GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den 28.Zebruar Hummer Hey Im HW Aoman von ^ans^Äaspar von Zobeltttz Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 3. Fortsetzung. „Weißt, Reni", sagt Olli Czeh nach einer Weile, „ich hab's mir überlegt, und der Ferdi meirtfs auch — wir haben gestern noch lange nachts drüber gesprochen, weil du uns so leid tatst und weil wir dich doch liebhaben — ihr habt doch drüben im Böhmischen ebensoviel wie hier, und in Körlitz ist doch ein sehr hübsches Haus, da solltest Lu, wenn das Trauerjahr um ist, zu uns herüberkommen ins Oesterreichische. Du kannst doch nicht hier sitzenbleiben jahraus, jahrein, immer mit der Tante Maria, Durchlaucht, das ist doch grauslig. Verzeih, ich kann aber die Ungarn halt nicht leiden und die Szolnokys nun schon gar nicht." Irene findet keine Antwort, aber die hat Olli wohl auch nicht erwartet. Sie fährt fort: „Im Winter kommst dann nach Wien. Ich weiß in der Auhofsgass' ein kleines Palais, das ist billig zu haben. Ach, Wien, Reni, Wien ist lchön, und Wien ist leicht. Weiht, gestern hier all die Preußen, lauter geputzte Knöpf' und immer chackenzusammenschlagen; alles auf Draht. Da kannst ja nimmer wieder froh werden. Aber in Wien, da lernst wieder lachen. Und lachen mußt doch, so schön, wie du bist. Und der Kaiser ireut sich, er sieht immer gern, wenn jemand aus Schlesien wieder her- iiberkommt. Es ist doch noch gar nicht so lange her, daß mit eurem Ulten Fritz." „Ich gehöre aber nach Preußen, Olli." „Warum denn, Reni? Das ist doch nur Einbildung." 'Sie springt auf und winkt. „Da kommt der Ferdi. Wollen wir ihm entgegengehen?" Eie wartet Irenes Antwort nicht ab, sie jagt den Berg hinab, ihr weiter weißer Rock bläht sich, sie sieht wie eine Helle Blüte aus, die der Wind treibt Langsam geht Irene ihr nach. Wien, denkt sie, in Wien ist William Bruce Botschaftsrat. Und dann weiter: Preußen? Ist es wirklich nur Einbildung? Die geputzten Knöpfe und das Hackenzusammenschlagen, das tierade und Scharfe? In Preußen hätte die Olli nicht durchgesetzt, daß ihr Mann ins Kriegsministerium gekommen wäre. In Preußen hätte er euch nicht einfach hierbleiben können, um noch einen oder zwei Böcke zu schießen. In Preußen herrschten eben die Hohenzollern. Der Kaiser in Wien war nicht der Kaiser in Berlin. Das war keine Einbildung. Aber das würden die jenseits der Grenze nie begreifen. Sie liebten das Leichte end verstanden nicht, daß man auch das Harte lieben konnte. Eben die Pflicht. Der Ferdi läuft feiner Frau die letzten Schritte entgegen, hebt sie auf, wirbelt sie hoch, lacht. Rein, so laufen, so lachen, das konnte Alexander nicht. Er war eben eu Preuße, obgleich es, wie Olli meint, noch nicht so lange her ist. Aber schön muß es fein, so hochgehoben zu werden. Ferdi hat seine zwei Böcke geschossen; starke Sechser beide. Den ersten legte er auf der Morgenpirsch am Blauen Grund um, Blattschuß. Den Meilen faßte er zu kurz, schwer weidwund wurde er flüchtig; das war it den Buschbergen am nächsten Abend, und Olli hatte ihn begleitet. „Daher der Schlumpschuß", sagte er, und sie lachte dazu; es gab eine ||| lenze und mühsame Nachsuche, ehe man den Bock verendet im Wundbett sand. Dann sind die österreichischen Czehs abgefahren. « Jetzt ist es ganz still auf Waldhausen. Die Arbeit draußen geht ihren z:wohnten Gang, der erste Heuschnitt ist bald fertig, das Wetter ist jimftig, das Gras trocknet gut und duftet stark auf den Hocken. ’ . Irene geht oft in die Wiesen, sie liebt den würzigen Geruch, der 'i last betäubt. „Hast du schon Pläne?" fragt die Gräfinmutter eines Abends. Sie ■; feen, wie es in Waldhausen üblich, in der Halle am Kaminplatz wenn and, jetzt im Mai keine Buchenkloben auf dem Eisen rost brennen. Vorm Simin hat Alexander auch immer gern gesessen, er tränt bann helles heimisches Bier aus der Striegauer Brauerei, das gleiche, das unten im Kretscham verzapft wurde. Sein Deckelkrug steht noch im Jagdzimmer «nf dem Gewehrschrank. Ueberall hängen Erinnerungen. ,Lch werde bald nach Berlin zurückkehren", sagt Irene. Die alte Dame schiebt ihre schmalgläserige Stahlbrille auf die Stirn «tib sieht die Schwiegertochter scharf an. Noch nie hat Irene empfunden, ve grau die Augen der Gräfin Maria sind, ritt kühles harte» Grau, dem tter Anflug von Blau fehlt. -2>u hast ihn nie geliebt?" Die Frage kommt leise zu Irene, es liegt eigentlich fein Vorwurf in dem Ton, in dem sie gestellt ist, aber sie ist so glasklar gestellt, daß sie keine Lüge zuläßt. Irene ist, als fülle diese Frage den ganzen hohen Raum, das ganze Schloß, mehr noch: den Park mit der Gruft, den Hof. die Ställe, die Felder, die Wiesen, die Forsten — den ganzen Besitz Sie bringt die Wahrheit nicht über die Lippen, sie sagt aber auch nicht nein. Sie schweigt, und Schweigen ist, das weiß sie, so gut wie Zugestehen. Da spricht die alte Maria Czeh weiter: „Es ist gut, daß du nicht lügst. Ich habe bas nicht anders erwartet. Die Czehs sind schwer zu lieben als Männer. Alexanders Vater war auch so stumm und still; er sagte nie etwas von seinem Innern. Es war nicht leicht mit ihm. Vielleicht hätten wir mehr Kinder gehabt, wenn er anders gewesen wäre, und ich wäre jetzt nicht so allein. Alexander war das letzte, was ich hatte." Es zwingt Irene hinüber zu der alten Frau, neben der sie zehn Jahre hergelebt, ohne einen Blick in ihr Inneres zu tun, aber auch ohne den Versuch zu machen, eine Brücke zu ihr zu bauen. Auch bas ist Schuld. Sie kniet plötzlich neben ihr, und ihr Kopf liegt in diesem fremden Schoß, der einst Alexander Czeh gebar. Hat Alexander Hr je gesagt, daß er diese Mutter liebte? Die alte Frau legt ihre Hand auf Irenes Haar. „Du hast es jetzt vielleicht noch schwerer, als ich es hatte, Kind, denn du hast keine Kirche und teilten Priester. Aber ich verlange eines von dir: daß du Alexander feine Schande machst. Du bist jung, und du bist schön. Das sind zwei gefährliche Geschenke Gottes an eine Witwe. Wir Czehschen Frauen haben alle einen Packen zu tragen, das scheint unser Schicksal. Wenn du alt bist, wirst du wohl auch einmal in die Chronik der Familie hineinsehen; ich habe sie gelesen, es steht mehr Dunkles in ihr als Helles." Sie faßt Irenes Schulter und richtet ihren Oberkörper auf, es ist erstaunlich, wieviel Kraft diese alten Hände