Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Hreitag, den 27. Mai Nummer W Eng- feine mehr ihre Sol- Mr. Ausgaben. Ob es ihm nichts ausmache, betrogen zu werden? Sie ahnte nicht, welche Frage sie stellte! Pitt hatte Mit 25 Jahren als Lordkanzler und Finanzminister lands erschöpftes Budget übernommen — „der Bub!" sagten Feinde; nach fünfzehnjähriger Arbeit war das Nationalvermögen als verdoppelt und England Lieferant der Welt. Zu gleicher Zeit jedoch ergab die Privatbilanz des Herrn Kanzlers 30 000 Pfund Schulden! Dabei rührte er keine Frau an, keine Karte, hatte sozusagen kein Privatleben — es blieb rätselhaft. Die Gläubiger drängten — ein Hutmacher allein forderte 14 000 Schilling — die Finanzen des Herrn Kanzlers wurden peinlich für England'. Londoner Kaufleute baten um die Ehre, bereinigen zu dürfen: der König selbst bot die volle Summe. Pitt lehnte ab. Er brauche Unabhängigkeit! Lieber ließ er Hollwood, den Lieblingssitz, und seine Diamanten verkaufen. Nie hörte man ihn klagen, aber seine Schulden blieben weiterhin der Punkt, der den „fleckenlosen Minister" sterblich machte. , Zögernd und verlegen gestand er wie ein Knabe: . „Siehst du — ich hatte wenig Zeit... Da schickten die Lieferanten Dinge, die ich nie zu Gesicht bekam, und meine eigenen Leute merkten natürlich, daß ich keine Rechnung prüft« ... Hollwöod ließ sich vielleicht zu großzügig bewirtschaften — ich kann kein Grundstück ansehen, ohne Verbesserungen zu planen. Da und d«rt gab ich wahrscheinlich zu hohe Unterstützungen ... es ist mir immer selbst ein Rätsel geblieben. Englands Etat hatte ich durch 18 Jahre bis auf Einzelheiten im Kopf und kenne heute Addingtons falsche Rechnungen besser als er selbst. Aber die Ziffern meiner eigenen Lebenshaltung vergaß ich — sie interessierten mich wohl auch nie... Das alles ist lächerlich — aber es hat mich doch viel Aerger gekostet —" Hefters Augen besaßen die sonderbare Eigenschaft, ganz plötzlich aus grauer Bläue in der Erregung schwarz zu werden. Pitts unausgesetzte Wachheit gewahrte es, mitten im Bekenntnis: „Hefter, was ist dir?" Sie sprach an ihm vorbei, sehr leis«: Pitt beugte sich vor: „Die Küste wird im Ernstfall von Zivilpersonen geräumt — auch von 2ady Hefter Stanhope." Sie schüttelte den Kopf, daß die Diamanten um ihre Ohren blitzten: „Gefehlt, Mr. Pitt! General Dundas hat mir gerade ein Bataillon versprochen — für den Ernstfall." Die Gläser hoben sich: „Auf die Herrin von Walmer und ihr Ba- laillonl" „Ich sehe, ich bin überstimmt", lächelte Pitt, und Hefter gewahrte, daß der Mann, der Englands Schicksal hielt, lächeln konnte wie em junge. Pitt gewesen? Langsam ging es vorwärts, in Abständen von einer Viertelstunde waren die Formationen aufgestellt, jede Parade der zusammengewürfelten Truppen brauchte Zeit und Geduld. Hefters Pferd wurde unruhig. Regen setzte ein, erst rieselnd und sacht, dann immer dichter, bis das Wasser in Strömen von den Gesichtern troff. „Mylady müssen heimreiten", meinte einer der Jungen. „Nicht nötig", lachte sie und zeigt« auf sich selbst, „da ist kein Faden mehr trocken!" Heimlich, von Zeit zu Zeit, wand sie die seidenen Handschuhe aus und trocknete mit einem Taschentuch das Haar. Dann wieder, vor einer Hecke, ließ sie die Zügel los und Arab sprang. „Exquisit, Mylady, ich werde Sie zum Leutnant vorschlagen!" rief es hinter ihr. Als sie kehrte, war es General Dundas, und seine dunklen Augen blickten ehrlich bewundernd. Pitt ritt abseits, wie es schien, in tiefstem Gespräch. Es wurde Mittag. Hefter hungerte erbarmungslos. „Wird man nicht irgendwo essen?" Sie sahen belustigte Blicke sich kreuzen. „Mr. Pitt vergißt es oft. Aber wenn Mylady befehlen ..." „Nein, nein, hier befiehlt Mr. Pitt", erwiderte sie rasch und begegnete enttäuschten Augenpaaren. Bis zum Nachmittag, wie alle anderen, hielt sie durch, bei strömendem Regen. Als sie in Walmer Castle vom Pferde sprang, quollen kleine Springbrunnen aus ihren Stiefeln, und die Kleider wickelten sich wie Gummi um den Körper. „Laß dich gut trocknen", sagte Pitt. Zum erstenmal, seit dem Morgen, streifte sie seine Augen, pber die Worte klangen mindestens so sachlich wie die Anordnung für ein Regiment. - Sie erschien in der großen, erleuchteten Halle des Schlosses, frisch wie aus dem Morgenbad gestiegen. Acht Männer verbeugten sich mit . Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart Sie blieb abseits, jung« Offiziere drängten sich geflissentlich an Seite und bemühten sich, Konversation zu machen. Ob Mylady baten interessant finde und ob Mylady immer schon verwandt mit Wind und Regen schlugen gegen die Fenster: dayn und wieder trat einer der Männer in die Fensterbogen und betrachtete das Meer, Englands majestätische Grenze. Die Wachtfeuer flackerten. Unter den gepuderten Haaren glühten die Gesichter — von dem Kehrreim des unerhörten Wortes ,Invasion" — vom langen Ritt — und dieser Frau, deren Gegenwart prickelnd den Raunt erfüllte. Ehe es zehn schlug, bedeutete Pitt Aufbruch. Früh begann der neue Tag, und auf ihn selbst wartete die zweite Hälfte des Seins; über Briefen, Akten, Memoranden aus London und aller Welt faß er, wenn- längst jeder schlief im Schloß. Er begleitete die Nichte zur Tür: „Gute Nacht, Hefter ... Und morgen muh ich Kanonenboote vor Dover besichtigen — da wird es nicht gut gehen —" Ohne Pause fiel sie ein: „Ja, morgen habe ich auch keine Zeit, denn ich werde mich einmal um deinen Haushalt kümmern." /.Schloß Walmer wird dankbar sein —" Er verbeugte sich — beinahe steif in seiner korrekten Art, und sie ging die lange breite Treppe hinauf, ohne sich umzusehen, in der Haltung einer Herrscherin. — Dags darauf schien kein guter Morgen über der Dienerschaft von Walmer Castle. Mylady thronte vor dem mächtigen Schreibtisch ihres Onkels und rechnete. Hefter hatte nie Haushalt geführt; sie wußte nur, daß es Rechnungen gab, und Rechnen war von, je ihre starke Seite. Also begann sie mit dem Budget. Daß Pitt, für solche Bagatellen keine Zeit hatte, begriff sich von selbst. Zunächst das tägliche Essen! Diensteifrig brachte der Koch mehrere Streifen Papier. Auf einem derselben stand zu lesen, daß ein Lieferant von Walmer 900 Pfund Fleisch für die vergangene Wache nach dem Schloß geliefert habe. Allerdings, so fügte der Koch eilig hinzu, das sei nur die Rechnung für Mr. Pitt und die Dienerschaft — die Gäste würden besonders aufgeführt. Hefter lehnte sich zurück und bohrte die Augen in fein Gesicht: „Das wären ... 128'/- Pfund Fleisch pro Tag? Wo Mr. Pitt kaum zwei Koteletten ißt?" Bedauerndes Achselzucken: „Ganz recht, Mylady. Die Rechnung für die vorhergehende Woche war noch höher. Allerdings — find sie beide noch nicht bezahlt..." Vor Hefters Blick senkte der Koch die Lider. „Du scheinst deine Sache sehr schlecht zu machen. Für heute will ich es noch hinnehmen, aber künftighin —!" Sie erhaschte ein seltsames Augenzwinkern. Begreiflich, Pitt war' Junggeselle, und die Dienerschaft wünschte sich nichts weniger als.die Aufsicht einer Frau. — Pitt kam allein nach Hause. Gäste seien heute nicht mehr zu erwarten. Hefter wagte schonungsvoll, nach beendetem Abendmahl, das Thema der verhaltenem Schmunzeln. „Mr. Pitt, Sie waren grausam, uns eine solche Nichte so lange 'vorzuenthalten", sagte General Dundas tiefe Stimme. Pitt antwortete in seiner vieldeutigen Art: „Sie hat sich auch mir vorenthalten — bis jetzt ..." Er bot ihr den Arm und führte sie zum riesigen Ehrenfitz des Tisches, dahin, wo einst Heinrich VIII. gethront. Flackernde Kerzen warfen matten Schein auf. ihren bloßen Hals, dessen Haut sich vom Schimmer der Perlenkette kaum unterschied, lieber dem hochgemachsenen Körper faltete sich indische Musseline, dunkle Wimpern beschatteten einen stolzen Blick. Cs war eine königliche Frau. Pitts Augen allein blieben hell und ruhig. „Heute nacht", erzählte er, „wurde mir von Ramsgate gemeldet, zwei ranzösifche Schisse seien gerade dabei Truppen an d r e i Stellen auszu- vooten. Die Leute werden hellsichtig,' wenn das so weitergeht —" „Unsere Matrosen kaperten gestern ein französisches Boot", sagte lebhaft ein Captain, „wir glaubten schon, der Tanz beginne ... • Aber was denken Sie, Lady Hefter, fand sich darin? Schnaps! ° Nichts als Zchnaps!" Ueber dem Männerlachen triumpierte Hefters helle Stimme: „Schnaps sollen die Franzosen auch von mir bekommen, wenn sie anden, so viel, daß keiner mehr nach London findet!" Boten ritten, noch in der Nacht, die Kommandanten der Küste nach des Marinestabes in London Bericht ig in di« Hauptstadt: Pitt Interesse tun kann?" „Sehr einfach, Pitt verbeugt sich in aller Oeffentlichkeit vor mir." Keiner findet es lächerlich Einzig in Brmnmels hübschem fünfundzwanzigjährigem Gesicht verdüstert sich der Ausdruck konzentrierter Ironie. „Weißt du, Brummet, daß Pitt neuerdings Familie hat?" „Ich bin nicht Pitts Parteigänger — aber in diesem Fall — was Lad>) Hefter Stanhope betrifft — stimme ich für ihn." Weitere Fragen ersticken in kühler Unnahbarkeit, aber oierundzwanzig Stunden daraus weiß ganz London, daß George Brummet — wahrhaftig er setbstl — in desfen Gegenwart hochadlige Damen ihre Töchter zu musterhaftem Benehmen spornen, Pitts Nichte bejaht. — Sie residierte eben, ahnungslos von solchem Sieg, allein auf Walmer. Pitt war in London. Mylady hielt Tafel, erledigte die dringendste Post, Walmer zu bitten, der Leitung des Marinestabes in London Bericht zu erstatten. Und noch ein« Nachricht ging in di« Hauptstadt: Pitt ertoein« nicht zur eröffneten Parlamentssefsion. Die Stunde war da, in Der er Addington nicht mehr stützen durfte — trotz