Jahrgang (958 Montag, den 25. April Nummer 32 losigkeit, die in lersberg. blond ist gewußtsein I der Stephan es nach Gesetz Herz Im LW Roman von Hano-2 Iber und die Glaser, die er so lange von der Anrichte zur Tafel trua w'e d-e Möbel, die Bilder, die Teppiche, die Vorhänge, wie alles, was ba9 schloß birgt vom Dach bis zum Keller. Er hat gefragt, ob er nicht mit der Frau Gräfin nach Berlin gehen dürfe. ..Ich 'dank' dir Joseph" hat Irene geantwortet, „aber ich brauche keinen Diener mehr."' ’ ' - ^9 ist kein üppiges Mahl, das zum Abschied gereicht wird, es ist s?or karg -s ist kaum zum Sattwerden. Stephan ist andere Kost ae- üer^m'Jnn 1 " k" brr- Sie haben immer ihre besondere Offi- mlr ffr h9l n°h°bk, die Oesterreichet, und darauf gehalten, daß sie gut nemimhow“1• m b<.er b^' Tage hier schon über die Verpflegung gemeint ’ enIroi^t li>m eme Bemerkung, sie ist wirklich nicht bös- Stephan Ezeh ist noch sehr jung, einundzwanzig. Er hat drei Front- layre hinter sich, sie haben ihn wohl gereift, aber noch begreift er nicht, was hinter den Worten Irenes steht: er spürt nur, daß es mehr ist als Worte: ein Vermächtnis. Er beugt sich über Irenes Hand und küßt sie. -Ich danke dir, Tante Irene." 3um Abendessen kommt Olli Ezeh aus dem oberen Stock, in dem oie Fremdenzimmeh liegen, ins Erdgeschoß. Sie hat in den drei Tagen, die sie nun mit ihrem Aeltesten hier ist, jedes Alleinsein mit Irene ver- nueben. Ihr sind diese Verhandlungen peinlich, sie wäre ihnen am liebsten lanz fern geblieben, sie wird das Gefühl nicht los, daß ' ~ m fremdes Eigentum einbricht, obgleich sie weiß, daß all, mb Recht geschieht. „Müssen wir denn selbst zur Uebemahme nach Wald" sausen, Steffi?" hat sie den Sohn gefragt. „Weißt, ich mein', solche Omge machen am besten die Anwälte untereinander ab; dazu sind olche Leut' doch da. Gibt halt dem Anwalt eine Vollmacht. Wir be- üajen bann später die Tante Reni, wenn sie in Berlin ist. Das macht kch leichter." Als Stephan jedoch darauf bestand, selbst nach Waldhausen !U fahren, begleitete sie ihn; nicht seinetwegen, sondern Irenes wegen; fe liebte Irene, liebte sie ehrlich unb aufrichtig unb selbstlos, soweit dies sei ihr möglich war, unb dachte: Vielleicht hat die Reni eine Frau nötig ui diesen bitterschweren Tagen. Es war ein Opfer, das sie brachte. Sie hat die Trauer um Ferdi schon abgelegt — das Trauerjahr ist st lange um, und der Ferdi hat doch dunkle Kleider nie an ihr ge= rwcht —, aber hier in Waldhausen trägt sie wieder Schwarz. Sie ist sanglicher geworden, obgleich die Mehlspeisen auch in Wien knapp sind bi letzter Zeit, wenn man sich auch nicht solche Einschränkung auferlegt vie die im Reich. Das Mollete steht ihr nicht schlecht, es erhält ihr die bklsche; ihre Haut hat noch immer die samtenen Pfirsichtöne und ihr i>oar noch immer das krause, helle Sonnenblond. Wenn sie neben ihrem Ältesten steht — sie reicht ihm knapp bis zur Schulter —, glaubt chr oiner die Mutter. t f T/'2u kannst abtreten, Joseph, ich läute nachher.« W e tief doch der Stachel mit feinen kleinen Widerhäkchen in ihrer Seele haftet, unb wie stark er schmerzt, wenn man nur an ihm tastet. c,. B!?en nun alle vor ihren Tellern und rühren nichts mehr an. klei d’ bleibt auf der Schussel, Butter in der Dose und Brot im Korb. Und keine Silbe wird gesprochen. Da steht Irene auf zum letztenmal von diesem Tisch. Ihre Hände fassen die hohe Lehne des Stuhls, in die das Wappenschild der Grafen ^Zeh geschnitzt ist sie umpressen das Eichenholz so stark, daß die Finger- feH" weiß werden. Sie richtet sich auf, sie zwingt die anderen, gleich ihr hinter die Stichle zu treten, sie wartet, bis sich keiner mehr bewegt. Dann iprirfjt sie mit erhobenem Kopf das Gebet, spricht es laut in den weiten Raum hinein: „Dem Herrn sei Dank für Speis' und Trank Amen. Sie wendet sich ab und geht durch die offenen Flügeltüren hinaus auf die Terraise und hinein in den Park. Lexe stürzt ihr nach: „Mutter!" Ihren Arm legt sie um die Schultern der Tochter. „Komm Kind, wir wollen noch einmal zur Höhe." Als sie oben stehen, blaut der Sommerabend; es sind ja die längsten Tage im Jahr. Die Lichtpunkte der Fenster blitzen unter den Siroh- dachern der dörflichen Häuser, lieber die Felder breitet sich ein ganz feiner Nebelschleier. Die Käuzchen beginnen zu rufen. In die Dämmerung hinein fragt Irene leise: „Weißt du eigentlich, Lexe, daß du das Legte bi ft, was mir bleibt?'' Lexe umschlingt ihren Hals: „Und die Kinder, Mutter." vielleicht Lehren, bk viel härter sind, Herrsem ist kein Kinderspiel, Stephan, Unb ein schlechter Herr ist schlimmer als em Wkr Knech, Diele Frau dort war ein guter Herr, Lerne du das erstl Zerstöre nicht, was