GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Zreltag, den 28. Januar Nummer 8 Oer Lanövogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller 3. Fortsetzung. Dadurch aber wurde Bodmer, der Cicero, aus seinem Gleichgewicht geworfen, daß die menschliche Narrheit, die auch dem Weisesten innewohnt, die Oberhand bekam und frei wurde, indem er nun unaufhaltsam und rücksichtslos sein« dichterische Seite hervorkehrte. Er erinnerte wehmütig daran, wie er einst mit dem jungen Wieland zusammen in begeisterter Freundschaft, er, der ältere bewährte, mit dem ausgehenden Jugendgestirn, im Entwerfen vieler heiliger Dichtungen gewetteifert: und wo seien nun jene edelsten Freuden geblieben? Die hageren Beine übereinandergelegt, im Stuhle zurückgelehnt und wegen der kühleren Waldluft einen leichten grauen Sommerüberwurf malerisch umgeschlagen, gab er sich in lauter Melancholie dem Andenken an jene trüben Erfahrungen hin, da kurz nacheinander die seraphischen Jünglinge Klopstock und Wieland, die er nach Zürich gerufen, seine heilige Batersreundscswft und poetische Bruderschaft so schnöde getäuscht und hintergangen hatten, der eine, indem er sich zu einer Schar zechender Jugendgenossen schlug und einen erschreckenden Weltsinn bekundete, statt am Messias zu arbeiten; der andere, indem er immer mehr mit allen möglichen Weibern zu verkehren begann und damit endete, der frivolste und liederlichste Berseschmied, nach seiner Ansicht, zu werden, der jemals gelebt, dergestalt, daß Bodmer alle Hände voll zu tun hatte, die Schande und den Kummer mit einer unerschöpflichen Flut von furchtbaren Hexametern in ehrwürdigen Patriarchiden zu bekämpfen. So kam er dann auf den geprüften Abraham, auf Jakobs Wiederkunft aus Haran, auf die Noachide, die Sündflut und alle jene Monumente seiner ruhelosen Tätigkeit zu sprechen und rezitierte zahlreiche Glanzstellen aus denselben. Dazwischen flocht er tadelhafte Neuigkeiten ein, die seine allyerbreiteten Korrespondenzen ergaben, wie zum Beispiel der Rat von Danzig den jungen poesiebeflissenen Bürgern der Stadt den Gebrauch des Hexameters als eines für die bürgerlichen Gelegenheiten unanständigen und aufrührerischen Vehikels verboten habe. Auch beschrieb er mit maliziösem Lächeln als Charakteristikum' moderner Freundschaft, wie er einem Freund und Pfarrer vom Erscheinen eines feindlichschlechten Spottgedichtes auf ihn, betitelt „Bodmerias", vertraute Mitteilung gemacht; wie der Freund sich darüber entrüstet gezeigt, daß man das Vergnügen an den unsterblichen Bodmerischen Werken aus so boshafte und widrige Art zu stören wage; hoffentlich werde solche Bübereien kein ehrbarer Mensch lesen, alles mit mehrerem; wie aber der lüsterne Geistliche mit der Anfrage geschlossen, ob er ihm diese Bodmerias nicht auf einen Tag verschaffen könne, da nach überwundenem Verdrusse das Divertissement an denen so werten Poesien sich unzweifelhaft verdoppeln werde! Die Anwesenden lächelten ergötzt über den neugierigen Psarrxr, den sie errieten. Bodmer aber ließ in höherer Erregung seinen Ueoerwurf auf die Hüften sinken, sich vorbeugend, daß er einem römischen Senator gleich sah, und rief: „Dafür geht er auch der Lrwähnungsftelle verloren, die ich ihm in der neuen Auflage der Noachide bestimmt hatte; denn er hat sich nicht geläutert genug erwiesen, an meiner Hand in die Zukunft hinüber zu schreiten!" Er führte nun aus, welchen Bewährten unter seinen Freunden er solche Erwähnungsstellen in seinen verschiedenen Epopöen schon gewidmet habe und welchen er diese Vergünstigung noch zuzuwenden gedenke, je nach der Bedeutung des Mannes in größeren oder geringeren Werken, in einer größeren ober kleineren Anzahl von Versen. Mit scharf prüfendem Auge blickte er um sich und alle fchauten vor sich nieder, die einen errötend, die andern erbleichend, alle aber schweigend, da er eine ernste Musterung zu halten schien. Allmählich ward seine Stimmung milder; er lehnte sich wieder zurück, der vergangenen Tage gedenkend, und sagte mit weichem Tone, in die grüne Bsrghalde hinaufblickend: „Ach, wo ist jene goldene Zeit hin, da mein junger Wieland den Borbericht zu unfern gemeinsamen Gesängen schrieb und die Worte hinzusetzte: Man hat es vornehmlich unserer göttlichen Religion zuzuschreiben, wenn wir in der moralischen Güte unserer Gedichte etwas mehr als Homere find?" In dem Augenblicke, als er wieder abwärts sah, gewahrte er eine seltsame Szene, so daß er plötzlich aufsprang und streng ausrief: „Was macht die Närrin?" Schon die ganze Zeit über war nämlich Salomon Landolt etwas seitwärts unter den Bäumen für sich auf und ab gegangen, über feine Herzensangelegenheit nachvenkend und erwägend, ob nicht am heutigen Tage etwas Entscheidendes geschehen könnte? Er trug damals einen ansehnlichen Haarbeutel mit großen Baud- fchleifen. Figura Leu aber hatte sich im Hause ein kleines Taschen- piegelchen und einen runden Handspiegel verschafft. Das erstere wußte sie ihm, als ob sie an demselben etwas zu ordnen hätte, unbemerkt an dem Haarbeutel zu befestigen, worauf er feinen Spaziergang ruhig fortsetzte. Sogleich aber schritt sie, auf dem Moosboden unhörbar für ihn, mit pantomimischen Tanzschritten hinter ihm her, auf und nieder, so leicht und zierlich wie eine Grazie, und führte ein allerliebstes Spiel