Nummer 7 Montag, den 2^. Januar Jahrgang 1938 Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Oer Lanövogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller 2. Fortsetzung. Einen um so feurigeren und ernsteren Geist bedurfte es für die mit den Ideen ringenden Jünglinge, von welchen einige zu einem strengen "Puritanismus hingerissen wurden. Wie man auf Den Sack schlägt und den Esel meint, eiferten sie gegen den Luxus und die Genußsucht, und zwar in einem ganz anderen Sinne, als die Sittenmandate. Sie wollten nicht die Bescheidenheit des christlichen Staatsuntertanen, sondern die Tugend des strengen Republikaners. Hieraus entstanden bald zwei Fraktionen, eine der leichtlebigeren Toleranten und eine der finsteren Asketen, welche jene überwachten und beschälten. Schon war ein Mitglied, das eine goldene Uhr trug und sie nicht ablegen wollte, a-usgestoßen worden; andere wurden wegen zu üppiger Lebensart gewarnt und beobachtet. Der oberste Mentor war der Herr Professor Johann Jakob Bodmer, als Literator und Geschmacksreiniger bereits überlebt, als Bürger, Politiker und Sittenlehrer ein so weiser, erleuchteter und freisinniger Mann, wie es wenige gab und jetzt gar nicht gibt. Er wußte recht gut, daß er bei den Herrschenden und Orthodoxen für einen Mihleiter der Jugend galt; allein sein Ansehen stand zu fest, als daß er sich gefürchtet hätte, und die Partei von der strengen Observanz unter den jungen Männern war seine besondere Ehrengarde. In diese Gesellschaft ließ Salomon sich eines Tages einführen und machte gleich vor Beginn der Verhandlungen die Bekanntschaft des jungen Leu, der sofort Gefallen an ihm fand. Sie mußten sich aber still verhalten; denn Herr Professor Bodmer war heute selbst auf eine halbe Stunde erschienen, um den Jünglingen einen Aufsatz ethischen Inhalts vorzulesen und ihnen eine Aufgabe ähnlicher Art zu stellen. Landolt war nicht sehr aufmerksam, da seine Gedanken anderswo spazieren gingen. Er sah zuweilen den Bruder der Figura Leu an, der sich noch mehr zu langweilen schien, und beide fühlten sich erleichtert, als die eigent- lidjen Verhandlungen beendigt waren. Jetzt kam aber der kritische Moment. Die Ernsthaften hieltet! es für eine Ehrensache, noch mindestens ein halbes Stündchen in wechselnden Gesprächen beisammen zu stehen, während die Leichtsinnigen bei guter Leit davonzulausen strebten, um in einem Gasthause sich noch etwas -gütlich zu tun. Mit Geringschätzung oder Entrüstung, je nach dem sonstigen Werte der Flüchtlinge, und mit scharfen Seitenblicken bemerkte man das Entweichen. Nachdem schon mehrere sich dergestalt gedrückt hatten, zupfte auch Martin Leu den arglosen Landolt am Rockärmel und lud ihn leise flüsternd ein, mit ihm noch zu einem guten, Glas Wein zu gehen. Landolt. begab sich unbefangen mit ihm hinweg, wunderte sich aber, wie der andere auf der Straße plötzlich querüber sprang, ihn mit- Jiehend, die Steingasse hinauf lief, was sie vermochten, dann durch die Elendenherberge, ein labyrinthisches Loch, nach dem dunkeln Löwengäß- lein strebte, von diesem beim Roten Hause nach dem Eselgäßlein hinüber- ■ setzte, wie ein gejagter Hirsch über eine Waldlichtung, hinker der Metzg herum und über die untere Brücke und den Weinplatz rannte, die Weggen- Nasse hinauf, durch die Schlüsselgasse, beim roten Mann die Storchengasse durchschnitt, die Kämbelgasse zurücklegte, dann wieder an der Limmat angekommen rechts abbog und endlich in das stattliche neue Palais der Meisenzunft eintrat. Atemlos vom Lachen wie vom Laufen verschnauften die beiden jungen Männer, sich an dem eisernen Treppengeländer haltend, das noch ! jetzt, als ein Stolz damaliger Schmiedekunst, das Auge anzieht. Leu unterrichtete seinen neuen Freund von der Lage der Dinge und wie es 1 gegolten habe, den Blicken der Späher durch den Kreuz- und Ouerlauf zu entrinnen. Landolt, als ein Feind jeder Art von Muckerei, freute sich j nicht weriig über den Streich, zumal er von dem Bruder derjenigen Person ausging, die ihm wohlgefiel, und sie traten fröhlichen 'Mutes . n den lichterhellen Wirtschaftssaal, an dessen Wänden zahlreiche Degen j und dreieckige Hüte hingen, den Gästen entsprechend, die an verschiedenen großen Tischen faßen. Kleine Bratwürstchen, Pastetlein, Muskatwein und Malvasier, so hießen die Dinge, welche die wiederoereinigte halbe Gesellschaft für vater- ändische Geschichte zu sich nahm, und zwar nach den genauen Aufzeichnungen des Kundschafters der katonischen Hälfte, der den