Wietzener ZaMienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1-38 Zreitag, ben 25.5ebruar Nummer (6 Herz im LM Aoman von ^ano^aspar oon Zobeltlh Eopyrlght by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2. Fortsetzung. Irene tritt ins Freie. Da fragt der Junge, und alte hören es: „Soll ich das Fohlen jetzt in die Soppef bringen, Mutter?" — „Ja, Günter." Eine Gasse bildet sich: durch sie schreitet zuerst der Knabe mit dem Pferd, dann Irene mit ihrer Tochter. Es zieht sich eine Menschenmauer von der Gruft bis zum Schloß: an ihrem Ende stehen die Bauern aus der Umgegend, und ganz zum Schluß die, die aus dem Böhmischen herüberkamen, aus Körlitz und Freiershaus, aus Mollmig und Wellersberg, sie haben ihre bunten Trachten an, vielfarbige Röcke, leuchtende Schultertücher und gestickte Jacken mit silbernen Knöpfen; die Burschen beugen das Knie und schlagen ein Kreuz, die Mädchen Haschen nach Irenes Schleier und küssen seinen Saum. — Im großen Saal des Schlosses ist ein Teebüfett errichtet. Diener stehen hinter ihm, die Diener von den Herrensitzen der Nachbarschaft, sie sind den Czehs für den heutigen Tag zur Verfügung gestellt, um auszuhelfen: sie reichen Tee und Kaffee, Brötchen und Kuchen, sie bieten Südwein und Kognak an. Sie brauchen keine besondere Anweisung, sie kennen ihre Pflichten hier, denn sie haben schon viele Beisetzungen auf den Gütern miterlebt. Sie kennen auch die Menschen, die den Saal betreten, sie haben ihnen oft genug aus Mänteln und Pelzen geholfen, Wagendecken über ihre Knie gelegt oder ihnen Speisen bei Diners und Jügdessen gereicht; sie wissen mehr von den Schwächen dieser Herren und Damen, als diese selbst von sich wissen, aber sie sind verschwiegen. Die meisten von ihnen sind alt, ihre verfalteten Gesichter sind glattrasiert oder umrahmt von einem ergrauten Backenbart, der das Kinn sreiläßt; sie haben manchen von denen, die jetzt ihre Herren sind, auf den Knien gehalten und haben manchen Streich der Junker auf ihre Schultern genommen. Sie wissen, jie sind vorn Bertrauen ihrer Herrschaft getragen, und das ist ihr Stolz. Sie werden nie einen Titel verwechseln, sie werden nie lachen, wenn sie im Dienst sind und werden kein schlechtes Wort über die dulden, denen sie dienen. Ihr Wesen ist lautlos. Bor dem Saal ist ein kleines Zimmer, es heißt „Neapel", weil der Urgroßvater es mit einer Bildtapete bekleben ließ, auf der die Stadt, die Bucht und der Vesuv abgebildet sind; Pinien ragen, und Palmen wehen: Italiener in weißen Hemden und bunten Kappen treiben auf ihr hochbepackte Esel, verkaufen Limonade, spielen Gitarre, Italienerinnen m farbenfrohen Kleidern tanzen und schwingen Tamburine. Es ist eine bunte, durchsonnte, lachende Tapete, aber vor ihr halten steife, Empiremöbel mit schönen Beschlägen in Goldbronze eine strenge Wacht. In diesem Zimmer sind Irene und die Gräfinmutter. Sie stehen getrennt: Irene an der Eingangstür, die die Gäste von der Halle hineinläßt, die Gräfin Maria an der Tür zum Saal. Irene hat ihren Schleier zurückgeschlagen, er rahmt in dichten Falten ihr Gesicht ein, das sehr blaß ist. Sie hat ihn vor einem Spiegel mit wenigen Griffen geordnet. Als sie dann noch einmal in das Glas blickte, begannen ihre Hände zu zittern, weil sie vor ihrem eigenen Bild erschrak, »o'r seiner Strenge und vor seiner Schönheit. Sie schreiten alle an ihr vorüber: die Majorats- und die Fidei- kommißherren, die Großgrundbesitzer und die Offiziere mit ihren Frauen. Jeder sagt ihr ein paar Worte des Trostes, die sie kaum versteht; die Herren verbeugen sich und küssen ihr die Hand, mit den Frauen tauscht üe eine Umarmung und fühlt die Andeutung eines Kusses auf ihrer Wange. Auch sie jelbft findet für jeden einen Satz des Dankes, sie bemüht sich sogar, ihn persönlich zu gestalten, sie hat sich ganz fest am Zügel, sie ist nicht umsonst durch die Schule der Hofdamenzeit gegangen. Die Reihe ist lang. Das Stimmengewirr im Saal wird lauter; Irene un inbet deutlich, wie es mehr und mehr anschwillt. Die Menschen dort sind schon wieder ganz im Alltag: sie essen, sie trinken, sie schwatzen, das macht vergessen. Sie werden bereits bei ihren üblichen Gesprächen jein: Politik, Jagd, Karriere und ein wenig Klatsch. Einmal glaubt Irene jognr ein kurzes Lachen zu hören, aber es tut ihr nicht weh, sie kennt die Welt. Der junge Wallnitz steht vor ihr. Er sagt kein Wort, er sieht sie nur (ine Weile an. Dann beugt er sich schnell über ihre Hand. Sie hält ihn fest. „Ich bin Ihnen Dank schuldig, Herr von Wallnitz. Ich bin dald wieder in Berlin. Ich würde mich freuen, wenn Sie bann einmal iu mir kämen." Er wird rot, Und sie sieht die Blutwelle, die in sein Gesicht steigt. Er verbeugt sich noch einmal, wieder wortlos, und wieder ist sein Handkuß ein Hauch. Der Menschenstrom wird lichter. Nachzügler tröpfeln in den Raum. Die alte Exzellenz Graf Berlow auf Prersdors, vordem Kommandierender General des sechsten, des schlesischen Armeekorps, scheint der letzte zu sein; er nimmt die Gräfinmutter mit in den Saal. „Jetzt müssen Sie aber auch eine Tasse Tee trinken, Durchlaucht, es wird Ihnen gut tun." Seine schon etwas brüchige, heisere Stimme hat viel warme Menschlichkeit. Irene