vietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang <958 Zreitag, den 25. März Nummer 2< Herz Im HW Aomau von ^ans-Äaspar von Zabeltitz Copyright by deutsche Berlags-AnstaN, Htuttgart 10. Fortsetzung. Sie tritt, als Bernd gegangen ist, «ns Fenster und winkt ihm nach. „Ob er es schafft?" fragt sie dann die Mutter. »Aber natürlich." „Das wäre fein." Irene stutzt. Sie sieht: Das Mädel blüht und knospet, lieber den kinderbacken liegt ein roter Schimmer innerer Erregung. Es ist später als an anderen Tagen, sonst liegt Lexe um diese Zeit shon im Bett. Heute aber gibt es noch eine Plauderstunde, denn Lexe Hill wissen, was für ein Examen Bernd eigentlich macht. Irene gibt ihr Bescheid. Im Zimmer brennt nur eine Lampe. Es ist wohlig warm. Lexe schmiegt sich ganz dicht an Irene an. „Muttili", sagt sie — nur selten gebraucht st« diesen Kosenamen — »Muttili, darf ich dich einmal etwas fragen?" „Gewiß, Lexe." „Etwas ganz Ernstes?" „Gewiß, Lexe." Lexe zögert, hebt ihren Kopf und blickt scheu zu Irene .auf. Dann frmmen sehr zaghaft, sehr stockend die Worte: „Willst du nicht wieder Giraten, Muttili?" Nur einen Augenblick ist Irene erschrocken, nur einen Augenblick d uert es, bis sie sich wieder voll in der Hand hat. „Nein, Lexe, wir beiden zusammen wie wir sind. Wir drei: du — Günter — und ich. 3jt es denn nicht schön so, Lexe?" Noch näher drängt sich Lexe an sie. „Ja — sehr schön." Es ist still im Raum. Irene fühlt den weichen Körper ihres Kindes, sie fühlt noch mehr: ins Klopfen des jungen Herzens, Schlag um Schlag um Schlag. Sie denkt mit, weit zurück, bis in die Tage, da sie dieses Kind zum erstenmal in sch spürte. Das wächst nun heran, wird ein Mensch, eine Frau. Wie schnell d«s geht, wie schnell trotz.allem, was das Schicksal dazwischen aus den 8eg wirft: Liebe, Tod und wieder Liebe. Auch sie wird einst das Herz ii Schild ihres inneren Wappens tragen. Daß dies Schild sauber und blank dlribt, dafür muß sie sorgen. Sie löst sich von ihrem Kinde. „Geh zu Bett, Lexe. Komm, stehe auf, ii bringe dich noch." Arm in Arm gehen sie den Flur entlang, bis zu Lexes Zimmer, das hit ganz in Weiß gehalten ist: nur hier und da ein Tupfen Rosa: am Srtt, an der Hängelampe, an einem Kissen auf der kleinen Caifelongue. Irene hilft der Tochter beim Auskleiden, hakt das Miederchen auf, 6|t ein paar Schleifen. Lange hat sie das nicht getan. Sie wäscht lhr f«$ar das Gesicht, den Hals und reibt mit dem Leinentuch nach; sie genießt liefe mütterlichen Handreichungen und Griffe, und Lexe, die doch schon zem groß und erwachsen tut, läßt sich alles gefallen. Es gibt Lachen, es jitt Scherze. Bis Lexe in ihrem Bett liegt, den dunklen Kopf auf den weißen Kiffen, «nti Irene wie in Kindertagen mit ihren Händen die gefalteten Hände her Tochter umschließt. Da ist Lexe plötzlich wieder ernst. „Weißt du, Üluttifi. das vorhin — ich fragte nur, weil sie im Dorf immer sagten, es |fi n' gut..." , ■ ■) weiß, Lexe." — Lexes Wort ist aber doch nicht so leicht abgetan in Irene. Sie sitzt noch lange in ihrem Zimmer allein. So weit denkt das Kind «ist schon. Wieder heiraten? Nein. Das große Glück war ja einmal da. Es reicht wohl aus für ein Seten. Es kann gar kein neues mehr geben. Ob das Kind an den Wallnitz dachte? Warum zog sie ihn eigentlich in ihr Haus, damals, nach Alexanders $»? Sie hat nie darüber nachgedacht, jetzt scheint es ihr aber klar: Weil er so jung war, ein Stück der Jugend, verträumt, verliebt, roman= Inch, die sie nie gehabt hatte, die ihr dann aber doch noch geschenkt Durbe im Wiener Frühling. Und die nun wohl vorüber ist für immer. Widern war es schwer gewesen, für die Kinder zu leben, nur für die wöer; jetzt ist es leicht. Das Glück war ja bei ihr gewesen, einmal, Nrz stark, gebend, nehmend, erfüllend. Nach ihm ist wohl keine Pflicht W hart und eifern; nach ihm ist jede Pflicht leicht und schön. Soviel Kraft gibt ein Glück. Irene geht an ihren Schreibtisch: sie schaltet das Licht unter dem grünen Schirm ein, zieht einen Bogen heran und beginnt einen Brief an William Bruce nach Kapstadt, einen ganz ruhigen, sachlichen Brief, der von Lexe berichtet und von Günter. Nach den Prüfungstagen — es find ihrer fünf — überkommt Bernd ein großes Bedürfnis nach Stille. Er weiß, er muß jetzt Monate warten, bis ihm mitgeteilt wird, ob er feine Einberufung zur Kriegsakademie erhält oder nicht. Er glaubt, gut gearbeitet zu haben, aber ob er besser gearbeitet hat als die andern fünfzehnhundert Bewerber, kann er nicht wissen. Und merkwürdig: die Frage beunruhigt ihn nicht, ja, sie beschäftigt ihn kaum. Die Gegenwelle ist da: er kann nichts mehr hören von Taktik, Kriegsgeschichte und verwandten Dingen, ja selbst der Dienst wird ihm zuwider. Er findet die Kaserne muffig, den Drill sinnlos, seine Adjutantenpflichten kindlich leicht, fast seiner nicht würdig: jeder Unteroffizier könnte sie erledigen. Er zieht die Uniform aus, sobald er kann, meidet die Kameraden und versteht ihre Freude am gemeinsamen Leben im Kasino nicht mehr mit Umtrunk und, wie er sagt, ewigen Kommiß- gesprächen. Er denkt an das Angebot, das ihm sein Kommandeur machte: Urlaub. Aber er weiß kein Ziel. Dapper lockt ihn nicht. Vater würde doch nur nach seinem Dienst und Mutter nur nach dem gesellschaftlichen Leben fragen. Die weite Welt aber, von der Irene Czeh sprach, ist ihm verschlossen; Reisen kosten Geld, und Geld hat er nicht. Dies Loslösen vom Gewohnten wird ihm aber nicht leicht und macht ihn nicht froh, er ist verstimmt, er ist zerfallen mit