GiehenerZamilienbliitter Nummer 75 Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958* Montag, den 26. Zeptember Christine von Äilotti Roman von Rolf Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin 2. Fortsetzung. „Ich habe es schon gehört", sagte Christine. „Gehen Sie nur voraus ich hole Sie ja schnell em. Aber gehen Sie ein bißchen schnell. Sie sehen, ich lebe und habe mich nur ein bißchen verspätet." ’ »anb ben haffen Badeanzug sorgfältig aus und verstaute ihn in die Satteltasche. Sie zog ein wenig mühselig die Reithosen an und die langen Stiefel. Als fie den rechten Schaft Hochziehen wollte, überkam sie eine Schwache. Sie mußte die Zähne .zusammenbeißen, um den Stiefel bis zum Knie hochzuziehen. Sie klopft« der Stute auf den Aals: „Ach, J)immeR)recf/ ich glaube, du kommst eher in den Krieg als ich! Weißt du eigentlich, was Krieg ist, Himmeldreck? Sie bekommen alle so komischen Lugen, wenn sie davon sprechen, die Männer. Ich denke es mir herrlich, zu galoppieren, eine Lanze in der rechten Faust, die Erde dröhnt ... hör' ooch zu, Himmeldreck, die Erde dröhnt, und dann 'ran an den Feind!" Sie pfiff laut das Kavalleriesignal zum Avancieren. Das hatte Beter sie gelehrt. Der würde nun auch bald in den Krieg gehen... Sie saß im Sattel, ein wenig schwankend, nahm sich zusammen: „Also geh schon Trab, Himmeldreck, es nützt ja nichts. Wir werden schon nicht herunterfallen." ' Man saß auf dem Gutshof schon um den Abendbrottisch versammelt. D,e Tante stand auf, nahm sie in die Arme und führte sie ins Nebenzimmer: „Kind, wie siehst du aus? Kind, wo warst du?" Sie strich ihr über die Haare, unablässig über die dünnen blonden Haare, und sagte dann: „Wir haben uns geängstigt, Kind!" Christine weinte: „Ich wollte über die Elbe schwimmen, Tante, und bin beinahe ersoffen, wie eine Ratte ersoffen." „Du sprichst wie ein Stallknecht, Kind, aber wie konntest du das tun?" "Ich wollte wissen, ob ich auch in den Krieg gehen würde. Ich bin aber nicht hinübergekommen, also werde ich zu Hause bleiben." r fuhr ihr über die Wange: „Du weißt nicht, was du Ipnchst. Krieg, mein Kind, ist etwas sehr Großes und sehr Ernstes, und Onkel sagt, dieser Krieg wird furchtbar werden." „Um so schlimmer für mich", sagte Christine. „Geh nach oben, zieh dich um. Soll ich dir helfen?" Christine schüttelte den Kopf. „Ich habe dein Abendessen aufgehoben." „Danke", sagte Christine. „Ich glaube, ich habe furchtbaren Hunger." Der Tisch war schon abgeräumt, aber sie saßen noch alle um die runbe Platte. Der Onkel hatte ein paar Flaschen Bier kommen lassen, alle hatten Gläser vor sich. Der Gutsherr las aus der Abendausgabe einer Hamburger Zeitung vor, die mit einem Extraboten von Hamburg gekommen war. Die Ueberschrift über der ganzen Seite, es waren große y,R>nr’e Buchstaben, die fettig glanzten, lautete: „Rußland will den i'tine setzte sich an ihren Platz und biß herzhaft in die großen Wurstbrote. Bor ihr stand eine große Kanne heißer Schokolade. Alle schwiegen. Langsam fielen die Sätze nieder: „In der zweiten Nachmiktags- stunde ging uns von amtlicher Stelle folgende von uns schon durch Extra- blatt verbreitete schicksalsschwere Mitteilung zu: Aus Petersburg ist heute me Nachricht des deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Flotte befohlen worden ist. Daraus haben Seine Majestät Kaiser Wilhelm den Zustand der. drohenden Kriegsgefahr befohlen. Seine Majestät wird heute nach Berlin übersiedeln. „ Der .Zustand der drohenden Kriegsgefahr' bedeutet den unmittelbaren Vorläufer der allgemeinen Mobilmachung — als Antwort auf die schon uAcke begonnene Bedrohung Deutschlands durch die Maßnahmung des Der Onkel machte eine Pause. Preterson erhob sich halb. „Bleiben Sie noch einen Augenblick, Preterson, der Wagen wird schon angespannt", sagte der Onkel. „Hier ist der Leitartikel." Er las: „Der Stein ist im Köllen. Das Deutsche Reich hat vom ersten Moment an keinen Zweifel Darüber gelassen, daß es wieder, wie vor fünf Jahren, in Nibelungen- *reue an die Seite des Bundesgenossen treten werde. Es hat aber bis ?um letzten Augenblick unwiderlegliche Beweise des Wunsches gegeben, ^en Weltfrieden zu erhalten. Es sollte nicht sein, weil Rußland den Er machte wieder eine Pause. Man hörte, wie der Kanarienvogel am tjenfter unruhig von Stange zu Stange hüpfte. „Man hat vergessen, ihii zurudecken", sagte die Tante plötzlich, ging hin und hängte das leinene Tuch mit der roten Stickerei über das Bauer. Z>er Onkel las: „Das Deutsche Reich erhebt seine Waffen. Wird es gezwungen, sie zu gebrauchen, so wird ein jeder im Bolk seine Schuldta- teit tun, und dann wird — wir sagen es im Bertrauen auf unsere Stärke und unsere gute Sache — der Sieg sich an die deutschen Fahnen heften." „Das wollte Gott! sagte der Onkel. Bon draußen hörte man das Klappern der Hufe auf der festgestampf- ten Anfahrt. Sie sahen alle da und blickten vor sich nieder. Der Inspektor “’m fcinet^ B-erglas Christine sah aufmerksam von Gesicht zu Gesicht. Die Augen des Inspektors trafen sie. Es war der Blick, sie rannte ihn nun, den die Jungens bekamen, wenn sie ganz unvernünftiq °™i und dummes Zeug redeten. Sie sah Preterson ruhig an. Sie sich au^den^Krteg?"