sie aufbaute. Bilde dir nicht ein, daß du etwas besser machen könntest als sie, weil du ein Mann bist. Das wäre eine gefährliche Einbildung, Nun gehl Und das von vorhin bleibt unter uns!" Er zögert. So hat er feine Mutter noch nie gesehen. Selbst in Kindertagen nicht. Wenn er mit den Brüdern in den letzten Jahren zu am- men war und das Gespräch aus die Mutter kam, haben sie immer gesagt: Ach — die Mama!" und haben dabei gelächelt. Die Mama, das war: ein kleines Boudoir voller Blumen, das war: ein Hauch eines ganz bestimmten Parfüms, das war: Lieblingsspeisen und ganz besonders guter Kaffee in Alt-Wiener Tassen, schwarz und gold, das war: hübsche Kleider, gut angezogene Herren, die ihr die Hände küßten, das war: der Papa, der sie sehr liebte, und manchmal waren es auch Ermahnungen, die man nicht ernst nahm. Und nun ist es zum erstenmal etwas anderes, ist: Mutter. Ganz im Unterbewußtsein dämmert diesem jungen Grasen Stephan Czeh, daß diese Wandlung viel mit dem zu tun hat, was sich jetzt in feinem Leben wandelt. Er fühlt, daß diese Frau, diese Mutter, plötzlich spürte, daß sie eine Verantwortung hat für ihre Söhne. Er nimmt die Hand, die ihn eben schlug, und küßt sie. Dann geht er, wie es ihm besohlen wurde. — Olli Czeh sieht ihm nach. Sie ist über sich selbst verwundert und über den Willen und den Mui, die plötzlich in ihr wach wurden. „Lauser! sagt sie noch einmal vor sich hin und hat schon wieder ein Lächeln tote weiß ja: der Steffi ist ein guter Junge; sie hat ihn lieb. Geschadet haben ihm die Watschen sicher nicht, stellt sie fest. Sie läutet. „Sie können abnehmen", sagt sie. „Zu Befehl, Frau Gräfin." „Wie alt sind Sie eigentlich, Joseph?" „Achtundsiebzig, Frau Gräfin." . ,, . „Sie haben den alten Grafen Czeh noch gekannt, ich meine den Großvater der Baronin Wallnitz?" „Jawohl, Frau Gräfin." „Den Urgroßvater auch noch?" „ „Jawohl, Frau Gräfin, damals kam ich aufs Schloß. „Wann war denn dos?" „Kurz nach dem siebziger Krieg, Frau Gräfin. Merkwürdig, denkt sie, die Peuhen scheinen die Zeit nach ihren Kriegen einzuteilen. Sie geht hinaus auf die Terrasse. Jetzt ist es Nacht, eine laue Sommernacht. Aber es ist nicht dunkel: der Mond steht am Himmel und wirft fein Licht durch die Zweige der alten Bäume. Tief saugt sie die Lust ein. Schön ist es hier und still und friedlich. Man kann fast vergeffen, daß der Krieg tobt und daß der Poldi in Italien steht und der Franzl unten an der griechischen Grenze, bei Erniana hat er geschrieben oder so ähnlich; sie kann sich die vielen Namen und Orte nicht merken, von denen die Berlautbarungen in den Zeitungen berichten. Korbsessel stehen auf der Terrasse. Olli setzt sich und zieht einen zweiten Stuhl dicht neben den ihren; sie will auf Irene warten. Dann kommen Mutter und Tochter Arm in Arm langsam im Dämmern des Mondes auf das Haus zu. Olli beobachtet sie; wie oerfchieden sie sind: Irene schlank und groß, Lexe gedrungen und gut einen halben Kops kleiner; ihr Gang ist auch schwerer als der der Mutter; im Halbdunkel könnte man glauben, sie wäre die Aeltere. Als sie in den Lichtkegel treten, der durch die Saaltür in den Garten fällt, erhebt sich Olli. „Erfchreckt nicht", sagt sie, „ich bin’s. Der Steffi ist schon zu Bett." Und dann zu Lexe: ,Mßi du uns allein? Ich rnöcht noch ein biß! mit der Mama plauschen." „Gern, Tante Olli." „Gute Nacht, Lexe." , _ „Gute Nacht, Tante Olli. — Gute Nacht, Mutter. Schlaf schon. „Ich roiU's versuchen, Kind." Lexe geht durch die Flügeltüren, kehrt noch einmal um. „Soll ich bas Licht brennen lassen?" „Schalte ruhig aus", sagt Irene, „mir können den Strom sparen. Der Mond scheint ja." Da fitzen sie beinander, ganz dicht, die beiden Gräfinnen Czeh, die beiden Witwen. Die eine, deren Leben so schwer war, vielleicht weil sie nicht die Kraft hatte, es leicht zu nehmen, und die andere, deren Leden so leicht war, vielleicht weil sie es immer nur leicht sehen wollte. „Sei dem Steffi nicht böse", beginnt Olli, „er hat's nicht schlecht gemeint vorhin." „Es ist schon vorbei. Es ist schon wieder gut. Nur ein wenig viel war's in letzter Zeit; da versagen die Nerven." Olli tastet nach ihrer Hand, sie findet sie, zieht sie bis auf ihren Schoß und streichelt sie. „Willst du dich nicht einmal aussprechen, Reni? Du hast doch noch keinen gehabt, zu dem bu's konntest. Ich meine: fo alles mal vom Herzen ’runter. Von Günter, Reni, und all das andere. Denk hatt, ich hört' gar nicht zu, wenn du sprichst." „Ach Olli." Sie streichelt die schlanke kühle Hand weiter. „Wie hast's denn erfahren, damals?" Sie lockt, sie will den Ring sprengen, der um das Herz dieser Frau gefchmiedet wurde. Da fängt Irene an: „Es kam ein