haben. Wieder senken sich die grauen Augen in Irenes. „Wenn dein Sohn einmal groß ist, sorge dafür, daß er eine Frau heiratet, die ihn liebt; nicht eine, die er liebt und die ihn nur nimmt. Die Frau muß den Mann lieben, bas ist bas Wichtigere; von uns Frauen geht alles aus, was eine Familie formt. Männer formen nie eine Familie, und deshalb hat es bisher in Waldhaus en auch nie eine Familie gegeben. Es gab hier keine rechte Liebe. Es war wohl zuviel Besitz da. Ich habe nicht für Alexander sorgen können, ein Kaiser wollte mir die Arbeit abnehmen. Aber Fürsten sind weltfremde Menschen. Das ist wohl ihre größte Schwäche. Weil ihnen immer Beifall geklatscht wird, glauben sie, sie täten schon etwas Gutes, wenn sie überhaupt etwas tun. Sie sehen nur immer ihre Tat, aber selten, was daraus wird. Denn was daraus wird, überlassen sie anderen. Steh auf, Irene. Ich will schlafen gehen." Sie richtet sich so schnell aus ihrem Sitz auf, baß Irene Mühe hat, ihrer Bewegung zu folgen. Dann steht sie vor ihr, gestützt auf den Stock mit der Gummizwinge, den sie im Haus und im Garten benutzt, wenn keine Fremden da sind. „Noch eins", sagt sie, „wenn du uns Schande machst, wisse, daß ich hart sein kann." Sie hebt den Stock und läßt ihn wieder sinken. „Gute Nacht, Irene." Ihr Schritt stampft durch die Halle, eine Tür öffnet und schließt sich. Dann ist Irene allein, jammervoll allein mit ihrer Scham. Sie wagt kaum zu atmen, ihr ist, als müsse auch der leise Hauch ihres Mundes in diesem leeren, hohen Raume hallen wie eine Anklage. Sie flüchtet hinaus auf den Flur und stößt ein Fenster auf. Unten liegt das Dorf. Im Pfarrhaus sind zwei Fenster hell. „Du hast keine Kirche und keinen Priester." Das Wort liegt ihr im Ohr. Sie geht weiter, steht an der hohen Eichentür des Schlosses, die ins Freie führt. Als sie sie öffnen will, kommt Joseph, der Diener. „Ich gehe noch einmal ins Dorf", sagt Irene. Der Weißkopf nickt stumm, als ob er alles wüßte, altes verstände. Er öffnet die schwere Tür und läßt Irene ins Freie treten, bann zieht er den Türflügel wieder ins Schloß. Er setzt sich auf einen kleinen harten Stuhl, der im Vorraum steht. Er wirb warten. Er hat hier oft gewartet, früher. Aber bas ist schon lange her. Der Pfarrer Peter Müller sitzt in seiner Studierstube über feiner Sonntagspredigt; sie wird ihm nicht leicht, denn er will feiner Gemeinde noch etwas von dem toten Herrn sagen, weil sie doch vor den Türen standen, als er zu all den Fremden sprach. Er hält es für falsch, baß die Herren die Bauern und Knechte soviel vor den Türen stehen lassen, aber er will bas nicht aussprechen, besonders nicht in der Kirche, er ist kein Hetzer. Er weiß: es wird schon genug gehetzt in den Städten, deshalb muß doppelt für Ruhe gesorgt werden auf dem Lande. Er hält cs auch für falsch, daß die Bauern und Knechte von sich aus vor den Türen stehenbleiben, baß sie dies« Scheu vor den Herren nicht überwinden. daß pe innerlich noch immer einen Rest Leibeigenschaft in sich denn du hast keine Kirche und keinen Priester." Lange ist es still zwischen den beiden Menschen, die bisher eine Welt trennte. Peter Müller fühlt, daß die Frau da vor ihm mit sich ringt, aber er kann nicht erkennen, wohin dieses Ringen will und um was es geht. Nur das weiß er: es gilt nicht dem Schmerz um den Toten. „Wollen wir beten?" fragt er. Sie nickt. Sie stützt ihre Arme auf ihre Knie und faltet die Hände. Ihr Kopf finkt nach vorn, sie sicht den Mann nicht mehr. Er beginnt: ,cherr, ich rufe dich an 'm meiner Not, Herr, höre mein Flehen ..." Irene versucht die Worte mitzuformen. Sie kennt sie ja. Erinnerungen hängen an ihnen aus Kindertagen, als sie mit Vater und Mutter zur Kirche ging; sie denkt an ihre Einsegnung, da war ein Priester mit grauem Haupt. Die Spannung in ihr beginnt sich zu läsen. Sie hört: „Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade - wird nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens wird, nicht hinfallen, fpricht der Herr." Und wieder löst sich ein Mng von ihrem Herzen. Peter Müllers Stirnme wird lauter: „Vater unser, der du bist im Himmel ..." Wider fpricht sie mit, Bitte für Bitte, wie in der Gruft, aber als er sagt: „Und vergib uns unsere Schuld", bricht sie jäh ab. Sie wirst den Kops hoch: „Kann Gott vergeben, Pfarrer?" „Er vergibt." Peter Müller sagt es ganz fest. Er ist nun sicher, sicher vor feinem Gott und sicher vor dem Menschen dort, der ja nichts anderes ist als eine zerrissene Seele, der nichts anderes fühlt und nicht anders leidet als ein Bauernweib, das eine Schuld in sich trägt. „Auch das Schwerste, Pfarrer?" „Auch das Schwerste, wenn der Sünder bereut." „Ich habe diese Ehe gebrochen, die Gott jetzt trennte für immer. Vergibt Gott das auch?" „Er hat alle unsere Sünden auf sich genommen. Er sagte: .Dies ist mein Blut, das für euch vergossen ist, zur Vergebung der Sünden'." „Ich habe es bereut, Pfarrer, aber ..." Oer Schäfer putzte sich zum Tanz. Don I. W. von Goethe. Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz; Schmuck war er angezogen. Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll. Juchhei Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! - So ging der Fiedelbogen. Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen; Die frische Dirne kehrt sich um Und sagte: Nun, das find ich dumm! Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Seid nicht so ungezogen! Doch hurtig in dem Kreise ging'-, Die tanzten rechts, sie tanzten links, Ind alle Röcke flogen. Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm. juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Und Hüft an Ellenbogen. Und tu mir doch nicht so vertraut! Wie mancher hat nicht seine Braut Belogen und betrogen! Er schmeichelte sie doch beifeit, Und von der Linde scholl es weit: Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Geschrei und Fiedelbogen. Spanisch und türkisch. Eine Münchener Faschingsgeschichte von Ell Wendt. $ur Feier seines ersten Münchener Faschings ging Egon hin und erwarb einen runden schwarzen Hut, ein Paar riesige gulbene Ohrringe und eine rote Seidenschärpe. Mittels dieser Utensilien gedachte er sich in einen feurigen Spanier zu verwandeln und auf der „Nacht der Nächte" im Deutschen Theater die Frauenherzen im Sturm zu erobern. „Mensch", sagte Rudolf, während er Egon wollige, schwarze Koteletten zur Aushöhung seiner Erscheinung ins rosige Gesicht klebte, „ich sehe schwarz für dich. Spanier sind nicht mehr gefragt. Ich an^ deiner Stelle würde den Frack anziehen und den feinen Herrn spielen. Egon jedoch, sonst "von nachgiebiger Gemütsart, zeigte sich unbelehrbar. Wie die meisten Menschen trug er ein Idealbild im Busen, dem er zu gleichen wünschte, und da er klein, rund und rosig war wie ein Marzipanschwein- chen, ging seine Sehnsucht dahin, düster und dämonisch zu wirken, Eigenschaften, die er am vollkommensten im Spanier verwirklicht sah. Er stülpte also den runden Hut auf feinen kurzgeschorenen Kopf, hing sich die güldenen Ohrringe um die Ohren und stellte die Der- bindung zwischen seiner Smokinghose und einem weißen Sporthemd mit der roten Schärpe her. Also angetan, rief er feine Wirtin, Frau Natte- rer, herbei und funkelte sie verwegen an. „Oh mei, der Herr Polster", verwunderte sich die Brave, „pfundig schauens aus! Wie ein leibhaftiger Torero! Da wern's fei Glück haben bei die Madln!" „Glauben Sie wirklich?" fragte Egon, von plötzlichen Zweifeln bedrängt. „Aber freili » bekräftigte Frau Natterer, „da dürfens nur die Frau Zornglebl fragen. Gestern noch hob i zu der gfagt, der Herr Polster, hob i gfagi, die wo den kriagn tut, is fei net betrogen." Egon lächelte feinem Spiegelbild ermutigend zu, dann zog er feinen Wintermantel über das Spanische, verhieß der wackeren Frau Natterer, heute gehe er ganz groß los, und entschwand. Als Egon den Saal betrat, war das Fest in vollem Gange. Verwirrt und geblendet blieb er am Eingang stehen. Der große Raum war in einen Zaubergarten aus Tausendundeiner Nacht verwandelt. Bunte Niesenblumen rankten sich um Ränge und Balustraden, in der Mitte der [ Tanzfläche gab es einen goldenen Märchenbaum, an dem schimmernde haaen Natürlich gibt «s Herren uni) Knechte, das ist nun einmal so und wEd sich wohl nre ändern lassen, aber es braucht doch nur em rem äußerlicher Abstand zu fein, es darf kein innerlicher werden. ®1'9eir'**lty mühte die Kirche diese Mauern, die nun einmal da sind-, durchbrechen, müßte die Menschen zueinander führen, das war« wohl ihre Aufgabe. Aber er sieht da keinen Weg. In den Städten gehen sie letzt aus einer falschen Lahn: sie verschärfen die Gegensätze, sie reißen keine Mauern em, im Gegenteil: sie bauen immer höhere und stärkere auf und schreien bann: man müsse Sturm laufen gegen sie. Der Pfarrer Peter Müller ist nicht blmd, er weiß, was Lassale, und Marr geschrieben haben, und liest die Reden von Bebel. Aber er lehnt die Sätze der Sozialdemokratie ab, nicht nur weil sie unkirchlich sind, sondern weil er sie für gefährlich hält. So läßt sich kein Ausgleich schaffen. Früher hatte die eine Seite alles, und das war nicht gutz und nun feil die andere alles haben, und das ist nicht besser. Peter Muller steht wieder die Türen, vor denen die Bauern standen. In jeder Mauer sind Türen, sagt er sich, aber es ist jetzt so, als ob diese Türen von der einen Seite verschlossen und von der anderen verriegelt waren; es mußte einer kommen, der die Menschen bewöge, sowohl aufzuschließen wie auf- zuriegeln, dann würde alles gut werden, dann brauchte man gegen die Mauern nicht anzurennen und sie nicht einjureifjen. Sieb lieben da, wie fie die Natur wohl gewollt hat, aber sie hätten Durchlässe, Schleusen. Da ist nun feine Predigt. Es ist nicht leicht, zu sagen: „Ich will euch noch einmal von eurem toten Herrn sprechen, denn ihr standet draußen, als ich seinen Sarg segnete vor lauter Fremden, aber er war euer Herr. Wurden sie dann nicht fragen: „Wenn er unser Herr war, warum mußten mir draußen liehen? Und solche Fragen sind voller Gefahren. Die Sozialdemokratie hebt sie; die Kirche muh sie vermeiden. . Ich muß einen anderen Anfang finden, denkt Muller, einen von Gott. Er zerreißt die erste Seite feines Entwurfs, knüllt die Fetzen zufammen und wirst sie in den Papierkorb. . ,, , In dem Augenblick klopft es an die Scheibe fernes Fensters. Er steht auf, er ist erstaunt: es ist zehn Uhr. Wer will noch etwas von ihm? Er weiß, daß im Dorf niemand krank ist, niemand feines Zufpruches bedarf, er kennt feine Gemeinde. Er öffnet das Fenster. „Sie, Frau Grästn? „3d) muß Sie sprechen, Herr Pfarrer." „Einen Augenblick. Ich öffne." . _... Während er zum Hausflur geht, denkt er: die Tur, wieder eine Tur. Dann schiebt er den Riegel zurück, und Irene tritt ein. _ Sie ist zum erstenmal in diesem Pfarrhaus, das die Grafen Czey als Patrone der Kirche von Waldhaufen bauen ließen, groß und mit vielen Stuben, denn Pfarrer müssen Raum haben für eine starke Familie. Aber Peter Müller ist Junggeselle, und in seinem Arbeitszimmer stehen nur wenig Möbel. . ... Er rückt den Sessel zurecht, der neben fernem Schreibtisch immer für Fragende und Hilfesuchende bereitsteht. Sie nimmt Platz, und auch er setzt sich wieder. „Was führt Sie zu mir, Frau Gräfin?" Irene sieht ihn an. Er ist jung, wohl jünger als sie. Ihr Mut schwindet, ihr Entschluß sinkt in sich zusammen. Wie soll dieser Mann ihr Helsen? Es will ihr nicht in den Sinn, daß dieser auch ein Priester ist. Ihm fehlt das graue Haupt. Sie findet keine Worte, denn die, die so klar vor chr standen auf dem Weg vom Schloß hinab zum Dorf, passen nicht mehr vor diesen Mann. „Helfen Sie mir", wollte sie beginnen, denn sie weih jetzt, nachdem ihr die alte Gräfin von den Czehs erzählte, daß sie doch Hilfe braucht. Die Hilfe, die ihr ein William Bruce nicht geben kannte. Sie denkt an den Beichtstuhl, den sie in vielen katholischen Kirchen sah, an den Schleier, der den Beichtenden vom Beichtvater trennt, in den man hineinsprechen kann wie in ein Nichts, und aus diesem Nichts kommt eine Stimme: „Mein Kind, ich vergebe dir." Sie hat wohl recht, die alte Dame dort oben im Czehschen Schloß: „Du hast es schwerer. Er läßt sie nicht ausreden, er sagt fest und sehr stark. .