hm, hts. Uie Huf« -Piel ' Im rlich zum Ge- ;rb(t irge, gern itnls und uten uder >ller GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <938 - Montag, den 28. November Nummer 93 nea< f \h iritt neu * ihr der- Iber di- !de- fette neu uns igen ■nbe mit iren dB ibtr wir !U«H di- je« vert iren licht uer- liche e er beit der fing ider iten ihre die An- Sie ;um ider jfen, jem M iber |i< ifl »sr, I* Sie ßlt j* iinb ehr ieu* lebt 5eintönig. Er war neugierig, was jetzt kam. Kirndorfers schlag- und bissige Grobheit war berühmt. Matthias Wimmer tat dem Ser Kerzelmacher von Sankt Stephan ein heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibuika Copyright by J. G. dolta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 3. Fortsetzung. > ins Gesicht. Wahrhaftig, , nicht gedacht, was feine List wohl dazu sagen würde! Der Handschlag, den er dem Kirndorfer gegeben, begann ihm in der Seele z-u brennen. Aber er sagt« nichts. Der Weinhändler warf einen raschen, erstaunten Blick auf den Wachs- ziehermeister, dessen Erschrecken er wohl bemerkt haben mochte, und meinte fast hart: „A braus Kind tut, was fein Vater will!" „Schon, schon, Herr Kirndorfer", sagte der Regenschori begütigend. „Aber schauens: die Lisl und Ihr Franzl kennen sich ja kaum—" Johann Kirndorfer knurrte böse: „Nit kennen? Haben doch erst auf Leopolds in Klosterneuburg beim Faßlrutschen mitsammen tanzt—" Er übersah boshaft das leergetrunkene Glas des Regenschori. „Freilich, freilich — Aber glaubens, Herr Kirndorfer, daß das langt, von Savoyen, hatte allzu lassen, später über die Wb Aber es gab doch auch noch andere, für ein Mädel wie die Lisl, be< Z^"b">ertere Meister- und Bürgerssöhne in Wien als gerade den Wein- , . handlerfranz. Und eigentlich hatte er überhaupt nicht an einen Wiener lr lonöern an den Sohn eines Freundes, eines berühmten Kripperlmachers 91 tn München gedacht Er hatte vorgehabt, die List im Frühjahr zu einem & Verwandten zu schicken, der Hofkompositeur des Erzbischofs von Salzburq H war Der rutschte manchmal von der Bischofsstadt nach München hinüber 1 " Da hatte er die Lisl leicht mitnehmen können. Wer weiß? Bielleicht hatte thr der Sohn seines Freundes gefallen. Freilich so reich wie der Weinkonig von Nutzdorf war der Münchener Kripperlmacher nicht. Aber eben dieser Reichtum des Weinhändlers bedrückte ihn jetzt. Johann Kirndorfer hielt etwas aufs Geld. Er zeigte auch gern, daß "Es hatte. Auf hundert Schritte verriet das di« daumendicke, berlocken- behangte Goldkette auf seinem grünsamtenen Bauch. Leute mit wenig Geld hielt Kirndorfer für Fretter. Er würde das wohl auch bei ihm, dem Kerzelmacher so halten, wenn er ihm jetzt sagte, wie wenig er der Ltsl mitgeben könnte. Brands Vater, der Wachtmeister beim Dragonerregiment Prinz Eugen . gern die Würfel über die Kalbfelle rollen • ... „ -- - - - -.rtshaustische, als es wegen der Blessur am Vein mit dem Soldatenleben nichts mehr war. Aus Verzweiflung, weil er, wie er zur Entschuldigung sagte, lieber den Degen als das Backblech geschwungen hätte. Der Alte hatte ein Vermögen verspielt: die Beut« aus drei fetten Kriegen und sein väterliches Erbgut dazu. Dieses Erbgut war nicht klein gewesen. In den prunkvollen Zeiten nach den großen Turken- und Franzosenkriegen hatte auch die Wachszieherei bei Sankt Stephan geblüht. Damit war's jetzt vorbei. Auch krankte der Lebzelterladen noch letzt, nach dreißig Jahren, an der Spielwut des Alten. Fünfhundert Gulden, das war alles, was Aloisius Brand zur Not als Mitgift für feine Tochter noch aufbringen konnte, wenn er und die Bielgratterin sich dann bis zum Aeußersten einschränkten. Doch Kirndorfer schien heute die Gutmütigkeit in Person zu sein. Das kam samt nur nach einem gelungenen Roß- oder Weinhandel vor. Er lehnte sich genießerisch in feinen Armstuhl zurück, hieb mit beiden Händen auf die Lehne und rief gutgelaunt: „Jessas, das Wimmerl! — Ätzens Jhna nur her! Glei kommt a Wein — Rieger! — Rieger!" Er brüllte daß die vereisten Fensterscheiben und das Kupfergeschirr auf den ' Wandbrettern zitterten. 1 Der Pächter erschien. Kirndorfer befahl: „Rieger, ein Glas für den Herrn Regenschori und noch eine Flasche Siebzehner! Bei dem bleib' ma. Weil heut ein besonderer Tag ist —" Der Wirt verschwand. Johann Kirndorfer schwätzte weiter: „Passens auf, Herr »immer, das ist ein Weinderl! Ein Wein mögens doch? Wenigstens hab i so was läuten g'hört. Na ja, vom Geigenspiel'n allein habens ja die rote Nasen nit—" Er lachte gutmütig. „Und jetzt hörens zu!" Er war in einer Laune, m der er am liebsten ganz Wien zusammengetrommelt hätte, um ZU verkünden, daß sein Franzl die Kerzelmacher-Lisl heiraten werde Er wartete nur, bis der Pächter den Wein gebracht und sich beleidigt wieder verzogen hatte. Dann legte er los. Umständlich berichtete er dem kleinen Regenschori sein Glück. Wieder zahlte er alle Vorzüge seines Buben auf. Er unterstrich sie noch. Er wiederholte auch die Summe, die sein Sohn mitbekommen iollte: Füns- Zigtausend Gulden! Das war wieder sein Schlußeffekt. Er trank fein Glas leer, schnaufte und fragte stolz: „Na, was sagens jetzt, Herr Regenschori?" Das mußte er dem Kirndorfer jetzt wohl jagen, wenn darüber auch die Brautwerbung ins Wasser fiel. Was er eigentlich hoffte, denn, weiß Gott, er hatte sich einen anderen Schwiegersohn vorgestellt als den langsamen Franzl. „Kirndorfer", begann er zögernd und starrte in die goldenen Lichter, die über das Weinglas spielten, „Kirndorfer, du weißt, ich war mein Lebtag lang ein fleißiger Mann—" Er stockte und drehte