Brief, Olli, mit einer fremden Handschrift auf dem Umschlag, aber mit demselben Stempel, den Günter- Briese immer trugen: Kampfgeschwader 1. Da wußte ich'- schon." Langsam kommen die Worte, aber sie kommen und befreien; sie werden schneller, sie werden zum Strom. Es sind keine Klagen, keine Anklagen; es ist nur ein schweres Berichten. Olli trBftet nicht, fragt nicht, unterbricht nicht. Sie läßt fließen, was fließen muß. Nur einmal sagt f>e: „So — der Bruce hat ihn geholt , und ihr ist, als ob doch noch ein Fünkchen Licht in all dem Dunkel sei. Dann spricht Irene auch vom Dorf, von Waldhausen und von den Gütern: daß die Menschen hier anders sind als drüben in Oesterreich; daß sie für den Wald hinten in den Bergen nicht hätte fo sorgen können, wie sie gewollt, weil die Aecker wichtiger gewesen wären, daß aber gerade an ihm alles nachgeholt werden müsse, sobald die Zeiten es zuUeßen, und daß der Schwarzbach reguliert werden müsse, das sei fast das not- wendigste. „Sag's dem Stephan — fag’s dem Stephan. Wie eine Angst steht der Satz, sich wiederholend, zwischen allen anderen Sätzen. Endlich beginnt der Strom zu versiegen und endet in der Frage: „Und du, Olli, bleibst du in Waldhausen?" Ein wenig, zwei Wochen oder drei etwa. Ich muß doch noch ein bissel auf den Steffi achtgeben. Dann komme ich zu dir, Irene, und schon da mal nach dem Rechten. Aber dann muß ich wieder nach Wien. Erfchreckt ist Irene. „Du willst nicht hierbleiben?" Nein, Reni, ich kann nicht. Ich muh nach Wien. Die Buben muffen schon allein laufen lernen. Der Steffi hier, und der Leopold auf den Gütern in Mähren, und der Franzi muß auch Landwirtschaft lernen, wenn er zurückkommt aus dem Krieg; sie müssen alle ran, es ist ja so viel geworden, was verwaltet werden muß. Dann bleibt nur nur der Kleine, der Ferdi, bei dem hat's noch Zeit mit dem Lernen. Sie macht eine Pause, sieht in das silberne Mondgeslirre oben in den Zweigen und zögert. Sie steht auf, geljt ein paar Schritte hm und her, spricht schließlich im Schreiten weiter. „Wien, Rem, Wien. Ich hab dich hier schon einmal gefragt, ob du nicht zu uns kommen willst, zu uns nach Wien. Weißt noch, damals war's, als der Alexander... Sie bricht ab, fährt aber gleich wieder fort. „Damals lebte der Kaiser noch. Jetzt haben wir eigentlich gar keinen Kaiser mehr, denn der Karl istJo jung da ift vieles ganz anders. Das sagen mir alle. Aber Wien, Rem, das ist noch da. Trotz Krieg. Willst nicht doch hinkomrnen?. Irene muh lächeln. „Ader Olli, was soll ich in Wien? , Ich brauch'- halt. Den Ring, die Burg, den Graben, die Kärntner Sträh' und die Donau, den Prater und die Berge." Ihre ^mme wird ganz warm und ganz ftoh. Da blühen tief im Inneren in einem Winkel von Irenes Herzen längst vergangene Tage auf, die M»n oerfunten schienen für immer, und es ift, als ob die- Erinnern hinflosse zu der anbOUi kauert sich wieder in ihren Korbfessel und saht Irenes Hand. „Ich will dir's beichten, Reni, nur dir. Es weih noch niemand, ich selbst weih es eigentlich noch nicht. Ich werd' wieder heiraten. Ich kann nicht allein fein, ich kann nicht. Grad weil ich den Ferdi fo liebgehabt hab, fo namenlos lieb.“ Sie beginnt zu meinen, sie läßt sich vornubersinken, sie preßt ihre Lippen aus Irenes Hände und birgt ihr Gesicht in Irenes Schoh. Ihr ganzer Körpe zittert vor Schluchzen. Irene streicht ihr über das Haar: „Wer ist's denn, Olli?" fragt sie, mie eine Mutter ihr Kind fragt. „Hast du ihn denn lieb?" Olli richtet sich auf. Schon sind die Tränen mieber fort. „Wer es ift, «Reni? Aber das weiß ich doch noch nicht. Schau, do find fo viele, tue mich haben möchten. Da ift der lauer Barenfels, rneißt, der tue Burg in Kärnten hat, da ist der Toni Anspach und der Steffi Leuchtenstein und dann auch noch der Ernö Radjonny; aber nach Ungarn mag ich nicht gehen. Alle sind sie lieb zu mir, aber ich meist halt noch nicht, wen ich nehmen soll. Es ift schon schwer. Komm doch nach Wien, Rem, und rat mir. Du bist so gescheit. Und nicht wahr, Reni, du verstehst mich? Ich kann doch nicht aueinbleiben, wenn ich auch die großen Buben hab. Ich bin doch eben grab vierzig." Irene steht auf. Ihr ift wirklich leichter geworden ums Herz, weil sie sieht, dost es noch glückliche Menschen gibt auf der Welt, einfache, ungekünstelte Menschen. ,£Sa, Olli, ich komm' nach Wien." Sie sagt es, obgleich sie weiß, bah sie es nie tun wirb, aber sie kann Olli in biesem Augenblick nichts abschlagen. Sie nimmt ihren Arm, brückt ihn ganz fest und führt sie ins Haus. Im Saal macht sie Licht. , „ ~ Da ift auch schon der alte Joseph. ,Zch schließ die Türen, Frau Gräfin." „Aber, Joseph, du bist noch auf?“ .Gewiß, Frau Gräfin. In meinem Alter braucht man nur wenig Schlaf.