GießenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1958* Zreltag, den 24. Juni ' J. . Hummer 48 Lady Hester Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Kruck von poturzyn Copyright by Deutsche DerlagS-Anstalt Stuttgart 8. Fortsetzung. In großen freien Schritten, das Helle Haupt erhoben, geht Hefter hindurch. Sie steht vor ihm. Er erhebt sich nicht. Zu groß ist seine Würde, als daß er stehenden Fußes ein Weib begrüßen darf. Lange sieht er sie an mit undurchdringlichen Augen. Dünn spricht er in die atemlose Stille. Der Janitschar schluckt, seine Stimme versagt. „Du bist unter der steigenden Sonne geboren, ich sehe es an dem Lichtkranz in deinen blauen Augen. Die Menschen werden sich vor dir beugen, wohin immer du kommst", sagt der Pascha langsam! „das Zeichen der Könige trägst du auf deiner Stirn!" Sie versteht und schüttelt leise den Kops:' „Was willst du von mir? Du zielst aus meine Eitelkeit." Bebend übersetzt es der Dolmetsch. Die Augen des Paschas wenden sich Noch immer nicht von der Frau. Unbeweglich wie eine Maske schaut das braune Antlitz aus glitzerndem Rahmen. Ein altes Buch wird gebracht und*der Pascha deutet: „Du mußt wissen, was unsere Astronomen nicht mehr verstehen;" „Ich bin selbst gekommen, um zu fragen", antwortete sie leise. Durch den steigenden Rauch seiner Pfeife wirkt sein Gesicht fern, fremd und uralt. „In deinem Herzen ist die Demut eines Derwisch", sagt er, und: „Kennst du keine Furcht?" „Nein, ich bin eine Pitt und weiß nicht, was Furcht ist!" Der Pascha von Damaskus hat von dem toten Kanzler Englands kaum je den Namen gehört. Er spürt in diesem Augenblick nur: das weiße Wesen aus Europa ist doch ein Weib ... Kaum merklich geht die Bewegung eines Lächelns durch seinen dichten Bart. Er spricht ein Wort, und aufatmend Übersetzt es der Janitschar: „Mylady möge einen Wunsch sagen, damit Seine Herrlichkeit ihn erfülle." Hefter beugte sich vor, als habe sie darauf gewartet. Ihre Augen sind auf die Stelle gerichtet, wo seine buschigen Brauen sich treffen. „Mein Wunsch ist, die Wüste und Palmyra kennenzulernen ..." Unbewegt, wie der Tonfall dunkel strömenden Wassers antwortet seine Stimme: „Die arabischen Beduinen gehorchen niemand, auch dem Sultan nicht, obwohl man es in Konstantinopel glaubt. Sie werden dich gefangen nehmen, du wirst im Zelt des Scheichs wohnen müssen — und nur gegen ein riesiges Lösegeld wieder frei fein. Von den drei Engländern, die es versucht haben, nach Palmyra zu reisen, ist einer nie dahin gekommen, die anderen zwei kehrten als verhungerte Bettler zurück. Und du bist ein Weib!" Ihre Augen glänzen: „3ft Palmyra sehr schön?" „9m Herzen der Wüste schläft Palmyra, ohne Wasser, ohne Leben. Aber die Beduinen sagen, die Wüste habe nur ein Palmyra, wie ier Himmel nur eine Sonne." „Wie heißt der Führer der Beduinen?" „Mahannah ... ein rebellischer Mann» der auch uns viel zu schaffen Macht. Aber wenn du durchaus in die Wüste willst — vielleicht kany ich "dir eine Eskorte stellen." Hefter dankh Hefter verabschiedet sich. — In der zehnten Abendstunde haben alle Einwohner ihre Häuser zu hüten, bei Todesstrafe. Durch stille Straßen, in denen nur mehr herrenlose Hunde jagen, hallt das Pserdegetrappel, als Hefter mit dem Ja- eütscharen heimwärts reitet. Wortlos öffnen die Wächter Gitter und Tore vor ihr. Hefters Augen verschleiern sich ... Marmorne Säulen ragen aus der schweigenden Wüste, dunkle Stimmen fingen Lieder einer fernen Zeit ... Palmyra! Hat nicht Palmyra eine Herrscherin gehabt, Zenobia, deren Residenz arabischen Stolz mit griechischer Bildung vereinte, die im Helm, mit Speer und bloßen Armen ihr Volk gegen den alten Feind Aegypten geführt? „Mylady, es war ein großer, ein ganz großer Empfang!" Der Janitschar slüstert es, der chr andächtig folgt. Mylady? War sie nicht Zenobia, Königin von Palmyra, eben noch? An ihrer Hand, die achtlos die Zügel hielt, erblickte fit einen Ring, den William Pitt ihr geschenkt, und ihr Pferd klapperte durch die nächt» Uchen Straßen von Damaskus im neunzehnten Jahrhundert einer neuen Rechnung Königin der Wüste. Palmyra! Es schläft im Herzen der Wüste, bewacht vom Wüstensand, ohne Wasser und Leben: aber die Wüste hat nur ein Palmyra wie der Himmel nur etrte Sonne. r®5, Herbst. Schrecken erfüllte Damaskus. Die Wüste war in Aufruhr! Fünftausend Wahabiten standen auf und die arabischen Beduinen unter Mahannah waren in ihrem Bund. Der Pascha von Damaskus sammelte Militär rund um die Stadt er 30g die syrische Kavallerie zusammen, Pousuf, der Bewunderer aus Kairo, ritt an ihrer Spitze. „Königin, bist du nun in der Stadt, die deiner würdig ist?" fragte er und seine Zähne blitzten, „Damaskus ist schön", antwortete sie kühl. „Sind die Leute nicht überzeugt, daß du eine Königin bist? Hat dich nicht der Pascha empfangen wie noch keine Frau zuvor? Der oberste unserer Generale laßt dir 'sagen, er fei eifersüchtig auf mich, wenn du nicht zu ihm ins Lager kommst, draußen am Rand der