beiden letzten ' Ausreißern durch alle Seitengäßchen ungesehen gefolgt war und nun, »en Hut tief in die Stirn gedrückt, unter der Flügeltür stand und keinen Teller aus den Augen verlor. Und das alles vor dem Nachtessen, das Sjrer doch zu Hause wartete, und nach Anhörung einer Rede des großen Vaters Bodmer: „Von der Notwendigkeit der Selbstbeherrschung als Sauerteig eines bürgerlichen Freistaats!" — Die jungen Epikuräer ließen es sich darum nicht weniger schmecken; die Freundschaft, als eine echt männliche Tugend, feierte auch hier ihre Triumphe, denn Martin Leu schloß mit Salomon Landolt einen Herze nsb und für das Leben, nicht ahnend, daß derselbe es auf feine Schwester abgesehen habe und im übrigen ein mäßiger Geselle sei, der dem Gütlichtun um seiner selbst willen nicht viel nachfrage. Die Folgen des Exzesses ließen nicht auf sich warten. Ohne Vorwissen Bodmers-gingen die Strengsittlichen zu Wette und verschmähten nicht, zur geheimen Anzeige an die Staatsgewalt zu greifen, deren Druck sie doch zu mildern gedachten. Die Sache gelangte in der Tat als vertrauliches Traktandum vor die oberste Sittenverwaltung, die Reformationskammer. Es wurde aber für klug befunden, die Sünder als Söhne angesehener Geschlechter und als übrigens begabte junge Männer zur gütlich-mündlichen Ermahnung zu ziehen, in der Weise, daß jedem Reformationsherrn eine oder zwei Personen im stillen zur zweckdienlichen stillen Erledigung überwiesen wurden. Der ältere Herr Leu erhielt billigermaßen seinen eigenen Herrn Neffen und dessen speziellen Mittäter Salomon zugeteilt. Als letzterer eine Einladung zum Mittagessen bei dem Ratsherrn empfing, auf einen Sonntag Punkt zwölf Uhr, war er von dem Neffen bereits in Kenntnis gefetzt, um was es sich handle. Erwartungsvoll durchschritt er die leeren Gassen, welche von der Bevölkerung der strengen Sonntagsfeier wegen gemieden waren; nur eine beträchtliche Zahl schwerer Pasteten- körbe kreuzte an der Hand der Bedienten auf den stillen Straßen, Plätzen und Brücken, gleich ernsten holländischen Orlogschifsen. Salomon folgte einem dieser Schiffe, dessen Steuermann er kannte, in einiger Entfernung und mit wachsender Aufregung, weil er die Figura Leu zu sehen hoffte und zugleich einen Verweis in ihrer Gegenwart zu empfangen Gefahr lief. „Der Herr bekommt eine Predigt!" rief sie ihm auf dem Korridor entgegen, als er denselben entlang schritt, „aber trösten Sie sich! auch ich habe die Mandate verletzt, sehen Sie mal her!" Sie präsentierte sich anmutungsvoll vor ihm, und er sah, daß sie ein straffes Seidenkleid, schöne Spitzen und ein mit blitzenden Steinen besetztes Halsband trug. „Das geschieht", sagte sie, ,chamit die Herren sich nicht vor mir zu schämen brauchen, wenn sie abgekanzelt zu Tisch kommen! Auf Wiedersehen!" Damit verschwand sie wieder so rasch, wie sie erschienen war. In den Mandaten war wirklich den Frauen alles verboten, was Figura am schlanken Leibe trug. Salomon Landolt wurde zunächst in das Kabinett des Reformations- Herm geführt, wo er den Martin Leu traf, der ihm lachend die Hand schüttelte. „Ihr Herren!" begann der Oheim seine Ansprache, nachdem die jungen Leute sich aufmerksam nebeneinander postiert hatten, „es sind zwei Gesichtspunkte, von denen ans ich die bewußte Angelegenheit Euch ans Herz legen möchte. Einmal ist es nicht gesund, vor dem Nachtessen und zu ungewohnter Zeit Speisen und Getränke, besonders wenn letztere südlicher Art sind, zu sich zu nehmen und den Gaumen an dergleichen frequente Leckerhaftigkeit zu gewöhnen. Vorzüglich aber sollten sich junge Offiziers solcher Näschereien enthalten, weil sie den Mann vor der Hand dickleibig und zum Dienst untauglich machen. Zweitens aber, wenn es doch fein soll und die Herren einer Kollation bedürftig sind, so ist es meiner Ansicht nach junger Bürger und Offiziers unwürdig, sich heimlich wegzustehlen und durch hundert dunkle Gäßlein zu springen. Sondern ohne Worte der Entschuldigung, ohne Heimlichkeit und ohne Scheu tun rechte Junggesellen das, was sie vor sich selbst meinen verantworten zu können! Nun wollen wir aber schnell zum Essen gehen, sonst wird die Suppe kalt!" Figura Leu empfing die drei Herren im Speisezimmer und mochte mit scherzhafter Grandezza die Wirtin, da der Oheim verwitwet war. Erstaunt sah dieser ihren glänzenden Putz, und sie erklärte ihm sogleich, daß sie absichtlich das Gesetz beleidige, um ihr armes Brüderchen nicht allein am Pranger stehen zu lassen. Der Reformationsherr lachte