach Westen zu suchen, möchten lieber teilhaben am schäferlichen Porzellanidyll, als in Afrikas glühendem Sand die sinkende deutsche Fahne retten. Der Leser steht hier zwischen Gericht und Rettung mitteninne. Täuschen wir uns nicht! Das Biedermeier lauert als ewige Gefahr int Deutschem Wenn es auch heute kein literarisches Biedermeier gibt, so hat es sich auf getarnte Weise in die Sentimentalität flüchtiger Filme versteckt. Die jungen Dichter von heute, wie etwa Wolfram Brockmeier, haben Emmerich Matzke hatte geendet. Die Studenten schwiegen, die Stille tonte voller als das lauteste Wort. Die Feinhörigen fühlten, wie sie sich verdichtete, zu einer Frage formte. Konrad Schittenhelm sprach sie aus: „Und was ist sein Ziel?" Emmerich Matzke antwortete nicht sogleich. Er sah sich im Kreise um, von einem zum andern, prüfend, ob er reif sei für die Antwort. „Das Ziel? Ein großes Preußen zuerst." „Ein großes Preußen?" fragte Konrad Schittenhelm. „Rur das? Wieder nur Partikularismus, nicht mehr?" „Und dadurch die deutsche Einheit." Run tönten Fragen und Rufe durcheinander: „Die deutsche Einheit?" „Durch Preußen?" „Halb Deutschland ist gegen den Staat!" „Die Süddeutschen tun nicht mit!" „Preußen wird halbabsolutistisch regiert!" „Cs ist der Feind jeder Idee!" „Die deutsche Einheit kann nur durch das Zusammenwirken aller Kräfte im Volk erreicht werden!" Emmerich Matzke wartete ruhig, bis unter seinem Blick die Studenten verstummten. Dann sagte er: „Als ich hinausfuhr, waren alle diese Fragen und Einwände auch ,n mir. Ich verstehe euch, und es tut mir leid, daß ich euch Jungen jetzt «ehe tun muß. Es ist mir auch nicht leicht geworden, es hat auch mir veh getan. Man möchte ja so gern sich all das seelisch und geistig vor- '.ellen, wie ein Gedicht, das jeder hinausjubelt, als einen alles übertauschenden Chorgesong, als ein Märchen. Cs ist kein Märchen, es ist lem Lied, es ist kein Gedicht. Wißt ihr, wo die deutsche Einheit vorbereitet »trd? In einem Arbeitszimmer in der Berliner Wilhelmstraße. Dort sitzt an Mann über Akten und Briefen, diktiert die halbe Nacht lang, wägt -Bort um Wort, schließt Vergleich um Vergleich, gibt hier ein Versprechen, k'eht es dort zurück, droht hier, begütigt dort, trägt Maske um Maske, tarf nie er selbst sein, ehe der Tag anbricht, und weiß nicht, ob er ihn rnmal sehen wird. Und in einem anderen Hause sitzen zwei andere -Ronner, messen und zirkeln auf großen Karten, studieren Tabellen end- ikser Zahlen, Fahrpläne, neue Gewehrmuster und Geschützkonstruktionen. An ^a.DOr1, ob &er Musketier Lehmann binnen vierundzwanzig oder ochtundvier.zig Stunden zu seinem Ersatzkörper einrückt, ob die Bahn vier 00er fünf Züge in der Stunde nach der Grenze Frankreichs befördern k«nn. ob diese Männer so stark sind, mit drei Stunden Schlaf auszu- ti1 turnen, davon hängt es ab, was wir das heilige Ziel nennen. Das ist llsilich nicht poetisch, das ist graue Nüchternheit. Ich habe etwas eigenmächtig gehandelt", sagte Doktor Matzke, „Bin Nm erstenmal bei Ihnen und richte schon Verwirrung an. Aber, glauben rte mir, es ist notwendig. Ballast muß man obwerfen, um aufsteigen zu unnen. Noch einmal sage ich euch, es freut mich nicht, daß ich euch weh wn muß. Nüchternheit ist für die Jugend vielleicht am schwersten zu tragen. Aber", — nun rücken sie enger zusammen, dichter um den Gast uns jetzt vom arbeitenden Lesen sprechen. Lesen wir .