SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <938 Montag, den 28. März Nummer 25 Herz Im OW Roman von Hans-Äaspar von Zobeltltz Copyright by Deutsche Verlags,Anstalt, Stuttgart 11. Fortsetzung. Lexes wegen ist Bernd auf dem Hofball. „Passen tzie ein bißchen auf das Mädel auf", hat Irene gebeten, „sie ist doch immer noch wie ein Kind. Ein schönes Mädel ist sie geworden, wenn sie auch nicht die stolze Schönheit der Mutter hat, nicht ihre Gröhe, nicht ihre Schlankheit; sie ist kleiner, rundlicher und lieblicher. Alles ist voll in ihrem Gesicht: die Wangen, d,e Lippen; voll ist auch das dunkle Haar, und die braunen Augen sind groß und glänzend. Bernd hat sie in den Kreis seiner engeren Kameraden geführt, den von der Garde-Infanterie Das war auch Irenes Wunsch, sie weiß: dort ist man anspruchsloser, bescheidener, fröhlicher und auch harmloser als unter den wohlhabenden Kavalleristen. Sie hat noch oft an die Worte ihrer Schwiegermutter gedacht: „Sie wird einmal ein schönes Mädchen werden, sie soll stolz darauf sein, aber nicht eitel, sie soll sich einen einfachen Mann suchen, aber von Stand; das gibt es." Einfach, aber von Stand; das ist der Kreis um Bernd Wallnitz. Ganz kann Irene die Jugend aus dein Regiment ihres Mannes und aus dem schlesischen Hoch- ade! ihr natürlich nicht fernhalten, sie kann den dort Heranwachsenden Herren nicht ihr Haus verbieten, aber gern sieht sie sie nicht. Lexe ist das, was man eine gute Partie nennt; wenn der Besitz auch Majorat ist, es füllt bei feiner Größe immer noch genüg für die einzige Schwester des Majoratsherrn ab. Mädels, die gute Partien sind, mühen aoer besonders behütet werden Das weiß auch Bernd. Er macht sich manchmal Sorge um Lere, wenn sie allzu ausgelassen tollt. Er fürchtet, daß sich jemand in sie verlieben könnte, ernst und tief, und daß ihr dann die Kämpfe um das Neinsagen, die er selbst durchgemacht, nicht erspart blieben. Oder daß sie sich verlieben könnte, wie einst Lore Schillings. Er denkt dabei nie an sich selbst, für ihn ist sie noch immer das kleine Mädel, die Konfirmandin, über die er sich einst mit Peter Müller stritt. Er kommt sich oft recht alt vor und glaubt den Anschluß an die Ehe verpaßt zu haben über seiner Arbeit in den Akademiejahren und im Generalstab. Er glaubt auch, daß er jetzt gar keine Zeit zum Heiraten hätte; um acht Uhr früh begkkint sein Dienst, und oft wipd es elf Uhr nachts, ehe er in der Roten Bude fertig ist; kann er früher gehen, muß er zu Hause am Schreibtisch noch die Aufgaben erledigen, die ihm sein Ches für seine weitere Ausbildung stellt: Kriegsspiel, Manöveranlagen, Ausmarschpläne oder kriegsgeschichtliche Abhandlungen. Nur die Sonntage hält er sich frei für das Czehsche Haus; dann kommt meist Günter aus Lichterfelde aus Urlaub, er hat sich gut durchgesetzt -im Kadettenkorps, trägt die Gefreitenknöpfe am roten Kragen und wird zu Ostern Primaner. Irene möchte gern, daß er nach dem Abitur in Bernds Regiment einträte, aber das wird nicht gehen: seine Liebe zum Pferd ist zu groß, er gehört in die Kavallerie; es brauchen ja nicht gleich die Garde-Kürassiere zu sein wie bei seinem Vater. Sie werden schon das richtige Regiment für den Jungen finden, Irene und er. Sie haben verabredet, daß sie sich an einer der dunklen Marmorsäulen treffen wollen, die am Ausgang der Bildergalerie zujn Weißen Saal stehen. Man muß einen Treffpunkt vereinbaren, wenn man sich im Menschengedränge nicht verfehlen will. Bis zum Beginn des Balls ist noch eine halbe Stunde Zeit; trotz- öem si„d die Gäste schon fast vollzählig versammelt. Man ist sehr pünktlich bei Hofe. Alles wogt durcheinander. Uniformen über Uniformen. Generale mit breiten Ordensbändern über der Brust, Stabsoffiziere mit gleißenden Gpauletten, Leutnants im schlichten Blau der Infanterie und Artillerie, in den luftig bunten Attilas der Husaren, den leuchtendroten Kollern der Gardesdukorps, in den hellblauen Röcken der Dragoner, in den^weiß, rot oder gelb besetzten Ulankas, dazwischen die über und über bestickten tfräcfe der Kammerherrn und Hofchargen und die silbern und golden betreßten Röcke der Minister und der Herren des Diplomatischen Korps. Die Farben der Kleider der Damen verlöschen fast unter dem Gepränge der Uniformen. Um fo stärker aber leuchtet das Weiß :brer Schultern, die der vorgeschriebene Hofausschnitt^ freigibt. Viel Schmuck jlänjt: hohe Diademe, schwere Kolliers, matte köstliche Perlenketten, Armspangen, Reifen, Ringe. Schöne Frauen tragen ihn, die meisten sind hoch und schlank gewachsen, schmalgesichtig und schmalfühig, das Blond herrscht vor. Bernd fühlt sich wohl. Er liebt dies bunte, glitzernde Bild, er liebt auch diesen Duft, den es nur hier gibt und der dem Parfüm entsteigt, das Lakaien au heiße Pfannen gießen. Ganz langsam geht er seinem Ziel zu, wünscht hier einem Kameraden guten Abend, küßt dort einer Dame die Hand, verbeugt sich vor einem älteren Herrn, plaudert dort ein paar Worte in einer Gruppe Bekannter begrüßt Freunde und wird begrüßt. Er trifft Erich Heidenberg mit feiner jungen Frau, es ist die kleine Ilse von Verkühl, die damals auch mm Schillingsschen Kreise gehörte; vor zwei Jahren haben sie geheiratet und vor einem Jahr wurde ihnen ein Mädel geboren. Sie halten ihn für Augenblicke fest, schelten ihn aus, weil er sich gar nicht mehr bei ihnen fetjen ließe. „Du bist ein schlechter Kerl, Bernd", sagt er, und sie meint- „Da hat mir Erich immer von eurer dicken Freundschaft erzählt und nun spure ich nichts davon." — „Ich habe viel zu arbeiten “ — Ilse Heidenberg droht ihm: „Sie werden so lange arbeiten, bis Sie ein ganz unbrauchbarer ewiger Junggeselle geworden sind. Also, wann kommen Sie zu uns? Ich lade Ihnen ein paar nette junge Mädel dazu. Um Sie möchte ich mir schon einen Kuppelpelz verdienen, zu Ihrem Besten. Aber sie wissen ja, bet uns ist es höchst einfach, bei