herzlich über den Einfall, während Figura dem Salomon Landolt den Teller so anfüllte, daß er Einsprache erheben mußte. „Hat die Vermahnung schon so gut angeschlagen?" sagte sie, ihm einen lachenden Blick zuwerfend. Jetzt erwachte aber auch ferne gute Laune, und er wurde so lustig und unterhaltsam mit tausend Einfällen, daß Figuras silbernes Gelächter fast ohne Aufhören ertönte und sie vor lauter Aufmerksamkeit keine Zeit mehr fand, einige Witze zu machen. Nur der Ratsherr lüfte ihn zuweilen ab, wenn er aus feiner längeren Erfahrung treffliche Schwänke zum besten gab, vorzugsweise charakteristische Vorfälle aus dem Amtsleben und dem beschränkten und doch stets so leidenschaftlichen Treiben der Geistlichkeit. Auch die tiefen Einwirkungen der Hausfrauen in Rat und Kirche traten in komischen Beispielen an das Licht, und man merkte wohl, daß der Reformationsherr feinen Voltaire nicht ungelesen ließ. fterr Landolt", rief Figura beinahe leidenschaftlich, „wir zwei wollen nie heiraten, damit uns solche Schmach nicht widerfahrt! Die Hand drauf I" Und sie hielt chm die Hand hin, welche Salomon rasch ergriff und schüttelte. ,Es bleibt dabei!" sagte er lachend, jedoch mit Herzklopfen; denn er dachte das Gegenteil und nahm di« Worte des schönen Mädchens für eine Art von verkapptem Entgegenkommen oder Aufmunterung. Auch der Ratsherr lachte, wurde aber gleich wehmütig, als die Kirchenglocken sich hören ließen, und das erste Zeichen zur Nachmittagspredigt anschlugen. „Schon wieder diese Mandatei" rief er; es war nämlich auch verboten, die Mittagsmahlzeiten in den Familien über den Gottesdienst aus- zudehnen, und es war unversehens zwei Uhr geworden. Alle beschauten trübselig den noch schön versehenen wohnlichen Tisch; Martin, der Neffe, . öffnete schnell noch eine Dessertflasche, indessen der Reformationsherr wegeilte, um seinen Kirchenhabit anzuziehen, da Rang und Sitte ihm geboten zum Münster zu gehen. Bald erschien er wieder im schwarzen Talar, den weihen Mühlsteinkragen um den Hals und den konischen Hut auf dem Kopf. Er wollte nur noch sein Gläschen austrinken; da aber Landolt eben einen neuen Schwank erzählte, setzte er sich noch einen Augenblick hin, die Unterhaltung geriet von neuem in Fluß und stockte erst, als durch das Aufhören des vollen Kirchengeläutes, das längst begonnen hatte, plötzlich die Lust still wurde. Betroffen sagte Herr Leu, der Oheim: „Nun ist es zu spät, Martin, schenk ein! Wir wollen uns hier geduckt halten, bis die Zeit erfüllet ist!" Figura Leu aber klatschte in die Hände und ries fröhlich: „Nun sind wir alle Uebeltäter, und von welch schöner Sorte! Darauf wollen wir an- stohen!" x , Wie sie das geschliffene Gläschen mit dem bernsteinfarbigen Wein lächelnd erhob und ein Strahl -der Nachmittagssonne nicht nur das Gläschen und die Ringe an der Hand, sondern auch das Goldhaar, die zarten Rosen der Wangen, den Purpur des Mundes und die Steine am Hals- bande einen Augenblick beglänzte, stand sie wie in einer Glorie und sah einem Enge! des Himmels gleich, der ein Mysterium feiert. Selbst der sorglose Bruder wurde von dem erbaulichen Anblick betroffen und hätte die schimmernde Schwester gern in den Arm genommen, wäre nicht die Erscheinung dadurch zerstört worden; auch der Oheim betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen und unterdrückte einen aussteigenden Seufzer der Besorgnis für ihr Schicksal. Als noch ein Stündlein verflossen war und der Abend nahte, schlug der Ratsherr den beiden Gesellen vor, sich nach der Promenade im Schützenplatze zu begeben, wo längs den zwei Flüssen, die denselben ein- sassen, die schönsten Baumalleen stehen. „Dort geht jetzt", sagte er, „der edle Bodmer spazieren,, umgeben von Freunden und Schülern, und spricht treffliche Worte, die zu hören Gewinn ist. Wenn wir uns ihm anschließen, so stellen wir unsere Reputation allerseits wieder her; indessen mag Figura ihre Sonntagsgespielinnen aufsuchen, die übungsgemäß am gleichen Orte lustwandeln, ehe sie die eingemachten Kirschen essen, mit denen sie sich in unschuldiger Weise bewirten." Diesen Ratschlag ausführend, gingen dis Männer nach der genannten Promenade, aus welcher sich verschiedene Gesellschaften als gefchlossene Körper aus und nieder bewegten. Darunter befand sich in der Tat Bodmer mit seinem Gefolge und besprach im Gehen den Unterschied Sischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen der Republik Platos und einer weizerischen Stadtrepublik, wobei er aus alle