ist allein im Raum. Sie tritt ein wenig zurück, hinaus aus der Fluchtlinie zwischen den beiden Türen, sie will nicht, daß man sie sieht und dann auch in das Gedränge der Menschen hineinführt. Sie ist nun doch müde und benommen, Sehnsucht nach frischer Luft und Hellem Licht sind in ihr. Die Mauern von Schloß Waldhausen sind alt und dick, die Fensternischen tief. Zwei Fenster hat das Zimmer Neapel, in einer ihrer Nischen sucht Irene Ruhe und Schutz. Der Lärm aus dem Saal geht hier an ihr vorbei. Sie stützt sich auf das Fensterbrett und sieht in den Park hinaus; die Sanne ist verschwunden, Walken stehen am Himmel. Plötzlich ist eine Stimme hinter ihr, sie hat sie lange nicht gehört, jahrelang nicht, aber sie kennt sie in allen ihren Abstufungen, in Freude und in Schmerz, im Plauderton und in wohlgesetzter, kühl abwägender Rede, im Lachen und im Ernst, bei der Wahrheit und bei der Lüge. Ja, auch bei der Lüge. Sie glaubt, es ist Täuschung, daß sie diese Stimme hier hört in dieser Stunde. „l waited to see you alone.“ Woher kommt diese Stimme: „Ich wartete, bis du allein warst." Hat der Satz einen doppelten Klang? Gilt er nur diesem Augenblick, oder bedeutet er mehr? Sie wagt nicht sich umzuwenden, sie sucht eine Stütze, ihre Hände umkrampfen das Holz des Fenstersimses. „I came to teil you ...“ Jetzt weih sie: er ist wirklich da. Alle Kraft, die ihr blieb, rafft sie zusammen. Sie dreht sich ihm zu, voll, ganz, sie wächst vor diesem Mann, richtet sich auf. „Sie können hier deutsch sprechen, William Bruce, Sie sind in einem deutschen Haus. Sie beherrschen doch unsere Sprache." Sie setzt die Worte scharf und hart, sie muß sie so setzen, denn sonst würde ihre Stimme zittern. Und nichts an ihr darf jetzt zittern. In seinem Gesicht rührt sich keine Miene, er nimmt den Schlag hin. „Was wollen Sie hier, William Bruce? Wissen Sie nicht, daß man heute meinen Mann .. j“ „Ich wollte bei Ihnen sein, gerade in dieser Stunde. Kann ich Ihnen helfen ...?" Er zögert um eines Atemzuges Länge, und dann folgt der Name, den er ihr einmal gab und den nur er kennt und sie: „Jri!" Er spricht ihn leise, fast flüsternd. Voll Erinnerungen ist dieser Name. Er umschwebt sie, aber er schmerzt. „Ich brauche keine Hilfe, William, auch nicht von Ihnen. Ich muß ganz allein durch dieses Schicksal, verstehen Sie, ganz allein." Die Nische ist voll Licht, sie sehen sich beide voll und klar. Er sieht, wie schön sie ist, und weiß stärker als je, daß er sie immer noch liebt, tiefer und ehrlicher jetzt vielleicht als vor der langen Trennung. Er fühlt, daß er älter wurde in diesen sechs Jahren, ruhiger. Ich habe dich nie vergessen, denkt er, aber er spürt, daß er ihr das heute nicht sagen darf. Heute nicht. Noch nicht. „Ich verstehe", antwortet er, aber es hat einige Sekunden gewährt, bis er diese Worte spricht. Sie empfindet die Pause: so war es oft, en überdachte feine Sätze stets; er war eben Diplomat, auch im Leben. „Sie hätten nicht kommen sollen, nicht kommen dürfen, William." „Ich mußte kommen, es trieb mich. Ich kenne dich doch. Ich weiß, du hast keinen Menschen. Und es ist schwer, so allein zu sein. Auch das weiß ich." Er ist ganz dicht an sie herangetreten. Er nimmt ihre Hand. Sie will sie ihm nicht lassen, aber sie kann sie ihm nicht entziehen, es strömt etwas zu ihr hinüber, anders als das, was einst war: Freundschaft. Er hat ja recht: sie hat keinen Menschen. Aber ist er denn der, den sie braucht, jetzt braucht? Sie will hart bleiben, sie klammert sich an Aeußerliches: sie sieht, er trägt einen Cut, er hat nicht den Frack angezogen, wie es in Deutschland für solche Feier für alle, die keine Uniform haben, Sitte ist; er ist Engländer und fügt sich nicht den Bräuchen eines fremden Landes. Sie richtet eine Mauer auf. „Sie sind Engländer, William." „Ja, ich bin es, Jri." Er würde gern weitersprechen, fragen: Was hat das mit uns beiden zu tun? Aber der Tag und der schwarze Schleier, der um ihr blondes Haar liegt, verbieten ihm das Wort. So sagt er nur: „Ich kam, um zu helfen. Wenn du Hilfe brauchst, bin ich immer für dich da." Wieder bricht eine Scholle von ihrer Erstarrung ab. „Ich weiß es, William, und ich danke dir." Da Ist das Du auch auf Ihren Lippen, das Du, dessen Zauberkraft feine Muttersprache nicht kennt, dessen Zauber er auch nie voll begriffen hat. Sie hebt ihre Hand, die er immer noch hält. Er beugt sich und küßt diese Hand, wie die Deutschen es tun. „Ich soll gehen?" fragt er. „Ja, William, gehe." Wieder zögert er einen Augenblick. Helfen, denkt er, helfen. Aber da ist die Schranke der Stunde und stärker noch die andere Schranke, die er nie durchbrechen konnte, weil er sie nie begriff: ihr Preußentum, die lebte herbe Kühle, die diese Menschen im Norden dieses Deutschlands nie verließ, die bald Pslichigefühl schien, bald Berechnung, bald Stolz. Sie neigt den umschleierten Kops gegen ihn. Da weiß er: er ist entlassen. Er wendet sich und tritt in den Saal zu den übrigen. „ c .. Sie steht noch eine Weile ganz still. Kein Glied rührt sich an ihr. Ihr Blick ist gesenkt, er liegt auf der Hand, die er küßte. Da steckt der Ehering, der sie an Alexander Czeh band. Und Alexander Czeh ist tot. Aber