GiehenerZamilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den 25. Juli Nummer 57 Historie von der schönen Lau. Von Eduard Mörike. Der Blautopf ist der große runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß. Zu unterst auf dem Grund saß ehmals ein« Wassersrau'mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals em Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonncnhos. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge L a u im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Auszug oft Geschenke, sie zu begütigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Brauch und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wassersrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem Kopf und auch vergleichen um den Hals. . . , Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und riet: „Hei, Laubfrosch! git's guat Wetter?" Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig Gewordenen jämmerlich verschmachten und und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tur und kam, über Stufen und Gänge, durch viele Gemächer in einen schonen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit Teppichen staffiert, Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um,_ was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pfdrtlein, das mochte m der Dicke aut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da muhte er das Licht dahinten lasten und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Jrregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade kam und von dem Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre; da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Oehr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn warf er den Vlunber weg, ins Tal hinab, und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, wen er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute. - ,r„ Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort $u y)au|e war- vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter- seiien her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie, darum, daß sie nur tote Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn einige besondere Ursach'. Die Schwiegermutter hatte ihr geweisfagt, |te möge ehe nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Beim fünften Mole mühte etwas fein, das dürfe sie nicht wissen, noch auch der alte Nir. Es wollte aber damit niemals glücken, soviel auch ihre Leute 'deshalb Fleiß anwendeten; ^"dlich mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, roo feine Schwester wohnte. Di« Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasfer- roeiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, nur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an — denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß —, erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen liebe Tag und manche Sommernacht, der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei luftige Tiere, wie Vögel, Küllhasen und Affen, vornehmlich aber einen poffigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die rareften Gesichter, keines dem andern gleich, nein,, immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn di« Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzag. Es tarnen alle Jahre um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern: Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt? Und jene sprachen: Der König schickt! Gebt uns wahrhaftigen Bescheid, Was Guts ihr habt geschafft die Zeit. Und sie sagten: Wir haben die ferndigen Lieder gesungen Und haben die ferndigen Tänze gesprungen. Gewonnen war es um ein Haar! — Kommt, liebe Herren, übers Jahr. So zogen sie wieder nach Haus. Di« Frau war aber vor der Botschaft und darnach stets noch einmal so traurig. Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft führt« zumeist ihr ältester Sohn, Stephan, welcher verehelicht war; ein anderer, lauer, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Käppis, den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser überm Zaun, und mit Verdruß daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Hausen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah — man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war gleich ihr ein starkbeleibter Herr — stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich. Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kosten befand. Beim Schein des Lichts erbliche sie barinne mit Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser; sie sprang voller Angst davon und fagt’s der Mutter an; die fürchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz nachfolge, weil das Weib nackt war. Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß: „Die Wasserfrau ist kommen Gekrochen und geschwommen, Durch Gänge steinig, wüst und kraus. Zur Wirtin in das Nonnenhaus. Sie hat sich meinethalb gebückt, Mein' Topf geschmückt Mit Früchten und mit Ranken, Das muß ich billig danken." Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirtin und sagte: „Nehmt dieses Spielzeug, liebe yrau, zu meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Oenn jüngsthin habe ich gehört, wie ihr in Eurem Garten der Nachbarin klaget. Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Burger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Totschlag zu befahren fei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals im vehrn, da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches @etöne, daß alle gleich die Fäuste werden finken lassen und guter Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Tops, da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille." So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der goldenen Schnur und dem Holter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang 'wär, freundlich ein zu fernerem Besuch, darauf das Weib hinabfuhr und verschwand. Es dauerte nicht lang, so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe Tugend die Übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem Gasthaus baL erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb'; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehn und zu hören. Erst, wenn er anhub, sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt, daß alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu fein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her. Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis; Frau Betha ihrer war- nach seinem vornehmsten Ge- schäste insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem großen Amethyst, des Name besagen will: wider den Trunk, weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst so häufig pflegten am Finger zu tragen. Die Wasserstau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ, oben im Haus, mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin. Einsmais an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Aeltesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: „Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn?" Die Jutta könnte Euch troas von Kleidern geben; ihr seid von einer Größe." „Ja", sagte sie, „ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Cure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken." Da lies die Tochter fröhlich mit Eil« hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen, das tat sie sonder Mühe und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf In der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltür oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und sah auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr fie zurück und kicherte: „War's nicht gelacht?" frug sie selber zugleich. — „Was ander?" rief das Mädchen und jauchzte: „Gebenedeiet fei uns der Tag! Ein erstes Mal wär' es geglückt!" — Die Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Urfach' vernommen — du armer Tropf, so dachte fie, das wird ja schwerlich gelten! — lieh sich indes nichts merken, und Jütte nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was fie hatte, die Hausfreundin zu bekleiden. „Seht", sagte die Mutter, „sie will wohl aus Euch eine Susanne Preisnestel machen." — „Nein", rief die Lau in ihrer Fröhlichkeit, »laß mich die Aschengruttel fein in deinem Märchen!" — nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu Oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkefsel samt der Bürste, und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunft- geschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr einen Bild im Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter allen ihren Schätzen sand fie dergleichen nicht. Bevor sie aber Abschied nahm, gefchah's, daß fie hinter den Vorhang des Alkoven fchnute. woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafttätte war. Sah da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel In der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerardeit, grünoerglafet. Das wollte s"*n Gast außer Matzen gefallen; fie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft’ aber die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte fie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: „Diesmal fürwahr hat es gegolten, und Gott schenk' Euch so einen frischen Buben, als mein Hans da ist!" Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne Lau getrost und wohlgemut, wie schon in langen Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum. Ihr deuchte da, es war die »stunde nach Mittag, wo in der heißen Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Tops, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klostertürmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt' es der Kirche, und die fagt’s dem Pferdstall, und der fagt's dem Fischhaus, und das fagt's dem Waschhaus, und im Waschhaus da riefen’s die Zuber und Kübel sich zu. Der Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er watschelte hurtig davon. Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe. Er hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug den Abt, der ihm just in die Hände lief: „Herr Abt, wie ward Euer Käpplein fo nah?" Und er antwortete: „Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen, Vor dem hab' ich Reißaus genommen; Ich rannte sehr und schwitzet' bah, Davon ward wohl mein Käpplein fo naß." Da hob unser Herrgott, unwirs ob der Lüge, seinen Finger auf, winkt' ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach der Frau Wirttn um, und diese rief: „Ach liebe Zeit, ach liebe Zeit, jetzt kommt der gut’ alt’ Herr in die Prisvn!" Dies war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber beim Erwachen und spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr hüpfte noch wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug. Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es fetzt in der Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Vaden, es donnere weiiweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüt« noch eine Weil« ruhen, den Kopf in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken zu. Nun stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa komme: allein es war noch nicht viel über Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön über dem Rusenschloß, die Lüft« aber waren voll vom Würzgeruch der Mahden. Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stund«, wo sie im Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß sie sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Türe kam (wie sie nur einmal, Trostes wegen, in übergroßem Jammer nach der jüngsten Botschaft aus der Heimat tat), doch fie besann- sich anders und ging zu besserer Zeit. Frau Betha hörte ihren Traum gutmütig an, obwohl er ihr ein wenig ehrenrührig schien. Bedenklich ober sagte sie darauf: „Baut nicht auf solches Lachen, das im Schlaf geschah; der Teufel Ist ein Schelm. Wenn Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung entließet, und die Zukunft strafte Euch Lügen, es könnte schlimm daheim ergehen." Aus diese ihre Rede hing di« schöne Lau den Mund gar sehr und sagte: „Frau Ahne hat der Traum verdrossen!" — nahm kleinlauten Abschied und tauchte hinunter. Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder Kellermeister eifrig zu: „Ich merk', es ist Im Gumpen letz! Die Arge will Euch Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure Läden eilig zu, vermachet alles wohl!" Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein luftiger Vogel, welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte Ihren Jöst mit einem Schnak zu stillen, lief nach feiner Kammer, zog die Bettfcher' ans her Lagerstätte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser auszutreten pflegte, und stellt« sich mit Worten und Gebärden als einen viel getreuen Diener an, der mächtig Aengsten hätte, daß seine Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen möchte. Da sie nun sah das Holz so recht mit Fleih gesteckt und über das Bächlein gespreizt, kam ihr in Ihrem Zorn das Lachen an, und lachte überlaut, daß man’s im Klostergarten hörte. Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom Kock und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirtin tagte: „Der Taver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus, jetzt kommt uns feine Torheit zustatten " Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum, es wollte sich zum dritten- eher viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch wenige Wochen, und die Boten standen wieder vor der Tür. Da ward es den guten Wirtsleut selbst bang, ob Heuer noch etwas zustande tarne, und alle hatten nur zu trösten an der Frau Je größer deren Angst, je weniger zu hoffen war. Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen Lichtkarz ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam all« Abend in Juttas altem Rock und Kittel und ließ sich weit vom warmen Dfen weg in einem Winkel auf dem Boden nieder und hörte dem Geplauder zu, von Anlang als ein stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit allen. Um Ihretwillen macht sich Frau Betha eines Abends ein Geschäft daraus, ihr Weihnachskrivplein für die Enkel beizeiten herzurichten: die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei der die drei Weifen aus dem Morgen- tant), ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und seine Gaben bracht. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa lotter war, sah die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer Brille, und di« Wasserfrau mit höchlichem Ergötzen fah ihr zu, sowie sie auch gerne vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt wurde, doch nicht, daß sie dieselben dem rechten Derstand nach begriff oder zu Kerzen nahm, wie gern auch die Wirtin es wollte. (Schluß folgt.) Auftrag. Bon Ludwig Heinrich Christoph Hölty. Ihr Freunde, hänget, wann ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf. Wo an der Wand die Totenkränze Manches verstorbenen Mädchens schimmern. Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe sestgeschlungen, Unter den goldnen Saiten flattert. „Oft", sagt er staunend, „tönen im Abendrot Von selbst die Saiten leise wie Bienenton: Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Hörten's und sahn, wie die Kränze bebten." Bergbauern. Von Johannes Linke. Als sie vor beinahe tausend Jahren ins Waldland kamen, Sendboten ton Fürsten, Städten und Klöstern, hatten sie nichts als ihre Mannes- Iraft, zähen Lebenswillen und unbeirrbaren Mut, fanden sie nichts als venig Erde, viel Holz und Gestein. In warmen Mulden, am sonnigen hange und im windstillen Tale schlugen sie den Wald oder brannten ihn nieder, richteten sich aus den gefällten Stämmen Blockhütten auf, die sie nit der geschälten Rinde mächtiger Tannen deckten, und düngten mit der Holzasche ihr erstes Ackergeviert. Mit der Reuthaue und dem eschenen Lrcmel wuchteten sie die Steinriegel aus dem Grunde, und wenn sie die Zlatten und Brocken, die ihren Kräften gehorchten, von einem Flecke jerausgearbeitet hatten, den sie mit hundert Schritten umgingen, dann umringte diesen Platz ein übermannshoher steinerner Wals So gingen fe der Wildnis zu Leibe, Tag für Tag, eroberten ein neues Stück Erde nd schirmten das Gewonnene gegen Wild und Wasser und die gierig vuchernden Wurzeln des Waldes. Sie faßten die wilden Brunnen des Zerghanges in Gräben, leiteten das Wasser in Holzrinnen zum Trage, l«r vor Jahren noch als dicker Buchenstamm auf ihrem Feld stand, keßen es über trockene Grasflächen rieseln und zwangen es zum Bache, der is mitriß zum Flusse, zum Strom, zum Meer. Die Weiber halfen ihnen, :nb die Kinder, die hcranwuchsen wie die Schößlinge am Waldrande, nutzten ihre geringen Kräfte mit einspannen in das gemeinsame Werk, immer war das Dickicht ihr Feind und die Lichtung ihre Aufgabe. Jahrhundertelang bauten sie ihre Bergäcker, rodeten Waldstreifen aus mb legten Wiesen und Weiden an, auf denen die Rinder, die Geißen, iie Schafe grasen konnten. Das Raubwild vertrieben sie von ihren Häufungen, jagten es in die unergründlichen Wildnisse der Schluchten nd Grat« und rotteten es endlich völlig aus. Aber die Steine und ins Gestrüpp konnten sie nicht vertilgen. Jahr für Jahr ackerten sie ieue Steine aus dem Grunde, Jahr für Jahr hieben sie kriechende itaumwurzeln ab, gruben sie junge Ahorne und Tannen aus, sengten |ie Buschwerk und Dornstauden weg. So blieben sie Reuter, auch als fic schon große Feldflächen, stattlich gezimmerte Höfe und fest gemauerte Stätte besahen, denn hier oben im Waldgebirge gibt die Erde niemals Ruh. Aber da nur eine spröde und dünne Erdhaut das Steingeripp der Crbe überspannte, da der Fruchtertrag der steinreichen Furchen kärglich blieb, da oft genug die Wintersaat erfror oder unter den tiefen Schneewehen erstickte, suchten sich spätere Nachfahren derer, die zur tondnahme in den Wald gezogen waren, einen anderen Erwerb, der sie sicherer und besser nährte. Sie zerschnitten das Holz ihrer Wälder zu Brettern und Bohlen, wehten es zu Leuchtern, Tellern und Schüsseln, fügten und hobelten » zu Hausrat aller Art, banden es zu Fässern und Zubern, Hoben . t> zu Dachschindeln, schnitzten es zu Rechen und Sensenwarben und Kochlöffeln, verarbeiteten es zu Holzdraht, Garnspulen und Spielzeug »nd hundert anderen hölzernen Dingen, die ihnen die Leute tn der Stabt und auf dem ebenen Lande abnahmen. Sie gruben sich in die Berge ein und förderten zutage, was drunten t’rborgen lag: Gold und Eisen, Flußspat und Kies und den schwarz- !? eckigen Graphit. . ,, Sie spannen den Flachs ihrer Aecker zu Garn und webten aus Garn und Wolle die Tuche, die weit in der Welt draußen getragen würben, wirkten Roßhaargaze und Zwillich und die Leinwand zu Büsche und Bettzeug, und die Frauen und Mädchen klöppelten die zier- ichsten Spitzen. , Sie sotten den mehlsein zerpochten Kiesstein, der das Gebirge als tielfenmauer durchzog, zusammen mit der Holzasche der geschwendeten Balder zum goldroten Teig, aus dem sie das zerbrechliche Glas bliesen. 