uns gibt’s, wie immer, Kartoffelpuffer mit Preiselbeeren." Merkwürdig: aus ihrem Mund paßt das Wort „Kartoffelpuffer" ausgezeichnet in diesen festlichen Raum. Bernd ist in diesem Augenblick ein wenig neidisch auf Heidenberg Vielleicht haben es die schlichten Köpfe doch besser. Heidenberg bringt fcintn Leuten von der Mafchinengewehrkompanie immer noch Zielen und Schießen bei, wirklich eine herzlich eintönige Arbeit; aber wenn er narfj Hause kommt, sind Frau und Kind da, eine frohe reizende Frau und ein süßes Kind. Sie müssen sich sehr einschränken, die Heidenbergs, sie knapsen sich das Geld für die Geselligkeit, die sie beide lieben, im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde ab, aber sie haben sich 'doch und sind glücklich. ' Endlich kommt Bernd an die Marmorsäule, den Treffpunkt Er beugt sich über Irenes Hand. „Nicht böse fein, Gräfin, daß ich warten ließ Ueberall hielten mich Bekannte auf. Wo ist denn unser Schützling?" Irene weist ihm lächelnd die Richtung. Da steht Lexe, wie immer von jungen Herren umringt Sie trägt em Kleid von zartem Gelb, die straffe Korsage ist in tausend duftige kleine Falten gelegt, der Ausschnitt mit einem Tuff Teerosen geschmückt, der Rock bauscht sich weit über den Hüften und ist mit Volants in etwas dunklerem Gelb verziert. Als einziger Schmuck hängt ein dünnes Platin- keuchen um ihren Hals, an dem wie ein Tautropfen ein kleiner Brillant blitzt. Ein Freuen ist in Bernd: reizend sieht Lexe aus; er sieht zu Irene hm, und in ihm ist ein Gefühl des Dankes, daß sie Lere fo hübsch zu kleiden versteht. 1 Al- Lexe ihn bemerkt, löst sie sich aus ihrem Kreis, kommt auf ihn ZU, froh, lachend, und streckt ihm die Hand entgegen. Da klopft der Stab eines Kammerherrn auf den Boden „Es ist Zeit, bitte in den Weißen Saal." Irene winkt ihrer Tochter zu. „Auf Wiedersehn, Lexe. Vergiß mich nicht, melde dich mal bei mir." Dann trennt sich Jugend von Alter. Die nicht mehr tanzenden Damen und Herren sammeln sich auf den Podien, die längs der Wände des Weißen. Saals errichtet sind, die Jugend füllt das Parkett. Wieder tönt das Klopfen eines Kammerherrnftabes, das Sprechen wird zum Flüstern. Dreimal schlägt dumpf der schwere Stab des Zeremonienmeisters auf den Boden. Jedes Wort erstirbt. Drei neue Schläge. Die Musik auf der Empore fetzt mit dem Cinzugs- marfch ein. Die Damen versinken im Hofknicks, man hort das tausendfältige Rauschen der Rocke, das Knistern der Seide. Sporen klirren, tief verbeugen sich die Herren. Durch die Gasse der Grüßenden schreiten die Majestäten: der Kaiser, in Generalsuniform mit Ordenssternen auf der Brust und der Kette des Schwarzen Adlerordens um den Hals, führt die Kaiserin, in deren grauem Haar ein hohes Brillantendiadem blitzt. In feierlichem Zuge folgen in strenger Rangordnung die Prinzen und Prinzeffinnen des königlichen Hauses mit den fürstlichen Gästen. Der Kaiser steigt die Stufen zu den Thronfesfeln empor, er nimmt dort mit der Kaiserin Aufstellung. Er verbeugt sich gegen die Kaiserin, winkt dann dankend in den Saal. Wieder Rauschen und Knistern, alles richtet sich auf und verharrt stehend. „Uff", flüstert Lexe Bernd zu. „diesmal hat's aber lange gedauert. Fast hab' ich Kniefchnackerln gekriegt." • „Wirst du stille fein." Der Hofstaat hat sich um den Thron versammelt. Das Kaiserpaar setzt sich. Der Kaiser gibt dem Zeremonienmeister das Zeichen zum Beginn des Balles, der gibt das Zeichen an den Vortänzer weiter, dieser winkt der Kapelle. Der Marsch bricht ab, ein Walzer ertönt. Bernd will mit Lexe tanzen, aber sie ist schon fort, dreht sich mit einem der jungen Leutnants. Da sucht er mit den Augen Irene und findet fie. Sie steht dicht neben dem Thron im Gespräch mit dem englischen Botschafter. Cr wendet sich ab und geht auf die Empore, um sich das Fest von oben anzusehen. Der Walzer ist vorüber, die Paare sammeln sich zur ersten Quadrille. Das ganze weite Viereck des Saales füllt sich mit wohlgeschloffenen Karrees, fast preußisch-militärisch ausgerichtet. Der Tanz beginnt. Durch den ganzen Raum geht ein gleichmäßiges Schreiten, ein gleichmäßiges Neigen, taufend Verbeugungen, tausend tiefe Knickse im gleichen Augenblick, befohlen vom Takt der Musik. Bernd sucht einzelne Gestalten in der tanzenden Menge zu erkennen. Da leuchtet Lexes gelbes Kleid ganz vorn in der ersten Reihe, dicht vor dem Thron, sie tanzt mit dem Grafen Engstedt von den Gardes- dukorps; Bernd kennt ihn, er ist Schlesier, zweiter oder dritter Sohn des Majoratsherrn auf Bärenfelde und Larifch, und verkehrt im Czeh- schen Haufe. Cs paßt Bernd nicht,'daß er Lexes Partner ist, denn er weiß, die Engstedts leben alle auf zu großem Fuß, sie sollen mehr Schulden haben, als der Besitz tragen kann. Bernd tritt von feinem Platz an der Balustrade der Empore zurück und geht wieder in den Weihen Saal hinunter. Er ist verstimmt. „Was sollen eigentlich diese Festes" fragt er sich. „Repräsentative Pflichten des Hofes", sagt man; sie sollen den Glanz der Krone erweisen, sollen den Reichtum und die Macht des Herrscherhauses den auswärtigen Vertretern vor Augen führen. Das ist wohl nötig, vielleicht sogar richtig; gleiche offizielle Feste gibt es in allen Hauptstädten der Welt, und überall gibt es auch eine sogenannte Gesellschaft, eine Gruppe Bevorzugter. Aber wer ist jetzt eigentlich bevorzugt? In Preußen öffnet noch das Adelsprädikat die Tore zum Schloß, aber ist der Begriff des Adels nicht schon stark verwässert? Früher wurde geadelt, wer ein Verdienst um Krone und Vaterland hatte; er und fein Geschlecht durfte das Haus des Herrschers betreten. Sind heute noch Verdienst und Blut ausschlaggebend? Spielt ein anderes nicht bereits die größere Rolle: das Geld? Zum Schwert- und Landadel ist erst der Jndustrieadel hinzugekommen; jetzt folgte ihm der Geldadel. Gewiß: man witzelt über ihn. Man hat gelacht, als in diesem Jahr