möglichen Vorgänge zu sprechen kam und allerhand Dummheiten und Unzukömmlichkeiten mit unverkennbaren Seitenhieben bezeichnete. Die Herren Leu und Landolt schlossen sich nach gehöriger Bekompli- mcntierung- dem Bodmerschen Zuge an und spazierten mit demselben weiter. Salomon Landolt war mit seinem lebhaften Wesen, und Überdies nicht von der größten Aufmerksamkeit erfüllt, bald einige Schritte ' voraus, während Bodmer zum Thema einer öffentlichen Erziehung nach bestimmten Staatsgrundsätzen überging. Eine Gesellschaft junger Damen, die jetzt von einer Seitenallee her über die Hauptallee spazierte, ging in ähnlich ungeduldiger Weise Figura Leu voran; Landolt machte seinen tiefsten Bückling, und all« Herren hinter ihm zogen ebenfalls ihre dreieckigen Hüte und machten ihre Komplimente, daß alle Degen hinten in die Höhe stiegen; Figura verneigte sich mit unnachahmlichem Ernste und mit großen Zeremonien, und alle Demoiselles hinter ihr, an die zwanzig Gespielinnen, taten es ihr nach. Als Bodmer ein Schulwerk Basedows kritisierte, kam der Damenzug, diesmal in gerader Richtung, abermals entgegen und es erfolgte in gleicher Weise die Begrüßung, die noch länger andauerte, bis alle vorbei waren. Uebergehend zum Nutzen der Schaubühnen, die Bodmer nicht ohne Anspielungen auf feine eigenen dramatischen Versuche abha-ndelte, wurde er wiederum durch den nämlichen zeremoniellen Vorgang unterbrochen, so daß man aus dem Hüteschwingen und Verbeugen nicht herauskam, fast zum Verdruffe des würdigen Altmeisters. Freilich lag die Schuld einigermaßen an Salomon Landolt, der als Jäger und Soldat die Bewegungen des feindlichen Korps stets im Auge zu behalten verstand, und die gelehrten Herren, ohne daß sie es merkten, die Wege einschlagen ließ, welche zu den wiederholten Begegnungen führten. Figura griff aber jedesmal so pünktlich und zuverlässig mit ihren ungeheuren Knicksen ein, daß er es nicht bereute. Auch dünkte ihn dieser Tag, als er vollbracht war, der schönste, den er bis jetzt erlebt hatte. Das lustige Fräulein lag chm nun stündlich im Sinn; allein die heitere Ruhe, welche er bei der Salome, dem Distelfink, bewahrt hatte, war jetzt dahin, und es erfüllte ihn, so oft er sie längere Zeit nicht sah, Traurigkeit und Furcht, das Leben ohne Figura Leu zubringen zu müssen? Auch sie schien ihm herzlich zugetan zu sein; denn sie erleichterte feine Bemühungen, in ihre Nähe zu kommen, und ging mit ihm um, wie mit einem guten Kameraden, der zu jedem Scherz aufgelegt und sur eben Sonnenblick guter Laune empfänglich ist. Sie legte ihm hundertmal >ie Hand auf die Achsel oder gar den Arm um den Hals; sobald er aber vertraulich ihre Hand ergreifen wollte, zog sie dieselbe beinahe hastig zurück' wagte er vollends ein zärtlicheres Wort oder einen verräterischen Blick, so ließ sie das mit kalter Nichtbeachtung ab gleiten. Mitunter »er- iel sie sogar in spöttliche Aeußerungen, die sie wegen unbedeutender Dinge gegen ihn richtete und die er schweigend hinnahm, in seiner Verlegenheit aber nicht merkte, wie sie trotzdem einen warmen und teil- nahmoollen Blick auf ihn geworfen hatte. Bruder und Oheim sahen diesen seltsamen Verkehr wohl, ließen die . ungen Leute aber gewähren und nahmen die Art des Mädchens wie etwas, das nicht zu ändern ist, zumal sie den vollkommen ehrenhaften und biedern Charakter Salomons kannten. Eines Tages jedoch kam das Verhältnis zum Austrag. Salomon Geßner, der Dichter, hatte, da der Sommer begonnen, seine Amts- wohnung im Sihlwalde bezogen, dessen Oberaufsicht ihm von fernen Mitbürgern übertragen worden war. Ob er bas' Amt wirklich selbst ver- waltete, ist nicht mehr erfindlich; so viel ist gewiß, daß er tn jenem Sommerhause dichtete und malte und sich mit den Freunden luftig machte, die ihn häufig besuchten. Dieser neue Salomo, der in unfern Geschichten erscheint, stand dazumal in der Blüte seines Lebens und eines Ruhmes, der sich bereits über alle Länder verbreitet hatte; was von diesem Ru''me verdient und gerecht war, trug er mit der Anspruchslosigkeit un e- benswürdigkeit, die nur solchen Menschen eigen sind, die wirklich etwas können. Geßners idyllische Dichtungen sind durchaus keine schwächlichen und nichtssagenden Gebilde, fondevn innerhalb ihrer Zeit, über die keiner hinaus kann, der nicht ein Heros ist, fertige und stilvolle kleine Kunstwerke. Wir sehen sie jetzt kaum mehr an und bedenken nicht, was man in fünfzig Jahren von alledem sagen wird, was setzt täglich entsteht. Sei dem wie