an seinem Glase, als wäre was Besonderes dran zu sehen. Nach einer Weile sprach er leise weiter: „Kirndorfer, du gehörst g’wiß zu den Leuten, die die Kerzelmacherei von Sankt Stephan für eine Goldgruben halten. Das war einmal. Hast ja meinen Vater selig noch gekannt. War ein braver Mann. Nur 's Spielen hat er nicht lassen können. Weißt es ja—" Aloisius Brand seufzte: „Js nit viel, Kirndorfer, was ich meiner Lift mitgeben könnt. Wann ich all's zufarnmenkratz—" Er wurde rot, als er jetzt die Summe nennen sollte. Doch der Weinhändler ließ ihn nicht ausreden, lachte schallend und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch: „Js das all's, was du gegen ’s Hochzeitmachen zu sagen hast?" Er hieb sich mit der flachen Hand auf die breite, fette Brust: „Schau mi an! Hab ich'?, der reiche Kirndorfer aus Nußdorf, nötig, daß i aufs Geld schau, wann i ä Frau für meinen Buben such? — Bchatt du dein Geld, Brand, und gib mir bei Lisl für mein Franzl! — Fünfzigtausend Gulden geb ich ihm mit, dem Buben!" Und als Brand ihn entgeistert anstarrte, setzte er wie zur Entschuldigung hinzu: „Na ja, der Wein tragt halt aMal mehr als wie's Kerzelmachen, Brand." Der Wachsziehermeister sah dem Weinhändler in die gutmütig Zwinkernden, kleinen, wässrigen Augen. Er wußte, daß er es ehrlich meinte. Fünf zigtausend Gulden, das war was anderes, als was der Kripperlmacher in München zu leisten vermochte. Brand war nicht habgierig. Niemand konnte ihm diesen Vorwurf machen. Aber fünfzigtaufend Gulden! So etwas bietet sich einem nur einmal im Leben; auch wenn man so bildsauber wie die Lift ist. Und auch nur dann, wenn man so etwas wie ein Glückspilz ist. Und ein braver Burfch war er ja schließlich, der Franzl. Sogar hübsch, wenn man die ein wenig großen Hände übersah. Und auch Weibergeschichten hatte er keine, wie so viele von den reichen Meister- und Bürgerssöhnen ober gar die vom Mel. Aber haft langsam, langsam war er, der Franzl. I m„ Der Wachsziehermeifter sah nachdenklich vor sich auf den Tisch. Manch- mal tot er einen Schluck Wem aus dem Glase, das Kirndorfer immer itoeber tHen!ftberett nachfüllte. Die Entscheidung war schwer. Aber durfte er Überhaupt nein sagen? Fünfzigtausend Gulden! Das bot sich auch der Lift nie wieder. Er blickte unschlüssig auf. -Da streckte der Weinhändler die Pranke über die Tischplatte und Kerzlmacher, was meinst?" Ein gutes Lächeln spielte um seinen fettigen, weinnassen Mund. . nn^[°ifiUh t?Fanb • M"6 Zögernd seine Hand in die breite Tatze des andern und schlug em. Dann lächelte er glücklich. ö In diesem Augenblick knarrte die Tur. Ein verschneiter Gnom stand iTnÄ w neb sich wärmend die Hände, trat näher. Seine kleinen, b£™ Kälte geröteten Blasengelgesicht blinzelten ^öhl'ch- Selbst auf dem spärlichen, unter der Pelzhaube hervorleuchtenden miffommp3 ,9W Stimme krähte: „Bonsoir mitsammen! —Ist s erlaubt? — Drausd in der Wirtsstuben ist nämlich ein Rauch, daß Man Scheiben braus schneiden könnt. Der Rieger hat 8 last- ich stör. Aber ich glaub 's nit. Ist heut fuchsteufelswild, das Mannsbild. Was er nur hat? — Oder stör ich am End doch? — Dann geh ich halt wieder. Der Lebzelter hatte «inen raschen, freundlichen Gruß genickt. Aber er sagte nichts Er wußte, wie widerborstig der fette Weinhändler sein tonnte, wenn einer an seinem Tische faß, den er nicht mochte. Und wie gesagt: Fretter konnte der Kirndorfer ums Sterben nicht leiden. Sn Ü?men Augen gehörte wohl auch ein Musikant dazu und wenn er auch Regenschori und Kantor von Sankt Stephan war. Brand schielte nach dem SB eintönig. Er war neugierig, was jetzt kam. Kirndorfers fchlag- fertige und bissige Grobheit war berühmt. Matthias Wimmer tat dem Wachszieher leid. Matthias Wimmer war nicht so leicht zu überrumpeln. Er mußte daran denken, wie vor einer Woche die Elisabeth Brand geseufzt hatte, weil die große Liebe nicht tarn. Er zweifelte daran, daß bei einem Mädel wie die List der junge Kirndorfer diese große Liebe zu sein vermöchte. Auch die fünfzigtausend Gulden des Weinprotzen trübten nicht seinen Blick. Fragend schielte er nach seinem Freunde Brand. Als dessen Ge- sichtsausdruck keine Antwort gab, kratzte er sich unschlüssig den roten Haarkranz und antwortete tastend und vorsichtig: „Ja, was soll ich jetzt dazu sagen? — Da werben wir halt die Lisl fragen müssen obs mag—" Brand sah auf. Eine Blutwelle schoß ihm daran hatte er in feiner Verwirrung bisher nit fid) fctjnte. iürd)tete, 'Dlattljla» — janibelt. Aber hüll« er Der Urlaub der Leutnant» von Rabenau wurde keine ungctn bte Nreude Der Krieg in Böhmen und Mahren und Schlesien ging schon in» ,wette Jahr Prag und Kotin, Leuthen auch waren geschlagen, wo, Got^ei" geklagt, all? Kiihnhett und alle Meriten nicht» Hatter. hel en wollen gegen die Kriegskunst des Potsdamer Königs und den Leichtsinn de« tiotfirhifler». Dem hatte die Kaiserin nun glücklich da-> Handwerk ge> ' legt Wenn es ums Reich ging, mußte aud) ein SchwagerMarchThereflas bran glauben Aber die Soldaten schmolzen dahin wie der Schnee in der Sonn? lieber vierzigtausend Mann hatte Leuthen allein gekostet. In den schlechten Winterquartiere» gab« Seuchen und Krankheiten. Sogar Garnison in Wien schlte es manchmal an Ossizieren. So zog man von Zeit ui Keit aud) die Beurlaubten zum Wachdienst heran. Hätten lieber die Nacht durchtanzt oder sonst In Srcubeni ocrbradjt, Die Leutnant», statt Ronde zu gehen im eisigen Schneesturm. Inden böhmischen und schlesischen Dörfern gab es der Madel nicht genug für die Leutnants Da »^nannte man dann Urlaub I Aber was war da zu tun? Maul halten und metterdtenenl Wie es allezeit bei den Soldaten gewesen. Das war zu Wien nicht anders als in Potsdam. War nur ein Glück, daß es Hauptleute der Wachkompanien gab, bie au,mittig ein Auge zudrückten oder zwei, wenn einer der Jungen gleich drei oder vier Stunden auf Ronde blieb und nicht Irt die Wachtstubc kam. AqIü e« |a verbot bl« sänge Brut, bah man ihr hier in Wien burch die ' '"Äuch°der Hauptmann Falkenstein, der heute mit der dritten Kompanie bet, Regiments Bärenklau die Burgwad)- hatte, verstand sich draus, die wenn »md miteinanb durch da« ganze ßewr sich I rr. 8 « vcr. mm b.w .