aus einem Hofball als Einzugsmarsch der Marsch aus der Oper „Judas Makkabäus" gespielt wurde: „Tochter Zions freue dich". Man vermeidet, wenn man auf sich hält, auch die Häuser der geadelten Emporkömmlinge, obgleich sie dank ihrer frischgemalten Wappen zu Hofe zugelaffen sind. Wer der Stachel fitzt im Fleisch des Adels; die Vormacht des Geldes verdirbt den Ton und oft auch die Gesinnung. Noch immer gilt die Kabinettsoröer: „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr muß der Offizier bestrebt fein ..." Aber Luxus und Wohlleben greifen um sich. Es gibt schon genug Leutnants, die sich die Familien, bei denen sie Besuch machen, nach der Güte der Diners und dem Glanz der Bälle aussuchen, es gibt aber auch genug Familien alten guten Adels mit großen Verdiensten um Krone und Vaterland, die sich vom Hofe zurückziehen, weil sie den Aufwand, der mit solchen Festen verbunden ist, nicht bezahlen können. Da stimmt vieles nicht mehr. Was nützt es, wenn im Saal des Königlichen Schlaffes sich die Karrees der Tanzenden in preußisch-militärischer Ordnung ausbauen, die Ordnung aber nur äußerlich ist und nicht im Inneren steckt? Ist es nicht schon so weit, daß der, der Geld, aber keine Verdienste hat, mehr Ansehen genießt als der mit Verdiensten, aber ohne Geld? Das Wort „Armer Adel kann uns nichts nützen" soll bereits gefallen fein. Im Kasino von Bernds Regiment hat man es sich flüsternd erzählt, und sie haben sich tief, beleidigt gefühlt. Sie sind alle arme Adlige in seinem Offizierskorps,' aber sie tragen Namen, Hie mehr als einmal in der Geschichte Preußens eine Rolle gespielt haben. Von Fehrbellin bis Sedan bluteten ihre Vorfahren auf den Schlachtfeldern. Zum Bluten sind fie wohl auch heute noch gut genug. Bittere Worte sind an jenem Abend gefallen, obgleich in keinem von ihnen auch nur der Hauch eines Zweifels war, daß fie im nächsten Krieg ihr Leben freudig wieder hingeben werden. Ader es ist doch schon Kritik da, und Kritik reißt Breschen. Bernds Augen sehen scharf an diesem Abend. Sie suchen sich auf den Podien und Emporen die Geldmenschen heraus, erkennen die reichen Frauen an der Fülle ihres Schmucks; da ist manches Diadem, das einst der Stolz alter Adelsfamilien war und heute hier auf dem Hofball im Königsschloß das Haar einer Dame des neuen Geldadels ziert, weil die ehemaligen Besitzer es verkaufen muhten. Gegenstände, die Preußens Könige ihren Ministern und Generalen für ihre Verdienste um die Krone fchenklen, liegen jetzt in den Sammlungen von Bankiers und Kaufleuten, wertvolle, altererbte Möbel aus den Schlössern des landgesessenen Adels wandern in die Salons der Neubauten in der Viktoriastraße und in der Grunewaldkolonie. Das Geld herrscht, und seine Herrschaft wird mit jedem Jahr vordringlicher. Das kann zu keinem guten Ende führen. Menschen der gleichen Rasse aber, deren Abkömmlinge sich im Glanz ihres neuen Adels und in der Güte ihres Herrschers sonnen, hetzen in den Zeitungen gegen Krone und Vaterland, rufen die Arbeiter zu Streiks auf, versuchen auf dem Lande zu wühlen, um Bauer und Knecht dem Gutsherrn zu entfremden. Noch gelingt es ihnen nicht, die alten Bande dort zu zerreißen, noch hält die Ueberlieferung, aber die jüdischen Zeitungen locken mit Phrasen und verlogenen Versprechungen; ihr Geist zersetzt und untergräbt, und es scheint hiemand da zu sein, der sich seinem Wirken entgegenstemmt. Und im Saal folgt Tanz auf Tanz. Der Kaiser hat die Stufen des Thrones verlassen und Ist in die Reihen des Diplomatischen Korps getreten. Er spricht mit den Botschaftern Frankreichs, Rußlands, Englands. Die auswärtigen Beziehungen scheinen ja in bester Ordnung. Das Jahr 1913 hat der deutschen Diplomatie außerordentliche Erfolge gebracht. Der Zar ist zur Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise nach Berlin gekommen und hat mit dem Kaiserlichen Beiter Friedensversicherungen ausgetauscht, England hat aus Wunsch Deutschlands von der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht Abstand genommen; nach diesen zwei Seiten ist man gesichert, was tut es da, daß in Frankreich der große Deutschenhasser Poincare zum Präsidenten der Republik gewählt und durch Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit das Heer abermals verstärkt wurde? Der Zar hat versichert, daß die geheime Militärkonvenlion, die er mit Frankreich schloß, ein reiner Desensivpakt sei. Die Wolken, die sich über Marokko ballten, sind längst verflogen, die Panther-Afsäre ist vergessen, der Dreibund ist vorzeitig erneuert. Das Gleichgewicht Europas ist gesichert. Man kann wirklich tanzen, froh (ein und lachen. Im Generalstab ist man, das weiß Bernd, allerdings anderer Meinung. Niemand ist dort zufrieden mit der deutschen Heeresvermehrung des letzten Jahres, die die Friedensstärke auf 675 000 Mann festfetzle, aber bei weitem die Wehrkraft des Volkes nicht ausnutzt. Die allgemeine Ansicht am Königsplatz geht dahin, daß man sich nicht vorn Zentrum und der Sozialdemokratie hätte in die Enge treiben lassen öürfen, sondern zwei volle Armeekorps mehr hätte aufstellen müssen. Man rechnet mit dem Zweifrontenkrieg in der Aufmarfchabteilung, man sieht voll Sorge, wie Rußland mit französischem Geld strategische Bahnen an die deutsche Grenze vorstreckt, man nimmt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Belgien nicht auf die leichte Schulter, hat sehr genaue Nachrichten darüber, daß der Ausbau der Festungen Lüttich und Namur auf sranzösisches Betreiben und mit Unterstützung französischer Militäringenieure und mit Geldmitteln aus Paris erfolgt. „Sehen Sie sich die Tanzerei im Schloß ruhig an", hat Herste früh ein älterer Kamerad zu Wallnitz gesagt, ,chie Leutchen dort tanzen auf einem Vulkan. Wenn er zu spucken anfqngt, haben wir Soldaten es auszubaden." Die Souperpause kommt. Der Hof, die Diplomaten, die Würdenträger des Staates, die Generale