MeheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 z Zreitag, den 26. August Nummer 66 D ikamps weiter, während das ft-!. Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. . schon beginnt dis Nacht niedeczusteigen, als sie den Busch am Fluß w ichen. Das Leittier geht jetzt noch ein Stück weiter vor; behutsam N argwöhnisch schreitet es dahin; denn dies ist die Stunde, wo der fine um den Weg sein kann. Es macht Schritt vor Schritt, bleibt Auer einmal wieder stehen und will sich schon zur Flucht anschicken, ®i" i> Busch und Baum im Zwielicht lebendig zu werden scheinen. Auch Herde, in ihrer Mitte die kleine Pallah, macht dann halt und rückt U nach, wenn es weiterläuft. Dicht aneinandergedrängt folgen sie den -“Übungen des gut ausgetretenen Pfades (wie viele Tiere mögen ihn B"12 im Lauf der Jahrhunderte so sestgetrampelt haben!) durch die ^!che. Die Pallah und ihr junger Kamerad sind an den andern ge- ftftn so klein, daß sie immer nur dann etwas sehen können, wenn ft zufällig zwischen den Tieren vor ihnen eine Lücke bildet. Sie wissen, Gefahr in der Luft liegt, daß sie sich nicht auf ihre eigenen Sinne Klassen können und daß ihre einzige Sicherheit der Platz in der Mitte Herde ist. Jeden Augenblick kann der Führer Alarm schlagen, und ’ iem Gewühl, das dann entsteht, können sie leicht aus der Reihe und -Hintertreffen geraten. Aber die kleine Pallah tröstet sich damit, daß ? Ehren jungen Freund hat; mag kommen was da will, sie beide ”r^en zueinander halten! Dort ergehen sich schon verschiedene Herden: Zebras, Oryx- und Elen- i ।«tilopen und Gazellen. Sie haben flüchtend ihre anderthalb Kilometer ! ^eteinander zurllckgelegt, sich dann aber über die Steppe hin verstreut, ; mb nun hält sich jede für sich auf ihrem eigens gewählten Weideplatz. Die kleine Pallah bleibt bei den Zebras und hält sich immer in der ; ®itte der Herde, die, von einem alten Hengst gehütet, langsam grasend f » iterzieht. Einmal — auf einem freien Platz zwischen zwei Büschen I - tut der Hengst plötzlich einen Sprung. Da — eine Kobra! Mit auf- ! I gi'ichtetem Kopf! Keine dreißig Meter davon entfernt stelzt ein weiß- düstiger, fast einen Meter hoher.Sekretär umher; seine Augen suchen 1 urig den Boden nach etwas Genießbarem ab. Die heftige Bewegung Zebras ist ihm nicht entgangen, und er weiß sie zu deuten. Mit aus- ' : «breiteten Flügeln segelt er auf die Stelle los — aber die Kobra ist Ifon unterwegs zu ihrem Loch. Ehe sie es aber noch erreicht, ist der I gel schon von oben über sie hergefallen und hält ihren Leib mit seinen jltarfen Krallen gepackt. Wütend krümmt sich die Schlange und stößt - immer wieder mit den Giftzähnen nach ihm; dann aber hüpft der Vogel i jtiesmal in die Höhe, um schon im nächsten Augenblick wieder nieder- : Maßen und zuzupacken. Unfähig, sich des Angreifers zu erwehren, j il-cbt die Kobra endlich regungslos liegen in der Hoffnung, der Sekretär h hebe sie für tot halten. Aber der Vogel hat schon mit mehr Schlangen H tun gehabt und ist gewitzigt: er zieht sich ein kurzes Stückchen zurück I verlegt sich aufs Beobachten, und in dem Augenblick, wo die Kobra, $ fc sich jetzt allein glaubt, wieder auf ihr Loch zusteuern will, übersällt ' » sie und hackt mit erneuter Kraft auf sie ein. Als er endlich die Ge- 1 weit hat, daß sie tot ist, reißt er ihren Leib in zwei Stücke, die er I icheinander in sein Nest befördert. Das alte Zebra, das die Kobra zuerst entdeckt hat, ist ein Weilchen Wen geblieben, um mit flüchtiger Anteilnahme dem Kampf mit dem kekretär zuzusehen, und die Herde hat sich in einer Gruppe hinter ihm ^gebaut. Aber im Dschungel ist eine solche Szene nichts Ungewöhn- ft's; auf jeden Fall geht sie dis Zebras recht wenig an. und es gibt u richtigeres, nämlich: sich fressend langsam aber stetig weiterzubewegen, : zur Zeit der Dämmerung am Fluß zu sein. Und so tobt denn der . Weikampf weiter, während das alte Zebra die Seinen querfeldein 6. Fortsetzung. Zerstoben ist der Heuschreckenspuk. Aber in der kurzen Zeitspanne is die ganze Vegetation abgenagt: die Bäume stehen kahl, ihrer Blätter «raubt; und wo vorher noch fußhohe Gräser im Winde geschwankt h:ben, starren jetzt kurze harte Stoppeln, die über und über mit zer- tampelten braungrünen Heuschreckenleibern besät sind. Die Zebras Decken die Köpfe zu Boden, um weiterzuäsen; aber diese borstenartigen- Überreste behagen ihnen nicht und sie beschließen, weiter zu wandern - so geht es hinaus aus dem heimgesuchten Stück Erde, an den Baum- Kletten vorbei, los auf das frische hohe Gras des verschont gebliebenen Mbelanbes. Plötzlich aber bleibt sie wie gelähmt stehen und ihr Herz pocht wie wild vor Schreck; denn aus der Ferne ertönt das Gebrüll eines Löwen! Immer wieder und wieder kommt es vom Fluß her — jetzt in dunklen Kehllauten, bann wieder als ein tiefes grimmiges Stöhnen. Die fürchterlichen Laute irren umher zwischen den Bäumen, werden als Echo zurückgeworfen, scheinen einmal aus dieser, dann wieder aus jener Richtung zu kommen---- Eine Sekunde lang steht die Herde unschlüssig. Was tun? Wohin? Bonn preschen sie alle wie auf Befehl in die offene Steppe hinaus. Angstschreie ertönen aus ihren Reihen; sie galoppieren mit einer Geschwindigkeit, daß die kleine Pallah wohl bald weit hinter ihnen zurückgeblieben wäre, hätte sie nicht immer wieder durch ihre