“ y Sie reiten über die Hohe Eifel. Der Krieg ist zu Ende. Das deutsche Heer zieht nach Osten, der Heimat zu. Alle Straßen sind belegt, so viele müßen zurück, so viele. Kolonnen, Kolonnen, ein graues Band, vom Schicksal gewonnen dem Vaterland. Unb so viele blieben vor bem Feind, so viele. Neben bem Hauptmann Bernb von Wallnitz reitet Dieter von Notz, ber Oberleutnant, unb singt: ..... Annemarie ..." Sie sind von ber großen Chaussee abgebogen und haben einen Waldweg eingeschlagen, um schneller vorwärtszukommen, sie müssen die Kolonnen ber Division überholen, um rechtzeitig bie Befehle für ben nächsten Tag fertigmachen zu können. Der Notz ist bem Divisionsstab zugeteitt worben, bamals im November 1917, als Wallnitz ben anberen Orbonnanzoffizier in bie Front zurück- fchicken ließ. Die Division mar neu aufgestellt worden aus allerlei Verbänden, die aus Rußland nach dem Westen geschickt wurden; es hatte Wallnitz als Generalstabsossizier viel Arbeit gemacht, sie zusammenzu- fchweißen, er trug ja mit (einem Kommandeur bie Verantwortung. (Fortsetzung folgt.) Sehnsucht. Von I. W. von Goethe. Was zieht mir das Herz so? Was zieht mich hinaus? Und windet und schraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort sich die Wolken Um Felsen verzieh»! Da macht' ich hinüber. Da möcht' ich wohl hink Nun wiegt sich der Raben Geselliger Flug; x Ich mische mich drunter Und folge dem Zug. Und Berg und Gemäuer Umsittichen wir; Sie weilet da drunten. Ich spähe nach ihr. Da kommt sie und wandelt: Ich eile so bald, Ein singender Vogel, Im buschigen Wald. Sie weilet und horchet Und lächelt mit sich: „Er singet so lieblich Und singt es für mich." Die scheidende Sonne Bergüldet die Höhn: Die sinnende Schöne, Sie läht es geschehn. Sie wandelt am Bache Die Wiesen entlang, Und finster und finstrer Umschlingt sich der Gang. Auf einmal erschein ich. Ein blinkender Stern. „Was glänzet da droben, So nah und so fern?" Und hast du mit Staunen Das Leuchten erblickt: Ich lieg dir zu Füßen, Da bin ich beglücktl Erzählunq -es Adjutanten von Nostiz. Don Walter von Molo. Wir entnehmen diese Erzählung dem früher von uns besprochenen Buche „Der endlose Zua. Gestalten und Bilder im Schritt der Jahrhunderte" von Walter von Molo, im Verlag Holle & Co., Berlin. Trotzig und schön wie Achill saß mein edel-herkulischer. Prinz im Sattel, im blau-rot-goldenen Prunk seiner Generalsuniform. Wahrhaft majestätisch, kühlen und klaren Geistes gab er seine Befehle, um unser schmales Häuflein Preußen und Sachsen gegen die mehr als fünffache Uebermacht der Franzosen zusammenzuhalten, damit wir nicht gleich im ersten Anlauf über den Haufen geworfen wurden. Wir waren durch die verfehlte Rechtsdirigierung, die den General von Tauentzien zum Zurückweichen gezwungen hatte, gänzlich der Flankensicherung der neutralen böhmischen Grenze entzogen, und es war von den erfahrenen Stabsoffizieren keiner, der nicht das Verlorene der anhebenden Affäre vor den Augen hatte. Seine Königliche Hoheit Prinz Louis Ferdinand sah die Folgen seines brachgelegten Heldentums vor sich: feit vielen Jahren hatte der geniale Prinz die schwächliche, uns allseits isolierende Politik der Hofpartei durchschaut, seit Jahren hatte er mit der ganzen Kraft ungeheuren Temperamentes durch Eingaben und durch eindringliche persönliche Vorstellungen beim König bis zur Selbstzerfleischung gegen die fluchwürdigen Fehler der veralteten, korrumpierten Leitungen in Zivil- und Militärdingen gekämpft und gewettert. Der nicht mehr zu umgehende, uns aufgezwungene Krieg sand den Prinzen in stärkster Ungnade; statt des Oberbesehls, zu dem er allem befähigt war, hatte der König dem Prinzen nicht einmal den Befehl über die schlesischen Truppen anvertraut; der Prinz wurde mit einem schwachen Kontingent zwecklos, säst wie mit Absicht, gefährlich isoliert vorgeschoben, und blieb ohne jeden Sukkurs. Der Prinz war gleich mit Tagesanbruch zu Pferd gestiegen. Ich hatte, als «r aus feinem Zimmer trat, eine-, Veränderung _ in [einen äußerlich unverändert sicheren Zügen bemerkt, die mich bestürzte. Sem Lächeln war ruhig und überlegen wie stets, seine wahrhaft klassische Heldengestalt, die mit den bärenstarken Schultern und den schlanken Jünglingshüsten so prachtvoll weich im Sattel seines schönen Pferdes saß, ragte, unsere Unruhe besänftigend, gleich dem unzerstörbaren Bilde des Siegers, als er uns die letzten Befehle gab. Doch feine hohe Stirn über den großen prachtvollen Augen, die von seiner unglaublichen Kühnheit und antiken Verachtung aller Gefahren kündeten, war nachdenklich, der Glanz fehlte den scharfblickenden Augen. Er hatte eine Nacht