auf, indem sie sich fortwährend in dem Spiegel auf Landolts Rücken und in dem Handspiegel abwechselnd beschaute und zuweilen den Handspiegel und ihren Oberkörper, immer tanzend, so wendete, daß man sah, sie bespiegele sich von allen Seiten zugleich. Wie ein Blitz war in dem geistig beweglichen und klugen Greisen der Verdacht aufgefahren, es werde hier von mutwilliger Jugend das Bild einer eiteln Selbstbespiegelung dargestellt, und zwar der f einig en, in Uebersetzung der von ihm gehaltenen Reden. Alle wendeten sich nach der Richtung, in welcher sein langer knochiger Zeigefinger wies, und belachten das artige Schauspiel, bis endlich auch Landolt aufmerksam wurde, sich verwundert umschaute und noch die Figura ertappte, wie sie schnell das Spiegelchen ihm vom Rücken nahm. „Was soll das bedeuten?" fragte der alte Professor, der sich schon gefaßt hatte, mit ruhiger und sanfter Stimme; „will die Jugend das geschwätzige Alter verspotten?" Was Figura eigentlich gewollt, wurde nie ermittelt; nur fe viel ist sicher, daß sie in großer Verlegenheit dastand und von Reue befallen war; in der Angst zeigte sie auf Landolt und sagte: „Sehen Sie denn nicht, daß ich nur mit diesem Herrn scherze?" Nun wurde Salomon Landolt rot und blaß, da er sich für den Gefoppten halten mußte, und weil bk Gesellschaft endlich auch die zweifelhafte Natur des Schauspiels wahrnahm. verbreitete sich eine stille, etwas peinliche Spannung. Da sprang Salomon Geßner ein, ergriff den Handspiegel und rief: . „Mit nichten handelte es sich um irgend eine Verspottung! Das Fräulein hat die Wahrheit darstellen wollen, wie sie im Gefolge der Tugend geht, die hoffentlich niemand unfeem Landolt abstreiten wird! Aber dennoch hat die Darstellerin gefehlt, denn die Wahrheit soll einzig um ihrer selbst willen bestehen und weder von der Tugend noch vom Laster in dieser ober jener Weise abhängig sein! Laßt sehen, ob ich's besser kann?" Hiemit nahm er ein Schleiertuch ber nächsten Dame, drapierte sich damit die Hüften, als ob er antikisch unbekleidet wäre, und bestieg, den Spiegel in der Hand, einen Steinblock als Piedestal, auf welchem er mit verrenkter Körperhaltung und süßlichem Mienenspiel die Bildsäule einer zopfigen Veritas so drollig zur Erscheinung brachte, daß Gelächter und Fröhlichkeit zurückkehrten. Nur Salomon Lanholt blieb in zerstörter Laune und schlich sich weg, einen entlegenem Waldpfad aufsuchend, um seine Gedanken zu sammeln und nachher als ein tapferer Mann aus der Affäre abzureiten. Er war aber noch nicht lange gegangen, so hing unversehens Figura Leu an seinem Arm. „Ist es erlaubt, mit dem Herrn zu promenieren?" flüsterte sie ihm zu und schritt dann mit leichtem Fuß eine Weile neben dem Schweigenden hin, der sie trotz seines Schweigens keineswegs vom Arme ließ. Als sie aber auf einer gewissen Höhe angekommen waren, wo kein Auge sie mehr erreichen konnte, stand sie still und sagte: „Ich muß einmal mit Ihnen sprechen, da ich sonst elendiglich umkomme. Zuerst aber dieses!" Damit schlang sie beide Arme um seinen Hals und küßte ihn. Als er dergleichen fortfeijen wollte, stieß sie ihn aber kräftig zurück. „Das will sagen", fuhr sie fort, „daß ich Ihnen gut bin und weiß, daß Sie mir es auch sind! Aber hier heißt's nun Amen! Aus und Amen! Denn wissen Sie, daß ich meiner Mutter auf ihrem Sterbebette versprochen habe, eine Minute ehe sie den Geist aufgab, daß ich nie heiraten werde! Und ich will und muß das Versprechen halten! Sie war geisteskrank, erst schwermütig, bann schlimmer, und nur in der letzten Stunde wurde sie noch einmal licht und sprach mit mir. Es ist in der Familie, taucht bald da, bald dort auf; früher übersprang es regelmäßig eine Generation, doch die Großmutter hat's gehabt, dann die Mutter, und nun fürchtet man, ich werde es auch bekommen!" Sie ließ sich auf die Erde nieder, bedeckte bas Gesicht mit den Hänben und fing bitterlich an zu meinen. Landolt kniete erschüttert bei chr, suchte ihre Hände zu fassen und sie zu beruhigen. Er suchte nach Worten, ihr seinen Dank, seine Gefühle auszubrücken, konnte aber nichts jagen, als: „Nur Mut, das wollen wir schon machen! Das wäre etwas Schönes; da wird nichts braus" und [o weiter. mit dem Anbieten derselben über die Fortsetzung des Waffenganges Landolt^ dachte auch nicht mehr daran, dem Kapitän Gimmel weh ,u tun- denn der war in seinen Augen mit einem Schlage in einen Sauberer verwandelt, der goldene Schätze besaß und Gluck oder Unglück aus den Händen schütten konnte. Er machte ohne Besinnen eine Wassertahrt mit, die Gimmel nach einem guten Weinorte vorschlug, und o ungewohnt ihm das unharmonische Gebaren des ältlichen Renomislen erschien, war er jetzt gegen ihn die Duldung und Nachsicht selber. Wessen das Herz voll ist, davon läuft der Mund über, und zu einer Neuigkeit kommt die andere. Um von der schönen Wendelgard etwas sprechen zu hören, brachte er von der Zeit an ihren Namen mit behender List, aber so beiläufig und trocken als möglich, überall aufs Tapet, und zu gleicher Zeit machte sie, die sonst noch jo wenig bekannt gewesen, selbst von sich reden durch den Leichtsinn, mit welchem sie eine ziemliche Menge Schulden kontrahiert haben sollte, so daß der unerhörte Fall eintrat, daß ein junges Mädchen, eine Bürgerstochter, am Rande eines schimpflichen Bankerottes