-Lasteni ©le uns weiter beten". Er wartet, bis ihr Kops sich wieder senkt, bann fpricht er ihr vor: „Und vergib uns unsere Schuld, wie mir vergeben unseren Sdjultngum Raum klingt, rührt sich Irene Czeh nicht, lie bleibt in ihrer Haltung, den Rücken tief gebeugt, die Augen starr auf den gefalteten Händen. Sie weiß selbst noch nicht, was sie sagte, was sie bekannte, sie begreift ihre eigene Beichte noch nicht; aber ihr ist leichter die Last auf ihrer Seele wiegt nicht mehr so schwer. Peter Müller ist noch nie so erfüllt gewesen von feinem Amt mie in dieser Stunde. Er tritt zu Irene und legt seine Hand EschrmKopf, wie er es tut, wenn er feine Konfirmanden einsegne. „„Sie gehen letzt in ein neues Leben, Frau Gräfin, gehen Sie mit Gott Sie lieht auf. Er geleitet sie auf den Flur. An der Tur sagt er: „Kommen Sie Sonntag zu uns. Ich reiche der Gemeinde das Abend- Sie geht an ihm vorüber in die Nacht hinein. „ .. , Als er wieder vor seinem Tisch sitzt, weiß er, wie er seine Predigt um den toten Grasen Czeh beginnen wird: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meme Gnade nichts von^dir Blüten uni) Früchte hinten. Um ihn herum wirbelten Hunderte festestrunkener Menschen im Spiel des unaufhörlich wechselnden Lichtes. Sehr bald entdeckte Egon, datz Spanier stark in der Minderzahl waren. Also hatte Rudolf doch recht gehabt, als er ihm riet, den Frack anzuziehen? Egon fühlte nichts von der inneren Aufgelockercheit, die er sich von der Wahl seines Kostüms versprochen hotte; das Bewußtsein, klein, rosa und rundlich zu sein, fiel mit der vollen Michi einer unangenehmen Tatsache über ihn her. Nie würde es chm gelingen, eine jener schönen Frauen zu erobern, die, in kösttiche Stoffe gehüllt, lächelnd in den Logen faßen. Er fühlte sich inmitten des fröhlichen Trubels einsam wie auf einer Insel im Weltmeer und wünschte sich insgeheim hundert Meilen weit fort. In diesem Augenblick tauchte neben ihm ein Mädchen auf. Es trug grüne, durchsichtige Pluderhosen, goldene Sandalen an den kleinen Füßen, und seine obere Hälfte war mit nichts als einem Fetzchen grüngoldenen Stoffs umwunden. Unter einem perlengeschmückten Turban quoll ein Kranz kastanienfarbener Locken hervor. Alles in allem sah sie bezaubernd aus. Egon fühlte sich neu belebt. Jetzt oder nie, dachte er und beeilte sich, einem Inder in weißem Burnus mit kohlschwarzem Krwufelbart zuoor- zukommen, den er auf das grüne Mädchen zustreben sah. „Gestatten", sagte er höflich und machte eine vollendete Tanzstundenverbeugung. Das Mädchen sah chn verwundert an, dann legte es seinen Arm in Egons Arm und ließ sich zum Tanze führen. Eingekellt in eine schiebende, drängende Menge, gepufft, gestoßen und auf die Füße getreten, fühlte sich Egon gleichwohl wie im Himmel. „016", schrie er begeistert und kam sich ungeheuer spanisch vor. Die Hand auf dem angenehm Weichen zwischen Brusttuch und Gürtel seiner reizenden Partnerin, steuerte er sie nadj Beendigung des Tanzes einer kleinen, verschwiegenen Loge zu, entschlossen, den ganzen Abend nicht mehr von ihr zu lassen. „Uff", seufzte das Mädchen in Grün und fächette sich mit einem win- ' zigen Selben tu d^ein Luft zu, während Egon mit der Miene eines Grand- 'eigneurs Sekt bestellte. ,Hhr Wohl, bezaubernde Odaliske", sagte er und hob sein Glas. Seine Partnerin umfaßte ihn mit einem prüfenden Blick. „Sie wollen ein Spanier sein?" erkundigte sie sich und fügte wehmütig hinzu: „O mei, da fehlts weit". Egon, obwohl unbewandert in der bayerischen Mundart, begriff. Von einem Spanier durfte man mit Fug leiden- ! sch östlich es Ungestüm erwarten. Sollte sie haben I Sein Herz unter dem weißen Sporthemd schlug ein feuriges Staccato. Näherrückend, ergriff s er die Hand des Mädchens und küßte sie; ja, er wagte es sogar, einen Kuß auf ihre verlockende Schulter zu drücken. ,Hhren Namen, holde Maske", forschte er heiser. Das Mädchen sah ihn belustigt an. „Mimi", entgegnete es trocken, „übrigens sagt man sich du im Fasching." „Um so besser, um so besser", rief Egon und wollte wissen, ob er Aussicht habe, Mimi ein ganz Nein wenig zu gefallen. Mimi seufzte; ihr Blick glitt träumerisch in den Saal über die Tanzenden. „Mein Typ bist du eigentlich nicht", gestand sie, „aber —" sie belebte sich jäh, ihre dunklen Augen funkelten, „— du, ich hab eine 3bee!" „Nun?" forschte Egon, eifrig bestrebt, einen weiteren Kuß auf aas entzückende Grübchen in Mimis linker Wange zu landen. „Siehst du | den Türken dort, der mit der grauslichen Colombine tanzt?" „Ja", sagte Egon verständnislos, „warum findest du sie grauslich?" „Sie ist graus- » lich", bekräftigte Mimi mit Nachdruck, „ein Luder ist sie, ein ganz miserables!" Egon ging ein Licht auf. „Du bist wohl eiferfüchttg, mein Schatz?" „Eifersüchtig? Ich?" Mimi lachte hohl, „keine Spur! Wo käme man denn da hin, wenn man auf so einen Fetzen eifersüchtig fein wollte! Aber nun paß auf: wenn die beiden uns hier sitzen sehen, bann nimmst t»u mich in den Arm und küßt mich, aber richttg, hörst du, nach Strich und Faden. Und dann wirst du etwas erlchen!" „Was werde ich erleben?" fragte Egon, von bösen Ahnungen erfüllt. „Er wird dir den Schädel einschlagen wollen", verhieß Mimi begeistert. „Um Gottes- Dillen --" „Aber ich werde es nicht zulassen", beschwichtigte Mimi. ..Hoffentlich", seufzte Egon; er konnte nicht umhin, der Entwicklung der Singe-mit Besorgnis entgegenzusehen. Der Türke war von riesenhafter Statur, es bestand wenig Aussicht, daß Egon in einem Zweikampf gegen ihn Sieger bleiben würde. Aber es galt, sich als Spanier und Kavalier zu beweisen. Mimi ver- wlgte mit der Aufmerksamkeit eines Ringrichters beim Boxkampf, wie der Türke, die Colombine am Ann, näherschlenberte. „Jetzt", rief sie iirtb rannte Egon ihre kleine Faust zwischen die Rippen. Egon griff mit i»em Mut der Verzweiflung nach Mimi, seine Lippen suchten die ihren, bann küßte er sie — richtig — „nach Strich und Faben". — Als er lxeiß und verwirrt aus einer Art von süßem Nirwana emportauchte, sah er geradewegs in das Gesicht eines baumlangen Burschen mit einem roten Fez auf dem Kopf. Er hatte die Arme auf die Brüstung der Loge gelegt und lachte aus vollem Halse. „Servus, Mimi", sagte er, „hat's geschmeckt? Mimi funkelte ihn zornig an. „Großartig", fache sie mit Betonung, aber iie konnte es nicht hindern, daß ihre Stimme zitterte. Der Turke leche na ei Finger an seinen Fez. „Alsdann", sache er lachend und wünschte weiterhin viel Vergnügen allerseits. Eine Weile herrschte beklommenes Schweigen in der kleinen Loge. ..Er hat mir nicht den Schädel eingeschlagen", sagte endlich Egon be- ■ kümmert. Mimi schluchzte laut auf. „Es ist eine Gemeinheit', fache sie. „Daß er mir nicht den Schädel eingeschlagen