verbracht, welche die Todesangst heimqesucht hatte. , Als der Prinz, überschaut von der wohlklingenden Musik der Infanterie, um jedem üblen Eindruck zuvorzukommen, heftig in den Sattel sprang, trat die Frau Durchlaucht von Schwarzburg-Rudolstadt aus dem Schlöße. Der Prinz küßte vom Pferde herab abschiednehmend Me Hand der schönen Frau; sie bat ihn, bei nassen Augen verehrend zu ihm auf» sehend, sich nicht zu sehr im bevorstehenden Avantgarüengesechte aus» zusetzen; der Prinz hatte verbreitet, es handele sich nur darum. „Vergessen Sie nie", sprach die Fürstin, „Deutschland kann nur durch Sie gerettet werdenl" Mein Herr richtete sich im Sattel auf, blickte um sich, ohne einen von uns anzuschauen; er hielt die Hand der weinenden Fürstin unschlüssig in feiner Rechten, ließ sie jäh fahren und setzte fein Pferd in Galopp. Begeisterte Hochrufe empfingen den ruhmbedeckten Helden der Rhein» feldzüge, den Freund jedes gewöhnlichen Soldaten, als ihn die Bataillone und, ach so schwachen Eskadronen erblickten. Der Prinz ordnete an, daß die dünne Vorpostenlinie unter der Führung des Kapitäns von Gneisenau von den Pässen der Berge zurückgehen sollte; ein Adjutant des Generalissimus Hohenlohe traf ein, den der Prinz feit achtundvierzig Stunden vergebens um Verstärkung gebeten hatte. Der hochmütige Fürst, der die Verstimmung des Hofes gegen den Prinzen kannte, hatte wie ein Toter geschwiegen. Der Adjutant brachte, nun da Napoleons übermächtige Kavallerie bereits gegen uns losraste, den mündlichen Befehl, es sei dem Prinzen, der „standzuhalten" habe, „jegliches Anbinden strengstens untersagt". Der Prinz blickte den meldenden Herrn starr an, seine Miene war bitter und sarkastisch. „Danke", sagte er. „Ich weiß Bescheid!" Damit stachelte er sein Pferd gegen den Feind. Ich folgte unmittelbar hinter dem Prinzen. Schluchzende Frauen standen längs der staubigen Landstraße. „Weint nicht, Frauen", rief einer unserer Soldaten, „man könnte meinen, wenn man eure Jeremiaden hört, wir gingen zu einem Begräbnis!" Der Prinz drehte im scharfen Reiten fein edles, mutgeschwelltes Profil mir zu und sah mich prüfend an. Seine rassigen Nüstern bebten, sein« breiten, hochgeschwungenen Augenbrauen waren unter den gepuderten Haaren, unter dem schwarzen Generalshut mit der weißen Straußenfeder finster, wie unter der Wirkung eines Schmerzes zusammengezogen. Plötzlich riß der Prinz sein Pferd ein und stieß ruckweise vor: „Nostitz, wieder diese Frau! Die weiße Frau versolgt mich!" Ehe ich mit meiner Seele aus der namenlosen Bestürzung emporzusteigen vermochte, in die mich des Prinzen Worte und sein Blick, die Erkenntnis warfen, daß das doch wahr sei, was ich gehofft hatte, nur geträumt zu haben, ohne daß ich es bisher gewagt hätte, mich davon durch ein Gespräch mit dem Herrn Prinzen zu Überzeugen, jagte er, umjubelt von dem Elan unseres schon stark engagierten Kontingentes vor, wie um sich einer unheimlichen Macht zu entziehen. Ich hatte unter den weinenden Frauen längs der Straße auf einem Rasenhügel eine Frau sitzen sehen, die ganz weiß gekleidet war, deren Züge ein auffallend heller Schleier verbarg; noch klang mir ihr schrnerzdurchschütteltes Weinen in den Ohren. Ich wendete und stürzte wie von Sinnen mit hängenden Zügeln zurück-, ich fragte überall herum, keiner der Soldaten, die noch am gleichen Flecke standen, wußte zu sagen, wohin die Frau mit dem weißen Schleier, die auch sie alle gesehen hatten, verschwunden war. Todesangst stieg in mir auf; ich mußte der geheimnisvollen Gräfin von Orlamünde gedenken, die nach der Sage den Gliedern des Hauses Hohenzollern erscheint, wenn ein Unglück unterwegs ist. Ich kehrte mit wirbelndem Kopf zu dem Prinzen zurück, der meine Abwesenheit bemerkt hatte und mich prüfend anblickte. Da er aus der Bewegung meiner Züge erriet, daß ich das Geheimnis nicht hatte auf* klären können, sah er mir fest in die Augen, legte seinen Zeigefinger an den Mund und sagte: „Schweig!" Er galoppierte, den Degen ziehend, an die Spitze der Kavallerie und stürzte sich, sie mit vorwärtsreißend, heftig in die furchtbar andrängende französische Reiterei. Er fetzte sein Leden aufs Spiel mit der Kaltblütigkeit des Kriegers, der an die Schrecken des Kampfes gewöhnt ist. Ich blieb dicht neben ihm; die Sachsen trommelten bereits zum Rückzug. Mit Gewalt bog der Prinz die Spitze der Fliehenden um, er suchte aus ihnen ein Widerstandszentrum zu formte» ren. Aber das Durcheinander verschlimmerte sich, ich sah. daß der Prinz taumelte, die Zügel seiner starken Hand zu entgleiten drohten. Ich riß ihn von seinem Pferde und legte ihn quer über meinen Sattelbaum; ich suchte mich aus dem Wirrwarr des Kampfes mit der