GicheimZamiliendlätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, Öen 27. Juni Nummer 49 Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart . 9. Fortsetzung. Auch dieser Winter, 'der fürchterliche Winter von 1812 auf 13, nahm ein Ende. Die ersten Blumen sproßten um den Orontes, Vögel sangen rings um Hamah, und der Wüstenkönig kam, um die „Melika", seine Königin, abzuholen. Ob Lady Stanhope wisse, daß Mahannah der größte Gauner der Welt sei, ließ der britische Konsul aus Aleppo fragen. . Hefter lachte: „Ja, es find Canaillen, ich weiß. Aber ich ziehe die Canaillen den Dummköpfen vor. Dummköpfe können ebensoviel Schaden anrichten und langweilen einen zu Tode dabei. Ueberdies — muß ich nach Palmyra!" Bruce, Meryon, ja sogar die englische Zofe sollen diesmal mitreiten. Palmyra betritt Hefter nicht ohne Gefolge. Mahannah bekam als Preis seiner Eskorte 3000 Piaster — von denen 2000 erst nach heiler Rückkehr zu zahlen waren. Bruce hatte den Handel abgeschlossen, nicht Hefter, sie — vertraute auf Mahannah. Hatte er nicht kürzlich in Gegenwart eines ihrer Diener zu gleicher Zeit von ihr und dem Sultan eine Depesche erhallen und achtlos den Bries des Sultans beiseitegelegt: „Die Nachricht her Königin zuerstl" — „An Generalleutnant Oake'sf usw. usw. Malta. Hamah, den 13. März 1813. Mein lieber General! ... Da Lady Hefter nicht willens war, ihre Reise nach Palmyra aufzugeben, haben wir die nötigen Vorbereitungen getroffen. Wir haben jede Art vop Vorsicht angewandt, um Verrat zu verhüten, ... ich denke, daß Sie keine Furcht zu haben brauchen, wir würden als Gefangene in der Wüste zurückbehalten werden... Der Chef der Anisi kommt morgen selbst, uns abzuholen. Wenn Lady Hefter in diesem Unternehmen Glück hat, wird sie zum mindesten das Verdienst haben, als erste europäische Frau diese einst berühmte Stadt zu betreten. Wer weiß, ob sie sich nicht als zweite Zenobia erweist, die bestimmt ist, die Stadt zu ihrer alten Größe zu erheben? Am Ende geht sie vielleicht doch noch eine Ehe ein mit Ibn Saud, dem großen Häuptling der Wahabiten. Er wird nicht als besonders liebenswertes Objekt dargestellt: aber wenn man Liebe dem Ehrgeiz unterordnet, könnten sie ihre Waffen vereinen, eine große Revolution hervorbringen, sowohl in Religion wie in der Politik, und den Thron des Sultans stürzen... Ich wollte, Sie kämen, sie mit Ihrem militärischen Rat zu unterstützen. Ich möchte gern einige Kenntnis über die Wahabiten erlangen, sie sind ein sonderbares Volk, und ich glaube, daß, wenn die Pforte nicht sehr große Anstrengungen macht, sie niederzuzwingen, sie eine große Revolution in politischer und religiöser Hinsicht im Osten Hervorrufen werden. Ich bin, ' mein lieber General, Ihr aufrichtiger Freund Michael Bruce." Der Postsack, der für Malta bestimmt war, trug auch ein anderes Schreiben: Mein lieber General! Morgen steige ich aufs Pferd mit siebzig Arabern und gehe endlich nach Palmyra... Ich bin in solcher Eile, daß ich nicht alles schreiben rann, was ich wünsche... Gott segne Sie, mein lieber General; ich hoffe, daß ich bei meiner Rückkehr vom Sitz meines Kaiferreiches Briefe aus England vorfinde... Ihre aufrichtige Hefter Stanhope." Mein Kaiserreich! Es war Spott — und Ernst zugleich; sogar Bruce wurde von dem FiebeMergriffeu. Am 20. März 1813 stand ganz Hamah auf den Beinen, die Frauen halb verschleiert, die Kinder winkend und schreiend, die Männer hielten es ausnahmsweise nicht unter ihrer Würde, an die Türen zu laufen. Eine Meile weit war die Straße gegen Osten von Menschen erfüllt. Zwischen Stambul und Bagdad ertönte der Name: „Mylady Stanhope!" Sie ritt in die Wüste, nach Palmyra! Ein herrlicher Mantel wehte von ihren Schultern, als arabischer Beduine war sie gekleidet und ritt ihr bestes Pferd, eine Stute, die an Ausdauer und Schnelligkeit alles übertraf, was ein Europäer gewöhnt war. Siebzig Beduinen umgaben die „Melika"; die hallen ihre Lanzen mit Straußenfedern geschmückt, die Haare hingen in Locken über die wilden Gesichter. Ein langes Gemurmel von Mitleid erhob sich... Mylady wagte ihr Leben! „Bitte, liebe Kaiserin, reisen Sie nicht mit zu wenig Gefolge in die Wüste", schrieb im letzten Augenblick ein englischer Konsul, „Ihre Vor« gängerin Zenobia hätte die Gefangenschaft vermeiden können, wenn chr " Gefolge zahlreicher gewesen wäre." Vierzig Kamele mit ihren hochnäsigen Gesichtern trugen die Kosse« Reis, Mehl, Tabak, Zucker, Biskuitts, Seife und Badewannen. Nasfr, der Beduinenprinz, erwartete die Karawane an den Quellen von Keffiyay. Er lag gerade im Krieg mit seinem Nachbarstamm, und man müsse — selbstverständlich — einen Krieg gewärtigen, erklärte er hoffnungsvoll. In strenger Reihenfolge ritten sie dahin, Nasfr mit Hefter an der Spitze; dann die Eskorte der Beduinen; in der Nachhut Bruce und Meryon, beide mit liebvoll gepflegten Bärten, denn die Beduinen schätzten dieses Zeichen „der Weisheit und Männlichkeit": schließlich bewaffnete Diener. Es war ein kühler Morgen, der Himmel blau und hoch. In der großen Einsamkeit, der flimmernden Leere der Wüste, erschienen dir kleinsten Zeichen des Lebens und huschten vorüber wie Erscheinungen aus einer anderen Welt: ein Fuchs, ein fliegendes Rebhuhn, ein Büschel Gras. Man ist auf der Erde, die niemand auf der Welt unterworfen ist, mit wenigen Dienern und kärglichen Waffen; unter dem Schutze eines Volkes, das fremd ist wie ein ferner Abschnitt der Weltgeschichte, das keinen Tod fürchtet und zu schweigen versteht ... Wenn ein Diener in der Wärme feinen Mantel 'auszieht oder sich schneuzt, ist plötzlich Mantel und Taschentuch verschwunden, und Nassr erklärt die Gegenstände als Beute eines Scherzes ... Dann plötzlich, in der brütenden Hitze der Mittagsrast, werfen sie die Turbans ab, daß die langen Haare fliegen ... Gruppen sammeln sich mit wildem Geschrei, ein schneidender Pfiff jagt die Pferde gegeneinander, im Galopp, mit eingelegten Lanzen, stürmen die Beduinen los ... Ehe die Köpfe der Pferde sich berühren, werfen sie sich blitzschnell herum... Es ist Spiel, natürlich! Wenn auch zuweilen Blut dabei fließt. Am Horizont taucht eine Karawane auf. Die Beduinen werden unruhig. Ist es