seines Ehren- ,Keine Ahnung." „Mein Bankier ich geflüchtet und ich verliere fünftausend Pfund!" | ebe dir einen guten Rat: bleibe bei deinem Bankier empfing Ne Berichte der Spione; sorgte dafür, daß ein alter General feine gewohnte Efelsmilch zum Frühstück bekam, einem Regierungs- mitglied die vergessen« Nachthaube nachgeschickt wurde und zeichnete eine neue, entzückende Uniform für die Berkshire-Miliz. Weil Pitt von der Baumlosigkeit des Grundstücks gesprochen, erbat sie eines Tages Soldaten aus Dover. Der Oberst schickte fein ganzes !Re= giment und kam selbst noch mit. Binnen wenigen Tagen waren, nach Hefters eigenen Aufmarschplänen, Alleen angelegt und Buschwerk gefetzt. Die Arbeit ging wie durch Zauber vonstatten, wenn Mylady den einen nach seiner Heimat fragte, dem anderen von feinem alten Hauptmann erzählte und einem dritten die verletzte Hand verband. Allerdings, eines Abends, als Hefter allein durch Ramsgate kam, stürzten betrunkene Offiziere ihr nach ins Haus. Sie rief nicht um Hilfe. Sie drehte sich jäh um, langte aus und schlug dem nächsten, der vor ihr stand, ins Gesicht, daß er über Die Stiegen taumelte. , m , ... Der Borfall war gemeldet warden, und als Pitt nach Walmer zuruck- kam, erstattete der Oberst seine zerknirschte Entschuldigung. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?" fragte Pitt sofort nach der Begrüßung. „Das war nicht der Rede wert." , „Mir scheint, du hast keine Furcht mit ins Geben gebracht, wie? „Du doch auch nicht!" „Ich! Ich bin ein Mann, aber du — sonderbar — Hefter gewahrte, daß ein Flimmern in die meisterlich beherrschten Augen kam und die umwolkt« Stirn sich erhellte. Seine Hand, die die ihre umspannte, schloß einen Strom von Kraft zwischen ihm und ihr. .Mominst du mit? Ich reite noch aus —" Durch kahle Wiesen trabten sie, schwer lasteten Wolken auf Land und Meer. Still war die Luft, daß von den Kanonenbooten die Ruse herüberhallten. Klar, unbeugsam ritt Pitts hohe Gestalt über den weihen Klippen von England... Der Pilot! dachte Hefter, und laut fragte sie: „Was für einen Tag ist heute?" „Warum? Der 2. Dezember." Sein« Stimme, diese unheimlich verführerische Stimme, war weich "^„Jch^habe heute nacht geträumt, Pitt. Wilhelm der Eroberer stand am Ufer von Frankreich, hier, uns gegenüber..." — sie deutete auf die glanzlose Fläche des Wassers — „fein Fuß trat in riesige ©puren, fern Speer hielte auf England. Am Ufer aber standst du — wie ein Pilot am Steuer eines Schisses." Sie hielten die Pferd« dicht nebeneinander, Möwen schrien vom Strand, und lautlos lösten sich aus der dämmrigen Lust die ersten Flocken von Schnee. * , „Augustus hätte dich über die fallenden Wasser von Tidur gesetzt und deine Orakel aufschreiben lassen!" Sein Spott klang zärtlich, und sie fühlte, obwohl sie den Kopf nicht wandte, seinen Blick auf sich, diesen eigentümlich verhaltenen, und doch brennenden Blick... Hefter biß die Zähne zusammen und spornte ihr Pferd, schweigend ritten sie zurück bis vor die Tor« von Walmer. — „Der Bote wartet, Mr. Pitt", hieß es dort. „Ja?" fragte er, im Ton des Befehles, als der Diener die Türe hinter ihm schloß. „Euer Gnaden, es gelang mir, aus Boulogne zu entkommen — gestern nacht ... Bonaparte zieht feine. Kräfte dort zusammen, 100 000 Soldaten heißt es, und heute, am 2. Dezember, wird er selbst in der Stutzt erwartet. Der Februar ist endgültig- zur Invasion bestimmt. Admiral ßatombe soll mit der Flott« von Toulon die Kette unserer Schisse brechen, das Geschwader von Rochesord, fünf Linienschiffe, deblockieren; dann direkt den Kanal einlaufen und den Uebergang der Truppen decken." „Welche Stell« der Landung ist diesmal vorgesehen?" .Zwischen der Insel Ajight und Dover, Herr. Gleichzeitig soll die Flotte von Brest Truppen auf di« irische Küste werfen." „Es ist gut, ich danke. Laß dich auszahlen." „Noch etwas, Herr. Es ist große Begeisterung im Lager zu Boulogne. Ms si« dort die Erde aushoben für Bonapartes Zelt, fand sich ein Speer von der Expedition des römischen Cäsar und Münzen mit dem Bild Wilhelm des Eroberers." „Wirklich? Ick ge Immer im Vorschuß." , Brummet wird mit dem hellen Ueberrocf eigener Erfindung bekleidet. „Brummet, Lord Westmoreland fragt alle Welt, was man in Pitts Wortes an den König. Denn jetzt — ging es um England! Dann, zu später Stunde, ließ er sich bei Hefter melden. Er betrat den Raum, unter dem großen seidenen Baldachin richtete sie sich aus Kissen auf. „Verzeih, Hefter, ich wußte nicht, daß du schon schläfst — ich wollte nur sagen —" Sie sah ihn aus tiefen Augen an, Blumen, von ihrer Hand gezogen, dufteten schwer. „Was walltest du sagen?" drängte Hefter leise. „Du hattest recht mit Wilhelm dem Eroberer ... wenigstens ist Napoleon in Boulogne!" Ein Lächeln zuckte um ihren Mund, ihre Hand strich an dem |amte= nen Aermel feines Rockes hoch, kletterte über die seidene Weste und bettet« sich in die Spitzen unter seinem Hals. Er nahm die Hand be- ■ schützend in beide Hände, sie suhlte seinen Atem auf ihrer Haut, in der leis« geöffneten Innenfläche feine Lippen. (Sortierung folgt? „Ich weiß, wie das alles zusammenhängt: Du opferst dich für England." Er lachte laut auf: . • „Wegen der paar taufend Pfund, die ich für die Freiwilligen gebe? „Nein, weil der Genius in dir für England bestimmt ist — und Verzicht bedeutet für dich selbst!" Pitt streckte den Arm aus, bis seine Hand ihr Haar berührte: „Du siehst aus wie eine Sibylle, wenn du so redest... Was sollte ein Sterblicher Darauf erwidern?" Er mußte noch das Losungswort für die Posten erteilen, Bericht« der Kundschafter entgegennehmen und Anordnungen für den nächsten Tag bestimmen. Als Pitt wieder ins , Zimmer kam, war Hefter schlafen gegangen. • < . . Nach diesem Abend ritt sie Tag für Tag in feiner Begleitung und präsidierte an feinem Tisch. „Wie liebenswürdig von Pitt, mit der armen Lady Hefter Stanhope Mitleid zu haben, und noch dazu in einer Art, die mit allen seinen Lebensgewohnheiten bricht. Er ist so gut, als er groß ist", schrieb Lord Mulgrav« an General Phipps. Ganz London lächelte. Der „sportlose Minister" hatte also feine Nichte ins Haus genommen! Ein gut Teil Bedauern lag in diesem Lächeln. Was hatte der arme Pitt sich aufgeladen! Aber wer im Herbst 1803 nach Walmer kam, mußt« feststellen, daß Pitt besser aussah als in allen vergangenen Jahren und sein Geist sich glänzender zeigte denn je. Sibylle! Es wurde ein früher Herbst im Jahre 1803. Mitte September schon setzten di« Stürme über der Nordsee ein — eine Landung war nicht mehr zu befürchten. Das bedeutete gewonnene Zeit für Englands ungeschultes Verteidigungsheer. Aus Pitts Drängen erließ die Regierung Aufrufe ap alle Männer des Jnfelreiches. Pitt selbst warb Truppen für die neue Reservearmee, berief die Häupter der Wehrformationen zu sich nach Walmer und hielt offenes Haus für die Offiziere und jene Herren der Regierung, die geruhten, das Verteidigungswerk der Küste zu besichtigen. Für kurze Tage nur, wenn Stürme eine Landung unmöglich machten, hatte Pitt feinen Posten verlassen, die Lage in London zu ergründen; denn immer dunkler wurden die Sorgen. „Wenn das Ministerium Ad- bington dauert, wird Großbritannien nicht dauern", verkündete der russische Gesandte. Das Volk spottete über Addington, die Minister höhnten, vergeblich fahndete England nach Bundesgenossen auf dem Kontinent. Der König selbst nannte den Lordkanzler seiner Wahl einen Mann von sehr geringen Qualitäten. — „Wenn Pitt nicht wieder ans Ruder kommt, wird Napoleon binnen zwölf Monaten England zum Vasallenstaat machen wie die Schweiz!" drohte Lord Grenville. Aber König Georgs religiöser Wahn fürchtete sich, Pitt neu an die Spitze zu rufen, der in gottloser Dreistigkeit gewagt hatte, für die Iren und anglikanischen Sekten Freiheitsakte zu verlangen — entgegen dem Krönungseid an die heilige anglikanische Kirche! Die Londoner Gesellschaft beruhigte sich in der Hoffnung auf die kommenden Winterstürme und die neue Ballsaison. Der Prinz von Wales nannte seinen Vater verrückt, und hielt es mit jener Partei, die seine Schulden bezahlte — das war Fox, die Opposition. Im übrigen lebte er fein galantes Leben, wie er es bisher getan. „Brummei, was sagst du zu meiner neuen Weste?" „Was, das Ding hier nennst du eine Weste? Wirklich — eine Weste?" Diese Fragen, gewechselt zwischen den beiden bestangezogenen Gentle- men von Europa, dem Prinzen von Wales und Herrn George Brummet bedeuteten keinen Scherz. Denn Brummei, der Sohn eines Sekretärs, ist unumstrittener König der Mode, obwohl der Erbe von England jährlich zwei knappe Millionen für feine Kleidung ausgibt, um ihn und damit alle Welt zu übertreffen. Bei Brummeis Levöe assistieren zwölf Herzöge und sieben Marquis, beobachten, wie er sich die Zähne putzt, in die Kleider schlüpft und oh! die Krawatte bindet! Ehe George Brummei, neunzehnjährig, am Horizont von London aufgetaucht war, hatte man die Krawatten mit skandalöser Gleichgültigkeit um den Hals gewickelt. Er kam: und nun erst kannte die Welt den Gebrauch dieses Kleidungsstückes. In kurzen Jahren ist Brummei Herr aller jener geworden, die sich Kleider machen lassen und sie zu tragen wünschen. Eine Verbeugung von Ihm, in der Oper etwa, gilt mehr als die des Erben von Großbritannien. „Brummei, weiht du, was passiert ist?" fragt ein Lord bei Brummele Levöe. Der betrachtet angelegentlich die eben geputzten Zähne im Spiegel: Graf Eberstein. Von Ludwig Uhland. Zu Speier im Saale, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Graf Eberstein Führet den Reihn . Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im lustigen Reigen, Da flüstert sie leise (sie kann's nicht verschweigen): „Graf Eberstein, Hüte dich feinl Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet fein." „Ei", denket der Graf, „Euer kaiserlich Gnaden, So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!" Er sucht sein Rotz, Läßt seinen Trotz Und jagt nach seinem gefährdeten Schloh. Um Ebersteins Feste, da wimmelt's von Streitern, Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern. Graf Eberstein Grüßet sie fein, Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein. Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen, Da meint er, es seie die Burg schon genommen. Doch auf dem Wall Tanzen mit Schall Der Graf und seine Gewappneten all: „Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser, Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser. Euer Töchterlein Tanzet so fein, Dem soll meine Feste geöffnet sein." Inr Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Graf Eberstein Führet den Reihn Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen, Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen: „Schön Jungfräulein, Hüte dich fein! Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet fein." Onkel Ruben. Von Selma Lagerlöf. Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem Marktplatz mit feinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte feine kleine Peitsche so tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine wahre Freude war. . Run geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen und sich nach einem Ruheplatz umsah. Ein solcher war -nicht schwer zu finden, es gab keine Sessel oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. 2er kleine Ruben konnte sich nichts Besseres denken. Er war ein gewissenhaftes' kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung, daß Mutter es-nicht wollte, daß er aus fremder Leute Treppen- Itufen sitze. So ging er und setzte sich auf ihre eigene Steintreppe, denn jie wohnten auch am Marktplatz. Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinaus und iühlte sich so wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umher- 'pangen und Kreisel schnurrten — bann schloh er die Augen und schlummerte ein. Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht fo wohl zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und meinte, und Mutter sah, daß er krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen toar der K-^e tot. Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Cs kam nämlich so, daß feine Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch tinem Schmerz, der den Jahren und dem Tode ttotzt. Mutter halte noch Mehrere andere Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zett und ihre Gedanken h Anspruch, aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Sinn, wo i)r Sohn Ruben ganz ungestört Hausen konnte. Und Bruder Ruben wurde für feine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie sür seine Mutter. Sie war so, daß sie alle mit ihren Augen sahen, und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken. Es kam auch nicht so selten vor, daß einer von ihnen dachte: „Ach, wer doch Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!" Und dennoch wußte keiner mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen {ein, da Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte. v Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter, ohne sich auch nur einen einzigen, Batzen zu behalten! Da sah Mutter so fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war. „Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?" Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinftufen. Und Mutter hätte sicherlich gern ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, aber sie konnte nicht. „Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie." Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten st^ nicht lassen, es zu erstreben. Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still aus seiner Steinstuse sah. Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen. Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch, daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen. / Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und vergöttert hatte. Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Er glitt auch noch in das Leben feiner Geschwisterkinder. Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel Ruben kam. Einmal war er auf dem Eise umgesallen. Er wax aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht weit weg sein konnte. Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens Schwester war. Als sie Axel auf dem Eis« sitzen sah, da kam sie gar nicht begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen: „Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, der gestorben ist, gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen Schneehaufen gesetzt hat." Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er fühlte die Kälte bis ans Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen, wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm diesex Tote seine eigene Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht zulasten. So lernte er Onkel Ruben hassen. Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden des Flur, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe dahinzog. Axel nannte die Balustrade fein gutes Roß Grane. Auf feinem Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen. Aber natürlich kam er. ©eixbe, als der Drache sich in Todesängsten wand und Axel in stolzer Siegesgewißheit dafaß, hörte er das Kindermädchen rufen: „Axel, nicht da fitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingeländer geritten ist. Hier darfst du nie mehr fitzen, Axel!" Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem fonnenbefdjienenen Marktplatz mit feinem Kreisel gespielt hatte. Run mußte er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte. Cs war draußen auf dem Land bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum, von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Endlich waren die Kinder allein, kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob sie von Onkel Ruben "gehört hätten. Er sah, wie es in den Augen aufblitzte und wie viele kleine Fäustchen sich ballten, aber es schien, daß die kleinen Mädchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben gelernt hatten. „Still doch", sagte die ganze Schar. „Nein", sagte Axel, „jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand andern peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist." Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes «ufgezählt. Onkel Ruben verfolgte alle feine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem, dessen Ruhe er stören wollte. ;t, und durch Derantwortllch: vr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühls che Universitätsdruckerei R. Lange, Vieh en. Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg vor ferner Tyrannei gab. Es war eine Erleichterung, sich arisgesprochen zu haben, aber kein Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen. Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß wurden und eigene Kinder bekamen, begannen sie -sich sogleich Onkel Ruben zu Nutze zu machen, so wie ihre Väter es vor ihnen getan hatten. Unb ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute heranwächst, haben die Lektion so gut gelernt, daß es eines Sommers draußen au dem Lande geschah, daß ein fünfjähriges Kmrpschen zur alten Großmutter 3erta kam, die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, wahrend sie ms den Wagen wartete, und sagte: „Großmutter, du hattest noch einmal einen Bruder, der Ruben hieß." „Darin hast du recht, mein kleiner Junge", sagte die Großmutter und stand sogleich auf. Spanische Küche. Von Anni Diedrich. Wird es deutsche Hausfrauen nicht interessieren etwas über spanische Küchengeheimnisse zu hören? In jenem Land, bas gesegnet tft mit reichen Feldern, großen Weiden und endlosen Herden, das eine Fülle aon Früchten bietet und Del im Ueberfluh hat durch die hunder.iausend Olivenbäume — dort ist die Kochkunst einfach. Dort durften bis vor curzem die Regeln der Kochbücher unserer Großmutter gelten: „Man Zucker genossener Kaffee, ober eine Tasse Manzanillatee bilden den Ab- ^'tbifere Kaffeemahlzeit fällt aus, höchstens wird in einem der viele» Kaffeehäuser die Merienda eingenommen, bestehend aus einem „Glas Kaffee Expreß". Kinder essen häufig um 5 Uhr ein Stück trockenes Weißbrot und ein Stück Schokolade. Abgerechnet von der Taffe Schokolade am Morgen nimmt der Spanier eigentlich nur zwei' Mahlzeiten, das Mittag- und das Abendeffen. Er benötigt nicht mehr. Die Stunde des Abendessens liegt erst zwischen 9 bis 10 Uhr. Das Abendessen unterscheidet sich wenig vom Mittagessen. Es wird immer warm gegeben. Brot mit Ausschnitt kennt man nicht. Abgesehen von der Paprikawurst, die hauptsächlich in Estremadura hergestellt wirb, unb einem zwar sehr guten Schinken, kann man im Schlachterlaben keine Wurstsorten kaufen. Schinkenscheiben mit Olivenfrüchte unb scharfen Sardellen werben bei guten Mittag- unb Abendeffen als „inlsrmezo"-Zwischengericht gereicht. Mit kleinen Holzstäbchen, ähnlich unseren Zahnstochern, werben bie Schinkenitückchen von ber Platte genommen und bannt zu Munde geführt. Zum Abendessen werden vor allem viel Eiergerichte gereicht. Eine übliche Frage vor Tisch lautet: „Wie wollen Sie bie Eier zu- bereitet haben?" Jeber Speisenbe bekommt sie in ber von ihm beliebten Art gereicht. Wünscht