ihm wolle, so war die Luft um den Mann, wenn er in feiner Waldwohnung saß, eine recht poetische und künstlerische, und sein mehrseitiges fröhliches Können, verbunden mit feinem unbefangenen Humor, erregte stets goldene Heiterkeit. Sowohl feine eigenen Radierungen als die von Zingg und Kolbe nach feinen Gemälden gestochenen Blätter werden in hundert Jahren erst recht eine gesuchte Ware in den Kupferstichkabinetten sein, während wir sie jetzt für wenige Batzen einander zufchleudern. ,, . . .. An einer Porzellanfabrik beteiligt, hatte er nut leichter Hand versucht, in Bemalung der Gefäße selbst voranzugehen und nach kurzer Uebung die Ausschmückung eines stattlichen Teegeschirrs übernommen und zum Gelingen gebracht. Das zierliche Werk sollte nun im Sihlwalde eingeweiht werden; Freunde und Freundinnen waren zu der kleinen Feier geladen und der Tisch am Ufer des Flusses unter den schönsten Ahornbäumen gedeckt, hinter denen die grüne Berghalde, Kronen über Kronen, zu dem blauen Sommerhimmel emporstieg. Auf dem blendendweißen, mit Ornamenten durchwobenen Tischtuch aber standen die Kannen, Tassen, Teller und Schüsseln, bedeckt mit hundert kleinern und größern Bildwerklein, von denen jedes eine Erfindung, ein Jdyllivn, ein Sinngedicht war, und der Reiz bestand darin, daß alle diese Dinge, Nymphen, Satyrn, Hirten, Kinder, Landschaften und Blumenwerk mit leichter und sicherer Hand hingeworfen waren und jedes an feinem rechten Platz erschien, nicht als die Arbeit eines Fabrikmalers, sondern als diejenige eines spielenden Künstlers. Der so geschmückte Tisch war mit den rundlichen Sonnenlichtern bestreut, welche durch das ausgezackte Ahornlaub fielen und nach dem leisen Takte des Lufthauches tanzten, der die Zweige bewegte; es war zuweilen wie ein fünftes, feierliches Menuett, welches die-Lichter ausführten. Schon faß Herr Geßner wieder im Anschauen dieses Spieles verloren, a(r der erste Wagen mit den erwarteten Gästen anlangte. In ihm faß der weife Bodmer, der zürcherische Cicero, wie ihn Sulzer zu nennen pflegte, und der Kanonikus Breitinger, der in jüngeren Tagen den Krieg gegen Gottsched mit ihm gestritten hatte. Sie faßen aber auf den Rücksitzen, da sie ihre ehrbaren Hausfrauen mitführten. Andere Kutschen brachten andere Freunde und Gelehrte, die alle einen außerordentlich muntern und geift- reichen Jargon sprachen, belebt von einer Mischung literarischen Stutzertums und helvetischer Biederkeit, ober, wenn man will, altbürgerlicher Selbstzufriedenheit. Ein letzter Wagen war mit jungen Mädchen angefüllt, worunter Figura Leu, und begleitet von Martin Leu und Salomon Landolt, die zu Pferde saßen. Alle die würdigen und schönen Personen bewegten sich alsbald unter den Bäumen in großer Fröhlichkeit herum; das bemalte Porzellanzeug wurde betradjtet unb höchlich gelobt; allein es dauerte nicht lang, so führte Salomon Geßner mit der Figura Leu die Szene auf, wie ein blöder Schäfer von einer Schäferin im Tanz unterrichtet wird, und er machte das so lustig und natürlich, daß ein allgemeiner Mutwillen entstand und Frau Geßner, die hübsche geborene Heideggerin, Mühe hatte, die Gesellschaft endlich zum Sitzen zu bringen, damit ihrer Bewirtung Ehre an«' getan würde. Dem ruhigem Gespräche, das hiebei Raum gewann, wurde Nahrung gegeben durch einen jener Enthusiasten, die alles Persönliche hervorzerren müssen. Derselbe hotte schon die neuesten Ereignisse des Geßnersckien Lebens aufgeftöbert, vielleicht nicht ohne Wegeleitung der trefflichen Gattin. Es waren verfchiedene Briefe aus Paris gekommen. Rousseau schrieb Herrn Huber, einem Uebersetzer Geßners, die schmeichelhaftesten Dinge über letzteren, und wie er besten Werke nicht mehr aus der Hand lege. Diderot wünschte fogar, einige feiner Erzählungen mit den neuesten Idyllen Geh- ners in einem Bande gemeinschaftlich erscheinen zu lassen. Daß Rousseau für den idealen Naturzustand jener idyllischen Welt schwärmte, war am Ende nichts Wunderbares; daß aber der große Realist und Enzyklopädist nach dem Vergnügen strebte, mit dem harmlosen Jdyllendichter Arm in Arm aufzutreten, erschien als die erdenklich wichtigste Ergänzung des Lobes und gab zum Verdruffe Geßners Anlaß zu den breitesten Erörterungen. (Fortsetzung folgt.) Heimatandachi. «Ml Alfred Huggenberger* Ich liebe meiner Heimat Auen, Verklärt von tiefer Sommerlust, Ein sützes, heiliges Vertrauen Schwillt wie ein Wunder in der Brust: Vor so viel stillem Dank und Freuen Muß eines Gottes Zorn vergehn. Er muß