Beute? Hefter blickt geradeaus und sagt klar: „Es sind Pferde ohne Reiter!" Hat je einer von diesen Fremden schärfer gesehen als ein Araber, wenn er die Lider senkt und unter den Wimpern heroorsteht? Aber Hefter hat recht, und Nassr verkündet stolz: „Du bist unserem Stamm verwandt, Königin!" Wenn die Schatten farbig hereinfallen, das Licht untergeht, die Perle der Freunde, die Sonne, dann wird bei halbverschütteten Quellen Haltgemacht. Aus schwarzer Ziegenhaut sind die Zelte, tausendfach durchlöchert. Die Frauen bereiten weiches Brot in der Asche, ein riesiger Topf füllt sich mit Reis — das Wasser stammt aus irgendeinem Loch und das Fett ist ranzig. Jeder greift mit der Hand in den Topf, knetet blasend einen heißen Knödel und wirft ihn zur Kühlung senkrecht in die Luft. Dann wird der Knödel auf die Daumen gespießt und mit Behagen verzehrt. Manchmal gibt es Schaf, manchmal geröstetes Kamel; dann Kuchen von ungesäuertem Brot und Traubensaft. Immer aber Kaffee! Wenn die Körner in einem Mörser gestampft werden, läuft alles im Lager herbei. Die Tassen werden mit Lumpen gereinigt, Wasser ist zu kostbar dazu. Die Königin ißt nicht aus demselben Topf, kein Mensch sieht sie bet ihrem Mahl, sie hat ein geschlossenes Zelt, vor dem ein schwarzer Sklave mit einer Streitaxt wacht, und so heißt es — keine Flöhe! Abends empfängt sie Mahannah, den Wüstenkönig, Nassr und die Vornehmsten der Beduinen, sie ganz allein. Denn Bruce hat sich am ersten Tag den Zorn der Araber zugezogen. Für ihn waren die Wüstensöhne nichts als ein untergeordnetes Volk, dem er Befehle erteilen wollte. Worauf Mahannah der „Melika" lächelnd zu verstehen gab, wenn „der junge Mylord" es wagen würde ohne ihre Begleitung in die Wüste zu reiten, könne keiner für fein Leden bürgen. Und Nafsr, der Kronprinz, rächte sich, indem er Brucens ganze wohlgepflegte Existenz mit unnachahmlicher Hoheit wie Luft betrachtete. So sitzt nur Hefter, die weiße Frau, mit den fremden Veduinen» scheichs bis in die dunkle Nacht. Mahannah spitzt seine schlauen Ohren: von Napoleon möchte er wissen, diesem Mann, der den Arabern als ein Erlöser gilt, als Beschützer gegen das große, gefürchtete Rußland. Noch ist die Nachricht seiner Umkehr in Moskau nicht in die Wüste gedrungen. Hefter erzählt — und erfährt von ihm, was sie wissen will: daß für diese Menschen der Adlerblick ihre Verteidigung ist, ein Zauberwort chr Schutz: das Schicksal selbst noch Recht spricht — ein geworfener rnon streicht nachdenklich seinen Bart. Da Wahabiten nach Arabien müssen, denkt er Arm, legt Bruce Doktor? (Fortsetzung folgt.) es sind die letzten Schon kommt das Pserd, zu beim Ton die Totenstille: „Langes Leben der Königin von Palmyra!" Betäubender Jubel fällt ein: stehen leuchtendgelb gegen den lichtblauen Himmel, Höhen vor der Stadt der Jahrtausende: Palmyra. Volk entgegen, „ihr Volk aus ihrem Königreich", Röcken mit Glas- und Lederschmuck aus der braun« den Finger an: „Stop!" rüst sie aus englisch. Da sieht sie die Augen des einen — er wirft sich vom ihren Füßen und hascht nach ihrer Hand ... Es ist Nassr. „Hefter! Königin!" Sie schließt die Augen, ihr Antlitz ist geisterhaft bleich. Die Söhne der Wüste, deren Blicken.nichts entgeht, gewahren es wohl. In scheuer Bewunderung stehen sie vor dem Schauspiel der Natur, die ein Wesen geschaffen hat, das tapfer ist wie ein Mann, geheimnisvoll schön wie eine Frau — und weiser als einer der Ihren. — ' (5dnbl)Üfld lntirMötihnolh nonon ho1 „Frau! Was ist deine Magie? Es war ein Spiel — aber — deiner Stimme erzitterte ich, und deinen Blick kann ich nicht ertragen. Meine Stirne erniedrigt sich wider meinen Willen bis zu deinen Füßen. Deine Seele ist übernatürlich, mach kein Geheimnis daraus! Ich erkenne es an der Herrschaft, die du ausllbst — Königin, Königin der Wüste." Sein Geiolge schließt sich zum Kreis. Nassr erhebt sich und rüst in Faden ein schlau geteiltes Mahl mit dem Feil.d. Sie erlebt die Hellsicht dieser Menschen, die nicht schreiben können, und laßt sich besingen in einer Sprache, die inbrünstig und blumenhast ist wie keine ttn Abend» „Tal der Gräber". Zwölshundert Meter lang zieht sich die Säulenallee hm, von Nordwest nach Südost, längs dem Heiligtum des Tempels der Sonne, zerbrochene Kapitäle, Piedestale mit sehlenden Statuen griechische Lettern für vergessene Könige ... . Auf die Trümmer sind junge Mädchen gestiegen, um die tadellosen Glieder gestickte Tücher gleich antiken Gewändern gewunden, über den Schleiern Blumenkränze. Nackte Kinder halten Rosengirlanden von Säule zu Säule, keines rührt sich, stumm harren sie, bis die „Melika" kommt, decken mit ihren blühenden Leibern die zerstörten Reste versunkener Jahrtausende — für eine neue Königin ... Hinter ihr löst Pch das Spalier lebendiger Statuen zu subelndem Tanz Ein Triumphbogen beschließt den Weg, der Triumphbogen Zeno- bias, Königin von Palmyra, errichtet eineinhalb Jahrtausende zuvor als Zeichen ihres Sieges über Aegypten. Von der Höhe dieses Bogens herab fetzt das schönste Mädchen des Stammes seierlich eine Blumenkrone auf Hefters blasses blonbes Haupt. Ianb,man nenne mir ein Volk von solcher Beredsamkeit, solcher .Natur- kenntnis und Schönheit der Ideen w,e diese Araber , ruft Mylady be« geifterf; „Lord Petersham würde vor Eifersucht sterben, wenn er Nassrs königliche Geste sähe." Bruce betrachtet die geliebte Frau von der Seite. Wie mag erst Ibn Saud, der König der Wahabiten sein? fragt er, und kühler Spott kommt wider feinen Willen in die Stimme. „Ich korrespondiere bereits mit ihm!" triumphiert Hefter hzruce kann sich nicht enthalten, die Achthundert^ Frauen ^des^^Waha^ bitentönigs zu erwähnen. Men ' wird man wohl noch zu den 5' , — wenn das alles nur gut geht! durch die Nacht. „Die Königin wird uns beschützen! „Wird sie Napoleon heiraten?" „Es lebe die Königin!" Lieder an die Melika, im lauen Hauch der Wüste empfangen und verweht, tönen herauf zu ihr, die mit geschloffenen Augen in ihrer £utte liegt nach dem Sonnentempel, der ein Heiligtum Mohammeds ist. „Heute versteht man, was Zenodia war", lächelt Bruce in mäßig guter Laune. v Meryon rückt an seiner Brille und beugt sich vor: Ach ja, Zenobia — erzählen Sie doch von ihr! Hefter hält die beiden schmalen Hände über ihr Gesicht, man weih nicht, ob sie hört. Bruces Stimme ist weich. Zenobia war eine Königin hier an dieser Statte, im dritten Jahrhundert nach Christus. Sie (ei gebildet gewesen in arabischer, griechischer und christlicher Literatur ... Ich glaube, Lady Hefter — er sieht sie und Meryon an -, „and) sie hatte zwei uberflu|{ige Ratgeber, einen griechischen Gelehrten und einen christlichen Bischos. Zenobia soll an der Spitze ihrer Truppen marschiert fein, mit bloßen Armen, das Schwert in der Hand, schön und keusch, wie man sagt ...Ich habe es nie geglaubt, bis heute —" , , , . Michael Bruce steht auf. Drei schmale Palmen stehen gegen den mondhellen Himmel. Verdammt! Eine Rührung packt ihn an der Kehle, daß ihm die Stimme überschlägt. „Was geschah weiter mit ihr?" fragt Hefter sanft. an feiner Pfeife, ein«, zweimal. Dann fetzt er sich „Zenobia trug ihre Herrschaft bis nach Aegypten und über halb Kleinasien Eines Tages aber kamen die Romer, Aurelian selbst, der Kaiser Zenobia verlor eine Schlacht, wurde hier in Palmyra belagert, Hob mit ihren beiden Begleitern und wurde aus der Flucht gefangen. In Ketten erschien sie im Triumphzug des Aurelian zu Rom, und ihre Tage endeten in Tibur ... Seither versiel Palmyra." „Wie mag sie Aurelian gehaßt haben, der sie vernichtete! Ob wohl ihre Racheflüche die Wasserfälle des Anld übertönten? Ob sie eine von den Sibyllen Tiburs war, die in. die Welt riesen, Rom werde unter- ^Hefter hatte sich aufgerichtet, ihre Stimme war heiser vor Erregung. Meryon strich verlegen seinen langen, gepflegten Bart jetzt räusperte er sich. Mylady sollte sich nicht zu sehr ausregen in diesem Klima, das die Phantasie erhitze. " Hefter zog die seinen Augenbrauen zusammen und begann neu. „Den Namen Palmyra habe ich zum erstenmal gehört, als Georg- Brummet sich einen Spaß daraus machte, wenn er bei Parvenüs Uw, Mittagessen erschien, nach der „palmyrischen Soße" zu verlangen, ^er Hausherr tat bestürzt, natürlich kannte niemand den Namen, avec Brummst behauptete indigniert: man soupiere doch nicht mehr ohne Soße von Palmyra! ... Vielleicht gefällt Ihnen diese Geschichte besser Valmyra, das alte Tadmor, ist nur mehr ein Dorf von fünfzehnhundert Arabern. Ader keiner der Männer fehlt, als man eine fremde Frau, die über Land und Meer gekommen ist, um die Araber zu «euer Herr- lichkeit zu führen und ihre Schatze aus der Wüste zu graben, zur Königin erklärt. — Die Frauen von Palmyra find die fchönsten des Orients; es heißt, sie oweinen das Ebenmaß der Griechen mit dem Stolz der Araber; die Scheichs der Wüste bezahlen sie teurer als andere Frauen. Nach der Heirat allerdings ziert sie ein Bing burd) die Nase, blsweilen auch eine tätowierte Unterlippe. Meryosi und Bruce sind — neben der Be ich- tigung der Ruinen — mit der Feststellung dieser Xatfacfjen befd)afti9t- Sie werden ihrerseits von den Beduinendamen gefragt, ob die Eng- länöer einen Sultan haben, wie alt er ist und wieviel Kinder chm feine Frauen fchenken. „Wann wirst du mit den Grabungen beginnen?" fragt Naffr die Königin. ,, v < Sie schüttelt den Kops, unnahbarer denn je: „Erst muß ich mir eure Stabt ansehen,« wer weiß, ob noch etwas m ^Doch,^Königin, viel Gold liegt verborgen unter dem Sand der Wüste, und keiner wird es sinden, wenn nicht du." „Wir haben Zeit", fchließt Hefter. , Taae vergehen im Taumel für das Volk, wie eine Fee mit reichen I Ga?en erscheint die „Melika". bei Hochzeitssesten und Reitersp.elen, und zwischendurch sieht man sie die Ruinen prüfen — gewiß nad) bem ge Heimen Buch, bas sie verwahrt, und mit dem Kraut, das alte Steine in Gold verwandelt! Eines Abends aber ist Nassr unruhig. Melika, wir haben drei Spione eines Stammes gefangen, ber mit uns" im Krieg ist. Unsere Feinde haben entdeckt, daß du hier bist! Es wird wieder Nacht. Die Sterne haben eine Schönheit, die bas Herz erzittern läßt. In ber Nähe des Sonnentempels rund um cm großes Feuer, tanzen bie Bebuinen nut ihren wilben Gesichtern. Bierre erzählt. Er erzählt von Napoleon. Der Kaiser ist ein übernatürliches Wesen. Seine Massen sind schrecklicher als der Blitz, es sind kleine Ballen, die platzen, wenn man es nicht erwartet. Er kann seine Soldaten schießenlassen, ohne daß sie laden ..." 1 ,Lft er weit weg?" fragen die Beduinen. Getrennt durch Wasser und Land", antwortet Pierre, „aber in diesem Jahr zieht er durch Rußland und dann weiter nach Indien. „lieber das Meer?" fragen sie. „Drunter durchl" antwortet er. Das Geheul der Frauen, die abfeits lagern, bringt markerschütternd Ader bie Beduinen sind Menschen, in deren Seele Sonne und Sturm und Wolken sich spiegeln; eines Abends läßt Nassr der Königin sagen: „Mag sie die Tochter eines Wesirs (ein, ich bin der Sohn eines Fürsten, und heute bin ich nicht aufgelegt, mein Zelt zu verlassen; mag sie zu mir kommen, wenn sie etwas will!" Die Beduinen murren, Nassr sei im Zorn, Unheil werde erfolgen, vielleicht fogar Rückzug! Hefters Diener (offen die Ohren hangen. Bruce tobt und Meryon entrüstet sich über solch unentschuldbares Benehmen gegenüber einer Lady. , Hefter nimmt keine Notiz von Nassrs Laune. So zieht er vor, am Morgen alles vergessen zu haben. Das Spiel scheint gewonnen. Aber gegen Mittag gewahrt man verdächtige Zeichen am Horizont ... die Beduinen werden unruhig. . „Es sind Feinde" sagt Nassr, „und ich kann nicht für dich garantieren. Bleib hier zurück, hinter diesen Hügeln bist du geschützt. Ich werde mit meinen Leuten dem Feind entgegenreiten." Bruce und Meryon sehen sich an, verständnisinnig. Hefter sagt zu Nassr: „Geh, du bist frei!" und wendet sich ab. Mit ein paar Dienern bleiben sie zuruck, allöin in der Wüste. Bruce entwirft einen Abwehrplan, man verteilt die Posten, niemand darf ab« fihen Eine lange Stunde vergeht. Michael Bruce mustert verstohlen Hefters ruhiges Gesicht. m ., Dann nähert sich Angrisssgeschrei, in Sanbmolten sprengen Reiter mit baumlangen Lanzen zum Angriff eingelegt daher, in wildem Galopp. Die Pferde fcheuen, die Diener fliehen. „Zurück!" ruft Bruce und deckt Hefter mit feinem Körper. Ihr aber steigt eine Welle von Blut ins Gefickt, sie zieht