Günter ist da. Günter Graf Czeh, der jetzt Herr ist auf Waldhausen und zu dem Fohlen lief, das Alexander, züchtete. Ob William Bruce diesen Günter Czeh sah? Langsam löst sie sich aus der Nische und schreitet In die Halle; die breite Treppe steigt sie empor, geht in ihr Zimmer und schließt sich ein. Sie löst den Schleier und streift die Witwenhaube vom Kopf. Es ist das gleiche Zimmer, in dem sie wohnte, wenn sie mit Alexander auf Waldhausen war. Sie öffnet eine Nebentür und geht in den Raum, in dem sein Bett steht. Es ist alles unverändert, im Schrank werden seine Anzüge noch hängen: seine Jagdjoppe, sein Fahrpelz, sein Lodenmantel, und der alte grüne, durchlöcherte Hut wird auch noch da sein, den er immer aufsetzte, wenn er auf Anstand ping; er glaubte, fehlen zu müssen, wenn er ihn nicht trug. Auf dem Tisch liegen drei Pfeifen, er rauchte sie nur hier, wenn er über seine Aecker fuhr oder durch seinen Wald wanderte. Das ist nun alles vorbei, alles gewesen. Warum war es überhaupt? Sie steht lange in diesem Raum. Dann hört sie: unten rollen Wagen vors Haus, Kutscher sprechen mit harten Kehllauten, Pferde stampfen, Peitschen knallen. Der alte Joseph rüst: „Der Wagen für Graf Sierstorff — der Wagen für Herrn von Buch — der Wagen für Frankenstein." — »Hier!" tönt es zurück, und wieder: „Hier!" Bald wird Waldhausen leer sein. Es klopft an der Tür des Nebenzimmers. Irene geht in ihr Reich zurück. „Wer ist da?" „Ich, Mutter." Sie schließt auf. Günter ist ganz außer Atem. „Ich habe das Fohlen erst zur Koppel gebracht, Mutter, aber da war niemand. Da bin ich zum Fohlenstall gegangen, und da hat mir Gustav erzählt, daß das Fohlen auch von der Granada sei, wie Vaters Grenadier. Und Vater hätte bestimmt, daß es Gratulor heißen soll. Die Fohlen kriegen doch immer Namen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben wie ihrs Mutter." Der Redestrom geht weiter. Am Fenster steht ein Sessel. Irene setzt sich tief in ihn hinein und zieht den Knaben an sich. Sie saugt jedes seiner Worte gierig ein, als hätte sie Durst gehabt nach der Stimme dieses Kindes. Nur einmal horcht sie auf. Joseph ruft unten vor den Fenstern: „Der Wagen für Sir William Bruce." Es klappern keine Pferdehufe, es rattert ein Motor. William kam im Automobil, muß sie denken, natürlich im Automobil, er liebt ja immer, das Neueste zu haben, liebte es schon damals, als er nach Botschaftssekretär in Berlin war; er hat sich nicht geändert, seit er nach Wien versetzt wurde. Und der Knabe schwatzt weiter. Am nächsten Morgen läßt sich Irene ihr Frühstück auf ihr Zimmer bringen. Die Schwiegermutter sieht das zwar nicht gern, aber es sind einige aus der näheren Verwandtschaft noch für eine Nacht in Waldhausen geblieben, und den Gesprächen an einer gemeinsamen Kaffeetafel fühlt sich Irene nicht gewachsen. Der Abend gestern war schon gualvoll genug. Es wurde ein großes Essen aufgetragen, es gab sogar Champagner. Eine entsetzliche Sitte, diese Trauerfeiern mit gesellschaftlichem Ausklang für den engeren Kreis der Nachbarn. Die letzten Wagen fuhren erst nach zwölf davon, und da die alte Gräfin sich nicht aus ihrem Seffe! rührte, mußte auch Irene warten, bis die letzten Gäste das Haus verließen. Es waren der Ramendorfer Khünberg mit feiner Frau, und Irene schien es, als ob er nicht ganz nüchtern wäre, als er endlich aufbrach. Man weiß ja in der ganzen Gegend, daß er gern über den Durst trinkt. — Irene geht durch das Schloß; es ist alles schon wieder gerichtet. Die große Tafel im Saal ist verschwunden; im Billardzimmer, im Herrenzimmer, im Salon, in den beiden Jagdümrnern, in der Bibliothek, im roten Damenzimmer, im Erker- und im Kaminzimmer stehen alle Stühle wieder an ihren Plätzen, nirgends liegt ein Stäubchen Asche. Die Schwiegermutter ist trotz ihrer siebzig Jahre eine mustergültige Hausfrau. In „Neapel" bleibt Irene eine Weile stehen. Warum war William gekommen? Gerade gestern? Kann ich dir helfen? hatte er gefragt. Gestern brauchte sie keine Hilfe, auch heute braucht sie keine. Aber in jenen letzten sechs Jahren hätte sie manchmal Hilfe gebraucht, wenn die Einsamkeit allzu groß wurde. Aber da war er nie gekommen; er war gehorsam gewesen, war ferngeblieben, wie sie es gewünscht hatte, als sie sich trennten. „Es muß aus sein, William, ich will es. Ich habe Pflichten." Sie hatte sich nicht beirren lassen von feiner Bitte: „Laß dich scheiden. Komm mit mir nach England." Was war ihr England? Sie denkt zurück. Wie war es gekommen? Zwei Jahre war sie verheiratet gewesen, da schien ihr alles leer. Sie selbst war wie ausgehöhlt. Jeder Tag ging nach der Uhr, jeder Monat, das ganze Jahr: Dienst, Dienst, Rennen, Gesellschaften, Empfänge, Bälle, Vollblutauktion m Hoppegarten, Auktion in Harzburg, das Derby in Hamburg, der Große Preis von Baden-Baden, dann wieder Dienst: alte Remonte, junge Remonte, Trensenbesichtigung, Kandarenbesichtigung, Brigadeexerzieren m Loburg, Manöver. Das war gewiß alles nicht ihr Beruf, aber es preßte sich doch in ihr Leden; alle Gespräche liefen mit diesen Zeigern. Nur dann nahmen sie andere Richtungen, wenn sie mit William Bruce sprach. Er erzählte von der Fremde, von einer Welt, weit jenseits der Enge, in die sie gestellt war; er setzte die Worte anders als alle, die ihr sonst begegneten, er verstand zu schmeicheln, ohne Schmeicheleien zu sagen. Sie fühlte: er suchte sie, suchte sie leise, unmerklich. Da kam der Tag, an dem Natascha Liebenstein sagte: „Komm mit nach Lugano, Irene, während die Männer auf 6ent Truppenübungsplatz sind . Sie griff zu, weil auch sie einmal hinaus wollte aus dem Emerler Berlins. Sie ahnte nicht, daß auch er in Lugano war. Irene tritt in die Fensternische, stützt wieder die Hände auf das Sims. Ihre Gedanken gehen die alten Wege weiter: Und dann kam sie zurück. Alexander war da: aufrecht, stolz, sauber. Und in ihr trannte die Scham und verbrannte die Liebe zu William, die in Lugano so heiß ausgewallt war. Die Scham war stärker als die Leidenschaft, sie zog ihr jeden Halt unter den Füßen fort Gleich am ersten Abend war ihr, als ob sie sortlausen müsse aus ihrem eigenen Haus. Aber sie war zu feige zur Tat gewesen, sie hatte sich an Alexander geklammert, um wieder etwas von dem Stolzen und Aufrechten zu bekommen, das er befaß und daß auch sie einst besessen. Alexander hatte sie nicht durchschaut und nicht verstanden. Aber er hatte sie gestützt Sie war wieder feine Frau geworden und hatte von ihm neu gelernt, was Pflicht heißt. Und weil sie voll Scham blieb, wurde ihr die Pflicht doppelt ernst, die Pflicht gegen Alexander, gegen die Czehs, gegen das Blut, das in ihr floß, gegen ihr Preußentum. Dann fühlte sie, daß sie ein Kind erwartete. Fester umklammerten chre Hände das Holz des Fenstersimses. Sie blickt mit starren Augen in das Grün der alten Bäume. War die Sehnsucht noch William Bruce wirklich in ihr erloschen? Nein. Nie. Doch — gestern. Sie hofft es: gestern. Ins Freie eilt sie, In den Park. Das große Tor zur Gruft ist geschloffen. Nur die Eichengirlanden hängen noch an den Pfosten, aber die Blätter sind schon verwelkt '■ jjier stand Günter und hielt das Fohlen am Halfter, Günter, der Sohn und Erbe. Dom Brunnenplatz, wo der Heckenweg beginnt, kommt Olli Czeh. Sie ist Ferdinand Czehs Frau, des Vetters von der österreichischen Linie, deren Besitzungen in Mähren liegen. Olli Czeh ist eine geborene Komteß Calbori, ihre Eltern sitzen bei Trient aut Schloß Sala. Olli Calbori ist blond wie Weizen und hat pechschwarze italienische Augen; sie hat zwei Winter halb Wien verrückt gemacht und die Komtesseriwirtschaft ins Grenzenlose gesteigert. Jeder Fiaker war in sie verliebt, der Girardi hat eine Coupletstrophe auf sie gesungen, und der Kaiser hat ihr ein Smaragdarmband geschenkt, weil sie ihm gesagt hat, sie wünsche sich eins, und der Vater wolle ihr natürlich keins kaufen, besonders das nicht, das beim Paltscho auf dem Graben im Schaufenster liege. Am nächsten Tage war es nicht mehr in der Auslage, der Kaiser hatte es für sie holen lassen. Dann hat sie den Ferdinand Czeh geheiratet; der war damals Oberleutnant bei den K. u. K. Sachsendragonern in Olmütz. Sie hat sofort durchgesetzt daß er nach Wien kommandiert wurde aus das Kriegsministerium, und da ist er jetzt noch, und da wird er auch bleiben, solange Oll' es will. In drei Jahren hat sie ihm drei Buben geboren, der jüngste ist jetzt zwei Jahre, ober sie sieht immer noch aus wie ein Mädel von siebzehn. Sie fällt Irene um den Hals. „Sei mir nicht bös, daß ich nicht mehr in Trauer bin, Reni, aber weißt, die schwarzen Fetzen sind so warm, und die Sonne scheint doch so schön. Und außerdem mag mich der Ferdi nicht in Dunkel. Gell, du verstehst mich?" Sie zupft an ihrem weißen Kleid, an den Spitzenvolants, die am tiefen, gewinkelten Ausschnitt hängen, an den Puffärmeln, an dem weiten eingekrausten Rock. Ihrem Manne gehörte jetzt Waldhausen und alles andere, denkt Irene, wenn Günter nicht wäre. „Beiläufig, der Ferdi", schwatzt Olli weiter, „der Ferdi ist runter Ins Dorf. Er wollte mit dem Forstmeister sprechen, ob er nicht einen Bock schießen könnte oder zwei, wo er grab hier ist. Er kennt doch das Revi"r. Und so starke Böck', wie chr hier habt, haben wir doch drüben nicht. Das heißt, wenn du's erlaubst, Reni, hat er gesagt, der Ferdi." „Wieso ich?" Irene ist wirklich erstaunt „Natürlich du. Dir gehört doch jetzt ..." Sie bricht erschrocken ab, sieht Irene mit ihren großen Augen angstvoll an „Nicht bös sein, Reni, bitte, nicht bös lein. Ich tapere da so hinein, mitten in deinen Schmerz. Bloß weil der Ferdi es doch gesagt hat; er hätte wirklich auch dran denken können und mich erinnern, daß ich vorsichtig sein muß. Aber er hat in nur seine Böck' im Kops" „Ich muß mich erst langfatn an allerlei gewöhnen, Olli." Olli schiebt ihren Arm unter Irenes. . Komm, gehen wir auf die Bank am Berg. Da hab' ich vorhin schon gesessen. Da ist's schön. Hinter einem blüht der Flieder und duftet, und vor einem liegt das Land mit dem Dors und b»r Kirche. Und bann können wir von ba auch sehen, wenn der Ferdi den Weg zum Schloß heraufkommt." Als sie oben sitzen, ist es wirklich schön. Die Sonne scheint auf den Platz, und Irene wird es ganz warm, innerlich und äußerlich. Die Gedanken fallen von ihr ab. Sie hat einen Menschen neben sich, einen offenen, vollblüttgen Menschen, der kein Theater spielt, der frei spricht, wie ihm uns Herz ist Der sicher auch ein Egoist ist, ein großer Egoist sogar, der aber doch Takt hat, Seelentakt. (Sortierung folgt.) Freundschaft. Von Eduard Mörike. Durchs Fenster schien der Helle Mond herein, Du saßest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin. Wo der Gesang versteckter Quellen klang, Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang. Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt, Ein jeder Ton ein lang gehalt'nes Schweigen. Da fing das Firmament sich an zu neigen, Und jäh daran herab der Sterne selig Heer Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer, Bis Tropf um Tropfen hell darin zerging, Die alte Nacht den öden Raum umfing. Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest. Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest, War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr, Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor Mein Herz durchzuckt mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal. So wunderbar empfand ich es, so neu, Daß noch bestehe Freundeslieb und Treu! Daß um so sichrer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensüberflußl Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb und halb in klarem Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend überquoll. Du endigtest; ich schwieg — Achl Warum ist doch eben Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben? Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein. Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein. Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut, Verklingend so des Tages Lieblichkeit. Winterliche Phantasien im Weinkeller. Von Friedrich Schnack. Der nordwärts strömende Rhein erhält bei Mainz vom ankommenden Tain einen so kräftigen Stoß, daß er aus der Richtung taumelt und ii einem scharfen Ruck und Schwung nach Westen wankt, dem Drang i nes großen Sohnes gehorsam. Aber bei Bingen kommt ihm seine It.öne Tochter zuhilfe, die Nahe, und richtet ihn wieder etwas auf, so disß er nun nordwestlich fließen kann. Bruder und Schwester, Main und Üiuhe, haben sich im Vaterstrom gefunden und vereint. Der Main ist stark. Aber die Nahe? Woher hat der ländliche Fluß d> Kraft, dem alten Vater beizustehen? Die Tochter ist lieblich, eine to-idje, träumerische Nixe. Sie gefällt sich in anmutsvollen Bögen und Rndungen, und selbst dort, wo sie von eruptiven Felsmassen bedrängt iir.b schattig bespiegelt wird, verliert sie nicht ihren Frohsinn und den si ter-idyllischen Reiz. Erst bei Bingen, in ihrer Reife, die zugleich ihr kade ist, breitet sie sich, gekräftigt vom Landleben, aus und tritt gesam- re-lt in die große Welt. In Bad Kreuznach, das sie durchfließt, greift aus einem steinernen Z:ückensockel, hoch über dem Wasserspiegel, eine Eisenhand in die Luft, M: Hand eines im Steingefüge verwunschen hausenden Wassergeistes, iönnte man sich vorstellen, der die Luft spüren will und seinem Gespielen vnkt, der in der Tiefe hingleitenden Nahe. Die Metnllhand ist ein Vlgelzeichen. Damals wogte der Fluß, gespeist von der starken Schnee- ktrme($e des Berglandes, hoch auf und schleifte seine stockwerkhohen 8-issermassen donnernd dem Rhein entgegen. Sonach wird dann und in: nn die Tochter wild, wäscht mit Strudeln die schwarze Hand und rennt In höchster Eile davon. Heute, im kalten Tag, geht sie langsam ihres Weges. Das Licht ist jtiu und nachdenklich, die Häuser stehen scharf, hart und unbeteiligt in I ie" Luft, Bäume werfen hagere Astarme über die Welle, und das Schilf n sanft ausgerundeter Bucht steht wie verrostete Speere. Im Sommer ist die Landschaft heiß. Von Geburt ist die Nahe ein Mldkind, ihr Ursprung liegt im Schaumberg bei Tllrkismühle. Sie - lammt vom 'Hochwald und findet die Traube, um sie nickt wieder zu «e: lassen. Je mehr sie sich dem Rhein nähert, um so ausgedehnter wer- iei die Weinlagen — aber ich weiß nicht, ob die Beeren irgendwo besser frnetfen als im Bad Münster am Stein und in den Weinbergen von 8tib Kreuznach. Wie durchdringend funkelt hier das Licht! Uralte Wein- luttur hat am Flußlauf die Rebe in Zucht genommen, auf einer zwei- ht sendjährigen Ueberlieferung gründet die Geschichte des Naheweins. Jüts will besagen, daß die Erde hier durckgeforrnt ist. aufgeschlossen eins di: der kostbaren Pflanze, eins mit der Mübe des Winzers. Der Boden Uo: sich seit einem Weltzeitalter mit dem Geist des Lichtes und dem lasch des Himmels vermählt. Und dieser Jahrtausend-Hochzeit entspringt eine hochgeartete Frucht 1* guten Weinjahren und wie eben setzt m diesem Jahr wieder. Hohe Ufer und umliegendes Bergland verwehren rauhen Winden den Zutritt in das Weintal, in die Wiege der Traube — das goldene Kind, wird nicht beunruhigt und schläft seinen köstlichen Sonnenschlaf. Ihm sind gleichmäßige, doch feurige Monate beschieden. Und noch aus den letzten Tagen und Stunden des Herbstes saugt es Licht und Wärme. Das Nahetal ist ziemlich regenarm, der Regen reift auf den Flügeln des Windes über den Hunsrück und versprüht. Während die Lust steht, brütet die Hitze auf der Weinerde in den Zeilen und macht das Gestein heiß, das nach Sonnenuntergang noch nachglüht, die Trauben mit Wärme umspülend. Im Nahetal hängen sie an den Rebbogen bodennah, man hält sie tief, damit alle Bodenstrahlung ausgenutzt wird; sie sind nicht bis zur Spitze der Pflanze hinaufgezogen wie etwa an der Mosel — das vermindert naturgemäß den Ertrag, erhöht aber den Wert des Weins. Essigsäure, grüne Weine wachsen an der Nahe nicht. Stets ist das Milde, Feine, der harmonische Ausgleich von Säure und Süße ihr eingeborenes Wesen, mögen sie auch nach Art und Lage noch so sehr voneinander unterschieden sein. Aber Herbst und Weinjahr sind vergangen, der Glanz der Oberwelt hat ausgespielt, und die Nahe blinkt von acherontischem Schein. Da ist es gut, in sich zu gehen und hinabzusteigen in die Süße des Sommergedankens. Was oben war, muß unten (ein — was lange im Licht lebte, muß seine Zeit in Dunkelheit verbringen. Aus dem Schoß der Erde geistet der Saft in die Traube, bann den umgekehrten Weg nehmend, fanf er aus der Traube in die Erde hinab, unter die Erde — in die Keller. Der Weinkeller ist das steinerne Grab des Sommersaftes, die Krypta, aus der einst der geklärte Geist seligmachend wieder auffteigen wird in den Tag und in die Weltlust der Zecher. Eine geschwärzte, schattendunkle alchimistische Küche ist der Keller, und geprüfte Weisheit gehört dazu, den Wein in den hölzernen Retorten zu schaffen. Weinpflege ist Weltschöpfung: edler Wein hat große Leidenschaft, hohes Feuer, strahlende Bilder und Begeisterung in sich. Der Wein ist ein Kunstwerk. Aber zur Hölle mit allen Verkunstlungen und allen Verkünstlern! Große Weinmeister, die gar nicht so häufig sind, ahnen etwas von Tod und Leden, von Geburt und Auferstehung. Und man hat an der Nahe ein paar tennengelernt, die mit zauberschasfender Kraft begabt sind, und die besungen werden müßten. Als man einst die Eisenbahn baute, die von Bingerbrück nach Paris läuft, treben die Wertleute in Bad Kreuznach tiefe, waagrechte Stollen in den Porphyrberg, den das grüne und goldene Fell der Rebe fleckt und betupft. Sie brachen die Blöcke und ließen steinkühle Korridore zurück. Wunderbare Keller! Der Berg hatte schon immer Weingedanken gehabt. Weinlaub und Trauben auf Schulter und Nacken, nun bekam er auch noch Stücksäsfer in den Felsenbauch gestapelt. Das Ohr, im Gärkeller an die Daubenwand gepreßt, vernimmt die geheime Saga der Rebe, den dunklen Lebensfang, der sich von irdischer Trübung freimurmelt, freifingt. Mit verworrener Stimme redet und gluckert die Urmaterie. Hinter der mondrunden Eichenwand spielt das Geheimnis, arbeitet brausende Geburt, will sich der Wein gestalten. Sprecht nicht laut, horcht! Der Saftstrom lebt, perlt und wühlt. Dunkle Märe raunt im Holz. Hitze gärt und wallt, rasende Strömungen münden ineinander. Wie bewegt mag der Spiegel des Flüssigen jetzt im Faß fein, bewegter als die wintersanfte Nahe jetzt im Talgrund! Im Faß rauschen und wispern noch einmal die verflüchtigten Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst, und die Säure scheidet, sprudelt ihr Abschiedslied, während ihr giftiger Atem oben aus dem Steingutventil des Spundes stößt. Wie ein lebendiger Leib mutet das Gärfaß an. und auch das tote, wein- geheiligte Eichenholz ist noch lebendig und fühlt mit. Faß ruht bei Faß, halbe Stückfäffer, mächtige Weinmütter. Weiß keiner ein liebevolles Wort für sie? Sie bergen ihr Kindlein. Manche Fässer sind rund, manche oval. Sind die runden rheinisch, die ovalen fränkisch? Und schön gewölbt, die Rundung des Fasses im Felsen wiederholend, eine schmeichelnde Linie, schimmert altfeucht die Bogendecke des Kellers. Die Kellerluft ist etwas lind und warm. Der neue Wein darf nicht erschrecken, ein kalter Hauch würde ihn gefährden. Die schaffende Hefe stürbe und könnte das Werk nicht verrichten: die Spaltung des Stoffes. Sie teilt und verteilt. Dazu will sie fünfzehn bis siebzehn Grad Wärme haben. Mit gewaltiger Kraft zerreißt sie den Zucker, Alkohol und Kohlensäure bereitend. » Unter solcherlei Mühen und Prüfungen wächst der Jungwein heran und überwindet die dumpfe Kindheit. Die Hefe gleitet aus feinem Wesen und setzt sich zu Boden. Ist es soweit, kommt der Augenblick des Abstichs. Der Abstich ist eine kellerkultische Handlung. Das Kind wird von der Mutter getrennt. In einem reinen und weingrünen Faß nimmt es Wohnung im Laaerkeller. Hier ist es nicht mehr so warm. Jedes Kind bat eine andere Abschiedszeit: Lage, Art und Kellermeister entscheiden. Seid vorsichtig bei der Uebersiedlung, das Kind ist empfindlich! Der Junawein darf nicht mit der blanken Luft in Berührung kommen, er „schlüge um", trübte sich und wäre verärgert, mißmutig. Hat er fein neues Bett bezogen, dann will ihm Ruhe gegönnt fein, tiefe Ruhe, Schlaf, ein guter gesunder Jungweinschlaf. Im Schlaf entwickelt sich die Seele, in der Ruhe formt sich der Geist. Sind diese Regungen. Seele und Geist, geweckt, tut der Jungwein abermals eine kleine Reise: er bezieht ein neues Faß. So wechselt er Bett und Haus, seine letzten Schwächen verlierend. Endlich ist er fertig, ausgebaut, slalchenreif. Er ist schon und fein geworden, doch noch nicht vollendet. In der Flasche nimmt er den letzten Schliff an, hier muß sich feine Natur bewähren, er ist nun ganz auf sich selbst gestellt. Aus dem Kind ist ein Jüngling geworden, der in feine Manneszeit hineinreift. In feinem Blut wohnt der Zauber des Nahetals, die Fülle der Frucht und die Lieblichkeit der Blume. Wird er feinen großen Ahnen, deren Namen er auf dem Flasckenfchild trägt, würdig sein? Wird man ihn rühmen und preisen, mit Freude trinken? Sicherlich wird er, aus dem Geschlecht 1937 hervorgegangen, seinen Weg machen. Die Kellermeister haben ein anderes Temperament als die Zecher, sie sind die Väter der Geduld. Sie kennen die Spannung aber auch den Lohn des Wartenkönnens. Für den so wichtigen Abstich haben sie einen guten Spruch i Mit dem ersten nicht eilen, mit dem zweiten nicht ver- Aber die Zecher kümmern sich nicht darum. Und während oben im Tag die Nahe, ihr Weinfluß, langsam vorüberrinnt, halten sie schon beim dritten Glas und blicken berückt in den „Goldenen Krotenpsuhl 1934, besten Spiegel sinkt und wie ein Blitz ihres Sommers verschwindet. Auf der Heimfahrt. Von Paul H e y s e. Es steht ein Haus im Garten, Kühl an ein Wäldchen angelehnt. Auf allen meinen Fahrten Hab' ich nach ihm mich heimgesehnt. Wie süß erklang Dort Vogelsang, Wie lachten Blumen ringsumher! Wie ging's im Lauf Die Stieg' hinaus — Nun graut mir vor der Wiederkehr. Im Haus, da ist ein Zimmer, So lustig hoch, so blank und rein. Was nur an Sonnenschimmer Ums Häuschen streifte, drang hinein. Wie lustig klang Dort Kindersang, Kein Winkel war von Spielen teer; Dort fand ich Rast Nach Tageslast — Nun öffn' ich seine Tür nicht mehr. Im Haus erklang ein Name Von allen Lippen fort und fort, Der hatte wundersame Gewalt, schier wie ein Zauberwort. Aus jedem Mund Ein Lächeln stund. Als ob's des Frühlings Name wär' — Jetzt geht er stumm Gespenstig um. Und wer ihn ausspricht, lacht nicht mehr. Eaudlungen des englischen Schrifttums. Von Dr. Heinz Höpfl. Allabendlich hat „Caoalcade" Tausende von Zuschauern ins Londoner Drury-Theater gelockt, allabendlich haben Tausende drei Jahrzehnte englischer Geschichte an sich vorüberziehen lassen in rauschenden Bildern. Für viele war „Caoalcade" nur das große Theaterereignis der Londoner Season, in dem ein überlegener Dramenmacher und ein genialer Bühnenzauberer unerreichte Triumphe feierten. Britische Truppen ziehen in den Burenkrieg — Ein Volk trauert um seine Königin, mit der ein Zeitalter versinkt — Der Viktoria-Bahnhof, überfüllt von Soldaten, die in den Großen Krieg und ein ungewisses Schicksal ziehen — London im Taumel der Wafsenstillstandsnacht — Niggersongs, Zigarettenqualm, Nachtklubleben, Tänzerinnen: ein modernes Inferno einer Jugend im Rausch der Gesetz- und Ordnungslosigkeit — „God save the King“ und Union Jack, salutierende Girls und Schauspieler, die den riesigen BühneN- raum bis aus den letzten Platz füllen. Das war „Caoalcade", ein Geisterzug, ersonnen im Gehirn des glänzendsten und mstlnktsichersten Bühnenautors Englands: Noel Co ward. Er hatte den Mut, diesen Spuk in Englands erdrückendster Notzeit, während der Herbstkrise 1931, über die Bretter ziehen zu lassen. „Caval- cade" ist vergessen, und doch ist selten ein Theaterereignis so sehr Zeichen einer Zeitwende gewesen. Der Viktorianismus war längst tot, aber das Nachkriegsjahrzehnt zitterte noch feinen schwachgewordenen Lebensatem aus. Dieses Jahrzehnt ist die Zeit der „Bright Young People“, der „flammenden" Jugend gewesen. Man hat es „The Roaring Twen- ties“, die lauten zwanziger Jahre, genannt. Es hat sehr laut begonnen mit dem größten Skandal der neueren Literaturgeschichte, dem Kampf um den „Ulysses" von James Joyce. Der „Ulysses" war eine Revolte bis in die Sprache hinein, die größte der ganzen Weltliteratur der Neuzeit. Dieses Werk, dessen deutsche Uedertragung drei Bände umfaßt, ist die Geschichte eines einzigen Tages im Leben des Stephen Dädalus. Stuart Gilbert hat einen Kommentar dazu geschrieben, um das „Rätsel Ulysses" aufzuhellen — der Kommentar ist ein ganzes Buch. Das weitere Ergebnis des Riesenepos — wenn wir von dem heftigen Streit um feinen künstlerischen Wert absehen wollen — ist dies: der Roman erhält nun Raum für die Einbeziehung der geheimsten Regungen des Lebens und seine tiefsten Niederungen; er rotrb Versuchsfeld für alle nur erdenklichen Arten von Form- und Stilexperimenten, die auch vor der Sprache, vor den überkommenen Wertformen, nicht halt machen. Darin lag eine große Gefahr, die verhängnisvoll werden mußte wenn die neue Botschaft auf eine junge Generation traf, der die Nach- Wirkungen des Krieges den Boden unter den Fußen weggezogen hatten. Die Gefahr scheint heute gebannt zu sein, aber sie >ft 'm Taumel des ersten Nachkriegsjahrzehnts sehr groß gewesen Es ist schwierig, das Gesicht dieser Zeit nachzuzeichnen, da bie literarische Produktion, die ihre Züge bestimmt, ins Ungeheure gewachsen ist. Einer Jahresproduktion von etwa fünfundzwanzig Romanen zur Zeit des höchsten Ruhmes Walter Scotts steht heute eine solche von etwa anderthalb- bis 3n«i* tausend Romanem gegenüber. Es bleibt also nur übrig der Versuch, di« H a u p t l i n i e n aufzuzeigen. Bezeichnend für die Lite ratur d er Nachkriegszeit, besonders für das erste Jahrzehnt, ist, daß sie vor allem Kulturkritik ist im ganzen Umfange dieses Wortes