der Sterne Gold verstreuen Und mit drei Engeln Wache stehn. Ich liebe die oergess'nen Weiler, Die Zeugen zäher Bauernkraft, Sie stehn wie graue Eichenpfeiler, Bon keiner Flut hinweggerasst. Ob nicht in einer engen Kammer Die reine Seele träumt und wacht. Die unfrer Zeiten Not und Jammer Mit großer Tat ein Ende macht? Ich liebe meiner Heimat Berge, Weil sie so stolz und einsam sind. Der Herr des Erdballs schmilzt zum Zwerge, Der kühle Spötter wird zum Kind. Ein Kirchlein, wie dem Fels entstiegen. Klebt grau in grau an steiler Fluh, Es sendet, laut und doch verschwiegen, Dem Himmel eine Bitte zu. Ich kann auch einen Festtag lieben, Wenn feine Pulse machtvoll gehn, Wenn rings, mit Flammenschrist geschrieben, Am Horizont die Zeichen stehn. Singt, feiert! Laßt die Banner wehen, Der Stunde gebt, was ihr gebührt! Verschlafne sollen auferstehen. Vom Hauch der Weihe angerührt! Erinnerungen an 2Rubi. Von Otto Gmelln. Wir, mein um einige Jahre jüngerer Bruder Helmuth und ich, kannten Rudi längst. Er war der Sohn einer mit den Eltern befreundeten Familie, und da er im Alter zwischen uns stand, waren wir schon seit Jahren gerne, aber doch immer nur mehr zufällig zusammen- aekommen. Erst bei Gelegenheit einer Theateraufführung, die seine alteren Schwestern inszeniert hatten, und zu der neben anderen auch wir eingeladen waren, entdeckten wir ihn für uns. Wir erkannten es sofort: Er spielte seine Rolle nicht nach dem Buchstaben, nicht für Zuschauer, er spielte sie, weil es eine Lust war zu spielen. Mit der untrüglichen Sicherheit von jungen Menschen fühlten wir: Er gehörte zu uns. So wurde Rudi von diesem Nachmittag an in unseren Kreis ausgenommen, zu dem noch der kleine Erwin gehörte. Es kam ein Frühling und ein Sommer, der lauter um uns rauschte, als die glückselig in der bürgerlichen Hut verspielten früheren Jahre, denn schon mischten sich große Pläne und Schwärmereien zu Mädchen in das spielerische Dasein. Rudi teilte alles mit uns, was wir taten, waren und wollten: es vergingen nur wenige Tage, wo wir nicht mindestens einige Stunden mit ihm zusammen waren. Wir radelten durch die neuen Wälder, erforschten die unbekannten Wege, fingen Frösche und Molche, um sie in unserem Garten auszusetzen, bauten Zelte ukld Hütten, versuchten uns in manchem radlerischen Kunststück, aber das wichtigste von allem war das Theater, von dem wir selbst im Wald nicht ließen, indem wir irgendwelche Begegnungen mit Gendarmen und Protokollen oder dramatische Szenen aus dem Schulleben schauspielerisch darstellten. , _ , Ja, eigentlich war, seit Rudi sich uns zugesellt hatte, unser Zusammensein zu einem fortlaufenden Theaterspiel geworden, in dem gewisse Typen sestlagen, die jedem von uns zukamen. Als dann der Herbst nahte, entwickelte sich daraus unsere besondere Art des Spiels in unserem Zimmer. Anfangs wurde immer aus dem Stegreif gespielt, zumeist hochtragische Stücke. Dabei schwebte uns das Milieu einer Schmiere vor, von der wir durch gemeinsamen Besuch eines Ritterspieles aus einem Jahrmarkttheater einen undeutlichen Begriff hatten. Bei den abendlichen Zusammenkünften an Wochentagen wurde in phantastischen Umrissen das Theaterstück ausgedacht, das am Sonntagnachmittag seine Aufführung haben sollte. Wir hatten auf dem Speicher einen Schließkorb gefunden, der bis oben hin mit Fastnachtskostümen und ähnlichen Dingen gefüllt war; er wurde in unser Zimmer heruntergebracht, und während wir die einzelnen Stücke: Hosen, Röcke, Kleider, Jacken anprobierten und dazu in theatralischen Posen deklamierten, entstanden aus gemeinsamer Phantasie Personen und Handlung des Stückes. Sonntags gab es dann noch eine besondere Arbeit: die Inszenierung. Das Publikum war durch einige Stühle dargestellt; ein Vorhang war * Aus „Ackerfrühling", L. Staackmann Verlag, Leipzig. — Huggen- berger wird, wie bereits berichtet, dieser Tage in Gießen aus seinen Werken lesen. an einer Schnur von einem Schrank zum anderen gespannt. Der Hinke» gründ wurde durch eine spanische Wand gebildet, über die je nach dem Ort der Szene verschiedene Decken oder große Bogen bunten Papiers gehängt wurden. Felsen wurden durch Stühle und Tische angebeutet über die Teppiche gelegt waren. Die Gasglllhlichtlampe, die genau über der Bühne hing, war meist die einzige Beleuchtung. Es war eine Wunderlampe: nicht nur, daß man darunter rotes, blaues, grünes Seidenpapier befestigen und so die großartigsten magischen Wirkungen erzielen konnte, es war eine Vorrichtung daran, daß