weiten Sprünge an Boden gewonnen. Sie merkt, daß das junge Zebra mit einer Schnelligkeit, die nur die Angst ihm verleiht, fast Schritt mit ihr'hält, und chon steht sie durch das Gezweig der Büsche vor sich das freie Land schimmern. Da — ein furchtbares rauhes Gebrüll! Gerade rechts hinter ihrer Schulter! Jäh schwenkt sie nach links ab; obwohl sie nichts sieht, weiß sie, daß da eine Löwin aus sicherem Versteck einem Zebra auf den Rücken gesprungen ist. Durch das Stampfen der fliehenden Hufe hört sie noch den Todesschrei des sterbenden Tiers. Da sind sie schon in der Steppe! Aber nun muß noch ein Platz gesunden werden, wo sie sich ganz sicher fühlen können, und weiter geht es im Galopp, Seite an Seite die kleine Pallah und ihr junger Zebra- kamerad. Hyäne auf dem Heimweg. Hyäne und Schakal. — (Ein großer Braten. Das Perlhuhn. — Kamps mit einer Pythonschlange. Beutebeladene Heimkehr. Während Löwe und Löwin bei dem getöteten Zebra liegen, huschen von allen Seiten dunklen. grauen Schatten gleich Schakale und Hyänen durch die Büsche heran, um auf die Ueberrefte des Mahles zu warten. Sie vergehen fast vor Ungeduld, doch sie trauen sich nicht heran. Je später es wird, desto häufiger ertönt das schaurige, teuflischem Gelächter ähnliche Jammern der Hyänen, die vor Hunger schon bald außer Rand und Band sind. Die im Dunkel funkelnden Augen verraten, daß sie In höchster Bereitschaft stehen; leises Knistern und Knacken verrät, wie sie rastlos in den Büschen umherschleichen. Ader sie halten sich im Hintergrund, bis die Löwen fertig sind. Nur einmal wagt sich eine Hyäne in jugendlicher Unerfahrenheit näher heran, aber auf des Löwen zorniges Knurren flüchtet sie Hals über Kopf in den Schatten zurück. Endlich! Der Löwe erhebt sich, streckt sich gähnend und schlägt dann den Weg zum Fluß ein. Auch die Löwin ist satt, trennt sich aber nur ungern von der Mahlzeit; noch liegt sie da, holt sich noch mal einen Bissen, und noch einen; bann aber, als folge sie einem Ruf ihres Gebieters, steht auch sie auf, wirft noch einen letzten Blick auf das zerfleischte Zebra unb entfernt sich langsam. Und das ist jetzt der Augenblick für die Hyänen! Lechzend stürzen sie herbei und hauen gierig ein. Zuletzt reißen sie noch größere Stücke herunter, um sie zu den Ihrigen in den Bau zu schleppen. Erst wenn die Hyänen fort sind, kommen die Schakale an die Reihe; die fressen dann, was das Zeug halten will, bis zum Morgengrauen, wo sie dann von Milans, Marabus und Geiern verjagt werden. Vier Hyänen, jede mit einem Klumpen Fleisch beladen, verlassen den Platz. In einem Abstand von zwanzig bis fünfundzwanzig Metern trippeln sie im Gänsemarsch hintereinander her — große häßliche Tiere mit plumpem Kopf, grimmiger Schnauze und von den Schultern bis zum Hinterteil schräg abfallendem Rücken. Geräuschlos nähern sie sich dem Fluß und halten sich dabei dicht unter den Büschen aus einem Wechsel, der einen halben Kilometer abwärts zu ihrem Bau führt. Plötzlich — etwa fünfzig Meter vom Ufer entfernt — bleibt die erste mit gespitzten Ohren lauschend stehen. Aus den Büschen vor ihr nähern sich zwei von ihrer Sippe — es sind Weibchen, die aus dem Bau kommen, um zu sehen, was ihre Männer an Beute heimbringen. Eine Minute lang bleiben die beiden vordersten Tiere in einem Abstand von einem Meter einander gegenüber stehen, als müßten sie sich erst argwöhnisch betrachten. Dann trottet die Jagdgesellschaft beutebeladen weiter, die andern machen kehrt und schließen sich an. Nur einer von den Vieren läßt plötzlich seine Bürde der Gefährtin zu Füßen fallen unb breht um. Seine Aufgabe ist es ja, das Aas zu erraffen, und ihre, es zu holen unb weiterzuschleppen. Mit leisen flüchtigen Schritten geht es also den gleichen Weg wieder zurück. Die Hyäne steuert geradewegs auf bis Stelle los, wo bas Aas liegt. Der erste fahle Schimmer des nahenben Tages erhellt bereits ben Himmel. Schon hat ein einsamer Geier, der hoch oben in ben Lüsten segelt, die Beute erspäht unb streicht nun herab; andre weit über ihm ziehen ihre Kreise allmählich tiefer, bis auch sie sich schließlich zu Boden lassen. Die Schakale, die ganz in ihre Tätigkeit vertieft sind, werden mit zu- Die Giraffenmutter. Wachsende Unsicherheit. — Löwe auf vergeblicher Jagd — D i e Giraffenmutter. — Die Einkreisung. Ihre gefährlichste Waffe. — Eine bange Stunde. Abziehcnder Feind. Während der nun folgenden Wochen blieb die kleine Pallah bei den Zebras, weniger deswegen, weil sie sich bei ihnen besonders geborgen fühlte, als weil sie Gesellschaft gefunden hatte: beim Spielen, beim Weiden, beim Rasten — immer und überall war ihr das junge Zebra zur Seite. Es nahm sie auch in Schutz bei den nicht eben seltenen Streitereien, die gern entstanden, wenn die Tiere in ihrem Eifer, die ersten am Wasser oder an den besten schattigsten Plätzen zu sein, einander stießen und anrempelten. Und die kleine Pallah sand, daß sie unter ihres Freundes nehmender Helligkeit nervös, denn allmählich wird es höchste Zeit für *'e' Mit°einem kurzen drohenden Jaulen springt die Hyäne mitten unter sie um nochmals ein Stück Aas zu ergattern. Sie reißt ein Stuck Bein ab, das für sie säst zu schwierig zu tragen ist; so packt sie es im Mütel- nel'enk mit den Zähnen, daß es zu beiden Seiten zwischen ihren Kiefern heraussteht Jetzt schnell zurück! Wie