^Vorsommer" oder Carossas „Kindheit und Jugend" oder . „Sterbende Kirche", so werden wir umsponnen von zarten und schimmernden Faden der Sprache. Das Stoffliche tritt ganz zurück. Niemals wurde man diese Bücher verfilmen können. Kein wahres Kunstwerk der Sprache laßt sich verfilmen. Man kann den Nibelungenstofs verfilmen, aber man kann nicht das Nibelungenlied verfilmen. Bei den erwähnten Büchern ist zemand da, der uns leise bei der Hand nimmt, in ein stilles Zimmer führt und uns in dem abendlich dunkelnden Raum mit einer freundlichen Musik erfüllt. Es ist die Kraft ihres ruhig strömenden Stils, uns einzuspinnen, «on uns wird nur willige Hingabe verlangt. Wir vergessen uns selber. Wir werden von uns erlöst. Eine scheinbar nur kleine, aber reiche Welt, in der die große verborgen ist wie das Auge Gottes im funkelnden Tau, ttit sich auf vor uns und für uns. Sie scheint auf uns gewartet zu haben. Wir nicken vielem Bekannten zu, dem wir auf geheime Weife verbunden sind, ohne es seither zu wissen, urfb wir sehen Licht, wo bislang Schatten fröstelte. Weil alles auf innerste Art lebensecht ist, hebt eine geheime Heilung in uns an. Wir schließen diese Bücher als Gewandelte und Beglückte. Nur aufgeschlossene Bereitschaft und willige Hingabe waren unser Einsatz, fromit wir als Gesegnete von dannen gingen aus einem duftenden Garten. Frühling. Von Theodor Storm. Die Kinder schreien „Vivat hoch!" In die blaue Luft hinein; » Den Frühling setzen sie auf den Thron, Der soll ihr König sein. Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben. Das größere Deutschland. Von Robert Hohlbaum. ™ A5^^°rcke des Großdeutschen Reiches steht beherrschend im Mittelpunkt des Romans „Zweikampf um Deutsch- a n? ^on, R°l>ert Hohlbaum. Die folgende Episode, die “m dL? A°l>r 1866 spielt, wurde diesem Buche mit Erlaubnis des Albert-Langen/Georg-Müller-Verlages in München entnommen. _ ' her TOie?err^nLfbftr^erbknbUfn9 "Quabia"' bie in einem alten Wirtshaus b.rzu Hause war, hatte, um sein studentisches Gewissen zu beruhigen, die Kneipe mit Silentium und Begrüßung eröffnet ein paar offizielle Lieder singen lassen und dann rasch geschlossen. Und nun fdjartcn sich alle um Doktor Matzke in aufnahmebereiter Stille. Sie hörten dn-N^^bten des Erzählers Reise, die Fahrt durch die schlesische Ebene, fi“ Ä"1^i*®h°n,I‘enImn?'.baf.aIt? Ostpreußen, die norddeutsche Heide, sie fuhren mit ihm den Rhein hinab und dann durch Hessen und Thll- ngen, und in alldem, mochte es auch heute noch durch Schlagbaum und renzstom getrennt sein, fühlten sie den Willen zur Einheit des Nordens lb bonn xWUÄS. ble Stadt vor ihnen auf, die hier als nüchtern galt, als roff und kulturarm, bar des Schmuckes der Landschaft, wie der h«e»nrn 23[e^Unbe Zukunft wirkender Kraft, voll in sich gefestigter Selbst- besinming, pochendes Herz des großen Körpers, starkes Geheimnis. Sie ' I™* ’n t?.“5e”,,n”ebe.r, Kinder, die ein Märchen hören, und dann wieder siihlten sie sich alter, reifer reicher in Wissen um das Künftige, den andern Menschen hier noch hef Verschlossene. Aber nicht nur das Land erstand roLA.TV’l* 5m^*..ne1r' btf ,baran gingen, es zu bilden. Emmerich Matzke hatte den alten König gesehen, von allen umjubelt, er hatte Roon öteXbM mit warmer Freude grüßten, über den andere noch zweifelrü» tne Achseln zuckten, er batte Moltke gesehen, den das Volk wie em Rätsel umlauschte, er hatte Bismarck gesehen, den die meisten haßten "ber viele schon achteten, den ganz wenige in feinem letzten Ziele erschüttert ahnten. E^E - „bedenkt einmal: Daß der Mann auf Akten und Briefe feint Maske trän/' db??M ^gleich um Vergleich schließt, daß er Maske um „>-„6 rfl Mann, der wie kein anderer dazu geschasfen ist frei, groß, ohne Falsch, mit offenem Visier gegen die Welt zu stehen dasi die andern rechnen und zirkeln, die andern, die noch immer Soldaten