Exaltation zu lösen, welche die Seele aus verzweifelten Lagen schöpft. Des Prinzen lebenstrotzende hohe Gestatt vom Abend vorher war vor mir, als er in himmlischer Stimmung mit feinem schwungvollen künstlerischen Geiste auf dem Piano im Schloßsaal melobierfe, mit der Meisterschaft, die selbst Beethoven und Goethe in ihren Bann gezogen hatte. Die Turmuhr schlug Mitternacht; jäh und sonderbar hatte sich mit dem zwölften Schlage der Prinz verändert. Das schöne gebräunte Gesicht erbleichte, die eben noch träumerisch über die Tasten des Klaviers gleitenden Finger waren steif, wie gekrampft, er fuhr sich mit der Hand über die Augen, drehte sich wie erschrocken um, mit einer raschen Bewegung eine Kerze ergreiseno, stürzte er auf eine Seitentüre zu und verschwand. Die anderen hatten in ihren eifrigen Gesprächen über die bevorstehende Schlacht nichts bemerkt. Ich lief dem Prinzen nach und fand ihn in einem langen dunklen Korridor, von dem nur ein Seitengang in den Schlohhof hinaus abging. Ruckweise folgte der Prinz einer in einen Schleier von auffallender Helligkeit gehüllten weiblichen Gestatt. Das phantastische Wesen, das ganz weiß gekleidet war, entfernte sich langsam. Am äußersten Rande der Galerie angekommen, verschwand die Erscheinung Der Prinz stellte den Leuchter auf die Erde und begann die Mauer abzutasten; er schlug dagegen, ob sie nicht durch veränderten Klang die Existenz eines heimlichen Ausganges verriete. Nichts! Ich sah den Prinzen zittern! „Nostitz", fragte er, „du hast sie auch gesehen? Also ist es keine Einbildung ... sie ist es?" Ich eilte zur Wache; diese hatte bloß einen sächsischen Offizier in einem weißen Mantel passieren lagen. Als ich das meldete, gebot der Prinz: „Schweig um des Himmels willen, daß sich nicht noch mehr Mutlosigkeit verbreitet!" Wir traten zurück zur Gesellschaft in den Saal, des Prinzen Stirn trug einen hellen Schein, wie totes Fleisch, das in der Finsternis leuchtet... Und nun lag sein Haupt schwankend in meiner Linken, feine Füße schlugen kraftlos gegen die Brust meines fliehenden Pferdes; denn wik wurden heftig verfolgt. Ich schoß aufs Geratewohl meine Pistole nach rückwärts ob, ein Gegenschuß riß mir den Hut vom Kops, doch der Vorderste meiner Verfolger stürzte. Eine Kugel zerschmetterte mir den Arm. Wie ein Toller tauchte seitwärts hinter mir ein französischer Husar auf, der wutentbrannt die blutenden Flanken seines Reittieres mit den Sporen bearbeitete, daß es mit rotem Schaum im Maule vorschoß. Im Augenblick, als der Husar an mir vorüberkarrierte, hieb er gegen das leblose, mir entgleitende Haupt des Prinzen. Ich drückte den Teuren mit letzter Kraft an meine Brust und warf mich schützend vor; der Säbelhieb hier und die zerfetzte Nase sind die Begründung meines höchsten Stolzes. Ich hatte das Glück, den Helden vor der Verstümmelung seiner adeligen Züge, seines stolzen und reizenden Mundes zu bewahren. Als letztes sah ich, daß der Husar nicht mehr Herr seines dicken Pferdes war, die Strafe des Himmefs stürzte ihn und sein Tier in die Saale, in der sie verschwanden, dann stürzte auch ich ... Als ich im Lazarett zu Jena wieder erwachte, lag mein vielgeliebter Prinz in der Gruft zu Saatfeld; das Vaterland war zusammengebrochen, wie er es feit Jahren vergeblich warnend prophezeit hatte. Der Held, den die Nemesis allzu früh fällte, war nicht mehr ... Ich schwöre Ihnen, ich sah die weiße Frau! Absolut! ganz genau! Im Schlosse und auf der Straße! Ihre Unheil anzeigende Erscheinung hatte den sonst so siegfriedstarken Arm des Prinzen geschwächt ... Seien Sie nicht ungläubig! Selbst wenn die weiße Frau bloß dem Herrn Prinzen erschien, wenn nur sein inneres Gesicht sie sah, die durch die Erwartung des hoffnungslosen Kampfes gesteigerte Erregung so stark in ihm wirkte, daß wir anderen, durch des Prinzen uns alle beherrschenden Persönlichkeit gezwungen, sie auch zu. sehen vermeinten, dann ist dies erst recht der Beweis, daß Friedrichs des Großen Neffe der Größten einer war! Er stand im Rapport mit drüben. Im Rapport der Seele mit den Dingen über uns steht nur ein Gottgeleiteter! Die Singe sind, man kann sie leugnen, aus Dünkel oder Feigheit, sie sind! Zu Land nach Burma. Von Herbert Hörhager. Bangkok ist eine interessante Stadt. Aber wenn man 14 Tage auf Kanälen herumgegondelt und durch bizarre Tempel gelaufen ist, muh man doch langsam an die Weiterfahrt denken. Wir wollen nach Indien. Das Normale wäre es nun, sich eine Fahrkarte auf der siamesischen Eisenbahn zu lösen und in zwei Tagen die Malakka-Halbinsel hinunter nach Singapur zu brausen. Dort wurde man bald Anschluß an einen Schnelldampfer finden und könnte in wenigen Tagen in Kalkutta