sie durch die Busche lauft, wird ihr der Kops dahin und dorthin gerissen, je nachdem sich das eine oder >andere Knochenende in den Zweigen verfangt Unter einem Baum n^t weit vom Fluß bleibt sie einen Augenblick stehen und legt den Knochen hm, ■ um ihn wieder besser packen zu können. Doch da hebt sie nut ememmal den Kopf, die Nase mit den schnuppernden Nüstern nach links gerichtet, den ganzen Körper erwartungsvoll gespannt. Sie hört etwas. »Schrapp, schrapp — schrapp, schrapp" macht es. Hinter einem nahen Busch macht sich ein Mungo mit den Ueberresten von irgend etwas zu schassen. Anscheinend gibt es da noch was zu holen! Möglich, daß em Serval es übrig gelassen hat. Unschlüssig bleibt die Hyäne stehen; der schwere Knochen allein ist schon lästig genug zum Tragen, aber hier wäre nun eine Gelegenheit, noch ein weiteres Stück Beute zu erraffen, und einerlei, ob sie es wird schleppen können oder nicht — sie muh wenigstens einmal nachsehen, was das eigentlich ist. Also läßt sie ihren Knochen unter dem Baum liegen und schleicht ins Gebüsch. , . Beim Geräusch ihres Nahens flitzt der Mungo davon und laßt seinen Schatz zurück — die Ueberbleibsel eines Perlhuhns. Aermlich! Besonders im Vergleich zu Zebra! Und außer einer wirren Federmasse ist herzlich wenig mehr davon übrig! Ader mitgenommen wird es doch Sie packt es also zwischen die Zähne und während der eine zerfetzte glugel am Boden schleift, läuft sie zu ihrem Baum zuruck, um nach Möglichkeit Zebrabein und Perlhuhnrest zusammen aufzuladen Als sie auf die kleine Lichtung kommt, wo der Baum steht, stutzt sie von neuem. Eine wohl mehr als sechs Meter lange Pythonschlange hegt lang auf einem niedrigen Ast und läßt ihren Kopf zum Boden herab- hänqen. Jetzt gleitet sie langsam nach unten — Kopf und halber Vorder- leib kriechen schon auf dem Boden, während das Schwanzende noch um einen Ast gewunden ist. Obgleich die Pythonschlange es in keiner Weise auf das Stuck Aas abgesehen hat, das die Hyäne am Boden niedergelegt hat, gerat sie zufällig beim Abgleiten vom Baum so dicht im dessen Nahe, daß die in argwöhnischer Habgier lauernde Hyäne besorgt ist, um ihr Hab und Gut I geprellt zu werden. Zwar ist sie feig von Natur — aber wenn es um ihr Eigentum geht, setzt sie sich erbittert zur Wehr. Heute morgen aber ist sie besonders kämpferisch aufgelegt, denn sie weiß, daß niemand von der ganzen Sippe so große Beute gemacht hat wie ste. So laßt sie das Perlhuhn fahren und fpringt auf die Pythonschlange los, die sich mit aufgerichtetem Kopf nach rückwärts zieht, wobei ihr Leib eine nefige 8-Form beschreibt; aber die Hyäne rückt ihr nach und schnappt zu. Sie verfehlt den Schlangenleib um Zollbreite und ihre Zähne schlagen klappend aufeinander. Im gleichen Augenblick fährt die Schlange herab, der Kops schießt über den Rücken der Hyäne hinweg und die Ringe schließen sich um den Leib des Feindes. Wieder beißt die Hyäne zu — — enger und fester noch pressen sich die Ringe um sie zusammen, ziehen sie zu Boden, sind nahe daran, sie zu erdrosseln. Doch der zweite Biß der Hyäne sitzt gut; sie hat sich tief im Fleisch der Schlange festgebisfen und zerrt und reiht unter gehässigem Knurren und Gurgeln. Läßt auch nicht locker, als ihr schon fast der Atem ausgeht. Endlich gelingt es ihr, ein ganzes Stück Fleisch aus dem Schlangenkörper dicht hinter dem Kopf heraus- zureihen. Da lockern sich plötzlich die Ringe, der Schwanz gleitet schlajf vom Baum herab, der Python liegt im Todeskampf. Die Hyäne arbeitet sich aus der sie noch umgebenden Masse heraus, schüttelt sich, wirst einen Blick auf den Schlangenkadaver, beschnüffelt ihn, chüttelt sich abermals und packt sodann ihre beiden Trophäen auf: das Zebrabein und die zerfledderten Ueberrefte des halbverspeisten Perlhuhns. Sie ist noch nicht weit damit gekommen, da rutscht ihr der Bogel aus dem Maul. Sie beißt wieder zu, bekommt die eine Flügelspitze zu fassen und schleppt die Last, die ihr nun zwischen den Beinen schleift, weiter. Es geht dem Bau zu: einer Reihe enger Gänge in einem Felshaufen nah beim Fluß. Bon drei Hyänenfamilien bewohnt, stellt er eine Art finsteres übelriechendes Verließ dar. Außen am Eingang liegen ein paar Knochen; mit einem davon spielen zwei junge Hyänen. Im Innern des Baues kauern auf dem Boden die fünf großen Hyänen und sichren sich die Ausbeute der vergangenen Nacht zu Gemüte; die Knochen splittern und krachen zwischen ihren Kiefern, und ihr Mahl ist schon beinahe beendet, als der Pythonbezwinger erscheint und seiner Gattin Zebrabein und Perlhuhn zu Füßen legt — und sie verschmäht es nicht, mit ihm gemeinsam noch einmal zuzulangen; mit erneutem Appetit reiht sie das Fleisch vorn Knochen herunter, während ihre beiden Kleinen herberkrabbeln, um sich an den Gesliigelresten gütlich zu tun. Erst als alles bis auf einige herunifahrende Abfälle vertilgt ist, legen sich die Hyänen zum Schlafen hin. Und so bleiben sie den ganzen Tag auf dem Boden ihres von beißendem Gestank erfüllten Baues liegen — eng aneinanbergeprefjt, eine einzige Masse struppigen grauschwarzen Fells. Schutz oft ein viel besseres Plätzchen eroberte, als es ihr allein möglich , g°°Die" Herde' als Ganzes schenkte ihr nur geringe Aufmerksamkeit. Hie und da tarn wohl so ein nörgeliger alter Wichsigmacher her zu ihr und versetzte ihr eins mit der