sich und seinen ureigenen Bezirken. Da fragt ihn eines Tages Irene Czeh, ob er mit ihr ins Deutsche Theater kommen wolle, wo der zweite Teil des „Faust" gegeben wird. Er sagt zu, ohne zu bedenken, an was er sich wagt. Er hat den ersten Teil des Faust ein- ober zweimal gesehen, aber er hat nur die Gretchen- tragöbie in ihm erfaßt, und auch sie nur erdennah, ungeistig. Jetzt rauscht der zweite Teil an ihm vorüber: er sieht eine Fülle von. Bildern, die ihn erschüttern, die er aber nicht begreift, er hört Worte, Verse, die für ihn hinter Schleiern bleiben; alle Gestalten auf der Bühne stehen vor ihm wie Fragesteller, denen er keine Antwort geben kann. Todmüde kommt er in feine Wohnung zurück, sein Hirn, ist überschwemmt von unbekanntem Humus, der alles erstickt, was ihm bisher Dichtung war: bas romantische Versgeläute feiner Pagenballaden. Er steht vor seinem Bücherschrank, greift nach der Goetheausgabe, die er jahrelang nicht in die Hand genommen, sitzt vor seinem Schreibtisch und beginnt zu lesen. Wie es seine Wesensart ist, spart er sich nichts, weder die Zuneigung noch das Vorspiel auf dem Theater, noch bas im Himmel. Er weiß gefühlsmäßig: nur über ben ersten Teil kann ich zum zweiten vorbringen. Er quält sich eine ganze Nacht hindurch, aber er ist, als der Morgen graut, nicht über ben Osterspaziergang hinausgekommen. Jedoch der Anfang ist gemacht: die Welt Goethes öffnet sich ihm. Er wirb ein Maulwurf, er quält sich in bas neue Erbreich hinein, schüttet, was ihn am Vorbringen hindert, mit dem Schübel ans Licht und frißt erst einmal bie Brocken gierig auf, die er leicht verbauen kann. Seine Mißstimmung versinkt, sein Dasein scheint ihm roieber zweckvoll. Er holt sich Bücher heran, Auslegungen, Wegweiser in fremdes Land. Er bezieht alles erst einmal auf sein eigenes Leben und folgert, daß fein Verhältnis mit Hilde nichts mit der Gretchentragödie zu tun hatte, und baß seiner Absage an Lore auch keine Tragik innewohnte. Der leuchtenbe Ausklang vorn Ewigweiblichen, ber ihm von jenem Theaterabend her unvergeßlich im Ohr, aber noch nicht in ber Seele hastet, gilt, in fein Leben gerufen, Irene Czeh. Sie ist ihm noch immer das Licht. Er fühlt gar nicht, baß es in ihm revolutioniert, daß auch an feinem (Bottglauben gerüttelt wirb, ber in ihn vom Kinbergebet an als unumstößliches Gesetz gelegt ist, so fest wie fein- Glaube an sein Preußentum unb seine Königstreue. Das alles ist in seinem Inneren eine in sich geschlossene Festung, die noch keiner angegriffen hat, deren Mauern deshalb auch noch keine Risse ober gar Breschen zeigen. Er schweigt zu allen von diesem Kamps, den er mit dem Faust führt, auch zu Irene Czeh, mit ber er früher so gern von ber Romantik sprach, bie ihn erfüllte, ohne zu merken, daß sie für seine Begeisterung nur ein Lächeln hatte, bas zwar verstehend war, aber bie Grenze anzeigte, bie ber Altersunterschieb zwischen ihnen errichtete und die er nie spürte. In dieser zwiespältigen Zeit lernt er in Irenes Haus ben Pfarrer Peter Müller kennen. Die beiben Männer fühlen sich fo stark zueinandergezogen, daß sofort eine Freundschaft zwischen ihnen aufsproßt, bie ihre Wurzeln in den Boden ihrer ihnen gemeinsamen Liebe zu Irene Czeh streckt und dort überreiche Nahrung findet. Alle ihre Gespräche beginnen und enden in dieser Liebe, die das gleiche Ziel, jedoch auch die gleiche Belastung des Unerfüllbaren, Unerklimmbaren hat. Zwischen diesem Anfang und diesem Ende aber liegen alle Probleme, 8te st« sonst erfüllen. Sie fitzen beieinander und reden und reden, ste streiten sich um Gott und um die Welt. In Peter Müller ist Gott verankert, in Bernd arbeitet sein Ringen um den Faust. „Du gehftn werden von Zweifeln und Erkenntnissen angenagt. Zu Ostern steht Alexandrine Czeh mit anderen jungen Mädchen vor dem Altar der Dreifaltigkeitskirche. Bernd fitzt im Gestühl und ist voll bereit, diese Einsegnung aus ganzem Herzen mitzuerleben. Er hört den Freund sprechen, er spürt, wie seine Worte ringsum die Menschen packen, aber er wird nicht erschüttert, er nicht. Im Gegenteil: in ihm melden sich Widerstände, auf die er selbst nicht vorbereitet ist; aus seinem Inneren heraus wird das, was ihm bisher angelehrt wurde, überfallen, und er kann sich des Angriffs nicht erwehren. Peter Müllers Worte zielen auf das Abendmahl hin, das Abschluß und Krönung der Feier sein wird; er spricht von Sünde und Erlösung. Da steigt in Bernd die Abwehr auf: Wie kann der Freund vor diesen Kindern von Sünde sprechen? Ist denn in ihnen schon Sünde, die ihnen vergeben werden muß? Er kennt aus der Schar dort vor dem Altar nur Alexandrine Czeh, und sie wird für ihn zur Gesamtheit: froh, kindlich, sauber. Warum quält Peter Müller sie an diesem Tage, der ihr das Leben öffnen soll, mit Vorwürfen, die ihr ja gar nicht gelten können? Warum schiebt er Riegel, geistige Riegel vor das Leben, statt Tore zum Leben freudig aufzustoßen? Warum breitet er Schatten, statt Schleier fortzureißen, damit wirkliches Licht in die Herzen ströme, lebendiges Licht? Das Schiff der Kirche scheint Bernd dunkel, und er möchte es so gern hell, leuchtend hell für diese Kinder haben. Als die Feier beendet, drängen die Verwandten und Freunde zu den Konfirmanden, um ihnen Glück zu wünschen. Auch er geht nach vorn, R vor Lexe und sieht in ein tränenüberströmtes Gesicht. Und wieder as Fragen da: Warum dieser bittere Ernst, warum keine Froheit, kein Lachen? Das Leben, in das dies Kind heute hineingeführt wird, soll doch etwas Schönes, Lichtes