21n den Waldrändern bauten sie die Glashütten mit den gewaltigen durchbrochenen Schindeldächern auf, und um die gfatgefullten Rundofen h rum standen die Männer, Burschen und Buben und formten die zah fi iffige Masse zu Bechern, Schalen und Krügen, die mi den alten starken äauern'arben leuchteten, himmelblau und rubinrot, gelbbraun und wald- grün, und kunstfertige Gesellen schliffen und ätzten die Glaser mit Zier- krank und Sprüchen, Blumen und Bäumen, mit dem Jager der den Hirsch verfolgt, oder dem Holzhauer, der von der Arbeit heimkehrt. buntfarbige Perlen wurden zu Taufenden und Millionen geblasen, mit 1fnen man im fernen Afrika die Sklaven kaufte. Noch andere aber wanderten aus, in die Städte, in Die gewerblichen Gebiete ober übers Meer, unb viele von denen, die daheim blieben, und von denen, die sortzogeu, wurden wohlhabend, und manche vergaßen schon, daß ihre Voreltern bedürfnislose Reuter gewesen waren. Da drehte sich das schwere Rad der Rot über den Bergwald Das Holzgewerbe ging zurück, und die Stollen und Schächte der Bergwerke stürzten ein. Riesige Webwerke in anderen Landschaften sorgten dafür, daß im Gebirge die Wirkstühle leer und still standen, bis sie eines Winters di« Stube heizten. Und die Lesen der stolzen, großmächtigen Glashütten wurden nicht mehr in Brand gesetzt und nicht mehr gespeist. Ihr« Dächer deckte der Sturm und der Herbstregen ab, ihre Gemäuer zerbröckelten, und nur die glatten, schillernden Glasschlacken im Schutte mahnten noch an die alte Herrlichkeit. Aber die Berge und die Wälder sind stehen geblieben, wie sie vor tausend Jahren schon standen, als di« ersten Bauern ins Land tarnen, und in den Jahren der Rot bewiesen die heutigen Bergbauern, daß sie vom gleichen Stamme sind wie ihre Urväter, die die ersten Aecker gruben. Wieder sind sie auf die Frucht angewiesen, die sich die Erde abringen läßt, und statt des Schnitzmessers, des Schützen und des Blasrohrs führen sie wieder die Reuthaue, den Steinschlegel und den Pflug. Sie finden nichts als wenig Erdreich, viel Holz /und Gestein und besitzen wenig mehr als ihre Manneskraft, einen zähen Lebenswillen und unbeirrbaren Mut. Aber damit beißen sie sich durch. Sie sind wieder zu dem Ursprünge zurückgekehrt und werden dem Ursprünge nahe bleiben, solange sie hier oben hausen. John Murrays Heldentod. Von Richard W. Mayne. Um das Stationsgebäude auf Weststation heult der Wind Es ist bitter kalt; vier Grad unter Rull. Schneeflocken huschen an den Fenstern vorbei. Manchmal scheint sich der Wind irgendwo zu verfangen, dann stürzt er mit ungeheurer Gewalt gegen das Haus und rüttelt an Türen und Fenstern. Im Speisesaal fitzen die vier Flieger, rauchen und starren vor sich hin. Nebenan klopft der Funker. Er gibt einen eben erhaltenen Bericht weiter: „... der Fluh steigt ununterbrochen stop ganz Kentucky unter Wasser stop sendet alle verfügbaren Maschinen Neuorleans oder Kairo stop". Seit Tagen steigt der Mississippi, und bas Wasser steht bis an den Rand der Dämme. Bisher sind zweihunderttausend Menschen obdachlos. Vierhundert Armeeflieger brausen über die Wasserwüste und versuchen zu helfen. Aber was vermögen vierhundert Flieger gegen zwei verrückte Ströme? Um 9.10 Uhr kommt der Befehl vom Stationskommandanten. „Auf- fteigen! Versucht Kairo anzufahren! Weitere Weisungen gibt Kairo'" Der kleine Eindecker, der im Hangar wie in einem Schlafzimmer steht, ist in wenigen Minuten flugtlar. Drei Leute stehen bei der Schiebetür und warten nur auf bas Kommando. Aber Laivd zögert Der Wind rüttelt wie verrückt an der Tür. Durch ein halboffenes Fenster pfeift eisigkalt der Wind durch den Raum. „Wenn das Zeug offen ist, brummte er, „zerhaut cs uns die Maschine. Man sollte den Boß doch nochmals aufmerksam machen." „Das hat keinen Sinn!" meinte Blake. „Er weiß genau, wie das Wetter ist. Er will, daß wir fliegen." Blake ist der Monteur. Ein kleiner, schmächtiger Mann, der eine junge Frau und zwei kleine Kinder hat. Die Frau wohnt einen Kilometer entfernt. Sicher steht sie jetzt beim Fenster und betet, daß ihr Mann nicht auszusteigen