schwebte; denn der Vater, I)ie6 es, verweigere jegliche Bezahlung der ohne sein Wissen gemachten Schulden und bedrohe die mahnenden Gläubiger mit Gewalttaten, die Tochter aber mit Verstoßung. Die Sache schien sich so zu verhalten, daß letztere, um für die Bedürfnisse des Haushaltes zu sorgen, und vorn Vater ohne die notigen Mittel gelassen, -zum Borgen ihre Zuflucht genommen und dann für sich selbst diesen tröstlichen Ausweg zu oft und immer öfter einge- schlagen hatte. Ihre Unerfahrenheit, mütterliche Verwaistheit und eine gewisse Naivität, wie sie solchen Ausnahmegestalten zuweilen eigen ist, waren hiebei nicht ohne Einfluß gewesen, abgesehen davon, daß sie den prahlerischen Vater für sehr wohlhabend hielt. Wie dem auch sei — so war sie jetzt in aller Mund; ine Frauen schlugen die Hände zusammen und erklärten, das Jüngste Gericht nahe, wenn solche Phänomene sich zeigen^ bie Männer ließen es beim Unter» gang des Staates bewenden; die jungen Mädchen steckten heimlich die Köpfe zusammen und ergingen sich in den unheimlichsten Vorstellungen von der Unglücklichen; die jungen Herren gerieten aus ungeordnete und schlechte Spähe, hielten sich aber mit erschreckter Vorsicht fern »om Hause des Kapitäns, ja von der Gaffe, wo es lag; die angeführten Kaufleute und Krämer liefen hin und her zu den Gerichten, ihre Klagen 3U Nur Salomon Landolt gedachte mit verdoppelter Leidenschaft der in ihken Schulden trauernden Schönheit. Ein heißes Mitleib beseelte und erfüllte ihn mit unüberwindlicher Sehnsucht, wie wenn die Sünderin statt im Fegefeuer ihrer Not in einem blühenden Rosengarten säße, der mit goldenem Gitter verschlossen wäre. Er vermochte dem Drange, sie zu sehen und ihr zu helfen, nicht länger zu widerstehen, und als er eines Abends den Kapitän in einem Wirtshause fest vor Anker sah, ging er rasch entschlossen hin und zog am Hause der Wendelgard kräftig die Glocke an. Der Magd, welche aus dem Fenster guckte und nach seinem Begehr fragte erwiderte er barsch, es sei jemand vom Stadtgerichte da, der mit dem Fräulein zu sprechen habe, und er wählte diese Einführung, um damit jedes unnütze Gerede und anderweitiges Aufsehen abzuschneiden. Freilich erschreckte er die Aermste nicht wenig damit; denn sie trat ihm ganz blaß entgegen unnd errötete dann ebenso stark, als sie ihn erkannte. In größter Verlegenheit und mit einer zitternden Stimme, der man Furcht und Schrecken wohl anmertte, bat sie ihn, Platz zu nehmen; denn sie war so unberaten und verlassen, daß sie keine Einsicht in den Gang der Geschäfte besaß und vermutete, sie würde jetzt in ein Gefängnis abgeführt werden. Kaum hatte Landolt aber Platz genommen, so wechselten die Rollen, und er war es nun, der für seine Eröffnungen nur schwer das Wort sand, da ihn das schöne Unglück vornehmer und hochstehender dünkte als ein König von Frankreich, der immerhin die Eidgenossen grands amis nennen muhte, wenn er ihnen das Blut abkaufte. Endlich tat er ihr mit der Haltung eines Schutzsuchenden kund, was ihn hergeführt; das wachsende Wohlgefallen, das er an ihrem Anschauen fand, stärkte seine Lebensgeister bann so weit, daß er ihr ruhig auseinandersetzen konnte, wie er qls Beisitzer des Gerichts von chrer verdrießlichen Angelegenheit Kenntnis genommen habe und nun gekommen fei, die Dinge mit ihr zu beraten und ausfindig zu machen, auf welche Weise der Handel geschlichtet werden könne. So möge sie ihm denn vertrauensvoll den Umfang und die Natur ihrer eingegangenen Verpflichtungen mitteilen. Mit einem großen Seufzer der Erleichterung und nachdem sie, wie jenes erste Mal, einen forschenden Blick auf ihn geworfen, eilte Wendelgard eine Schachtel herbeizuholen, in welcher sie alle Rechnungen, Mahnbriefe und Gerichtsakte, die bisher eingelaufen, zusammengesperrt hatte, ohne sie je wieder anzusehen. Mit einem zweiten Seufzer, indem sie schamrot die Augen niederschlug, schüttete sie den ganzen Kram auf den Tisch, lehnte sich auf ihrem Sessel zurück und bedeckte das Gesicht mit der umgekehrten leeren Schachtel, hinter welcher sie sachte zu schluchzen begann, das Haupt abwendend. Gerührt und beglückt, daß er so tröstlich einschreiten könne, nahm Salomon ihr die Schachtel weg, saßte sanft ihre Hände und bat sie, guten Mutes zu sein. Dann machte er sich mit den Papieren zu schaffen, und wo er einer Auskunft bedurfte, fragte er mit fo guter und vertrauenerweckender Laune, daß die Antwort ihr leicht wurde. Er zog nun das Skizzenbüchlein hervor, das er immer bei sich führte und das mit flüchtigen Studien von Pferden, Hunden, Bäumen und Wolkengebilden angefüllt war. Dazwischen hinein verzeichnete er aus ein weißes Blatt den Schuldenstand der guten Wendelgard. Es handelte sich meistens um schone Kleider und Putzsachen, sowie um zierliche Möbelstücke; auch einige Näschereien waren darunter, obgleich in bescheidenem Maße, und im ganzen erreichte die Summe bei weitem nicht die ungeheuerliche Große, die im Publikum spukte. Doch betrug alles in allem immerhin gegen tausend Gulden Züricher Währung und war von der Schuldnerin in keiner Weise zu beschaffen. (Fortsetzung folgt.) Allein sie rief mit erschreckender Ueberjeugung: „Nein, nein! Ich bin jetzt schon nur so lustig und töricht, um die Schwermut zu Der» scheuchen, die wie ein Nachtgespenst hinter mir steht, ich