zwei Pistolen aus dem Gürtel und jagt, ehe Bruce es hindern kann, mit verhängten Zügeln den Beduinen gerade entgegen, hebs den Männer in kurzen gebrannten Haut; sie machen auf Blechtrommeln ohrenbetäubenden Lärm. Andere, die mit angelegtem Gewehr bis dicht vor bie Königin reiten, um sich bann lautlos zu Bobcn zu werfen, zeigen ihre Künste, inszenieren einen Angrifs; blitzschnell werden Hefters Diener ausgezogen bis auf die Haut — nie hat ein europäischer Kammerdiener solch gesteigerte Kunst erlernt. Hefter hält ihr Pserd und gebietet Schweigen. Scheu stehen die Araber, warten, bis bie Königin bestehlt. Dann reitet sie ein in das Oer atte Tisch. Von Martin Weis«. Wurmstichig bist du und vernarbt. Verblichen ist dein dunkler Glanz. Die hier gefeiert, hier gedarbt, Sie schmückte längst der Totenkranz. An dir hat einst der Ahn gesessen. Wenn müde er vom Acker kam Und schweigend, nach dem Abendessen, Die Bibel aus dem Schranke nahm. Hier blätterten die schwieligen Hände In Gottes Wort und Christi Lehr. Das Kerzenlicht war milde Spende, Des Bauern Atem lang und schwer. An dir ward auch das Brot gebrochen, Das braun in runden Schüsseln lag. An dir dem Herrgott Dank gesprochen, Der segnete den Arbeitstag. Auf deinem glatten, blanken Holz Da stand der Krug und stand die Schale, Dereinst der Asten ganzer Stolz Beim Hochzeits- und beim Totenmahle. Du lebtest mit des Ahnen Leben, Du teiltest mit ihm Freud und Leid. Möcht einer jetzt den Platz dir geben, Der dir gebührt nach deiner Zeit. Besuch bei Wilhelm ZRaabe. Von Wolfgang Goetz. Nach vielen, vielen Jahren sehe ich Braunschweig wieder. Aber, was das Knäblein von «inst gesehen hat — merkwürdiges Erlebnis — ist so stark gewesen, daß.der Mann nicht erstaunt. Groß und dunkel steht Dankwarderode. Die Silhouette des löwigsten aller Löwen springt in die Nacht. Ich habe Hunger; wo anders hin soll man gehen, als zu Herbst? Wilhelm Raabe pflegte einst im Kreise der „Hirsche" (woher der Name?) seinen Abendtrunk dort zu sich zu nehmen. Das Sofaplätzchen ist frei, an der Wand hängen Bilder des alten Mahners, Warners und Deuters. Er blinzelt zu uns hernieder, ein bißchen erfreut, ein wenig belustigt, dieses eit am gefältelte, zerfurchte und doch so klare Antlitz eines großen Entsagers, der durch alle Klüfte und Schlüste des Mondgebirges stieg und doch das gewaltige Ja fand. Es fitzt nur noch ein Gast im Zimmer, offenbar ein Sanitätsrat, der mißbilligend zu mir hinüberblickt, daß ich dreist und gottesfürchtig auf der schmalen Lederbank Platz nahm, wo einst jener Wilhelm Raabe saß. Auch als der Sanitätsrat, vom Kellner also betitelt, geht, wage ich nur flüsternd zu sprechen. ein. Gefühl grenzenloser Trägheit kommt über mich. Warum vor 30 Jahren nicht warst du hier? Hätte es nicht gelohnt, eine Reis« hierher zu machen, um am Nebentischchen zu sitzen, ihn anzuschauen, vielleicht ein bißchen zu lauschen und ein nachdenkliches Wort zu erwischen. Vielleicht in schöner Läusbubenfrechheit hätte man ein Vivat Corvinusi ausgebracht. Wer weih es. Möglich, daß solche Dummheit dem Kenner der Höhen und Tiefen Spaß gemacht häste. Unwiederbringlich ein sehr dummes Wort. Wie ich nun allein sitze, wird's unheimlich. Ich fliehe, seltener Tapferkeit voll, denn der Wein ist gut. Ich fliehe nicht vor den guten Geistern, die da weben um das Sofa-Eckchen, ich fliehe vor dem schauderhaften Gefühl völliger Nutzlosigkeit. v _ ,,, Da sind zwei, die noch gesucht, besucht werden sollen. Gotthold Ephraim und Wilhelm der Große. Sie wohnen ziemlich nahe beieinander. Aber zu Raabes Sterbehaus ist kein kleiner Weg, man muß schon strampeln. Es liegt an einem Platz, der diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es ist mehr ein Anger. Dorf und Stadt berühren sich. Eine Tafel ist angebracht, aber wo wohnt« er, in welchem Stockwerk, wo war das Arbeits-, wo das Sterbezimmer? Ich gehe in das Haus, um wenigstens die Treppe zu sehen, die er hinanstieg. Ein hübsches dralles Mädchen bemerkt mein Beginnen und begrüßt mich in unverfälschtem heimischen Idiom: „Wo woll'n Sä d'nn hin? „Ach, sagte ich, ,,uh wollte nur mal sehen, wo Raabe gewohnt hat. — ,,Nu, in der arschten Etasche; gehn Sä nur nuff Freiln Margarethe is oben. — „Ich kenne Fräulein Raabe gar nicht." — „Ae, die freit) sich, wenn wer gommt. Da beginne ich zu sinnen, danke xunö steige hinaus zu der Hohle des alten Merlin. • Eine breite Glastür sperrt den ganzen Flur. Ein Holzpflockchen in einer Porzellantulpe („Bitte klingeln", heißt es freundlich) ladt ein Aber ich zaudere. Da kommt von unten die muntere, jedoch gebampfte (stimme meiner Landsmännin: „Awer saachen Sä nich, daß ich s Jhnen gesaacht hawel" Gesegnetes Mädchen aus Sachsen! Ich dank« dir denn über diese deine Mahnung mußte ich so lachen, daß ich den Mut aufbrachte, der freundlichen Aufforderung der Porzellantulpe benebft H°lzpAck „Bttte flingelnl" zu folgen, und es machte: Zink - Z'nk, w.e eheLem be. den Großöhms und verwunschenen Tanten, wo es so gut nach wurmstichigem Holz und Lavendel roch. , Die Glastür wird aufgetan. Eine Dame steht vor mir, unverkennbar die Tochter ihres Vaters, und sieht mich, mit Recht, S'emlich ratlos an. Ich murmele meinen Namen, drehe den Hut m den “ ™ Gymnasiast, und äußere schließlich einigermaßen.unverständlich meine Bitte, einen Blick rn die Räume tun zu dürfen. Fräulein Margarethe ist etwas bedenklich, sie ist eben von der Reise zurück und furchtet ich mhm Anstoß an der Unordnung (wie froh war« ich, es jähe so ordentlich bei mir aus, wenn ich auf die Reise gehe). Die Wohnung ist im Geschmack der 80er Jahre. „Ja, «in kunstgewerbliches Museum habe ich nun mal nicht", entschuldigt Fräulein Margarethe. . (Dieser sonst nicht allzu schöne Stil, hier hat er „Stil" — gräßlicher Gedanke, Raabe hätte sich um die Jahrhundertwende auch neu möbliert!) Aber welch ein Museum sonst! An den Wänden hängen die Bilder des Dichters, das berühmte Porträt von Fechner, der mittelalterliche Raabe von der Hand der Gattin des leider vergessenen Dichtersreundes Wilhelm Jensen, ein prachtvolles Bild, dem das „Humoristische" völlig sehlt. War er denn Überhaupt ein Humorist, wie es etwa Dickens gewesen