^ ^9te *le m bte Still» hinein: „Freuen Sie Er sprang auf: „Wie ich mich freue, Fräulein von Ruckkasch! Wir werden siegen! ’ Draußen vom Hof klang auf einmal laut „Die Wacht am Rhein" Die Rechte und Magde standen an der Auffahrt versammelt. n Ontel ftanb auf und sagte: „Die Dampfer in Hamburg werden auch alle zuruckgehalten. Die Russen haben in der Nacht die Eisenbahn- tDii'berijo't?^ ^"ze Szczakowa—Granica gesperrt. Der Krieg ist da!" - Von draußen hörte man jetzt deutlich: „ ... Wer will des Stromes Hüter sein —" In der warmen Nacht scharrten die Pferde. Die Burschen aus dem Dorf waren jetzt alle auf dem Gutshos versammelt. Sie hielten Fackeln in den Händen. Biele hatten schon die Reservistenmützen aufgesetzt. Der Leutnant der Reserve Preterson hielt sein kleines Köfferchen in der Hand, llr wollte noch heute nach Hamburg, und morgen, morgen dann würde er ja schon zu fernem Regiment müssen. Es war unsicher, ob die Züge regelmäßig weiterfahren wifrden. Der Gesang flackerte unruhig und hell über den niedrigen First des Gutshguses, er flammte empor wie die Fackeln. Preterson drückte seinem Gutsherrn die Hand. Der sagte: „Min Jung, urin Jung! Gott segne dich!" Mehr sagte er nicht Die Tante meinte ein lautloses Weinen. Ser Gesang brach ab. Die Burschen schrien: „Hurra! Hurra, Leut- nant Preterson! Er hatte eine andere Haltung. Seine Augen blitzten unter dem grünen ' 3agerbut, o, als ob er schon einen Helm trüge. Er gab Christine die H?ud: „Leben Sie wohl, mein liebes Fräulein Christine, und schreiben Sie mir einmal ins Feld." Er wandte sich plötzlich um und küßte Christine fest und stark auf den Mund. „Wer weiß, wgs so aus einem wird!" sagte er wie entschuldigend zu dem Onkel, der den Kopf schüttelt« Die Pferde zogen an, die Burschen mit den Fackeln liefen ein Stück hinter dem Wagen her, noch einmal dröhnte das Hurra über den Gutshof. Am nächsten Tag war der Vater aus Berlin mit einem Auto da und holte Christine ab. Er wünschte, in dieser unruhigen Zeit mit feiner Tochter zusammenzusein, zumal es sicher war, daß in den nächsten Tagen der Zugverkehr für Privatpersonen gesperrt würde. Christine stand in einer Menschenmauer am Potsdamer Platz. Warme Sonne lag über den alten Kastanien und über den Linden. Die Regimenter marschierten durch die Berliner Straßen nach dem Potsdamer Bahnhof. Sie trugen Blumensträuße zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Uniform, die Musikkapellen dröhnten. Frauen und Mädchen liefen zur Seite. Ihre Nachbarin, eine robuste Frau, schien deck ganze Regiment zu kennen, sie nannte jeden Leutnant mit Namen und jeden Hauptmann. „Ich bin doch die Zeitungsfrau an ihrer Kaserne", sagte sie zu Christine. Hurras flatterten über den Platz, fanden sich zusammen, daß es sich wie em Schrei über der Truppe und der Menschenmenge spannte. Unaufhörlich ratterten die Züge. Man konnte es von fern in der Villa hören, immer die Züge, immer die Züge. Dann wurde es still. Der Vater meldete sich bet drei Regimentern, zu denen er Beziehungen hatte. Man war sehr freundlich zu ihm, aber die Aerzte zuckten die Achseln. „Es wäre wirklich ein Verbrechen, Herr Regierungsrat. Das Herz ist nicht in Ordnung, und die Augen sind schlecht. Sie würden es nicht aushalten. Glauben Sie, außerdem braucht unser Vaterland jetzt Beamte, die auch zu Hause für Ordnung sorgen." Der Regierungsrat sprach noch weniger. Als die ersten Kriegsverordnungen kamen, gab er feiner Meinung in Worten Ausdruck, die wie eine Proklamation für das kleine Haus wirkten. sie aus der Schule blieb. . . . , Es ist das Beste, was du tun kannst, mein Kmd, das einzige. Wenn i di« 'Generation, deren Väter im Kriege sind, verludert, wird es schlecht i um Deutschland stehen. Arbeiten ist das einzige, was deine Pflicht ist. Schon nach einem halben Jahr machte Peter sein Notabitur. Er war i lanq aufgeschossen, seine Hellen Augen brannten. Ehe er ins Feld gmg, machte er einen feierlichen Abschiedsbesuch. Er kam an die Westfront.^ Christine gab ihm die Hand, drückte sie mit harter KarneradsäMlich- teit und wollte die Treppe hinaufrasen nach ihrem Zimmer. Schon knarrte unten die schwere Haustür, da wandte sie sich auf dem Absatz um, es war die schnelle Bewegung, die sie sonst immer gehabt hatte, und stürmte die Treppe wieder herunter. „Peter!" sagte sie, und sie hatte alle ihre Befangenheit von„ sich geschleudert. „Peter, komm, wir gehen noch einmal in den Garten. Der zweite Kriegswinter stand vor der Tür. Die Dämmerung floh über die kahlen Hefte. Sie sah dunkelgrau und schwer an der Mauer. Christine führte Peter den Weg zu den Himbeerbüschen, an deren Rand verwildertes Gras wuchs. Der Gärtner war im Feld, und die alte Henriette kümmerte sich nicht um den Garten. „Peter", sagte Christine, ,chas war unser Park. Peter, ich weiß nicht, ob ich es kann, aber ich will versuchen, für dich zu beten. Peterle, wie ich dich beneide!" ... Peter, in der Uniform des 3. Garderegiments, die ihm zu wett schien, prehte ihre Hände und sagte immer wieder: „Christtne, dann leb also ro°Hm Hause flammte Lichtschein aus über der Einfahrt. Peter sah sie an. „Da, nimmt das mit", sagte Christine, und sie beugte sich vor und küßte ihn sest