und Stabsoffiziere speisen in den oberen Räumen, in den Sälen und Kammern, die sich an die Bildergalerie anfchließen, die Jugend flutet über die Kapellentreppe ein Stockwerk tiefer, wo in vielen Zimmern nach der Schloßplatzseite hin kleine Tische für sechs bis zehn Personen gedeckt sind. Hier ist nicht die blendend strahlende Helle wie oben im Weißen Saal, sondern gedämpftes behagliches Licht. Man hat sich rechtzeitig Plätze gesichert, sitzt wieder nach Regimentern geordnet. Bernd weih, daß Idenburg von den Maikäfern Lexe führen wird; er wartet auf sie und etzi sich an ihre rechte Seite. Die Leutnants achten in ihm den Melieren; es bedeutet etwas, in den Generalftab kommandiert zu fein, auf solche Kameraden ist das Offizierkorps stolz, besonders wenn sie wie Bernd keine Mauer von Würde um sich bannen. Lexes Wangen sind vom Tanz gerötet, ihr Atem geht schnell. „Einen Durst hab' ich ..." sagt sie und fetzt das Glas an. „Erft etwas effen", mahnt er. Sie lacht. „Nicht so streng fein, hoher Herr." Hoher Herr, denkt Bernd, hoher Herr? Wer jagte doch einst „hoher Herr" zu ihm? Man muß schnell essen bei Hofe. Wer Messer und Gabel niederlegt, dem nimmt der Lakai den Teller fort, auch wenn er noch nicht leer ist. Cs gibt ein kaltes Souper: gekühlte Fleischbrühe, Hummer, kalke Poularde, Eis. Die Lakaien reichen die Schüsseln, gießen Rheinwein und Sekt in die Gläser. Sehr froh, fast ausgelassen luftig ist man. Die Jugend ist hier ja unter sich; alle Vorgesetzten, Schrdnzen und Mütter sitzen oben an feierlichen Tafeln, bis zu denen kein Ton bringt, selbst wenn man einmal lauter wird. Nur ab und an geht ein Kammerherr prüfend durch die Räume. Bernds Unmut ist verflogen. Er ist froh mit den Frohen. Der Wein macht den Sinn leicht und die Schatten licht. „Nach Tisch bekomme ich meinen Walzer, Lexe?" ,^Jst schon vorgemerkt." Man steht auf, drängt wieder treppauf, denn nach Tisch sind wenige Minuten auch oben im Saal frei vom höfischen Zeremoniell. Da darf Walzer getanzt werden, richtiger schleifender Walzer, rechts und links im Wechsel, bis dis Majestäten von der Tafel zurückkehren und wieder der schnelle Hofwalzer im Zweischritt, nach Vorschrift nur rechts herum, gewirbelt werden muh. Bernd tanzt mit Lexe. Sie genießen beide das ruhige rhythmische 'Gleiten durch den hellen weiten glänzenden Saal. Bernd führt Lexe sicher und fest, und sie vertraut sich ihm voll an. Sie sprechen, nicht, sie tanzen. Nur einmal fragt er: „Ist es schön, Lexe?" Sie legt den Kopf ins Genick zurück und sieht zu ihm auf: /„Sehr schön." Auf jedem Hofball dieses Winters haben fie diesen Walzer nach dem Souper gemeinsam getanzt. Der Stab eines Kammerherrn klopft. Die Musik bricht ab. Der Hof hält von neuem feinen Einzug. Der Ball geht weiter. Kurz vor Schluß, als zur zweiten Quadrille Ausstellung genommen wird, kommt der Leutnant von Bärheide vom Regiment Elisabeth zu Bernd, „fjaben Sie die Komteß Czeh gesehen, Herr von Wallnitz? Ich bin jetzt mit ihr verabredet." Bernd stutzt, er weiß: Lexe ist zuverlässig, sie wird eine Verabredung zu einem Tanz auf dem Hofball nicht vergessen;» das tut man nicht, denn die Paare müssen sich schnell in die Karrees einordnen, damit alles ordnungsgemäß ablaufen kann. ,Lch kann nicht mehr warten", sagt Bär- heide, „ich muß mir schnell Ersatz suchen. Sagen Sie es bitte der Komteß, wenn Sie sie sehen sollten." (Fortsetzung folgt.) Zm Volksion. Von Theodor Storm. Als Ich dich kaum gefehn, Mußt' es mein Herz gestehn, Ich könnt' dir nimmermehr Vorübergehn. -Füllt nun der Sternenschein Nachts in mein Kämmerlein, Lieg' ich und schlafe nicht Und denke dein. Ist doch die Seele mein So ganz geworden dein, Zittert in deiner Hand, Tu ihr kein Leid. Gemauert muß werden. Erzählung von Hans Franck. Dreißig Jahre lang hatte Elias Holl seiner Vaterstadt Augsburg als Stadtwerlmeijter gedient. Kaum noch zu zählen waren die Bauten, welche er in den Himmel hinaufführte und in die'Erde hinabtrieb, die Türme, mit welchen er den Wassern Wege wies und die Mauern bewehrte. Nicht allein in Treuen und mit Fleiß, wie es von manchem feiner Vorgänger geschah, war dieser Dienst vollführt worden; sondern durch eine schöpferische Kraft, die keiner von ihnen allen aufbringen konnte. Denn Elias Holl gelang, was nur wenige Baumeister zu vollbringen vermögen: der Stadt, die ihn nach seinem Willen und Einsehen schaffen lieh, ein wohlabgestimmtes Gesicht zu geben, das sich über Jahrhunderte hinweg erhalten hat. Das Giehhaus und das Beckenhaus, das Zeughaus und das Siegelhaus, der Eisenhammer und die Papiermühle, die Metzger und die Hammerschmiede dienten dem täglichen Leben der Bürger. Kirchtürme, Brücken und Tore wiesen über den Alltag hinaus. Der erhöhte Perlach war zum Zeichen der Stadt geworden. Und das Rathaus welches in jahrzehntelangem Ringen mit den Gesetzen der Form und den Widerständen des Dinglichen über alle diese Bauten hinauswuchs, krönte ein Lebenswerk, dem Zeitwandel nichts.anhaben konnte. Dreißig Jahre lang hatte Elias Holl seiner Vaterstadt Augsburg als Stadtwerkmeister gedient. Und er freute sich nun, daß er hinfort wenigstens etwas Weile bekommen würde, denn er war über seinem unablässigen Bauen 58 Jahre alt geworden, lo daß die Augen der zeichnenden Hand nicht mehr wie ehedem zu Willen sein wollten. Auch war ihm mancherlei menschliches Leid widerfahren. Seine erste Frau, die Barbara Burckartin, hatte acht von den neun Kindern, die er aus ihr erweckte, in den Sarg legen müssen und war ihnen dann auf dem Fuße zu der dunklen Erdenkammer gefolgt, die seiner noch wartete. So war er, um seine Haushaltung recht führen zu können,' gezwungen gewesen, eine zweite Frau zu nehmen. Diese, Rosina Reischlen, hatte ihm dreizehn Kinder geboren, von denen wiederum nahezu die Hälfte vor Vater und Mutter dahinstarben. Doch befand sie selber sich noch bei guter Gesundheit: und