oder Colombo an Land steigen. Dieser Weg hat etwas Verführerisches. Er ist bequem, schnell und sicher. Aber er ist auch teuer unb, wenn man es genau nimmt, unnatürlich. Wenn wir früher auf der Asienkarte in Dierckes Schulatlas unsere beabsichtigte Reiseroute einzeichneten, dann führte eine Linie immer kühn von Bangkok direkt nach Rangoon. Es wird schon irgendeine Straße dort sein, dachten wir uns. Warum auch nicht? Bangkok—Rangoon wäre die kürzeste Berbindungslinie zwischen Hinter- und Vorder-Jndien. Dazwischen liegen allerdings ein paar Gebirgsketten, die aber die 2000-Meter-Grenze kaum Übersteigen. Wqs liegt näher, als die Annahme, daß hier unsere verkehrswütige Zeit eine Autostraße hingebaut hätte. — Was sich jedoch als ein grausamer Irrtum erwies. In Bangkok machte man uns überzeugend klar, daß wir, um nach Vritisch-Jndien zu kommen, erst nach Singapore fahren müßten. Wir griffen uns an den Kopf und konnten uns keineswegs mit dem Gedanken abfinden, nun mit einem langweiligen Zug die längste Halbinsel der Welt hinunterzurollen, obwohl die Grenze des britischen Territoriums sozusagen zum Greifen nahe lag. Aber immerhin, zwischen ihr und der siamesischen Hauptstadt dehnten sich 300 Kilometer Dschungel. Da galt es, sich irgendwie durchzuschlagen, und schließlich trafen wir den Mann, der uns sagte, wie das zu machen sei. Er war ein Deutscher, der selbst schon einmal von Burma durch den Urwald nach Siam herübergekommen war. Es sei halb so gefährlich, meinte er, und Elefanten brauche man dazu auch nicht. Immerhin, die Route schien uns anziehend genug. W i e man in Siam reift. Eines Tages schwammen mir auf einem kleinen Motorboot den MehNam, Siams Haupistrom, hinauf nach Norden. Aus dem einen Tag wurden drei und schließlich vier. Einmal, in Paknampoh, wechselten wir das Boot. Das neue war noch kleiner als das erste. Wir waren die einzigen Weißen und saßen mit den Eingeborenen zusammen auf dem blanken Boden. Gegen Abend lief der Motor nur auf halber Fahrt. Es war Badezeit für die Mannschaft. Einer nach dem anderen hing sich quietschend vor Vergnügen über Bord und ließ sich durch die braune Brühe schleifen. Die Prozedur dauerte gute zwei Stunden, bis es dunkel wurde. Am Abend des vierten Tages war es so weit, daß wir in Kam Peng, einem Dschungeldorf von 200 Einwohnern, an einem Seitenarm des Meh Nom, anlegten. Von hier ab wurde der Fluß so seicht, daß selbst unser lächerlich kleines Motorboot nicht mehr weiter konnte. Ein Lastauto sollte uns von hier nach Ra Heng bringen, eine Entfernung, die etwa 80 Kilometer betrug. Der Fahrer verlangte zweieinhalb Tickal für feie kurze Strecke, was uns entschieden zuviel schien. Wir handelten am Strand den ganzen Abend unter Teilnahme des gesamten Dorfes, aber ohne Erfolg. Der Mann wußte um seine Monopolstellung. Das Auto fuhr nämlich nur gelegentlich und im Bedarfsfälle und war erst feit kurzem in Dienst gestellt. Da es jedoch ein neuer Chevrolet war hatten wir Vertrauen zu ihm und zahlten schließlich den verlangten Breis. Rekordfahrt. Am nächsten Morgen merkten wir, daß wir nicht übervorteilt worden waren. Diese Autofahrt überbot alles, was wir in dieser Hinsicht bisher erlebt hatten. Cs gab nämlich keine Straße. Das Auto brach sich feinen Weg einfach durch den Dschungel. Gewiß, es war schon einige Male die Strecke. gefahren. Aber die Beifahrer hatten jedesmal nur immer die notwendigsten Hindernisse aus dem Weg beseitigt, um durchzukommen. Ja, „durchkommen", das war jedesmal wieder von neuem die Aufgabe — nicht etwa einen Weg bauen, der nach einer einmaligen Mühe für immer eine sichere Fahrt garantiert hätte. Man hackte ein paar Bäume um, beseitigte ein paar Schlingpflanzen und ließ im übrigen das Unterholz durch die mächtigen Räder nieberftampfen. Inzwischen aber war die Fahrtrinne so tief geworden, daß die Achsen an den Baumstümpfen hängen blieben. Alle Augenblicke mußten wir daher halten und die Strünke umhacken. Auf dem Schutzblech der Vorderräder kauerte ein brauner Bursche mit einem riesigen Buschmesser, immer sprungbereit, um den Weg passierbar zu machen. Oben auf dem Dach hockten auch zwei und befreiten die hinter firnen sitzenden Passagiere von Zweigen, die ihnen sonst ins Gesicht geschlagen wären. Der Chevi leistete Bewundernswertes. Er kam durch, brauchte aber für die 70 Kilometer lange Dschungelstrecke genau sieben Stunden. Es fei eine Rekordfahrt gewesen, meinte der Fahrer später. Bis Ra Heng konnte man noch irgendwie fahren. Von hier ab aber mußte man reiten ober zu Fuß laufen. Wir entschieden uns für das letztere. Aber für unser Gepäck brauchten wir ein Ponny, und außerdem benötigten wir einen Mann, der uns den