und stark auf den Mund. Dann wandte sie sich um, winkte noch einmal mit der Hand und rannte in das graue Dunkel, das vor ihr stand. Das war nun auch vorbei... In der letzten Klasse, sie muhte nun in einem Vlerteftahr, zu Ostern, das Reifezeugnis erhalten, wurde Christine in der deutschen Stunde ohnmächtig Man las den „Tasto", den vierten Auftritt im vierten Akt. Monoton las Lotte von Delius, die Tochter des Generals, die Antwort des Tasto an Antonio: „Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf, Will ich nicht unterfudyen; jene dringt Ins tiefe Mark, und dieser ritzt die Haut." Angela Mohwinkel, lustig, rotbäckig — sie bekam vom Gut alles geschickt, was sie brauchte —, präparierte kleine weihe Löschblattkügelchen, die sie mit einem Strohhalm kunstvoll gegen die Deckd blies. Sie unterbrach diese Arbeit und sagte zu Christine mit Ueberzeugung: „Dieser Goethe ist Quatsch!" Dabei zog sie aus der hellbraunen Aktentasche, die sie alle längst statt einer Schulmappe trugen, einen prachtvollen Apfel. Christine wollte antworten. Die Stimme von Lotte von Delius klang monoton weiter: „... die Meinung andrer Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert; Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer." Christine sah auf den rotbäckigen Apfel. Sie wußte, dah es heute wieder diese verhahten Rüben geben würde mit Bratkartoffeln vazu, die ohne Fett mit altem Kaffeegrund aufgeröftet waren. Sie ritz ihren Blick mit Anstrengung von dem Apfel fort. Die Buchstaben tanzten. „Wie war das ... leicht mit dem wohl geführten Schwert? Die versuchte, nachzudenken. Die Buchstaben tanzten stärker. Sie fiel zur Seite. Die Mitschülerinnen sprangen hinzu und legten den schmalen, dünnen Körper mit dem todblassen Kopf auf die letzte Bankreihe. Der Professor kam mit langsamen und zitterigen Schritten, er war siebzig Jahre alt, vom Katheder. „Meine Damen, meine Damen! Was sind das für Sachen! jagte er. „Das sind gar keine Sachen", antwortete Angela. „Die Christine ist ohnmächtig geworden, weil ihr Vater doof ist!" Der alte Herr stand ratlos: „Was hat das mit ihrem Vater zu tun? fragte er. , Deck Kerl ist doch verrückt! Sie haben einen Onkel mit einem Gut und' nehmen keine Pakete. Nun liegt sie da. Sie wiegt noch keine hundert Lotte von Delius nahm ihr Taschentuch und tauchte es in das Wasserglas, das auf dem Katheder stand. Sie legte es auf die Stirn von Christine und rieb ihr die Schläfen. „Man muh den Arzt holen", fagte der Professor und sah hilslos auf das blaffe Gesicht feiner Schülerin. Eines von den Mädchen hatte die Frau des Schuldieners geholt. Die nahm Christine, ohne ein Wort mit dem Professor oder den Mädchen zu sprechen, aus ihre Arme und trug sie die Treppe hinunter in ihre Wohnung. , „Ihr seid blöde Gänse", sagte sie. „5>at jemand schon den Schularzt angerufen?" „Es gibt doch gar keinen", erklärte Angela. „Der,st im Feld bei dem Sechsten Armeekorps." „Wir haben doch den allen Sanitätsrat!" „Der ist um diese Zeit in der Reserveklinik. Wo leben Sie eigentlich, Frau Riemann? Es ist nämlich Krieg." Es wird unter keinen Umständen In diesem Hause etwas Besonderes besorgt. Ich wünsche nur das zu essen, was alle anderen bekommen. Ich wünsche nicht, daß Vorräte angeschafft werden." „ Von feinem Gehalt bestimmte er den kleineren Teil zur Bestreitung der Wirtfchaftsausgaben, der größere Teil war dazu da, denen, die das Glück hatten, draußen zu sein, Liebesgabenpakete zu schicke oder dem Roten Kreuz Geldsummen zu überweisen. Im Wohnzimmer hing eine große Karte des Kriegsschauplatzes an der Wand. Der Regierungsrat las die letzte Meldung aus dem Großen Hauptquartier vor und steckte Fähnchen, blaue und rote Fähnchen, m die weit gespannte Leinwand. Christine verschloß sich. Sie konnte den Baler verstehen, aber sie verstand nicht, warum er darauf bestand, daß „Das weiß Gott!" sagte Frau Riemann. „Sie haben es nötig, davon zu reden, Fräulein, wo mein Mann bei Verdun mar!" Christine lag auf dem alten Plüschsosa, den Kopf hochgebettet. Sie war zu sich gekommen, aber sie hielt die Augen geschlossen. Sie hatte ein schmerzhaftes Gefühl in den Knien und rasende Kopfschmerzen. Sie dachtt plötzlich' Gott fei Dank, die Mathematikarbeit werde Ich ja nun Ml« 8* ,ur ebenen ert« Uö«. Halbdunkel, denn die gelben Vorhänge waren b,s auf einen (leinen Spalt zugezogen. Durch den Spalt sah man aus dem ^of einen Wmmjm Streifen von Februarfchnee. Zwischen den beiden Fenstern hmg ein großer Oeldruck des alten Kaisers. Christine öffnete ganz wenig die Augen. Da fagte die alte Frau Rie- mann: „Bleiben Se man janz ruhig, Fraulein. Bleiben Se man anz ruhig fo liegen und denken Se an jar mscht. In eener halben Stunde kommt der alte Sanitätsrat. Er is ja man auch bloß een Dusiel. Aberer wird Ihnen schon wat sagen. So, nun bleiben Se ruhig, ick lasse Ihnen ^"sie^verließ das Zimmer, um in die Küche zu gehen, denn sie hatte frische Eier und Butter von ihrer Schwester vom Lande bekommen und wollte sich ein gutes Mittagessen machen. Cdristine sah sich in dem Zimmer um. Vor ein paar Jahren war sie häufig hier genLsem Sie hatte absichtlich das gute FrÜhstucksbro - mein Gott, warum man immer an solche Sachen