werden. Muß man es an fernem ersten Tag mit Worten von Sünde und Tod erfüllen? Auch als sie später in Irenes Räumen zusammen sind, bleibt die Stimmung ernst, verhalten. Wieder spricht Peter Müller, spricht vom Vater, der schied, spricht von den Pflichten, die kommen. Warum belastet er diese junge Seele? fragt sich Bernd. Er versteht den Freund nicht. Für wenige Augenblicke faßt er Lexe allein. Sie steht an einem Fenster und sieht in die Gärten, die auf der anderen Seite der Straße liegen. Die Sonne scheint; es beginnt draußen zu grünen und zu blühen; der Frühling will kommen, nein: er ist mit seinem ersten Leuchten schon da. Bernd nimmt ihre Hand, er blickt in ihre Augen. „Schön ist es da draußen, Lexe, nicht wahr? Möchtest du jetzt in Waldhausen sein und durch den Park laufen?" Sie nickt. v,8adje doch einmal, Lexe. Freue dich des Tages. Das Leben ist nicht so ernst, wie sie es dir alle heute gepredigt haben, das Leben ist schön und hell und licht." „Wirklich?" „3a, Lexe. Es ist schön. Daran glaube. Man darf nicht nein sagen jum Leben, man muß ja sagen und immer wieder ja!" Da gleitet etwas von der Frühlingssonne draußen über ihr Gesicht. »Ich will es versuchen", sagt sie. „Richt versuchen, Lexe, tun mußt du es. Versuche sind immer halbe Dinge, nur die Tat etwas Ganzes." In den nächsten Tagen ist Bernd voller Unruhe. Er kommt nicht von den Gedanken an die Einsegnung los. Zweifel und Fragen quälen ihn. Schließlich geht er zu Peter Müller; er fällt ihn an: „Wie konntest du zu diesen Kindern von Sünde sprechen? Was haben sie denn verbrochen?" „Die Sünde steckt in jedes Menschen Herz." Bernd begehrt aus: „Rein. Ihr seht sie nur in den Herzen und vergeßt darüber die Lauterkeit. Ihr sagt: der Mensch ist sündig von Jugend auf. Ich aber sage: der Mensch ist gut." /'Die Kirche sagt .. ", beginnt Peter, aber Bernd laßt ihn nicht weitersprechen. „Ich will nicht hören", ruft er, „was die Kirche sagt, sondern was du sagst als lebendiger Mensch. Was ist denn Sünde? Wenn einer mordet, wenn einer stielst, wenn einer lügt — ja. Aber was hatten deine Konsirmanden mit all dem zu tun? Was hatte Lexe Czeh mit dem zu tun? Nichts. In ihr steckt das Gute und nicht das Schlechte, nicht die Sünde Warum quälst du sie damit?" "3d) habe sie nicht gequält. Ich zeigte ihnen nur, wie das Leben ist." „Du meinst, wie du es siehst." „Ich habe sie vor Gefahren gewarnt. Ich muß sie zurückhalten, damit sie nicht fallen." „Und wenn sie fallen?" „So wird Gott ihnen vergeben, wenn sie chre Sünde bereuen." „Unb wenn sie das, was du Sünde nennst, nicht bereuen können, roas bann? Ich weiß: Verdammnis, später, nach dem Tode. Aber hier aus Erden was da? Sollen sie bis an ihr Ende mit der Qual in der Seele umherlaufen, daß ihnen später jenseits dieser Welt Verderben ’n 'hren Herzen etwas anders empfanden als ihr, als öle Kirche? Ich hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen Peter War das Sünde? Ja, sagst du. Aber warum? Wir hatten uns lieb wir fanben uns, wie es das Leben will. Da war kein Betrug, keine Unehrlichkeit, ba war alles sauber unb rein. Wir waren glücklich, wenn wir zusammen waren. Was soll sie da, was soll ich da bereuen?" Peter hebt seine Stimme. „Bernd, Bernd, du rüttelst an den Grund» festen unserer Kirche. Wenn ihr so unser Haus einreifet wo bleibt bann Gott?" Bernd ist füll, er denkt nach. „Wo bleibt bann Gott?" wiederholt er. Langsam geht er auf den Freund zu, bis er ganz dicht vor ihm steht. Beide Hände legt er ihm auf die Schulter. „Bedarf es dazu der Kirche, Peter? Bedarf es dazu der Mauern? Ist Gott nicht überall?" Wenige Wochen später weiß Bernd, daß er sein Ziel erreicht hat: er ist zum Herbst zur Kriegsakademie einberufen. Er steht auf dem Kasernenhof, als ihm der Regimentsadjutant die Mitteilung des Prüfungsergeb- niffes macht. Eine stolze Freude quillt in ihm auf. Aber bann plötzlich auch Wehmut, er sieht sich um: ba sind die grauen Mauern der Kasernen, da ist der Stall, ba ist fein Pferd, fein Beberdecker, ba ist der Exerzierplatz, da sind Abteilungen, die Marschbewegungen üben, die über Schietzdienst unterrichtet werden, da sind die Unteroffiziere, die Mannschaften, ba ist bas ganze kleine große Reich militärischen Daseins, dessen Untertan er all die Jahre war und von dem er sich nun trennen soll. Er begreift nicht mehr, daß er dies Reich in den letzten Wochen fast verachtete. Sehnsucht nach Dienst und Drill und Soldatsein ist wieder wach. Er wendet sich um und denkt: Roch ein halbes Jahr hab' ich dies alles. Ich will es nutzen. Dann aber eilt er zum Czehschen Hause. Er muß es ihnen doch zuerst sagen. Ihnen? Er stutzt einen Augenblick über sein Denken. Ja gewiß: ihnen. Irene und Lexe. Er stürmt in Irenes Zimmer. „Bestanden!" ruft er. Sie wünscht ihm lächelnd Glück. „Das freut mich, Bernd." Und er fühlt: sie sagt es wie eine Mutter. Das ist ein seltsames Erkennen für ihn. IIL Bernd von Wallnitz geht auf den Riesenbau des Berliner Schlosses zu. Er ist in Gala: Helm mit Busch, Waffenrock mit Silberstickerei, rote Streifen an den Hosen. Er trägt noch die Uniform des Garde-Füsilier» Regiments, aber er weiß: im Herbst wird er sie mit der des Generalstabes vertauschen. Seine drei Kriegsakademiejahre liegen hinter ihm, er ist zur Dienstleistung in die „Rote Bude" am Königsplatz kommandiert. Er arbeitet in der Manöverabteilung, es wird viel von chm verlangt, (ein Chef ist streng. Aber er arbeitet gern und fühlt sich sicher. Im Schloß sind im dritten Stockwerk alle Fenster