Wüste. Hundert von unseren besten Reitern stellt er dir zur Verfügung, wenn du durch Syrien reifen willst," ’ „Sie sind, gut —" Er verneigte sich tief und ließ die arabischen Vollblutpferde bringen, das Geschenk feines Generals, glücklich, daß er eigenhändig die Ehre erweisen durste ... Konnte er ahnen, daß Myladys Pläne längst über Damaskus und die Türken hinausgingen? lieber feinem sich beugenden Kopf hob sie den Blick und lauschte ins Weite. Hinter den grünen Bäumen und Wiesen von Damaskus, jenseits, verborgen im Wüstensand, mußte Palmyra liegen. „Kann Ihr General mich nach Palmyra führen?" fragte sie ge- spannt. Er verneinte. Rebellen gegen des Sultans Macht halten alle Wege in Händen, Mahannah allein ist Herr der Wüste. An einem Spätherbsttag stand eben dieser Mahannah, Führer der arabischen Beduinen, mit seinen Scharen vor Damaskus. „Gib uns viertausend Kamele und die Truppen däzu, um die du uns geprellt hast", ließ er dem Pascha sagen. Der Pascha versprach. Stolz empfing der Wüstenkönig die Botschaft. Dann sandte er seinen eigenen Sohn mit fünfzig Reitern in die Stadt — doch nicht zum Palast des Paschas — sondern in das Haus, das unter dem Minarett der Großen Moschee einer Frau aus fernem Lande vermietet war. „Ich bin Nasir und komme zur Königin!" Es flüsterten die Diener, es protestierte der Janitschar, es warnte der Dolmetsch: „Mylady, der Kerl ist ein Schurke und liegt im Krieg mit dem Pascha! Empfang ihn nicht!" Sie saß auf dunklem Samt in goldgestickten Hosen und leuchtendem Turban, als er vor ihr erschien, Nassr, der Sohn jener wandernden Beduinen, die . kein König und kein Sultan bezwungen: die irgendwo leben zwischen dem Sonnenaufgang und der Abendröte, deren Dach der Himmel ist. Nie hat sie solche Augen gesehen, die schimmern wie dunkler Diamant, nie solch hochmütig-kühnes Profil. Er ist jung, sein Gang hat die stolze Grazie des Panthers, mit der Würde eines römischen Konsuls trägt er die bunte Gewandung, Drange und Grün beschattet sein, Antlitz. „Was willst du von mir?" läßt sie ihn fragen. „Mahannah schickt mich, dem alle Beduinen der Wüste untertan sind. Ich bin der Mann seiner Tochter und ein Prinz. Er läßt dir sagen, daß der Name der Königin im Mund aller Araber ist. Wir erwarten sie, .die mit goldenen Sporen eine Stute zu 20 000 Piaster reitet, der der Sultan täglich tausend Zekinen schickt — und die ein Buch besitzt, mit dem sie die verborgenen Schätze der Wüste ausgraben wird, ein Kraut, das alte Steine in Gold verwandelt." „Ich bin dabei zu kommen." ) Er tritt vor und mißt den Dolmetsch verächtlichen Auges: „216er wisse, Königin, wenn du mit Truppen des Paschas nach Palmyra kommst, bist du unser Feind und wirst erfahren, wer Herr der Wüste ist. Unser soll die Ehre fein, denn unser ist die Wüste!" Der Janitschar streift mit den Augen warnend die Herrin, sie lächelt ob der Beschwörung. ,Lch vertraue aus euch", sagt sie mit leuchtendem Blick. Nassr dreht sich und winkt seine Leute heran, ein Summen erhebt sich wie 'eine Huldigung. „Königin! Die Truppen des Paschas verstehen nicht, wo die Wasser unter dem Sande fließen, wo die feindlichen Stämme sind: sie werden dich In Gefahren stürzen und dann verlassen Auf UNS aber kannst du zählen, ich bürge dafür mit meinem Leben, ich, Nassr, Sohn des Königs ^Sie^hat herrliche Gewänder bereitet und läßt sie ihm reichen. Er wirst sie mit großer Geste seinen Leuten zu, die sich schmucken. > „Warum behältst du meine Geschenke nicht für dich? fragt Hefter ttre^Gin Prinz ist der Vater von allen, was ihm gehört, gehört seinen ßi" __ S. , .... 41 Pierre bereitet das Mahl, dem Hefter präsidiert, es ist halb türkisch, halb europäisch und halb arabisch. Als Plurnpuddmgs erscheinen geht ein dröhnendes Gelächter los, und keiner von den Söhnen der Wüste, die den Tod nicht scheuen, wagt, die Speise -auch nur zu berühren Er beugt sich vor ihr zum Abschied Nassr, der Prinz aus der Wüste mit den dunkel brennenden Augen. Undurchdringlich ist der Vlick, wie eine sternlose Nacht. , „ „Wirst du allein kommen, ohne deine Leute? An Hefter ist jeder Zoll eine Königin, als sie erwidert: §r^Meryon grstf" sich an den Kopf, putzte erregt seine Brille, rannte kreuz und quer durchs Haus und meldete sich zum drittenmal bei der Herrin. „Unmöglich, Mylady, wir reiten in den Tod! „Wir?" spöttelte sie. Er setzt sich hin und schreibt an Bruee. Vielleicht daß Bruce verhindern kann, was noch zu verhindern ist — immerhin, so ungern Mer- yon es sich eingesteht — Mr. Bruce hat doch wesentlich mehr Stimme bC’ SBruce^bridjt aus Aleppo auf und reist ohne Aufenthalt durch Nacht und Gebirge nach Damaskus. Barker, der britische Konsul von Aleppo, kommt in eigener Person mit. Lady Stanhope möge sich wenigstens einer Karawane anschließen und ein Zelt aus Eisenstangen besteigen! /Damit ich im Augenblick der Gefahr allein in meinem Käsig sitze , lacht sie. „Alle Konsuln der Welt werden mich nicht überzeugen " Lhre Sicherheit, Mylady, die