$« W»» I"“ di. d,.i in d„ ,°<- t^SEKcSrSSSB I Stuben — . „ir mehr!" fauchte der Weinhändler «. “ M - l*lK'3S«ÄS«^id)"n ~l »«« !»«i,chb-; U. d.» ich»---» M»i7lock üb d? Beine zog, den Mantelkragen hochschlug und nach ö ™ , «u7°l ari f meinte er wieder versöhnlicher. „Brand, ich hab P Itsche m.d Zug rn im>'. e^ Mn-« Er tippte mit dem Zeige. SeJ'^'bk ÄnUaube au» Krensell. So eine kleine Spur Berachtnng in der Gassenschlnd/t gegen da» Schottentor. Wopsragte der Häuptling und schnitt sich eine Scheibe vom Kommiß. ÄS« 2 ft"ff Ä ft» SWS S BQ||nä “ W ”'S wÄ W M M W sÄ 11. Sw- »--».--.ich-» Mi- "im 6«1«"« Dienst erst am Morgen, bevor er nach Hause geht. Na?" meinte der Hauptmann zweiselnd. „Es gibt da Unterschiede. Aber sortst recht haben, Amseder-Wer ist übrigen» General ctu,°ur? " „Der Hadikl" krähte vom andern Tisd-ende her der Kornett, dem n ch keinHaarslaum unter der Nase wuchs. «,lh, , SSSSs S==fe feSSSBg B$snJS,SÄSissMS?ste es.--. - :•—= Hauptmann Falkenstein wurde nervös. Es gab, wie gesagt, umer MWNMW Der Premier antwortete gleichmütig. „Soviel .ch wem, pr li "*ä k S<.™ * » fttiä ÖhFÄJ! 6«uplm«n« "<"»» ”«» d" Der Sefonbeleutnant fragte: „Weiß man eigentlich, wer die MU« »«««,«. K1ÄÄ,?*ff, »<“ Ä"»-6 «'ui"-"'° 3^-'^.=™—— "" •iziSsir MM-MWUZZ bes Potsdamer Königs und der deutschen Kaiserin. Äs' ÄÄMÄ* .ft S*Ä S» SuLÄn^ ^.e Tasel. 11( .ätä ft üfc- »SÄ.' if ÄftS S Zi... F&ä* Är FFS« ft ÄÄ Äfft ÄwfttaS. ü"° -161 ibr ma»? — Heiratskonsen» für die kaiserlichen DHlMers! Wieder brüllte die Tafelrunde vor Bergnügen. Der Kompaniealtes hieb mit der flachen Hand auf den Tisch undA ^kmnenb: An d,r ist ein Spürhund verlorengegangen, Bogel sang I Die VMZiere I 0 Plößllch verstummten sie, fuhren mit stampfendem Schlag b Stühlen hoch, standen stramm. Der General von Hadik stand in Der I Tür: „Die Messieurs scheinen sa guter Lmme zu sein lkn,. Der Hauptmann trat vor, baute sich auf, meldete. „Jhro 13 , Wachtkompanie vom Regiment Bärenklau, sünsundachtzig Man , fü O^Di^M^uen Rmchö'ögelaugen des Hadi« musterten streng die fünf kerzem geraden^Geftälten in kveißem und blauem Tuch Dann fragte er scharf- J3d) sehe nur vier OffiziereI - Wo .ft der fünfte? | - (Fortsetzung folgt.) B»»: «r WS tarn Seit einer Woche war ohnehin nichts mit ihr anzufangen. Bor T“X-***’* ft!I die Körb -mit den Lebzeiien nod) rechtzeitig in die Hoskuchel tragen hat? Do? är Io a G schicht! Und aus die List i» auch kein rechter Berlast mchr^Wie verhext 1« seit einer Wochen-" Dann aber fragte er un- vermittelt: „Was soll Id) tun, Wimmer? Der kleine Regenschvri blieb stehen. Er nahm den Meister an einem Knops seines Pelzes und sagte: „Biel Geld i» (djon, Brand. Aber in d Ehestand soll man seine Kinder halt nlt zwingen. Die beiden Grenadiere am Burgtor l^luaen frlerenb »lt benimi unb benoten ild) spähend vor, ob nicht am Ende eine Ronde ober fonft ein-bor geletzter sie bei ihrem vorschriftswidrigen Tun entdeckte. Aus der Wachstube Mb 'die'b/iden ^Spaziergänger am Burgtor vorbeikamen, blieb der Regenschori zum zweitenmal stehen, wandte den Kops, fragte behutsam, teilnehmend: „Gelt, du hast sa g sagt, Brand? Mmm.. un»...« Ä Wieder mußte er an die große Liebe denken, nach der die Elisabeth Biand Abend im Advent. Von Hedwig gor st reute r. Ganz in Grau und Stille liegt dos Land, langsam steigen blasse Nebelschleier aus dem Garten, der in bunter Feier prangend, noch mit letzten Astern stand. Nässe sickert blinkend, tropsenschwer von dem Efeu an der Gartenmauer, und Vergänglichkeit im Blätterschauer treibt der Windstoß stöhnend vor sich her. Schwermut schleift durcks Land den dunklen Saum, — alles Leben scheint sich ihr zu neigen, doch ans Fenster klopft mit dichten Zweigen tröstlich fanst der große Tannenbaum. „Bricht die allerlängste Nacht herein, wird der Stern aus Morgenland euch führen," raunt der Aeste abendliches Rühren, _ „schon verheißt ihn eurer Kerzen Schein." Antlitz im Spiegel. Eine Adoentsgeschichte von Ruth Schaumann. Als Ferdinand und Martina genau drei Tage verheiratet waren, kam die alte Dienerin seiner Mutter, die siebzigjährige Afra, die Treppe bis zu der winzigen Mansarde heraufgekeucht, den vollen Marktkorb fift ihre Herrin am rechten Arm, unter dem linken einen verhüllten Gegenstand tragend. „Du hast etwas vergessen, Ferdinand", sagte sie, „ich hab's gefunden, abgestäubt und poliert, mit meinem Atem und der seidenen Schürze, und trag' es dir nach." Und sie legte den verhüllten Gegenstand aus den Tisch und ging mit einem vorwurfsvollen Blick auf Martina. Der junge Gatte wickelte aus; Martina half ihm. Es war ein kleiner Spiegel, in eine goldene Leiste gesaßt. Die Leiste war sleckig vor Alter, der Spiegel selbst war so trüb, daß man sein eigenes Gesicht kaum noch erkannte. „Der Spiegel hat gegen die Sonne gehangen", meinte Martina, „davon ward er so blind." „Ich habe immer hineingesehen", antwortete Ferdinand", „es ist der Spiegel aus meiner