da sich ihre auf Erden verbliebenen Nachkommen als fleißig und tüchtig erwiesen, so hoffte Elias Holl, mit sechzig Jahren den Eingang zu einem geruhigen Lebensabend zu finden. Es begab sich jedoch, daß in dem schlimmsten aller deutschen Kriege, der schon länger als zehn Jahre wütete, ohne daß man fein Ende absehen konnte, Kaiser Ferdinand II. die Oberhand gewann und sich verschwor, er werde das Restitutionsedikt, welches von allen Deutschen Rückkehr zum päpstlichen Glauben forderte, koste es was es wolle, durchführen. Bei Augsburg sollte der unmihdeutbare Anfang gemacht werden. Demzufolge erhielt dessen Bischof die verbriefte Macht, di« weitere Ausübung der Recht« des Augsburger Religionsfriedens zu verhindern und sämtliche Bürger dem katholischen Glauben, als dem alleinseligmachenden, wieder zuzuführen. Notfalls mit Gewalt! Die Stadtpfleger wurden angewiesen, ihn dabei mit der.welttichen Macht nachdrücklich zu unterstützen. Infolgedessen verließen alle evangelischen Prediger Augsburg. Die Kirchen, in denen sie Gottes Wort auf Grund der Bibel verkündigt hatten, wurden geschlossen. Trotzdem verbot man — ihrer inständigen Bitten ungeachtet — den Protestanten, der Stadt den Rücken zu kehren. Sie halten vielmehr bei Strafe an Hab und Gut, an Leib und Leben hinfort die katholischen Kirchen zu besuchen. Jene evangelischen Männer aber, die im öffentlichen Dienste Augsburgs tätig waren, stellte man vor die Wahl: Entweder papistisch werden — oder des Amtes verlustig gehen! Manche fügten sich der obrigkeitlichen Gewalt und gaben um des Brotes willen ihren Glauben hin. Andere blieben bei der Lehre Martin Luthers, nahmen lieber Armut und Elend, Schande und Verfolgung auf sich, als daß sie Gott verleugneten. Zu, ihnen zählte auch der Augsburger Stadt- toerhneiftcr. So ging denn Elias Holl nicht, wie er sehnlich erhofft hatte, durch eine schmale Pforte in den wohlbestellten Garten der Altersruhe ein. Sondern er wurde mit unzähligen Anderen durch eines der breiten Zeittore in die Unruhe und die Armseligkeit letzter Lebensjahre hinausgetrieben, denen nur wenige mit Haltung zu begegnen wissen. Alldieweil er feinem Glauben nicht untreu werden wollte, erklärte man den Augsburger Stadtwerkmeister feines Amtes verlustig. Das geschah bei ihm in Ehren. Denn die Urkunde, welche darüber angefertigt wurde, hatte folgenden Wortlaut: „Wir Pfleger, Baumeister und Räthe des heil. Röm. Reichs Stadt Augsburg bekennen und thun kund männiglich mit diesem Brief, wie daß Elias Holl Uns und Gemeiner Stabt als ein Werkmeister in das 30. Jahr treulich, aufrecht, redlich, fleißig und willig ge- bienet, ansehnliche Gebäu allhier gesüyret und in feiner anbefohlenen Verrichtung sich also verhalten, daß Uns selnethalb kein Klag sürkommen, Demnach er aber dem Kqjserlich Mandat mit Besuchung und Anhörung der Catholischen Predigten kein schuldigen Gehorsam leisten wollen, so ist er vermög nechst Kaiserlichen Befehl der obberührten Werkmeisters Stell — doch in allweg feinem ehrlichen guten hergebrachten Namen ohne Schaden — entkiffen, und ihm auf fein Begehren dieser Abschied unter gemeiner Stadt Jnnsiegel mitgetheilt worden. Geben den 14. Januarii, als man zehlt nach Christi unseres liebreichen Erlösers und Seligmachers Geburt 1630." Inmitten der vielen Worte stand also eines, das Elias Holls weiteres Lebensschicksal entschied; eines, das Anerkennung zwar umkränzen, Gerede freilich bezopfen konnte, das aber nicht wegzuhören war: „entasten". Der Augsburger Stabtbaumeifter aber verwies diesem Wort den Zugang zu dem Gebäude seiner Sprache. Denn Folgendes schrieb er in die schon von seinem Urahn begonnene Familienchronik hinein: „Dieses 1631. Jahr den 20. Januar haben meine Herren mit Elias Holl, der ich durch göttlichen Beystand in das 30. Jahr allhie zu Augsburg bestellter Werkmeister gewesen, um wegen daß ich nit in die päpstlichen Kirchen gehen, meine wahre Religion nit verläugnen und wie man es genannt, nit bequemen wollte, beurlaubt." „Entlassen" — „beurlaubt": um diese beiden Worte ging während der nächsten Jahre der Kampf Elias Holls und feiner Vaterstadt. Er wurde von feiten der Oberen mit der schmutzigsten sämtlicher irdischen Waffen geführt, mit der Waffe des Geldes. Elias Holl hatte nämlich alles, was er in dreißig Jahren ersparte, der Stadtkasse um Fünf vom Hundert Zins hingeliehen. Jetzt verlangte er fein Geld mit der Begründung zurück, daß er auswandern wolle; und zwar in ein Land, wo es nicht als Verbrechen erachtet werde, wenn ein Mann [einem Glauben die Treue halte. 12 000 Gulden — 8000 vor 15 Jahren, 4000 Gulden vor acht Jahren hinterlegt — habe er rechtens zu fordern. Man machte dawider geltend: Als ungehorsamer Sohn der Stadt Augsburg habe er zu verlangen überhaupt nichts. Auch hätte das Kapital bei der Hergabe in viel zu hohem Goldeswert gestanden. Man wolle in- beffen Gnade vor Recht ergehen lasten und ihm die Hälfte, 6000 Gulden, zur Rückzahlung bewilligen. In Form eines Schuldscheines. Denn bares Geld könne ihm ebenso wenig zugebilligt werden wie die Erlaubnis zum Verlassen der Stabt. Zähneknirschend nahm Elias Holl den Schuldschein über 6000 Gulden an. Doch war es damit des Schadens und der Demütigung bei weitem noch nicht genug. Weil er von jener Stadt, welcher er „treulich, aufrecht, redlich, fleißig und willig" 30 Jahre lang gedient und durch feine fcyöpfe- rlfche Kraft ihr unvergängliches Gesicht gegeben hatte, hinfort keinerlei Zahlung erhielt, die Bürger aber der schlimmen Kriegsläufte wegen nicht mehr bauen konnten: so wußte der Davongejagte bald nicht mher, womit er Frau und Kinder fälligen solle. Um sie nicht Hunger leiden zu lasten, sah er sich genötigt, den Schuldschein über 6000 Gulden, welchen er für die gesamten Ersparnisse seines Lebens, 12 000 Gulden, hatte hinnehmen müssen, um 2000 Gulden zu verkaufen. Inzwischen hatten sich jene