Sicherheit eines britischen Untertans, ist uns Pflicht." m ... v „Jawohl, Ihre Sicherheit!" echot Bruce wütend. Sie vermeidet, mit dem Freund allein zu Jein, hat ihm fern von sich, im christlichen Quartier, Wohnung verschafft ... Was soll man da noch machen in einer Stadt, in der es bei Todesstrafe verboten ist, zwei Stunden nach Sonnenuntergang über die Straße zu gehen! Bruce haßt Damaskus vom ersten Tage an. Auch der Pascha, der doch tausend Mann Eskorte angeboten hat, spielt den Gekränkten. Mißtraut man vielleicht seinen Truppen? Bruce rechnet Hefter vor, daß die Erhaltung dieser tausend Mann durch Wochen hindurch seinen und ihren Ruin bedeuten würde ... Schließlich, zu allem Uebersluh, erkrankt der englische Konsul. . „Bis ihr mit euern fünfzig Aengsten und fünfzig Planen zu Ende seid, gehe ich nach Hama", erklärt Mylady eines Tages. Jawohl, allein! Denn Meryon muß den kranken Barker pflegen, natürlich! Und Bruce, nicht wahr, soll ihm höflicherweise Gesellschaft leisten. , . . „ • Wenn sie bittet, mit leiser, unschuldiger Stimme, vermutet kein Mensch mehr hinter ihren Wünschen als die spielende Laune einer reichen Frau. Und Bruce hat noch immer nicht gelernt, gegen ihren Willen zu handeln. Noch während die Männer raten, ob Mylady spaßt, ist sie mit vier be- wafsneten Dienern nordwärts geritten — nach Hama, der nächsten Stadt, wie sie sagt. Ungesehen war Botschaft gekommen von Mahannah, dem Beduinenhäuptling: er warte am Rand der sWüste ... Nicht nach Hama reitet Hefter, sondern nach Nebk, wohin sie ßascaris bestellt hat, einen ehemaligen Johanniter, der mit Napoleon ins Land gekommen und nun wahrscheinlich Spion der Franzosen ist, um den Weg nach Indien vorzubereiten. Er kann ausgezeichnet arabisch und hat eine einheimische Frau geheiratet-, ihn mietet sie als Dolmetsch. Auch geht noch schnell ein Brief nach Malta, zu Händen von General Dates, der Lady Stanhope durchaus nicht vergessen hat: „... Gegenwärtig ist ßascaris verärgert von den Franzosen und daher englisch gesinnt. Es wäre der Mühe wert, ihn durch eine kleine Pension so zu erhalten ... Uns würde es einen Agenten am Rand der Wüste sichern, was in Zukunft von großer Bedeutung fein mag; denn die Araber sind jetzt so stark, daß sie kaum mehr von den Paschas bezwungen werden. Die Franzosen senden nach allen Richtungen Agenten in die Wüste aus und lassen es sich etwas kosten. Warum sollten wir nicht ein Meiches tun?" — Die Pflicht der Engländerin, der Nichte Pitts, ist getan. Nun zieht sie die geflickten türkischen Kleider aus, legt die Waffen ab. Im weißen Gewände eines Beduinenscheichs taucht sie, ohne daß ein Mensch es weiß, mit ßascaris, dessen einheimischer Frau und einem führenden Araber beim Dorf Tel Bifeh in die Wüste. Es ist Dezember 1812, und in Syrien erzählt man, daß Napoleon mit seinen Heeren durch Rußland marschiert, um nach Asien zu kommen ... lieber endlosen Wüstenebenen senkt sich die Nacht in tausend Farben nieder. Lautlos traben die Pferde. Was ist es, das sie erwartet? Schweigsam ist die Wüste, fchweigsam wie der Tod. Welche Geheimnisse birgt der Sand? Waren vielleicht diese Stätten einst Zeugen herrlichen Lebens, stolzer Reiche und paradiesischen Seins? Der Beduine, der sie führt, richtet sich auf, aus halb zusammengekniffenen Augen späht er in di« Weite. Kein Mensch auf Erden sieht schärfer als ein Beduine. Es ist, so meint er, die besondere Gnade seines großen Gottes. „Ich sehe ein Zelt", sagt Mylady. Er dreht sich bewundernd zu ihr: „Herrin, du hast es gleich mir gesehenl Es ist Mahannah, der dich erwartet." Mahannah, der Beduinensührer, ist fünfzig Jahre alt, fein durchdringender Blick mustert die fremde Frau ohne Erstaunen, der fttuppige Bart das braune Gesicht kennen kein Master. Er trägt über dem Schass- feU eine Jacke von rotem Satin — die Beute aus einem Streiszug an ^°Jch°weiß, daß du ein Räuber bist", beginnt Hefter, „und ich bin in deiner Gewalt. Aber ich fürchte mich nicht. Trotzdem ich alle Himer mir gelassen habe, die mich beschützen, meine Freunde und Diener. Du sollst sehen, daß ich dich und deinen Stamm zu meiner Verteidigung wählte! Er nickt. Hinter ihm steht Nassr, der Prinz, und seine Augen leuch- ten auf. Iffiit lautlosen^ Schritten kehren die Kamele heim von der Quelle, nackte Kinder spielen im Sand, Frauen mit blaugemalten Lippen und hennaroten Nägeln melken die Ziegen; ein Araber fingt er stammt vom User des Euphrat und weiß Sagen um Harun al Raschid, den großen Kalifen des arabischen Volkes. Fern schreit die Hyäne. Hefter sitzt im Zelt Mahannahs und läßt sich erzählen, welchen Stämmen er freundlich und welchen er feind ist, was er über den Sultan denkt und daß der Vizekönig von Aegypten Botschaft über Botschaft sendet, um die Beduinen der Pforte zu entfremden. Sie kennt das Losungswort, das ihm. den Mund öffnet, fie bat die spielende Grazie zuzuhören — genau wie einst im Kampf für Vitt auf den glatten Tanzböden der Salons von London. Denkt sie an ihr