barste! — wir mtt ge kochtem Schinken belegt gewesen oder mit d'ck-n Scheiben Leberwurst oder mit Kalbsbraten... Ja, damals hatte sie all diese schonen Brote ost mit Absicht zu Haüse oergefsen, um bei Frau Riemann „für nen Jro- sch«n" rote sie sagte, einen Schusterjungen mit Schmalz zu kausen oder eine Bulette für fünfzehn ipfennig. Soldje Buletten gab es u^rhaupt auf der ganzen Welt nicht, braun und knusprig, und dazu einen Schusterjungen . _ Ja, damals war sie in der Woche ein paarmal in der Stube mit dem grünen Plüschsosa gewesen. Aber dann hatte sie bei dem Meinen Taschengeld die Groschen nötiger zu anderen Dingen... Sie sah sich um. «ein, die Stube war fremb. Aber — wie hatte sie das damals nicht sehen können? — über dem Stummen Diener hing ein großer Druck „Angriff der Garde". Das Bild war vom Großvater. „Es ist ein Schinken", hatte er gesagt. „Aber laß man, Christine, es ist ein ganz guter Schinken. Sieh mal, Christine, wan kann das ruh g von sich selbst sagen, denn nur die Lumpe sind nämlich bescheiden, diesen Offizier da, der den Degen schwingt und vorwärts fjpnngt, den malt mir keiner nach. Der springt nämlich wirklich vorwärts. Ach, wie lange war das her! Ein Geruch kam ins Zimmer von frisch» Butter und brotzelnden Eiern. Es war unerträglich. Aber Christine schloß die Lippen. Da kam wieder das Schwachegesuhl. Als ver alte Geheimrat in das Zimmer trat, hatte Christine wiederum das Bewußt- iNVerrl°aUen' Herr setzte sich auf einen der wackeligen Mahagonistühle neben das Sofa. Sie hat Aehnlichkeit mit dem Großvater, dachte er Er ließ sich Waffer und ein Handtuch bringen und tupfte mit feinen alten Händen vorsichtig die Schläfen. Christine öffnete wieder den Spalt der 2IU06o mein Fräulein", fagte der Geheimrat, „wir wollen mal gleich sehen! Sie sind ja viel zu blaß, mein Kind! Haben Sie Schmerzen? Christine schüttelte den Kops: „Wüttnd bin ich", sagte sie, „rasend ""^Worüber sind Sie denn wütend, mein Fräulein?" fragte der alte ^°",Dah^ch schlapp gemacht habe, ist eine Schande! Dabei passiert es mir schon zum zweitenmal. Der Teufel hole den Körper!" Nun, nun, der Teufel hat doch genug zu tun, alle die französischen und englischen Hetzer zu holen! Aber wir wollen einmal sehen, was eigentlich los ist." „ ,.. Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge zuruck. Der Schnee schim- merte weiß in das Fenster. „So, da hat der Herr Petrus ja für aus- gezeichnetes Licht gesorgt." Er zog die Augenlider herunter, er bog di« Unterlippe wett herab, um das Zahnfleisch zu sehen, und nickte dann vor sich hin. „So, nun wollen wir einmal hören, was das Herzchen macht. Christine ärgerte sich fo sehr über den Ausdruck "Herzchen". daß >hr plötzlich ein ganz schwaches Rot in die Wangen stieg. Aber sie schwieg. „Oefsnen Sie, bitte, die Bluse!" .... , Ekelhaft war dieser Sanitätsrat! Aber schweigend öffnete Christine die alte hellblaue Wollhtuse. Der Arzt setzte (ein Hörrohr an und mck e wieder. „Sie sind wohl auch noch sehr gewachsen im letzten Jahr? fragte Sanitätsrat Niemüller. . .. „Ich.glaube", antwortet« Christin«, „obwohl ich doch eigentlich schon lang genug bin, nicht wahr, Herr Doktor?" „Ach, mein Fräulein, darüber werden Sie noch einmal anders denkenl Nun atmen Sie einmal. So, atmen Sie, bitte, ganz tief!“ Es wäre wunderbar, wenn ich ihn anspucken konnte! dachte CIM'"*- Widerlich, wie dieses alte Ekel fein Ohr an meinen Körper preßt! aber sie atmete gehorsam langsam und tief. „Danke", sagte Sanitätsrat Niemüller. „Also, Fräulein von Rucktafch, ich werde einmal mit Ihrem Herrn Vater telephonieren. Sie sind ganz hochgradig blutarm, das Herz ist nicht ganz in Ordnung, und die L.unge gefällt mir schon gar nicht. Drehen Sie sich, bitte, einmal herum. e°- ziehen Sie die Bluse ganz aus." „Ich will aber nicht!" sagte Christine. „Aber, mein Fräulein, ich bin doch Arzt und ein uralter Monn! „Darum gerade“, sagte Christine. _. ir Der Sanitätsrat lächelte: „Ach, mein Fräulein, kommen Sie, wir müssen wirklich sehen, wie das mit der Lunge ist.“ lFortsetzung folgt.) Oer getreue Eckart. Von I. W. v o n Goethe. „O wären wir weiter, o wär' ich zu Haus! Sie kommen; da kommt schon der nächtliche Graus; Sie sind's, die unholdigen Schwestern. Sie streifen heran, und sie finden uns hier. Sie trinken das mühsam geholte, dos Vier, Und lassen nur leer uns die Krüge." So sprechen die Kinder und drücken sich schnell; Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: „Nur stille, Kind! Kinderlein, stille! Die Halden, sie kommen von durstiger Jagd, Und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt, Dann sind sie euch hold, die Unholden." Gesagt, so geschehn! Und da naht sich der Graus Und stehet so grau und so schattenhast aus. Doch schlürft es und schlampst es aufs beste. Das Bier ist verschwunden, die Kruge sind leer; Nun saust es und braust es, das wütige Heer, Ins weite Getal und Gebirge. Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell, Gesellt sich zu Urnen der fromme Gesell: „Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig." — „Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis auss Blut." — „Nein, keineswegs, alles geht herrlich und gut, Nur schweigt und horchet wie Mäuslein. Und der es euch anrät, und der es besiehst,. Er ist es, der gern mit den Kindelein spiest. Der alte Getreue, der Eckart. Vom Wundermann hat man euch immer erzählt. Nur hat die Bestätigung jedem gesehlt; Die habt ihr nun köstlich in Händen." Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug Ein jedes den Eltern bescheiden genug Und harren der Schläg' und der Schelten. Doch siehe, man kostet: ein herrliches Bierl Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier, Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende. Das Wunder es dauert zum morgenden Tag. Doch fraget, wer immer zu fragen vermag: Wie ift's mit den Krügen ergangen? Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergetzt; Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt, Und gleich sind vertrocknet die Krüge. Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, So horchet und folget ihm pünktlich! Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; Dann füllt sich das Bier in den Krügen. Bauernkrieg in kranken. Von Anton Schnack. Gedenk ft ein e. >iiner steht zwischen Fluß und Hügel, hart an der Straße bei Lauda, wer weiß, wie lange schon. In manchen Jahren, wenn der schmelzende Schnee die Tauber über die Ufer trieb, hat ihn das Wasser überschwemmt, und der Stein war nicht mehr zu sehen. In schneereichen Wintern verschwindet er unter der weißen Decke. Wenn das Gras nach regenreichen Wochen aufgeschossen ist, ist der Stein fast im fetten Gräsergewoge verschwunden. Äber auch sonst sehen den Gedenkstein die meisten Menschen nicht, die auf der Straße, neben der er steht, vorbeikommen. Er wird aus einem Sockel aus rotem Sandstein gebildet und ist in verschiedene Stücke zerbrochen. Kein Wunder — jahrein, jahraus im Regen öu stehen, macht mürb, und der Frost knistert jeden Winter in seinem Gefüge, bröckelt ihn ab und verzehrt ihn. Der mittlere Stein tragt eine stolze Inschrift, aber auch eine die traurig und beklemmend ist: „Ruhestätte der Gefallenen im Bauernkrieg". Das unterste Steinstuck ist fast ganz in die Erde gesunken und so schwarz wie sie, Moos hat es gezogen, es ist grau von der Dauer der Jahrhunderte, blind und unscheinbar, und sicher ein Ueberreft derjenigen Gedenkanlage, die bald nach dem blutigen Gemetzel, wo die Blüte der Bauernschaft aus dem Taubertal in die Erde sank, zum Gedächtnis gesetzt worden sein muß. Der Stein ergreift mich, und ich gedenke derer, die für eine Liechte, aber verworrene Sache starben. Da starben bärtige Männer, denen bittere Fronarbeit unauslöschbar ins Gesicht gekerbt war. Da starben, von Reiterspießen mitten durch den Leib gestochen, die jungen Manner aus Gsr- lachsheim, Sachsenflur, Unterbaibad), Marbach, Königshofen und anderen Tauberorten. Sie trugen noch den Duft der gebündelten Gerste und die warme Bitterkeit des gesiegelten Viehes in ihren Kleidern und an ihrer Haut. Andere waren noch an Beinen und im Gesicht verschrammt, Rar- ben, die sie sich beim Sturm auf die Würzburger Festung zugezogen hatten. Sie flohen vom Hügel ins Flußtal herunter und hatten sich einen Weg durch den sommergefärbten Hafer gebahnt und dabei tnan ternde Ketten von Rebhühnern aufgejagt. Aber die Ritter, saust geil aus di« leckeren Vögel, fprengten mit eingelegten Spießen die „Kistenfeger und Seckelleerer", wie sie die Bauern und Bürger nannten, zu Tode. Der Schnitter Tod säbelte sie mit höhnischer Grausamkeit nieder. Eine andere Gedenkstätte zwischen Distelhausen und Lauda besteht aus einer grauen, ziemlich verwitterten Kreuzigungsgruppe, ungefähr einen Meter hoch; der obere Teil ist bestimmt alt, der untere scheint einmal erneuert worden zu fein. Ich entziffere eine verwischte Inschrift: anno damini ... Oh „anno domini“, Inschrift für Tod und Trauer! Ich setze mich zu dem Stein, auf dessen erneuertem Sockel ebenfalls kundgetan wird, daß hier eine Ruhestätte der Gefallenen im Bauernkriege anno domini 1525 ist. Ueppig und saftig gaukelt das sommerliche Gras über Ritter und Bauer, im Leben feindlich, im Tode vereint. Bauerngebein liegt unter dem Kreuz in der üppigen und fruchttragenden Erde, und wie eh und je klirren und klingen im Taubersommer die Sensen, die den goldenen Weizen niedermähen. Neben dem Erine- rungsstein wächst ein wilder Birnbaum. Ja, unter Birnbäumen ruhten einst die gefallenen Ackerer, Säer und Mäher, wenn die Sonne stach und die Männer, von der Schnitterarbeit müde und ausgebrannt, zur Wasserstütze oder zum Krug voll sauerem Most griffen. Das Hügelgelönds hinter Diftelhaufen, durchschnitten vom Grünbach, die Talsuhrt nach Würzburg, dann am jenseitigen Ufer die bewaldeten Rücken bei Ger- lachsheirn, Marbach, Hofstetten und Königshofen sind die blutgetränkte Walstatt, wo Tausende von Bauern unter Spießen und Schwertern gefallen sind. „Da wurde es wie bei einer Schweinehatz gehalten", lautet die derbe Stimme eines zeitgenössischen Geschichtsschreibers. Sie Tauberbrücke bei Lauda. Nun überspannt sie schon 428 Jahre den samtgrünen Spiegel der Tauber, und wer so viele Jahre einem Fluß gelauscht hat und dem stetigen Verkehr diente, hat viel Erlebnisse in sich ausgenommen: keine Wasserflut in regenarmen Sommern, gurgelndes Frühjahrs- und