hat?" fragte Egon und Itortnete Mimis Tränen mit seinem Taschentuch. „Nein", Mimi schüttelte l»estig den Kopf, „Du — bist — ein lieber Mensch", stieß sie zwischen Mei Schluchzern hervor. . Egon lächelte, mild und freundlich wie der gute Mond im Bilderbuch. $r bettete Mimis Kopf an seine Schulter und fütterte sie mit Sekt und guten Worten. Während er Tröstliches in sie hineinsprach, sah er den langen Türken seine Colombine mit schleichenden Schritten durch die l. Fährnisse eines Tangos steuern. „Gehn wir Ins Bierstübl", schlug er »or; er erhoffte von einem Ortswechsel, verbunden mit dem Genuß sanft .comatischer Weißwürste, Linderung für Mimis Kummer. Mimi schnaubte energisch in ihr unbeträchtliches Taschentuch. „Er verdient es nicht", sagte sie dunkel. Egon schwieg taktvoll; er spießte etrt Stückchen senfbestrichener Weißwurst aus eine Gabel und schob es behutsam in Mimis Mund. Nach der dritten Weißwurst vertraute Mimi Egon an, sie habe sich entschlossen, die unselige Neigung zu Gustl, dem Türken, aus ihrem Herzen zu reihen, da er ihrer nicht würdig sei. Anschließmd begehrte sie. zu wissen, was Egon dazu meine — Es ist nicht leicht für einen Mann von Ehre und Gewissen, einen offenen Vorteil skrupellos auszunutzen. Egon bewies ein beträchtliches Maß von Loyalität, indem er zu bedenken gab, die Untreue des Türken Gustl sei möglicherweise nur scheinbar und vorübergehend. Mimi schüttelle so heftig den Kopf, daß die Perlen an ihrem Turban leise flirrten. „Nein", sagte sie mit der Düsterkeit, die endgültige Entscheidungen zn besiegeln pflegt. Gerührt legte Egon den Arm um ihre sanft gepolsterte Mitte uni) näherte sein Gesicht dem ihren. „Nimm die Dinger ab", forderte Mimi unter Hinweis auf die schwarzwolligen Koteletten und meinte, nachdem es geschehen war, so gefalle Egon ihr schon viel besser. „Man sollte Überhaupt nicht so viel auf das Aeußere geben", fugte sie nachdenklich. (Egon, an seinem empfindlichsten Punkt getroffen, lächelte schmerzlich. Mimi aber bog seinen Kopf zu sich herunter und küßte chn herzhaft mitten auf den Mund. „Mein kleiner Spanier", sagte sie, und das Lächeln, mit dem sie diese Worte begleitete, war voll Wärme und Sympathie. Ja, es schien dem beglückten Egon sogar, als liege eine gang kleine Verheißung für die Zukunft darin. x „Zeck, loß Leck elans!" Kreuz und quer durch den rheinischen Karneval. Von Walter Henkels. Es hat Leute gegeben — und man sagt, sie seien vereinzelt auch heute noch anzutreffen —, die erklärten würdig und ernst, kritisch und kühl, was sich da zur Karnevalszeit am Rhein tue, sei nichts als Leichtsinn, und der rheinische Humor sei eitel Oberfläche. Solche Zeitgenossen sollte man eigentlich vor bas Kölner Rathaus führen, weniger, um ihnen ben „Platz- jabbeck" zu zeigen — ber würbe, respektlos wie er ist, ihnen alsbalb seine rote Zunge zeigen, beim bazu ist er ba. Nein — vielmehr könnten sie bort einen Augenblick barüber nachbenken, warum bie Göttergesichter über bem unhöflichen Spottbilb so vergnügt lächeln. Es kann keinem Zweifel unterliegen, baß sie es nur barum tun, weil sie sich ber Unzulänglichkeit alles Jrbischen bewußt sinb unb für das Menschlich-Allzumenschliche Verständnis haben, bas sich — fo richtig ja nur ein einziges Mal im Jahr —, unter ihren gütigen Augen abfpielt. Ob sie nicht auch über bie kritisch- ernsten Tugenbbolde lächeln? Was sollen wir vom Rhein biefen Herrschaften erwidern? Sollen wir ihnen beweisen, baß wir keineswegs bie Hanswurste sinb, als bie wir ihnen währenb bes Karnevals erscheinen? Lieber versagen wir uns jebe Antwort •— ba kommt schon, oh Fügung, unser alter Kölner Bellegeck mit der Narrenpritsche hereingesprengt: „Jeck, loß Jeck elans!" Narr, laß ben Narren vorbei! In Köln, bem alten hilligen Cöllen, hat einer — lang, fang ist 4 her — einmal bie Leier geschlagen. Vielleicht roar’s ein ©djufterjunge, einer von ber Zunft Hans Sachsens, ber im Seoerinsviertel saß, in Straßen, bie Namen wie „Unter Kranenbäumen" ober „Unter Gottes- gnaben" tragen. Jrgenbein köllscher Rabau wirb's gewesen sein, ber Hai also in bie Saiten gegriffen: / Es war einmal ein treuer Husar, Der liebt fein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr! Die Liebe nahm kein Ende mehr — Das ist nun in diesen Wochen wieder das Nattonallied am Rhein geworden. Bei solcherlei Singsang soll es den köllschen bluten nicht warm ums Herz werden? Reicht dem Schusterjungen aus dem „Vringsveedel den Kranz. Unb bann: Raus met ber becken Zimm! Her met bem Quetsche- büggeli Es war einmal ein treuer Husar-- Da sinb sie schon: die Hanswurste unb Harlekine, bie Narren unb Närrinnen Ganze Kompanien kommen anmarschiert mit Hauptmann, Leutnant unb Fähnrich, bazu bie Marketenberin, bas Funkenmariechen, ber Große Elferrat, Zeremonienmeister, Pagen unb Funken, friberizianische Solbaten, alles in unwahrscheinlich bunter Kostümierung Dazwischen kräftige Volkstypen, Tünnes unb Schal, der Schneider Meck-Meck-Meck, der Professor mit sooo einem Bart, Old Shatterhand und Winnetou, Fakire und Buschneger, Adam und Eva am Baume der Erkenntnis. Es gibt keinen Erdteil, den man nicht vielfältig vertreten sähe. Sogar ber Neanber- taler Urmensch, ben sie ja im Rheinlanb fanben, feiert ftohllche Urständ. Ueberall geübte Musikkorps unb Straßenmusikanten. Das schmettert unb tanzt unb schunkelt in ben Straßen, bas flirrt von Konfetti unb Papierschlangen, als ob gleich morgen bas Jüngste Gericht anhube unb alle Welt noch einmal Gelegenheit nähme, ber Freube ein letztes Mal 5U huldigen. Juja! Juja! ertönt’s aus allen Kehlen, bie Drommete schmettert, das Kalb- fell dröhnt, ber Ouetschebüggel (bie Ziehharmonikas klingt ohne Unterlaß. Das , Stippefötche" wirb mit einer Bravour ohnegleichen getanzt. Der Ernst unb bie Schwere bes Alltags werben in ben Tagen des Karnevals allerorten im Rheinlanb burch Froh- unb Leichtsinn ersetzt. Da sitzen jung unb alt, arm unb reich beisammen. In allen großen und kleinen Städten, am Niederrhein, im Bergischen Lande unb in entlegenen Eifel- unb Hunsrückbörfern regiert Prinz Karneval, klatscht bem Völkchen eins mit ber Pritsche unb setzt ihm ben Vers vom treuen Husaren auf die Lippen. In Aachen geht es auf bem „Jahrmarkt ber Narretei hoch her; hier haben bie Kinber mit einem eigenen Festzug am 27. Februar besonderen Anteil am