Pal- myra dabei, denkt sie an Englands Herrschaft im Osten — an Indien, das zu Pitts letzten Särgen zählte? ,Haft du den singenden Sand nicht gefürchtet, als du heute durch die Wüste kamst?" fragt Naffr. ,/Oen singenden Sand?" , „ „ ,, . „3a Oft kommt es vor, daß er Reifende bei ihrem Namen ruft und vom Wege lockt. Vielerlei Gestalt nimmt er an. Hast du ihn nicht ge- ^"„Nein. Und wenn ich ihn gesehen hätte, wäre ich ihm nicht gefolgt." Schweigend hat Mahannah zugehört, jetzt nickt er zufrieden: , Du bist klug, denn jene, die er bezaubert, sieht man niemals wieder . Glaubst du, Herrin, daß 'Schätze unter unserem Sand verborgen liegen?" „Ich kann es mir denken." „Wirst du sie ausgraben?" „Wenn ihr mir helft, daß ich nach Palmyra komme ... Die Nacht sinkt nieder. Feierlich wird Hefter zu ihrem Zelt geleitet, vier Wachen muffen sie behüten, sie und ihr Pferd. Aber in der tiefen Einsamkeit der Wüste, unter Beduinen, deren Handwerk rauben heißt, wagt sich kein Blick und kein Wort an dieses weihe Weib — denn heilig ist bas Versprechen und heilig das Vertrauen. Sie aber hebt sich im Traum von den bleichen Wellen des Sandes, fliegt durch die endlose Stille ins Reich der flackernden Sterne, die wie große Sonnen im Himmel schweben. „Palmyra liegt hinter dem Horizont, du weißt, Palmyra ist mein Ziel", sagt Hefter eines Morgens. Doch Nassr hebt das Gesicht in die Lust: ... „Ein strenger Winter steht vor der Tür, Herrin, wir furchten für deine weihe Haut. Kehre zurück nach Hamah, wir holen dich wieder, wenn es Frühling wird über der Wüste." Im Abendlicht steigen die Türme von Hamah gegen den Himmel, als Mahannah von ihr Abschied nimmt; würdig reitet Nassr bis vor die Tür des Hauses, das ßascaris ihr mietet. Bald danach treffen Meryon und Bruce ein. Hefter ist auf ihre schlechte Laune gefaßt, denn, gewiß, sie hat beide getäuscht! Aber Meryon erlaubt sich nur zu sagen, daß Mylady nie so vor- . züglich gesund ausgesehen, und Bruce beugt sich über ihre Hand: ,Hch traue dir vieles zu, seit Rhodos — doch mir scheint, immer noch zu wenig." Sie senkt die Augen forschend in die seinen: „Nicht mehr böse, Bruce?" Er antwortet nicht. Aber sie fühlt, daß er sehr stolz ist auf sie — und manches darüber verzeiht. — Einen Monat später empfängt General Dates auf Malta die besten Nachrichten, die je ein Engländer erhalten hat, über die Stämme der Wüste, die Aussichten des Vizekönigs von Aegypten in feinem Kamps mit den Wahabiten und die Agenten Napoleons im arabischen Offen. Allerdings, die Aufforderung den Ex-Johanniter ßascaris als englischen Agenten anzustellen, muß widerrufen werden: ßascaris hat sich inzwischen als Epileptiker erwiesen und ist mit großem ßohn von Mylady entlassen worden. — Der älteste Greis konnte sich nicht an einen strengeren Winter erinnern als den, der im Januar 1813 über Asien hereinbrach. Die Frucht- bäume gingen ein, ganze Stämme der Araber erfroren im Schneesturm, mit Frauen, Kindern, Herden, fanden sie ein weißes Grab. Myladys ägyptischen Diener, syrische Köche und Dolmetsche wurden krank, die englische Zofe lag an ßungenentjünbung und schließlich erkrankte Heflek selbst. Bruce war elender ßaune. In all den Monaten kam ein einziger Europäer nach Hamah ans Ende der Welt — unkomfortablerer Winter ließ sich nicht ausdenken! Hefter, in Ermangelung anderer Vergnügen, machte sich lustig darüber, daß der Freund nach ßondoner Friseuren und englischen Kaminen stöhnte. Vor allem aber hatte Dr. Maryon keine guten Tage. S" fetzte sich in den Kopf, aus dem fechsundzwanzigjährigen Pedanten einen Helden zu machen. Der Schnee lag noch auf den Felders der Drontes trieb Eis, da erhielt er kurzerhand Befehl, zu Mahannah in die Wüste zu reiten. Der Beduinenführer habe Botschaft gesandt. ol> er nicht den Rat des Arztes der Königin für einige der Seinen haben könne. Mylady behauptete, dies sei nie wiederkehrende Gelegenheit sw einen jungen Mann, feine Erfahrungen zu bereichern! Meryon mu6« abziehen. Und fein einziger Trost unterwegs auf dieser fürchterlichen Reise bestand darin, daß, wenn auch die Beduinenzelte keineswegs wasferdicht genannt werden konnten, das Haus von Mylady in Hamay ebenfalls nicht „waterproof“ war. — (Fortsetzung folgt ) rötlichbraun« Spinne gemächlich aus einer Ritze kroch uni) >uid ihren Weg über die Dielen nahm, hatte sie in einer gestöhnt. Welcher Äverwig Kind zu wünschen? — Ihr Gommerbymne. Von Hedwig Forstreuter. Nun kommen aus dem Dust des Horizontes Die blauen Tage zu dir hergezogen. Nach denen du so lange dich gesehnt. Noch eben war es Winter, starr und öde. Nun wiegen Bäume ihre hellen Kronen Ausladend, breit wie lichte Lockenhäupter Ernsthafter Götter, die im Kreise stehn. Sie spähen weit ins Land, bedeutsam flüsternd, Sie wissen, wo der Wind herkommt, der schnelle, Der singend über weite Ebne fährt. Sie jubeln auf, wenn Donner aus Gewölk schreit. Und werfen ihre Aeste voll Entzücken, In Leidenschaft erbrausend, hoch empor. Doch wenn das