Herbst- hochwaffer nach Schneeschmelzen und Wolkenbrüchen, das dumpfe Rollen über die Täler und Wälder ziehender Gewitter, die Schüsse der Hasenjäger, das Schnalzen der an den Angeln hängenden Fische, immer wieder knarrten zur Erntezeit di« schwere Lost von Getreidewagen ober dis Fuhrwerke voll schwabbelnder Traubenbütten darüber, die Brücke hat das heisere Gegröhl der Weinseligen gehört, das Stockgeräufch vorüberwandernder Handwerksburschen, das Mahlen des Wintereises, den singenden Schwall von Bauernprozessionen, die schmatzenden Flüstereien ländlicher Liebespaare im blauen Abendschatten — Jahr für Jahr, Sommer für Sommer, Herbst für Herbst; viel Leben hat sich der Brücke geoffenbart, auch die Todesangst manches Ertrinkenden. Es ist eine einfache Brücke, edel und schön aus Stein in die Landschaft gebaut und von Pappeln beschattet und gesäumt. Aus der einen Seite steht Nepomuk, der Brückenheilige, auf der anderen Seite ragt ein Kreuz auf. Hier ist Florian Geyer vom Pferde gesprungen, hier hat sich fein Fuß aus die Brückenbrüstung geschwungen, und mit dem Rücken hat sich der Bauernführer an das Kreuz gestellt. Es war der 2. April 1525, Sonntag Judiea, der zum Tag bestimmt war, an dem sich die Bauern der Tauberlandschaft wie ein Mann erheben sollten. Es war schon Rauchgeruch in der Luft von niedergebrannten Schlössern und Klöstern. Mit Florian Geyer war die tapfere Rothenburger Landwehr gekommen, um sich mit deni Bauernhausen aus dem Schüpfergrund und aus dem mittleren Taubertal zu vereinigen. Der Wirt von Ballenberg, Georg Metzler geheißen, hatte die Aufitändischen herangeführt.'Und die Brücke erbonnerte unter bem Beifallsgeschrei der Bauern, als Florian Geyer ausrief: „Schädliche Schloß, Wasserhäuser und Befestigungen, daraus dem gemeinen Mann bisher hohe und schreckliche Beschwerung zugestanden sein, sollen eingebrochen oder ausgebrannt und die Güter der feindlichen Ebelleut und Geistlichen sollen eingezogen werden." Auf der Stange trugen die Bauern einen Bauernschuh, ihr Feldzeichen. Unrat, abgenagte Knochen, zersprungene Trinkgefäße, Pferdemist, verstreutes Heu, angebissenes Obst und verkohltes Holz, der Lagerfeuer blieb auf der Brücke zurück. Einige Wochen später trabte der grausame Trugseh von Walbburg, der gefürchtete „Bauernjörg", über ihre Bögen. Auch er stand am Kreuz, und bas Wasser an ber Brücke spiegelte ein hartes und undurchdringliches Gesicht. Von der Stachelhaut ber gepanzerten Reiter und von der Wucht ber greulichen Notschlangen (Geschütze), vom Räderrollen ber Bagage und vom staubaufwirbelnden Ritt der Reisigen erzitterte die Brücke wiederum. Dann hörte sie den abgehetzten Atem der Flüchtenden, dann hörte sie Geschrei, Schüsse, Jammern, Wehklagen, dann schleppten sich lahmend« verwundete Bauern über sie, und der Feuerschein der ringsum brennenden Dörfer warf den Schatten der Steinpfeiler auf den Wasserspiegel, bann tarn ber Zug ber gefangenen Bauern, mit Leberriemen an bis Gäule der Rittersknechte gebunden, dann wurden vier hohe Fässer herangerollt, Bretter darüber gelegt und bas Schwert bes Scharfrichters blitzte auf. Unb jedesmal rollte ein Kopf und jedesmal sprang ein Schuß dunklen Blutes auf... Dann sah die Brücke wieder das weiße Gefieder der Ganse, den Liebestanz der Libellen, die Staubfäulen, die der Wind über sie trieb und sie erlebte wieder die heiligen Dinge der Erde, die spielenden Kinder, die fröhlichen Mütter, die Liebenden, den Regen, das heimgefahrene Korn unb den geernteten Wein. Der Concz von Königshofen. Acker Concz wurde er genannt, unb er lief mit vielen anderen aus der Gegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen unb mauer- umgürteten Stabt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Conez trug bie Sturmhaube wie fast allesamt, unb bie vierschrötige Brust hatte er mit einem rinbslebernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dors Tauberzell und im Markt Königshosen zu Fest unb Kirchweih die Trommel gerührt. Er durste auch im Bauernhaufen die Trommel schlagen, bie er schräg vor den Bauch hielt und mit Schlegeln, gedrechselt aus Weißdornholz, rollend und grollend hieb. Er lief nun nicht mehr hinter dem Pflug und dem Ochsengespann her, nun lief er fortan neben dem Fahnenträger Klos Wuczer, der ihn um Haupteslänge überragte und Ihn oftmals mit dem Tuch der Fahne einhüllte, welche die braun-gelb-grüne Farbe des Ackerbodens hatte und als Abzeichen eine mit einem Dreschflegel gekreuzte Sense trug. Acker Concz hätte das Kalb, woraus das Trommelfell gemacht war, als Zehnten dem He.rrn im „schädlichen Schloß" abliefern sollen, aber, da das wilde Gerede vom Aufruhr im Umlauf war, hatte er das fette Kalb für sich selbst geschlachtet und in der Vorfreude der baldigen Befreiung vom Zehnten und Fron mit Weib und Kind selbst geschmaust. Die weiche Haut hatte er mit Lohe gegerbt und über das Holz gespannt — und es wunderte ihn sehr, daß eine milchige und zarte Kalbsbaut so einen harten und bösen Laut und Donner von sich geben konnte. Und es war sein Spruch: „Wer allzu lang gegerbt wird, fängt an zu brüllen." Also, um näher diesem Trommler im Bauernhausen vor Rothenburg zu sein, trete ich ein wenig in den Weg der