evangelischen Fürsten, die dem Restitutions- edikt den geforderten Gehorsam verweigerten, an Gustav Adolf gewandt. Der kam mit einem Heer von Schweden aus nach Deutschland und erfocht Sieg nach Sieg über die Truppen Kaiser Ferdinands. Bis nach Augsburg drang er schließlich vor. Da wurden gemäß dem Befehl des Schwedenkönigs auch dort alle Dinge umgekehrt, der Zwang In Sachen des Glaubens für nichtig erklärt und sämtliche Aemter mit evangelischen Männern besetzt. Uederhäuft mit Ehren kehrte Elias Holl in feinen Dienst als Stadt- werkrneifter Augsburgs zurück. Hinfort konnte er also von Neuem bas tun, was Inhalt und Sinn, Aufgabe und Zweck, Berufung und Beruf feines irdischen Daseins war: bauen — bauen. Um dos Versäumte nachzuholen, muhte er jetzt so rastlos schaffen — daß er — nach seinen eigenen Worten — „weder Tag noch Nacht eine Ruh gehabt." Als aber anno 1632 Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen fiel, die katholischen Heere wiederum die Oberhand behielten und Kaiser Ferdinand II. zornerfüllt noch härtere Befehle als vordem zur Wiedereinführung des katholischen Glaubens in ganz Deutschland erließ: da verlor Elias Holl sein Amt zum zweiten Male. Jetzt achtete man weder feine Jahre noch die Leistung seines Lebens. Obwohl er sich nicht weigerte, zu gehen, zerrte man ihn mit Gewalt von dem Bau herab, an welchem feine Maurer, seine Mörtelrührer, seine Handlanger arbeiteten. Man sparte mit Püffen und Knüffen, mit Schelten und Schimpf nicht. Es war an einem Samstag, kurz vor der Feierstunde, da dieses sich begab. So hatte denn Elias Holl den ganzen Sonntag über Zeit, mit sich und mit seinem Gott zu beraten, was hinfort geschehen solle. Wohin aber auch immer er in alle erdenkbaren Richtungen gehen, wie weit er sich in das Unwegsame verlieren mochte, stets kehrte der Suchende zu dem Aus- gangspuntt zurück: ,Ein drittes Mal werden sie, gleichviel, welches Ende die Händel der Welt nehmen, ein drittes Mal werden sie mich nicht zum Stabtwerkmeifter bestellen.' Also erschien am Montagmorgen auf dem burch Elias Holl entworfenen jüngsten städtifchen Augsburger Bau, von welchem man vor zwei Tagen um des Glaubens willen feilten Schöpfer fortjagte, mit Kelle und Wasserwaage ein Maurer, den niemand gelinget hatte. Der neue Meister ging auf ihn zu und fragte: Was er wolle? „Mauern", lautete die Antwort des Ankömmlings, der sich anschickte, nach diesem Worte weiterzugehen. Aber sie seien ja über den Lohn noch nicht einig! hielt der Meister ihn zurück. Er brauch« freilich Hilf«. Denn bei seinem Vorgänger wäre die Arbeit nicht vom Fleck gegangen. Kein Wunder! Wie könne man richtig bauen, wenn man nicht den richtigen Glauben habe! Er dürfe gerne bleiben. Zunächst aber müße man sich über den Lohn — „Nicht nötig; ich weiß, was man zu Augsburg auf einem Bau zahlt, bester als irgendwer in der Stadt", fiel der Maurer ein und hob langsam das von einem breiten Gefellenhut beschattete, übernächtig blasse Gesicht. „Ihr wollt — hort oben —", stotterte der neue Meister, „Ihr — Ihr wollt —" „Mauern", gab Elias Holl zur Antwort, ging — an seinem verwirrten Nachfolger vorbei — aus das Gerüst und tat sein Werk gleich den anderen, die dem von ihm ersonnenen Bau mit dem Tun ihrer Hände dienten. Nach Stunden erst wagte ein Geselle ihn zu fragen: „Wie bringt Ihr «s nur fertig, daß Ihr gleich uns, denen Ihr bisher befohlen habt —?" „Wenn ich die Wahl habe", schnitt Elias Holl dem Fragenden die Rede ab, „wenn ich die Wahl habe, als Meister oder Geselle bei einem Bau zu arbeiten, dann sage ich — wie könnt' es anders sein —: .Meistert Wenn aber die Frage io vor mir steht: Mauern oder Nichtmauern?, dann antworte ich: .Mauern'. Auch das ist selbstverständlich. Spar also Dir und mir die weiteren Worte! Gemauert muß werden. In Zeiten der Not noch mehr und, sofern es möglich ist, noch besser als in Zeiten des Glücks. Gemauert — muß — werden." Lied im März. Von Wilhelm Luetjens. Singe nun, hoffende Seele, in den steigenden März! Horch, in der schlagenden Kehle jubelt der Vögel Herz! In den erwachenden Wäldern tropft es und taut es gelind, und über Aeckern und Feldern Wiegt sich der stürmische Wind. Wieder schmilzt an den Rändern der Aecker der letzte Schnee. Wolken gleich lichten Gewändern spiegeln sich silbern im See, da schon am stillen Gestade keimendes Leben sich drängt — O ihr verschwiegenen Pfade, die ihr den Frühling verschenkt! Einmal ruhevoll schreiten durch den unruhig stürmenden Tag, Sinne und Seele sich weiten fühlen im Amselschlag: Wiegt es das lange Verlangen der wartenden Tage nicht auf? Das durch den Winter gegangen, hoffendes Herz, wach auf! Weltfahrer Zürn. Eine Frühlingsgeschichte von Gertrud Papendick. Es war im November, als er antrat, an einem trüben, nassen Morgen, der der Welt nur scheu das verdrossene Gesicht zeigte. Er kam ohne Ankündigung und Vorbereitung, er schob sich zur Tür hinein und trat auf seinen klappernden Holzschuhen, die deckellose Büchertasche unter den Arm geklemmt, völlig unbekümmert und unbefangen in die Schulstube, in der das Gelichter des jüngsten Jahrgangs schon vollzählig und gerade eben leidlich gesammelt in den Bänken hockte. Man war in der Fibel schon beim großeli B: Baum, Boden, Base, Braten. Das war schwer und vielleicht nicht sehr unterhaltend. Darum drehten sich die fünfzig struppigen Jungen- köpfe, in deren Menge ein weißliches Blond die herrschende Farbe war, im Augenblick ohne Ausnahme zur Tür. „Kiek em", sagte einer flüsternd und stieß den Nachbar an, „do is hei." Sic kannten ihn alle, wie eben Kinder der Gasse, Spießgesellen einer Bande einander kennen. Nur der junge Lehrer, der Herr Gillweit hieß, kannte ihn nicht. Der war frisch vom Lande herversetzt, vor ein paar Wochen erst, und war diesem Winkel der Stadt und dem ihm eigentümlichen Leben und Wesen ganz und gar fremd. Er sah erstaunt zu, wie dieser