Licht — vom blankgefegten Himmel In neuen Strahlen zielend — niederträust, Dann lauschen sie verstummend, unbewegt, Gesenkter Stirn verharrend, auf den Sang Eintönigen Geläutes goldner Bienen, Und um sie geht der milden Tage Tanz. Sie kommen aus dem Duft des Horizontes Mit sanften Schritten zu dir hergezogen Und tragen mit sich alles Sommerglück: Der Ebenen Weite, hälmeüberwogt, Des Meeres Stahllicht und den reinen weißen und großgekörnten Schnee der Gipfelwand. Dein ist dies alles, Mensch, so du es.lieb hast! Vor Sehnsucht warst du krank im langen Winter. Nun jauchzt das Herz der bunten Fülle zu: Gebenedeite Tage, Ueberschwang An Licht und Farbe, Sommer, sei gegrüßt! - Oie ßrk. Erzählung von Andreas Zeitler. Es hatte sich wieder umzogen; die Berge im Südwesten steckten mit den Köpfen in bauschigen Dampfmützen, von denen dunkle Bänder auf die Erde niedergingen, dort regnete es; aber über dem breiten Talbecken hielt sich unter dem vermummenden Gewölk noch ein eigentümliches blaugraues Licht. Der kleine, magere, sonnenverbrannte Mann mit dem schmalen Gesicht, der tief in die Stirn gezogenen Haube schwarzen, kurzgeschorenen Haares und den dunkelbraunen Kinderaugen, der ein wenig schwerfällig und tappesid auf der Landstraße heimging, war der Gärtner Josef Urlhart. Ein grünlichgrauer, vom Regen streifig ausgefärbter Rucksack hing ihm auf dem Rücken, aus dem der Sttel eines Spatens hoch herausstand und bei jedem Schritt bedrohlich über seinem Kopf schwankte. In der rechten Hand trug er vorsichtig, um nichts zu verschwappen, seinen blauen Emaille- kafseekrug, in den er sich von einem Wirt am Stadtrande im Vorbeigehen ein halbes Maß billiges Bier hatte geben lassen. Er war herzlich müde, aber in guter Stimmung. Den ganzen Tag über hatte er im Garten eines Brauereibesitzers gearbeitet. Als er über die Brück« ging, über den einsamen, wie von Regen nassen, fahlroten Bogen, unter dem das Wasser heute fettig-schwarz wie Flaschenglas und eiliger als sonst davonzog, sprang eine jugendliche G statt aus dem Schatten der Steinbrüstung in die Höhe und flog auf ihn zu..Es war Lena, seine Frau. „Kommst du endlich?" rief sie und schüttelte ihn lachend, weil er erschrocken sttllstand und sie stumm anstarrte. „Ich bin dir bis hierher entgegengelaufen. Mir.war's nicht mehr recht daheim" j Josefs Gesicht hellte sich auf. „Bin ich jetzt zusammengefahren! sagte er erleichtert und lachte auch. Lena nahm Josef die Bierkanne ab und hängte sich an seinen Arm. Sie war noch ein wenig kleiner als er und beinahe zierlich von Gestalt. Das lockige, funkelnd rotblonde Haar, das sie gerne voll heimlichen Stolzes in ihrem Spiegelchen betrachtete, trug sie kurzgeschnitten und offen. Unzählige Sommersprossen besternten ihre Stirn, die etwas kecke Nase und die oberen Hälften ihrer Wangen. „Ja, ich bin heut' schlecht vom Fleck gekommen", meinte Joses und suchte mit ihr Schritt zu halten. „Ich weiß nicht, warum eigentlich. Aber was freut dich so?" Verwundert sah er sie an, die wiegend neben ihm ging, vor sich hinsummte, eigentümlich lächelte und wieder summte. Sie war lange nicht so heiter gewesen. m Bei seiner Frage verstummte Lena sofort; es schoß ihr rot ins und verlegen drehte sie den Kopf beiseite, damit er es nicht sähe. Aber ttotz der Dunkelheit, die jetzt schnell das letzte Licht von der taubengrauen Wolkendecke wegwischte, konnte er erkennen, daß sie sich verfärbt hatte. „Sag mir's doch!" drängte er ungeduldig. „Was hast du denn. „Josef, _- begann sie endlich, stockte noch einmal, wie von etwas Mächtigem übermannt, für das Worte nicht taugten, und vermochte erst weiterzusprechen, nachdem sie, zwar lächelnd, aber den Tranen nabe, sich den Mut genommen hatte, ihn anzusehen. „Jetzt bist du da! sagte sie leise und nachdrücklich. Und holte, wie von einer Last befreit, tief und freudig Atem. Josef mißverstand sie und mußte laut lachen. „Dummes!" neckte er. „Hast wieder Angst gehabt allein? Da Lena wie beschämt schwieg, legte er seinen Arm um ihre Huste, brummte „dich friert ja!" und wollte gerade mit ihr auf' den Damm biegen, als ein Geräusch unter der Brücke seine Aufmerksamkeit von ' ^Jostf^ stutzte, er ließ Lena stehen und schaute über die Brüstung. Schwimmend war ein junger, (wer schon stattlich ausgewachsener Baum in aller Unschuld ihren Weg über die Dielen nahm, hatte sie in einer Aufwallung hart den Fuß auf das harmlose Tier gesetzt und angeekelt über die Glücksseindschast ihres Schicksals gestöhnt. Welcher Aberwitz hatte sie verleitet, sich in diesem Elend em Kind zu wünschen? — Ihr Kleinmut war aber nur gleichsam eine die Sonnenkraft mildernde Tuch- glocke gewesen, die den Keim ihrer Freude beschirmte, solange feine dünnen Häute in der Strahlenhitze noch verbrennen mußten „Jetzt hab' ich's endlich sagen können, Gott sei Dank! schluchzte sie, "J^Das fr? gewesen!" fuhr es Joses heraus, dem nun hinsichtlich ihres sonderbaren Benehmens auf der Brücke ein Licht aufging. Dann begriff er