ZahrgM,938 Srdtag, den 28. Oktober Nummer 8$ GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Christine von ÄKloLLi Roman von Rolf Brandt Copyright bp August Scherl Nachfolger, Berlin 11. Fortsetzung. „Es ist merkwürdig, wie du die Farben herausbetommst, Christine, und die Äehnlichkeit. Jedes Bild von dir ist ähnlich." Christine antwortete nichts: sie sah über den Platz, den sie liebte, sie sah über die ferne Stadt, stand auf und lehnte die Stirn gegen di« Scheiben. „Was ist denn, Christine?" „Es ist, was ich übrigens eigentlich wußte, aber ich wollte es nicht wissen. Man kann ja nicht arbeiten, wenn man nicht Sicherheit hat. Hans, komm her, wir sind ganz fertig. Di« Bank schreibt, daß das Geld er- schöpft sei, und daß wir mit unserem letzten Scheck bereits überzogen haben." „Und was ist mit den Aktien, die immerzu steigen?" „Ach, Hans, doch nicht so schnell wie unsere Schecks. Es ist noch eine Kleinigkeit da, aber die Bank schätzt das Ganze für keine zweihundert Dollar mehr, das ist es dochl Hans, so muß man doch rechnen. Ich will dir sagen, der alte Graeser hat mir das Wissen um diese Dinge beigebracht schon vor anderthalb Jahren, noch bevor wir verheiratet waren. Ich habe es begriffen, als ich ein kleines Bild von Großvater verkaufte. Aber es hätte ja alles andere auch keinen Zweck gehabt. Schließlich find wir jetzt drin, das ist die Hauptsache! Außerdem haben wir-noch drei Bilder von Großvater, die werden nur nach Pfunden und Dollars verkauft. Davon kann man eine Weile leben. Inzwischen wird ja entweder die Welt untergehen oder einmal die Vernunft kommen. Hans, wenn ich nachdenke, kann ich nicht mehr malen. Cs ist schon gut." Sie nahm die Briefe und trug sie in das Herrenzimmer. Als sie den Brief von der Bank auf den Schreibtisch legte, schwippte sie leicht mit der Hand darüber: „Es geht uns nicht anders als altenI Erschreckt hat es mich aber doch ein wenig, Hans." Er streichelte ihre Hand, er streichelte ihr Haar, er sagte: „Christine, es geht doch alles gut. Wir werden uns ein wenig einschränken — und jetzt mußt du schlafen." „3a, ich will heute abend gut aussehen. Ich werde Seiner Lordschaft einen echten Rucktasch verkaufen, ich habe nämlich keine Lust, mich einzuschränken, Hansl Denn arme Maler, das ist die Hölle, das wissen wir doch. Wir haben noch drei große Bilder. Ich werde eines davon verkaufen, aber in Pfunden, in englischen Pfunden, Hans. Das ist es, was der alte Graeser eigentlich gewollt hatte!" Milottt deckte sie sorgfältig zu. Sie lächelte ihn an. ehe sie die Augen schloß. Als seine Hand beim Hochziehen der Decke in die Nähe ihres Kopfes kam, nahm sie den Handrücken und legte chn gegen ihre Wange. „Es ist. eine verrückte Zeit, Hans, es ist eine schlecht« Zeit, aber wir wollen den Kopf oben behalten!" In fünf Minuten war sie fest eingeschlafen. Der Hausherr stand gleich am Eingang des ziemlich großen Vorzimmers und begrüßte jeden Gast mit einem Händedruck Zu seiner Rechten, ein wenig tiefer im Zimmer, stand Mylady, lächelnd und die Hand von Zeit zu Zeit ein wenig emporhebend zum Zeichen, daß sie einen Handkuß erlaubte. Die meisten Herren trugen breite Ordensbänder und lange Ketten, glitzernd von Gold und Steinen auf der Bruit. Der Ausschnitt der Damen war meist so frei bemessen, daß er an die Grenze des Möglichen ging. Man sprach englisch und französisch. Die holländischen und polnischen Diplomaten, die auch zugegen waren, sprachen auch französisch. Die Diener reichten Cocktails und Gläser mit Sorbet. Man trank stehend in irgendeiner Gruppe. Sie kannten sich fast alle, die paar Deutschen, die der Viscount zu einer Abendgesellschaft einlud, die Franzosen, die Polen und die Neutralen. Zwischen den Ministern und den Diplomaten sah man drei, vier Köpfe aus der Industrie. Der Hausherr galt für deutschfreundlich. Es waren also an diesem Abend nur französische Herren da, die an Stelle von Gewalt die klügere Ueberredung setzen wollten. Auf einem kleinen Tablett lag sauber ausgezeichnet die Tischordnung. Als der Hausherr Christine begrüßte, hielt er einen Augenblick ihre Hand und sagte mit sehr großer Liebenswürdigkeit: ,Hch freue mich so sehr, daß Sie gekommen sind, Frau von Milottt. Ich freue mich immer, wenn Sie kommen." Und zu Hans von Milotti sagte er: „Mein junger F»und, ich hoffe, daß wir den Vorzug haben, im Laufe dtefes hoffentttch nicht allzu steifen Abends ein paar von Ihren entzückenden Liedern zu hören!" Im nächsten Zimmer hing das große Bild von Lady Anne der Hausfrau, über einem sehr schönen Chtppendalesofa. Es war von dem berühmten englischen Porträtisten Sir William Orpen gemalt. Zwei Gemälde von James Whistler hingen an der gegenüberliegenden 2Bank Christine stand vor dem Bilde der Hausfrau. Sie hatte das Porträt schon ein paarmal gesehen, aber jedesmal war sie aufs neue von der f ugen und überzeugenden Farbengebung berührt. Sie stand einen Augenblick allein, da stand schon der junge Attache Beoeridge neben ihr. Sie grüßte ihn leicht durch Kopfneigen und sah weiter auf das Bild „Ein wunderbares Bild ynd eine wunderbare Frau", sagte Beoeridge „Ein gutes Bild", sagte Christine. „Der Mann kannte seine Gren- zen und wußte mit der Farbe umzugehen. Jedesmal, wenn ich das Bild sehe, lerne