sind b“ Cin Regiment führen, eine Slttade reit™moS Sä ff nhnJ' ÄX,ft b°b Nicht groß? Ist das vielleicht nicht größer! als sich ohne Rückhalt zu geben, fein ganzes Gefühl, feine aanie Kratt |u oerftromen? Meine lieben Jungen, es gibt auch eine heilig Nüchtern! Konrad Schittenhelm erhob sich, stand eine Weile stumm, dann trat Wallung Effen^Hand ' Unb ""preßte in einer jähen Auf- Daitt^ ftre reTLirf,r bem ®aft .entgegen, aller Augen leuchteten Lank. Nur in einem Blick lag noch eine letzte Frage. Ein schlanker Snmm'sBort. geschnittenem Gesicht, mit zarteren Gesten unb ™ 'ÄXroir; lWird sich Oesterreich unterordnen? Wird es so über» men]djli(f) groß denken, wird es erkennen, was die Stunde fordert. Es ist herrsich, das zu denken, es wäre vielleicht noch größer als die Tat!" . 7^""Ertch Matzte läche!te, es war ein wenig Schmerz darin, aber auch ein r^nig Gluck darüber, daß es noch so viel weltfernen Glauben gab. „Nein, mem lieber Junge, die Weltgeschichte ist fein Märchen." „Aber wir! Wir Die wir keine andere Sehnsucht kennen als die eine, 9an3 hmgeben wollen! Sie war schon immer in mir, diese Sehnsucht. Keiner hat mich verstanden hier. Wir oft bin ich hinaus- gewandert Isis Marchfeld, nach Aspern, und habe mir vorgestellt: Wemt tmr hamals die Franzosen vernichtet, wenn wir mit einem Schlag Deutschland befreit hatten, bann wären wir die erste Macht gewesen, dann hätten wir das getan, was jetzt die andern tun wollen, bann wäre heute alles frei und groß! Ganz allein war ich mit meinem Traum, keiner hat mich hier verstanden, meine Frxunde nicht, meine Eltern nicht, erst bei euch bab ich Mw erstenmal gefühlt, was geistig leben heißt! Was wird mit uns werden 5 „Wir müssen Opfer bringen, wie die Männer droben. Und uns selbst verleugnen, wie sie es tun. Und einsam fein. Darüber müßt ihr euch klar werden. / J Sie sprachen nicht mehr viel, bald brachen sie auf unb gingen heim durch die unheimlich stille, sremdgewordene Stadt. ’ Dom arbeitenden uni) hingebenden Lesen. Don Philipp Krämer. Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem im Furche- Verlag, Berlin, erschienenen Büchlein „Lob des Lesens und der Bucher" von Dr. Philipp Krämer, der früher lange Jahr« an der Oberrealschule in Gießen tätig war und heute als Oberstudiendirektor und Lektor der deutschen Sprache an Der Universität Helsingfors wirkt. Betties: den Rus der Straßen der Welt und die beglückte Versponnenhelk in der ländlichen Welt des Bauern, die Unruhe der Weite und die Geduld brotduftender Felder und alter Bäume, wie es oft in der deutschen Dichtung zusammen war, als der Dichter des Nibelungenliedes seine Melden nach Ungarn reiten ließ und Walter von der Vogelweide nachtigallensuß seine Lieder auf deutschen Waldburgen sang, als Rückert seine „Geharnischte Sonette" schrieb, Arndt seine Weckrufe ertönen lieh und Mörike sich in sich selber zurückzog: Laß, o Welt, o laß mich sein. Locket nicht mit Liebesgaben. Laßt dies Herz alleine haben . Seme Wonne, seine Pein. Wunderliches Neben- und Ineinander, als Theoder Körner mit dem Schwert in der Hand dichtet und Hölderlin innig und zart, auf himmlischer Leier sein Abendlied ertönen ließ. Tagemarsch aus staubiger Sonnenstraße und abendliche Rast am Brunnen bei aufkommenden Sternen bilden das Ganze des Tages. Keiner darf nur eines wünschen. Er stürbe dran — auf die Dauer. Hingebendes und arbeitendes Leben gehören zusammen, zusammen wie Innigkeit und Leistung, wie Garten und Werkstatt. Keiner darf einseitig seine Lektüre wählen. Er müßte verkümmern — aus die Dauer. Wobei wir Deutsche es uns gesagt fein lassen wollen: In der Lyrik glänzt unser