und vermochte vor freudiger Bestürzung nicht weiterzusprechen. Behutsam zog er die Weinende aus seine Knie. Im Verlangen, etwas von dem auszudrücken, was seine Lippen einstweilen noch nicht sagen wollte^ nahm er seine Zuflucht zu unbeholfenen Zärtlichkeiten. Schließlich lieh er seine streichelnde Hand dort liegen, wo er den Schlag ihres Herzens am deutlichsten spürte. Bei dem schnellen, starken Pochen dachte er ev- rötend daran, daß nun ein gleiches Gebilde wie dies wundersam- qelchästige da drinnen in der atmenden Brust durch ihr gemeinsames Zutun nach uraltem Gesetz zu leben begonnen hatte und aus einer Au- gegen die Brücke gestoßen, eine Erle, soweit er es km Finstern feststelleil konnte, deren Wurzeln vermutlich das Hochwasser gelockert hatte, und bte der Fluß nun, nachdem sie gestürzt war, als willkommene Beute davon- trieb. Mit den Aesten hing sie gerade unter ihm an dem uferwärts nieder« gelsenden Bogenstück, die Flut lief trübe schäumend gegen sie an, und während der schwarze Stamm unter ihrem Drucke ungeduldig eintauchts und sich wieder mit Triefen und Glänzen wie ein Fifchotterrücken heraus« hob, klemmte sich die Krone kratzend und knirschend noch fester unter dis Steine. Ihre Wasserreise war einstweilen zu Ende, und eine begehrens« werte Menge gesunden Holzes winkte dem, der ihrer vollends Herr wurde. Josef übersah das mit einem einzigen fachmännischen Blick. Er bekam sein gesammeltes Arbeitsgesicht, und seine Augen blitzten unternehmend, als er den Rucksack ins Gras warf und sagte: „Den holen wir uns!" — Lena trat unlustig heran, schaute slüchttg auch hinunter und widersprach. —, „Den? Den kriegen doch drei wie du nicht.aufs Trockne!" Er schüttelte zweifelnd den Kopf und tastete sich, vorsichtig mit den Händen nach den Ouaderkanten greifend, außen an der Brücke abwärts. „Glaub mir's! rief Lena ihm nach, und es klang wenig freundlich, als sie hinzusetzte: „Du fällst bloß ins Wasser!" Josef schien diese Aussicht indessen keineswegs abzuschrecken. „Dann hast halt was zum Lachen!" murmelte er eigensinnig, hockte sich auf die Hacken und kroch durch eine Zweiglücke hinter den Baum und unter den Bogen. Was er dort machte, konnte Lena nur hören. Es krachte verschiedentlich wie von abbrechenden Aesten, und einmal bewegte sich das Holz, ohne sreizukommen. Plötzlich aber ging ein Ruck durch den Baum, die Krone schwankte, sie drehte sich und begann wieder zu schwimmen, und in' der Schwärze, in der Joses verschwunden war, erklang ein lauter und grimmiger Fluch. ' > „Siehst du!" spottete Lena. Sie beugte sich lachend vor, um es nicht zu versäumen, wenn die-Erle, wie sie dachte, gleich einem losgelassenen Hengst durch die enge Brücke fuhr. Aber stattdessen erhielt sie von dünnen Wipfelreisern einen kalten Schlag ins Gesicht und sah staunend, «steil sie nicht verstand, wie es geschah, daß der Baum sich träge aus der Flut hob, unerwartet groß und an allen Enden tropfend darüber schwebte und ans Land schwenkte. „Das ist doch zu schwer für dich!" schrie sie entsetzt, stellte die Bierkanne fort und sprang hinzu, um ihm beizustehen. „Josef! Du tust dir was!" Auf dem fchüssigen nassen User ausgleitend, rutschte sie unter die Krone^ die Joses gerade in die Höhe stemmte, kam hart ans Wasser zu liegen, schnellte wieder auf, schlug beide Arme hoch, wühlte sich hinein ins benetzte Astwerk, sand etwas zum Greifen und zerrte, langsam steigend, aus Leibeskräften daran, damit er unten beim Stamm ein leichteres Tragen hätte. ,So einer!* dachte sie bewundernd, als die Zweige sich nicht mehr in den Fugen zwischen den Steinen verhakten und es schrittweis und scheinbar ohne besondere Mühe vorwärtsging. ,Holt einen ganzen Baum wie einen Katzenstecken aus dem Fluß!* Das Gefühl von vorhin packte sie wieder, sie riß di« Augen schmerzhaft weit auf, ohne zu sehen, rot und sengend heiß wie mit Fackeln fiel das Bewußtsein über sie her, daß sie sein Weib war, und sobald sie oben auf dem Damm ihre Last abgeworfen hatten und gepreßt atmend daneben standen, wiederholte sie noch einmal lauft „So einer!" „■ _ , Josef lachte. „Schönes Holz!" meinte er befriedigt. Wie ein Bauer auf dem Pferdemarkt um ein Pferd geht, so ging er um den ganzen Baum herum. „Beinahe hättest du recht behalten", sagte er dabei. „Mit dem Hineinsallen, weißt du!" „ , Seitdem der Baum auf dem Wege lag, hatte sich Lena nicht wieder gerührt. Sie stand nach dort, wo sie ihn losgelassen hatte, und wäre es Tag gewesen, so hätte man aus ihrer Haltung und aus ihrem Gesichts- ausdruck schließen können, daß große und aufwühlende Gedanken sie in tobendem Laufe davontrugen. Bei dem Klange von Josefs Stimme schien sie langsam zurückzukehren. Wie erwachend strich sie sich die Wasser, tropfen von Stirn und Backe. Dann ließ sie die Hände rasch sinken, ihre Augen hefteten sich fest auf den Sitzenden, und in den fünf Worten, die sie sprach,»schwang ein mühsam gebändigter Jubel, sie waren voll des Glücks, des alles durchdringenden, das