man die Eier gekocht, so werden sie nicht in der Schale und mit Eierbecher, sondern im Glas zum Essen fertig serviert und sehr kurz, durchschnittlich eine Minute gekocht. Großer Beliebtheit erfreuen sich bie Eieromelette nach französischer ober speziell spanischer Zu- bercituno , Tortilla con patatas", Omelette mit S^Qrtoffel: sJtot)e, fettige- schnittene' Kartoffelscheiden werben in Del gebraten, bann unter bas geflogene Ei gemengt und dieses kurz angebaden. An Stelle der Kartoffelscheibchen werden zur Abwechslung auch wohl Salmstuckchen, Schin- kenwürsel oder Pilze genommen. Das Braten von Fleisch, das Backen von Eiern wird ausschließlich in Del gemacht. Butter, Schmalz oder Margarine gibt es in der spanischen Küchenbereitung nicht. Eine sehr gute vor allem im südlichen Spanien häufig wiederkehrende Platte, ist das Reisgericht. Den Reis verstehen sie meisterlich und schmackhafter als bei uns zu bereiten. Der Reis wird nicht in Milch gekocht, sondern stets in Fleischbrühe, dann kommen verschiedene Gemüsesorten hinein, Schinkenwürfel, Hühnerfleisch, und der rote schmackhafte Pimenton. Das alles wird wie eine Art Auflauf im Ofen abgebacken. Das ist die Küche des guten spanischen Hauses. Doch wir wissen ja, daß es in Spanien eine große Anzahl Menschen gibt, den eigentlichen Hauptbestandteil des Volkes, der im weit bescheideneren Lebensniveau lebt. Im Haushalt des spanischen Arbeiters begnügt man sich mit drei ober vier im ganzen Jahr monoton "wiebekkehrenden Gerichten. Am Morgen sind es bie „migas" mit ein paar gebackenen Sardinen. Es find Weißbrotkrumen, die in Del geschmälzt sind, und zwar möglichst in bem Del, in bem bie Sarbinen gebacken würben. Dazu trinkt man ein Glas von bem billigen Lanbrotweiu. Jawohl, schon am Morgen liebt der Spanier als erstes Getränk seinen „Vino". Das Mittagessen bringt das stets wiederkehrende „cöcido". Ein Gericht von Ziegen-, Lämmer- ober Schweinefleisch, bas mit ben „gervancos", ben spanischen Erbsen und ein paar Kartoffelstöcken zusammengekocht wirb. Dazu bas übliche große Stück Weißbrot. Die „gervancos" unb bas Brot gelten als Sättigung. Wenn hinterher ein gebackenes Ei ober ein Stück Ziegenkäse genossen wird, so ist das schon eine reichliche Zugabe. Im Sommer gibt es täglich, besonders in Andalusien und Estremadura, ein „gaspacho“. Eine Suppenschüssel erscheint auf bem Tisch. Die Brühe darin erinnert an unsere Salatsohe. Zwiebel, Knoblauch, Tomate und Gurke werden fein zermalmt. (Für die Herstellung dieses Gerichtes gibt es in jedem Haushalt eigens einen typischen Holz- oder Kupferkübel mit Stampfern.) lieber, die zerquetschte Masse wird ein Ei geschlagen und tropfenmeife das Del zugegeben und lange verrührt, Salz und Essig geben den schärferen Geschmack, und endlich wird eiskaltes Wasser aufgefüllt. In dieser Brühe werden große Weihbrotstücke aufgeschwämmt. Oft legt man noch ein Stück Eis hinein. Es ist für jeden Fall für die heißen Sommermonate ein sehr erfrischender Nachtisch, der besonders in Andalusien durch verschiedene Kräuter recht schmackhaft gemacht wird. Das Abendessen bringt wieder ein solches Gaspacho, und wieder ein Cocido, abwechselnd von „gervancos" unb „habichuelos": Erbsen unb Bohnen — Bohnen unb Erbsen! Vielleicht noch ein Paar Apfelsinen (300 Stück 1 Mark!). Daraus besteht bas Essen, Sonntag wie Alltag! Die spanische Küche bildet nicht ben Mittelpunkt bes Hauses, bie Mahlzeiten finb nicht bie Sorgen ber Hausfrau. Die reiche Spanierin kocht nie selbst, sie lernt es nie. In jebem nut* etwas besseren Haushalt gibt es 1 eine Köchin. Es war Sitte, daß bie Köchinnen täglich Ausgang von 3 bis 7 Uhr hatten. In ben Häusern ber einfachen Leute sinb bie primitiven Gerichte schnell auf bem Feuer gar. «Das „gute Essen" nimmt bei bem Spanier keine zentrale Stellung ein. Die Reichen essen ihre Leckerbissen, ohne viel baraus zu achten — es ist eben so üblich! Das Tischgespräch wird nie Vorzüge ober Nachteile einzelner Gerichte berühren. Und bie Menge bes arbeitenden Volkes ist vollauf mit diesen traditionellen Gerichten ber Vorväter zufrieben. Der Spanier faßt bas Leben bramatif auf. Leben zu dürfen in feiner Heimat, mit seinen Sitten unb Gebräuchen, bei feinen Frauen, unter ben blauen Himmel, unter seiner gotbenen Heimatsonne — bas ist ihm Lebensinhalt. Diese Romantik, vereint mit einem ihm angeborenen Stoizismus hat ihn gelehrt, leichten Herzens auch kümmerlich zu leben ober gar zu hungern! Nie wirb er klagen. Die Ehre geht über alles. Wem es schlecht geht, der spricht nicht davon. Die rühmlich bekannte, spanische Gastfreundschaft wird immer dem Gast etwas anbieten, wenn er selbst auch dafür darben müßte. Sollten wir nicht gerade heute an die Eigenart dieses Volkes,, mit wenigem froh und leicht sich zu begüngen, an diesen stolzen Stoizismus