ich." „Oh, Sie haben genug von den Bildern Ihres Großvaters gelernt!" Christine wandte sich von dem Bild ab und sah den jungen Diplomaten ruhig, aufmerksam an. „Nein, das stimmt nicht, Beveridgel Die Farbe war nicht die Hauptsache bet Großvater. Ich weiß heute, wie groß er roarJ Das sage ich Ihnen, obwohl ich die Enkelin bin. Aus seinen Bildern spricht menschliches Wissen um Natur, um Glück, um Leid, Beoeridge, aber mit Klugheit, so wie auf diesem Bilde dort, hat das nie etwas zu tun gehabt. Von Großvater kann man eigentlich überhaupt mchts lernen, von diesem Bild dort sehr viel." _ Das Diner war kurz, aber es war ein repräfentables Essen, denn ber Botjchafter erhob sich, nahm sein Glas und trank auf den König und den Präsidenten des Reiches. Man wahrte die englische Tradition. Nach dem Essen blieben die Herren noch fünf Minuten sitzen, und eine schwere Karaffe voll allen Portweins qing von Hand zu Hand. Jeder schenkte ein und hielt das Glas in der linken Hand, die rechte reichte die Karaffe weiter- sie durfte den Boden des Tisches nicht berühren, bis sie leer war. Aber es war nur die Andeutung der alten englischen Sitte. Es wurde auch nicht ein unpassender Scherz erzählt. Der Hausherr setzte sich mit dem Portweinglas einen Augenblick zu dem deutschen Minister und sprach halblaut mit ihm über Politik. Dann erhoben sich alle Herren und gingen in den großen Saal mit den Bildern des Königs und der Königin von Großbritannien. Nun waren die Gruppen in allen Räumen verteilt. Der Viscount nötigte Christine zum Sitzen in dem kleinen Grünen Salon. Der Diener brachte Mokka und Likör. " »Nun, was macht die Malerei? Gibt es genug Kluge, die sich malen lassen?" „O ja", sagte Christine, „ich kann nicht klagen, Mylord. Aber sie sind so klug, daß sie schlecht bezahlen, wenn Sie schon so teilnahmsvoll fragen." Der Diplomat strich lächelnd seinen kleinen, leicht ergrauten Spitzbart. „Das liegt an den Umständen", sagte er. „Glauben Sie mir, ich gebe mir genug Mühe, eure Minister zu Überreden, diese Umstände zu ändern. Sie sollen ihre Druckmaschinen abstellen, die täglich neues Geld drucken, und es wird besser werden." Christine lehnte sich zurück. Sie schlug die Beine übereinander; das dünne Kleid verschob sich. Der Viscount sah den schönen, langen Fuß, die schmale Fessel und die sanft ansteigende Linie der Wade. Christine verschränkte die Hände über dem einen Knie, wie sie als junges Mädchen getan hatte. Sie sah den Lord mit einem sehr fanften Blick an, als sie sagte: „Wie nett, Mylord! Ich verstehe nichts von Politik, aber ich finde, daß dieses System, neue Scheine zu drucken, dl« einzige Möglichkeit ist, den würgenden Händen gewisser Politiker zu entgehen." ' „Oh, meine liebe junge Freundin, Sie verstehen schon etwas von der Politik, merke ich! Aber wir wollen nicht davon reden, ich hab« den ganzen Tag damit zu tun und muß mich nachher noch eine Stunde lang Ihren deutschen Herren widmen. Es ist ein entnervender Poften hier." „War es in Konstantinopel bester?" „Das war eine Finanzstellung. Außerdem, es war alles nicht so ernst. Außerdem, man war jünger.“ „Mylord, Sie sollten sich nicht beklagen. Ich habe, solange ich Mylord kenne, den Eindruck ..." Christine beugte sich vor. Der Hausherr wandte mühsam die Augen von ihrem Gesicht. Es war doch wohl unhöflich, eine Dame so lang« anzufehen: „Welchen Eindruck?" „Daß Sie dos Leben und die Menschen mit einer großartigen Ge° f lassenheit nehmen, auch üte grauen." Aber Sie kennen mich ja jo wenig, meine liebe Frau von MilomI Er wechselte das Thema: „Besitzen Sie eigentlich noch Gemälde von Ihrem Herrn Großvater?" . „ Christine wippte mit dem Fuß: „3a, wir besitzen noch ein paar Gemälde. 3ch muß eines davon sogar verlausen. 3ch hab« 3hnen den Grund schon angedeutet." ... ... . Sie hatten die Gute, mich gelegentlich wie einen väterlichen Freund zu behandeln. Dars ich mir einen Rat erlauben? Verlausen Sie letzt keinen Rucklasch." , . „ , Ich würde ihn auch nur für englische Psund verkaufen. ,',3ch sammle Bilder ... aber ich weiß nicht, ob man davon spre- $Cn ök sind in einer wilden Zeit, Mylord, ich weiß es, und ich will Ihnen die Mühe abnehmen, zu reden. Wenn Sie das Bild haben wollen, können Sie es haben. Es ist eine große Gruppe oon einer I Frau und zwei schlafenden Kindern. Es ist eines seiner guten Bilder. „Es ist merkwürdig, daß sich Rucktasch so viel mit dem Schlaf be- fchastigthhaU My,grd, nicht so fehrl Wenn wir schlafen, lügen unsere Gesichter meistens etwas weniger als fonft. Großvater hat mich einmal als schlafendes Kind gemalt" .... ,st)h", sagte der Viscount, „das Bild hätte ich gerne, ich meine, eine Kopie dieses Bildes hätte ich gerne." ..... I „Es ist auch verkauft. Ich muhte es verkaufen. Ich bin nämlich als junges Mädchen durchgegangen." „Das hätten Sie nicht tun sollen — ich meine, dies Bild zu verkaufen! Hatten Sie denn gar keine Freunde in Berlin?" „Nein, die Freunde habe ich erst erworben, als ich verheiratet war und einsah, daß es notwendig ist für eine Malerin ..." Christine machte . ein kleine Pause, und nun strahlte sie den Lord hell an: „sich durchzusetzen. Ich lernte Beveridge kennen, wie Mylord wissen, und der hgt mich dann eine Zeitlang lanciert, SBeixribge und Lady