luftigen Treiben. Kleve hat gerabe in biefen Taaen bas erste Karnevals-Museum Deutschlanbs eingeweiht. Sein größter Stolz ist der Stiftungsbrief der Klever „Geckengesellschaft", einer der frühesten Karnevalsgesellschaften Deutschlands: vom Jahre 1381 datiert diese mit den Siegeln ihrer 36 Ritter versehene Urkunde. Solche Tradition verpflichtet! Die Nachfolger dieser Gecken-Ritter stehen ihren Ahnen an Fröhlichkeit und Ausgelassenheit nicht nach. Im Hunsrück ist der fette Donnerstag oder „Deckendonnerschdiesch", der Donnerstag vor Fastnacht (24 Februar), der Tag närrischer Fabulierlust. Da wird wenig getan, fett gegessen und kräftig der Humpen geschwungen. In der Schnee-Eifel und im Hochwald zieht die Jugend unter Absingen von „Heischeliedern" durch die Dörfer und läßt sich Mehl, Eier und Nüsse schenken. An der Ahr zieht am Tage der Altweiberfastnacht das ganze Weibsvolk reihum. Das jüngste Eheweib muh die Weinbergskiepe tragen, in die sie das, was den Gaumen letzt, verstauen, um es am Ende bei großem Gelage zu verzehren. Die Altweiberfastnacht ist auch in Krefeld ein Höhepunkt des Karnevals. Zu Taufenden schlüpfen die Krefelder Mädchen in die alten Seidenkostüme, die sie aus Großmutters Truhen und Schränken hervorholen, und treiben in der ganzen Stadt ihr tolles Spiel. Die Kölner, ein Dreiviertelmillionenvolk, halten ein großes „Gelääsch"; am Niederrhein führen sie den „Aeze- bär" durch die Straßen. Mit den Rosenmontagszügen am 28. Februar erreichen die Karnevalsveranstaltungen ihren Höhepunkt. In diesem Jahre nennen sie ihn in Köln „Die Welt im Narrenspiegel", in Düsseldorf „Jeck von Z bis A", in anderen Städten wieder anders, immer aber so närrisch wie möglich. Auf den Kappensitzungen und Maskenbällen geht es hoch her. Mit großem „Jejuuts en Buhei" marschieren in malerischen Trachten die Karnevalsgesellschaften auf, und der Fremde wird — ob er will oder nicht — unweigerlich in diesen Strudel der Tollheit und Narretei hineingezogen. * Als Goethe 1825 die Einladung zum Düsseldorfer Karneval erhielt, dessen Künstlerschaft sich anschickte, „eine Gesellschaft der Heiteren" zu stiften, deren Gesetz es fein sollte, nicht von den „liebeln dieser Welt zu sprechen", da antwortete er mit dem Vers, der längst zum geflügelten Wort geworden ist: Löblich ist ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn; Heiterkeit zum Erdenleben Sei dem flücht'gen Rausch Gewinn. Jene Atmosphäre, da die Künstler vereint mit dem Bürgertum dem Karneval die Beschwingtheit gaben, ist noch heute gegenwärtig zumal in Düsseldorf, das die Künstler ja seit jeher lieben. Das Fluidum seiner Eleganz, das in allem und jedem mitschwingt, macht diese „tollen" Wochen hier um so anziehender. Immer wieder neue Stationen, vom Künstlerfest bis zum volkstümlichen Karnevalsbrauch wie etwa dem traditionellen Tonnen- Rennen der Niederkasseler „Tonnengarde", das in diesem Jahre am 27. Februar im Hinblick auf das 656jährige Bestehen Düsseldorfs besonders narrisch werden soll, locken zur ausgelassenen Fahrt durch die von „Z bis A" verkehrte Welt. Selbst Goethe, der alte Geheimbderath aus Weimar, nahm einst den Doktorhut der Narrenakademie in Dülken, der „Erleuchteten Mondsuniversität", an. Der Hohe Senat der Dülkener stellte an den Meister die Prüfungskragen: 1. Wie schießt man mit einer Kanone um die Ecke herum? 2. Wieviel Pinsel gehören zu einem Publikum? 3. Welches ist die achte freie Kunst? 4. Welches ist der vorzüglichste Nutzen der Birken- reifer im Hausstand? Goethe unterließ zwar die Beantwortung, aber die ihm angetragene Ehrenmitgliedschaft nahm er gern an. Er schlang ein Bändchen um die Schreiben der Dülkener, versiegelte das Päckchen und ver'ah es mit der Aufschrift: „Rheinische Absurditäten". Noch heute liegt es in einem Fach des Schreibtisches im Goethehaus zu Weimar. Heiterkeit zum Erdenleben sei dem flücht'gen Rausch Gewinn ... Die dämonische Maske. Eine Faschingsgeschichte von Ehr Hard Evers. „Auf den Faschingsball hat der Hallodri gehen wollen", sagte der Xüöer, „wo er mir so ein Zeugnis nach Hause gebracht hat, der sapper- mentsche Kerl!" „Und hast ihn denn nicht gehen lassen?" fragte der Hannes, indem er einen Schluck guten Gebirgsenzian auf der Zunge brennen ließ. „Erzähle, erzähle", drängte der Stammtisch. Und Hannes setzte sich breit zurecht: Ich war damals ein junger Bursche, so um die siebzehn, achtzehn Jahr und auch noch für Bakers Geld auf dem Gymnasium. Aber eine Liebschaft, die hatte ich schon, wenn auch mehr platonisch — von meiner Seite. Eines Faschings, ich entsinne mich genau, glaubte ich, ob mit oder ohne Grund weiß ich heute nicht mehr, bei dem jungen Mädchen, Berta mit Namen, genügend Eindruck gemacht zu haben ... kurz, ich bildete mir ein, es sei an der Zeit, daß etwas geschehe. Die Maskenfreiheit in München erlaubte jedes Kostüm. Ich wühlte bk Hadernkisten meiner Mutter auf dem Boden weidlich durcheinander und fand ein rotes Tuch, das mir ausgezeichnet gefiel, und gleich darauf ein rotes Trikot. Beides ergänzte sich märchenhaft. Ein hübscher Bursch war ich damals, gut gewachsen, schlank und kräftig, und so beschloß ich, meiner Schüchternheit den Damen gegenüber dadurch abzuhelfen, daß ich mir eine dämonische Maske zulegte. Vielleicht trug dazu der im Unterbewußtsein auftauchende Gedanke bei, dem auch die Naturvölker aller Zeiten und Kontinente gehuldigt haben: durch Anlegung des Kostüms eines Dämons auch dessen Kräfte in den eigenen Körper zu ziehen. Ich ging als der Teufel. Das rote Trikot faß großartig. Einen gewaltigen Schwanz aus kunstvoll gedrehten Stoffetzen hatte ich mit Mühe zusammengeflickt und an feiner Spitze einen ausgedienten, billigen Gamsbart von Großvaters Hut befestigt. Man konnte das Ding über den Arm nehmen und dem Nachbar damtt um die Nase fuchteln. Um den Hals trug ich das seidene Tuch, das die gute Mutter in der Folgezeit oft vermißte, ohne je erfahren zu haben, wo es hingekommen war. Die Hände hatte ich mit Kohle schwarz geschmiert. Für die Ausschmückung meines Gesichts hatte ich einen Friseur zu Rate gezogen. Er verlangte einen wesentlichen Teil meines Taschengeldes, machte mir dann aber dafür eine Maske, vor der ich selbst Angst hätte kriegen mögen, wenn sie nicht dazu bestimmt gewesen wäre, mein Selbst- bewußtsein auf einen bisher