braucht. Der Pilot John Murray ist ledig. Er ist dreiunddreihig. Er steht neben der Maschine, beide Hände in den Taschen und pfeift leise vor sich hin. In Weststation behauptet man, Murray hätte keine Nerven ... Die junge Frau Blakes scheint sehr gut zu sein: der Himmel erhört ihr Gebet. Ehe noch Laird einen Entschluß fassen kann, will Blake auf die Steigeisen — weiß Gott, wie er das gemacht hat: er gleitet aus, rollt hinab und bleibt stöhnend liegen. Glatter Beinbruch. „Der nächste", sagt Murray zu sich und unterbricht sein Pfeifen. „Wayne, ich fürchte, Sie sind an der Reihe!" Laird ist jetzt vollkommen ruhig. „Auf!" sagt er. Die Leute schieben die Türe des Hangars beiseite und wir sind mitten im Schneegestöber. Einen Augenblick hat man das dumme Gefühl, der Sturm würde den Hangar hochnehmen und davontragen; aber der Hangar ist fehr gut gebaut. Dafür beginnt die leichte Maschine wie ein Betrunkener zu schaukeln. ,, , . „An die Flügel, Leute!" Zehn Mann sind schon beim Apparat; sie legen sich in die Flügel, und die Maschine rollt langsam hinaus — in die weiße Hölle. In dem wütenden Schneetreiben ist nichts zu sehen; die Tragflächen sind im Nu voll Schnee und die Motorhaube sieht aus wie die Schnauze eines Hundes, der feinen Beißkorb im Schnee abzustreifen versucht. Murray klettert in den Führungssitz; ich folge ihm. Das kann ja eine nette Geschichte werden! Der Motor fliegt an; überraschend gut und plötzlich fegt der Vogel davon. Er stürzt sich geradezu ins Schneetreiben. In den Verspannungen pfeift und ,ohlt der Wind, das Brüllen des Motors erstirbt im Saufen des Windes. Die ganze Maschine zittert. Mir ist nicht wohl zumute. Murray ist ein ,^«fahr- ^Alles^ fft^weih. Undurchsichtig. Ich verstehe aber genau, was Murray will: Er möchte gern nach oben durchstoßen. Solche Schne«wölken sind nicht sehr hoch; aber — wie kommt man hinaus? . Murray brüllt ins Telephon: „Meine Versicherungsgesellschaft wird mir die Police kündigen ..." Ehe ich antworten kann, wirbelt der Apparat herum; es ist eine unangenehme Sache, bei Seitenwind zu starten. Einen Moment sieht es aus, als würden wir herumgerollt werden; ober Murray versteht es, dem Heinen Zeug Leben zu geben. Das Maschm- chen wendet exakt und steigt. Wenn wir nur bald aus dem Schnee herauskommen' Sonst vereist uns die Maschine und dann gibt s nichts mehr. Aus den Tragflächen liegen Schneebretter, und jetzt eben beginnt sich eines zu verschieben; das kann eine verteufelte Trudele« werden, wenn es abgeht! Unb jetzt saust es auch schon davon: aber Murray hat schon den Knüppel fest und stemmt sich dagegen .. Minuten später sind wir draußen. Etwas zerzaust, aber heil. Ein leises Hurra, aber Murray winkt ab! Es war wirklich verfrüht. Nochmals müssen wir durch eine Schneewand brechen. Mitten im Schneefeld beginnt der Motor zu streiken — natürlich vereist! Aber Murray bringt die Sache mit etlichen Spätzündungen in Ordnung. Drei Minuten lang scheint die Sonne. Dann beginnt der Regen. Und dann — das Wasser ... Wir sind um 9.40 Uhr aufaestiegen; um 11 Uhr beginnt tief unter uns das Wasser. Wohin man schaut, nichts als Wasser, aus dem Bäume, Telegraphenstangen und Hausdächer ragen. Der Mississippi ist hier gut vierzig Kilometer breit. Aus seinen braunen Fluten treiben dunkle Gegenstände. Dächer, tote Menschen und Tiere, Bäume, Brücken. Mitten im Wasser eine Insel; aus der Insel vielleicht hundert Menschen, die schreien und winken. Das Schreien hört man nicht. Aber sie schreien sicher. Wir können ihnen doch nicht helfen! Unter uns ist ein Ort; man sieht aber nur die Spitzen der Dächer. Dann eine größere Stadt, ziemlich aus dem Wasser ragend. In der Nähe liegen große weiße Tücher. Man kann deutlich die Tücherbotschaft lesen: K—A—I—R—O. Endlich! Murray geht hinunter; ziemlich steil und schnell. Die Räder fassen den Boden, Wasser spritzt auf, dann liegen wir neben drei Armeemaschinen und klettern aus den Sitzen. „Eine Katastrophe", sagt der Leutnant, der ohne Kappe im Regen steht. „Eine nationale Katastrophe! Es sollen sehr viele Menschen ertrunken jein. Memphis soll fortgerissen sein. Man sagt . ." Ah, man sagt vieles! Murray ist zum Ehief gegangen, um weitere Befehle einzuholen. Während ich auf einer Tonne sitze und mich anregnen lasse, härt man Schüsse fallen. Ein Militärflieger sagt: „Unsere Truppen schießen sich mit den Farmern herum. Man will die Dämme durchstechen, um die anderen Orte zu retten; aber die Farmer wollen es nicht zulassen." Einmal bellt sogar ein Maschinengewehr. Alles zusammen ist sehr traurig und kann einem den letzten Rest von Mut nehmen. Nach einer halben Stunde