Grace." „Bei wem haben Sie das kleine Bild verkauft?" „Bei Graeser." „Und Sie sind entschloffen, auch bas große berühmte Bilb ... „Es hanbelt sich nicht um eine Entschlossenheit, sondern um eine Notwendigkeit! Es hängt in unserem Atelier." „Ich kenne es. Werden Sie es wieder zu Graeser bringen?" „Vielleicht." „Schön! Sie sagten, wir leben in schlimmen Zeiten!" Er zog ein kleines Scheckbuch, schrieb seinen Namen in die untere Ecke und riß das Blatt aus dem Büchlein: „Füllen Sie die Summe aus, die Sie für richtig halten." Christine reichte ihm die Hand: „Ich danke Ihnen, Sie Helsen mir! „Ich werde morgen nachmittag bei Ihnen vorbeikommen und werde das Bild ansehen. Ich interessiere mich, wie Sie wissen, auch für Ihre Porträts." „Jederzeit Ihre ergebenste Dienerin!" Beveridge stand in ber Tür. Er wechselte einen Blick mit dem Hausherrn, der leicht mit dem Kops nickte. „Es wird schon getanzt, Frau von Milotti, darf ich Sie bitten!" Der Viscount erhob sich: „Wissen Sie, was wir hier gemacht haben, Beveridge?" ' Der Altachä schwieg. „Eine geschäftliche Transaktion nennt man das." „Was wollte ber Alte von Ihnen?" fragte Beveridge, während er langsam mit ihr durch den Saal fiepte. „3dj habe ihm ein Bild von Großvater verkauft." „Warum nicht mir?" fragte Beveridge. „Ist das Freundschaft, hinter meinem Rücken an diesen interessanten Greis Bilder zu verkaufen?" „Beveridge, das müssen Sie doch einsehen, mit Ihnen mache ich kein« Geschäfte." „Nein, mich machen Sie verrückt!" „Das tue ich nicht, Beveridge. Ich habe Ihnen siebenmal gesagt, daß ich Milotti liebe." „Ich habe es Ihnen siebenmal geglaubt! Warum sind wir dann immer wieder zusammengekommen?" „Weil ich dachte, daß Sie mir helfen wollten, weil ich Hilfe brauchte und weil Sie mir sympathisch sind, Beveridge." „Gott sei gelobt, das geben Sie wenigstens zu!" Er führte sie zu einer der langen mit grünem Damast überzogenen Bänke, an den Seiten des Saales. „Man kann in diesen blödsinnigen Räumen hier überhaupt nie reden", sagte er. „In allen Nebenzimmern sitzen Minister, Bankleute ober Schieber und reden über Politik! Das nennt man dann Gesellschaft. Der Hausherr aber kauft Bilder an. Will er wenigstens in Pfunden bezahlen?" „Ader Beveridge, natürlich will er das! Er hat mir einen Scheck gegeben, den ich ausstellen soll." „Welches Bild ist es?" fragte Beveridge. „Die Mutter mit den zwei schlafenden Kindern." „Aber Baby, das ist doch weltberühmt!" „Ist es ja auch", sagte Christine. „Das wird doch jetzt unter allen Umständen unterzahlt! Was werden Sie auf den Scheck schreiben?" „Tausend Pfund", sagte Christine. Beveridge sah sie strahlend an: „Frau Christine, Sie sind anbetungswürdig! Es ist nicht zu viel für das Bild, es ist zu wenig! Aber immerhin, heute kaust man in Deutschland billig." Ein Legationsrat von der Gesandtschaft führte jetzt Milotti zu einem kleinen Sessel am Ende des Saales. „Meine Damen und Herren!" sagte er. „Herr von Milotti wird die große Güte haben und uns ein paar Volkslieder zur Laute Vorsingen!" Milotti nahm die Laut« und sagte: „Wir wollen eine Reise machen; beginnen wir bei unseren Gastgebern!" Er fang ein altes schottifches Clans-Lied. Seine hellen Blicke flogen durch den Saal. Er sah ausgezeichnet aus, wie er da stand und die Laute '^.Sie ^können^a" über' Milotti sagen, was Sie wollen, Beveridge, er ist einfach entzückend", sagte Christine. ... . ... „Er malt Tag für Tag dasselbe Hafenbild; was daran entzückend ist, weiß ich nicht!" .. .„ „Beveridge, schweigen Sie, davon,verstehen Sie nichts! D«r fremde Text, den selbst die Engländer nur schwer sprechen konnten, formte sich leicht unter den Lippen von Milotti: „Scots, wha hae wi’ Wallace bleck! Scots, wham Bruce has alten leck! Welcome to your glory deck Or to victorie!“ Milotti machte eine kleine Kunstpause, ehe er in den Refrain «inbog. „Es ist erstaunlich, wie gut er Schottisch spricht", sagte Beveridge, „um so erstaunlicher, weil er kein Wort Englisch kann!" „Beveridge, ich höre gern, wenn mein Mann singt. Sie müssen jetzt still sein!" Milotti steigerte Stimme und Vortrag: „Tyranis fall in every foe! Liberty’s in very blowl Lei us do or die!“ Beifall rauschte durch den Saal. Der Hausherr stand im Türrahmen gelehnt und klatschte leicht in die Hände. Er erwartete mit dem Vergnügen, das er bei einer schwierigen Situation empfand, auf den Fortgang dieser Liederreihe durch Europa. , .. Milotti aber legte die Laute' einen Augenblick in den Sessel, sah ruhig, ein wenig frech, in die Rund« und sagte: „Nun nähern wir uns der französischen Küste. Ich singe Ihnen das alte Lied: ,Marlborough s’en va’t en guerre .. /" Der Viscount lächelt vor sich hin: Der Junge ist viel gerissener, als ich dachte! Er machte eine leichte Handbewegung zu Milottt, die etwa sagte: Bitte, sich nicht stören zu lassen, und zog sich m das kleine Herrenzimmer zurück, wo nach einer Minute der deutsche Minister neben ihm faß. Das Gespräch ging sofort auf Reparationszahlungen über ... Im großen Saat hatte Milotti inzwischen bei feinem Vortrag Deutschland erreicht. Er spielte nach einem neapolitanischen Lied, ohne sich einen Augenblick zu besinnen: „3d) hott' einen Kameraden ... Er trug das Lied schlicht und mit Ausdruck vor. Es klang