Eindringling sich mit selbstverständlicher, schweigsamer Gelassenheit die leere hinterste Bank als Herrensitz erkor. „He!" rief er über die Klasse btnroea. denn er mußte ja doch sein Hausrecht wahren. „Was willst du denn?" Der Junge stand schwerfällig auf: „Ick bin nu all wedder do." „Komm mal her!" Da kam er denn unter dem fortwährenden Klickklack seiner Holzpcin- tofseln gemächlich nach vorn und blieb vor dem Katheder stehen. Und nun fiel es ihm auch ein, daß es vielleicht angebracht sein könnte, die Mutze vom Kops zu ziehen. . , -«Uten Tag, mein Sohn", sagte der Lehrer Gillweit freundlich und tnterefftert, „wie heißt du denn?" - „Iüm Gries." — „So Na — und sonst?" Iüm stand und sah ihn aus seinen versonnenen blauen Augen ernsthaft an. Vielleicht wurde es ihm klar, daß man hier in der Schule ja eine andere Sprache redete als zu Hause aus dem Kahn „Philadelphia" auf dem Wasser, unter den Flößern und bei der Großmutter in Schmalle- nlngten. Es war ble Winkeksprache, auf die er sich erst wieder besinnen mußte. „Die Mutter schickt mich", sagte er endlich, „ich soll nu wieder kommen." Das war also Iüm Gries, Sohn des Schiffers Peter Gries, neun Jahre alt, wohnhaft auf dem Kahn „Philadelphia". Der Kahn „Philadelphia" lag den Winter hindurch am Holsteiner Damm. Aber den lieben, langen Sommer durch, von den ersten warmen Tagen bis in den späten Herbst hinein, war er zu Wasser unterwegs. Ein Dampfer spannte sich vor und schleppte ihn. Es ging den Pregel aufwärts, und dann die Deime hinunter, durch den Friedrichsgraben und durch die Gilge in die Meine! und dann immer weiter stromauf bis dahin, wo die Leute Litauisch sprachen und die großen Wälder standen, aus denen Peter Gries auf dem Kahn „Philadelphia" das Holz abwärts führte bis zu den Königsberger Lagerplätzen. Iüm mußte mit, es wäre wohl nicht gegangen ohne ihn: und wo hätte er auch bleiben sollen? So kam es, daß er immer nur im Winter zur Schule ging, und daß er, so groß er war, immer noch in der Fibel las. Und da war auch wenig Aussicht, daß er jemals herauskommen würde. Denn was er im Winter mühsam ergriffen hatte, das flog ihm im Sommer auf der Memel vom Kahn „Philadelphia" auf und davon. Iüm Gries faß wie ein Riese unter den sechsjährigen Stiften der untersten Klasse. Sie (jattejj etwas wie Ehrfurcht vor ihm, wennschon seine Lesekunst einer Fahrt über gefrorenen Sturzacker glich und das Rechnen bei ihm eine ganz und gar hoffnungslose Sache war. Aber da war die körperliche Ueberlegenheit, und da war der Hauch des Abenteuers um den Weltfahrer vom Kahn „Philadelphia". Iüm Gries sprach nie davon, aber er träumte in der winterlichen Schulstube seinen Sommertraum: Die Dampfpfeife schrie, der Dampfer zog an, und der Kahn „Philadelphia", Rer den Winter über im Eise feft« gesessen hatte, setzte sich langsam in Bewegung. Der Himmel war blau, und das Wasser glänzte in der Sonne. Iüm lief hin und her und winkte und schrie, und Troll, der schwarze Spitz, sprang hinter ihm her und klässte wie besessen Es ging durch die Brücken und zwischen den Häusern hin, es ging hinaus, die Stadt wurde kleiner und ferner und verschwand. Da waren Bäume am Ufer, und da waren Wiesen und einmal ein Haus mit einem Garten und einmal eine Mühle und einmal ein ganzes Dorf. Und alles zog wieder vorbei. Und da kamen Dampfer vorüber und kleine Ruderboote, die auf den Kielwcllen schaukelten, und Segelboote mit der ganzen Wäsche norm Wind. Das war ein Leben-- Es war gegen Ende Februar, daß der Lehrer Gillweit einmal sagte: „Iüm, wenn wir bis Mitte März Frost behalten, mußt du schon ohne die Finger rechnen können." Er hätte das lieber nicht sagen sollen. Er verriet sich damit an die launischen Mächte der Natur, die es gar zu gern mit mit den Toren halten Zwei Tage danach schlug das Wetter um. Ein beulender Tauwind fuhr den Pregel hinauf, das Eis zerbarst und schwand «hin. Und dann kam die Sonne Cs war dann eines Margens um die Mitte März, drei Wochen vor Ostern, — man war in der Fibel schon bei den schwierigsten Sätzen: „Albert schenkt mir einen Apfel" und „Gute Kinder zanken sich nicht" — an einem Morgen, da in der Luft etwas war, das nach Erde roch und nach Frühling schmeckte, da kam Iüm zu spät zur Schule. Er trat bis lum Katheder vor und zog ein paarmal heftig mit der Nase, indem er dem Lehrer starr ins Gesicht sah: „Ich komm nu morgen nid) mehr." „Was?" sagte der Lehrer Gillweit erschrocken und zornig, „was soll das heißen?" Iüm sah ihn aus seinen blauen Augen ungerührt an. Dabei suchte er in den Taschen, zuerst in der rechten, — da war er nicht, dann in der linken und brachte ihn heraus, einen kleinen, zusammengefalteten Zettel. Den legte er vor den Lehrer Gillweit schweigend auf den Tisch. Der nahm ihn und las, was da von Peter Gries mit wuchtiger Hand geschrieben und achtungsvoll unterzeichnet stand: „Geehrter Herr Lehrer. Ich melde meinen Sohn Iüm hiermit von der Schule ab, weil morgen unsere Schifffahrt anfängt." „So", sagte der Lehrer Gillweit. Was hätte er auch weiter sagen sollen? Wenn Peter Gries kundtat, daß feine Schiffahrt anfing, fo hätte man sich einfach danach zu richten. Darum schüttelte er nur hilflos den Kopf: „Iüm, und das Rechnen?" Da machte Iüm. der noch immer unbeweglich dastand. aus der Jülle feines Freiheitsgefühles heraus ein großartiges Zugeständnis. Vielleicht fühlte er dunkel, daß er in dieser Lage etwas wie einen Troll svenden mußte. „Mutter sagt", begann er stockend, „wenn wir nach Schmalleningken kommen bei Großmutter, denn soll ich vielleicht da in die Schule gehen." Am nächsten Morgen war die hinterste Bank leer. Ein leuchtender Frühlingshimmel stand über dem Pregel, und die Sonne schien in die dumpfe Schulstube, in der die Jungen die Kövfe über die Tafeln beuchen und mit den Griffeln auietschend auf dem Schiefer entlangfuhren. Der Lehrer Gillweit ging geduldig von Bank zu Bank