Schnauze. Sie sollte es nur fühlen, daß ie nichts andres als ein lästiger Fremdling war. Aber die meisten hetzen fie in Ruhe, und es wurde ihr nicht verwehrt, sich bei den lungeren Herdentieren^ auszuhalten. Mit der Zeit gewöhnte sich sogar die Mutter des jungen Zebras daran, die kleine Pallah saft wie ihr eignes Fleisch und Blut zu betrachten. Wenn der Sohn umherstrolchte, kam sie gelaufen und schubste ihn mit der Schnauze zu einem gesicherten Platz kehrte um und wiederholte dasselbe bei der Pallah, jagte sie >n die TOitte ber Sjerbe, unb wenn sie sich nicht genug beeilte, stieß sie sie mit der Schnauze m die Seite. Wenn das Gebrüll des Löwen zu hören war, wenn bie Km labile wieder mal ein Opfer gefordert hatten oder sonst eine Gefahr um den Weq war, pflegte fie sich erst zu vergewissern, ob auch der eigne Sprößling in ihrer Nähe weilte;- danach «der schaute sie jedesmal auch nach der kleinen Pallah aus, ob die sich nicht leichtsinnig der Gefahr aU5Ueberl)aupt war die ganze Herde jetzt sehr scheu geworden. Eine Woche nach dem Uebersall der Löwen war wieder em anderes Tier zerrissen worben? diesmal als Opfer der Krokodile; und obgleich die Zebras der Not ge< horchend regelmäßig zum Trinken an den Fluß kamen, zauderten fi« doch immer lange, kehrten vorher um, kamen wieder, und machten danach fo an die fünf-, sechsmal, bis sie die Gewißheit erlangt hatten, dof sie nun ungefährdet zum Flußufer vorgehen konnten. Tag und Nach! waren sie jetzt argwöhnischer denn je, sprangen vor jedem Schatten davon, schreckten bei der unerwarteten Bewegung eines Vogels zusammen, Der ließen sich weniger auf ihre Schildwachen und hoben beim Grasen em übers andre Mal die Köpfe, um lauschend auszuspahen. Bald hatten fie mit ihrer Furchtsamkeit auch die andern Herden am gesteckt. Wenn fremde Zebras, Gazellen oder Gnus ihre übergroß« famteit bemerkten und Zeuge waren, wie fie beim Ietfesten urivermutetex Geräusch aufsprangen, beobachteten auch sie selber eine besondere Ve^ sicht; so teilte sich denn Nervosität und Aengstlichkeit auch denen mit, du gar nicht wußten, welche Gefahr drohte. Es lag einfach m der Lust. 5)a tonnte fo eine Herbe aus einem ganz andern Teil der Steppe Herkommen gleich hatte sie heraus, daß hier eine mehr als alltägliche Wachsam!' qeübt wurde; angesichts der allgemeinen Unruhe wurde nun auch su selbst nervös. Elefanten und Nashörner übrigens wurden von der banf? lichen Stimmung nicht minder erfaßt als die kleinen Mungos urch di Klippschliefer. Auch die Löwen, die die Miturheber der ganzen Aufregui-z waren, spürten die Unruhe der Tiere, an die sie sich anschlichen, merkten, daß sie größer war als sonst, und ohne den Grund zu wissen, nahm« sie selber etwas von dieser Art an und legten jetzt eine gesteigerte Way famteit und Vorsicht an den Tag. Während sich die Dinge in dieser Weise entwickelten, wuchsen dsi Löwenjungen immer mehr heran, unb je großer sie wurden, um so mch Futter brauchten sie. Immer öfter wurde es für die Löwen notig, au Jaqd zu gehen, wenn auch die übermäßige Scheu des Wildes den sicher-' Erfolg mehr denn je in Frage stellte. Geschah es doch mehr als einmal, baß Lowe und Löwin des Nachts ausgingen und ohne Beute heimkehrten, und dann waren die Kleinen den Tag drauf hungrig und verdriehlick. Den Tieren war jetzt aber auch kaum mehr beizukommen! Kaum reg e sich bei ihnen der Verdacht einer Gefahr, dann waren sie schon über au Berge; sonst hatten sie die Gewohnheit, wenigstens noch so lange wartend und gespannt dazustehen, bis sich ihr Argwohn noch mehr «■1 bidjtete- in diesem Augenblick hatte der Lowe dann oft Erfolg. Jetzt *' gegen! Gerade kürzlich war es der Löwin noch folgendermaßen gegangen sie war der Zebraherde, bei der die kleine Pallah lebte, mehr als z°><> Stunden lang durch dick und dünn gefolgt, immer in guter Grasdeckm-j Endlich denn hatte sie den Sprung gewagt, wie gewöhnlich nach öa)uu*i und Hals zielend. War da nicht das Zebra gleich beim ersten leisen JW schein im Gras davongestürzt? Öerabc knapp sein Hinterteil hatte sie not packen und ihm ein paar lange Schrammen ms Fell reißen tonn ", basür aber die ausschlagenden Hinterhufe des Flüchtlings in den -Baut gekriegt! Schon wieder ist eine nächtliche Streife ergebnislos verlaufen. In M Frühe kehrt die Löwin zu ihren Jungen ins Lager zurück, wahrend Löwe seine Jagd fvrtsetzt. - Dort schleicht er durchs hohe braune Gr-' bas seinen Rücken knapp cerbetft! Behutsam bringt er vorwärts, bar- keine ausfällige Bewegung der Halme seine Anwesenheit verrat. A hat er eine Gnuherbe gesichtet, unb sofort schleicht er sie an Nun ift « keine dreißig Meter weit mehr von ihr entfernt und duckt sich meo« denn er weiß: wenn er jetzt weiter vorkriecht, werden ihn die Wach-"' die sich ihm eben zukehren, entdecken, und bann hat er wieder einmal » Nachsehen. Bleibt er aber unbeweglich liegen, werden sie ahnungslos ihn zugerast kommen, und bann kann er sich in voller Grasbeckung not näher aus sie zuschleichen, nah genug zum Sprung. Aber wenn auch die Herde langsam und stetig auf ihn zuruckt — ° Wachen müssen etwas gemerkt haben! In unverkennbarer Unruhe die* fie stehen unb starren in der Richtung, wo der Lowe versteckt kaue Sofort macht auch die Herde halt. Die Tiere grasen zwar ruhig w-iia ohne äußere Zeichen der Aufregung, innerlich ist aber ein ledes M auf dem Sprung, beim ersten Warnungszeichen loszugehen. Endlich «KV sich eine der Wachen ein paar Meter weiter vor. Der Lowe ruh« m regt sich nicht. Aber das Gnu wittert plötzlich Gefahr; ohne weiter■ nW zuforschen, macht es kehrt und springt davon. AugenblicNich donnert andre Woche und die ganze Herde quer über die Steppe dahm! Nutzlos, do zu folgen. Es gibt noch mehr Tiere, man braucht w lange zu suchen; vielleicht wird er bei einer andern Herde mehr ® haben. Und ohne seinen Rücken aus dem Grasmeer auftauchen zu W schleicht der Lowe zurück. (Fortsetzung folgt.) Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist ... Von I. W. von Goethe. Wer von der Schönen zn scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiefsten entstammt ist, Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück. Frage dich nicht in der Nähe der Süßen: Scheidet sie? Scheid ich? Ein grimmiger Schmerz Fasset im Kramps dich, du liegst ihr zu Füßen, Und die Verzweiflung zerreißt dir das Herz. Kannst du dann weinen und siehst sie durch Tränen, Fernende Tränen, als wäre sie fein: Bleib! Noch ist's möglich! Der Liebe, dem Sehnen Neigt sich der Nacht unbeweglichster Stern. Fasse sie wieder! Empfindet selbander Euer Besitzen und euren Verlust! Schlägt nicht ein Wetterstrahl euch auseinander, Inniger dränget sich Brust nur an Brust. Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist, Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück. hatte. Er ist von mittlerer Gröhe, trägt sich steif und geht auch so; fein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr eindrucksvoll, lebhaft, und man hängt mit Vergnügen an seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett und schien mir älter auszusehen, als er meiner Berechnung nach wirklich sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm, seine Erzählung fließend, geistvoll und belebt; man hört ihn mit überaus vielem Vergnügen; und wenn er bei gutem Humor ist, welches diesmal so ziemlich der Fall war, spricht er gern und mit Interesse. — Unsere Bekanntschaft war bald gemacht und ohne den mindesten Zwang; freilich war die Gesellschaft zu groß und alles auf seinem Umgang zu eisersüchtig, als daß ich viel allein mit ihm hätte sein oder etwas anderes als allgemeine Dinge mit ihm sprechen können. Hölderlin, 19. Januar 1795: 'Auch mit Goethen wurd ich bekannt. Mit Herzpochen ging ich über seine Schwelle in Weimar. Das kannst Du Dir denken. Ich traf ihn zwar nicht zu Hause, aber nachher bei der Majorin v. Kalb. Ruhig, viel Majestät im Blicke und auch Liebe, äußerst einfach im Gespräche, das aber doch hie und da mit einem bittern Hiebe aus die Torheit um ihn und ebenso bittern Zuge im Gesichte — und dann wieder von einem Funken seines noch lange nicht erloschenen Genies gewürzt wird, — so sand ich ihn. Man sagte sonst, er sei stolz; wenn man aber darunter da^ Nieder- drückende und Zurückstoßende im Benehmen gegen unsereinen verstand, so log man. Man glaubte oft einen recht herzguten Vater vor sich zu haben. Noch gestern sprach ich ihn hier in Jena im Klub. Jean Paul, 18.Juni 1796: Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Goeche. Die Oscheim und jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde. — Ostheim sagte: Er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich; — jedes Wort sei Eis, zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse; er habe etwas Steifes, reichsstädtisch Stolzes — bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an, daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen könne. — (Ostheim rät mir überall Kälte und Selbstbewuhtsein an.) Ich ging ohne Wärme, bloß aus Neugierde. Sein Haus (Palast) frappiert: es ist das einzige in Weimar im italienischen Geschmack, mit solcher Treppe, ein Pantheon voll Bilder und Statuen; eine Kühle der Angst presset die Brust, — endlich tritt der Gott her; kalt, einsilbig, ohne Akzent. Sagt KnebeOz. B.: Die Franzosen ziehen in Rom ein. — Hm! sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig, sein Auge ein Licht (aber ohne angenehme Farbe). Aber endlich schürete ihn nicht bloß der Champagner, sondern die Gespräche über die Kunst, Publikum usw. sofort an, und — man war der Goethe. Er spricht nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharf bestimmt und ruhig. * Voß, 9. April 1804: . , . £ . . Ihm bei Tische gerade entgegen zu fitzen und in sem feuriges treses Auge zu blicken, ist eine wahre Wonne. (Goethe sagt selbst einmal was Aehnliches in seinem .Götz'.) Es drückt sich in seinen Zügen bei aller Majestät so viel Güte und Wohlwollen aus. Nie aber ist er angenehmer und liebenswürdiger als des Abends in seinem Zimmer, wenn er aus- aezoqen ist und entweder mit dem Rücken gegen den Ofen steht oder auf dem Sofa fitzt. Ja, da wird es unmöglich, sich ihm nicht hiNzugeben. Ob es die Ruhe macht, die abendliche -Stille, das Gefühl der Erholung von oft schweren Arbeiten, ober was es ist: dann ist er am heitersten und gesprächigsten, am offensten und herzlichsten. Ja, Goethe kann die Her^ lichkeit selbst sein. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren. Johanna Schopenhauer, 28. November 1806: . Welch ein Wesen ist dieser Goethe! wie groß und rote gut! da ich nie weiß ob er kommt, so erschrecke ich jedesmal, wenn er ins Zimmer tritt- es ist als ob er eine höhere Natur als alle übrigen wäre; denn ick sehe deutlich, daß er denselben Eindruck auf alle Übrigen macht, die ihn doch weit länger kennen und ihm zum Teil auch weit naher stehen als ich Er selbst ist immer ein wenig stumm und auf eine Art immer verlegen wenn er kommt, bis er die Gesellschaft recht angesehen Hatzum au wissen wer da ist. Er setzt sich bann immer dicht neben mich, etwas rurück so daß er sich-aus die Lehne von meinem Stuhle stutzen kann; ich fange'dann zuerst ein Gespräch mit ihm an, bann wird er (ebenbtg unb unbeschreiblich liebensroürbig. Er ist das vollkommenste Wesen baß ich kenne, auch im Aeußeren; eine hohe, schöne Gestalt, die sich sehr gerade hält sehr sorgfältig gedeihet, immer schwarz oder ganz dunkelblau die Haare recht geschmackvoll frisiert und gepubert, rote es seinem Alter atcmt, unb ein gar prächtiges Gesicht mit zwei klaren braunen Augen die mild unb durchbringend zugleich sind. Wenn er spricht, verschönert er sich unglaublich; ich kann ihn bann nicht genug ansthen. Er spricht von allem mit, erzählt immer zwischendurch kleine Anekdoten, brück niemand durch seine Größe. Er ist anspruchslos wie em Kind; es ist unmöglich, nicht Zutrauen zu ihm zu fassen, wenn er mit einem spricht, und doch imponiert er allen, ohne es zu challen. Letztens trug ich shm feine Tasse zu wie das in Hamburg gebräuchlich ist, daß sie nicht kalk würde unb er küßte mir bie Hand. Alle die in ber Nahe waren, sahen es mit einer Art Erstaunen. Es ist wahr, er steht so königlich aus: daß bei ihm die gemeinste Höflichkeit wie Herablassung erscheint, unb er selbst scheint bas gar nicht zu wissen, sonbern geht jo hin in feiner stillen Herrlichkeit wie die Sonne. * E v. Psuel, 22. August 1810: , , . Spaßhaft ist es, zu sehen, wie ber alte Meister diejenigen behandelt, welche im Bewußtsein eigener Berühmtheit sich an ihn drangen und ihr. “nieUig s Streben bei ihm geltend machen wollen. Unter anderen begegnete er Campe im Saale zu Karlsbad. Dieser sagte Goethen eine Bildnis eines großen Menschen. Goethe in der Schilderung seiner Zeitgenossen: zu seinem Geburkstage am 28. August. 3. Ch. Kestner, Mai 1772: Er ist in allen seinen Affekten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denkungsart ist edel, von Vorurteilen so viel frei, handest er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt ob cs Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt. Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er ist bizarre und hat in seinem Betragen, seinem Aeußerlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bei Kinbern, bei Frauenzimmern und vielen anderen ist er doch wohl angeschrieben. Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung. * Heinse, 13. September 1774: . „ . „ Goeche war bei uns, ein schöner Junge von fünfundzwanzig Jahren, der vom Wirbel bis zur Zehe Genie und Kraft und Stärke ist; ein Herz voll Gefühl, ein Geist voll Feuer mit Adlerflügeln ... * H. Jacobi, 17. August 1774: _ ,, „ ........ Je mehr ich's überdenke, je lebhafter empfinde ich die Unmöglichkeit, dem, der Goethe nicht gesehen, noch gehört hat, etwas Begreifliches über dieses außerordentliche Geschöpf Gottes zu schreiben Goethe ist, nach Heinses Ausdruck, Genie vom Scheitel bis zur Fußsohle; ein Besessener, füge ich hinzu, dem fast in keinem Falle gestattet ist, willkürlich zu handeln Man braucht nur eine Stunde bei ihm zu fein, um es tm höchsten Grade lächerlich zu finden, von ihm zu begehren, daß er anders denken unb handeln soll, als er wirklich denkt und handelt. ♦ Wieland, 13. November 1775: Ich muß Ihnen sagen, daß feit letztem Dienstag Goethe bei uns ist, und daß ich den herrlichen Menschen binnen drei Tagen so herzlich liebgewonnen habe, so ganz durchschaue, suhle und begreife, s 9 3 von ihm bin - wie Sie besser sich selbst vorstellen, als ich Ihnen beschreiben könnte. * Jffland, 29. Dezember 1779: hi Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen -st; Wenn er die Augenbrauen in die Höhe zieht, so ist s, als ginge der Hirnknochen m . Ich lernte ^Goethe" zuerst^ an einem Tage pe r f ö n I i^f e n n e ntimf e tne Menschlichkeit sich ganz heilig und rem offenbarte Er gab ein Kinder fest in-einem ©arten unweit Weimar. Es galt, Osterewr auszuwittern. Die muntere Jugend, worunter auch kleine Herder und Wielande w , zerschlug sich durch den Garten und balgte sich bei dem Entdecken der schlau versteckten Schätze mitunter nicht wenig. . |h Ich erblicke Goethe noch vor mir. Der stattliche Mann im goldve brämten blauen Reitkleide erschien mitten in d'efer mutwilligen Oueck- silbergruppe als ein wohlgewogener, aber ernster Vater der Ehrsurcht unb Liebe gebot. Er blieb mit den Kindern beisammen bis nach' s°un°n Untergang unb gab ihnen am Ende noch eine Naschpyram de preis, welche die Cocagnen zu Neapel gar nicht übelnachbildet. der an der Kindheit und an der Musik Ergehen fmdet, st em ed Mann, wie schon Shakespeare behauptet, welchen Satz mir auch die Erfahrung mehr als einmal in das Buch meiner heiligsten Wahrheiten einschrieb. * Sein Aster Andllck stimmt^die hohe Meinung ^«nAich tief herunter, die man mir von dieser anziehenden und schonen Figur beigebracht Menge artiger Dinge In recht deutschgewandten Perioden, worauf Gockhe dem Puristen als Erwiderung so vieler Höflichkeit die einsache