wie neu, es klang wie ein schönes Bekenntnis zwischen den Ordenssiemen der anderen und den geschminkten Frauen und dem Flüstern. Aber niemand konnte dieses Bekenntnis aus der anderen Welt, aus der Milotti kam, ablehnen. ' .... ..... Christine stand auf und ging auf Milotti zu. Er küßte ihr die Hand, und sie stand einen Augenblick neben ihm, eine schlanke Frau nut merkwürdig großen grauen Augen und einem starken, schönen Mund, neben I einem blonden, säst zarten Monn, der sich wie auf einer Buhne für den I Beifall bedankte. ... . . , Beveridge tanzte einen langsamen Walzer mit Christine. Die Hausfrau bestand darauf, daß in der Musiksolge der tleinen 3azzkapelle immer ein Walzer enthalten sein mußte. . Beveridge war größer als Christine. Sein dunkler Kopf war in der Höhe ihres rötlich-blonden Scheitels. Sie sah zu ihm auf. „Beveridge, wir würden besser befreundet sein, wenn Sie weniger schlecht von Milottt sprachen.^n mü^e nid)t> haß er Charme hat? Aber er ist doch fein Mann für Sie! Sie müßten in einem Schloß wohnen, müßten einen irischen Hunter reiten, Dienerschaft haben ..." „Aber, Beveridge, was sind Sie für ein Kind! Mit wem sollte ich das alles teilen?" „Mit mir", sagte Beveridge. „Beverige, Sie sollten das unterlassen; ich bin noch nicht zwei 3ahre verheiratet!" ,.. „Lassen Sie sich scheiden, Frau Christine! Dieser Mann ... Schon, ich will nichts über ihn sagen, aber das will ich Ihnen sagen, daß er es sehr leicht verschmerzen wird. Ich liebe Sie, Christine, wie Sie nur ein Mann liebt! Ich werde von hier versetzt, wahrscheinlich werde ich zweiter Legationsrat in Madrid. Wir kaitten ein Haus auf Mallorca, blaues | Meer, Palmen ... Oh, Frau Christine, ich fahre in acht Tagen fort von Berlin und komme nie wieder!" „Ich sollte Ihnen schon längst nicht zuhörem Beveridge, aber Sie haben schon bemerkt, ich höre so gern bunte Lieder." . Langsam tanzten sie durch den Saal. „So ist es ein Abschiedstanz, Beveridge. Ich bleibe bei Milottt, ich liebe Milotti, soviel ich lieben kann. Ich erschrecke manchmal vor mir selbst, Beveridge, ich erschrecke, daß ich Sie reden lasse " „Christine, ich liebe Sie! Christine, es kann nicht so ausgehen, daß man sich kennenlernt, daß Sie mir erlauben, Ihre Hand zu halten ... daß ..." „ „Es war sehr viel, daß ich Ihnen das erlaubte, und es geht Io aus. „Ihr kommt doch alle ins Elend, das sieht man dock) hier in Deutschland. Ich will nicht, daß Sie ins Elend kommen!" „Glaubt doch nur nicht, daß ihr euch heraushalten könnt! Unser Schicksal ist euer Schicksal!" „Christine, die Musik hört auf, sie wartet nur daraus, daß wir zu tanzen aufhören. Wir sind das letzte Paar ... Christin«!" „So wollen wir aufhören, Beveridg«! Bringen Sie mir ein Glas Sekt, ich will auf Ihre glückliche Fahrt trinken!" (Fortsetzung folgt.) Sasel. Volksweise. Es wollt' ein Mägdlein tanzen gehn, Sucht Rosen aus der Heide; Was fand sie da am Wege stehn? Eine Hasel, die war grüne. „Nun grüß dich Gott, Frau Haselinl Von was bist du so grüne?" „Nun grüß dich Gott, fein's Mägdelein! Von was bist du so schöne?" „Von was, daß ich so schöne bin. Das kann ich dir wohl sagen: Ich iß weiß Brot, trink kühlen Wein, Davon bin ich so schöne." „Ißt du weiß Brot, trinkst kühlen Wein Und bist davon so schöne, Auf mich so fällt der kühle Tau, Davon bin ich so grüne." „Hüt dich, hüt dich, Frau Haselin, Und tu dich wohl umschauen! Ich hab daheim zween Brüder stolz. Die wollen dich abhauen." „Und hau'n sie mich im Winter ab, Im Sommer grün' ich wieder; Verliert ein Mägdlein ihren Kranz, Den find't sie nie mehr wieder." Oie Flucht. Bon Andreas Zeltler. Mein Vater hatte sich ein Jahr vor dem Kriege in Ostpreußen auf dem j Lande nahe der Grenze als Arzt niedergelassen. Wir bewohnten ein ehemaliges Bauernhaus, das von einem weiten Garten umgeben war. Das stille, dichtbewachsene Viereck zu verlassen, hatte meine Mutter mir streng untersagt; auf die schwarze Wand dichten Waldes zeigend, der an eine der Schmalseiten des Gartens stieß, warnte sie mich mehr als einmal: „Dahinter ist Rußland!" Es hätte dessen nicht bedurft; ich verspürte nicht die geringste Lust, ihr Verbot zu übertreten. Das Haus und der Garten machten mich glücklich. Untertags hütete ich auf dem Gras die Ziegen, Hühner und Kaninchen, und am Abend, wenn im nahen Dorf die Glocke geläutet und mein Vater die Pforte versperrt hatte, führte mich meine Mutter auf die Wege zwischen den Beeten und tief unter die Büsche ins zrünlich-braune Halbdunkel, um mich die Namen der Blüten und die Gestalt ihrer Blätter zu lehren. Das glückliche Einsammeln der Tage hörte eines Abends mit einem Cchlage auf. Unruhe im Haus wies auf besondere Ereignisse. Ich sand meine sonst so besonnene Mutter dabei, in großer Hast einen Koffer zu lacken. „Es gibt Krieg!" rief sie weinend aus. „Die Russen kommen! Wir Nüssen fliehen!" Mich erfüllte freudiger Schrecken. Der Tag war voll erlegender Wunder. Am Morgen schon hatte ich in einem unbeachteten Win- bl des Gartens eine fremdartige, unheimlich geformte Blüte gefunden, die ih ihrer rotspielenden Farbe wegen in meinem märchenfreudigen Unver- fianb für wachsendes Gold erklärte. Und nun flohen wir! Mein Vater erledigte seine Krankenbesuche mit einem Fahrrad, wir hatten deshalb