vergangenen Zeit zurück, und da er ein Glied, ein Mann in der gequälten, unruhigen und großen Ahnenkette ist, verzweigt und zerstreut über das Franken um Main und Tauber, ein Bauersmann, Jahr für Jahr gutmütig, gehorsam, schwitzend und dienend wie ein Baum den Stößen des herrischen Windes, er war bartlos, erdig, luftgebeizt und zerknittert von hundert Sorgen und Mühseligkeiten. Seine Beine waren weit nach vorne eingeknickt, nämlich pom vielen Bücken, vom Lastentragen, vom Jäten und Dienen. Tief in den Augäpfeln schwelte das verborgene Feuer der Schmerzen und der Wut.. Erst, als er im Bauernhaufen lief und trommelte, sprang es mit jähem Blitzen aus dem Blick und zeigte offen den Grimm. Acker Conez hatte eine laute und rauhe Stimme, weil ihm immerdar der Trommelwirbel bedrängend und groß im Ohre rollte. Er war gewandt im Steigen von Weinbergstreppen und kletterte geschickt an Bäumen und Mauerfugen hinauf. Er rannte beim Sturm auf den Würzburger Frauenberg als einer der ersten voran und dachte die hundsgemeine Mauer mit feinem dicken Schädel einzurennen. Aber die furchtbare Mauerflucht stieß den zerschmetterten Acker Conez in den Wallgraben zu hundert anderen aus dem Bauernhaufen, die sich Hals und Genick, Arme und Beine gebrochen hatten. Wo heute ein Gewirr von Stauden und üppigen Bäumen grünt und blüht, rollte die Trommel, die heiße Kalbfelltrommel aus Königshofen, bergab, die gespannte Haut von einem Schuß aufgerissen und versengt, und nimmermehr wurde sie gerührt und geschlagen. Jedes Geschlecht hat seine Gefallenen, seine Ertrunkenen und seine Ermordeten. Eingekapselt im Herzen, dem Blutstrom als unsagbar leiser Klang mitgegeben, höre ich den dumpfen Schlag seiner Sturmtrommel noch manchmal. Verewigt ist der Acker Concz auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1525, zusammen mit dem stolzen und baumlangen Fahnenträger Klos Wuczer. Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehört zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshosen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber auf genommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewigdauernden und stetig unruhigen, gewaltigen Gesang vereinigten. Angst vor Tom Burke. Eine Geschichte von Kurt Krtspien. Der Nachbar ist längst fort, aber immer noch steht Dorothy Gardener vor dem Haus und betrachtet nachdenklich den Bries, den er ihr übergeben hat. „Alles ist hier voller Aufregung", schreibt George, „weil Tom Burke aus dem Stadtgesänanis ausgebrochen ist, und niemand weiß, wohin er sich gewandt hat. Burke ist ein Mann, der vor nichts zurückschreckt und für den ein Menschenleben weniger bedeutet als der Staub zu seinen Füßen. Ich bin in Sorge um Dich, Dorothy, denn ich kann erst übermorgen wieder bei Dir sein, und Du bist ganz allein in unserem kleinen Haus. Darum schickte ich Dir einen von meinen Leuten zu Deinem Schutz. Er mag Dir etwas wild erscheinen, ist aber durchaus zuverlässig und im Grund ein guter Kerl. Außerdem ist er der beste Schütze, den ich kenne, und darauf kommt es an! Solltest Du Dich zu sehr fürchten, so könntest Du auch zu den Nachbarn gehen, aber ich habe ihm gesagt, daß er fein Pferd nicht schonen soll .. . Langsam faltet Dorothy den Brief zusammen und geht ins Haus zurück. 0 nein, sie fürchtet sich nicht im mindesten! Sie hat wohl schon von Burke gehört, aber das ist für sie ein bloßer Name, ein Popanz, eine Schreckgestalt ohne Fleisch und Blut. Leise singend holt sie Bohnen aus dem Garten, geht ihren kleinen Haushaltspflichten nach. Aber je weiter der Tag voranschreitet, desto häufiger ertappt sie sich dabei, wie sie bei unerwarteten Geräuschen schreckhaft zusammenfährt und aus dem Fenster späht. Und als die Sonne sich im Westen auf die ferne blaue Kette der Berge senkt, da verschließt Dorothy sorgsam alle Türen. Aber die schnell hereinbrechende Dämmerung kommt hinter ihr her und blickt mit dunklen Augen durch die Fenster herein. Merkwürdig, was für ein anderes Gesicht die gewohnten alten Dinge zeigen! Die Bäume vor dem Haus sind zu erstarrten Gespenstern geworden, Aeste knarren im Wind, es raschelt im Gebüsch Dorothy lauscht. Nein, es war keine Täuschung, da ist es wieder und schon deutlicher: der dumpfe Hufschlag eines galoppierenden Pferdes! Endlich —! Sie läuft hinaus und kommt gerade dazu, wie der Reiter fein abgetriebenes Pferd vor dem Haufe pariert. „Halloh!" ruft sie erleichtert und erfreut. „Das ist fein, daß Sie heute noch kommen!" Er starrt von feinem Pferd auf sie herab und rührt sich nicht. Sie lächelt verstohlen. Ja, sie weiß, sie ist schön! Sie hat schon viele Männer so wortlos starren sehen. Man muß es ihm erleichtern. Herzlich streckte sie ihm die Hand entgegen und sagt ermunternd: ,Hch weiß alles! Georg hat mir geschrieben, daß er sie zu mir schickt. So, und setzt steigen Sie endlich ab und kommen Sie herein! Sie müssen Hunger haben!" Geschmeidig läßt er sich aus dem Sattel gleiten, nimmt den breitkrempigen Hut vom Kops und ergreift behutsam ihre Hand. „Alle Frauen meinen, daß Männer immer Hunger haben müssen. Aber in diesem Falle stimmt es sogar. — Ich heiße Morton." Seine Stimme ist merkwürdig, weich und melodisch. Der Lichtschein, der