Knabenkammer, verstehst du, Martina?" Er sah nachdenklich über den Spiegel weg. Martina nahm das trübe Glas in beide Hände. Wollte sie es wegtragen? Wollte sie es fallen lassen? Sie sah lange in den alten Spiegel hinein. „Was starrst du, Martina? Was siehst du?" „Nur mich, und dies recht häßlich", antwortete sie betrübt. „Und ich hätte weit lieber dein Knabengesicht in dem alten Glas da gefunden. Warum hat es mir das nicht bewahrt? Hundertmal haft du wohl hinein- ßaut. Ich könnte dann wissen, wie du warst, Ferdinand, als Kind, als ie und Jüngling." • „Dies ist vorbei", sagte Ferdinand, „nun bin ich Mann, aber ich gäbe doch selber vsxl darum, ich könnte in irgendeinem Spiegel noch finden, wie du warst, Martina, Kind, kleines Mädchen, halbe Jungfrau." Martina fchwieg; sie holte Hammer und Nagel, einen Nagel mit einem goldenen Knopf, beides aus dem Werkzeugkasten, den Onkel Ludwig zur Hochzeit gfchickt, ein notwendiges Ding tn einer jungen Haushaltung, wie er schrieb. Martina hängte den Spiegel dem Fenster gegenüber an die Wand, just dahin, wo die Wand begann, schief zu werden. „Dort wird das Glas aber noch blinder, als er fcho» ist", meinte Ferdinand lachen. „Was brauchen wir auch zwei Spiegel; der deine ist groß genug für uns beide, und klar ist er auch." Aber Martina schüttelte den Kopf: „Ich brauche deinen alten Spiegel", sagte sie leise, doch fest. Ferdinand dachte: So habe ich denn eine auch eigensinnige Frau. Doch er ließ sie gewähren. r , . Voller Zufriedenheit sah Afra bei ihrem nächsten Besuch den alten Spiegel in Ehren. „Ferdinands Knabenspiegel", sagte sie, und ihre Augen blitzten dazu, als wollte sie meinen: Sic werden noch etwas erleben, junge Das war drei Wochen nach der Hochzeit, bann folgten drei Monde, drei Jahre und noch drei Jahre dazu. Richtig gezählt waren das zwölf ganze Jahre. , r „ . . , . Dreimal hatten die Ehegatten die Wohnung gewechselt, und in jeder Wohnung hängte Martina den nun immer trüber gewordenen Spiegel auf, immer an eine von der Sonne beschienene Wand, als solle das Himmelslicht chr etwas in dem alten Glas zeigen. Ferdinand schüttelte jedesmal den Kopf, erft lächelnd, dann fragend, dann^ verstimmt. Martina aber antwortete: „Siehst du nicht, ich brauche ihn so." . „Hänge doch lieber eins deiner Bilder dorthin", meinte der Gatte, „das schöne etwa mit den drei Engeln, das dir erft eben gelang. „Wir wollen sehen, daß wir es verkaufen , sagte Martina, die Malerin, „dann hab' ich den Engeln Brot gemalt. Den Spiegel aber verkaufe ,ch nidJ)änge das offene Bücherkästchen an diesen Nagel, er ist stark genug, viel zu stark für den Spiegel", sagte Ferdinand ein anderes Mm. „Ich stelle deine eigenen Bücher hinein, und ich werde stolz fein, wenn ich überblicke. was Märtina geschrieben hat. „Was ich geschrieben habe, das war wohl erst in mir , antwortete die Frau. „Nun ist es hervorgegangen und nicht mehr mein (Eigen. Zu meine Bücher zu deinen, und den Spiegel laß dort. Denn sieh, nun weiß ich bald ganz, wie du als Knabe gewesen bist, Lieber! Und ge lächelte groß und schön zu dem Gatten empor. „Der Spiegel hat mir s erzählt all die Jahre. „Zeige mir doch mich als Knaben", sagte Ferdinand. „Ich sähe mich gern einmal wieder, ich habe so vieles vergessen." „Der Spiegel bewahrt's!" sagte Martina. Sie führte den Gatten aus der großen Stube, sie führte ihn, ein Windlicht tn ihrer anderen Hand tragend, durch den nächtlichen Flur die Treppe hinauf. Droben waren vir» Türen nebeneinander in einer Reihe. Martina öffnete die erste Tür, si« zog den Gatten in die Kammer dahinter, mit Ferdinand und dem Wind« licht stand sie am Bette des Erstgeborenen. Er schlief den fast männlichen Schlai seiner elf Jahre. Auf dem großen Tisch in der Kammer lagen sein» lateinischen Bücher, lagen feine sauberen Zeichnungen, angefertigt zu seiner Lust, lag der Robinson neben der Hütte von Onkel Tom. „Der Spiegel bewahrt'sI" sagte Martina. „Wenn Heinrich hier sitzt, die Wangen in die Hände geborgen, den dichten Schopf über der Stirn, erkenne ich: so und nicht anders bist du gewesen. Wenn sich fein Zorn empört, weih ich, sw auch warst du." Sie führte den Gatten sacht hinaus. Sie öffnete die zweite Tür. Auch das zweite Kind, die älteste Tochter, schlief tief, den Mund ein wenig geöffnet. „Ser Spiegel bewahrt's!" sagte Martina. „So hast du gewißlich auch im Schlummer geredet." „Morgen!" sagte das Mädchen im Traum, es griff mit der bräunliche« Hand wie nach Früchten in Bäumen. „Und auf Früchte aus deinem Leben geharrt." Sie verließen das schlummernde Kind; ein kleiner Bogel im Bauer zwitscherte leise unter dem Tuch, das den Käsig zudeckte. Sie traten in die dritte der kleinen engen Kammern, die so dicht nebeneinander lagen wie die Zellen einer Wabe. Das Maste der vier Kinder war hier zwischen" bie Kammern seiner zwei Schwestern gebettet, eine Fülle von Locken'flelen ihm im Schlaf über das kleine schone Gesicht mit ^er hohen Stirn und über den zierlichen Arm. „So schlafen die Eichkätzchen", sagte Martina freundlich, „am Tag aber sind sie wild und immer voller Bewegung, emsig im Spielen und Spähen, und so ist auch der kleine Ferdinand gewesen, wer sonst? Dec Spiegel hat mir'» gesagt." Sie schieden aus dieser Kammer. Jetzt wollte Ferdinand selber zur vierten Tür, aber Martina machte keine Anstalt, mit ihm zu gehen. „Ich wollte dir doch den Knaben Ferdinand zeigen, das Kind Ferdinand. Hinter jener Tür findest du wohl fein Kind, aber nichts von ihm in dem Kinde, wie sehr ich auch spähte; es ist nicht meine Schuld." Aber Ferdinand