verborgenes Wesen am herrlichsten auf, im Lyrischen lauert am drohendsten die Not weinerlicher Verelendung. Darum sieht uns die Welt am liebsten in der harmlosen Rolle der Dichter und Denker, der romantischen Träumer, die die blaue Blume der Innerlichkeit suchen, die die tiefsinnigsten Denksysteme und die schönste Musik hervorgebracht haben. Sie will uns nicht in der Siegfriedrolle des dramatischen Drachentöters sehen, der an der plastischen Gestaltung der sichtbaren Welt seine Teilnahme anmeldet. So konnte vor mehr als hundert Jahren Madame de Stael, die Tochter Reckers, des französischen Finanzministers, die auch deutsches Blut in den Adern hatte, kurz vor Ausbruch der Revolution unter dem Beifall ihrer zwischenvölkischen Leserschaft in ihrem von Napoleon verbotenen Buch „De l’Allemagne“ von uns sagen: „Den Franzosen gehört die Erde, den Engländern das Meer, den Deutschen die Luft", ein Wort, das freilich einen anderen Sinn bekam, als sie ahnen konnte. Um zu nüchterner Betrachtung äußerer, doch keineswegs zu verachtender Hilfen bei arbeitendem Lesen zu kommen, sei dies empfohlen: Der arbeitend Lesende bediene sich eines Bleistiftes. Er unterstreiche die Worte, Sätze, Abschnitte, die ihm von besonderer Wichtigkeit waren. Er findet sich mit ihrer Hilfe später schnell zurecht, vielleicht gar gerät er in verwundertes Staunen, was ihm einmal wichtig war und worüber er hinweggelesen. Allein aus der Bleistifttätigkeit des Lesenden ließe sich eine Seelenbeschreibung ablesen. Und weil sich der Lesende durch Unterstreichen auf verräterische Weise preisgibt, darum kann er seine Bücher nicht beliebig verleihen an andere. Erst recht nicht, wenn der Bleistift nicht nur Unterstreicht, sondern Bemerkungen des Beifalls ober Zornes einfügt oder auch nur mit Ruf- und Fragezeichen, mit kurz einfließenden Hinweisen auf andere Werke mitarbeitet. Nur die leichten Unterhaltungsbücher kann man verleihen, und es sollte mehr und mehr eine Taktfrage derer sein, die es angeht, keinen Bücherliebhaber dadurch in Verlegenheit zu bringen, daß man ihn um Leihüberlafsung eines wichtigen Buches angeht,"wie man sich ja auch nicht einen schönen Hut oder Gürtel oder Möbel entleiht. Bücher, die einett zuinnerst angehen, soll man besitzen. Man braucht sie immer wieder. Sie müssen zur Hand sein im Augenblick ihrer Bestimmung. Zeige mir deine Bücher, laß mich nur ein wenig darin blättern, und ich will dir sagen, wer du bist. Abstieg zu zweit. Eine Erzählung von Ern st Kreuder. Beim Abstieg schritt Fräulein Mobini vor ihm ben felsigen Pfab hinunter. Sie waren noch in etwa sechshunbert Meter Höhe, die bewaldeten Hügelkuppen in der Tiefe rückten schon näher, bas Grün ber früh- jährlichen Landschaft wurde heller und leuchtender, und bas blitzende Wasser des tiefblauen Sees lag nicht mehr so tief unter ihnen. Die Sonne glänzte hier oben in den Felsenwinkeln, es war heiß und still in ber Öuft. lieber bem weiten, besonnten Land spannte sich ber bunst- blaffe Himmel in die Ferne, unermeßliche Gefilde ber Stille. Sie hatten beide verbrannte Gesichter, aber sie waren nicht erhitzt. Stephan sah Fräulein Mobini beim Abstieg bie ganze Zeit unter sich, sie stemmte sich mit ben festen Schuhen in bie Felsenlöcher, und an den schwierigen Hangen zog sie sich mit ihren schmalen, kräftigen Armen seitwärts weiter. Manchmal lehnte sie sich an einen vorspringenden Felsen, um auszuruhen, und sah zu Stephan herauf. Ihr junges, zartes, ge- fpanntes Gesicht forschte bann mit heiterer Neugier nach der Gemütsverfassung ihres Begleiters. Stephan war nicht eigentlich verdrossen: er hatte nur schon seit dem Morgen