unerreichten Grad zu heben: die Grundfarbe war schwarz. Der Mund breit und sehr rot, und um die Augen zogen sich zwei große, kunstvoll gerundete Kreise, aus denen meine Augen Kraft und Feuer sprühten. Ich sah fabelhaft aus. Dieses Bewußtsein, eine wahrhaft dämonische Persönlichkeit darzu- stellen, verlieh mir in der Tat ungeahnte Kräfte. Ich flog mehr, als ich S' g, auf jenen Ball. Die Leute unterwegs hielten gebührenden Abstand. spürte die Macht der Verwandlung. Bald hatte ich Berta entdeckt. Sie schwebte auf zierlichen, festen Füßen durch den Saal, inmitten einer Schar kichernder Elfen, und mit ihrer strahlend blonden Haarkrone schien sie mir die Königin des Festes zu sein. Ein Schwarm von Verehrern drängte sich um die jungen Mädchen. Prinzen und Könige, Reiter im roten Rock, frohe Jagdgesellen und tolldreiste Faune, ein heller Wirbel aus Sage und Märchenwelt. In das fröhliche Lachen der kleinen Gruppe fuhr plötzlich mit einem höllischen Fauchen und Pfeifen eine wilde Gestatt in rotem Trikot, mit schwarzen Händen und schwarzem Gesicht, kämpfte sich zu der Elfenkönigin durch und befand sich plötzlich Auge in Auge mit ihr, von den staunenden Gästen umringt. Der Schrecken stand ihr allerliebst zu Gesicht. Sie erkannte mich nicht. Ich zitterte, teils vor Freude, mehr aber noch vor Angst. Denn das war der entscheidende Augenblick, auf den ich feit Tagen gewartet hatte. Alles ringsum versank. Ich sah nur noch sie. Und ging aufs Ganze. Uebermunü die Weichheit, die mir von den Kniekehlen auswärts zu steigen begann und sagte mit einer Stimme, die in einigem Gegensatz zu meiner diabolischen Maske stand und deren Rauhheit mehr Bangen als Dämonie verriet: „Berta — gib mir einen Kuß!" Und da die Angebetete meines Herzens keine Anstalten machte, dieser Bitte nachzukommen, ich anderseits in ihrem stummen Verweilen eine Aufforderung zum Handeln erblicken zu müssen glaubte, legte ich meinen Arm um ihre Hüfte und versuchte, mein Gesicht dem ihrigen zu nähern. In biefem Augenblick kam Berta zu sich. Mit beiden Händen machte sie sich von mir los, stieß mich mit festen Fäusten vor die Brust und rief mit echtem Entsetzen mein Urteil: „Geh weg, du grausliches Scheusal!" Ich stand gerichtet. So muhte Luzifer gestanden haben, als er nach dem Sturz aus dem Himmel sich am Boden der Hölle wiedergefunden hatte. Der Saal drehte sich um mich. Seine Lichter stachen unbarmherzig grell nach meinen schwarzen Händen, die ich gar zu gern versteckt hätte. Aber das Trikot besaß keine Taschen. Ich hielt sie vors Gesicht. Aber auch das war ja schwarz wie die Nacht, und überdies infolge der Hitze im Raum und der Wärme, die plötzlich aus allen Poren brach, ohne Zweifel nicht ganz so schön mehr anzusehen wie es im Laden des Friseurs geschienen hatte. Wie ich aus dem Saal gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der Abend war für mich zu Ende. In einer kleinen Wirtschaft trank ich, ganz allein in einer Ecke, sehr viel Bier. Das machte mich sanfter und linderte auch den Schmerz. Aber der saß tief und genrnmi allmählich eine gefährliche Süße. Ich trank weiter. Bis ich mich nach einer fühlenden Brust sehnte, der ich mein Leid klagen konnte. Draußen auf der Straße wehte der Wind kalt. Ich schwankte, auch vor Schwerz, langsam an den Häusern entlang. Geriet in ein Lokal, in dem die Masken tanzten. „Der Teifi! Der Teifi!!" riefen sie und zogen mich in ihren Kreis. Sie hatten nicht die mindeste Furcht vor meinen dämonischen Kräften, die auch wohl längst von mir abgefallen fein mußten. Sie lachten, fuhren mit dem Gamsbartschweif des Großvaters über mein Gesicht und tanzten einen Ringelreihen um mich, der ich verständnislos in der Mitte stand, dem Weinen näher als dem Lachen. Sie schenkten mir Bier, und ich gab ihnen willenlos Bescheid. Ich war wieder ein schwacher Mensch. Und mir war furchtbar übel. Als ich an dem Spiegel vorbeikam, der meine einsamen Nöte als stummer Zeuge mit angesehen hatte, erschrak ich über mich selbst. Die weißen Ringe um die feurigen Augen waren verwischt zu häßlichen grauen Flecken. Der brennend rote Mund war farblos grau geworden und stand seltsam kalt über einem schwarz und rot gefleckten Kinn. Und unter dem Schwarz der Wangen leuchtete es grünlich bleich von einer blutleeren, übernächtigen Haut. „Du Spottgeburt aus Dreck und Feuer!" ging es mir durch den Sinn. Ich floh jene lauten Menschen. Inzwischen dämmerte der Tag heran. Die ersten Läden wurden geöffnet. Im Schatten der Häuser schlich ich heim. Gerade hängte mein Friseur von gestern Abend sein blankes Handwerkszeichen aus und lud mich ein, näherzutreten. Ich ließ es mit mir geschehen. Er seifte mich ein und ab, redete unentwegt und war des Lobes voll über die schöne Maske; ein Jammer fei es, daß sie nun fallen müsse. Mik dem Rasiermesser fuhr er mir mehrmals über das Gesicht, und ich begriff-immerhin noch soviel, daß er mich wie einen richtigen Erwachsenen — zum erstenmal in meinem Leben — rasterte. Man bat mich zur Kasse, nannte eine regelrechte Litanei von Verrichtungen der edlen Bartscherzunft und schloß mit den Worten: „Macht drei Mark achtzig der Herr!" Mein moralisches Gleichgewicht war wiederhergestellt. Der Friseur hatte ,cher Herr" zu mir gesagt. Ich vergaß das Pech mit der Maske und schlief tief und lange in einen neuen Tag hinein ... Derantwörtlich: Dr. Han« Thyriot. — Truck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei L. Lange. lSiehea. Nummer 10 8reltag, den Februar Jahrgang 1958 Cyan Blue 14 6 1 £ t7 £ 9 L 8 12 13 den Stürmen in diesen kleinen, stillen Hasen der Ruhe einzulausen und sein Leben in dem grasmückischen Museum zu verbringen. , «u* in den beiden Häusern sah man die wachsende Vertrautheit der zwei Kunstbeflissenen nicht ungern, da eine Vereimgung berden teilen nur ersprießlich und wünschenswert schien: und so gedieh die Sache so weit, daß ein Besuch der Thumeysenschen bei den Landolt chen einaeleitet wurde unter dem diplomatischen Vorwande, der thumeysischen Jungfrau den Anblick der ihr noch gänzlich unbekannten Malereien Obgleich^er eine^entschiedene und energische Künstlerader besaß hatte er den Stempel des abgeschlossenen, fertigen Künstlers nie erreicht wett Ihm das Leben dazu nicht 3eit ließ und er in bescheidener Sorglosigkeit Ldies den Anspruch nicht erhob. Allein al» Dilettant stand er auf 4 5 2 3 7 8 Grey 1 Grey 2 Grey 3 tMz, im geistlichen Habit von schwarzem Satin schwarzseidenen Strümpfen und einem Halskragen von zartester Musseline. Die Perücke war den Haaren eines weihen Kätzleins unendlich zierlich und muhevoll zustande gebracht; dazu harmonierten die wasserblauen Augen '" dem b aß- rosigen Gesichte vortrefflich; die Schuhe waren aus glanzenden Sa fian- schnipselchen geschnitten und die silbernen Schnallen aus Stanniol, die Schnittflächen des Liturgiebuches aber, das er tr^ der Hand hielt, aus Dielen Vontifer der hinter Glas und Rahmen an erster Stelle hing, umaaben die Abbilder vieler Herren und Damen verschiedenen Ranges aewande das ganz aus feinstem Papier a ,our gearbeitet sie umhüllte auf der Hand laß ihr ei« Papagei, aus den kleinsten Federchen eines Green Yellow Red Magenta Gießener Zamilienvlimer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Grey 4 Black Kolibri mosaiziert. Gegenüber sah ein flötespielender Herr mit übergeschlagenen Beinen, in einem Rocke von azurblauem Atlas und mit einer kunstreichen Halskrause, der den Papagei im Gesänge zu unterrichten schien da dieser den Kopf lauschend nach ihm umdrehte. Die Knöpfe auf dem Kleide bestanden aus rötlichen Pailletten oder 0 cm 1 zeichner sei. nschreiber stattete daher unverhofft eines Tages r und Jägerhauptmann einen höflichen Besuch wohlgesetzten Worten das Ansuchen vor, seiner ines richtig gestellten Reitpferdes geneigtest Un- teilen zu wollen, so daß das Tier in natur- e, in schulgerechtem Schritt, aufgezäumt und ge- in guter Haltung darauf gefetzt werden könne. Landolt ließ sich gern zu dem Dienste bereit finden; einmal aus reiner Gefälligkeit und dann auch aus Neugierde, die Grasmücke zu sehen, die eben Morgen so lieblich sang. Mit Verwunderung erblickte er erst die bunte Vogelwelt des Exulanten- und Proselytenschrelbers, den Wiedehopf und all' die Stieglitze, Blutfinken, Häher, Spechte und Regenpfeifer^ sodann vollends den Antistes und all' die Zunftmeister. Zwoifer- herren Obervögtinnen, Leutnants und Kapitäns der Jungfer Barbara, und diese selbst, die von- zarter, ebenmäßiger Gestalt war, wie aus Elfenbein gedrechselt. Sie.dünkte ihm das schönste Werklem unter all den Vögeln und Menschenkindern des bescheidenen Museums, und er be» qann daher sogleich den Unterricht. Er erklärte ihr mit Hilfe geeigneter Vorlagen zuerst den Knochenbau eines Pferdes und lehrte ste, mit einigen geraden Strichen die Grundlinien und Hauptverha tniffe anzugeoen, ehe es an die schwierigen Formgeheimnisse eines Pferdekopfes ging. So verbreitete sich der Unterricht allmählich über den ganzen Körper, bis endlich zur Farbe gegriffen und zur Darstellung der Schimmel, Fuchse und Rappen geschritten werden konnte. Die Mähnen und Schweife behielt Barbara sich vor, wiederum aus allerlei natürlichen Haaren zu machen. Das angenehme Verhältnis dauerte mehrere Wochen, imd immer zeigten sich noch kleine Unvollkommenheiten und Mangel, welche man zu überwinden trachtete. Landolt gewöhnte sich daran .eden Vormittag ein ober zwei Stunden hinzugehen ; es wurde ihm ein Glas Malaga m bi ei spanischen Brätle in ausgestellt, und bald ließ man ihn auch mit ber Schülerin allein als einen ber sanftesten unb ruh,gsten £ehrer d,e esse gegeben. Die Grasmücke war so zutrau ich wie em gezahmtes Voge chen und aß ihm balb die Hälfte der Spamschbrotchen aus der Hand, tunkte sogar den Schnabel in den Malagakelch. Eines Tages überraschte sie ihn mit der geheim ausgearbeiteten Darstellung seiner selbst, rote er in der Jägeruniform aus seinem Ukräner Apfelschimmel saß; es war natürlich verlustig"ging, zwei 'Abenteuer, welche, wie es bei Zwillingen zuweilen geht, nur geringfügig waren und in die gleiche Windel gewickelt we ^"schö"n "seit ein paar Jahren hörte Salomon in seinem Zimmer, dos auk ber Rückseite bes Hauses lag, wenn bas Wetter schon unb die Lust milb war jeden Morgen aus der entfernteren Nachbarschaft über die Gärten hinweg, von einer zarten Mädchenstimme einen Wim fingen. Diese Stimme welche erst die eines Kindes gewesen, war allmählich etwas kräftiger geworden, ohne jemals eine gro^e Starte zu ^reichem Doch hörte er den regelmäßigen Gesang, der täglich vor dem Frühstück stattzufinden schien, gern und ncTnnte die unsichtbare Sängerin die Ö - mücke Es war aber die Tochter des Herrn Proselytenschreibers und ehemaligen Pfarrherrn Elias Thumeysen, der sich der Last»des eigentttchen evirti-narntts mit dem Anfall eines artigen Erbes entledigt hatte, zedoch kch i^E noch Eich machte durch Besorgung einiger Aktuaria e ww derieniaen der Exulanten- und Proselytenkommisstonen. Bon letzterer führte er aus den Wunsch seiner Frau den Brauchtitel. Außerdem war er noch Reformationsschreiber und Vorsteher der Exspektanten des zurche- rifdien Ministeriums; im übrigen malte er zu (einem iBergnugen von jenen Landkarten, in welchen uns jetzt die Wett' auf dem Kopf liebt, da Oft unb West oben und unten, Nord unb Süd aber links und rechts ist. Sein Töchterlein, die Grasmücke, eigentlich Barbara geheißen, trieb aber noch gun,v andere Künste, mit denen sie vom Morgen bis zum Abend beschäftigt war. Der Herr Proselytenschreiber, ihr Baler, macht nämlich auch Darstellungen aller möglichen Vögel; er klebte öie natur- liSgebe?« derselben ober auch nur kleine Bruchstücke vor.so chen au (Baüier zusammen und malte den Schnabel und Fußs dran hin. U Haupttableau ber Art war ein schöner Wiebehopf tn natürlicher Große, im vollen Federschmuck. , ' . —— Oer Landvogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller 5. Fortsetzung. Martin Leu lebte mit seiner Frau noch zwei Jahre In Pans und Colour & Grey Control Chart ^'audTparatiierh Spe R.ihs staUlich.r WMlitärperfoncn zu Sufe. bereu Uniformen, Tressen,'.Metallknöpse, Degengefäße, Leberzeug und Feder- unverdrossenem Fleihe Zeugnis gaben; aber oane^ZiX. )umeysen die Grenzen ihrer Kunst angetroffen; pictaXiT öen berittenen Kriegsbefehlshabern Übergehen (hl Schabracken, Sättel und Zaumzeug aus allen ihrem englischen Scherchen zuzuschneiden und M> aber zu zeichnen ging über ihre Kräfte, weil schlichen Köpfen und Händen sich geü^t hatte; so, la la. Es handelte sich also darum, einen hierfür zu finden; als solcher wurde »auf ge« omon Landolt genannt, welcher in Zürich der-