ist? Hans Hofsmann — auch als Dichter vergessen — hat einmal gesagt, daß die eigentlich humoristischen Werke Raabes seine schwächsten sind. Hier aus dem Jensen-Porträt blickt ein Mann von unbeugsamem Willen, ein ganzer Kerl. Um es vorweg zu nehmen: in einem Hinterstübchen, zu Unrecht, hängt das überzeugendste aller Raabe-Bilder. Die Tochter Margarethe hat es kurz vor dem siebzigsten Geburtstag gemalt: Hier sitzt der alte Pogi. Die Augen blinzeln ein wenig, nicht eben härter wie auf dem Fechner-Bild; er lieft — merkwürdigerweise sieht das Buch aus wie ein Band aus der ersten Gesamtausgabe Hauptmanns. Zurück ins Wohnzimmer: da sind die Plaketten, die Statuetten — vor, allem die ausgezeichnete des Eschershausener Denkmals. Und dann schleppt die Tochter eine dicke Kassette herbei: Es ist die Gabe des geistigen Deutschland zum 70. Geburtstag, ein unschätzbares Album. Sie sind alle dabei, die damals etwas zu sagen hatten. Dilthey fehlt nicht, nicht Wilamowitz, und auch die Dichtergilde hat sich eingestellt. Und also berichtet die Tochter: Als der Vater diese Autographensammlung sorglich durchgeblättert hatte, blinzelte er vor sich hin: „Also auf der ganzen Linie gesiegt!" Mit siebzig Jahren habe er das gesagt, dieser Wilhelm Raabe. Man faßte es kaum. Nun führt mich Fräulein Margarethe an eine ungefüge Mappe. Zu viert kann man gang- bequem Kaffee auf diesem Ding trinken. Es wäre aber nicht zu empfehlen, denn darin befinden sich die Zeichnungen, die er spielerisch an den Rand seiner Manuskripte kritzelte. Aus jedem Blatt sind gut ihrer zwanzig solcher Zeichnungen aufgeklebt. Ich kriege einen Todschreck: „Und wo sind die Handschriften?" Ich bekomme die achselzuckende Antwort, er habe keinen Wert darauf gelegt« Lediglich die Ditte der Mutter hat wenigstens diese Dokumente gerettet. „Wenn oir’s Spaß macht, kannst du ja die Schmierereien ausschneiden." Aber getrost, es sind doch noch eine Menge der Originale vorhanden, rund fünfzehn Stück, darunter der Abu Telfan, der Schüdderump, der Vogelfang, Odfeld, Hastenbeck. Ich sah sie nicht, zu Bedauern und Freude, denn sie ruhen sicher im Tresor einer Bank. Die Zeichnungen sind durchaus beachtenswert. Das ist kein Dilettantismus mehr. Di« eigene Hand ist zu spüren. Bisweilen denkt man an Menzel, der einen subtileren Strich hat, aber da ist ein Friedrich auf Rekognoszierungsritt, in der Komposition, in der ganzen unheimlichen Gespanntheit erinnert dies Blättchen an die kleine Exzellenz. Auffallend ist, daß Kriegsfzenen überwiegen. Eine Schlacht aus dem Jahre 1866 ist durch die Frechheit auffallend, da hat er einfach mit dem Finger Tinte hmgewifcht und es gibt den seltsamen Dunst über einer Walstatt. Aber da sitzt auch Hanne Allmann am Wege und schaut dem Wagen nach. Soweit nicht die Manuskripte herhalten mußten, für diesen anderen Ausdruck einer explosiven Seele, sind Blätter, wie sie über Zigarren in ihren Schachteln ruhen, benutzt worden, Einladungskarten, alte Weinetiketten — ein humoriges Beisammensein gemütvollen Materials. Den Weg, dör zu diesen eindrucksvollen Kleinigkeiten führt, weisen saubere Kopien des Schülers — ich sah die Daten 1846 und 47 — da ist auch eine Komposition — erinnere ich mich recht: zu den „Königen von Heim [cn" — die offenbar eigener Erfindung ist und sich etwa an Retzsch anlehnt. , Unter einer dieser Malereien steht em Aphorismus: „Man muß Bücher schreiben, die gewinnen, wenn die Leute erst wieder andere R. und H. anhaben." R. und H.? „Röcke und Hosen, ich kann wirs nicht anders erklären", wird mir zur Antwort. Kein Zweifel, die da neben mir steht und von feinem Blute ist, hat recht. . - - Das Arbeitszimmer. Es ist sehr nüchtern, aber mir ist, als drehten sich die Wände. Bücher über Bücher. Leider fehlen die Zigarrenschach- teln die früher über diesen Gaben des Geistes übermütig triumphierten. Der' Schreibtisch ist winzig. Aber auf ihm thront luftig, klein und erhaben das Moderateurlämpchen, das einst jene „verheißungsvolle Ouvertüre", nach Friedrich Hebbels Wort, die Sperlingsgaffe überglänzte, em mutiges, putziges, trotziges Ding. In der Bibliothek konnte ich nur wenig stöbern. Ader Fräulein Margarethe schafft mir die Erstausgabe des „Froschmäuseler" herbei. Mein Schluß, Raabe nwdjte bas Buch in „des Herrgotts Kanzlei" erworben haben, geht fehl. Er hat das Werk ererbt. Man denke dieser Tatsache einmal nach. Wäre er der geworden, der er Ht wenn nicht Urväter sorgsam ihren Hausrat bei|ammenget)alten hatten, ohne ihn um schnöden Gewinn auf den widerlichen Auktionen zu verheuern? Da ist der Anki-Goeze, da stehen in dicker Reihe ferne eigenen Werke. Ueberalt hak er feinen Namen hineingemalt, jem krause Unterschrift, in der sich das h des Wilhelm bereits mit dem R des Vatersnamens vermählt. Selbst der roütenbfte' Bibliophile wird Miß- achtung des Schmuckblattes oder des ersten Deckels kaum sehr mlßb.lligen. Ich für mein armes Teil würde die Erstausgabe des „Froschmäuseler mit raabescher tintenklecksender Verunglimpfung mit erheblichem sireis- ausschlag bezahlen, insofern ich hierfür die nötigen märchenhaften Mone- fCn Slocheme Bitte, einen Blick in das Sterbezimmer tun zu dürfen. Sie wird gewährt. Dieses stille Heiligtum liegt neben dem Wohnzimmer Hier also fand diese Unruhe ihre Ruhe, hier ging der große Entsagende ein in das ewige Ja, das er verteidigt hat gegen alles Nem, das ihn umtobte. Es war keiner, der dies Nein so furchtbar grell in seinen.Ohren vernahm, wie Wilhelm Raabe hochgelobtz nicht einmal Fnedr'ch Nietzsche. Hier murrte er die mutwilligen Worte kurz vor dem letzten Haucheseufzer: „Ist er denn noch nicht tot? — vielleicht das größte Letzte Wort", das je ein Mensch gesprochen hat. Keiner hat so 'm Rausch der Agonie di« Rücksichtslosigkeit auf das eigene Ich, die restlose Hmaab« an die Idee bekannt, wie dieser geiaaltige Ueberwinder von Grunzenow, des Tumurkielanbes, des alten germanischen Zauberbergs und Nippen- Bett ist entfernt, doch wohl verwahrt. Ich bin ein wenig traurig. Aber Fräulein Margarethe macht eine Bewegung mit der Hand. Da verstehe ich gut, wer mit diesem Manne unaussprechlich köstliche Jahre verlebt hat, der will an sein Ende nicht