frrage tut: Wie konvertiert Ihnen- das Bad? Kann man maliziöser sein? Goethe spricht leise und sehr gemessen, aber mit einer unglaublichen Sicherheit und funkelnden Augen, die seltsam genug mit der Ruhe und mit dem Maße in sernen Worten abstechen. Kügelgen, 24.2IpriI 1813: • Ich sprang fort, um die Tür zu offnen, und herein drang eine unbekannte Dame, groß und stattlich wie ein Kachelofen und nicht weniger erhitzt. Mit Hast rief, sie mich an: Ist Goethe hier? — Goethe! Das war kurz und gut. Die Fremde gab ihm gegen mich, den fremden Knaben, weiter kein Epitheton, und kaum hatte ich Zeit, mein einfaches Ja herauszubringen, als sie auch schon, mich fast übersegelnd, unangemeldet und ohne üblichen Salutschuß wie ein majestätischer Dreidecker in dem Zimmer meiner Mutter einlief. Mit offenen Armen auf ihren Götzen zu- schreitend, rief sie: Goethe, ach Goethe, wie habe ich Sie gesucht! Und war dann das recht, mich so in Angst zu setzen? Sie überschüttete ihn nun mit Freudenbezeigungen und Vorwürfen, Unterdessen hatte sich der Dichter langsam umgewendet. Alles Wohlwollen war aus feinem Gesichte verschwunden und er sah düster und versteinert aus wie eine Rolandsäule, Auf meine Mutter zeigend, sagte er in sehr prägnanter Weise: Da ist auch Frau von Kügelgen. Die Dame machte eine- leichte Verbeugung, wandte bann aber ihrem Freunde, dessen üble Laune sie nicht bemerkte, ihre Breitseiten wieder zu und gab ihm eine volle Ladung nach der andern, von Freudenbezeugungen, daß sie ihn glücklich geentert, beteuernd, sie werde sich diesen Morgen nicht wieder von ihm lösen. Jener war in sichtliches Mißhaben versetzt. Er knöpfte seinen Oberrock bis ans Kinn zu, und da mein Vater eintrat und die Aufmerksamkeit der Dame, die ihn kannte, für einen Augenblick in Anspruch nahm, war plötzlich Goethe fort. Kaiser Nikolaus von Rußland, Mai 1821: Die äußere Erscheinung des alten Olympiers muß Nikolaus außerordentlich imponiert haben: denn der Kaiser bemerkte darüber: „Ein prächtiger Kopf, der Kopf eines Jupiter Stator. Weiter meinte der Kaiser: Er hat durch seine göttliche Ruhe und durch fein ernstes, gehaltenes Wesen einen ganz gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Er erweckte Achtung durch diese Ruhe und durch seine schlichte Haltung." F. Gkillparzer, 29. September 1826: Endlich öffnete sich eine Seitentüre, und er selbst trat ein. Schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung, trat er unter uns, wie ein Audienz gebender Monarch. Er sprach mit diesem und jenem ein paar Worte und kam endlich auch zu mir, der ich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stand... Ich gestehe, daß ich mit einer höchst unangenehmen Empfindung in mein Gasthaus zurückkehrte. Nicht als wäre meine Eitelkeit beleidigt gewesen, Goethe hatte mich im Gegenteile freundlicher und aufmerksamer behandelt, als ich voraussetzte. Aber das Ideal meiner Jugend, den Dichter des „Faust", „Clavigo" und „Egmont" als steifen Minister zu sehen, der seinen Gästen den Tee, segnete, ließ mich aus all meinen Himmeln herabfallen. Wenn er mir Grobheiten getagt, und mich zur Türe htnaus- geworfen hätte, wäre es mir fast lieber gewesen. Ich bereute fast, nach Weimar gegangen zu sein. (Zusammengestellt von Dr. F. H.) Alle Gaffen. Von Walther Georg Hartmann. Die gewundenen Gassen der alten Städtchen — auf den Plänen können sie mit geheimer Sprache zu uns reden wie die Jahresringe der Bäume; Jahrhunderte, Geschichte, vorübergerolltes Ereignis sind in ihren Zügen aufgezeichnet. Der erste Straßenring, der sich außen um den Mauerring legte, der Ring eines Jahrhunderts, das nicht nur Stadtwall-Tore, sondern Tore- der Erde und des Welthimmels ausriß,> rundet sich am deutlichsten auch als Schicksalsring vor unseren Augen auf dem Papier des Plans. Wenn wir aber durch die Gassen gehen, so stellen sie die Jahrhunderte selbst vor uns hin. In die Anmut ihrer Biegungen, in das Wunder ihrer alten und noch lebendig dienenden Schönheit, mit der sie unsere Blicke entzücken, klingen doch die Stimmen der Geschichte ein. Da schwebt nicht nur der Zauber alter Giebel im sanftem Rauch, steht nicht nur das kräftige Gegitier holzbraunen Fachwerks, zierliches Treppengeländer, liebliche Erker, biedere Messinggriffe an geschnitzten Türen, da spricht aus den schönen Kulissen einer Märchenhasten und doch lebenswirklichen Bühne auch Geschehnis um Geschehnis selbst uns an, das einst diese kleine Stadt betraf, schrecklich ober segensreich, zerstörerisch ober bekräftigend. Daß die Geschichte in so zeugenhasten Zeichen zu uns redet und auch im vielleicht geringen Ereignis eines abseitigen Städtchens doch auf große, durch Deutschland rollende Jahrhunderttaten hinweist, dies eben gehört zum Glück des schauenden Schlenderns in den alten Gassen. Dort das Wappen einer einstigen Bistumsstadt, wie kommt es, so weit abgelegen, hier an bas schmale, frühere Rathaus? Es erzählt von einstiger Herrschaft, von späterer Auflehnung und vielerlei Zwist um Besitz und Macht. Ein Gemäuer, nicht nur ein verfallenes, auch eine an die ältere ansetzende jüngere Wand von Speicher ober Turm kann einen ganzen Kriegsbericht geben. Inschrift und Zunftzeichen, Krane in gestuften Giebeln unb Zinnen mitten in häuslichen Dächern, sie alle geben Rechenschaft, und uns, die wir nur in die Gassen der