ergriff jetzt die Hand Martinas, er nahm auch das Windlicht an sich, er führte fein Weib in die vierte der Zellen dieser schlummernden Wabe hinein. Da lag die fünfjährige Dorothee und sah nach dem Licht und den Eltern mit großen, offenen dunklen Augen entgegen. „Vater", sagte sie, „ich habe gezählt, und wenn alle meine Finger und ein Fuß mit Zehen zu Ende sind, dann ist der Christabend gekommen, bann ist er da!" Sie steckte den kleinen Fuß an seinem festen runden Bein unter der Decke hervor, ihre großen Augen glänzten wie die Glasur des Windllichts, das die Mutter Martina den Kindern zulieb bemalt hattet Ochs und Esel in blauer Farbe beten das Kind an „Fünf und fünf ist zehn", sagte die kleine Dorothee. „Heinrich l^at mich'S gelehrt. Und noch einmal fünf, bann sink» es fünfzehn; ich kann ja nicht schlafen? ich freue mich ja so sehr." Vater unb Mutter küßten bie kleine Wächterin. Das Wachs im Wind« licht war versiegt, bas Lichtchen erlosch, im Finstern tappten bie Gatten in ihre eigene Kammer. „So habe ich mich benn wahrlich selber gesehn, so wie ich ein Kind war, ein Knabe. Cs war ein wunberliches Wiedersehn, weh unb süß zugleich", sagte Ferbinanb im Dunkeln. „Aber dich habe ich auch gesehen, Martina, Ich erkannte bas kleine Mäbchen, einsam unb wachenb. Ich habe es mir oft gewünscht, ich habe gemeint, es ist ja nicht möglich. So wirst bu auch gewesen sein: Wenn alle meine Finger unb ein Fuß mit Zehen zu Enbe sind, bann ist bie Christnacht gekommen, ich kann nicht schlafen, ich freue mich ja so sehr! Kleine Dorothee, wie gleichst bu Martina, kleine Martina, wie sehr kamst bu in bem Kinbe Dorothee zurück!" „Der Spiegel bewahrt's!" sagte Martina leise unb bankbar. „Die alte Afra hatte schon recht, wenn sie sagte: Ferbinanbs Knabenspiegel! Sie werben noch etwas erleben, junge Frau!" Des Ebner« Heimkebr Don E. G. Kolbenheyer. Aus dem neuen großen historischen Werk Kolben« Heyers, einem Roman aus lstr Zeit der deutschen Mystik, der unter bem Titel „D a s gottgelobte Herz" im Verlage Albert Langen/Georg Müller in München erschienen ist, bringen wir den folgenden Auszug. Heinrich, der (Ebner, war schnaufend eingetreten, so wie er aus bem Sattel kam, in den Augen feinen hurtigen Heimkehrblick, ber nicht mehr nur auf sie und ihr Weibswesen gerichtet war, sondern mit ihr bas Haus und alles Ding und Leben in ihm einzufangen suchte Frau Agnes, die Jlsungin, schloß die Augen. Sie dachte zuweilen an die Zeit, da er, ein junger Mann, bie Reisen gekürzt unb dann trotz einem früh bedachten Wesen mit süßer, drängender Hast zu ihr heimgefunden hatte. Sie roch das Pserd, bie Hitze bes späten Sommers, ben Staub ber Straße und fühlte unter feinen Armen, baß ihm die Feiste, über ein bekömmliches Maß gewachsen, eine gute Laune verleiden werde. Er küßte ihr Augen unb Sippen, drückte ihr, seine Umarmung lösend, noch einmal flüchtig bie Oberarme mit ben weißen großen Handflächen. Dann ließ er sich auf feinen Schragenstuhl nieder, öffnete bas Wams unb den Gürtel unb fragte kurz nach ben Kindern, fragte besonders nach der Alheid. Er schlug, von der Auskunft befriedigt, aus die runden Knie, fuhr mit gespreizten Handflächen über der prallen Hose auf unb nieder und lächelte. „Jetzo muoß der alt Vetter, der unlustig, rechtschafsen dem Wort und Gschrift nachtuon von ihme us mit deine Wittum, unb es hüt ein End mit ber Wiberbrih." „Er häts allbereits fon. Ebner." Heinrich, ber Ebner, horchte auf. „All fünf Bäckenbänk? Die Gilten? Alls? Ohnbefchnitten?" „Wer mehret, füll gemehret fln. hat er der Alheid gfät. ein FIngerlin verehret darzuo." , ■ Tuet ist", meinte der Ebner kurz. Es gab also derhalben keine Gespanntheiten mehr mit der Ilgen. War auch nicht übel gewesen, unter einem kleinen Aerger den alten, steifen Vetter großartig voranzutun mit allem, was den Jungen in der Bäckengaß einen Wohlstand mehrte. Aber nun war auch das eigene Haus soweit: der kleine Hertlin, aus dem Mittagsschlaf geweckt, wurde hereingefiihrt. Er sah den entwöhnten Mann mit Scheu — einen glatzigen Schädel, einen schwarzkrausen Bart, Arme, die sich nach ihm streckten. Die Mutter nahm ihn und deutete ihm den Vater. Er zappelte willig neben ihr vor den mächtigen Mannsleib hin und ließ sich fassen. % „Hertlin ... Büeble .. Männle..." -• Die feuchten, haarigen Lippen wurden tapfer bestanden, doch wand man sich kräftig hinunter und stapfte, von den freudigen Blicken des Vaters gefolgt, zur Magd, die neben der Tür stehen geblieben war. Und es kam der Leibknecht mit einem Arme voll Sachen, In der Rechten jedoch hielt er hoch vor sich einen Käfig aus Messingdraht mit einem Sittich. Da rissen alle die Augen auf, die Mutter, die Magd und Hertlin. Derlei hatte es in Werde, der Stadt, noch nicht gegeben. Auch van Augsburg her war der Jlfungin nur aus früher Kindheit etwas in Erinnerung. Die Remschen sollten einen fremden grünen Vogel gehalten haben. Auf den Tisch abgestellt, reckte sich der grün-schwarz-rote aus der Ducke auf und kletterte, angelnden Schnabels, mit bedächtig fassenden Klauen den Käfig hoch, bis er die Stange fand, dort wackelte er Griff um Griff in der Mitte. Niemand hatte einen Blick für die anderen Sachen, die der Diener neben dem Käsig ablud: einen kleinen Schrein aus eingelegtem Holz, Pclzwerk, ein Stück Seidenflor und eine getrieben« Kupferkanne. Nur der Sittich war da, und nicht einmal der angekommene Herr, der ohne Imbiß sah und belustigt zwinkerte. Sie kamen dem Käfig behutsam näher, die Frau mit dem Hertlin auf dem Arm, die Magd, auch die Ann, die