ihr heute gereiftes Frauentum ihr bereitete. Sie sagte: „Ich bekomme ein Kind, Josef." Kaum war dies heraus, zeigte sich auch schon die Wirkung der plötzlichen Gesühlsentspannuna. Die Tränen stürzten ihr unaufhaltsam aus den Augen. Mit einem abgebrochenen Laut, der so gut als halb ersticktes Frohlocken wie als angstvoller Ruf gedeutet werden konnte, warf sie sich gegen Josef und schlang leidenschaftlich die Arme um feine Schultern. Am Morgen hatte die Gewißheit sie 'zuerst in ein fassungsloses Ent- fetzen gejagt und sich selber untreu gemacht. Eine- lange, lange Zeit hatte' sie schwach und angstblind auf dem Rand der Kiste neben dem Herde gesessen, in der Brennholz zum Austrocknen lag, und unter sich gestarrt; und als eine rötlichbraune Spinne gemächlich aus einer Ritze kroch und fangsgestalt rätselhaften Einflüssen entgegenwuchs. Er fühlte das Un- Seheuerliche und dunkel auch das Ba-iansch-Geheimnisvolle solchen Ge- hehens und war noch weniger als vorher eines Wortes mächtig. Allmählich beruhigte sich Lena. Sie richtete sich wegblickend aus, glättete ihren Rock und sagte leichthin, als hätte ein langes klärendes Zwiegespräch sein Ende gefunden: „Komm, laß uns jetzt den Baum heirn- schasfen! Du bist gewiß hungrig." Jofet sprang sogleich aus die Füße; bevor er aber anpackte, trat er nochmals zu ihr und küßte sie verlegen und ungeschickt. Schmerzliche Täuschung. Von Christian Morgen st er n. So gütig hat sie mich begrüßt vom Haselr aus, von hoher Mole Sonne brannte. Die Ziege bekam Durst, und auch Meister Gandert bekam 5 Durst. Wohl labte er das Tier mehrmals: sich selbst freilich gönnte er keine Erfrischung, so hart es ihn auch ankam. Denn die in diesem Punkte recht gestrenge Frau hatte ihn nachdrücklich verwarnt und darauf hingewiesen, daß zu der für ihre Verhältnisse beträchtlichen Ausgaben des Tierkaufes nicht noch die Spesen einer Wirtshausrechnung zugeschlagen werden dürsten. Zwölf Kilometer des Rückwegs waren bereits bewältigt, ohne daß ein Schluck frischen Bieres ihn erquickt hätte. Noch ein« knappe Stunde, da kam das Dörfchen in Sicht. Am Eingang liegt das Wirtshaus, dessen Besitzer ein Freund von Gandert war. Kaltereit stand in weißer Schürze mit aufgekrempelten Hemdsärmeln vor der Tür: „Na, Gandert, hast ja einen langen Wandertag hinter dir, und eine feine Zieg« 1 hast du mitgebracht. Laß mal sehen. Hm, schönes Tier." Und nach einer Weile: „Willst du dich nicht mal stärken?" „Nein, Kaltereit, heute nicht, hat schon genug gekostet. Meine Frau meinte, auch ..." beglückt dem Mann im Boote winkend! Und ich, ihr zärtlich Winken trinkend, empfand den Landungsweg versüßt und sprang hinauf mit ungeduldiger Sohle, — wo eine, ach, mir gänzlich Unbekannte sich liebevoll an meinen Nachbarn wandte... Der Bock, der eine Ziege war. Eine Geschichte von Günter Schab. Wir kamen zu ziemlich später Stunde in das kleine ostpreußische Dors und mochten, da wir den ganzen Tag gefahren waren, nicht weiter, zumal ein leiser Regen eingesetzt hatte. Wir fragten im Wirtshaus nach einer Unterkunft, fanden sie und bugsierten den Wagen in den Pferdestall, dessen freie Box als Garage diente. Als wir uns vom Reisestaub befreit hatten und die breite ausgetretene Holztreppe herunterschritten, drangen lebhafte Gespräche aus der Gaststube zu uns. Bei unserem Eintreten wurde es plötzlich still; nur den Gruß gab man uns zurück. Dann setzte, während wir uns ein Abendessen bestellten, erst zag, dann unbekümmerter eine bald sich heftig steigernde ^Fröhlichkeit ein, mit der die schwarzgekleideten Männer am runden Stammtisch in der Ecke neben der Theke einen Tag ausklingen ließen, welcher, ihrer Trauergewandung nach zu urteilen, mit einem recht ernsten Gang aus den Friedhof hinaus begonnen haben mochte. Fidulität hatte die Begräbnisstimmung abgelöst. Aber es war, obwohl die vielen Grogs die Stimmung des Stammtisches beflügelten, nichts Häßliches oder 'Abstoßendes in der Art, wie die Männer sich gaben. Als der Abend noch weiter vorrllckte, holten sie uns zu sich herüber, und da ersuhren wir, neben vielen anderen Anekdoten, auch die Geschichte, die ich gleich aufschreiben werde. Sie ist, wiewohl grotesk, doch von der Art, daß, als sie uns erzählt wurde, in ihr eher eine Art kurioser Nachruf auf den Verstorbenen erblickt werden konnte als eine Minderung feines Ansehens. Sie 'wurde, ohne daß der Erzähler, welchem seine Freunde durch ergänzende Bemerkungen beisprangen, es darauf angelegt hatte, ein Mittel,-den Verstorbenen für eine halbe Stunde wieder lebendig werden zu lassen. So empfanden wir es wenigstens im Kreise der sröhlichen Dorfleute, deren Lachen nicht ohne Wärme klang... * Emil Gandert, den sie heute Hinausgefragen hatten, fünf Tage vor seinem achtzigsten Geburtstag,, war der Schuhmachermeister des Ortes, seit die Weiteren und die Weitesten denken konnten; und hinter seiner Schusterkugel sind ihm, bis zuletzt, wo er nur noch kleine Flickarbeiten schasste, immer die seltsamsten