für unsere Flucht auch nur ein gebrechliches Wägelchen, vie es die Waschfrauen benutzen, um ihre Körbe auf den Trockenplatz zu fahren. Am Abend zog es mein Vater hinter sich die Gasse herauf, er sah sch dabei ängstlich nach allen Seiten um, und wir stellten es unter die Säume in den Schatten. „Es gibt nicht mehr viel Gefährte hier in der Eegend", meinte er bekümmert; ich glaube, er hatte es gestohlen. „Nimm das Kind;" sagte er dann zu meiner Mutter, „und setze dich auf den kaffer!" — „Aber das Glas?" flüsterte sie zurück. Aus Furcht vor dem kommenden wagte sie nicht mehr laut zu sprechen und weinte ftife vor sich hin. „Welches Glas?" fragte mein Vater. Ihre Hand wies auf den braunen kästen, der im Grafe stand. Sie zog das Türchen auf und wir sahen, daß er meines Vaters Hochzeitsgeschenk, den gläsernen Apfelbaum enthielt. Kein Vater blickte meine Mutter an; sie lächelten sich freundlich zu. „Oib- es dem Jungen. Er soll es vorsichtig halten", sagte mein Vater. „Ich hole Dch ein Pferd." — „Em Pferd?" rief ich, außer mir vor Glück. „Ja!" »ickte er. „Ein richtiges Pferd!" Meine Mutter weinte nicht mehr; sie zog irich auf ihren Schoß und küßte mich; ihre Hände legten sich schützend um mein Gesicht. Nach einer halben Stunde kam mein Vater zurück. Das Pferd, das " am Halfter in den Garten führte, war ein riesiges altes Äckerpferd. M dem rechten Auge schien es blind zu fein. Man mußte es als un- lcuglich zurückgelaffen oder überhaupt in feinem Stalle vergessen haben. Geduldig folgte es der Lenkung meines Vaters. Mit Riemen und Leinen spannte er es notdürftig ein; wir stiegen ein und fuhren los. „Das Haus!" hrrte ich meine Mutter sagen. Mein Vater antwortete nicht. Wir durchquerten das ausgestorbene Dorf und erreichten bald einen wntlen Wald. Unser kleiner Wagen flog hinter dem mächtigen Pferd öcn einer Seite auf die -andere. Meine Mutter schlief erschöpft auf dem ff er, an die Schulter meines Vaters gelehnt. Ich saß vorn, nahe dem Sijmeif des Pferdes, umgeben von dessen beizendem Geruch, halb davon •nnübet und wachgehalten, drückte den gläsernen Apfelbaum in feinem Faunen Kasten fest an meine Brust und rührte mich nicht. . Plötzlich hielt mein Vater bas Pferd an. „Ich fürchte, wir sind auf *ein falschen Wege; längst müßten wir aus dem Walde heraus fein ..." V flieg ab und blickte angespannt zu den Wipfeln der Bäume empor, i '»lleicht um durch ihr Geäst die Sterne zu erkennen. Es war jetzt Nacht; die Stämme standen wie eine Mauer um unser Gefährt; außer dem Schnauben des Tieres und einem schwachen Rauschen in den Zweigen war weichin nichts zu hören. Mein Vater trat wieder an den Wagen heran. „Weine doch nichtl" jagte er unwirsch zu meiner Mutter, „mir müssen eine Abzweigung verfehlt haben." — „Nicht umkehren!" bat sie erschrocken. „Es ist ja gleich, wohin wir kommen. Nur fort!" Mein Vater schien unschlüssig zu sein; er blickte nach rechts und links. Schließlich glitt meine Mutter vom Koffer herab und stellte sich neben ihn. Ich tat beklommen, als ob ich schliefe. „Ludwig, hörst du etwas?" flüsterte sie voller Angst. „Pst," machte mein Vater. „Dort muß der Wald zu Ende sein. Vielleicht ist es draußen hell genug, daß ich fest, stellen kann, wo wir sind. Keine Sorge, ich bin gleich wieder da." Er verschwand in den Büschen, und wir hörten das trockene Holz noch eine Weile unter feinen Schritten knacken. Was nun geschah, ist Geheimnis und wird es bleiben; müßig er» scheint es, daran zu rätseln Einige Minuten nach dem Weggehen meines Vaters zersprang die quälende Stille des Waldes; aus der Richtung, die er eingeschlagen hatte, fielen drei, vier schnell aufeinanderfolgende Schüsse. „Christian!" schrie meine Mutter auf, und ehe ich mich versah, hatte sie die Gerte, die sich mein Vater bei der Abfahrt als Peitsche vom Gartenzaun' schnitt, mehrere Male über den Rücken des erschrockenen Pferdes geschwungen. Mit einem scharfen Ruck geriet der Wagen in Bewegung. „Fahr zu!" rief mir meine Mutter ins Ohr und drückte neben« herlaufend, denn das Pferd begann in Trab zu fallen, die Rute in meine Hand. „Schlag zu! Die Russen!" Sie selbst wandte sich und hastete zurück; der Wald war wieder still geworden; sie glaubte wohl, meinem Vater beistehen zu können. Ich weiß nicht, was mit meinen Eltern geschah. Vielleicht kam der Tod schnell zu ihnen; vielleicht umkreiste er sie erst lange wie ein Wolf, als fie sich in den dichten Wäldern versteckten; vielleicht gerieten fie auch in Gefangenschaft und erlagen in der Ferne einer .Seuche ober ihrem Kummer. Ich habe fie nie mehr gesehen und nichts über fie vernommen, obwohl nach dem Kriege einige freundliche Menschen große Änstrengun- gen machten, ihr Schicksal zu erfahren. Es war vergeblich. Mich rettete das Pferd; alt war es, ausgedient und einäugig, aber es schien, als ob der Schrecken es verjüngte, unablässig eilte es durch die Dunkelheit Ich lag mehr auf dem geschüttelten Koffer als daß ich noch faß; mit der Linken handhabte ich die Peitsche, wie es mir meine Mutter befohlen hatte. Die Angst ließ es mich mechanisch tun und wehrte jede Ermüdung ab. Mit dem rechten Arm umspannte ich bas Behältnis des Glasbäumchens. Es klirrte leise hinter dem Holz. Gudeteudeutsche Kulturträger. Von Hans Stur m*. Die