Weg zeigte. Erst wollte niemand mit uns gehen. Es sek zu kalt, sagten die Eingeborenen, wahrscheinlich jedoch nur, um den Preis zu steigern. Dabei herrschte eine Hitze, wie in Deutschland an heißen Sommertagen. Für die Siamesen aber war jetzt die „kalte" Jahreszeit. Schließlich brachte uns der Ortspolizist einen Mann an, der uns für 10 Tickal nach Mesod, dem siamesischen Grenzart, bringen wallte. Er war ein langer, hagerer Bursche mit schwarzen Haaren und stark hervortretender Nase. Der Oberkörper steckte in einem grünen europäischen Jagohemd. Um die Lenden trug er ein buntes Tuch, bas wie ein Rock auf die Knöchel herabfiel. Auf dem Kopf faß ihm ein Tropenhelm, von dem man nur vage vermuten konnte, daß er einmal weiß gewesen sei. Im Gürtel aber steckte ihm in einer messingbeschlagenen Scheide ein gewaltiger Dolch, der seiner Gestalt entschieden eine romantische Note gab. Er selbst suchte mit einem Revolver zu imponieren, den er ungefähr alle zwei Stunden aus der Brusttasche des grünen Hemdes herauszog. Das Ding tat bestimmt keinem Menschen mehr etwas zu Leide, hätte dem grimmigen Schützen aber leicht in der Hand explodieren können. Das war unser „Scheich"! So nannten wir ihn, da sein Name für uns immer ein phonetisches Rätsel blieb. Er schleifte uns über unzählige Flußläufe und richtete es immer so ein, daß wir abends zu ein paar Eingeborenenhütten tarnen, wo wir unter Dach schlafen konnten. Die Häuser waren meistens aus Pfählen gebaut und mit Bananenblättern gedeckt. Eine Seite stand offen. Die Menschen machten einen stumpfen Eindruck, und selten sah man jemanden arbeiten. Sie „weiße Medizin". Wir kochten dann wohl auf ihren Feuern und boten ihnen Tee an. Unser „Scheich" war immer als erster mit seinem Napf zur Stelle und erklärte dann den dummen Dorfbewohnern, daß man in diesen „Tscha" kleine weiße Klümpchen hineintun müsse. Die Folge davon war, daß unser Zuckervorrat schnell zusammenschmolz und wir die letzten zwei Tage den Tee „ohne" trinken mußten. Im Anschluß an den Tee forderte unser „Scheich" jeden Abend seine „Medizin". Er hatte einmal gesehen, wie wir nach dem Essen Chininpillen schluckten. Nun hatte ich unglücklicherweise nur eine Flasche Pillen mitgenommen, die wir selber brauchten. Von dem Augenblick aber, da der „Scheich" das Wort „Medizin" ausgesprochen hatte, streckten auch alle Umsitzenden ihre schmutzigen Hände aus. In Wirklichkeit fehlte natürlich keinem etwas. Meistens teilte ich harmlose Kohlekompretien aus und die Leute waren zufrieden. Nur unser Scheich blieb standhaft und wollte die „weiße Medizin". Einmal gab ich nach, am zweiten Tag aber verweigerte ich sie ihm. Aber der Bursche blieb so hartnäckig, daß ich ihm schließlich eine weiße, radikal wirkende Abführpille gab. Vorher aber hatte ich ihm gesagt, daß diese Medizin „schlecht" für ihn sei, was ihn weiter nicht beeindruckte. Am nächsten Tag bekamen wir alle Augenblicke das Pony zu halten, und der „Scheich schlug sich seitwärts in die Büsche. Künftighin schluckte er wie die anderen Kohlekompretten. Am vorletzten Tag kamen wir nach vier Stunden Marsch in ein Dors, und unser „Scheich" weigerte sich, weiter zu gehen. Es kämen jetzt bis zur Grenze keine Häuser mehr, meinte er, und wir könnten die Nacht nicht im Dschungel »erbringen. Der „Scheich" wird müde! Am nächsten Morgen hatten wir einen Marsch von guten neun Stunden vor uns und wollten gegen Mittag in dem siamesischen Grenzort [ein, um noch vor Dunkelheit das erste Dorf in Burma zu erreichen. Als wir zwei Stunden gegangen waren, tarnen wir an einer leeren Hütte vorbei, die Reisenden zur Uebernachtung zur Verfügung stand. Bis hierher hätten wir am Vortag noch nicht leicht gehen können, aber der „Scheich" wollte eben lieber im Dorf bleiben. Dafür mußten ipir heute etwas schneller machen. Nach einer weiteren Stunde wurde unser „Scheich." müde und wollte rasten, womit wir natürlich nicht einverstanden waren. Er hätte sich das am Vortage besser überlegen können. Nach kurzer Zeit trafen wir auf eine lagernde Kulikarawane. Unser Scheich setzte sich einfach zu einem hin und langte ohne weiteren Kommentar mit in dessen Reistopf. Das paßte uns nun auch wieder nicht, und wir jagten ihm, daß er kein Geld bekäme, wenn er nicht sofort weiterginge. Das wirkte. Unser „Scheich" knurrte heftig, aber wir erreichten doch noch zur rechten Zeit unser Ziel. Mit einem Büsfelkarren rumpelten wir am nächsten Morgen die restlichen sechs Kilometer zur Grenze. Noch einmal ging es durch einen breiten Fluß. Dann standen wir auf britischem Boden. Wir waren in Burma. Derantwortlich: l)r. Hans Thyriot. und Derlag: Brüh Ische Univ erst tat sdruckerei A. Lange, Gießen.