erleuchtet. Die Auffahrt der Wagen zum letzten Hofball des Winters, zum Fastnachtsball, hat schon begonnen. Die Fahrzeuge flauen sich vor dem Portal, das auf den Lustgarten zuführt und von den Bildwerken der beiden Rasse» bänbiger flankiert wird. Wallnitz mutz an den Volkswitz denken, der sie „der gehemmte Fortschritt" und ,cher geförderte Rückschritt" getauft hat. Der Witz stimmt in seiner Beziehung zum Preuhenschlotz nicht mehr recht. Er ist 1848 geprägt worden, und jetzt schreibt man Februar 1914. Es hat sich viel geändert in den Jahren seit der Bürgerrevolution, und vielen alten Preußen ist man im Schloß viel zu sortschrittlich und viel zu kaiserlich. Es gibt genug ergraute Generale und Konservative, die immer noch lieber vom ,König von Preußen" als vom „Deutschen Kaiser" sprechen und des „Alten Herrn" und des „Altteichskanzlers" mit stiller Wehmut gedenken; sie meinen, man ließe die Zügel schleifen, und sehen mit besorgten Mienen in die Zukunft; sie gehen nicht mehr zu Hofe, es ist ihnen dort zu laut und zu üppig geworden; sie fürchten, im Schloß Gesichter zu finden, die nicht zu ihrer Äuffassunz von „j)ofgefeU- fchaft" passen. Sie erinnern sich gern der Zeit, wo man noch gemessenen Schrittes die breiten Stufen zur Bildergalerie hinauffchritt und sich des warmen Schimmers von vielen taufend Kerzen erfreute, wo drei oder vierhundert Menschen zum Hofball geladen waren, die sich alle gegenseitig wirklich kannten; sie mögen nicht im Fahrstuhl zu den Festräumen emporfahren, um unter zweitausend ober mehr Fremden im grellen elektrischen Licht doppelt stark zu spüren, wie sehr sie zum alten Eisen gehören. Als Wallnitz in den Fahrstuhl treten will, kommt der General von Lassvw hinzu unb streckt chm die Hand entgegen. „Sieht man Sie auch mal wieder, Wallnitz? Es ist lange her, seit wir uns kennenlernten. Ich habe es aber nicht vergehen: Hvhenfriedeberg. Und mein Vortrag hat genützt, habe ich gehört. Angehender Generalstäbler?" — „Zu Befehl, Exzellenz." — „Und trotz der vielen Arbeit auf dem Hvfball?" — ,Zch bin gebeten worden, zu kommen, Exzellenz." — ,Zch mache Ihnen ja feinen Vorwurf, Wallnitz. Ich finde es sogar richtig, daß Sie sich hier Zeigen. Ein junger Offizier muß beides verbinden können, Dienst und gesellschaftliche Pflichten." Während'der Fahrstuhl aufwärtsgleitet, fragt der General nach Bernds Eltern, nach Dapper. ,Hch habe doch neulich Ihren Namen in der Kreuzzeitung gelesen, eine Familienanzeige. Was war es doch?" — „Meine jüngste Schwester hat geheiratet, Exzellenz, meinen Freund, den Hofprediger Müller." — „Richtig, das war's. Ein ausgezeichneter Kanzelredner überdies. Sie sind befreundet mit ihm. Das ist ja nett für Ihre Schwester." Der Fahrstuhl hält, der Lakai öffnet die Tür, sie treten gemeinsam auf den Vorplatz. Wieder gibt der General Wallnitz die Hand. „Also, viel Vergnügen heute abend." — „Gehorsamsten Dank, Euer Exzellenz." Wallnitz wartet, bis der General im Gewühl der Menschen verschwunden ist. Er lächelt zufrieden. Die kleine Schwester ist glücklich und Peter auch. Er hat ihn einmal auf ein paar Urlaubstage mit nach Dapper genommen, und da hat sich alles wie von selbst gemacht, fast am ersten Tage. Wie hatte Lotte doch damals gesagt? ,^sch kriege meinen Mann .auch so." Ohne Hofball, hieß das. Fast drei Jahre hat sie tapfer auf ihren Peter gewartet, bis er die Stellung als Hofprediger in Potsdam bekam und wieder ein paar Dapperfdje Möbel aus dem alten Haus hin- auswandern mutzten, um in die kleine sonnige Dienstwohnung dicht an der Friedenskirche einzuziehen. Die Hochzeit war natürlich in Dapper, und Lexe Czeh war als Brautjungfer dabei. (Fortfttzüng folgt.) Schwalm. Von Paul Appel. . Geschmückt mit seiner Ruhe, still, grüßt das Land. Hier wohnen Sinnende im warmen und im kalten Hauch des Jahres. Heuer ist's warm, schimmrig, selig gelind. Und wir grüßen und sind gegrüßt. Von den Männern mit dichten Augen, Von den Knaben, die heben den ArmI Und unterm Hausdach stehn die lustigen Mütter, Di« klaren Frauen, die Brust unterm Latz, Zupfen die gelben Ketten am Hals, Und streichen die Röcke. Wie ich den lieben Gott suchte. Von Hermann Claudius. Immer, wenn ich als kleiner Knirps, der noch keine Schulbank gebrückt hatte, etwas ausgefressen haben sollte, nahm mich die Mutter vor, hob bedeutsam den Zeigefinger und sagte, nun sei der liebe Gott ganz böse, ich solle es ja nicht wieder tun. Meine Mutter verzog mich wohl. Weiter tat sie mir nichts, ja, sie küßte mich manchmal hinterher und lächelte. Es war immer dasselbe. Als ich im Nachbargarten die unreifen Gurken gepflückt hatte, um — mit Nachbars Gufchi zusammen — Puppe damit zu spielen, war der liebe Gott böse. Als ich die Drahttür zum Kaninchenstall endlich aufgekriegt hatte, daß beinahe die Kaninchen ins Freie gehüpft wären, wenn meine flinke Schwester Paula es nicht rechtzeitig bemerkt hätte — war der liebe Gott böse. Und als ich im Keller von den eingemachten Zwetschen genascht hatte, daß mir der Bauch hinternach weh tat — war der liebe Gott wieder böse. Ich dachte schließlich darüber nach, wo der liebe Gott nun eigentlich sei: im Garten, im Keller oder wo sonst. Daß es ein Geheimnis mit chm sei, — das dachte ich mir im stillen auch. Und so fragte ich meine Mutter eines Morgens, als sie beim Kartvffelfchälen sah: Wo ist eigentlich der liebe Gott? Meine Mutter sah mich an, lächelte, zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand, in der sie noch das Messer hielt, halbwegs in die Höhe und sagte: Oben im Himmel. Und dann schälte sie emsig weiter und fing nach ihrer Art dabei an zu singen. Da ging ich in den Garten und guckte mir überall den Himmel an. Er war ganz klar und ohne eine einzige Wolke. Da war nirgends ein Platz für den lieben Gott, wo er sich niederlassen konnte. Und eines Abends, als mich mein Vater ausnahmsweise wieder einmal zu Bett gebracht hatte und noch ein paar Augenblicke bei mir saß, fragte ich ihn: Vater, wo ist der liebe Gott? Da strich sich mein Vater langsam seinen langen Bart, dann wies er aus dem Kammerfenster auf einen hellen Stern, der draußen fchon am Abendhimmel stand und sum kelte. Dort wohnt der liebe Gott — sagte er mit seiner tiefen Mannesstimme, sprach mit mir das Nachtgebet und ging hinaus. Ich schlief ganz glücklich ein. Das war ein schöner Ort. Da mochte der liebe Gott wohl wohnen. Aber am anderen Morgen war der Stern nicht mehr da. Wo war nun der liebe Gott? Mittags traf ich Schwester Paula, die gerade die Bodentreppe hinauf wollte. „Du, Paula" — nahm ich einen schnellen Anlauf — „sag doch mal, wo eigentlich wirklich der liebe Gott wohnt!" Paula blieb verdutzt auf der Stufe stehen und sah mich an. ,Lu hast 'n Fimmel!" rief sie dann und fing an zu lachen und lachte noch, als sie schon längst die Treppe bis oben hinaufgestiegen war. So landete ich zuletzt mit meiner Frage bei meinem Onkel Eduard. — Onkel Eduard kam öfters zu Besuch. Er kam weit her mit der Eisenbahn, die an unserem Haus und Garten vorüberfuhr und winkte immer mit einem bunten Taschentuch. Das Taschentuch mit den bunten Punkten kannte ich schon von fern und winkte eifrig wieder. Und dann liefen Paula und ich schleunigst nach dem kleinen Bahnhof hinüber und holten den Onkel ab. Paula half ihm den Koffer tragen, und ich hüpfte nebenher. Onkel Eduard hatte ein freundliches Gesicht und war lustig. Bei aller Lustigkeit war er immer leise. Es mußte auch ganz still sein, wenn Onkel Eduard erzählte. Als Onkel Eduard nun seine allerschönsten Geschichten schon auserzählt hatte, kam ich chm eines Tages mit meiner quälerischen Frage: „Du, Onkel Edu, sag du das mal, wo ist richtig-eigentlich der liebe Gott?" Onkel Edu sah mich mit seinen freundlichen grauen Augen lang« an, bann schaute er zum Himmel hinauf — ach, dachte ich, er weiß es auch nicht besser — und sagte dann langsam: Vielleicht zeige ich es dir noch heute abend. Nachmittags war es dunkel, als sollt« es Regen geben. Auf einmal zuckte es hell auf und wieder und immer häufiger. Und dann rollte der erste Donner. Das Gewitter war da. Ich saß mit meinem Onkel Eduard in meiner kleinen Schlafkammer am Fenster. Von dort aus sah man über das Moor und auf die Luruper Tannen. Darüber war der Himmel ganz hoch und weit. Wir saßen und konnten deutlich die dunklen Wolken auffteigen sehen. Es war noch so hell, daß die Blitze nicht weh taten. Dann aber kam auf einmal die Finsternis, und die Blitze waren wie Feuer, und der Donner wollte gar nicht aufhören, und das Haus zitterte. Ich kroch mich dicht an Onkel Edus Flausrock und hielt maufestill. Da faßte Onkel Eduard mich sachte unters Kinn und hob meinen Kopf zu sich auf und sagte langsam und feierlich und noch leiser als sonst: Sieh, da droben hinter den schwarzen Wolken und hinter den hellen Blitzen und über den lauten Donnern, da wohnt der liebe Gott. Und alle die Blitze und alle die Donner hält er in seiner Hand. — Da verkroch ich mich noch tiefer In Dntfl Edus Flausrock, bis das Gewitter vorüber war. Aber am andern Tage war der Himmel wieder Mau und klar, ün5 alle Blumen und Blätter im Garten waren noch einmal so fr-sch Wo war nun wieder der liebe Gott geblieben? paar Tage später hatte mir Onkel Eduard vor dem Abendbrot eine Geschichte erzählt und brachte mich auch nun selber zur Ruhe, denn die Geschichte war noch nicht zu Ende gewesen. Er wollte sie mir oben in meiner Kammer weitererzählen. Und bas tat er denn auch und saß danach noch eine Zeit auf dem Bettrand, und es war ganz still. Da sah ich auf einmal durch das Fenster den schönen Siern wieder leuchten. Du Edu — sagte ich — Vater sagt, da auf dem schönen Stern, da wohnt der liebe Gott. Und du sagst, auf den Wolken. Und morgen früh 'st der Stern wieder weg, und die Wolken sind auch roeq. Sag es mir doch mal richtig! Sa nahm mein Onkel Eduard meine Hände in feine beiden Hände und sagte mit leiser Stimme, so, als ob einer ein leises Lied singt: Hör, Armantje: der liebe Gott ist auf dem schönen Stern, und der liebe Gott ist ouf der dunklen Wolke. Dann ist er ganz groß und gewaltig und größer als alle Riesen in den Geschichten. Aber er kann sich auch ganz klein machen, viel kleiner als die kleinsten Zwerge. Und bann schlüpft er in uns hinein und fitzt in unferm Herzen mitten in unserer Brust. Und bann klopft es. Onkel Cbuard schwieg, faltete meine Hiinbe mit feinen Händen zusammen und sprach bas Nachtgebet. — Gute Nacht, Armantje — Gute Nacht. Dann ging er aus der Kammer und zog die Tür behutsam hinter sich zu. Ich habe noch eine Zeitlang wach gelegen und gehorcht und habe mein Herz klopfen hören. Immerzu hat es geklopft mitten in der Brust. Da habe ich zuletzt gesagt — ganz leise hab' ich es gesagt: Ja, lieber Sott, ich weiß es, daß du da bist. Klopf nur nicht mehr. — Und dann bin ich eingeschlafen. Aeuburg an her Donau. Von Wilhelm Hausen st ein. Der erste Anblick, mit dem der Zureisende das Bild der herrlich gelegenen und imponierend emporgebauten Stadt ersaht, offenbart auch schon das Außerordentliche dieser Stätte: den Charakter einer festlichen und heiteren, einer grohgestimmten und zugleich behaglichen alten Residenz. Zumal, wenn einer den Zugang über die Donaubrücke nimmt, fühlt er sich sofort ganz und gar in dem Bann des Schlosses, das, ein mächtig beherrschendes System von Baukörpern, bewacht von zwei über« kuppelten Flankentürmen, von der Höhe herabschaut und in den Himmel aufsteht: stark und artig: Burg und zugleich ein städtisches, nach Stadt- weise verfeinertes Schloß: wehrend und anziehend; stolz und zugleich auch liebenswürdig. Allein schon die bedeutende Masse des Bauleibs wurde Eindruck machen; es kommt aber hinzu, daß dieser Bauleib glücklich gegliedert ist und daß er zwischen Wucht und Eleganz eine ungewöhnlich angenehme Haltung behauptet. Sonst sieht man in der Heran- tunft kräftig auffteigenbe Kirchtürme mit barock gerunbeten Helmen (Helmen, bie mit benen der Schloßtürme, in einem schönen, gleichsam reimartigen Einklang stehen); die Kirchtürme zeugen von einer ausgeprägten geistlichen Vergangenheit bes schönen Neuburg. Don weitem schon begreift man aber auch den festen, rüstigen und gemütvollen Zusammenhang der bürgerlichen Stadt. Näher besehen erweist sich bas Schloß als ein Gefüge mit offenkundig reicher und weit zurückgreisender Geschichte. Im Unterbau verleugnen sich die gotischen Züge nicht; aber freilich hat bas Schloß sein eigentliches Gesicht in jener weltlich glänzenben Zeit empfangen, bie man Renaissance nennt. Anmutig gewellte Giebel reden sogleich davon; roter Marmor am Binnentor, zu einer vornehmen Portalagraffe ausgebildet, zeugt von der architektonischen Kunstsprache eines nicht mehr mittelalterlichen Zeitalters; in seiner repräsentativen Form ist das Schloß eine Residenz des 16. Jahrhunderts. Und wie sehr! Man fühlt sich an bas Heidelberger Schloß erinnert. Weshalb auch nicht? Schloß Neuburg gehört dem gleichen Zeitalter an wie Schloß Heidelberg, und wie am Heidelberger Schloß hat auch am Neuburger Schloß einer der brillantesten Re- naisiancedynasten als Bauherr seine wahrhaft fürstliche Spur hinterlassen — Ottheinrich, der Pfalzgraf, dem die Macht seiner Persönlichkeit 1556 mit der Kurwürde bestätigt wurde. 1537 hat er den Neuburger Ottheinrichsbau beginnen lassen. Hier ist zwar Donauland; der deutsche Südosten hat hier schon angefangen. Aber ist es nicht, als spräche der rheinpfälzische Westen brüderlich in diese Residenz herüber und durch sie zu uns hcrab, zu den Spaziergängern auf der Donaubrücke und in der Schrannenstraße? Und ist nicht gerade dies der besondere Reiz des seltenen Stadtbildes, das den Namen Neuburg trägt? Doch auch der Süden ist nicht weit von diesem Schloß — der mittelmeerländische Süden! Die Trakte des Schlosses umschließen einen großen Hof. Seine Form ist nicht so regelmäßig, wie der echte Süden es lieben würde; aber die Arkadengalerien vermögen es doch, den Süden herüberzubeschwören, und wer in diesen frohen Galerien an einem schönen Sommertag wandelt, der weih, daß der blaue Himmel diesseits und jenseits der Alpen manchmal eine einzige Pracht ist. Auch ist der nahe Karlsplatz, den wenig« Schritte vom Schloß her erreichen, mit der Reinheit feines Barocks, mit der fest umschließenden und den Platzraum doch freigebig bestimmenden Würde seiner Bauten nicht nur ein deutscher, nordischer Hauptplatz, sondern zugleich auch wie eine italienische Piazza, und wie er im Viereck mit niedrigen Bäumen zerahmt ist, vermag er an provenzalische Raumbilder zu erinnern. So pricht in diese schöne Stabt immer unb immer wieber auch bie Welt jerein, bie als ein uraltes Ziel beutfdjer Sehnsucht brüben über den Bergen in der Sonne lagert. Wie südlich-reizend stehen die Säulen« baldachine da, die über den Bürgersteig umgreifen! Dem Rathaus hat das stühe 17. Jahrhundert eine monumentale Freitreppe vorgelegt, bie den klassischen Raum in seiner Schönheit vvllenbs bestätigt: mitten im Norden erscheint die reinste Latinität der Geste — Neuburg ist eine Stadt mit dem „humanioren" Angesicht, dem wir Heutigen die geschuldete Bewunderung und Dankbarkeit zu zollen leider oft und leicht versäumen ... Die große Kirche endlich, die der noblen Renaissance des Rathauses von der anderen Seite her Antwort gibt, läßt weder die Vornehmheit einer ausgezeichneten Hofkirche noch, zumal im Innern, die fast mit römischer Pracht wetteifernde Fülle der Formen vermissen: weiß in weiß stuckiert ist sie das Bild eines herrschaftlichen Reichtums, — ohne die Zurückhaltung zu verlangen, die der Pracht auch den Adel gibt. Die Stadt auf dem Weg,- der sich von selbst ergibt, weiterhin durchwandernd, begegnet man den kleineren Kirchen, die als Peterskirche, als Studienkirche dem vorbildlichen Stil der Hofkirche sich einigermaßen anzugleichen streben, Eine freilich ist recht bayrisch-barock: die, Heiliggeist- spitalkirche drunten im Tal, am Rand der alten Stadt — eigentümlich durch einen besonders bemerkenswerten Hochaltar, Das kirchliche Neuburg tritt neben dem höfischen deutlich hervor. Kein Wunder, Ist diese Stadt bis etwa 1800, durch drei Jahrhunderte die Hauptstadt eines Fürstentums gewesen, so hatten vordem, im frühen Mittelalter, Bischöfe in ihr Hof gehalten und wenn das fürstlich-weltliche Neuburg des 17. Jahrhunderts den Stil der Kirchen bestimmte, so waren die Kirchen dennoch älter. Links und rechts begleiten dich die guten alten Häuser: nicht wenige noch versteckt mittelalterliches Ansehens, andere mit ihren barock geschweiften Giebeln stattliche und frohe Zeugen des 