befürchtet, daß alles so kommen würde, und nun war sein Stolz verletzt. Er verleugnete seine innere Unruhe, aber fein Hexz schlug schwer, und sein Kopf war voll fiebriger Unrast. Cs hatte also ‘nur eines ein- Samen Ausflugs mit diesem netten, jungen Mädchen bedurft, um ihn in iie törichten Wirbel eines anfälligen Verliebtseins zu stürzen! Jetzt mußte er damit aufhören. Es war zu lächerlich, sich von der Gelegenheit zum Liebhaber machen zu lassen. Stephan, Student der Philosophie, war einundzwanzig Jahre alt und fühlte in sich die ganze unwirkliche Weisheit dieser Jahre, bie ihn zum Spott gegen sich selbst verleidete. Er sah jetzt nur noch ben einen Ausweg, sich in dieser unwürdigen Verwirrung zurückzuziehen. Er würde sich hinter den nächsten Felsen ducken und bann den Abstieg nach einer anberen Seite allein unternehmen. „Gefällt es Ihnen nicht mehr mit mir?" rief Fräulein Mobini in tiefem Augenblick. Sie richtete gerabe etwas an ihrem Schuh. Jetzt mußte er doch die paar Schritte hlnunterskeigen, und dann setzte er sich in eine Felsenrinne. Fräulein Mobini sah fünf Meter tiefer, sie begann ihren Schuh aufzuschnüren. Was sollte er ihr antworten? „Wie kommen Sie denn baräuf?" sagte er. „Es gefällt mir keine Spur weniger. — Sie finb sehr gut gestiegen", fügte er noch hinzu. Sie hatte jetzt ihren Schuh ausgezogen und schüttelte ihn aus. Er betrachtete ihren schönen, schmalen Fuß in dem festen, braunen Ueber- ftrumpf. Ihr mattes schwarzes Haar, das sie in einem kleinen Knoten trug, glänzte in ber Sonne; eine Strähne hing von ihrer Stirn über bie gebräunte, leicht gebogene Wange. Er konnte den Schatten darunter als dunklen Strich auf ber glatten Haut sehen. Da er jetzt doch nur belanglose Dinge geredet hätte, schwieg er lieber. Dann nahm er den Rucksack vom Rücken, machte ihn auf und stöberte darin herum. Er suchte nichts, aber er konnte sich damit eine Zeitlang mit ablenken; bas Paket Tabak war aufgegangen unb der Tabak hatte sich im Rucksack verstreut. Er sammelte ben Tabak roieber auf unb schüttete ihn in bas Paket. Plötzlich stand sie neben ihm. „Was suchen Sie denn? fragte sie, und bann fetzte sie sich auch in bie Felsenrinne. „Der Tabak war aufgegangen", sagte er unb lachte verlegen. Sie sah ihn an und schien sich dieses Lachen anzufehen. Es war ihm nicht wohl babei. Als er aufblickte, sah sie mit einem Lächeln weg. Bekümmert unb streng schaute er jetzt in bie Helle Weite hinaus, ber See lag wie eine längliche Tafel aus blauem Glas in bem grünen Land. Tiefer Frieden ruhte in bem fchweigenben lichthellen Bereich. Nun blickte sie auch in bas mittägliche Land hinaus. Auf feiner Uhr war es zwei vorüber. Gegen fünf mürben sie unten am See fein, bann würden sie sich trennen, um sich zum Abendessen umzukleiden. Er würde dann die junge Malerin wieder auf ber Terrasse mit ihrer Tante fressen. Aber bas würde nach diesem Abstieg unerträglich sein. Wieder überlegte er, ob er den Abstieg nicht nach einer andern Seite allein machen konnte. Wenn sie sich am Äbend wiedersahen, würde er feine schwächliche Verwirrung überwunden haben. Er fetzte sich jetzt etwas höher und sah, daß etwa zweihundert Meter rechts ein dunkler Föhrenwald begann, ber sich bis zur Ebene hinunter- zog. Dort konnte er untertauchen. Fräulein Mobini sah noch immer in bas Land hinaus. Sie schien ganz in träumerisches Nachdenken versunken. Wie er ihre schmale, mädchenhafte Gestalt fo still unter sich sah, dachte er sich noch einen Augenblick etwas Verwegenes aus. Er dachte, er hätte in seinem Rucksack einen Zauberteppich, von dem sie nichts wußte. Unauffällig nähme er den Teppich aus bem