erinnert werden. Doch da liegt auf einer kleinen, mit Samt bekleideten Stufe unter blumengefüllten Vasen die Totenmaske. Hier ist er endlich ganz. Der Bart ist zurückgedreht unter das Kinn. Es ist noch einmal der junge Raabe wie er sich im Kreis von vier Freunden uns darstellt auf einer alten Daguerretypie. Nur, freilich, hier ist der Vollendete, mit der wütenden Kühnheit und Verwegenheit seines Lebens schaut er geschlossenen Auges der Ewigkeit entgegen, die er sein ganzes unendlich schweres Leben gesucht hat von der Sperlingsgasse bis Altershausen. Dies gipserne Abbild ist nur Geist. Man möchte hinknien. Aber Pathetik war ihm immer verhaßt. Er war immer nur fürs Handfeste. Ein heiterer Mensch ist Wilhelm Raabe, „der Humorist", ganz gewiß nicht gewesen. Er hatte nur den Mut, mit frischen Augen in eine Welt zu schauen, durch die der Schüdderump rumpelt. Das ist das Gewaltige, das ist, was ihn, den Schüler, über feine Meister: Jean Paul und Karl Leberecht Jmmermann, erhebt. Da liegt er in letzter Vollendung. Gar nicht froh, der angebliche Humorist. Aber das eben ist das Erschütternde, daß er das große Lachen in seiner Seele festhielt und also ein Weiser wurde und also der gute Geist seines zerfahrenen Volkes, der Mächtige, dem von einigen Gnaden erlaubt wurde, zu lächeln, obschon er über sein Werk Abu Telfan als Motto setzte: „Wenn ihr wüßtet, was ich weiß: ihr würdet wenig lachen und viel weinen." > Zehn Minuten dachte ich zu schauen, wie es nun bei Raabe aussieht. Eine gute Stunde wurde draus. Es ist zu viel, was einen da anspringt. Schließlich gehe ich doch. Es ist schwer. Ein Handkuß, und ich stehe auf der Straße, gegenüber dem Platz, der mehr ein Anger ist. Ich bin betrübt und selig. Gott segne dich, du sächsische Maid, meine kleine Landsmännin, daß du mich in dieses" Erlebnis hineingestoßen hast. Und heimgekehrt, greife ich nach dem Brief und den zwei Kärtlein, die der Gewaltige dem dummen Jungen schrieb, und der Erwachsene spürt: Dies ist wahr. Das Grab in der Wüste. Von Alexanber von Keller. Am 23. August 1937 fand der australische Buschpolizist MacJntyre hundert Kilometer südlich von Bitter Springs, in der australischen Wüste, das Skelett eines Menschen. Der Tote tag einige Meter von der großen Telegraphenlinie entfernt, die ganz Australien durchzieht. Augenscheinlich war er einer der Goldgräber oder Prospektoren, der hier ntedergebrochen und von den Ameisen, der Sanitätspolizei der Wüste, gefressen worden war. Aus einem winzigen Metallplättchen, das neben den Knochen lag, war ein Name eingraoiert: „Arthur Grave, Dublin". MacJntyre tat das, was man in solchen Fällen in der Wüste zu tun pflegt — er grub mit vieler Mühe ein Loch, legte die Knochen hinein, errichtete über dem Grab ein Steinhaufen und ritt weiter. Da ein australischer Buschpolizist für seinen Patrouillengang drei Monate braucht, kehrte MacJntyre erst gegen Ende November nach Port Sarmin zurück und erstattete die Anzeige. Die Behörde nahm den Fall zur Kenntnis. Damit wäre der Fall Arthur Grave abgeschlossen gewesen, hätte MacJntyre nicht die Gewohnheit gehabt, Zeitungen zu iefen, die aus England tarnen. Anfang Dezember las er die „Singapore Mail" und sand eine ganz kurze Notiz. Sie lautete: „Mrs. Arthur Grave ist heute, von Sidney kommend, hier eingetroffen und im Rasfles-Hotel abgestiegen." MacJntyre dachte nach — Arthur Grave ist doch der Mann, den er in der Wüste gefunden hatte. Wie in aller Welt kam eine Frau, die den gleichen Namen führte, nach Singapore? Und zwar aus Sidney? Und in diesem Augenblick hatte MacJntyre das unbestimmte Gefühl, daß hier irgend etwas nicht stimmte. Wie konnte man aber Nachforschungen pflegen, wenn — wie in diesem Falle — aber auch schon gar nichts bekannt war? Zehn Tage brauchte MacJntyre, um herauszubekommen, daß man Ende Mai 1936 in Southport einen Mann gesehen hatte, der sich Arthur Grave nannte. Er war augenscheinlich Prospektor gewesen. Ein Neger erinnerte sich, daß dieser Grave später nach Hawley gegangen war. MacJntyre ritt nach Hawley. Zuerst konnte sich niemand an einen Mann namens Grave erinnern; als aber der Polizist den Mann ungefähr beschrieb (er hatte die Beschreibung von dem Neger in Southport bekommen), erinnerten sich einige. Unter ihnen auch der Gastwirt Tom Cadwell. Cadwell war aber einer der Menschen, die selbst etwas auf dem Kerbholz hohen und sich daher scheuen, viel über andere zu reden. Anderseits mußte gerade dieser Cadwell eine Menge über den toten Grave wissen, denn wo soll ein Mann in einem so elenden Nest, wie es Hawley ist, anders hingehen als in Gasthaus? MacJntyre kannte die Leute von Cab- wclls Art. Er drängte nicht. Er fragte nicht. Er saß nur jeden Tag von sieben Uhr früh bis elf Uhr nachts im Gasthaus. Die Folge war, daß die meisten Leute das Gasthaus mieden, denn vor den. Buschpolizisten hat man im Innern Australiens eine große Angst. So entschloß sich Cadwell schließlich, doch zu reden. Grave, berichtete er, war nach Hawley gekommen, um hier einen Mann namens Dooley zu treffen. „Was er von dem wollte, weiß ich nicht", sagte Cadwell, „aber er war sehr aufgeregt. Einmal hörte ich, wie sie über eine Frau sprachen, denn sie erwähnten beide den Namen Edith." „Wie sah denn dieser Dooley aus", fragte MacJntyre enttäuscht. „Wie ein Mann schon aussieht, wenn er dreißig und nicht gerat« häßlich ist", entgegnete Cadwell. „War fast ansehnlicher als Grave - was aber nicht viel besagen will. Dieser Dooley hatte übrigens einige. Briefe bei sich, die er Grave zeigte. Und jedesmal, wenn dieser di« Briefe las, bekam er einen roten Kopf. Müssen scheußliche Dinge darin gestanden haben. „Und dann", so berichtete Cadwell weiter, „hatten si« eines Tages eine Karte von Norbaustralien vor sich ausgebreitet, uni Dooley schien dem anderen etwas erklären zu wollen. Am nächsten Tag« entfernte sich Grave um fünf Uhr früh und wurde nicht mehr gesehen." „Und was ist aus Dooley geworden?" fragte MacJntyre. Der Wirt zuckte die Achseln. „Er hat behauptet, er würde nach Java fahren. Aber einer meiner Freunde hat ihn bald darauf in Sidney gesehen. Bisher hatte MacJntyre instinktiv gehandelt. Jetzt aber war er fast