ahne es wohl! Es gab damals bei uns zu Lande noch keine besonderen Anstalten für solche Kranke; die Irren wurden, wenn sie nicht tobten^ in den Familien behalten und lebten langehin als unselige dämonische Wesen in der Erinnerung. v . . m... . „ ,. Schneller, als er hoffte, erhob sich aber das weinende Mädchen, sie trocknete das Gesicht sorgfältig und entfloh der Trauer mit mftink- t'Oe,^®enug für jetzt!" rief sie. „Sie wissen es nun! Sie müssen ein gutes, schönes Wesen heiraten, das klüger ist, als ich! Still, schweigen Sie! Das ist das Punktum!" .... Landolt wußte für einmal nichts weiter zu sagen; er blieb gerührt und erschüttert von dem ernst drohenden Schicksal; aber er suhlte auch ein sicheres Glück in sich, das er nicht zu verlieren gedachte. Sie gingen noch so lange miteinander herum, bis die Spuren der Aufregung in Figuras schönem Gesicht verschwunden waren, und kehrten dann zu der Gesellschaft zurück. o , Dort war bereits ein kleiner Ball unter den jüngeren Leuten im Gange, da Herr Getzner für ein paar ländliche Musikanten gesorgt hatte. Als aber Figura erschien, forderte der versöhnte Bodmer selbst sie auf eine Tour mit ihm zu probieren, damit er feine Jugendlichkeit noch bar tun könne. Nachher tanzte sie, fo oft es ohne auffällig zu werden geschehen konnte, mit Landolt, dem sie zuflüsterte, es müsse das der letzte Tag ihrer Vertraulichkeit sein, da sie nie wisse, wann sie in bas unbekannte Land abberufen werde, wo die Geister auf Reisen gehen. Aus der Fahrt nach der Stadt ritt er an der Seite des Wagens, auf welchem sie faß. Ihr Zünglein stand nicht einen Augenblick still; von einem fruchtbeladenen Kirschbaum, unter dem er wegritt, brach er rasch einen Zweig voll korallenroter Kirschen und warf ihr denselben auf den Schoß. „Danke schon!" sagte sie und bewahrte den Zweig mit den vertrockneten Früchten noch dreißig Jahre lang sorgfältig auf; denn fie blieb bei guter Gesundheit, und bas düstere Schicksal erschien nicht. Dennoch verharrte sie unabänderlich auf ihrem Entschlüße; auch ihr Bruder Martin, welchen Salomon am nächsten Tage in aller Frühe auf suchte, um mit ihm zu sprechen, bestätigte ihre Aussage, und baß es für eine ausgemachte Sache im Haufe gelte, in welchem von jeher vorzüglich bie Frauen biefem Unglück ausgesetzt gewesen seien. Keinen liebem Schwager, beteuerte Martin, möchte er sich wünschen als ßanbolten; allein er müsse ihn selbst bitten, um ber Ruhe unb des Friebens ihres Gemütes willen, bie sich bis jetzt jo leidlich erhalten, von allem weiteren abzustehen. Landolt ergab sich nicht sogleich; vielmehr harrte er im stillen jahrelang, ohne daß jedoch eine Aenderung in der Sache eintrat. Sein guter Mut erhielt sich nur dadurch, daß nach den abgemessenen Zwischenräumen, nach welchen er die Figura Leu wiedersah, ihre Augen ihm jedesmal zu verstehen gaben, daß er ihr liebster und bester Freund fei. Sa pitiin. Salomon lebte sieben volle Jahre dahin, ohne sich weiter um die Frauenzimmer zu kümmern, und nur der Hanswurstei, wie er Figura Leu nannte, wohnte noch in seinem Herzen. Endlich aber gab es doch wieder eine Geschichte. ” Aus holländischen Kriegsdiensten zurückgekehrt, hauste damals in Zürich ein gewisser Kapitän Gimmel, der von seiner verstorbenen Frau, bie eine Holländerin gewesen, eine Töchter mit sich führte und von einem kleinen Vermögen, sowie von seiner Pension in ber Art lebte, daß er fast alles für sich allein brauchte. Dieser Mann war ein arger Trunkenbold und Raufer, ber sich besonders auf feine Fechtkunst etwas einbildete unb, obgleich keineswegs mehr jung, doch immer mit den jungen Leuten verkehrte, lärmte unb Skandal machte. Als Landolt einst in feine Nähe geriet unb ihm bie Prahlereien des Kapitäns zuwider wurden, nahm er dessen Herausforderung auf und begab sich mit ber Gesellschaft in das Haus Gimmels, wo ein förmlicher Fechtfaal gehalten wurde. Dort gedachte Landolt dem alten Raufer trotz seines Lederpanzers ein paar tüchtige Rippenstöße beizubringen; denn er war selbst ein guter Fechter unb hatte sich schon als kleiner Junge im Schlosse zu Wüstlingen unb später auf der Metzer Kriegsschule, sowie in Paris fleißig geübt. Der Saal erdröhnte denn auch bald von den Tritten unb Sprüngen der Fechtenden und von dem Schalle der Waffen, unb Landolt fetzte dem Kapitän allmählich so heftig zu, daß er zu schnauben begann; aber jener ließ plötzlich seinen Degen finken und starrte wie verzaubert nach der ausgehenden Tür, durch welche die Tochter des Kapitäns, die schone Wendelgard, mit einem Präsentierteller voll Likörgläschen hereintrat. Das war nun freilich eine herrliche Erscheinung zu nennen, lieber Vermögen reich gekleidet, wie es schien, die hohe Gestalt von Seide rauschend, trat doch alle Pracht zurück vor ber seltenen Schönheit ber Person. Gesicht, Hals, Hänbe, Arme, alles von genau berfelben weißen Haustarbe, wie wenn ein parijcher Marmor bekleidet worden wäre; dazu ein rötlich schimmerndes, üppiges Haar, von dessen Seide jeder einzelne Faden hundertfach gewellt war; große, dunkelblaue Augen, sowie der Mund schienen wie von einem fragenden Ernste, ja fast von leiser Sorge zu reden, wenn auch nicht gerade von geistigen Dingen herrührend. Als diese glänzende Person sich umsah, wo sie bas Gläserbrett abstellen könne, wies der