kommt Murray zurück. Er pfeift wie gewöhnlich. „Passen Sie aus, Wayne: wir fliegen jetzt hinauf. Evanville- Seymour. Haben Sie's? Nichts Besonderes; der Alte will nur herausbekommen, wie weit das Wasser nach Norden reicht. Wegen des Abtransportes der Leuts In den nächsten Tagen sollen zweihunderttausend Leute abgeschoben werden." Mit uns steigen gleichzeitig vier Armeeslugzeuge auf. Eines bleibt im Kot stecken und legt sich schwerfällig auf die Seite. Wir flitzen an ihm vorbei; dann eine Schleife, und schon donnert der Bogel den Ohio entlang. Während wir stiegen, orientiert sich Murray. Er ist plötzlich redselig geworden. „Soll schlimm aussehen da oben, Wayne. Es heißt, daß Evansville verschwunden sein soll. Der Alte ist wütend über die Privatfunker; die machen alle Welt rebellisch. Diese kleinen Kerle haben nichts zu tun als all ihren Jammer hinauszuschreien. Passen Sie genau auf, wenn wir Evansville oder was davon übrig ist, passieren." Auf einmal geht Murray jäh hinab; in den Ohren beginnt es zu saufen, und ich habe das Gefühl, als würden wir senkrecht ins Wasser sausen. Aber aus dreißig Meter fängt Murray die Maschine auf und läßt sie eine Weile schaukeln wie einen alten Kahn. Gerade unter uns plantscht ein endloser Zug durchs Wasser. Born zwei Lokomotiven, hinten eine. Flüchtlinge! Vielleicht haben sie noch den letzten Zug erwischt. Ein gutes Zeichen: das Wasser kann nicht mehr hoch stehen. Wir erreichen Evansville; sieht nicht schön aus, aber immerhin sind einige Teile ganz vom Wasser verschont. Allerdings, mehr als die Hälfte der Häuser steht bis oben im Wasser. Dann geht es weiter; immer den Ohio entlang. Man kann ihn nicht sehen, aber man merkt ihn an der Strömung. Wo sich die graue Masse rascher verschiebt, da ist das Flußbett. Jetzt schieben sich einige Hügel heran. Der Fluß macht einen Bogen, die Wassermassen stauen sich. Und da, gerade als wir vorbeikommen, empfiehlt sich eine Brücke. Sie sinkt in sich zusammen und bröckelt ab. Das dauert nur eine Minute — dann ist sie weg! „Eisenbahnbrücke", brüllt Murray. Ich nicke. Man sieht zwar keine Gleise, aber die Telegraphenstangen. Murray richtet sich nach den Telegraphenstangen. Er hat Kurs auf Seymour. Weit vor uns scheint dunkler Rauch aus dem Wasser zu quellen. Murray beugt sich jetzt vor und geht tief. Manchmal habe ich Angst, daß wir einen der herausragenden Bäume streifen. Einmal fliegen wir zwischen zwei Hügeln, auf denen Menschen Zelte errichtet haben. Sie kommen heraus und beginnen zu winken. Ich höre im Telephon, daß Murray etwas sagt, kann ihn aber nicht verstehen, und jetzt sehe ich's auch. Die dunkle Rauchwolke ist wieder da, sie entquillt einer Lokomotive, die — sehr eilig, dem Ohio zustrebt. Hinter der Lokomotive laufen elf Wagen. Das Wasser kann höchstens einen Meter hoch sein. Die großen Röder der Lokomotive sind deutlich zu sehen. Murrays Stimme ist plötzlich heiser. „Hören Sie mich, Wayne? Der Zug ist ein Flüchtlingszug; wahrscheinlich bis auf den letzten Platz besetzt. Er fährt nach Süden — gerade auf die Brücke zu, die eben fort ist! Vor der Brücke ist eine Biegung und das Gleise senkt sich. Ich kenne die Gegend; der Zug geht ins Wasser! Kein Mensch kann einen Zug im Wasser aushalten! Wir müssen ihn abstoppen ..." Und jetzt — gerade jetzt — beginnt wieder der Wind. Er pfeift in der Verspannung. Der Zug unter uns fährt mit gut sechzig Kilometer. Wahrscheinlich hat irgendwer dem Führer die Nachricht gegeben, daß die Gleise passierbar wären, daß er sich aber eilen müsse. Und er eilt, er will noch hinüber. Murray ist jetzt ganz unten; er rast über die Flut, zieht dann einen Kreis, überfliegt die Maschine des Zuges und beginnt mit einer Hand Zeichen zu geben. Und der Zugführer beuat sich'aus dem Stand und winkt zurück. Herzlich und liebenswürdig. Mein (Bott! Die Passagiere hängen an den Fenstern und — winken. Es ist zum Verrücktwerden! Murrays Stimme ist taut. Eine Böe drückt uns jetzt zum Ueberfluß noch gegen einen aus dem Wasser ragenden Baum, und wir haben Mühe, heil vorbeizu- kommen. Aber Murray gibt nicht nach. Er zieht Schleifen um den Zug; jedesmal, wenn wir an der Lokomotive vorbeikommen, winkt er wu verzweifelt und versucht, den Raren da unten klarzumachen, daß fit in Gefahr sind — umsonst! Sie halten alles für ein Bravourstückcheii irgendeines verrückten Privatfliegers. Der Zug rast mit unverminderte! Schnelligkeit gegen den Ohio. Murray dreht jetzt ab. Gleich daraus bt> ginnt der Vogel emporzuklettern. Ich schreie ins Telephon, was los wäre; aber Murray gibt keine Antwort. Wir sind jetzt auf tausend, etwas später auf