17. und 18. Jahrhunderts, allo von kräftig einfacher, zugleich gesättigter und schlichter, zugleich bürgerlich gemäßigter und großzügiger Form und Wesenheit. Manchmal fällt dein Blick auf ein Stück Stadtmauer und Wehrgang; einmal hängen weich wie Schleier die Aeste einer Lärche in die feste und klare Straße hinein: ein andermal stimmen dich die Blütenbäume der Bürgergärten am alten Gemäuer zu Hoffnung und Freude. Du trittst in eine alte Mauernische, und nun schaust du auf die in der Tiefe zwischen Feldern und Wäldern ruhig und bestimmt strömende Donau hinab, die ein Bild lebendiger und schicksalhafter Stetigkeit des Daseins ist und dich unwiderstehlich ermutigt: so stehst du über der Donau, und Neuburg ist dein Balkon. Du gehst bergab und im Bogen, wie eben die alte Linie der Straße dich weitersührt, und wenn du, aus dem oberen Tor hinausgetreten in die Vorstadt, dich wendest, um wieder zurückzusteigen, dann baut sich dir die alte Stadt ins schauende und entzückte Auge wie ein Stadtbild aus dem Merian — reinlich, sicher, von wohltuender Freundlichkeit und schönem Ernst zu gleichen Teilen gesegnet. Aber noch ist längst nicht alles gesehen. Da bleiben Dinge, in denen sich Neuburg recht mit dem bayrischen Leben verbindet — mit jenem bayrischen Leben, das im Barock seine eigentliche Form gefunden hat. Da bleibt das köstliche Taxishaus am Hauptplatz, nahe dem Rathaus, — eines jener Poeme, die das bayrische 18. Jahrhundert einzigartig gedichtet hat: da bleibt am gleichen Platz die Provinzialbibliothek. Man muß sie von innen kennen lernen; außen reizend, ist sie innen ein wahres Wunder an spätbarocker Lieblichkeit, Quellhaftigkeit, Grazie, Phantasie. Die Anmut der Galerie im zweigeschossigen Büchersaal, die Putten, die Vasen mit den bunten Barockblumen, die frei ausgeschwungenen Giebelfragmente: dies alles ist, auf zierliches Maß gebracht, bezwingende Urkunde des Stils, den man als den nationalen aller bayrischen Formgedanken feiern darf. Dies etwa ist die Stadt Neuburg — dies und etwas anderes dazu: nämlich ein Kurort für Menschen, denen es lieb ist, die Kräfte der Heilkunst und die Zauber einer von einem großartigen Strom regierten Landschaft mit den Kostbarkeiten einer erlesenen alten Stadt vereint zu finden. Neuburg ist der größte Kneippkurort nach Wörishofen, und als solcher verfügt es über alle der Aufgabe entsprechenden Einrichtungen. Auch dies ist eine Tatsache, die einer nachdrücklichen Erinnerung wert ist! Besucher der Stadt, die von ungefähr gekommen sind, im ausgedehnten Englischen Garten vor den Mauern draußen am Ufer der Donau spazierend den moralischen Gewinn eines verbrachten Tages überschlagen, dürfen sich getrost fragen, ob sie nicht auch ihre der Erholung bedürftige Leiblichkeit dieser Stadt für eine Weile anvertrauen wollen. Wulfila. Von Franz Spund a. Um das Jahr 300 nach Christus herrschte im Gotenvolk der große König Ermanarich, dessen Reich sich über fast ganz Osteuropa erstreckte. Aber bald nach seinem Tode löste sich die Volkseinheit auf, und das Gotenland zerfiel in einzelne Gaue, über welche Richter, denen Königsgewalt zukam, regierten. Die bedeutendsten waren Athanarich, der im Kaukaland herrschte — im jetzigen Siebenbürgen — und Fritigern, dem alle Länder nördlich vom Unterlauf der Donau gehörten, beide aus Ermanarichs Geschlecht, aus der Sippe der Amaler. In diese Länder brachte der Syrer Audius die erste Kunde des Christentums, ein ernster Mann, der von den Goten Odo genannt wurde. Aber seine Predigten, in denen er eine völlige Abkehr von der Welt forderte, hatten nur geringen Erfolg. Nach einigen Jahren wurde er mit feinen wenigen Anhängern von Athanarich vertrieben und wanderte nach Syrien aus, wo die kleine Schar von Räubern erschlagen wurde. Doch kurz darauf glückte die Gewinnung einer größeren Anzahl von Goten für das Christentum durch einen Mann, der ganz anders auf das Seelenleben feiner Anhänger Einfluß gewann, durch Wulfila. Dieser war zwar nicht aus echtgotischem Blut, denn sein Großvater war als Kind bei der kleinasiatischen Stadt Sadagolthina geraubt worden, aber Wulfila war als (Bote erzogen worden und fühlte sich ganz als solcher. Er Halle in seinen jungen Jahren in Konstantinopel das Christentum kennengelernt, und zwar in seiner arianischen Form. Die neue Lehre hatte auf ihn einen so starken Eindruck gemacht, daß er es sich zum Ziel setzte, sein Volk für sie zu gewinnen. Der griechische Bischof Sozomenos ernannte ihn zuerst zum Lektor und Prediger, dann weihte er ihn tum Bischof über alte Gotenländer. Von nun an wirkte er ustermüdsich in allen gotischen (Bauen, indem er sich bemühte darzustellen, daß zwischen der alten und der neuen Lehre nur geringe Unterschiede bestünden und daß man ein guter (Bote und ein guter Christ zugleich sein könne. Aber ein allgemeines Thing, das von Athanarich und Fritigern einberufen wurde (354), verfügte, daß die neue Lehre staatsgefährlich fei und daß alle Christen die beiden Marken verlassen müßten. Das war ein harter Schlag für Wulfila, der bisher in Fritigern einen Beschützer gefunden hatte. Wohin sollte nun der Gotenbischof mit seiner Gemeinde ziehen? Da kam von Kaiser Konstantius Rettung. Dieser überließ ihm und seinen Anhängern das Hämusgebirg« südlich der Donau — das heutige Rhodopegebirge — wo er vor allen Nachstellungen gesichert leben sollte. Es fiel den Ausziehenden wohl schwer, die alte Heimat zu verlassen und die Familienbande mit den Zu» rückbleibenden zu lösen, aber sein Glaubenswut