Kapitän, über die willkommene Unterbrechung erfreut, das Fenstergesimse dazu an. Die jungen Männer aber begrüßten sie mit derjenigen Höflichkeit, welche man einer solchen Schönheit unter allen Umständen schuldig ist. Sie entfernte sich, indem sie sich verneigte, mit einem anmutsvollen Lächeln, welches den Emst ihrer Züge durchbrach; dabei warf sie rasch einen schüchternen Blick auf den erstaunten Salomon, welchen fie zum erstenmal im Hause sah. Der Papa jedoch holte verschiedene holländische seine Schnäpse herbei und wußte Sehnsucht. ! Don Ina Seidel. Sinkt der Abend, schwingt mein Herz, Klingt wie eine müde Glocke, Wandert sein Getane weit. Ob es einen Träumer locke, Dringt durch hundert stumme Tore, Liegt, ein Summen, dir im Ohre Und verweht in dunkler Nacht. Deinem Garten bin ich fern. Und die Rosen blühen drinnen — Sinkt der Abend, weht im Duft Nicht mein Sehnen durch dein Sinnen? Glücklos mühn sich meine Hände, Denn mein Herz hat ohne Ende, Ohne Ende dein gedacht. Sinkt der Abend, treibt kein Wind Sacht dein Schiss in meinen Hafen? Leere Wellen deckt die Nacht, Müde geht mein Hoffen schlafen. Wollte doch ein Traum dir sagen, Was mein Herz um dich getragen, Ach, wie lang ich nicht gelacht. Oer Brief. Novell« von Alexander von Keller. Wir sprachen über Frauen. Es ist leicht, über Frauen zu reden, wenn man an Bord eines schmierigen Petroleumdampsers in der heißen Sonne liegt — mitten im Urwald von Mandalay — und wochenlang keine weiße Frau zu Gesicht bekommen hat. Der Doktor, ein alter Globetrotter, der seit Jahrzehnten die Meere und Riesenflüsse der Well befuhr, sagt«: „Frauen sind wunderbare Geschöpfe, die wunderbarsten, die die Natur hervorgebracht hat. Ich habe aber die Beobachtung gemacht, daß sich eine Frau erst unter dem Einfluß eines Mannes entwickelt; je besser der Mann, desto wertvoller die Frau. Aber — wo findet man heutzutage noch Männer, die wirkliche Gentlemen sind? Wir widersprachen erregt, und der Doktor hob abwehrend beide Hände. Er war ein großer, starker Mann mit wirren Haaren und wunderbar blauen Augen, in' denen sich unendliche Räume zu spiegeln jchienen. „Gentlemen", sagte er und schlug mit der slachen Hand auf ein Knie, „gibt es viele. Was verstehen Sie aber unter einem Gentleman? Einen Mann, der sich in Gesellschaft einer Frau gut benimmt, nicht flucht, ohne ihre Erlaubnis nicht raucht, und keine schlimmen Anträge stellt?" Er lachte. „Nein, ein Gentleman muß mehr tun! Wäre einer unter Ihnen bereit, sein Leben und seine Freiheit für eine Frau aufs Spiel zu setzen? Für eine Frau, die er niemals gesehen hat und niemals sehen wird? Und doch kannte ich einen solchen Mann, vor vielen Tagen — einen Mann, der sich schützend vor eine Frau stellt!" * Kleine Eingeborenen boote stießen vom Ufer ab, und der Kapitän ließ die Sirene zornig aufheulen. Hinter großen Bäumen erschienen dunkle Bohrtürme. Dazwischen standen kleine, spitz zulaufende Pagoden. Der Himmel war grau in grau. Der Doktor sagt«: „Als die Geschichte begann, war Mettow ein , junger, gesunder und romantischer Mann und schlug sich mit hundert Askaris gegen eine ungeheure Uebermacht. Mitten im Busch von Deutsch- Ostafrika, Mettow war damals abgekämpft, kein Wunder nach vier wilden Kriegsjahren und monatelangem Umherirren in der Wildnis: vier Jahre lang hatte er weiße Frauen nur vorübergehend gesehen, aber er hatte seine Ansichten, denn er hielt viel von weißen Frauen und träumte in müden Stunden von ihnen. Eines Tages überfielen nun feine Askaris einen englischen Postzug, nahmen die Post und Lebensrnittel und brachten alles dem kleinen Mettow, der gerade einen Malariaanfall hatte. Er machte sich aber nichts daraus; sagte nur „heizuru" (macht nichts) und lachte. Dann nahm er die Post vor. Es war eine unangenehme Arbeit; denn es ist nicht jedem Mann gegeben, fremde Prioatbriefe zu lesen. Nach einer Weile fiel ihm ein Brief auf. Der Brief einer Frau. Wenn ein Mann wie Mettow den Brief einer Frau lesen muß, der ganz zart nach irgend einem Parfüm duftet, und wenn in diesem Brief Worte Vorkommen, die von Glück und Liebe sprechen — nun, so stellt sich so «in Mann diese Frau vor und umgibt sie mit allen Gedanken, mit denen ein einsamer junger Mann eine junge weiße Frau umgeben kann. Der Brief begann: „Mein innigftgeliebter Al!" und schloß mit ,Hunderttausend Küssen", und als ihn Mettow pflichtgemäß durchgelesen hatte, versank alles ringsum. Denn dieser Brief hatte einen wilden und verzehrenden Inhalt, und heiße Bersprechungen wuchsen aus ihm wie Lianen aus dem Urwaldboden. Ganz unten stand mit winzigen Buchstaben: Alice Chelmsford und die Adresse. Irgend ein kleiner Ort im Herzen Englands" Der Kapitän hatte sich neugierig zu uns gesellt. „Den Brief hat man natürlich weitergeleitet?" fragte er. Der Doktor nickte. „Natürlich wollte Mettow den Brief f»bald als möglich weitersenden. Er war an einen Capitain Al Clintock im 2. Bataillon der 4. reitenden Afrikaner — irgendwo an der Grenze von Portugiesisch-Afrika gerichtet. Die kleine deutsche Armee befand sich aber auf einem Gewaltmarsch — der „große, weiße Herr Lettow" wollt« beim Tanganjika ins belgische Gebiet wechseln —, so war keine Gelegenheit, den Brief weiterzusenden, und Mettow schloß ihn und legte ihn zur dienstlichen Post. Genau einen Monat später war