eingetreten war, um den Herrn zu begrüßen und nach den nächsten Wünschen zu fragen, und noch ein Knecht, der einen Koffer hinaufgetragen hatte. Margretlein saß bei den Schwestern in der Nähschule. Der Sittich stand still aufgereckt und ließ alle nahe heran. Seine Augen hatten Lider, die zuckten hie und da über den dunklen Kern hin. Das sah Frau Agnes zuerst, sie teilte es den anderen flüsternd mit. Der kleine Hertlin strebte von ihrem Arm aus näher und spreizte sein« Finger nach dem Grünen, aber zwischen die Drähte ließ ihn die Mutter nicht durch. Der Sittich duckte sich und öffnete den Schnabel. „Kräh—an ... aaa—mch", kam es heiser aus dem Käfig, und man zog sich zur prustenden Freude des Ebner doch lieber einen Schritt zurück. „Er hüngert, als er sät. Er sprichst uf italisch: gran fame." Kaum einen kurzen Blick erhielt der Herr für seine Erklärung. Der Vogel konnte reden, er riß den Schnabel wieder auf, wölbte die Zunge und duckte nieder. Der Beginn mochte nicht leicht sein, aber dann ging die Sache vonstatten. „Bu—on—on—on ... buon di ... Lorah ... buon ... borra da ... da—man—jarrr ... jarr .. jarre ... ree ... buon die ... Lorah." Eien lange Rede also. Die Ann härter sie voll Argwohn und musterte den Grünen aus der Nähe, als müsse sie irgendein Mal finden. Der Vogel ruckte auf der Stange hinzu und schabte, zu allem Guten bereit, mit dem gewölbten Schnabelrücken bettelnd an dem Gitter. Allein die Ann streckte ihm ihre Daumenspitze zwischen Zeige- und Mittelfinger entgegen, das war eine kräftige Sache gegen manches Unheimliche. Er verstand nichts von dem Zauber und bot den geöffneten, ein wenig wippernden Schnabel zutraulich zwischen den Drähten dar. „Du muoßt ihm ein' Mandelkern holn, Ann. Gang, hol ihm." Die Alte sah den Herrn an und zögerte. Es lag eine Warnung in ihrem klugen Blick. „Gang no", sagte der Ebner beruhigend, „denen Starmatzen wird als auch das Zllngel geloset, do ist nützit ungetrües bi. Den hänt die ze Mailanden in mennich eint Hus, do ich bin gsi. Sollich ein' Han ich allbereits ze Basel gsehn, do ich ein Büeble was. Do heißen sie ihn ein Sittekust, ze Mailand ein Papegoj." Und alles fand zurecht. Sie freuten sich darüber, wie geschickt der Vogel den Mandelkern faßte und knabberte. Man gewahrte die anderen schönen Dinge, auch dem Hausherrn trug man endlich einen Bissen zum Willkomm auf, und der Alltag stand wieder im Ebnerhause am Ober- mirft ein. der letzte (Soff. Von Albrecht Schaeffer. Ein Jüngling in alter Zeit, der eine äußerst geschickte Hand und einen Geist der Erfindung hatte, begab sich zuerst bei einem Töpfer in die Lehre, danach bei einem Erzschmied, bei einem Goldschmied sodann, einem Harfenmacher und einem Waffenschmied; und bei jedem von diesen brachte er es in unglaublich kurzer Zeit nicht nur zur höchsten Vollendung der Kunst, sondern er überflügelte seine Meister, indem er Mittel erfand, die zur Erleichterung der Arbeit oder zur Verbesserung der Arbeiten dienten. Immer aber, sobald er.den Gipfel erreicht hatte, wurde er freudlos und begehrte er anderes zu lernen, und so war er endlich zu dem Punkte gelangt, wo er nichts mehr zu leisten wußte. Wie er nun dieses Unglück seinem letzten Meister gestand, der ein höchst weiser Arzt war, so erwiderte dieser ihm, er solle doch zum letzten Gott gehen, wie man hierzulande sage, wenn einer nicht zufrieden sein wolle mit seinem Leben Ja, wenn es den noch gäbe, versetzte der unersättliche Lehrling, und wenn er mich lehren wollte Darauf erwiderte der Meister: er habe von seinem Vater eine Sage überliefert bekommen, wonach der letzte Gott bet Lebzeiten des Großvaters noch auf Erden gewohnt habe, und zwar habe er in der Nähe der Stadt Abydos ein Hau» in den Klippen am Meere bewohnt, freilich an unzugänglicher Stelle; doch habe es geheißen, daß der Zutritt zu ihm damals nicht einem jeden verwehrt gewesen sei. Sogleich machte Thymos sich nach Abydos auf; er wurde, nach dem letzten Götte fragend, erst verlacht, dann aber gewarnt, sein Haus — das es in früherer Zeiten allerdings gegeben habe — in den Klippen zu suchen, denn diese blideten ein Jrrsal, und er könnte den Hungertod darin finden. Die Auskunft hinderte Thymos jedoch nicht, anderen Tages an das Meer zu gehen und einen Eingang in die Klippen zu suchen, die grau oder schwarz, manche Riesen ähnlich, andere wie Türme und Bauten aufragten. Schneller dann als er gedacht, sand er sich in ihnen gefangen, herumwandernd auf sandigem Boden und wieder kletternd und springend; der Tag verging, es ward Nacht, und ohne Ausweg eivgeschlossen, mußte er sich erschöpft niederlegen, wo er stand, um im Schlaf auf einen Morgen der Rettung zu hoffen. , Allein eben als er die Augen schloß, gewahrte er einen roten Lichtpunkt; und sogleich wieder aufgesprungen, suchte er, Todesgefahr nicht scheuend, einen Weg im Unwegsamen; und er fand sich plötzlich vor einer halboffenen Tür, aus der Feuerglut rot herausfchien. Das niedrige Gewölbe drinnen schien eine Schmiede zu sein, und am Ambos neben dem Feuer stand auch eine kleine Gestalt im Schurzfell beim Schmieden von etwas Rotglühendem, das die Zange hielt, und auf das der Hammer in einer Geschwindigkeit unzählbarer Schläge niederfiel, so daß dem Betrachter ihr Klang wie ein einziges, langes Klingen im Ohr stand. Der Meister sah nicht empor; fein mächtiger, graudunkler Bart war schief gebrannt und von hineingeslogenen Funken zerlöchert. Nach einer Weil« des Zuschauens glaubte Thymos die Art des Geschmiedeten zu erkennen, und er brachte ein Werkzeug, das nach feiner