stärkte die Schwankenden. So wurde das Hämusgedirge mit feinen Tälern eine Insel des Glückes usid Friedens im Sturm der Völkerwanderung. Athanarich und Fritigern wurden bald darauf von den Hunnen bedrängt und hatten blutige Kämpfe mit dem Kaiser Valens zu bestehen, den sie auch in der Schlacht bei Adrianopel besiegten. In diesen Wirren glückte es Wulfila, seinem Volk den Frieden zu erhalten. Das unwirtliche Waldgebirge wurde gerodet und dadurch Raum für die wachsende Volkszahl geschaffen. Wie ein Patriarch der biblischen Zeit leitete er sein Volk, dem er den ganzen Sinn des Christentums erschloß, indem er die Frohbotschaft in das Gotische übersetzte. Da er mit ganzer Seele am Christentum hing, zeigte er sich um die Glaubensfrage seiner Zeit sehr besorgt. Denn die Gemüter erregten sich über die Frage, ob Christus als zweite göttliche Person mit Gottvater wesensgleich (homousios) ober wesensähnlich (homoiusios) sei. Der Streit ging also urft den Buchstaben i. Zwischen den beiden Parteien, von denen die ersten dem Glaubensbekenntnis des Athanasius, die zweiten dem des Arius folgten, wurden die Kämpfe immer erbitterter, an denen auch die breiten Volksmassen teilnahmen. Wulfila hing der Lehre des Arius an, weil sie ihm leichtoerständlich für feine Goten erschien. Als aber die Glaubenskämpfe der gesamten Christenheit immer größeren Schaden zusügten, ging sein Bestreben dahin, die Gegensätze zu überbrücken. Zu diesem Zweck wurde ein Konzil nach Konstantinopel einberufen, das eine gemilderte Form der arianischen Lehre als Halb-Arianismus (Semi-Arianismus) zuließ. Da sich aber die Hoffnungen, die Wulfila daran knüpfte, nicht erfüllten, und der Glaubensstreit noch hitziger wurde, zog er sich von allen theologischen Fragen zurück und lebte von nun an nur noch für sein Volk. Er weihte viele seiner Schüler zu Priestern, von denen einer, Auxentius, das religiöse Testament Wulsilas niederschrieb, in dem er sich klar zur Lehre des Arius bekennt. Man nimmt an, daß er um 382 gestorben ist. Wulfilas Bibelübersetzung ist uns als das älteste geschriebene Dokument einer germanischen Sprache kostbar und ein wertvoller Besitz, aus dem sich sowohl das Wesen Wulfilas als auch das des gotischen Volkes erschließen läßt. Die Aufgabe, der er sich unterzog, war eine gewaltige: es galt, die altgermanische Welt mit den neuen Vorstellungen des Christentums zu einer Einheit zu verschmelzen. Schon die Wahl der Schriftzeichen bot Schwierigkeiten, denn die (Boten kannten nur Runen, die nun an das griechische Alphabet angeglichen werden mußten, aber jetzt nicht mehr geritzt, sondern mit Tinte auf Pergament gemalt wurden. Teile dieser Bibel werden in der Universitätsbibliothek von Upsala als sogenannter Codex argenteus ausbewahrt (silberne Handschrift), der so heißt, weil die Anfangsbuchstaben aus Silber sind, während die übrigen mit Purpur gemalt wurden. Noch wichtiger als die Angleichung der heimischen Schriftzeichen an die fremden war die Uebertragung der fremden Geisteswelt in die heimischen, attoertrauten Vorstellungen. Wulfila war bemüht zu zeigen, daß das Christentum nichts Fremdartiges ist, sondern daß es sich mit den von den Vätern ererbten Anschauungen sehr gut vereinigen lasse. Daher mußte er beim Uebersetzen darauf bedacht fein, alles leichtoerständlich auszudrücken und sinngemäß der gotischen Umwelt anzupassen. Vor allem galt es, einen richtigen Ausdruck für den neuen Christengott zu finden. Nun heißt im griechischen Urtext, den Wulfila vor Augen hatte, Gott häufig Kyrios. Dieses Wort hat aber die Bedeutung Alleinherrscher, Despot. Bei den Goten war aber dieser Begriff verhaßt, deren König ein vom Volk gewählter Herrscher (thiudans) war. Daher übersetzte Wulfila das gefährliche Kyrios mit Frauja (Fröja), in dem unser deutsches „froh", aber auch der milde Gott Froh enthalten ist. Aus dem verhaßten Despoten ist also ein srohmachender, beglückender (Bott geworden So wurden die gotischen Seelen für Frauja-Christus gewonnen. Andere Beispiele sind vielleicht noch klarer: So übersetzt Wulfila das griechische Wort anomia (Gesetzlosigkeit) mit unsibja, das ist das, was gegen die Sippe verstößt: und sogleich versteht jeder Gote, was damit gemeint ist. Ferner wird pistis (blindes Vertrauen, dem man sich unterwirft) mit galaubja übersetzt, was unserem „Glauben" entspricht, aber auch die Bedeutung von Liebe hat, denn der Gote kann nur das glauben, was er auch liebt. Für den Frieden, den Frauja-Christus denen "gibt, die an ihn glauben, irägt Wulfia ein eigenes Wort „gawairthi“, das Einswerden aller Gleichgesinnten. Diese wenigen Beispiele zeigen, wie der ®otenbi[d)of alles daransetzte, den neuen Gott den Goten liebenswert zu machen, wie er auch die Anrede im Vaterunser mit „Atta unsar“ übersetzt, was eine Koseform ist und etwa bedeutet: „Lieb Väterchen". Die (Boten sollen also zu Gott wie Kinder zu ihrem Vater empordlicken. Es fehlt also die orientalische Vorstellung von dem sich furchtbar rächenden Gott. Wulfila zeigt sich in^seinem Werk überall als feinsinniger Kenner der germanischen Seele. So glückte es ihm, die Westgoten unmerklich ins Christentum hinäberzusühren, ohne daß ihr Gewissen ihnen den Borwurf machen konnte, dem alten Väterglauben untreu geworden zu sein. Sein Werk ist noch heute eine Fundgrube des Wissens, aus der man die geistigen Vorstellungen der germanischen Urzeit erkennen kann. Verantwortlich: Dr. tzan« Thtzrtvl. - Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei «. Lange, Gießen.