der Krieg aus, und das kleine deutsche Askariheer legte die Waffen nieder. Dienstlich« Post, Waffen und Munition mußten übergeben werden, und Mettow gab feinem Betschausch den Befehl, alle Post in einen Ziegenlederbeutel zu geben und diesen zu verschnüren. Am nächsten Tag sollten ihn di« Engländer übernehmen. Am nächsten Morgen kamen afrikanische Schützen, und die englischen Offiziere luden die deutschen Kameraden zum Lunch ein. Der Krieg war ja zu Ende, und man hatte lang genug gekämpft, um sich jetzt vertragen zu können. Während des Essens saß Mettow neben einem langen Major der Afrikaner, der sich um seine bisherigen Feinde in liebenswürdiger Weise bemühte. Erst sprach man über die Kämpfe, dann über die Heimat und endlich über allerlei Dinge. Beide Teile hatten ihre Wünsche und Sehnsüchte, und beide waren jahrelang von Menschen getrennt gewesen, die ihnen nahstanden. Wie sie so beisammen sahen, erzählte der lange Engländer dem kleinen Mettow von seiner Frau, die irgendwo im fernen England saß und sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte. " „Ich habe Alice vor zwei Jahren während meines Heimaturlaubs geheiratet", sagte der Engländer, und seine Augen begannen zu leuchten, „sie ist für mich alles. Wenn ich sie verlöre, würde ich nicht mehr leben können!" Er erzählte noch allerhand und nannte auch den Ort, in dem seine Frau lebte. Mettow horchte auf. Ihm fiel plötzlich der Brief ein, der sich unter feiner dienstlichen Post befand — der Brief, der so süß und liebevoll war Ohne zu denken, in einer Art Trance, sagte er wehmütig lächelnd: „Dann sind Sie der glückliche Al Clintock!" Der lange Engländer beugte sich vor; alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. „Wie — kommen Sie auf diesen Namen?" fragte er heiser. Und Mettow sah, wie die starken Hände des Hünen zitterten. „Ich bin Bill Chelmsford! Um Gottes Willen, Kamerad, wie kommen Sie auf diesen Namen?" Mettow überfah alles in einem Augenblick und setzte sich auf. Er hatte das dumme Gefühl, als griffe eine Eishand nach feinem Herzen. Mit ungeheurer Willenskraft hob er fein Glas; feine Hand war vollkommen ruhig. Und liebenswürdig lächelnd sagte er: „Verzeihung, ich hatte Ihren Namen bei der Vorstellung überhört. Ich bin vor vielen Monaten in Tabora einem Offizier Ihrer Armee begegnet, der sich Al Clintock nannte. Er schien mir sehr zufrieden und — glücklich. Und im ersten Augenblick dachte ich wirklich, Sie wären es!" „Seltsam", murmelte der Engländer und senkte den Kopf. Er sah in diesem Augenblick alt und verfallen aus. „Wenn Sie wüßten, welche fürchterliche Bedeutung der Name Al Clintock für mich hat ..." „Verzeihung", sagte Mettow leise und begann über die Schlacht bei Tabora zu reden. Eine Stunde später kam er ins deutsche Lager und rief feinen Betschausch. „Wo ist der Ballen mit der dienstlichen Post, Ali?" „Drüben, Herr." Der Schwarze wies mit dem Kops auf bas englische Lager. „Man hat ihn vor zehn Minuten geholt." „Es ist gut, Ali", nickte Mettow, steckte seine Pistole ein und ging zu den englischen Afrikanern, die um große Feuer saßen. Binnen kurzem hatte er seinen Ballen gefunden. Das Feuer war kaum zwanzig Schritte entfernt. 1 ,Hallo Boys, zurück!" sagte Mettow plötzlich und riß seine Pistole heraus. Die englischen Afrikaner blieben wie starre Götzenbilder kauern. Und der kleine Mettow nahm den Ballen — mit der Post und dem Brief —, warf ihn ins Feuer und wartete, bis er verbrannte. Dann schleuderte er seine Pistole weg und ging ruhig den englischen Offizieren entgegen, die herankamen." Der Kapitän strich seinen Schnurrbart und betrachtete nachdenklich die vorbeiziehenden Bohrtürme. Die Maschine arbeitete dumpf und gleichmäßig. Der Malaie, der, mit einer langen Stange bewaffnet, an dem Bug stand, rief jede Viertelstunde die Wassertiefe aus. „Und was geschah wetter?" fragte der Kapitän endlich neugierig. Der Doktor lachte. „Mehr als ein Mensch ertragen kann. Mettow hatte — nach dem Waffenstillstand — englische Truppen mit bet Waffe in der Hand bedroht und einen Postbeutel, der bereits britisches Mitttar- gut war, vernichtet. Dafür kam er vor ein Kriegsgericht und entging knapp dem Tode. Man bemühte sich vergebens, den Grund seines Verhaltens zu erfahren. Vier Jahre lang saß er dann auf einer weltvergessenen Insel, zwei weitere Jahre in Schottland, und endlich kam er nach Hause. Etwas mager und müde, aber ungebrochen!" „Wie haben Sie die Geschichte erfahren, Doktor?" fragten wir. „Auf die einfachste Art der Welt. Die Behörde gab mir den Austrag, bei Mettow eine Geistesstörung zu konstruieren, und ich durste ihn besuchen. Als ich dann mit meinen psychiatrischen Mätzchen begann, wurde er wütend und wollte mich hinauswerfen. Schließlich aber erzählte er mir alles." , Warum hat er denn vorher nichts erzählt", meinte der Kapitän. „Warum er nichts erzählt hat?" antwortete der Doktor mit leiser Ironie in der Stimme. „Weil er durch eine*.1 blinden Zufall das Geheimnis einer Frau erfahren hatte, durch Preisgabe dieses Geheimnisses eine Frau aber in den Tod oder in Not und Elend getrieben hätte weil er ein Gentleman war!" An die HfS"nde. Von Theodor Storm. Wieder einmal ausgeflogen, Wfeder einmal heimgekehrt; Fand ich doch die alten Freunde Und die Herzen unversehrt. Wird uns wieder wohl