Meinung jetzt nötig war; bet Meister nahm es auch vortlos und brauchte es ganz so, wie Thymos gedacht hatte. Und es war keine Stunde vergangen, so hatte er sich mit dem Meister eingearbeitet, indem er seine Absichten und Winke auf eine Weise erriet, die ihm selber wunderbar vorkam, obgleich er seine eigene Fertigkeit kannte. Wenn du bei mir bleiben willst, sagte, als das Kunstwerk vollendet war, der Alte, mein letzter Geselle hat mich eben verlassen, so kannst du an feine Stelle treten. Und er wies ihm seine Lagerstatt in einer Kammer an. Thymos war nun beglückt; die Tage, die Wochen vergingen ihm, er merkte nicht, wie, mit Vollendung wunderbarer Werke nicht nur der Schmiedekunst allein, sondern auch anderer ihm noch unbekannter Künste; und er hätte oft nicht zu sagen gewußt, ob sie dem Haupt seines Meisiers oder seinem eigenen entsprangen. Denn Anweisungen bekam er bei keinem neuen und fand sich doch bei jedem Anfang hinein; auch überließ ihm der Meister oft die Weiterarbeit, um sich auszuruhen, indem er sagte, einen so geschickten Helfer habe er niemals gehabt. Mitunter foh Thymos auch Erfindungen im Traum, die für die Menschheit von größtem Nutzen sein mußten, fertig und in ihrer Bewegung, und er staunte nicht, wenn am Morgen dieses Werk angefangen wurde. Mit dem zuerst vollendeten hatte der Meister ihn zur Stadt geschickt, indem er ihm einen" Weg durch die Klippen zeigte, der mit geheimen Marken bezeichnet war und unter Dorngestrllpp einen unkenntlichen Ausgang hatte; in der Stadt werde er schon einen Händler finden, der die Ware kenne und schätze. Thymos nahm von chm jeden gebotenen Preis, ohne zu feilschen, denn ihm lag nichts daran, außer oaß er ihm zur Lebensnotdurft verhalf, zu Bohnen und Mehl, Wein und Oliven und anderen Früchten. Sein Leben war im Werk feiner Hände und im Entstehen der Werke im Geist. Ob fein Meister wirklich ein Gott fei, wußte er kaum, denn er dachte darüber nicht nach. Nur in der ersten Zeit hatte er sich gewundert, ihn niemals Speise nehmen zu sehen, da er die von ihm gebotene zurückwies. Er wohnte hinter einer Tür, die er von innen verschloß, wenn er eingetreten war, und von außen, wenn er heraustrat. Wieviel Jahre vergangen waren, wußte Thymos nicht, als sein Meister ihn fragte, ob er niemals den Wunsch verspüre, zu erfahren, was aus all seinen Werken in der Welt würde; worauf Thymos erwiderte: Ja — feit einiger Zeit habe er sich zuweilen danach gefragt; doch genüge es ihm, ihre so große Menge nun vereint im Segen in der Menschenwelt zu wissen; zweifellos habe er nicht umsonst gelebt, denn wenn er die gewaltige Zahl zusammenrechne, so müßte die Welt nun von Mühsal befreit und leicht fein wie die verschwundene Welt der Götter. Es war am Abend nahe der Nacht; als sie ihre Werkzeuge gesammelt und geordnet hatten, folgte Thymos dem Meister auf feinen Wink in das Freie hinaus und durch die Klippen einen sich aufwärtswindenden Pfad empor. In einer Felsenspalte sah Thymos da einen Berg alter Trümmer liegen, verbogenes und verrostetes Gestänge, verbeulte und rostzerfresiene Platten und in ihrer Zusammensetzung kaum noch erkennbar. Dennoch erkannke er bald eins und das andere und alle die-Werke, die er selber verfertigt hatte, und blickte stumm auf sie nieder. Endlich fand er das Wort: Alle diese habe ich also umsonst in der Welt geglaubt ... Der Meister hinter ihm sagte: Du irrst. Jedes von diesen Dingen ist, wie es aus deiner Hand kam, seinen Weg gegangen zu seiner Zeit; und so langte jedes hier an. Und ich habe, versetzte Thymos, dennoch umsonst gelebt. Tausend Jahre, .erwiderte hinter ihm die Stimme, war es dir nicht genug? Thymos erwiderte nichts, von einer Sterbensmübigteit jählings ergriffen, sank er hin, und sein Leichnam wäre zu seinen Trümmern hin- abgestürzt, hätte ihn nicht der Gott mitleidvoll in seinen Armen aus- gefongen, um ihn, die Erde nun verlassend, mit sich hinaufzutragen zu einem anderen Stern. Verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck und Verlag: Vrirhlsche Universitätsdruckerei D. Lange, Gießen. Jahrgang <938 Hreitag, den 4. November Nummer 86 9 z ;ur ine tag ein he« |is. >0« en- Jin ter rau kn oon aalt bei- Hk! bk bk Mu« ■ifle, «ft jen- «n, ‘bar bat > I» nett jte'n , an bis um anjt» Jage« mW Iah« >eP 1er <1 1 bffl • Dl« t, bi: Lai" tinW ilgunj ulk" Spul Unkt1 aber" gorft' Unkt' ib d-i 22 23 20 21 loll- Der hat ja schon die Passage für Amerika gebucht" Has merkl"man itod)." Als sie sich verabschiedeten, sagte Milatti: „Alsa, meine Frau und ich sind entschlossen, das Haus zu übernehmen. Ich glaube, bis Mitte November könnte die Angelegenheit in Ordnung kommen." „Nein, Herr Baron, frische Fische sind gute Fische! Das Haus steht da. Sie haben es gesehen, Herr Graeser hat mir gesagt, das Geld wäre da — schlechtes Geld, aber immerhin in Aktien! Was in ein paar Tagen ist, weiß ich nicht, ich will hier abschließen." „Hans, ich glaube, dann entscheiden wir uns", sagte Christine. „Also treffen wir uns morgen im Beisein von unserem Freunde Graeser bei Justizrat Klein." „Es geht in Ordnung", sagte Christine. Christine und Milotti schritten durch den Bogen der alten Unterführung unö gingen den breiten Waldweg entlang, der zu dem kleinen Jagdschloß führte. Die Kiefernstämme standen wie goldrote Säulen in weiten Abständen neben dem Weg. Von der Schonung zur Linken wehte ein kühler Wind. Milotti nahm ihren Arm: „Frierst du?" „Mir ist es ganz gut, Hans. Der Mann ist doof. Das Haus ist reizend. Wenn es irgend geht, müssen wir neu tavezieren lassen. Der