Und dabei dachte er immerzu an einen, der es an diesem Morgen besser hatte als er. Der fuhr auf einem Schleppkahn in die sonnige Welt hinaus und ließ alles hinter sich. Ihn ober band derselbe unveränderliche Alltag voll Pflicht und Verantwortlichkeit heute wie gestern, sommers und winters, jahraus, jahrein. Der junge Lehrer Gillweit, der der Stph feiner alten Muller und ein freudiger Täter feines Amtes war. gestand es sich mit Beschämung und Verwunderung, doß er in dieser Stunde all die Sicherheit und bescheidene Würde seiner Stellung, die gewohnte und vertraute Fesselung des Bürgerlichen, mit Freuden hingegeben hätte für die glückselige Freiheit eines armen, schmutzigen, unwissenden Schifferkindes. Es war Torheit gewiß. Torheit der Seele, die da Sehnsucht heißt und von Wanderschaft und Weite und fernen, verhangenen Zielen träumt, lorheit des Blutes, die auch im Mann, dessen Leben längst gelandet und gebunden ist, wohl noch e'nmal brennt an einem Tag, wie dieser es war: ba die erste Lerche -nm Himmel stieg, da der Wind wie ein jauchzendes Lied durch alle Gassen strich und auf blankem, blauendem Wasser der Kahn „Philadelphia" seine Frühlingsfahrt antrat. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. w e !■ Irhrzang <958 Freitag, -en 4-März Nummer (8 s. n i d Blue 4 !< rt in' 6 8 L 9 § t7 £ c r> t i s n t n l jr l6 I» te :r 14 n [5 ie » !N er n it t» n in d s n t. i -m „hnv___ An im ZtiW Colour & Grey Control Chart 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 9 10 11 5. n, n, ii k id 4 5 6 7 8 mi 11'10)11'9 neugewonnen, uoei >»r nmtyi |iiy icuic daß alles in ein oder zwei Iayren, wenn er eines öie ynr rrerno falschen Hoffnungen, Tages ans Heiraten denken wird, aus fein wird: sie weiß auch, daß er sie nicht so liebt wie sie ihn und daß seine Gedanken oft ganz andere Wege gehen. Sie läßt sich gern von ihm von den großen Bällen und Gesellschaften erzählen, die er mitmachte oder die er km kommenden Winter mitmachen wird, er muß ihr dann auch von den Kleidern der Damen berichten, und sie zieht ihre Vorteste für ihren Kundenkreis daraus. Von ihrem Beruf spricht sie selten zu ihm, aber sie bringt sich eine Näharbeit mit, wenn sie zu ihm kommt: dann kann sie stundenlang still neben feinem Schreibtisch sitzen und sticheln, während er arbeitet und büffelt, den er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung zur Kriegsakademie vor. Sie fragt Ihn auch Geschichtszahlen und französische Vokabeln ab und sieht ihm sogar über die Schultern, wenn er mit roter und blauer abwaschbarer Tv.iche taktische Aufgaben auf der Karte löst. Es ist eine saubere, klare Angelegenheit zwischen diesen beiden Menschen, bei der keiner zu kurz kommt und unter der keiner leidet. Er nennt sie „Hille", und sie hört das gern Hilde hat Bernd heute morgen geholfen, den Rest seiner Urlaubs« Sachen in den kleinen Koffer zu legen: das heißt: sie hat alles noch einmal ausgepackt und von neuem fraulich und sorgfältig eingeordnet. Als sie auf dem Bahnsteig stehen, sagt sie: „Bleib mir treu, Bernd, verlieb - - - ■ —U •" *U ‘ t) •••**/* •••*--/« WWW •»»' sondern hat mit seinem Freunde Heidenberg zusammen eine Vierzimmer- wohnung in der Wöhlertstraße gemietet. Auch Heidenberg kann mit den Sporen klingeln, er ist zu der neu aufgestellten Maschinengewehr-Kompanie versetzt worden und daher beritten. Hilde Stürmer ist ein zweiundzwanzigjähriges Mädel und von Beruf Schneiderin. Sie ist sehr geschickt, hat viel Geschmack und weiß in jeder Beziehung genau, was sie will. Sie hat sich schon mit zwanzig selbständig gemacht, besitzt in der Goltzstraße am Rande des Berliner Westens ein kleines eigenes Heim, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, das gleichzeitig ihre Werkstatt ist, und Küche und Bad. Alle Räume blitzen vor Sauberkeit wie das ganze istonde, frische Mädel. Hildes Kundin'.en setzen sich aus den Frauen kleiner Beamter und kleiner Kaufleute der Gegend zusammen, Frauen, die sich gern geschmackvoll und billig anziehen wollen, aber entweder kein Geschick oder keine Zeit haben, selbst zu schneidern. Der Kundinnenkreis wächst ständig durch Empfehlung von Mund zu Mund. Hilde und Bernd haben sich am Morgen des letzten Pfingstsonntags im Zoologischen Garten kennengelernt. Das Frühkonzert beginnt dort schon um sechs Uhr und ist ein Volksfest. Bernd fragte, da all» Tische bei dem herrlichen Wetter besetzt waren, ob er neben Hilde Platz nehmen dürfe. Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an, bann nickte sie. So sind sie den Pfingstsonntag zusammengeblieben, sind nach Potsdam gefahren, haben in der Meierei am Havelufer zu Mittag gegessen, haben'sich von einem Dampfer über den Wannsee setzen lassen und zum Abendbrot ein Ocm 1 2 3 n Tage nicht sehen soll. röhnt eine Stimme aus einem Abteil zweiter lnitz!" Es ist der dicke Schmersow aus Mergen- lichen Dapper. Bernd tut, als ob er den Anruf e mit sich nach dem Hinteren End; des Zuges, aus dem Wagen geklettert und neben Ihm. Er jdie Schulter. „Nee, nee, Wallnitz, drücken gibt's nen." — „Ich fahre Dritter, Herr von Schmerle man meine Sorge fein. Den Taler zahl' ich \l|f/ • Recht, den Filius mal mitzunehmen, müssen vom Dapperschen schon zubilligen. Ich bin »roh, lÄSHgSi t habe." Er wendet sich Hilde zu. „'n Tag, 5^iiS^ Sie mir ruhig ’ne Patschhand, Sie brauchen sich lle Schmersow beißt nicht." Er hält ihr seine E 11 bw der ihre kleine Hand ganz verschwindet. Sie Yellow Grey 3 Green Grey 2 Red Grey 4 Magenta Black Cyan Grey 1 dich nicht in eine andere, und Weidmanns Heil!" Sie weih, er will in Dapper Rebhühner schießen. Der Zug rollt, vom Bahnhof Zoo kommend, cm: sie hebt sich auf,die Zehenspitzen, legt ihre Arme um Bernds Hals oanes/jS hiedskuh. Sie ist bisher tapfer gewesen, nun ist pictaVy n es fällt ihr schwer, daß sie ihren „Jungen", SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger