GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Samstag, den 24. Dezember Nummer 100 Weihnachten. Von Maria Kahle. Die frommen Meister, t>ie das Kindlein malten, Sie mutzten um die ewige Wiederkehr Der Sterne, die das Mutterbild umstrahlten; Wie trauerschwer und jeden Sinnes leer Wär' sonst die Welt ... Der Stern, der in die Mutterseele fällt. Wenn sie das junge Licht, das neugeboren, An ihrem Herzen eng umschlossen hält. Er singt ihr zu: Dies Leben ist erkoren, Gott gleich zu sein — Die Mutter weiß um aller Liebe Pein, Die im geliebten Bild das Ewige sucht Und weitz, wir sind als Suchende allein Und nur zum Traum begnadet und verflucht! Nur dieses Kind — Dies Kind schafft neu die Welt! Es ist Beginnen Von Ewigkeit, — es ist befreit vom Bösen; In ihm wird Gottes Licht den Sieg gewinnen, Dies junge Herz wird uns vom Leid erlösen Und heilig sein. Herein. die geworden. Das Kind sieht «beschichte vom großen Lleberfluß. Eine Weihnachtsgeschichte von Albrecht Schaeffer. Es war einmal ein Mann, — der war böse. Wie böse der Mann war, — das läßt sich gar nicht beschreiben. Wißt ihr, was dieser Mann tat? Ich werde es euch erzählen. Da war ein großer, tiefer Wald. Durch den Wald führte eine einzige Straße, auf der mußten die Menschen gehen, wenn sie von einer Stadt in die andere wollten; das taten sie aber nicht gern, denn der Wald war sehr groß und dicht und dunkel, und sie hatten Angst, da könnte ihnen irgend etwas passieren. Ja, es passierte ihnen auch was, denn was tat dieser böse Mann? An einer Stelle, wo der Wald besonders dicht und finster war und die Straße so schmal, daß ein Mensch gerade zwischen den dicken Tannenbäumen hindurchgehen konnte, da versteckte sich der Mann im Gebüsch. Und wenn ein Mensch kam, sprang er auf einmal hervor und schrie furchtbar und jagte dem einen großen Schrecken ein und schrie: Jetzt mußt du mir alles geben, was du hast, sonst schlage ich dich tot! Und dabei schwang er eine große, schwere Stange. Dann gaben ihm die Menschen vor Schreck alles, was sie hatten, und bann ließ er sie vielleicht leben. Wenn einer sich aber nur ein bißchen wehrte und sagte: Ich will nicht! dann schlug er ihn mit der Stange auf den Kopf, dann war er tot. Dann trug er ihn in den Wald hinein und machte ein Loch in der Erde und legte ihn da hinein und machte ein bißchen Erde darüber. Er war so bös, er begrub die Leute nicht einmal ordentlich. Tief im finsteren Wald hatte er sich eine Hütte gemacht aus Baumstämmen und alten Kisten und Zweigen. In einer Nacht nun, als es gerade schrecklich stürmte, da klopfte es leise an die Tür. Der böse Räubersmann sagte: Bleib du lieber draußen — wenn du hereinkommst, mache ich dich bloß tot. Und er faßt schon seine große, schwere Stange an und ruft also: Die Tür geht auf. . kommt in die Stube? Bloß ein kleines blondes Kind in einem »•» v»»- — ____ langen, weißen Hemd, aber mit großen Augen, die strahlten. Das Kind sagte: Lieber Mann, grüß dich Gott. Der Mann sagte: Was willst du? . , „ O, sagte das Kind, ich wollte dich nur besuchen. Ich glaube, du hast noch niemals Besuch gehabt. Das allerdings nicht, sagte der Mann; aber hast du denn keine Angst? sagte das Kind. Sagte der Mann: Siehst du nicht diese Stange ? Die könnte ich zum Beispiel nehmen und dich verhauen. Das Kind sagte: Das glaube ich nicht, daß du das kannst. Darauf sagte der Mann: Du bist gut! Ich könnte die Stange sogar nehmen und dir die Nase abschlagen. , Das glaube ich auch nicht, sagte das Kind. Also tu s doch mal! Versucht doch mal, ob du's kannst. Aber er kann seine Stange nicht heben. Schwer ist die geworden. Die Hände zittern ihm vor Anstrengung und vor Wut Das Kind sieht ihn dabei an und lächelt so vor sich hin. Aber nun wird er wütend und schreit: Es geht ja auch ohne Stange. Ich nehme einfach meine Hande und reiße dir den Kopf ab! Ja, tu das nur, sagte das Kind und sieht ihn ganz freundlich an. Er möchte aufspringen, aber er sitzt aus seinem Bett wie angewachsen. Siehst du wohl, sagte das Kind, was du für einer bist! Und was tut das Kind? Es geht hin und nimmt die gewaltige Stange — so leicht, als ob sie ein kleiner Zweig wäre. Und bricht sie in drei Stücke. Die wirst sie vor den Mann und lacht und sagt: Ja, nun wirst du keine Menschen mehr tot machen mit deiner Stange. Nein, sagte der Riese, jetzt mache ich keinen mehr tot — Das Kind hatte so strahlende Augen, da konnte er nichts anderes sagen. Tut dir's vielleicht sogar leid, fragte das Kind, daß du die Menschen totgemacht hast? Ja, bas tut mir sogar leid, sagte der Mann. Der Mann, kaum wie das Kind weg ist, denkt er: Das ro*r ja das schönste Kind, das ich gesehen habe. Ach, wenn ich bloß wieder gehen könnte, dann wollte ich nur noch hingehen, wo das Kind hingeht. Kaum aber, wie er das gesagt hatte, — wuppl steht der Mann auf. Nach einer Weile erkannte er vor sich einen Lichtschein; aber obgleich er sich die größte Mühe gab, er holte das Kind nicht ein. Dabei ging das Kind selber ganz still und schön vor sich hin. Aus einmal sieht der Mann ein braunes, knuspriges Brot aus der Erde liegen und ruft: Du, Kind, lauf nicht so, du hast was verloren, warte, ich bring dir's 1 Darauf dreht das Kind sich ein bißchen um: Ach, ich brauche das gar nicht, iß es nur selbst, du wirst schon Hunger haben. Wie er das Brot gegessen, kommt es ihm vor, als ob er noch viel mehr Hunger hätte und da — was sieht er auf der Erde liegen? Einen schönen, großen runden Apfel. Und der Mann ruft: Kind! Du hast einen Apfel verloren! Aber das Kind dreht sich nur wieder ein bißchen um und sagt: Iß den nur selber, du wirst schon Hunger haben. Und der Mann ißt den Apfel, der schmeckt ihm aber. Er denkt: Solch einen herrlichen Apfel und solch ein herrliches Brot habe ich noch nie gegessen. Da liegt wieder ein Brot. Und der Mann schreit wieder: Verloren! Und das Kind sagt wieder: Iß du nur selber. Und so geht das nun, ich weiß nicht wie lang, und endlich ist er satt. Ach Kind, liebes Kind, ruft der Mann. Steh doch endlich mal still, daß ich dich einholen kann. Sagt das Kind: Was schreist du — bist ja schon bei mir ... Und wirklich, im selben Augenblicke steht der Mann dicht vor dem Kind. Was willst du? Ach, ich weiß selber nicht, sagt der Mann. Siehst du wohl, sagt das Kind, wie das Ist. Wie ich zu dir gekommen bin, hast du gefragt: Was willst du? Und dann hast du mich tot machen wollen. Und nun frag ich dich: Was willst du, und du läufst die ganze Zeit hinter mir her und weißt nicht einmal warum. Soll ich dich vielleicht totmachen? Das kannst du ja gar nicht, sagt der Mann. Das kann ich nicht? sagt das Kind, wo ich eben deine eigene Stange zerbrochen habe? Und dabei sieht es den Mann so drohend an, aber zugleich so traurig, daß der Mann am ganzen Leib vor Scham so heiß wurde, als wäre er brennendes Feuer, und er schrie: Laß mich leben, laß mich nicht so verbrennen! — Und gleich wurde er wieder kühl und still und sagte: Ich wollte dich nämlich nur fragen, woher die vielen Brote und Aepfel gekommen sind, die du verloren hast. Darauf sagt das Kind: Siehst du, bei mir geht das immerzu, wenn ich mich oloß anfasse am Hemd, immer fallt was heraus. Und wieder fiel ein Brot heraus und ein Apfel, der ganze Boden lag schließlich voll und der Mann schlug die Hände zusammen und rief: Was ist das? Was ist das? Solch einen Ueberstuß habe ich mein Lebtag nicht gesehen! Darauf sagte das Kind: Was das ist, willst du wissen? Das ist alles nur das, was ich bin. Was bist du denn? fragt der Mann. Das Kind sagt: Gerade das Gegenteil bin ich von dem was du bist. --Lieber Mann, ich gehe lieber allein. Geh du jetzt in dein« Hütte zurück und steh mal zu, was da drin ist. Und kaum, wie das Kind das gesagt hatte, was es verschwunden. Wer ist das Kind gewesen? Ach, das brauch ich wohl gar nicht erst zu sagen. — Nun der Mann ging in seine Hütte zurück und war schrecklich neugierig, was darin wäre. Es war aber gar nichts darin, als was immer drin gewesen war. Er sagte: Das Kind war so lieb und freundlich zu mir, und nun hat es mich belogen. Wie er das sagt, nimmt er eines von den Stangenstücken in seine Hand, und —? Es ist kein Stück Stange mehr — es ist ein schönes, braunes, knu'priges Brot, genau solch eines, wie er vorher gegeben hat. Und wie er das zweite Stück Stange nimmt. — da ist es kein Holz mehr, sondern ein Apfel. Der Mann legte sich in sein Bett, legte Brot und Apfel neben sich und freute sich, bis er einschlief. Erst am Abend wachte er auf, jo lange und fest hatte Er geschlafen, den ganzen Tag. Erst tat es ihm leid, das schone Brot und den schönen Apfel zu essen, weil er dann kein Andenken mehr an das Kind hatte. Aber als er gegessen hatte, war es noch immer da. Ja, so war das — er ah es auf — aber wie er’s gegeffen hatte, do hatte er wieder ein Brot in der Hand, ein neues, das war aus dem ersten geworden. Und wie er jetzt seinen Apfel nahm, war es genau so. Er aß ihn auf — da war schon ein zweiter da, und wie er den gegeffen hatte ein dritter — es nahm einfach kein Ende; er konnte Brot essen und Aepfel essen, soviel er wollte; immer hatte er neue. Also hat das Christkind recht gehabt, als es sagte: Sieh zu, was in deiner Hütte iftl Wie er die stangenstücke genommen hatte, hatte er gesehen, daß sie eigentlich Brot und Aepfel waren. Nun war der Mann froh. Und er dachte: Ich kann ja immer fo viel Brot und Aepfel haben, wie ich zum satt werden brauche und noch viel mehr, ich kann sie gar nicht allein bewältigen. Also werde ich jetzt in die weite Welt gehen. Da gibt es eine Menge Menschen, die sehr wenig zu essen haben, manche sogar nichts; und Kinder gibt es, die haben noch nie einen Apsel gesehen. Da werde ich zu denen hingehe» und ihnen mein Brot und den Apfel geben. Wenn sie die auch aufeffen, hab ich ja immer wieder neue Brote und Aepfel, und ich kann so viel Menschen satt machen, wie ich nur will. Und so hat er es auch gemacht. Und vielleicht geht er heute noch herum und gibt den Menschen zu essen, was niemals alle wird. Deutsche Kunst in Weihnachtsbildern. Eine Betrachtung von Ina Seidel. Die Priester und Magier der Alten richteten ihr Augenmerk mit hin- gebender Geduld auf den Gang der Gestirne und suchten aus dem Umlauf der glänzenden Himmelskörper die Gesetze des kosmischen Seins und des irdischen Wesens zu bestimmen. Fern, sehr fern und erhaben erschienen diese Gesetze den furchtsamen und gläubigen Menschen; ihre bange Bedürftigkeit nach greifbarer Form und vermittelndem Symbol schuf aus Planeten Götter, die ihnen, den Menschen, gleich waren, und in deren wohl jedes menschliche Maß zersprengende, aber doch verständlichem Wandel ein fabelhaftes Spiegelbild des eigenen Treibens hoch über Wolken ober auf den Gipfeln heiliger Berge entstand. Aber auch jetzt nach sah sich der Mensch au »geliefert an unberechenbare Gewalten, denn jene Götter handelten dunkel und willkürlich: auch über ihnen mal tote Schicksal, und der letzte Sinn von Leben und Tod blieb unergründlich. Zwischen Gott und Dämon, die sich in furchtbaren Schlachten bekämpften, irrte die preisgegebene menschliche Seele als ein Spielball fremder Gewalten, und opferte unermeßlich Blut und Tränen ins Leere. Als ein Spielball fremder Gewalten über Blut und Tränen bahin- taumelnd fühlt sich noch heute die menschliche Seele, die sich von jenem Erlebnis ausschließt, das der Menschheit vor nahezu zweitaufend Jahren heilbringend widerfuhr: von dem Erlebnis der Geburt, des Lebens und des Todes Jesu Christi. Die Bedeutung dieses Ereignisses liegt ja einzig und unverrückbar in der Tatsache, daß die bis dahin unzugängliche und durch keinen Namen zu bannende göttliche Herrlichkeit sich in Fleisch und Blut, in der wehrlos allen Gewalten Himmels und ber Erde preis- gegebenen Gestalt eines Menschen bekundete, indem sie sich in dieser Gestalt über alle 'Begriffe sieghaft offenbarte als Liebe. Das urchristliche Erlebnis, das sich unmittelbar an der Person Jesu entzündete ober sein Licht borgte von der noch hell lodernden Frckel der ersten Zeugen, ist wenige Jahrhunderte nach dem Ereignis von Gochatha für die werdende europäische Kultur im Dogma verkapselt, wie die Hostie im Tabernakel. Aengstlich, als sei der unverfälschte Strahl der Christus- begegnung tödlich für die entweder überzüchtete ober barbarische Seele der Uebergangszeit, retten Generationen von Priestern das Geheimnis den Menschenwerdung Gottes im prunkenden byzantinischen Symbol durch die Dämmerung des frühen Mittelalters, und ber Spuk der ah= sterbenden Antike läßt die reine Lehre zu Aberglaube und Grübelwerk ausarten. Aber gleich dem Weizenkorn und dem Tropfen Rosenöl in ägyptischen Grüften bleibt das ewige Wort in sich selbst ruhend geheimnisvoll lebenskräftig. Der Tag, an dem die Welt von ihm duftet wie nach frischen Rosen, da junge Saat ausläuft, als habe ber Wind sie gesät, von bem fein Mensch weiß, von wannen er weht — dieser Tag des neu erwachten Christuserlebniffes kommt mit dem Heranreifen der jungen christgläubigen Völker von jenseits der Alpen über die (Erbe. Richt weniger furchtbar und unsicher als in den Tagen des Attertums war die Welt. Oebrüdt und geknechtet von ben Großen und Mächtigen schafften die Geringen und Armen so unfrei wie je im Schweiße ihres Angesichts, gebaren mit Schmerzen die Weiber und schrie zum Himmel bas Elend der Aussätzigen, ber Pestkranken, ber Gesangenen, ber Blinben unb Lahmen. Christ erstand in den Herzen, als kein Trost mehr helfen wollte: er erstand wie eine wandernde Flamme, überspringend von Docht zu Docht. Lieder weckten ihn auf unb trugen ihn weiter; es waren nicht die feierlichen Hymnen der Kleriker, es waren einfache Worte aus dem Herzen des Volkes, nach feinen Weifen gelungen, unb fahrende Schüler trugen sie über die Straßen im Reich. Eine geheime ungeheuere Seligkeit begann in den Menschen zu schwellen unb treiben; sie hatten ben Trost ber Welt gefunden, unb konnten des froh fein, Christ sollte ihr Herr sein: da brach die Gotik hervor unb wuchs in ben grauen Himmel des Nordens hinauf, unb in dem Ueberschwang dieser steinernen Gottseligkeit hatte alles Raum, was das Wesen der Bauleute ausmachte, vom fratzenhaften Getümmel unterfeelifcher Triebhaftigkeit bis zur erhabenen Ueberroinbung von Hölle und Tob in ber Darstellung von Christi Leiben und Sieg. Mitteninne aber zwischen Teufelszauber und Auferstehung^ mitteninne — bas Zünglein an ber Waage, wie ber Mensch zwischen Satan unb Gott — mitteninne schwebt b i e Mutter mit bem Kinbe und verkörpert bem Suchenden, Sehnenden die übet Ile Maßen wirkliche Nähe der Gottheit. ..Herr, ber du Mensch geboren bist!" Das sagen sie alle, diese Darstellungen der erfreut Weihnacht in Bethlehems Stall, jagen es stammelnd unb lobfingenb. Überwältigt vom Wunder. Aus ber strengen Madonna ber goldstarrenden Ikone ist die Mutter geworden, die nur eine Krippe hat, ihr Kind zu betten, die selber mit ben Tieren die Streu teilt, unb die dennoch von einer Glorie umflossen ist, wie keine Göttin ber alten Welt. Auf das Kind aber sammelt sich aller Glanz — auf bas kleine hilflose Kind, im Elend geboren, zum Leiden bestimmt, unb doch durch [eines Herzens Gewalt auf ewig Mittler unb Versöhner zwischen Gott unb Mensch. Ja, d a s hatte die Zeit, die diese Bildwerke schuf, erkannt, daß das Wesen der christlichen Offenbarung in der Verklarung des natürlichen menschlichen Zusta:ches liegt, in die ber Geist sich senkt wie htmm- lischer Same, um burd) sein Keimen, Blühen unb Fruchttragen ben irdischen Stofs in Gottes Leib zu verwandeln — das hatte sie erkannt, daß einzig durch diese Wandlung Gott, dem Menschen zugänglich wird, da er ihm hier in seiner eigenen, mühseligen unb beladenen Gestalt begegnet, unb gleichwohl siegreich in ber Ueberroinbung des Irdischen strahlt. Und wie geroaltig muh bas (Erlebnis solcher Gottesbegegnung gewesen sein, ba es mit zündender Kraft bis in jene unergriinbete seelische Tiefe drang, aus ber bann die lauterste Antwort zurückkommt, bie ein Volk zu geben vermag: bie Tat feiner schaffenden Künstler, aus der die Nachwelt die untrüglichste Kunde erhält, von dem, was an einem Zeitalter war. — Windhauch im Stall. Bon Ruth Schaumann. Der Hirt, der Tränen lang entwöhnt, Blickt in die Streu unb lächelt nicht. In Frost und welkem Lampenlicht Des Esels Hauch das Knäblein krönt. Die Schatten der Besucher dröhn Bis hoch in’s morsche Dach hinein. Wie Duft von ausgegofsenem Wein Schwebt eine Stimme: liebster Sohn! Des Kindes Augen sind wie Seen, Unb jeder trinkt dort unb versinkt — Die Stalltür wird hereingekltngt, Gott kommt als Windhauch, Gott zu jehn. Heinrich von Kleists Weihnachten 1810. Von Walter von Molo. Alle die Mitreisenden auf der Post nach Leipzig trugen Waffen, denn es geschahen viele UeberfäUe. Die Landstraßen waren außerordentlich unsicher, seitdem in Deutschland aus Napoleons Befehl, nur noch Menschheit ansässig war und durch Anschauungsunterricht belehrt wurde, daß es nichts Festes, nichts Höheres als Gewalt und Verlogenheit gäbe. Es war dunkel, als Kleist im nebligen Abend vor Professor Krugs Haus ankam, das unklar im freien Felde neben ber dahinsließenben (Elfter stand. Hinter bem Gebäude schien ein Pferbestall zu fein, es roch jebenfalls danach in der ungemütlich lauen Lust. Einmal glitt droben an ben Glasscheiben eine weibliche Gestalt vorbei. Warum er hier war, was ihn hierher getrieben hatte, wußte er selbst nicht; es war ihm auch gleichgültig. Er war ba. Er hatte Luise von Zcnge um die gütige Ueberlaffung seiner Bräutigamsbriefe an ihre mit einem anderen verheiratete Schwester für einige Zeit gebeten und ihr wahrheitsgetreu mitgeteilt, er wolle die Dokumente feiner Jugend mit der Niederschrift eines begonnenen Romans vergleichen, sehen, ob ihn seine (Erinnerung in allem richtig führte. Hufschlag kam von ber Stadt her, er wich zurück. Sie besitze feine Briefe nicht mehr, hatte Frau Professor Krug am Rande wiederholt. Gute Wünsche! hatte sie flüchtig hinzugesetzt. Kleist stand unter dem Schutze blätterleerer, hoher Bäume. Der Gaul, ein guter Halbblüter, hielt vor dem Hause, bem, rote er gewahrte, auch ein kleines Beobachtungstürmchen aufgesetzt war. Von dort konnten sie also in die Weite sehen. Die Stimme des Professors forderte, man solle ihm behilflich fein; bloß vo;> seiner Frau wolle er nicht gesehen werden! Eine Magd mit einer umgebunbenen frischweißen Schürze kam eilig aus bem Haufe hervorgelaufen, in dem Äinberftimmen jubelten. Es feien ihm vom heiligen Christ noch einige Pakete übergeben worden Die Magd lachte wohldienerisch satt. Der Rektor der Leipziger Universität stieg, zufrieden mit bem Beifall, ab; Luise von Zenge kam aus der Haustür hervor. Es war kein Traum. Die Menschen, die man nicht mehr sieht, leben also weiter. Wilhelmine fei aufgeftanben. Sie wolle die Bescherung ber Kinder außer Bttt m-tmachten. Goldkind, wenn ich dich nicht hätte! antwortet Profesior Krug. Ach ja, bas sagst du immer, gab bie Schwester seiner ehemaligen Braut zurück. Einträchtig gingen bie beiden mit ben Paketen ins Haus, dessen Tür sich hinter ihnen schloß; sie wurde verriegelt. Ein Gärtnerbursche führte bas Pferb ins Innere bes Hofes davon; bie HuftkUte verklangen auf höckerigem Pflaster, bann schlug auch dort eine Tür M Im oberen Stockwerk ging ber Professor umher unb verteilte seine Gaben auf ben Tischen. (Es hauchte langsam der Umriß einer zarten Gestalt vorüber, mit vertrauter Bewegung floß sie im Glase dahin, verschwand. Dünn wie aus weiter Ferne erklang gedämpft ber silberne Ton einer Schelle, Sinberlärmen und Jubeln. Der stumme Beobachter stand tief unter allem, als sei er nicht mehr unter den Lebenden; aber er hörte und sah. Es mußten viele Kinder dasein. Wie es so geht, jedes Jahr eins. Wilhelmine war noch immer nicht gesund? Kleist kam aus feiner Deckung hervor und wollte sich dem Hause nähern. Achtung! da tappte einer aus der Straße mit genagelten Stiefeln heran, zu e.nem anderen Hause h.n, das auch Lichter in die Nacht hlnausschimmern lieh. Er wich zurück, stolperte, rutschte aus einer Art kleinem Hang und laß aus der nassen Erde. Die Hände ertasteten zu beiden Seiten, daß es ein Abladeplatz war, auf den es ihn hingeworfen hatte, so eine Art Schindanger, oder dergleichen. Kleist fand sich unsinnig aufgeregt, sein Herz schlug laut, hastig erhob er sich. Nun waren die Menschen, die sich liebten, überall in der Welt beisammen; auch die Frau mit ihren Kindern, derentwegen er hatte warten müssen, bis es zu spät war. Vom Himmel fing es an hernieder zu tröpfeln, bald regnete es sanft aus ihn herab. Er war dicht am Hause, als wollte er Einlaß erzwingen. Die würden Gesichter machen! Er starrte aufwärts. Er vernahm das alte, fromme Lied „Stille Nacht, heilige Nacht", das sie jetzt gewiß auch tn Frankfurt fangen. Die Kinderstimmen waren ahnungslos rein, der Jugendfreundin Alt führte. „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." So war es geworden, genau so! Er ging vor dem Hause auf und ab und schüttelte heftig die Schultern, denn es fröstelt« ihn. Es wurde kalt. In der Luft roch es nach heimatlichem Gänsebraten und Rotkohl. Sie hielten die von den Vätern überkommene Sitte in Ehren. Da! Die Fenster im unteren Stockwerk find hell geworden; oben werden die Lampen ausgelöscht, sie setzen sich zu Tisch! Er hob sich aus die Zehenspitzen, spähte und erschaute sie inmitten der Ihren. Siumm, blaß und verhärmt, mit großen, starren Augen saß sie aus dem Ehrenplatz und war glücklich im trauten Familienkreise. Das servierende Hausmädchen konnte er berühren, wenn er di« Fensterscheibe einschlug. Das Mädchen warf einen Seitenblick hinaus, fuhr jufammen, er lief davon in die Dunkelheit. Hinter chm drein klang 6er Lärm eines schnell und besorgt geöffneten Fensters. Er stand auf weichem Grunde, in einem brach liegenden Felde und war nicht zu erblicken. Es wird ein armer Mann gewesen sein, Väterchen; gab eine Knabenstimme unschuldig zur Ueberlegung auf. (Sie erzogen demnach chre Kinder auch zu Mitleid und christlicher Nächstenliebe!) So weit trennt das Leben Menschen, die sich einmal innig geküßt haben, wenn keines mehr vom anderen Vorteile erwartet? Es kränkte ihn, daß keines auf den doch wirklich fernliegenden Gedanken kam, er könnte, nach Jahren des Fremdseins, unerwartet hierher gereist fein. . Belehrend stimmte Krugs Stimme zu: Ja, wahrscheinlich ein armer Mann, wir wollen an ihn denken. Das Fenster schloß sich; es fand keine weitere Störung statt. Die Nacht war tief und stumm, wie damals, vor recht langer Zeit, als Liebe in menschlicher Gestalt zur Erde gekommen und dafür folgerichtig gekreuzigt worden war. Gute Wünsche! — Armer Mann. — Durch die Nacht ging langsam und mit niederhängendem Kopse Kleist zur Poststation. Er fuhr in der Frühe des ersten Weihnachtstages nach Berlin zurück. — Wir wollen an ihn denken! — und ! 500 Mark, Igter stören, sollte nicht. er war bringen. „Peter!" Er antwortete an die er saß wohl noch im Vorraum. „Peter!" Da nicht da. Di« Wohnungstür stand halb vor Weihnachten! Ach, nun fallt« Peter Klasseittür klopfen und den Glücksbrief Das Geschenk. Eine Weihnachtserzählung von Arnold U l i tz. Es schneite schon den ganzen Vormittag, und die junge Lehrerssrau hatte ein Glücksgefühl, das sie immer ihren Schneeflackenrausch nannte; denn sie fühlte sich so flockenselig. Di« Dorsstrahe war ohne Laut, in solchem Daunenschnee wurden die schwersten Schifferschritte katzen- psotenweich. . Heiter dachte die Frau an ihre städtischen Freundinnen, die einst ge- weissagt hatten, im Winter werde sie vor Stille verzweifeln. Sie lachte vor sich hin, und sofort fühlte sich der dreijährige Peter angeregt, gleichfalls zu lachen, und zwar so schallend wie möglich. Sie riß ihn zu sich herauf und sagte: „Und dich, dich, du Hauptperson, haben sie beim Prophezeien ganz vergessen! Lach' sie aus, die Unten!" Da lachte er wieder gewaltig und sagte: ,Lum Vater gehen!" „Um Gotteswillen, Peterle, er ist doch im Dienst!" „3n Dienst gehen!" befahl er, und da es so wunderbar schneite, und da so nahe vor Weihnachten die Schule doch nicht so streng wie sonst war, wagte sie wirklich den Scherz, lief mit dem kleinen Mann an die Wohnungstür und hetzte übermütig: „Ruf mal, so laut du nur kannst: ,$ati!‘ Die Schulkinder werden lachen, und der Vati wird auch nur lachen." Ehe es aber noch dazu kam, ging die Glocke am Schulhaustor, und als Schneemann stapfte Herr Posthilfs- stellenhalter Franke herein und duftete ziemlich stark nach Grog. Er klaubte mit Rammen Fingern einen Brief hervor, der an den Lehrer gerichtet war, unb als sie, noch im Hausslur, üen Ausdruck las, erblaßte °Kein ^Doppelbrief? Großer Gott, ob er Glück gehabt hat?" Sie wog den Brief unschlüssig, ging langsam ins Zimmer zuruck, schließlich riß sie ihn auf, las gierig, schrie leise, las wieder und wieder, und Freudentränen schossen ihr in di« Augen. Der erst« Preis far ^scho- fchattsphotoqraphie! Das stille Fleckchen im rühmlosen Odcrwald hatte über alle malerischen Kleinode Deutschlands gesiegt, ihr Mann hatte ------ . . [o äld)t — ging sie nach vorn, und er war i.™ — -— geöffnet, und Franke hatte and) die Haustur nicht geschlossen. Also war er zum Hause hinaus, der Taugenichts? De^er! ^Beter !w . Die Jule saß drüben im Schnee und buk mit einer leeren «orbmen- büehfe Kuchen. „Hast du unseren Peter gesehen Jule? „3a „Wo benm Steh doch auf, Kind, du wirst dich erkälten. „Nee, ich erkalt nnch nicht. Wohin ist Peter denn gegangen?" „Mit m Fleischerwagen is er mit gefahren." „Wie? Ml Lattners Wagen, Jule?" „Nu freilich, nach Breslau is er gefahren." „Also dort hinaus, ja?" „Nu jaja." Die junge Frau lief, wie keine hier laufen konnte, sie hatte in ihren Mädchenjahren einen kleinen Ruhm als Läuferin gehabt, nun tief st« als Mutter. Aber vor dem Gasch aus „Zur deutschen Eiche", kaum fünf Minuten von hier, stand Lattners Wagen, ohne Kutscher, ohne Kmd. Am Schanktisch drinnen standen, Grog in der Hand, der Wirt, der junge Lattner und Herr Frank«. „Ist mein Peter nicht hier?" „Nu, nu", lacht« der Wirt. .„Haben Sie ihn denn auf dem Wagen mitgenommen, Herr Lattner?" „Aber Frau Lehrer, wo denken Sie hin. Das töt ich mir doch nid) erlauben, Frau Lehrer!" „Mein Gott", klagte fie wi« erstickt, „bann ist er ja zur Oder hin? Und zum Zöllnerloch! Ist es zugefroren ?" „Das friert niemals zu", erklärt« der Eichenwirt wichttg. ,ha is nämlich warmes Sumpsgras drin und —" Sie hörte ihn nicht mehr, sie rannte. Die Dorfkirche läutete zum Mittag, dl« Schule war aus. Jungen und Mädels sahen die Frau ihres Lehrers heranstürmen und konnten nickst einmal lachen, denn sie erkannten das ©rauen in ihren Augen Der Mann trat soeben vor das Haus, erriet alles und schrie: ,j)«r Junge?" Sie wies in der Richtung nach dem Fluß, bann sank fie um. Die Schulkinder sammelten sich entsetzt und glotzten st« töricht an. Der Lehrer war schon wett fort. Di« Jul« heulte gellend: „Lehrers P«trr ist ertrunken, oh je, oh je!" Da schrieen die Kinder so laut, daß endlich die Magd herauskam und ihre Herrin ins Haus trug. Vom Zöllnerloch her, dem verwunschenen, gefährlichen Tümpel zwischen Muß und Dorf, kam ein Mann, vielleicht Juiens Vater, der Dorftrottel. Der Lehrer stürmte, von dicken Flocken halb geblendet, vorwärts. Aber der Mann, der da herankam, war der alte Just, der Fisch - meister des Grafen, und er hatte di« Jacke ausgezogen, um ein triefendes Kind hineinzuhüllen. „Nu heul ock nid), Klemer", tröstete er brummend, .her Sätet kommt ja schon im Galopp, er wird dich ja nid) mit dem Rohrstöckel verhauen, et verhaut ja nich mal di« fremden Kinder, und nu flenn' ock mich so!" „Just? Der Junge?" schluchzte der Lehrer. „Dahier is er, in meiner Jacke steckt er, fie paßt ihm nicht ganz, Herr Lehrer. Leben tutt er, Sie höten's ja. Ich habe das Bürfchel grade noch am Schlafittel gekriegt, der Zöllner im Loche halt' ihn schon tüchtig an’n Beinen gezerrt. Und nu Drab, Herr Lehrer, nehmen Sie ihn ock gleich in der Jacke mit, und heißen Fliedertee und ins Bette —" Der Vater lief, und aus der teerigen, öligen, ranzigen Lederjacke schluchzten glückselige Baute. der Tod drinnen sei. Briefträger beschwor, er hätte die Tür des alle Jahre eine herrliche Tonne b ß'ftfyti cf "Crt • ** Der Forster des Grasen hatte wie alle Jahre eine herrliche Tonne ins Schulhaus gebracht. Sie stand mißachtet und ungeschmückt im eisigen Klassenzimmer. . _ . Täglich schon in grauet Frühe brauste der Breslauer Arzt ms Dor,. Und am Weihnachtsmorgen gegen neun Uhr sah man ihn mit betten Lehrersleuten aus dem Schulhaus treten, und dann sah man. wie dm Frau — sie war halt ein bissel verdreht, die Stäbterm — bem Softor bi« Hand küßte, und die beiden Männer wurden mit Händeschütteln Überhaupt kaum fertig. Es war ungeheuer ulkig, aber niemand lachte, und Franke, der schon im Hause gegenüber auf Posten stand, meinte sogar vor Freud«, Cs war ganz klar, der kleine Lehrers,unge mußte überim Berg sein. Das ganze Dorf war wunderbar froh. Das wllte ein Weihnachten werdenI . , . x. Der Lehrer trug die Tanne aus dem kalten Klasfeniim.m m die warme Wohnung. Aus der Küche duttete es weihnachtlich. „Sffls ff«! s doch noch Karpfen", lächelte er hinein. „Also gibt s doch noch Ehnst- baum", lächelte die Frau .zurück Und er schmückte den Baum und tat, was er leit fiebenunböretfjig Jahren, feit er als Zwo!f,ahnger zum ersten Mal den Daum hat schmücken dürfen er tat was er bei Mefer zärtlichen Arbeit immer getan hatte: er pfiff und summte We hnachts- lieber und pfiff und summte wirklich schön, . 2Ils er hoch auf der Leiter stand und von den obersten Zweigen schillernde ©ilbertäben herabrinnen ließ, trat seine Frau herein und setzt« sich. Unendliche Dankbarkeit, unendliche Müdigkeit beide waren duner unö süß in ihr. Er hielt in feinem Liede mne. todte herab und als er bas geliebte, gute, müde Angesicht sah, stieg er bebufiam, bamit bie ßeiterftufen nicht knarrten, zu ihr hinunter und sagte '»!«: „Jetzt weiß ich erst, was im ganzen Christenglaube der alttrhoDesie ®es"?eTriet ihn sofort und sprach: „Ja, daß Gott in Kindesgestalt zu dem Menschen kam." . . ®r nickte. „Ja! Gott als kleiner Junge! Das ist wunderbar. Am achten Tage, als das Kind in wütenden Fiebern schon fast verbrannt war, sagte der junge Dorfarzt errötend: „Ich würde jetzt doch raten — ich möchte lieber die Verantwortung nicht allein —" Der Lehrer lief zur Post und rief Breslau an. Dort wohnte ein guter Freund vom Kriege her, er war jetzt Kinderarzt von großem Ruf. „Es geht um den Jungen, Karl! Wir können nicht mehr weiter vor Angst Nimm einen Vertreter auf meine Kosten, komm heraus, bleibe bis zur Entscheidung, Karl — Ich habe 500 Mark bar im Hause, ich hab' doch einen Preis gewonnen." „Gratuliere. Im übrigen bist du verrückt, ich komme natürlich, in 25 Minuten bin ich uff’m Dürfe, alter Junge!" „Gott fei Dank Gott fei —" „Aber der Teufel hott dich, wenn's nur eine läufige «eine Grippe ist." „Nein, nein, es geht —" Er vermochte di« Worte nicht ausMsprechen: „— um Tod und Leben." .. Der berühmte Doktor war da. Di« Dorfiungen erklärten fachmännisch, der Wagen des Doktors koste mindestens 8000. Die Erwachsenen traten zwanzigmal am Tage vor die Türen und spähten zum Schulhaus, als könnte man von draußen erkennen, ob der Ted drirnm " "• n£*r Franke ging von Haus zu Haus und beschwor, er hatte bie Tür des Schul Hauses gang bestimmt geschlossen, wenn sie nicht vereist gewesen wäre. „Geh ock, geh ock", fugte man finster zu ihm. „du warst halt Der kerzrlniacher von Zankt Ztephan Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. LMilka Copyright by si. ederbaumelnden Lebzeltenherzen: „War es so eins, das Ihr der Colloredo hat umhängen wollen?" „Noch ein größeres, Jhro Majestät", sagte die Lisi leise. Die Kaiserin lachte: „Das ist freilich schOmm. Aber ich habe dem Modeaffen schon noch meine Meinung gesagt — Und jetzt hol Si« mir den Vater!" Elisabeth Brand knickste wieder und wischte zur Türe hinaus. Beinah bei der falschen. Die Kaiserin im Haus. Jetzt stand die Welt nimmer lang. Sie stürzte in die Werkstatt hinüber, wo Aloisius Brand in weißer Schürze in seinem hochlehnigen Stuhl vor dem langen Tische bei der Arbeit saß und am Backostn die Gesellen und Buben werkten. Schon an der Tür rief sie: ,cherr Vatter, d' Frau Kaiserin is im Laden!" Drüben am Ofen schepperte ein Backblech zu Boden. Brand sah sich lachend um: „Lisl, heut is nicht der erste April." „Meiner Seel und Gott, di« Kaiserin sicht drüben vor der Pudel, und ich soll den Herrn Vatter holen!" Ihr Atem flog. Die Gesellen und Lehrbuben drängten sich um den Tisch. Der Kerzelmacher stand auf, nahm feine Tochter an der Hand, zog sie dicht an sich heran, sah ihr in di« Augen und fragte: „Is das wahr, Lisl?" „Freilich is wahr, und eine Hoch am is auch dabei." Aloisius Brand nahm die Schürze ab, hängte sie an den Kleiderstock, fuhr in den nußbraunen, mit silbernen Knöpfen gezierten Schoßrock und ging ferner Tochter voraus. An der kleinen Tapetentür«, di« die List hinter ihm schloß, blieb er in ehrfurchtsvoller Verneigung stehen. Di Kaiserin nickte ihm zu: „Komm Er nur näher, lieber Brand I — Bonsoir! — War grade in der Stephanskirche und wollte schon nach Haufe fahren. Da fiel mir ein, daß ich bei Ihm was kaufen könnt — Er weih doch, daß meine Jüngste morgen Geburtstag hat. Was hat Er denn Gutes?" Brand verneigte sich von neuem: „Was Ihre Majestät befehlen — Honigkuchen, Pfeffernüsse, Lebzelten — Di« Lebzelten sind diesmal besonders gut geraten — nach einem Alt-Nürnberger Rezept —" „Zeig Er sie mir doch!" Aloisius Brand griff nach der obersten der für den Burschen des Leutnants bestimmten Schachteln. Der Lisi verschlug es den Atem. Behutsam löste der Vater das Seidenband, hob den Deckel ab und hielt der Kaiserin die offene Schachtel hin. Die Lisl wagte nicht hinzusehen. Maria Theresia lachte anerkennend: „Sind schön, die Lebzelten. So schön wie Seine Kerzeln. Mit den Kerzeln hat Er mir damals eine rechte Freud« gemacht. Aber das hat Ihm wohl schon Seine hübsche Tochttr gesagt." Die Kaiserin wandte den Kopf: „Deshalb braucht Si« nicht aleich so rot zu werden, liebe Brand. Bleib Sie nur immer so brav, wie Sie schön ist!" Sie griff nach dem in der Mitte der Schachtel liegenden Lebkuchen mit dem silbrigen Zuckerherzen. Di« Lisl unterdrückte gerade noch einen erschreckten Aufschrei. Die Knie begannen ihr zu zittern. Cs war noch gut, daß man das unter dem Reifrock nicht merkte. Doch die Kaiserin besann sich: „Das Lebzeltenherz muß ich wohl doch meiner Tochter lassen —" Sie nahm den Lebkuchen, der daneben lag, und biß herzhaft hinein. Dann nahm sie noch einen zweiten und reichte ihn ihrer Begleiterin: „Kost Sie, liebe Gräfin! Sind delikat, die Lebzelten — Geb Er mir fünf Schachteln davon, lieber Brand!" Auf dem Ladentisch standen nur di« drei Packungen, di« Katharina Vielgratterin schon vor dem Mittagessen für den Soldaten zurecht gelegt hatte. Brand verneigte sich, wandte sich um und kletterte eine kleine Leiter hinauf, um noch zwei Schachteln aus dem obersten Fache zu holen. Da sah die List noch eine Rettung. Sie grifl rasch nach der oflenen Schachtel, schob sie beiseite unb rief zum Vater hinaus: „Drei noch, Herr Dörfer! Wir können der Frau Kaiserin doch nicht die anq°brochene geben —" (Fortsetzung folgt.) Lerintwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Vrühllche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.