durch die offene Tür nach außen fällt, läßt erkennen, daß er feste, aber angenehme Züge hat. Sein Haar ist hell und windverweht. Dorothy muß unwillkürlich an Georges Worte denken: „Er mag dir etwas wild erscheinen ..." Das ist ein bißchen übertrieben. Wie anders Männer sehen! — Sie zeigt ihm den Weg zum Stall und geht dann in die Küche, um das Essen zu bereiten. / Längst ist sie damit fertig geworden, aber ihr Gast läßt auf sich warten. Da hält sie draußen nach ihm Umschau. Licht schimmert aus dem Stall. Morton ist noch mit seinem Pferd beschäftigt. Er hat es m-t Stroh abgerieben und hüllt es jetzt in warme Decken. Dabei spricht er halblaut zu dem Tier, das leise schnaubt, als ob es 'ihn verstünde. — Wunderlich berührt lauscht Dorothy dem Wohlklang seiner Stimme und entfernt sich leise, ohne ihn zu stören. — Etwas später sitzen sie sich im Wohnzimmer beim Essen gegenüber. Morton langt kräftig zu. Er ißt sehr hastig, wie ein Mann, der gewohnt ist, daß seine Mahlzeiten unterbrochen werden, aber er zeigt keine Gier dabei. Nachher brennt er sich eine Zigarette an. — „Wie geht es meinem Mann?" fragt Dorothy, als der blaue Rauch in feinen Schwaden durch das Zimmer zieht. — „Ihrem Mann —? Oh, ausgezeichnet. Ein glücklicher Mensch!" Dorothy sieht ihn fragend an. — „Nun, Sie sind sehr schön", sagt er einfach und hält ihren Blick fest. Seine Augen haben jene Farbe, wie man sie zuweilen bei alten Teichen sieht: etwas trüb und undurchsichtig und mit einem grünlichbraunen Schimmer. „Wir lieben uns sehr", sagt Dorothy hastig und weiß nicht, warum sie diesem fremden Mann, der Morton heißt, solche vertraulichen Geständnisse macht. Sie besinnt sich, wird verlegen und lenkt ab: „Sie gaben eine harte Zeit in Middleiown? Müssen sich oft herumschießen mit solchen Leuten wie Tom Burke?" . Er lächelt. „Mit Tom Burke schießt man sich nicht herum, man wird von ihm geschossen." Dorothy ereifert sich: „Oh, ich glaub das nicht! George hat Sie so gelobt! Er schreibt, daß er keinen besseren Schützen kennt als Sie." „Hat er das wirklich geschrieben?" Morton ist ausgestanden und steht dicht hinter ihr. Warum wagt sie es denn nicht, sich umzudrehen? Sie sieht nur seine rechte Hand, die sich auf die Lehne ihres Stuhles stützt. Eine starke, braune Hand „Wollen Sie hören, was er von Ihnen schreibt?" fragt Dorothy schnell. „Ich hab' es noch genau im Kops: Ich bin in Sorge um dich, denn ich kann erst übermorgen wieder bei dir sein, und du bist ganz allein in unserem kleinen Haus. Darum schicke ich dir.einen von meinen Leuten zu deinem Schutz. Er mag dir etwas wild erscheinen, ist aber durchaus zuverlässig und im Grund ein guter Kerl ..." Ihre Stimme zittert ein bißchen, denn die braune Hand ist jetzt verschwunden. „Außerdem", zitiert sie etwas lauter, „außerdem ist er der beste Schütze, den ich kenne, und darauf kommt es an!" Hinter ihr erklingt ein leises, sonderbares Lachen. Seine Hand legt sich auf ihre Schulter. Dorothy bewegt sich nicht. Ein ungeheuer wohltuendes Gefühl des Geborgenseins Überkommt sie mit einemmal, und seine weiche, melodische Stimme sagt: „So lange ich bet Ihnen bin, kann Ihnen nichts geschehen!" Sie weih: so ist es auch! Und jetzt kann sie sich auch umdrehen und dankbar lächeln. Er ist zum Fenster gegangen und sieht in die Nacht hinaus. Zwischen den Fingern seiner linken Hand hält er die erloschene Zigarette. „Es ist spät. Sie sollten schlafen gehen", sagt er. ,Zch wache draußen in dem Vorraum. Gute Nachtll' Gute Nacht! Dorothy schläft so ruhig wie lange nicht zuvor, seit George fort ist. Gegen Morgen wird sie durch das Geräusch von Huf- schlägey geweckt. Außerdem ruft jemand unten vor der Tür. Wo mag Morton sein —? Sie eilt hinab und öffnet. Der Reiter draußen sieht so wenig vertrauenerweckend aus, daß sie erschreckt nach Morton ruft. Aber Morton zeigt sich nicht. Der Ankömmling hat sich inzwischen vom Pferd geschwungen, grüßt höflich und kommt näher. ,^ier ist ein Brief von Mr. Gardener", sagt er und zieht ein Schreiben aus der Bluse. ,Jch komme leider etwas spät." Dorothy überfliegt die wenigen Zeilen. Kein Zweifel, der Mann ist von George geschickt! „Aber es ist ja schon jemand vor Ihnen gekommen", stammelt Dorothy verwirrt. „Wo ist der Mann? Wie sieht er aus?" Dorothy beschreibt Morton. Aber sie ist damit noch nicht am Ende, da unterbricht sie jener und läuft zum Stall. Wie durch Zauber ist jetzt ein großer, schwarzblau schimmernder Revolver in seiner Hand. Mit ein paar Schritten Abstand folgt Dorothy, ängstlich und verwundert. Der Stall ist leer. Ein paar Anzeichen verraten die Eile, mit der das Pferd gesattelt worden ist. Von Pferd und Reiter keine Spur. Der Neuankömmling steckt die Waffe wieder ein. „Es war ein mittelgroßer Mann?" fragt er. Dorothy nickt. „Mit einer weichen Stimme wie ein Sonntagsprediger?" Wieder nickt Dorothy. <• „Sann, weiß (Bott, ist er es selbst gewesen! Das war Tom Burke! — — Hallo, Frau Gardener ..." Er sprang hinzu und kam gerade noch zurecht, die lautlos Niedersinkende in seinen Armen aufzufangen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyxiot. — Druck und Verlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei ».Lange, Gießen.