Dichter. _ Aller deutschböhmischen Dichter Ahnherr und Meister ist Adalbert Stifter, der als Sohn eines böhmischen Leinewebers nur mühsam zur Bildung kam und zwischenher noch Malen lernte. Bald legte er Pinsel und Palette hin, um „nur noch mit Worten zu malen", und darin ist er wirklich Meister, wie feine „Studien", die „Bunten Steine", der „Nachsommer" zeigen. „Witiko", dem Recht verschworen, treu, wahr und lauter wie die Natur, aus der er stammt, ist des Dichters Abbild. Scheint feine stille farbige Welt hier und da ein wenig fremd, verschwollen, was tut's; die Wälder rauschen noch heute fo wie ihm, das Land unterm Dreifeffelberg liegt noch heute im Wehen der jähen Winde wie zu Witikos Zeit. Das Ewige, das er schildert, bindet ihn an uns und seine Naturversponnenheit ist wie ein Nachklang des germanischen Mythos, den zu bewahren unsere Aufgabe ist. Aus dem Mährischen kam Marie von Ebn er-Eschenbach, die bedeutende Zeitgenossin eines Raabe, Keller, Fontane, deren epische Gestaltungskraft mit dem Alter eher wuchs als abnahm; dies zeigen die Skizzen „Meine Kinderjahre" der Siebenundsiebzigjährigen, die einen klaren Blick gewähren in die Heimatjahre eines reichen, gütevollen Frauenlebens. Von ihrem Roman „Das Gemeindekind" sagte Gottfried Keller, er fei „kein Buch, sondern eine Tat". Die Dichterin besaß das stete Bestreben, an sich selbst zu arbeiten, für das fie die Formel fand: „Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht!" „Heimat ist nicht nur Vergangenheit", sagt der junge Erzähler Friedrich Bodenreuth in seinem zeitgeschichtlichen wertvollen Buche „Alle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland" (das bereits im 20. Tausend vorliegt und mit einem Preis ausgezeichnet wurde), ,Heimat der Gegenwart, Heimat der Zukunft ist dein Volk. Äus der Erde nimmst du.den Glauben, in dem Volke aber erwächst dir die Aufgabe, und die Kraft der Zuversicht". Aus diesen Gedanken heraus sind die Kämpfe an der Tiroler Front und die heimlichen Vorgänge im Hinterland geschildert, wo deutsches Geschick sich erfüllen wollte, jedoch durch feigen Verrat zusammenbrach. Bodenreuths Buch ist trotz seiner Zeitnähe das Epos volksdeutschen Kampfes in feiner Heimat. Äus dem alten Eger flammt Hermann Graedener, der 1913 mit dem Vauernkriegfries „Utz Urbach", einem der besten Bauernromane der Weltliteratur, bekannt wurde; seither veröffentlichte er nur wenige, aber wesentliche Arbeiten, den so heroischen „Traum von Blücher, Porck, Stein", der deutsches Denken und Handeln verkörpert, „Ein Volk geht zu Gott", in dem sich der Lebensglaube unseres Volkes spiegelt, die Novellendichtung „Der Esel", aus der echt deutsche Heiterkeit lacht, gedankenschwere Verse und das als reichswichtig erklärte Festspiel „Bilfingen — Das neue Reich". Wer sich eingehend über Graedener, der zu seinem 60. Geburtstag (April 1938) die Goethe-Medaille erhielt, unterrichten will, sei auf das „Hermann-Graedener-Buch" des Verlags Adolf Lufer verwiesen, das außer gutgewählten Proben eine biographische Einleitung, Aussprüche und Gedichte Graedeners sowie eine Reihe von Bekenntnissen (von Reichsdramaturg Schlösser, Nadler, Mell u. a.) zu dem verdienstvollen Dichter der Ostmark enthält. .* Dgl. den ersten Aufsatz in Nr. 80 vom 14. Oktober. Den historischen Romantiker der Ostmark könnt« man Roberi Hohlbaum nennen, er gehört zu den Duhtern, die „ruckwartsbltckend vorwärtsschauen". Seine Romane behandeln durchweg Stosse aus der Vergangenheit und haben wegen ihrer inneren Wahrheit besonderen zeitgeschichtlichen Wert. Meisterlich ist Hohlbaums Unsterbliche -Trilogie in.welcher er Große aus Kunst und Geschichte (Bruckner, Brahms, Maria Thercha usw.) mit scharfen Konturen Umrissen in einen leben- i)‘9C$ ®Q ß’o" b Vn h e 9 « r, Deutschböhme aus Karlsbad, hat, um mit Stchr fu reden ,^°s deutsche Herz in seiner Wahrhaftigkeit und Tiefe zum Klingen gebracht". In seinen Romanen (Paracelsus-Trilogi^ . Meister Joachim Bairsewang" u a.) g'bt ec ein breitange egkes Stuck deutscher Seelengefchichte, in seinen Gedichten und Buhnenwerken („Lyrisches Brevier", „Heroische Leidenschaften', „Gregor unhHetnrich ufro9) zeigt er sich als Bejaher und Vorkämpfer ,ener heldi chen We - anschauung, die heute als Grundlage der völkischen und staatlichen Wll- lensbildung gilt. Kolbenheyers Schaffen ist Bekenntnisdlchtung tm goethefchen Sinne; es wurde 1937 durch Verleihung des Goethepreises geehrt. Eben erschien Kolbenheyers neuer Roman „Das gottgelobte f>erj", ein farbenreiches Geschichtsbild aus der Zeit der deutschen Mystik (Eckhart, Tauler, Suso, Margarete Ebner), in dem das deutsche Volk erstmals den Weg zu sich selbst sucht. Aus diesem Buche spricht wieder des Dichters Denkart, die er festhielt in den Börsen: „Stamm an Stamm und e i n Wille zum Bau, • Im letzten Vertrauen Gau bei Gau! „ Wir harren, wir werken, wir wachsen gesellt Der heute dreiundsiebzigjährige Volkslehrer und Voiksschrtststeuer aus dem Jsergebirge, Gustav Leutelt, ist ein schlichter .Kalender- macher' und w.tl auch nicht mehr sein; er zeichnet in se.nem dretban. digen Lebenswerk nur Zustände, tut nichts hinzu, übersteht nichts Wichtiges und malt so die nordböhmische Lage anschaulich und überzeugend; spätere Boltsschiiderer