vereinen Frischer Ost und frischer West! Auch die losesten der Vögel Tragen allgemach zu Nest. Immer schwerer wird das Päckchen, Kaum noch trägt es sich allein; Und in immer engre Fesseln Schlinget uns die Heimat ein. Und an seines Hauses Schwelle Wird ein jeder festgebannt; Aber Liebesfäden spinnen Heimlich sich von Land zu Land. Volksdeutsche Oichtergestalteu. Von Erich Lange nbucher. Wenn ein Volk an seiner Kultur arbeitet, arbeitet es an seinem Charakter und damit für seinen Bestand als Volk. Adolf Meschendörfer. Als im Herbst 1932 der Roman „Die Stadt im Oft en" erschien, der als Verfasser den Kronstädter Adolf Meschendörfer nannte, wußten in der Oeffentlichkeit nur wenige um das dichterische Schaffen dieses Mannes. Wohl hatte die erste, in Rumänien herausgekommene Ausgabe des Buches Anerkennung und Echo gefunden; unter den Stimmen, die für das Buch sprachen, fanden sich solche führender deutscher Dichter und Kulturpolitiker. Mit einem Schlage machte das Erscheinen des Werkes Meschendörfer in Deutschland bekannt; noch heute gehört das Werk zu den am meisten gekauften aus dem volksdeutschen Schrifttum der Gegenwart. Im Jahre 1877 wurde Meschendörfer als Sohn eines deutschen Kaufmanns in Kronstadt geboren. Das Studium führte ihn an die Hochschulen verschiedener Länder, er lernte Deutschland, das Land feiner Voreltern, kennen. Später wurde er Professor in Kronstadt und übernahm 1927 die Leitung des berühmten Honterusgymnasiums. Er ist heute, sechzigfährig, immer noch in diesem verantwortungsvollen Amte tätig. Kaufmann sollte er werden und wurde der führende Kulturpolitiker seines siebenbärgischen Volkes. Jahrelange harte Arbeit machte ihn zum geistigen Vorkämpfer einer neuen Kultur seines Volkes, die ohne feinen Einsatz nicht zu denken wäre. Nach dem Antritt seines beruflichen Amtes wuchs ihm die Aufgabe zu, Mahner seines Volkes zu [ein. Einen Teil feiner Arbeit vollbrachte er durch die Herausgabe der „Karpathen", Die Halbmonatsschrift war das Forum, von dem aus er sich an feine Landsleute wenden konnte. „Eine Rundschau über alle Gebiete des Schönen" nannte er sie und umriß damit den Kreis ihrer Aufgaben. Mit ihr eroberte er für Siebenbürgen einen Platz im deutschen Schrifttum, weil er an die Stelle einer patriotischen Pseudokunst Arbeiten echter Dichtung und Volkskunst stellte, die aus dem Wesensgrund des Volkes gewachsen mar. In den „Karpathen" wandte er sich gegen falsche entschuldigende Kritik. Gerade im Kampf um das Volkstum war das Beschönigen und Entschuldigen nie der richtige Weg. Der Weltkrieg beendete Meschen- dörsers Arbeit. Daß er neben seiner kulturkritischen Arbeit auch Dichter war, bewies er mit dem Erstlingsroman, mit dem er die „Karpathen" eröffnete, und den er „Leonor e" nannte. Er gab darin den Lebensbericht „eines nach Siebenbürgen Verschlagenen". Danach schwieg der Dichter länger als ein Jahrzehnt. Sicher reiften in diesen Jahren seine Dichtungen, so die drei Dramen, deren erstes »Vogel P h ö n i x", heißt. Darin lebt die Sehnsucht, sich aus der Enge der Heimat aufzufchwingen. Ihm folgte „Michael Weiß, Stadt- r i ch t e r von K r o n ft a d t": im Mittelpunkt steht das siebenbürgische Volk, das lieber unter geh en, als feige vergehen, will. Das dritte Drama ist die Geschichte des „Abtes von Krez". 1931 tauchte Meschendörsers Name im Zusammenhang mit dem Ergebnis eines Preises des deutschen Sprachvereins auf. Dieser stiftete für ein im Jahre 1931 erschienenes Werk des schöngeistigen Schrifttums einen Taufend-Mark-Preis. Voraussetzung für die Zuerkennung des Preises war die Erfüllung der Forderung, daß es einen künstlerisch wert- »ollen Inhalt in schöner, reiner und edler Sprache darstellte. Den Preis erb’eit bas Buch „Die Stadt im D ft e n". Der Dichter erfuhr damit die schönste Anerkennung seines Wirkens für eine neue siebenbürgische Volkskultur. Im Urteil eines deutschen Dichters heißt es über dieses Werk: ^,,Es ist seit vielen Jahren kein besser geschriebenes Buch in deut- fajer Sprache erschienen. So, wie es durch Meschendörfer geschieht, mußten Bücher aus der Nation heraus geschrieben und in die Nation werden." Der Dichter erzählt darin die Geschichte einer Schulklasse, die sich ihm weitet einer Chronik des Geschehens in der Stabt Kronstadt und im siebenbärgischen Land. Er schuf damit das Epos des stebenbürgifch-fächsifchen Volksstammes. Sein Problem ist die Erhaltung der sächsischen Volkskraft. Die Darstellung ist von über- rafchender Lebendigkeit. Nach vierjähriger Pause erschien 1935 „Der Büffelbrunnen''. Wenn snch „Die Stabt im Osten" auszeichnete durch die Vielfältigkeit der handelnden Gestalten und den roeiten Hintergrund der Stabt und des Landes, so fesselt in diesem Roman die Darstellung weniger Menschen und deren Leben. Es dient der Erhaltung des Volkstums und stellt diese Ausgabe in seine Mitte. Der Dichter läßt darin eine seiner Gestalten sprechen: „Nie mehr werde ich nach Frankreich und Rußland schielen, sondern zuerst immer ausschauen nach den Deutschen in aller Welt". Eine Sammlung kleinerer Arbeiten stellt das Bändchen „Sieben* bürgen, Land des Segens" bar. Darin findet sich für den, der Meschendörfer näher kennen lernen möchte, ein Bericht „Schaffen und Wirken", daneben stehen Proben feiner kritischen und künstlerischen Tätigkeit, Gedichte