Ideen gekommen. Die Welke des Landes, in dem er geboren wurde, heiratete und starb, des Landes, über das hinaus (ein Schritt und fein Blick niemals reichten, hat gleichwohl feine Gedanken geprägt. In der Stille der Werkstatt ist er, wie viele feiner Zunft, zum Nachdenker geworden, der die Ergebnisse feiner Philosophie mit schlüssiger Bestimmtheit, doch freundlichem Tonfall jedem mitteilte, der sich feine frisch besohlten Schuhe oder seine sauber benagelten Stiesel abholt«. Meister Ganderts Weisheit letzter Schluß war immer die Erkenntnis, baß — allen anders lautenden aufklärerischen Behaupkungen zum Trotz — der Leibhastige auch heute noch bisweilen fein Unwesen auf dieser Erde zu treiben beliebe, auch wenn man ihn weder sehen noch greifen könne. Lange Zeit hatte Gandert den bündigen Beweis für feine Behauptung schuldig bleiben müssen. Dann aber geschah etwas, was seiner Meinung nach als unwiderlegliche Tatsache hingenommen werden mußte. Der Teufel existierte wirklich! Denn niemand anderes als er konnte die Hand «n Spiele gehabt haben, als sich im Laufe von noch nicht achkundvierzig Stunden eine Ziege in einen Ziegenbock und dieser sich wieder zurück in eine Ziege verwandelte. * Gandert wanderte, das muß vorausgeschickt werden, noch als Siebziger, wie er das zeitlebens getan, zweimal in jeder Woche die sechzehn sandig-waldreichen Kilometer von seinem Heimatdorf zum Wochenmarkte der Kreisstadt hin und zurück und erledigte bei dieser Gelegenheit allerlei Botengänge. Einmal, das ist nun schon fast zehn Jahre her, besorgte er aus den Wunsch seiner sehr resoluten und gleich ilxm äußerst rüstigen Frau, für den eigenen Haushalt eine Ziege. Es war ihm genau vor» geschrieben, wie sie aussehen müsse und was sie als Milchtier zu (elften Üabe. Er prüfte lange, wählte ein fchneeweißes Prachteremplar, das ihm nicht zu Unrecht angepriefen und vorgemolken worden war. Stolz strebte er, die Ziege am Strick hinter sich her ziehend, den heimatlichen Gefilden zu, nachdem er den Kaufpreis bezahlt hatte. Der Tag war heiß. Die Kaltereit gab es aber nicht auf, und nach einigem Hin und Her sagte er: „Wenn ich dich aber nun als meinen alten Freund einlade?" Gandert wollte erst nicht, aber dann ging er mit hinein. Er band seine Ziege im Hof an, trank zwei Korn und zwei Helle und fand, das wäre ja wohl zu verantworten. Zwischendurch hatte der Wirt einen feiner gefährlich witzigen Einfälle. Er empfahl sich mit einer halb gemurmelten Entschuldigung und verließ für wenige Minuten das Zimmer. Er ging in den Stall, machte feinen Ziegenbocs los, der, verwundert über Oie späte Störung, leise vor sich hinmeckerte, zog mit dem Bock zur Ziege auf den Hof, verglich die beiden, stellte fest, daß, besonders in der immer dichter werdenden Dämmerung, Größe, Wuchs und Fell der beiden schneeweißen Tiere haargenau zu- fammenftimme, bis auf eine, beim Blick von oben nicht gleich bemerkbare Verschiedenheit, die aber jetzt kaum ins Gewicht fiel. Dann vertauschte Kaltereit die beiden Tiere, führte Ganderts Ziege in den Stall und band seinen eigenen Ziegenbock genau an der gleichen Latte fest, von der er Ganderts Neuerwerbung soeben gelöst hatte. Der Schuhmachermeister krank, nunmehr mutiger geworden, doch zwei weitere Bier mit dazugehörigen Korns auf eigene Rechnung und wandelte dann, mitsamt seinem Vierbeiner, nicht gerade beschwipst, aber doch beschwingt feinem Häuschen zu. Dort empfing ihn die Gattin, die Ihm fein Lieblinasgericht, Bratkartoffeln, bereitet hatte, bewunderte zunächst oberflächlich das Tier uni) schüttete dem Mann einen gehäuften Teller voll Essen auf. Ehe der den Löffel hineinfteckte, sagte er: „Du mußt die Ziege aber gleich melken. Sie haben mir’s auf dem Markt eingeschärft, daß das gleich nach der Rückkehr geschehen soll." Frau Gandert, erfreut über die Zuverlässigkeit bes Gatten, unterdrückte eine Bemerkung, die sie eigentlich gleich zu Anfang über den Alkoholdunst halte machen wollen, den der Heimkehrer ausstrahlte, und begab sich mit dem Milcheimer in den Stall. Dagegen sprach sie, als sie ohne Milch zurückkam, sehr lange, hastige und mit beträchtlichem Stimmaufwand ausgestattete Sätze. Sie gipfelten darin, daß der Mann, der nicht einmal eine Ziege von einem Bock unterscheiden könne, aufs gröblichste beschimpft und in Nacht und Nebel hin- ausgeingt wurde, damit er den Schaden repariere. Als erste Strafhandlung hatte ihm die sonst leidlich friedliche, jetzt indessen zur rächenden Furie verwandelte Frau die Schüssel mit den Bratkartoffeln entrissen. Denn sie glaubte nichts anderes, als Gandert habe sich im Rausch ein I für ein U vormachen lassen. Alle seine Beteuerungen, das könne ja gar kein Back fein, denn er, der Käufer, habe ja schließlich mit eigenen Augen gesehen, wieviel Milch dem Tiere entnommen worden sei, verhallten, wirkungslos in der Nachilufk. Trübselig zog der Schuhmachermeister wieder los, und die Aussicht, sechzehn Kilometer zurücklegen zu müssen und noch mehr, b