Abkehr von den überkommenen Idealen und Lebensformen, leidenschaftliche Kritik an Staat und Gesellschaft, bitterster Zynismus und beißende Ironie, ein müdes Versinken in die Hoffnungslosigkeit oder em willen- loses Untertauchen und Mitmachen: das ist die eine Seite Der m den Werken dieser Geisteshaltung angeschlagene Ton ist heute fast ganz verklungen; er hat die Herbstkrise 1931 heftig eingeläutet und ist seit ihrer Ueberwindung immer schwächer geworden. Eine andere Seite war die Flucht in die Vergangenheit, sei es das Kriegserlebnis oder das Leben der Großen der englischen Geschichte, in dem man sich im Geiste von dem Gegenwartselend erholte. Die Lebensbeschreibung ist von jeher eine der beliebtesten literarischen Gattungen in England gewesen, aber die Ursache des ungeheuren Anschwellens der biographischen Literatur liegt in der Krisen- luft der zwanziger Jahre, liegt in dem Willen, sich an der Größe vergangener Zeiten und Männer wieder selbst zu finden. Bezeichnend für die Wende, die mit dem Beginn unseres Jahrzehnts einsetzte, ist vor allem die Tatsache, daß die zersetzende Kritik nun einer aufbauenden gewichen ist, die bis in unsere Tage cuchält und in ihren Denkbereich auch die Auseinandersetzung mit den neuen Weltanschauungen Mitteleuropas einbezogen hat. Zu diesen positiven Kräften zählen Sir Philip Gibbs, der erfolgreichste Gegenwartsschriftsteller Englands, Percy Wyndham Lewis, einer der bedeutendsten englischen Publizisten der Gegenwart, Sir Arnold Wilson, Professor M o w a t und viele andere. Der Strom, der in den zwanziger Jahren weite Bereiche des Lebens zu überfluten drohte, ist wieder zurückgetreten. Heute, nachdem der Taumel dieser Jahre ausgetobt ist, nachdem es ruhiger geworden ist um die lautesten Ruser, erkennen wir deutlich, daß die Krisenzeit im Grunde für die literarische Entwicklung, vor allem in ihrer wichtigsten und lebenskräftigsten Gattung, dem Roman, fruchtbar gewesen ist. In ihr hat der Roman ungeheure Wandlungen erlebt, die so tiefgreifend waren, daß es eine Zeitlang scheinen konnte, als löse er sich in einer Vielfalt von verworrenen Bewußtseinsspiegelungen, in einem sinnlosen Spiel der Formen, in einer gewollten Undurchsichtigkeit des Handlungsablaufs auf. Aldous Huxleys „Those Barren Leaves“ und ..Point Counter Point“, des anglisierten Armeniers Michael Artens „The Green Hat“ und Virginia Woolfs „Orlando“ sind Musterbeispiele dieser Entartung. Es ist ausfallend, daß gerade die Frauen, die im gegenwärtigen englischen Schrifttum in überraschend großer Zahl vertreten sind, sich am stärksten der Mittel der neuen Erzähltechnik aus der Schule von James Joyce bedienen und sich damit am weitesten von der Gestaltungsart der Großen des englischen Romans entfernt haben. Von diesen Großen lebt heute nur noch H. G. Wells, der unermüdlich an seinen Denkwelteu weiter« baut. Hardy, Conrad, Bennett, Galsworthy und Kipling: das ist die Todesernte eines einzigen Jahrzehnts! Galsworthy ist der einzige unter ihnen, der mit bedeutenderen Werken in die jüngste Vergangenheit hereinragt, vor allem mit „A Modern Comedy“, der dreibändigen Fortsetzung der „Forsyte Saga“. Diese Form der großen Lebenschronik hat ihre wertvollste Nachfolge gefunden in der Hcrries-Tetralogie von Hugh W a l p o l e, von der zwei Bände: „Herries der Vagant" und „Judith Paris" jetzt auch in deutscher Sprache vorliegen. In Hugh Walpoles früherer Jeremy-Trilogie dürften wir die schönste Saga einer Kindheit vor uns haben, die die englische Literatur kennt. Auf dieser Linie liegt die Zukunst des neuen englischen Romans, der damit wieder an bie große Tradition anknllpft, die von Defoe in einer ununterbrochenen Kette heraufführt in unsere Tage. Die „siream- o!-consciousne5s“-Methode, die Bewußtseinskunft, ist ein Nebenweg gewesen, der heute schon zu einem Ende geführt hat, obwohl ihre Schöpfer noch leben und in ihrer vollen Schaffenskraft stehen. Sollte selbst Aldous Huxley nicht mehr an ihre Zukunft glauben? Sein neuestes Werk „Eyeleß in Gaza“ scheint es anzuzeigen. Krisen werden in England in bewundernswert kurzer Zeit überwunden — auch die geistigen. Dieses konservativste Volk der Erde gebiert aus dem bewährten Alten immer wieder das Neue. Das hat zu einer Neuwertung gesührt, die endlich auch dem Schaffen von Mary Webb Gerechtigkeit widerfahren ließ. Und die Zukunft des geizigen Englands? Sie ist heute kein Problem mehr — sie ruht auf starken Schultern. Es sind so viele Kräfte am Werk, daß eine lückenlose Aufzählung unmöglich ist. Wenn wir eine Auswahl treffen sollen, die nur erlesene Namen umfaßt, so möchten wir in Hugh Walpole, I. B. Priestley, Charles Morgan, John Masesield.A. I. Cronin und einigen jungen Iren die Bürgen der Zukunft sehen, die ihre stärkste Sicherung aber vielleicht darin findet, daß England in überraschend schneller Folge neue Talente hervorbringt. So wird es auch den Ansturm des amerikanischen Schrifttums, der im Augenblick und wohl aus längere Zeit hinaus noch ir« »e« mein stark ist, bestehen und ihm aus eigenem Schaffen einen festen Damm entgegensetzen. Der« ntw örtlich; Dr. Hans Thyriot. — Druck und Dertag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.