alten kleinen Städte schauen wollen, flüstern sie vieles zu von der Geschichte dieser ihrer kleinen Stadt, der des Landes um sie her, der ganz Deutschland, ja — wenn wir in Zeichen nur recht lesen — auch vom Geschehen Europas und vielleicht der Weltgeschichte. Das wahre Teilhaben an der Welt beginnt beim Zugehören zum Allernächsten. Wer sein Schicksal nicht aus den Verbundenheiten löst, wird auch sein eigenes Schicksal haben. Die alten Gassen in ihren alten Städtchen zeigen es im Namen an. Es ist einerlei, welche mir durchsuchen; Deutschlands Reichtum an bewahrten Jahrhunbertspuren ist groß. Der Mensch nimmt bie frohen Ereignisse, selbst bie ungewöhnlichen, eher mit in den vergeßlichen Alltag.hinein, als bie bitteren. So haben — auch in ben Namen ber alten Gassen — Schrecken und Nöte öfter ihr Zeichen hinterlassen. (Der ereignislose schöne Alltag freilich über« wiegt im ganzen mit seinen Namen nach Handwerk und Handel unb Nachbarschaft.) Da ist, am Raube eines fröhlichen Stäbtleins, bas van einer üppigen Barockkirche überragt wirb, das „Totengäßlein". Vielleicht weil der Name in bie heitere Anmut bes Ortes zwischen Weinhang und Wald, zwischen singenden Brunnen und blühenden Oleandertöpfen nicht passen will, trägt die Gasse ein anderes Namensschild. Die alte Bezeichnung aber lebt noch, zumal bei ben älteren Leuten. Was ift’s bamit? Noch härter hätte sie auch Pestgasse heißen können. Denn wir hören bazu: Von ber Pest bes Jahres 1635 würben hier nur bie Bewohner dieses Gäßchens befallen. Abgesperrt und bewacht, schloß es sich als Unglücksreich über den Menschen in diesen zwanzig Häusern. Durch das Tor, dessen aufgemaltes schwarzes Kreuz davon noch Kunde gab, wurden still unb eilig die Toten auf ben Pestfriedhof getragen. Er ist längst überbaut; das schwarze Erinnerungszeichen nicht nur, sondern das ganze Tor ist seit etwa hundert Jahren verschwunden. Aber im Namen „Totengäßlein" lebt noch heute das Gedächtnis an ein Schicksal, das nach unerforschlichem Gesetz gerade diese Handvoll Häuser befiel. Unb da ist anderwärts bie „Franzosengasse". Auch sie weiß vom Sterben. Bei bem Franzoseneinfall im Oktober 1645 würben auf diesem Wege der Stabtschreiber mit fünf anderen Bürgern hinausgeführt und auf bem Hügel vor ber Stabt erschossen. — Ein unb ein halbes Jahrhundert später, und wieder hausen bie Franzosen in ber Stadt. Sie wissen es wohl nicht, denn sonst hätten sie es gewiß vermieden, daß sie durch die gleiche Gasse wiederum ein Häuslein von ihnen zum Tode verurteilte Männer führen, die im nächsten Dorfe erschossen werden. Aber die Nachlebenden wußten es noch, ob auch 150 Jahre vergingen von der einen Vergewaltigung und bitteren Abschiedsstunde bis zur anderen. Es gibt aber auch Namen, bie lieber ben Trost nach bem Verhängnis, als dieses selbst festhielten. Da ist die „Schenkengasse", die ihren Namen von einem seltsamen Geschenk herleiten soll, von einer Gabe oder vielmehr von ber Befreiung aus einem Tribut, bie uns heute selbstverständlich scheinen will: Ende des 16. Jahrhunderts ist die Häuserreihe dieser Gasse nieber- geb rannt. Die Bewohner verloren ihre geringes fyab unb Gut, unb der Verlust verarmte sie so, daß ihnen Hilfe, auch für langfristigen Wiederaufbau, gegeben werden mußte. Das „Geschenk" für diese Gasse war ber Verzicht bes Lehnherrn auf ein Recht. Auf bas Recht der „Besthaupts", bas darin bestand, baß er beim Tobe bes Lehnsmanns bas Beste aus dem Nachlaß — einst das beste Haupt aus Herde und Stall — fordern konnte. Was für lange Gedankenreihen, nach vorwärts und rückwärts, wollen sich ketten aus diesem einen Wort! Ja, selbst wenn dieser Sinn später erst in einen anderen Namensursprung der „Schenkengasse" hineingebeutet märe, mürbe sie nicht minber Zeugnis ablegen von der Bedeutung, die einst einem Ereignis, einer neuen Rechtsentfaltung offenkundig beigemessen mürbe. Denn bas (egenbäre Hineinbeuten sagt ebensoviel aus und manchmal sogar mehr von bem, roas als Wert und Grund und Wunsch der Voreltern erfüllte, als die nur vermerkende historische Bestandsaufnahme. Und so ist cs auch mit ben zahllosen unverhüllt legenbären unb reizenden Geschichten, bie zu den Namen erzählt roerben für die Ringleinsgasse oder den Engelmarkt, für die Maien-, Kinder-, Botengasse ober rote sie sonst heißen mögen im Silben wie im Norden Deutschlands. Namen freilich muß Dann wird er die Diese Deutungen der schönen ober befremdlichen der Gast ber kleinen Städte sich erzählen lassen. .. _____ .. ... Wanderung in ihre jahrhunbertbunten Schicksale beginnen, die ihn beglücken und bewegen wird. Er wird aus ben Gäßchen roeiterroanbern durch Jahreszahlen und -bilder hindurch, in immer dichter sich füllende Gedankenträume hinein, mit denen er die Vergangenheit erschaut über dem ganzen Städtchen, über dem kleinen Land und endlich üb ernt ganzen Raum unseres Volkes. Oer Mond ist im Verbleichen. Von Ruth Schaumann. Der Vogel Heere streichen Klagend dem Abend zu. Der Mond ist im Verbleichen, Aber bei mir bist du. Wind raschelt in den Eichen, Die Maus an meinem Schuh, Sie bangt um ihresgleichen. Aber bei mir bist du. In Worten nicht noch Zeichen, Im Schlaf aus höchster Ruh. Der Mond ist im Verbleichen, Aber bei mir bist du. Verantwortlich: l)r. HanSTHyrioi. — Druck undDerlag: BrühlscheUniv erfiiätsdrucker ei A. Lange, Gießen.