Rucksack und legte ihn auf die Steine. Dann bäte er sie, sich doch auf den Teppich zu setzen, sie würde darauf bequemer sitzen. Sie würde aufstehen und auf den Teppich treten, und im gleichen Augenblick würde er sich neben sie auf ben Teppich stellen unb bas geheime Zauberwort aussprechen. Sogleich würbe sich ber Teppich über bie Felsen erheben unb über bie Tiefe hinausschweben. Dann würbe sie sehr bleich werden unb durch bie Schnelligkeit, mit ber ber Teppich dahinslöge, würde sie schwanken und müßte sich schließlich an ihm sesthalten. Ihr Mund würde ganz nah vor ihm fein und er würde kühl über sie hinweg sehen und sie auf ein fernes Gebirge aufmerksam machen. Er schüttelte diesen lächerlichen Traum ab und stand auf. Er hing ben Rucksack über und ließ sie wieder vorangehen. Während sie nun in ber stillen, heißen Miftagslust hinunterstiegen, ließ er den Abstand immer größer werden. Zuletzt waren es beinah fünfzig Meter. Er wunderte sich, daß sie nicht ein einziges Mal zurücksah. Plötzlich duckte er sich hinter einen großen Felsen, unb von dort beobachtete er sie noch einige Zeit. Sie stieg weiter hinunter unb er kletterte jetzt ein Stück fchräg hinauf unb gelangte halb zu bem Föhrenwalb. Zwischen ben Bäumen 'entbedte er einen Weg, ber abwärts führte. Aber nun fühlt er sich elend unb traurig unb schämte sich feiner Flucht. Er warf sich unter ben bunflen Föhren hin, es war schattig unb lau hier, unb ein schwüler Duft von Harz unb Nabeln und Walberde in ber stillen Luft. Er mußte in ber dämmerigen Stille auf bem Walbboben eingefdjlafen fein, denn er hatte keine Schritte gehört, unb jetzt war jemand da. Drüben auf einem Baumstumpf faß jemand und sah ihn an. Es war Fräulein Mobini, sie sah ihn ernst unb nachbenklich an. Benommen setzte er sich auf. Er wußte nichts zu sagen. „Waren Sie mübe?" fragte sie ihn. Er nickte, ohne sie anzufehen. „Ich habe mir die ganze Zeit den Kops zerbrochen, wo ich Sie finden könnte", sagte sie. „Zuerst dachte ich, es sei Ihnen etwas zugestoßen." „Ich hätte Sie nachher wieder eingeholt", stammelte er sind fühlte, baß er rot wurde. Sie verließ den Baumstumpf, und er stand ebenfalls auf. Schweigend gingen sie nebeneinander den schattenbunklen Waldpfad hinunter. Sicher ist sie durch fallendes Geröll aufmerksam geworden, dachte er zerknirscht; unb bann nannte er sich einen Esel unb ein bürftiges Exemplar. Vor einer kleinen Lichtung blieb sie plötzlich stehen und sah ihn mit einem langen, dunklen, ernsten Blick an, der ihn traurig machte unb ihn zugleich verwirrte unb ihm ben Boden für einen Augenblick unter ben Füßen fortnahm, als stände er wirklich auf dem Zauberteppich. Sie faßte ihn am Arm, als müßte sie ihm etwas erklären. „Jetzt müßte ich Sie allein lassen", sagte sie leise, „warum haben Sie mir diesen Abstieg so schwer gemacht?" Ja, warum? dachte er kleinmütig und sah sie an; unb bann sah er wieder, wie ernst und schön und voller Vertrauen sie war. Er senkte bas Gesicht. „Ich wußte nicht, daß ich so kindisch sein würbe", sagte er aufrichtig, „aber es war sehr schön mit Ihnen." Jetzt sah er sie wieder an. Ihre jungen, klaren dunklen Augen blickten ihn schnell und prüfend an, dann lächelte sie betroffen. „Ach", sagte sie, „glauben Sie, daß es das jetzt nicht mehr fein kann?" Sie standen ernst unb nahe voreinander in dem dämmernden Wald, bie Stille der Höhe war um sie wie eine reine, glückliche Zeit, und dann war doch em glückhafter Teppich unter ihnen, als bas schöne Mädchen ihm ruhig über bas Haar strich. Dernnkwortltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühlsche UniverfitäfSdruckerei A.Lange, Gießen.