des Spaniers unsere berechtigte Hoffnung knüpfen: ein solches Volk wird sich in kurzer Zeit erholen, seine Not überwinden und aus glückhafter * Veranlagung und innerer Kraft wieder zur alten Größe aufsteigen. iebme I So will ich heute etwas erzählen von der täglichen Lebensweise der Spalier und einige Rezepte verraten. So verschwenderisch und üppig die weichte der Feinschmecker sind, von einer ebenso erstaunlichen Einfachheit lebt Wieben bas große Volk. Die gute spanische Küche hat em doppeltes Merkmal: sie ist unkompliziert, einfach zu bereiten, benötigt aber eine Fülle bester Zutaten. Bei ben spanischen Leckerbissen habe ich auch ernannt daß tatsächlich nicht z. B. bie Anzahl ber Eier, bie m den Kuchen leftagen werden, dessen Geschmack ausmachen, sondern eben bie Verarbeitung gewährt bie Güte. An Stelle unserer guten Sonntags tuchen: lopftudjen, Streußelkuchen, Käsekuchen unb Dbfttorten, kennt man dort eigentlich nur eine Art, ben sogenannten „Bollo", es tft ein Bistuit= tuchen, von genau 2 dozena = 24 Eier (!), dazu 1 Pfd. Mehl unb 1 Pfd. Zucker. Ein anderer Auffchnittkuchen ist vielleicht noch der „Rosca de lideo", zu dem auch nicht weniger als 20 Eier und em Liter Del im Teig verarbeitet werden! Ein anderer Ueberrafchungs- tuchen der um die Dftergeit, in zwar verschiedener Güte, doch in jedem Hause' gebacken wird, ist folgendes Gebäck. Aeußerlich erscheint der Kuchen wie ein rundes Weißbrot. Ahnungslos schnitt ich es auf, welche Ueberraschungen kamen da zutage! Da waren in dem Teig emgebacCen: ganze Eier (mit ber Schale werden sie roh in den "Teig gelegt, und durch das Backen gargekocht), Bruststücke von verschiedenem Geflügel, die nie fehlende pfeffrige Paprikawurft, und ein Stück vom feinen Manchega- täfe, eine Sorte vollfetten Schafskäses! Das alles war wie in verschiedenen Fächern im Teig eingeschlagen, unb bann noch einmal eine Teighülle brumherum. Unser „Apfel im Schlafrock" erinnert «in wenig an diesen Ueberraschungskuchen. Da die Teigmasse viel Delgefjalt hat, bleibt sie samt feinem eingebackenem Inhalt mehrer Tage gut frisch unb wird gern als „Merienda"=23efper auf bie Landausflüge, bie „jidas", mitgenommen. Plaudern wir nun ein wenig über den Lauf ber täglichen Mahlzeiten. Das Frühstück bes Spaniers besteht nicht wie bei uns aus ben Speifen des gut gedeckten Kaffeetifchs mit Butter, Marmelade ober gar Aufschnitt. Am Morgen trinkt man in Spanien meist nur eine Tasse Kaffee ober eine Tasse dickflüssige Schokolabe mit einer Scheibe trockenem „Toast" (in Del gebackene Brotscheibe), ober man ißt ein paar „churros" ober „bunelos" dazu, auch ein Delgebäd, bas bie Delfieber allmorgendlich an jeber Straßenecke in Stabt unb Dors backen. Diese großen Chorros- tringel werden über dünne Zweigstäbchen gesteckt und so verkauft. Das heiße und frische Gebäck ist recht schmackhaft, unb wird von blütenweißem Mehl bereitet. Um 2 Uhr wirb bas Mittagsmahl genommen. Ein Frühstück zwischendurch kennt man nicht. Die Gerichte werden einzeln gegeben. Nie werben Fleisch, Gemüse, Kartoffeln zusammen serviert, und von einem Teller genossen! Es gibt fast täglich einen Fischgang. Das Meer, bas ganz Spanien umgibt, fpenbet eine solche Anzahl von Muscheln, Krebsen, von Schollen, Hummer, Thunfisch unb Salm (nur Heringe kennt man nicht!), baß es im gWzen Land täglich frischen und verhältnismäßig sehr billigen Fisch gibt. Tägliche Nahrung ber arbeiten« ben unb wenig verbienenben Klasse sind die frischen gebackenen Sardinen. Die „Sardineras" -- Sarbinenverkäuferinnen, bie allabendlich nach Heimkehr der Fischerboote mit ihren weiten Körben auf den Kops durch die Straßen ziehen und ihr melodisches „Sardinas, frescas sardinas" rufen, gehören zum bunten spanischen Straßenbild. Der Fisch wird mehr gebacken, seltener gekocht und mit Mayonnaise gereicht Die Kartoffeln als Beigabe kennt man nicht. Zu jeder Speise ißt man das schneeweiße Weizenbrot, bas in Stücken, nicht in Scheiben auf ben Tisch kommt, unb dann in kleine Bissen abgebrochen wirb. Der Fleischgang besteht in den reichen Häusern aus bem unvermeidlichen großen Beefsteak ober bem sehr häufigen Jagbfleisch unb Geflügel: Rebhühner, Fasanen unb roilbe Kaninchen. Der Hase gilt als Bastardfleisch unb wird dem Kaninchen nachgefetzt. Auch bas Gemüse wirb als Einzel- gang gereicht. Da erscheinen vor allem Mangold, Spinat, Alcaschoten, Spargel (mit Mayonnaise gegessen), Erbsen unb Salate auf bem Speisezettel. Doch bas Gemüse wird nicht, wie bei uns, in Fett geschmolzen, es wirb lediglich in Salzwafser abgekocht, und jeder gießt sich bann selbst bei Tisch nach Geschmack Del unb Essig daran. Als Nachtisch gibt es Dbft, Weintrauben, Apfelsinen, frische Feigen, Pfirsiche und die saftigen Melonen. Ein guter, äußerst staxker, meist schwarz, aber mit sehr viel