tausendoierhundert. Der Zug — tief unten — sieht wie ein Spielzeug aus Er liegt jetzt gut vier Kilometer hinter uns. In dem Moment sagt Murray ganz ruhig: „Passen Sie jetzt genau auf. Wayne! Sie springen jetzt ab. Sie werden einen Kilometer vor dem Zug auf die Gleise kommen; halten Sie den Menschen aus. Er tmti stoppen, wenn er Sie im Fallschirm herabkommen sieht". „Murray — das ist doch Wahnsinn! Ich kann doch nicht ..." „Wayne", sagt Murraw ruhig und seine Stimme klingt metallen, „springen Sie oder ist werfe Sie hinaus." „Eine Minute später staut ich aufrecht und sprang. In die gähnende Tiefe. Mit einem dumpfen Knall entfaltet sich der Schirm. Fünfhundert Meter ungefähr ging's glatt; bann faßte mich der Wind und trieb mich ab. Sechshundert Metel von den Telegraphenstangen plumpste ich ins Wasser, raffte mich auf, warf den Schirm ab und begann zu rennen. Das Wasser stand mii bis zum Bauch. Der Boden war weich. Die Rauchfahne des Zuges tam rasch näher. Ich hätte mich am liebsten nisdergekauert, um zu heulen Mit dem Aufgebot der letzten Kraft lief ich durch das ausspritzentm Wasser und begann zu schreien. Hoch oben sah ich das Flugzeug. Der Zug kam immer näher. Dis Wolken sind jetzt Heller geworden; es hat aufgehört zu regnen. Plötzlich sehe ich, wie das Flugzeug in Spiralen herabkommt. Vielleicht gelingt es Murray doch noch im letzten Augenblick, ben Lokomotivführer auf die schreckliche Gefahr aufmerksam zu machen. De» Ohio ist kaum zwei Kilometer entfernt. Man kann das Brausen der Flusses deutlich hören. Murray trudelt ab. Ich bleibe stehen — das Herz schlägt mir im Hals, es ist ein Wahnsinn, was der Mann da treibt. Aus vierhundert Meter Höhe erwischt er die Maschine und geht in Gleit- flug über; jetzt kommt der Zug hinter einem Wäldchen heraus. Er keucht und rast durchs Wasser — und ich beginne wieder zu laufen und .jm schreien — aber kein Mensch achtet auf mich. In spätestens zehii Minute« muß der Fluß die Menschen, die jetzt im Zug sitzen, verschlungen hoben» Wenn der Zug die Böschung erreicht, gibt es kein Halten mehr, und bis Brücke ist fort ... Murray ist jetzt kaum vierhundert Meter vom Zug entfernt; er kam« höchstens auf hundert Meter sein, und jetzt geht er steil hinab. Uni» dann sitzt er auf dem Wasser. Durch das Brausen des Windes, dar Rasseln des Zuges höre ich das Bersten von Metall, das Aufzischen der glühenden Motors im eiskalten Wasser; ich sehe, wie sich ein Flügel löst — und dann sackt alles zusammen. Mitten auf dem Gleise. Die? Lokomotive stößt drei gellende Pfiffe aus und bann kreischen die Bremsen, stiebt das Wasser hoch auf ... Ich beginne wieder zu laufen. Fünf Minuten später erreiche ich den Zug. Viele Menschen steheiu im Wasser. Das Wasser ist auf dem Damm kaum einen halben Meter hoch. Knapp vor der Lokomotive liegen die Trümmer des Flugzeuge« — zwischen den Trümmern liegt ein Körper. Murray. Seine Augen sind« offen; um seine Lippen liegt ein Lächeln. Aus Mund und Nase rinn! Blut. Murray ist tot. Der Zugführer sagt: „Sicher irgend so ein Sportflieger. Hat so lange hier Kunststücke' gemocht, bis er abgestürzt ist und wir ..." Weiter kommt er nicht. Ich weiß nicht, was ich in dem Augenblick' alles gesagt habe. Ich weiß nur, daß mich zwei Leute halten mußten — ich wollte dem Kerl an die Gurgel und ihn würgen. Seinetwegen war Murray in den Tod gegangen! Als ich ihnen endlich — schluchzen-' — erklärte, warum Murray das getan hatte, warum wir immer im Kreis herumflogen, warum ein Mensch sterben mußte, um sechshundert andere zu retten, da wurden sie still! Der Lokomotivführer war weiß wie ein Tuch. Ein Passagier sagte: „Im letzten Augenblick. Wenn er sich nicht gc opfert hätte, wären wir jetzt alle im Wasser. Aus dem Wasser wäre keiner herausgekommen." Wir fuhren dann still und ruhig zurück nach Seymour, wo John Murray am nächsten Tag begraben wurde. Vielleicht wird man Murray später einmal ein Denkmal setzen. Damals tat man es nicht. Dreihundertzehn Städte vernichtet, mehr als tausend Menschen tot, eine Million Menschen obdachlos, das Unglück war zu groß. Im Kummer von Millionen versank der Heldenmut eines Menschen ... Lauf der Welt. Von I. W. v o n G o e t i) e. Als ich ein junger Geselle war. Lustig und guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt. Nun ich hier als Altmeister sitz, Rufen sie mich aus auf Straßen und Gassen, Zu haben bin ich, wie der Alte Fritz, Aus Pfeifenköpfen und Tassen. Doch die schönen Kinder, die bleiben fern; O Traum der Jugend! O golbner Stern! Der«lntwvrtltch: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag: Brühlsche Unlversitätsdruckeret R.Lange, Gießen.