und Erzählungen. Heute arbeitet Meschendörfer an feinem dritten Romanwerk. Die Ruhe dazu fall ihm ein längerer Urlaub vom Berufsleben geben. Den Inhalt dieser Arbeit deutet der Dichter an: „Vielleicht komme ich dazu, in einem dritten Roman meine Vaterstadt in der Nachkriegszeit zu schildern. Bisher habe ich das Dichten nur nebenbei betreiben dürfen, an den zweiundfünfzig Sonntagen und den kargen Feiertagen des Jahres, und jede große Arbeit wurde bisher immer unterbrochen durch berufliche Ablenkung und Aufregung". Uns Deutschen ist Meschendörfer lange kein Unbekannter mehr. Gerade in diesen Monaten hat er in vielen Städten des Reiches gesprochen und aus [einen Werken gelesen. Ueberall lernten ihn seine Hörer kennen als ausrechten Kämpfer, als einen unserer besten Dichter, der in seinem Werk Zeugnis gibt von Deutschen jenseits der Grenzen. Als dem Hammerschmied P l e y e r im Jahre 1901 in Eisenhammer das zehnte Kind geboren wurde, dachte niemand daran, daß dieser Junge einstmals eine der stärksten Stützen der sudetendeutschen Volksgruppe werden sollte. Aus dem Erzgebirgischen stammt der Baker, die Mutter kommt aus dem Egerländischen. In Duppau besuchte Pieper die höhere Schule und studierte später an der deutschen Universität in Prag. Als Werkstudent und Arbeiter in den verschiedensten Berufen verdiente er sich den Lebensunterhalt. Als er im Jahre 1924 in Reichenberg die Schriftleitung der Zeitschrift „Rübezahl" übernahm, war damit [ein Schaffensweg vorgezeichnet. Heute lebt der Dichter in Neupaulsdorf bei Reichenberg. Die Aufgabe, die sich der Dichter Wilhelm Pieper stellte, mag zu* . [ammengefaht fein in dem Wort: „Grenzlanddeutsch fein heißt: Ganz vorne deutsch sein und trotz allem deutsch sein. Der grenzlanddeutsche Dichter kann hierin viel mehr wirken als der Politiker". Vielleicht machte ihn erst die so gesehene Aufgabe zu dem Dichter, der uns heute als einer der ersten unter den Sudetendeutschen gilt. Bevor 1934 der Roman „Der Puchner, ein Grenzlandschicksal" erschien, war Pieper nur durch kleinere Arbeiten hervorgetreten, so durch die satirischen Gedichte „Aus der S p a ß v o g e l s ch a u", die Geschichten „Aus Bauernland" (jetzt neu herausgekommen unter dem Titel „Im Gasthaus zur deutschen Einigkeit") und das Puppenspiel „Der Bärenhäuter". Seine Gedichte vereinigte er in den Bänden „Die Jugendweihen" und „Deutschland ist größer". In diesem schmalen Bändchen findet sich die schöne Strophe der Ausländsdeutschen: „Die Mutter schickt ihre Kinder hinaus,, Und kommen sie auch nimmer nach Haus, So können doch Berge und Meere nicht wehren, Daß Mutter und Kinder einander gehören." Seinen ersten Roman widmete Pieper der Entwicklungsgeschichte eines jungen Menschen, dem „Till Sche rauer". Wenn diese Arbeit auch noch nicht die Höhe der späteren Prosawerke des Dichters erreicht, so beweisen doch Aufbau, Form und Sprache, daß Pieper zu dichterifchen Gestaltungen berufen war. So verwunderte es kaum, als er für fein erstes großes Werk, den „Puchner", mit dem Schünemann-Preis ausgezeichnet wurde (1934). Darin steht das bittere Wort: „Deutsch fein heißt nichts voneinander wissen". Pieper würde wohl heute dieses Wort nicht mehr fo schreiben; damals aber, als die ersten Kapitel — vor mehr als zehn Jahren — des Romanes entstanden, muhte es geschrieben werden, damals war es ein letzter, schmerzlicher Mahnruf an alle Deutschen. Der Schicksalsweg des Georg Puchner beginnt in der Vorkriegszeit, führt durch die Schrecken des Weltkrieges, an dessen Ende er verbittert erkennt, daß dreieinhalb Millionen Deutsche einem fremden Volk zugehören müssen. Die Volksnot reißt ihn noch einmal und verpflichtet ihn zum Kampf. Pleyers aufrüttelndes Buch wird ein Dokument bleiben, das nie vergessen werden darf. Um die Pflicht, die der Lebende der Gemeinschaft — jetzt und in Zukunft — seines Volkes gegenüber hat, geht das neueste Werk „Die Brüder To mmahan s". Zunächst mag dem Leser die äußere Handlung wesentlich erscheinen; diese Handlung ist von ungewöhnlicher Spannung und Farbigkeit. Auch die Entwicklung der Menschen des Buches, chr Wesen und ihr Tun würden ausreichen, um ein Werk ohne politischen Hintergrund zu schaffen. Wichtiger aber ist die politische Bedeutung des Romans. Vier Männer stehen in feiner Mitte, vier Brüder, die die Not des Volkes ruft und die folgen. Jeder in feiner Art, der eine im Krieg, der andere später. Es geht in dieser lebenerfüllten Schilderung um die Erhaltung des Volkstums. Und wenn das Mädchen Anna — eine der schönsten und beglückendsten Mädchengestalten, die wir im Gegenwartsschrifttum besitzen — auf den vierten der Brüder verzichtet, damit er die junge Witwe des ermordeten Bruders heiratet, dann tut sie es um ihres Volkes willen, denn für den letzten Tommahans gilt es, das Erbe onzutreten, das der Vater hinterließ, und das größere, das das Volk in die Hände der Vier legte, denn: „Das größere Recht ist nicht bei den Lebenden, sondern bei den Nachkommen; bei den Lebenden ist nur die größere Pflicht". Mit der Darstellung des Werkes erhellt sich auch die Gestalt des Dichters. Sein Schaffen gilt seiner Heimat und „Besseres als Liebe und Treue hat keiner der Heimat zu geben". Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Univerf itätSdruckerei L. Lange, Gießen.