man sie durch Zug an einem Kettchen klein stellen konnte. Indern wir Fäden an dem Kettchen befestigten, war es möglich, mitten im Spiel Verdunkelung oder Erhellung vorzunehmen. Diese Beleuchtungswirkungen wurden noch verstärkt dadurch, daß die Lampe, wenn man sie halb zuzog, ein schauerlich monoton singendes Brummen von sich gab. Unter ihrem trüb* grünlichen Schein und Gebrumm geschahen heimtückische Morde und Gespenstererscheinungen und die gräßlichen Monologe der Mörder, Selbstmörder und Gehängten. Dieser Lampe war es zu einem großen Teil zu danken, daß unsere dramatischen Versuche sich nach und nach immer mehr dem Märchenhaften und Gruseligen zubewegten. Es kam aus einer merkwürdigen Vorliebe Rudis dahin, daß er vor allem die weiblichen und die gespenstischen Rollen Übernahm, die er mit einer seltsamen Mischung von wirklichem Gruseln und grotesker Komik da» zustellen wußte. . Inzwischen aber entwickelte sich auch das Theaterspiel im Lauf dieser Monate, und die Ansprüche, die wir daran stellten, stiegen. Das reine Stegreifspiel genügte uns nicht mehr, und wir fingen an, die Stucke in kleinen Heften im allgemeinen Verlauf aufzuzeichnen. Schließlich begann ich sogar, eines der tragikomischen Märchenspiele, das wir mehrfach und immer geändert und verbessert aufgeführt hatten, in Versen, ähnlich denen, die wir aus dem Stegreif gemacht hatten, aufzuschreiben; es hieß „Waldgemunkel". Es fand bei uns allen soviel Beifall, daß wir uns entschlossen, gemeinsam ein zweites, ähnliches Stück zu verfassen, das „Teichgegurgel". Auch dieses Spiel wurde nach kurzen Besprechungen zuerst praktisch erprobt. Es hatte eine lange Geschichte hinter sich, bis es an einem Sonntagvormittag unter Mithilfe meines Bruders und Rudis feine endgültige Versform erhielt. Die Nixe des Waldsees, Hilipsüli, war, dem Wunsche Rudis entsprechend, für ihn zugeschnitterr; da er im Stimmwechsel war, gelang ihm ihr hohes, verführerisches „Tilimtim" ausgezeichnet, und während wir eine Leseprobe hielten, ine oon vielen Ausrufen, neuen Einfällen und unaufhörlichem Ge'ächter unterbrochen war, wurden wir aufs äußerste auf die Aufführung gespannt, die am selben Nachmittag stattfinden sollt«. Als wir mit Lesen und Verbessern fertig waren, war es höchste Zeit, daß Rudi zum Mittagessen nach Haus rannte. Wir liefen noch mit ihm die Treppe hinunter; er schüttelte mir in feiner komödiantenhaften Art die Hand und rieh „Leben Sie wohl, mein lieber Herr Direktor, auf NimmerwiederfehenI und rannte, was er konnte. In zwei Stunden sollte er wieder bei uns fein- bis dahin hatten wir alles vorzubereiten. Wir lebten wie in einem Traum; es gab in diesen Stunden kein Gestern und kein Morgen, es gab nur dieses Spiel und diesen Nachmittag, nur diese Erwartung. Aber nach Tisch, als die spanische Wand stand, die Decken und Teppiche bereit tagen, die Kostüme ausgekramt waren, warteten wir vergeblich auf Rudi. Es wurde drei, es wurde vier Uhr, Rudi erschien nicht. Wir wiederholten unsere Rollen; wir stellten auf den Schrank die Trommel und dahinter eine Kerze: Das war der Mond. Aber wir wurden unruhig und unwillig. Hatte er mit feinen Eltern spazieren gehen müssen? Gerade heute? Sonst war dies noch nie geschehen. Er war immer zuverlässig. Wir zerbrachen uns den Kopf, was der Grund seines Ausbleibens war. Wir erwogen, ob einer von uns zu ihm gehen sollte; aber er wohnte am anderen Ende der Stadt; der Hin- und Rückweg mußte anderthalb Stunden dauern; dann war es sowieso zu spät. Wir versuchten, ohne ihn ein anderes Stück zu spielen. Die Aufführung des Teichgegurgels mußte um acht Tage verschoben werden. Aber nichts wollte glücken. Die Lampe brannte und hüllte die Szene in ein lila düsteres Licht, aber keiner konnte die Geister beschwören; eine dumpfe Langeweile und hinter ihr eine unausgesprochen, seltsame Angst lahmte uns, bis wir schließlich umständlich zusammenräumten und begannen, die Schularbeiten noch einmal durchzulesen. Es war ein verlorener Nach- nächsten Abend — ich saß über meinem Latein — trat Mutter mit der Nachricht ins Zimmer: Rudi hatte gestern nachmittag furchtbare Schmerzen bekommen, abends war er ins Krankenhaus gebracht und in der Nacht schon am Blinddarm operiert worden. Wir sagten nichts. Es war wie ein Blitzstrahl. Es war unfaßbar. Der Ernst der Wirklichkeit, die Härte des Schicksals war wie eine eiserne Riesenfaust in die Spiels hineingedonnert; die Trümmer spritzten davon. Später nahmen wir ohne viel Worte den Schließkorb, der