Garten ist ganz verwahrlost. Ach, weißt du, in der Nachbaroilla da hatten sie einen alten Gärtner! Es gab da eine ganz kleine Allee oon Rosenstöcken, gelben und roten und hellroten. Sie hatten alle so schöne Namen nach Prinzen und Marschällen und Königen, und sie rochen alle anders. Sie halten ba auch Marschall-Niel-Rosen, weißt du, diese gelben Rosen mit den gleblich- unb such Sa imin unb ■iner igw [jein, riotb :r««J beit $e> bem 1 um (* bolbe I inritl) ei[kt chc«! W' nach »ebet „inner oeger. Ayr letztes yortrat hoben Sie aber nicht bei mir ausgestellt Waren Sie nicht zufrieden?" B ' „Ich war zufrieden, lieber Graeser, deshalb komme ich ja auch zu Ihnen, um Ihnen ein großes Geschäft anzubieten. Wir haben noch drei größere Bilder von meinem Großvater, das eine, die schlafende Frau, will ich verkaufen. Ich hatte schon ein Angebot von tausend Pfund »Das hätten Sie annehmen sollen, das ist heute ein Riesenoermögen." „Ich weiß, es Zerschlug sich." „Ich könnte nicht ein Viertel davon bieten. Außerdem —", der alte Mann sah sie wohlwollend an, „müssen Sie verkaufen? Was machen Sie mit dem Gelds?" Ich kann Ihnen keine Valuta geben, so gern ich möchte." »Ich will sofort ein Hans dafür kaufen. Es ist möglich, daß das Atelier ungeeignet für meine Familie wird." Graeser fuhr scheu mit seiner auffallend kleinen Hand über ihren Arm: »Ach verstehe, ich verstehe! Was soll das für ein Haus fein, man hört fo allerlei." 111 oilloill Wnrnri X-w flOXX La«!' W rot ij ®tt, iM |U*i* W1* ,r ei<* ik! Kl" nbo# |HÖ Blue White Green Grey 2 Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 ■---7 • • r xj *■ '■**•' VW»* nnu VMMI* « J l ««»MU III« IVLi ift, glaube ich, verrückt geworden, ich weiß es aber nicht. Dann hat ein Schriflsteller das Ganze übernommen. Der war bei mir, er will das Haus nicht mehr halten. Er hat mir ein paar Sachen zum Verkauf gegeben, er hatte janj schöne Bilder, und er hat mich gefragt. Ich glaube, Frau von Rucktasch, das ließe sich machen! Für Ihr Bild finden wir natürlich sehr leicht einen Käufer! Wollen Sie mir beides an die Hand geben, das Bild und die Geschichte mit der Villa? Fahren Sie hin und sehen Sie sich das Haus an. Sagen Sie, Sie kämen von mir." Er strich ihr wieder über den Aermel des dunkelblauen, schweren Paletots: „Ich glaube, Sie würden sich dort wohlfühlen! Fahren Sie gleich morgen hin." Man mußte sich nur zusammennehmen, dann ging schon alles! Chrl* siine ging mit Milotti den schönen Weg vom Bahnhof nach Kohlhasenbrück. Die Kastanien waren schon ganz entlaubt, nur ein paar gelbe Blätter standen noch gegen den ganz ' “ rechten Seite neben dem Bahngleis b Baar durch die Räume. Da war ein sehr eie* it einem riesigen Schreibtisch, in dessen Mitte "gruppe stand. An den Wänden waren ein er Tapete. SS* öilder gehangen. Ich habe sie schon zu Graeser i das nicht mehr. Cs war vor dem Abschluß sowieso hier alles auflösen. Haben Sie - »'““* - i“»*« «-yiiiime, „wir haben kein Interesse, Herr Doktor, wir haben selbst genug Möbel auf dem Speicher stehen." „Wohl noch von dem alten Herrn? Alle Hochachtung, meine gnädige grau! Der hat wenigstens etwas vom Leben verstanden!" „Vom Malen auch", sagte Christine. „Richtig, richtig, nur keinen Streit, vom Malen auch! Das wär« das Schlafzimmer." Fast in der Mitte des Zimmers stand ein riesiges französisches Bett, an den Wanden hingen ein paar Kopien von Watteau und ein paar »tlber mobernerer Franzosen, die ziemlich gewagte Schlafzimmerszenen darstellten Christine ging an eines der Bilder heran. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren lag auf einem Ruhesofa, in ihrer rechten Hand hielt sie einen Romanband, der Arm war herabgesunken, und die junge Frau träumte. Christine lächelte: „Doktor, dies ist ein schlechtes Bild. Sehen Sie, draußen scheint Winter zu (ein, es kommt ein ganz kaltes Licht durch "...... muh Zur Lektüre eines Romans da man es sieht. Das ift bei mir bestimmt so. Alles andere ... Hans du mußt nicht lachen: Alles andere kommt dann von selbst." Der Besitzer des Hauses war sehr höflich und sehr elegant. „Ich habe nämlich" sagte er, „gar nicht genug Zeit, mich um das Heine Anwesen hier draußen zu kümmern. Sie haben ja vielleicht meinen letzten Film gesehen. „Die Trommeln des Cisco", Sie wissen es ist ein Welterfolin Cs schwankt ein bißchen bei uns, die wir für Jatts ^at Amerika den Film in echten Dollars pictaxx [eie mit dem Gedanken, hinüberzufahren. Mich ihli Ihnen ja doch jeder, also warum soll ich gnädige Frau, ich habe Unglück gehabt, meine men anderen ... Schweigen wir! Sie können ie Graeser hat schon mit mir telephoniert. Die n. Schwierigkeiten mit dem Wohnungsamt gibt vorläufig nicht. Das wäre die Sachlage, bitte Red__Magenta Grey 4 Black Roman von Rolf Brandt Colour & Grey Control Chart Blätter standen noch gegen den ganz Hellen Vormittagshimmel. Z rechten Seite neben dem Bahngleis begann hoher Kiefernwald. Ei blasse Sonne lag auf den schwingenden Kronen. Zur Linken lag e groß s zweistöckiges Wirtshaus, dann waren da ein paar Villen. Ießt mußte das Haus gleich kommen. Es stand da auf einer kleinen Höhe, das breite Atelierfenster funkelte, man mußte von dort über die Sträucher und den Rasen hinweg bis zum Wasser des Kanals sehen können. „Wie ist es, Hans, wollen wir es nehmen?" „Aber Kind, wir müssen doch erst sehen, wie die Raume sind. Wir müssen doch erst über den Preis reden!" „Hans, ob man ein Haus nimmt, das weiß man in dem Augenblick, GießenerZaimlienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger I9 6 8 14 15 16 17 18