sollten ihn kennen. .... ™ Walter von Molo formte in seinen vrelgelesenen Romanen «rotze Deutsche, Schiller, Fridericus, Luther, Friedrich List und den Prinzen Eugen, und stellte in knappen Bühnenstücken manchen Kampfer für das Deutschtum (Staps u. a.) ins rechte Licht. Dem Erzähler merkt man nicht immer an, daß er den Quellen genau folgt, wenn er die politischen Zusammenhänge sichtbar macht und Einblicke in das Werden der je- we liaen Zeit tun läßt. Warum wirkt Molo in seinen besten Buchern st mstreißend: weil in ihm frischer Geist, tätiger Wille und boLen- standigedKrast^einSs^nd. $rQnJ glab( (aus Lautschin in Böhmen), aber seine Romane und Erzählungen haben ihr speKsHes Gewicht. Einfach, scheinbar kunstlos beginnen sie, z. B. der „Oedhof, die Bilder aus den Kreisen der Familie Arlet, oder „Das Grab des Lebendigen , diese erschütternde Studie aus dem kleinbürgerlichen Leben; Rabl versteht es meisterhaft, „in winziger Bürgerlichkeit die hohe Woge aufrauschen" zu la sen. Die von ihm dargestellten Menschen Meßt man ins Herz (das gilt auch für dle Gestalten seiner Schauspiele), weil man sie mit wehen Herzen dulden sieht unter dem Leid ihrer Tage. Als zehntes Kind eines Waldschmiedes wuchs Wilhelm P l e y e r an der böhmischen Sprachengrenze auf, wanderte und lernte viel, wurde politischer Amtswalter und Dichter und blieb doch „Schmiedeiunge und Bauernstämmling". In Kamps und Kerker-wurde er „ganz Gegenwart, erfüllt von dem Atem des Volkes". Sein Roman „Die Brüder Tomma- hans", der den Kampf alter Bauerngeschlechter um die väterliche Scholle gegen kapitalistische Ausbeuter schildert, wurde 1937, nachdem er schon mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden war, von den Tschechen beschlagnahmt. Kürzlich erschienen Pleyers Gedichte, „Lied aus Böhmen", Kampfgedichte, Volkslieder, Verse zum Lobe der Liebe und der Ahnen gerufen und gesungen aus dem Geiste unentwegten Deutschtums. Tie'foertraut mit „böhmischen Volkes Weise" war Rainer Maria R i l k e, der im alten Prag zu Hause war. Er entstammte einem alten deutschen Geschlecht, das ehemals in Kärnten ansässig gewesen war. Traditionsgemäß zum Offiziersberuf bestimmt, verließ er wegen seiner zarten Gesundheit bald die Militärschule, betrieb seine Studien weiter, unternahm Reisen und wurde Dichter, nicht zuletzt angeregt durch die Mystiker Jakob Böhme und Angelus Silesius. Ost war er in seinem Leben aus Reisen, aber von Zeit zu Zeit zog es ihn heim „in den blauen Schimmer der böhmischen Wälder", hier entdeckte er immer wieder „die „Urroerie der Seele", und die heimische Erde war ihm mehr als eine stimmungsreiche Landschaft, sie war ihm „die große Mutter". Rund fünfzig Bücher schrieb Karl Hans Strobl (aus Jglau), historische und heutige Romane voll lebendiger Anschaulichkeit. Rach dem Kriege hat er sich für die Minderheitenrechte der Sudetendeutschen in Wort und Schrist eingesetzt und die Grenzfragen wirklich volkstümlich gemacht. Kein Wunder, daß er Prag bald als besonders Mißliebiger galt und vom Hradfchin endgültig ausgewiesen wurde, von jenem Hrad- schiii, dessen tausendjährige bunte Verwandlungen er in seinen Büchern kraftvoll und lehrreich beschrieben hatte. Nach seinem 60. Geburtstag, an dem er die Goethe-Medaille erhielt, schrieb er den Roman „Feuer im Nachbarhaus", in dem er den Untergang der Tscheche! vorahnend beschrieb, so wie er sich in unseren Tagen Zug um Zug erfüllt. Von Hans Watzlik könnte man sagen, er habe das Erbe Adalbert El', ters angetreten. Die Kindheit verlebte er in Südböhmen, und der bcli urwüchsig wilden, bald traumversonnenen Landschaft hat sich seine si>' ke Erzählergabe angepaßt, und wenn er die Einschichtbauern, Holz- cr iter oder Jager mit markanten Strichen zeichnet, entstehen vor dem Le' r starke Bilder, die sich nicht selten zu balladendunkler Wucht steige; ii. Der verschollenen Geschichte und der leidvollen Gegenwart hat sich Watzlik mit gleicher Liebe zugewandt in seinen Büchern, die begeh sie> t und wohlverdienten Widerhall fanden und finden. Diese Dichter aus dem deutschböhmischen Lande, deren Reihe sich noch um manchen guten Namen erweitern ließe, trügen und tragen alle das Novalis-Wort im Herzen: „Wohin gehen wir? Immer nach Haufe. Sie alle standen und stehen als Dichter im Dienst eines neuen, eines größeren Deutschland, das nun Wahrheit wird. Die Literaturwissenschaft. Neben die Dichter des Sudetenlandes treten einige Literarhistoriker, deren Namen zu den besten unserer Zeit gehören, und deren Arbeiten grundlegende Aenderungen in unserer Viteratursorschung bcrolnt haben. Gänzliches Neuland betrat Joses N a dl er (geboren 1884 zu Neudörsl in Böhmen) mit seiner .Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften". Als 1911 der erste Band erschien, stand der Versa str mit den Grundgedanken seines Werkes ganz allem da; erst nach Jahren erwachten hier und da die gleichen oder verwandte Gedanken. Nadler greift auf die Urgründe deutschen Lebens zurück, et deutet die schöpferischen Leistungen unseres Volkes aus den vielseuiaen stammestümlichen Anlagen und sieht im heimischen Boden, tn der Familie und in den Geschlechterfolgen die ewig öequngenben Kraste. Heute, wo die ursprünglichen Volkskräste wieder zum gemeinsamen Werke aufgerufen sind, gewinnt das vierbändige Werk neue Bedeutung. Eine wertvolle Ergänzung hierzu bietet Nadlers Buch „Das stammhast« Gefüge des deutschen Volkes"; tn der Einleitung heißt es: „Deutsche Stammeskunde ist Lebenskunde und Lebenslehre vom deutschen Bolt . Aus jedem Kapitel ersteht man des Verfassers Anschauungen von Volk- werdung und Volkserneuerunm „Jedes Volk muß sich selbst wallen und kann nicht wider seine Natur/ Heule besonders wichtig ist Nadlers kleine Arbeit über „Das Schrifttum der Sudetendeutschen", die im Sommer 1927 erschien. In dieser Studie wird vieles richtiggestellt, mit manchen falschen Urteilen aufgeräumt; gefchichtsfälschende Behauptungen werden kraftvoll zurückgewiesen; an diesen Beweisen und an dem Willen eines geeinten Volkes mußte die zweckhaste Umfälschung der böhmischen Grenz- lande In entrissenen Marken fremden Volkstums zerbrechen. 1933 oer- öffentlichte Nadler, der bis 1925 Dozent in Freiburg (Schweiz) war, eine „Literaturgeschichte der deutschen Schweiz", die wie ein Dank an dieses herrliche Land anmutet. Soeben beginnt im Propyläen-Verlag Berlin Nadlers „Literaturgeschichte des Deutschen Volkes" zu erscheinen in vier Bänden (Lexikonformot) mit einer Fülle sorgsam gewählter Abbildungen. Daß der Berfasser sich von seinen früheren Grundsätzen auch diesmal leiten läßt, zeigen seine Worte: „Geschichte als Darstellung ist keine Büstensammlung; denn die Wirklichkeit kennt nicht einzelne, sondern Gemeinschaften, und der Erkenntnis ist der einzelne nicht Zweck, sondern Mittel." So sieht er die deutsche Literatur nicht als eine in ein Schema gezwängte Stossfammlung, sondern als hin und her flutendes Leben; und er wird sie barstellen als gründlicher Historiker, bahnbrechender Forscher und Meister der Sprache. Auch Herbert Cysarz (geboren 1896 In Oderberg) gilt — nicht nur in Fachkreisen — seit Jahren als Erneuerer einer deutschen Geisteshaltung; durch seine Lehrtätigkeit in Wien sowie an der Prager deutschen Universität und durch seine Schriften hat er sich den Ehrennamen eines .Mentors der Sudetendeutschen' verdient. 1923 erhielt er für eine wissenschaftliche Arbeit den Scherer-Preis, weiten Kreisen bekannt wurde er durch fein dreibändiges Werk über „Deutsche Barocklyrik", in dem er dieses vergessene Gebiet unserer Dichtung als starke, eigenwillige Aus- druckssorm deutschen Wesens behandelt. Was er über Goethe, Schiller und andere Klassiker schrieb, gehört zum Besten auf diesem überreich beackerten Gebiet; als er im Mal dieses Jahres den Eichendorff-Preis erhielt, gab er in feinem großen Feftvortrag, „Eichendorfs und der Mythos", eine Meisterletstung wissenschaftlicher Ausdeutung in fast dichterischer Form. Das ist nicht verwunderlich, denn Cysarz stammt aus Eichendorffs Heimat, aus den böhmisch-schlesischen Wäldern, die auch ihn zum Dichter werden ließen. Der Dichter in ihm wurde zum lehrenden Vorbild, er stand immer in der vordersten Linie, wenn es galt, für eine Idee, für die neue Zeit ober für die Heimat einzustehen. Als Kriegsfreiwilliger zog er 1914 hinaus, wurde 1916 als Offizier schwer verwundet und überwand diesen Schickstlsschlag durch doppelte Arbeit. 1934 gab er die „Rute und Lieder" sudetendeutscher Studenten heraus, denen er einen grundlegenden Essay über bas .Schicksal der sudeten- beutschen Dichtung' voranstellte; im Schrifttum biefes Landes sah er damals schon eine Angelegenheit der Zukunft, „obwohl es seine Geschichte hat". Es wäre zu wünschen, daß Professor Cysarz dies« Geschichte schriebe. Noch eines Literaturforschers wäre hier zu gedenken, der aus dem Sudetengau kam, aber schon 1915 starb: Karl Eugen Neumann. Sein Vater war der ehemalige Opernsänger und Hamburger und Prager Tl)eaterdireklor Angelo Neumann, der als einer der ersten mit feiner berühmten Truppe Richard Wagners Werk durch die halbe Welt getragen hat. Karl Eugen Neumann war ein begeisterter Schüler des. wohl bedeutendsten deutschen Indologen, des Wiener Professors Georg Buhler. In seiner ersten Schrift, „Die innere Verwandtschaft buddhistischer und christlicher Lehren", ist bereits fein Ledens- und Arbeitsvlan angedeutet; hier vergleicht er zwet buddhistische Suitas mit Meister Eckeharts Traktat „Don der Abgeschiedenheit". Neben weiteren Ueber- setzungen aus und Schriften über indische Literatur veröffentlichte er eine „Buddhistische Anthologie" (aus dem Pali-Kanon) erstmalig. Sein eigentliches Hauvtwerk Ist die großangelegte Uebertragung der „Reden Buddhas" aus dem Pa«, di« ab 1907 im Piper-Verlag zu erscheinen begannen. Nun wäre Neumanns Lebenswerk, das bis dahin unter einem ungünstigen Stern zu stehen schien, gesichert gewesen, wenn der Weltkrieg nicht störend dazwischen getreten wäre. Das Erscheinen des dritten Bandes erlebte Neumann nicht mehr; er starb am 18. Oktober 1915, an seinem 50. Geburtstag, trotz der Hilfe von Freunden und Verehrern in bürftigsten Verhältnissen. Ein Freund gab bie letzten Bänd« heraus. Es ist ein tragisches Los, datz Neumann, der eine umfassende Sprachen- und Literaturkenntnis besaß, ben großen, auch buchhändlerischen Erfolg seines Werkes nicht mehr erleben durfte. Lerantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlfche UnlverfitätSdruckerei A.Lange, (Sieben.