sicher, einem Verbrecher auf der Spur zu sein. Dooley war der Mörder Graves, das stand für ihn fest. Um Dooley zu finden, mußte er aber in einem gewissen Kreis nach ihm forschen. So fuhr er nach Port Darwin. Cadwell hatte ihm nicht nur eine Beschreibung Dooleys gegeben, er hatte ihm auch ein Bild des Mannes übergeben; demzufolge mußte Dooley ein wirklich hübscher Mann sein. In Port Darwin ging der Polizist von Gasthof zu Gasthof und zeigte allen das Bild Dooleys, aber niemand kannte ihn. Endlich kam er zum Hafen, und als der Hafenmeister das Bild gesehen hatte, schlug er sich auf die Stirn. „Das ist der Mann!" sagte er und erzählte dem verblüfften Polizisten eine seltsame Geschichte, die sich Mitte Mai 1936 abgespielt hatte. . . , .. , Der Dampfer „President Malcolm" war avisiert gewesen, als dieser Dooley am Pier erschien. Er war allein. Als der Dampfer endlich fein« Passagiere ausbootete, befand sich unter diesen eine junge und hübsch« Frau, auf die Dooley sofort zuging. Die beiden schienen sich zu kennen. Dooley sprach lange mit der Frau und zeigte ihr auch einige Bries«. Die Frau weinte später lange; bann ging sie aufs Schiff zurück. Das Schiff fuhr nach Sidney. Dooley aber flieg in einen Wagen und fuhr nach Süden. „Etliche Tage später", erzählte der Hafenmeister, „kam ein zweiter Mann. Es muß dieser Grave gewesen sein. Ich war leider krank, unb mein Stellvertreter hatte die erwähnte Geschichte nicht gesehen. Grave fragte ihn eindringlich, ob er nicht eine Frau gesehen habe, die so unii so aussah, und der Mann sagte natürlich nein. Woraus Grave ziemlich verzweifelt nach Darwin zurückging ..." MacJntyre war sehr enttäuscht. Da konnte alles möglich sein — nach einem Verbrechen sah es aber nicht aus. Er wollte aber nicht nachgeben, ehe er ganz klar sah. So ritt er unverzüglich entlang der großen Telegraphenlinie nach Süden. Und diesmal hatte er Glück. In Port Darwin Camp sand er einen Chinesen, der Zimmer vermietete; bei dem schien Grave, auf.seinem Weg in die Wüste, gewohnt zu haben. Den Namen Grave kannte der Chinese nicht, denn .es ist nicht Sitte, daß man sich in der Wüste anmeldet, aber der Mann, der bei ihm wohnte, hatte zwei Briefe verloren ober weggeworfen und dec Chinese hatte sie aufgehoben ... Sie waren allerdings nicht vollständig- Beide wiesen eine weibliche Handschrift auf. In einem war der Satz zu lesen: „Ich fahre demnach über Bitter Springs zu Harry; er ist im Wächterhaus XXVII/5. Es tut mir leib, baß es so kam, aber ich trag* keine Schuld ..." Im zweiten stand: „Ich bin nicht abgeneigt, nochmals mit Dir zu reden, obwohl es keinen Zweck hat." MacJntyre ritt eilends nach Port Darwin zurück und rief Singepore an. Er hatte dort einen Bekannten, den Polizeisergeanten Duss Diesem erzählte er alles, und Duff übernahm die Arbeit in Singapore.. Duff war ein geschickter Mann. Er suchte die Frau auf, die sich Mrs. Arthur Grave nannte. , Als er sich legitimiert hatte, erzählte sie ihm freimütig, daß sie nunmehr nach England zurückkehre, um zu heiraten. Sie war mit Arthur Grave verheiratet gewesen. Er war nach Port Darwin vorausgesahren, um eine Goldmine zu kaufen, und sie war ihm nachgekommen. I« Darwin fand sie aber nicht ihren Mann, wohl aber einen seiner Freund«, einen gewissen Dooley, der ihr berichtete, Grave sei nach Sidney gefahren und bitte sie, ihm nachzukommen. In Sidney bekam sie bann eine Depesche an Grave, ö*es Inhalts, er habe sich mit einer Tänzerin an» gefreundet und könne nicht mehr zu ihr zurückkommen. Er willige aber in eine Scheidung ein. Der Mann, den sie nunmehr heiraten würde, sei ihr Jugendfreund Dooley. Als Duff die Ergebnisse seiner Nachforschungen MacJntyre kabelte, setzte sich dieser in ein Flugzeug und flog nach Singapore. Er traf Mrs. Grave und Dooley im Hotel. Die Unterredung war sehr kurz. MacJntyre legte Mrs. Grave die Briese vor, die er in Port Darwin Camp gesunden hatte, und die Frau war wie aus den Wolken gefallen. Sie hatte die Briefe niemals geschrieben, gab aber zu, daß ihre Handschrift ausgezeichnet gefälscht war. MacJntyre nahm sich nun Dooley vor, uni> dieser brach nach kurzem Verhör zusammen. Er hatte Mrs. Grave geliebt, als sie noch lebig war. Später halle sie Grave geheiratet. Als dieser nach Australien fuhr, schien für DooleiD die Gelegenheit günstig zu sein. Er folgte Grave und überredete ihn. nach Söuthport zu gehen. Als dann Frau Grave kam, erklärte er ihr. ihr Mann sei nach Sidney gefahren unb bitte sie, nachzukommen. 'Dan» schrieb er einige Briefe; fälschte dabei die Handschrift der Frau, unt» sandte sie an Grave. In diesen Briesen erklärte die Frau, sie liebe eine» der Telegraphenwächter der großen Linie und begebe sich zu ihm. Grave folgte ihr, und Dooley begleitete ihn eine Strecke weit. Er fälschte eine Landkarte, zeichnete falsche Wasserlöcher ein und nahm Grave den Kompaß. Ehe er ihn verließ, nahm er ihm noch bas letzte Wasser. Grave verdurstete in der Wüste, unb Dooley hatte nun freie Bahn. MacJntyre. brachte ihn nach Perth, wo er lebenslänglich eingefperrt wurde. Derantwortitch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Univ erst tätSdruckerei ».Lange. Gießen. Eichener KumIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Freitag, den 3. Juni Nummer 43 । । ! I > r I r t »'* n d !k n n :z :n e, m a il- er. is b- eü in, In en 15 15- en 15. in- les pfingstliches Tal. io ii i6 Wie die Wege durcheinander schießen — Weiße Straßen, krumme Pfade, Wiesenwege schmal! Taubenschwärme, wie von einem Riesen Von dem Vogelbaum gezupft, flattern, eine Handvoll Blätter, weitgeworfen übers grüne Tal. oanes, picta 22 23 19 20 21 12 13 14 15 17 18 Dichter feiern Pfingsten. Eine Erinnerung von Börries Freiherrn v. Münchhausen Nein, das Schönste waren die Vorbereitungen! war tn den glücklichen Zeiten vor dem Kriege, also vor etwa Von Georg Brittlng. Colour & Grey Control Chart rt mag, um nicht im Trubel der Gestalten einen wir hatten damals wie heute ein gastfreies icheinander wirbelte das ganze Jahr über ein ischen durchs Schloß. „Pfingft-Kreis" an, der sich alljährlich bei uns vir in die sonnige Vorkriegszeit zurückblicken, ten unserer Vergangenheit in einem doppelten iruh'ge Ankommen — die ruhigen Tage, hie P künstlerischen Genuß gewidmet waren, die gsten! irch den Park, versunken in bisweilen so tief- 10 Hardenberg einmal in plötzlicher Aufwallung «nd sie umarmte — „Ich muß wieder was Wirkliches tn Armen halten nach diesem Philosophieren!" — Wie genossen wir doppelt die Frühlingsblütenpracht Rhododendren und Azaleen, die Glycinen am Haus und die Narzissen auf den Teppichbeeten, den Zauber der feierlich geschnittenen Hecken um die Salons de verdure, die Teestunde am Springbrunnen, wenn unserer Kinder Lachen um die sandsteinernen Götter klingelte, und dann auf Autofahrten den Reiz des Muldentals, die Schönheiten der umliegenden Güter mit ihrer breiten Gastfreundschaft! Und abends erglühten die Lichter im Saal, zu festlicherem Leben erhöht fand sich alles beim Diner zusammen. Meist waren für die Abende ®äfte aus der Nachbarschaft geladen, und die köstlichen, dreimal gepriesenen Formen der echten Geselligkeit gaben dem Durcheinander von Schrifttum und Kunst, von fröhlichen Fürstlichkeiten und lebhaften Demo- Green Grey 2 Yellow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 Red_______Magenta Grey 4 Black nen in ihr Streitgespräch entkletterten beide dem Wagen, wobei Graf Kuno Hardenberg mit der hofmarschallhaften Sicherheit, die ihn lckon davial« a»«reiri>n»to, gleichzeitig uns begrüßte, der Lulu aus dem Chauffeur Emil in Parenthese eine Notiz über dazwischen unbeirrt über den Unterschied des weitersprach. Ja, und dann kamen die andern 6 8 L 9 V £ Z nie tnh len icni u®, i®t( B pfe« he, ge- len itil iet >(be, und I die gabt, und so hatten meine Worte nichts'an sich, was an Rumtopf oder gar an Anatomie erinnerte, sondern waren nichts als eine Regiebemerkung für das bevorstehende Fest. Denn dieses mußte doch bis in die Einzelheiten der täglichen Speisenfolgen, der Zimmerverteilung, der Nach- barschaftseinlaidungen, der Autofahrten, ded Abholens und Fortbringens von Menschen und Gepäck vorbereitet werden, wenn es dann als selbstverständlich freundlich von der Spule der Tage rollen sollte. Ja, diese Vorbereitungen, die alle ganz vollgesogen waren von Vorfreude auf die lieben Freunde, das war dos Schönste an unserem alljährlichen Dichterpfingsten! Aber nein, das Schönste war doch das Ankommen der Gäste! Wir hatten damals so ein Riefentier von Limousine, wie die Mode des Komforts — die merkwürdigste aller Moden, da die menschlichen Meder doch allezeit gleich sind! — es als Gipfelpunkt für die Berliner Auto-Ausstellung von 1907 vorgeschrieben hatte. Das Möbel war wie nn Wohnwagen mit betroddelten Sesseln und Tischen und Heizung und Beleuchtung ausgestattet, hatte ober — für spottlustige Jungens sei das gesagt — vor dem derzeitigen Mode-Ideal des Komforts den unleugbaren Vorzug, daß man auf etwas Stuhlähnlichem faß, wogegen wir heute bekanntlich als Sklaven der Karosseriefabrikanten auf dem Fußboden Mseres Autos liegen, nicht anders als in Sitzbadewannen. Also aus diesem Gebäude kam ein Bein heraus, das wie eine Zweimeterschmiege in zwölf Scharniere zufammengefaltet darin verborgen war, dem Bein solgte ein Regenschirm in einer langen knochigen Hand, dann kam in ruckweiser Entfaltung ein zweites episch unendliches Bein, und dann fiel ein riesiger Schlapphut von einem strahlend-fröhlichen Gesicht, und unser lieber Ludwig Schücking stand vor uns und dienerte vor der Hausfrau so köstlich wie nur ein ungewöhnlich langer und ungewöhnlich dürrer Privatdozent für englische Sprache und Literatur dienern kann. Inzwischen dröhnte im Wagen unentwegt eine klirrende Baßstimme weiter, wie eine Ankerkette durch die Klüse rasselt. Der glückliche Inhaber dieser Stimme unterbrach seinen Vortrag nicht, in dem er der 'leinen Lulu von Strauß und Torney die Vorzüge der asiati- IHen Kulturen vor den europäischen auseinandersetzte — völlig verspon- itch, bt® ’l inet iten n® I ingt I bet nett ilde , bet Kaminen und Konsolen, Vulu von Strauß' Balladen, Gerd von Basse- w i tz' Dramen und meine eigenen Arbeiten— alles, was uns ein freundliches Schicksal im letzten Jahre geschenkt hatte, legten wir zu Pfingsten den Freunden in den Schoß. Und in den Gläsern perlte der Wein, und der Mond hing im blauen Nachthimmel, und die Hecken träumten zwischen den Lichtbalken aus den hohen Fenstern. Ach, liebe Freunde, wißt ihr noch, wie schön unsere Pfingsten vor dem Kriege waren?! Freilich die Gehobenheit des Mahles und das Festliche der Abende verwehte, und am Vormittage ging es oft recht derb im Meinungsaustausch und recht nüchtern im literarischen Fachgespräch zu. Wir waren schonungslose Richter und hielten es für Spießbürgerlichkeit, uns unnötige Liebenswürdigkeiten zu sagen. Auch Dilettanten waren oft unter unseren Gästen, und da Dilettantismus an sich nichts Verächtliches, ja, vielleicht sogar die Vorbedingung besonders feinen Kunstverständnisses ist, so hat ganz gewiß niemand von uns anderen als ästhetischen Anstoß an ihren Darbietungen genommen. Nur wenn ausdrücklich ein Urteil verlangt wurde, nur im kleinen Kreise, am anderen Tage wurde dies Urteil gegeben, und ich kann erzählen, daß fast durchweg die Verurteilten so gesellschaftlich wohlerzogen und so kluge Menschen waren, daß nie eine Mißstimmung um sich griff. Und wie doppelt wohltuend war dann die gemeinsame Schwärmerei für die Köstlichkeiten anderer Dichtungen —, denn wir lasen ja nicht nur eigene, sondern auch fremde Verse vor. Die elendste aller Todsünden, der Neid, hatte keine Stätte in irgendeinem der Herzen, die damals klapsten, das weiß ich heute, wie ich es damals wußte! Verklungen die Klänge der Lieder, verweht die Worte, verwelkt die Rosen, und verschäumt der Wein jener Zeiten. In den Gästebüchern viele glänzende Zeichnungen, viele llingende Gedichte, viele genial hingeworfene Notenzeilen. Ja, soll denn das alles sein? Gewiß nicht! Wir alle haben uns ja damals wie heute gewehrt gegen die Auffassung der Kunst als eines Dinges für sich, wohl gar außerhalb des Lebens, wir alle haben dies liebe leuchtende Leben für das Wesentliche gehalten und seine Farben auch da, wo sie Blutrot und Todesschwarz hießen, in ernster Freude bejaht und heilig gesprochen. Kunst og1"