noch vom Sonntag in unserem Zimmer stand und trugen ihn auf die Speicherkammer. Wir wagten nicht davon zu sprechen, nicht daran zu denken. Beim Abendessen erzählte Mutter noch einiges; die Aerzte machten kein Hehl daraus, daß der Fall sehr ernst fei Als wir im Bett tagen, sprachen wir in der Dunkelheit halblaut, hilflos, unsicher, unsere Aengste hinter Scheingründen verbergend. Nachher lagen wir noch lange schweigend wach. Nur in Gedanken wagte ich an die 'Möglichkeit zll rühren, daß Rudi nie mehr mitspielte. TO ein Bruder wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Ich wußte, daß er dasselbe dachte wie ich. Es tarnen furchtbare Tage. Morgens faß ich mit benommenem Kops und ohne rechte Aufmerksamkeit in der Schule. Einer der Lehrer merkte meine Veränderung, nahm mich nach der Stunde auf die Seite und fragte, was mit mir los fei. Als ich ihm fugte, ein Freund fei schwer erkrankt, liefen mir die Tränen aus den Augen; ich ärgerte mich, aber ich konnte es nicht ändern. Nachmittags ging immer einer von uns oder auch beide zum Krankenhaus und sprach dort Rudis Mutter. Zu Hause saßen wir wortkarg herum,'machten unsere Schularbeiten mit mehr Sorgfalt als je zuvor und lasen. Unser Theaterspiel schien plötzlich etwas längst Vergangenes und vollkommen lächerlich und sinnlos. Die kleinen Hefte mit unserem Theaterstücken lagen auf meinem Tisch und wurden in die hinterste Ecke der Schublade gesteckt. — , . Am dritten Tage hieß es, es ginge Rudi besser, er sei fast fieberfrei. Die Nachricht löste Stürme von Glück und Hoffnung aus. Mein Bruder Erwin und ich berieten, daß Rudis Wiederkehr gefeiert werden sollte, und wir grübelten, wie diese Feier, die felbstverständlich im Stile des Schmierentheaters verlaufen mußte, zu gestalten fei. Jetzt wußten wir, was wir gehabt hatten, und wir wollten es nicht mehr vergessen. Aber die Besserung hielt nicht an. Einige Tage spater war eine zweite Operation nötig. Mutter besuchte einmal gegen Abend den Kranken. Wir fühlten trotz ihrer vorsichtigen Worte, daß es hoffnungslos um ihn ftanb; er hatte sie nicht erkannt. Ich wollte oder ich konnte es mir nicht vorstellen, daß Rudi, der Freund, der Spaßmacher, Hittpsulc, die Mondscheinnixe, nicht mehr kommen sollte. Ich schloß mich in ein dunkles Zimmer ein, ich betete und gelobte, von nun an ein neues und besseres Leben zu beginnen; ich wußte zwar selbst nicht recht, was ich darunter verstand; es waren knabenhafte Dinge, Fleiß in der Schule, Willigkeit gegen die Eltern, Ehrlichkeit. Es war mir, als müsse ich und als könne ich die Naturgesetze sprengen, das Unmögliche möglich machen und den Freund dem Tode entreißen. Ich wollte ein Wunder tun. Warum sollte es nicht möglich sein? Während ich später über meinen Schularbeiten saß, machte ich auf die eine Seite eines kleinen abgerissenen Zettels ein Kreuz und ließ ihn auf die Erde schweben. Er fiel mit der weißen Seite nach oben, wie ich gewünscht hatte. War es das Wunder? War es ein Zeichen Gottes? Ich klammerte mich an die Hoffnung und an mein Gelöbnis. Jedoch es geschah kein Wunder. Rudi starb. Wir standen an einem trüben und regnerischen Tag an seinem Grab. Wir spielten nie mehr Theater. Zum erstenmal stand ich vor dem Unbegreiflichen; ich erlebte »um erstenmal die Hilflosigkeit und Armut des Menschen und das Gesetz, das über ihm steht. Das Heideduett. Eine Anekdote von Bruno Nelifsen-Haken. Born alten Heidepastor Bode, dem Begründer der Naturschutzparks Lüneburger Heide, erzählt man sich folgende Geschichte: Bode war schon emeritiert und bewirtschaftete fein kleines Gut bei Wilsede-Egestorf, als er sich eines Tages mit einem Gutsbesitzer der Nachbarschaft anlegte. Grenzstreitigkeiten oder Glaubensfrage bleibt dahingestellt. Denn Bode war ein gewaltiger Streiter vor dem Herrn, fei es ehedem von der Kanzel, sei es in Fragen der Nachbarschaft. Der Gutsbesitzer, einer der wenigen im Gebiet der Lüneburger Heide, die sonst nur Höfe kennt, aber war adlig. Es muß den alten Pastor Bode also wohl der Teufel gepiekt haben, daß er auf den Gedanken kam, dem adligen Herrn mit eigenste« Waffen zu begegnen. Er schickte ihm somit eine Pistolenforderung! Aber bas war wiederum nicht ganz so einfach. Altem Ritus zufolge überschickt man eine Pistolenforderung nicht mittels eingeschriebenem Brief oder gibt sie etwa selbst im Vorübergehen ab, sondern beauftragt einen Mann im Zylinder. Ob es nun am fehlenden Zylinder gelegen hat oder ob Bedenken anderer Art ausgetreten sind — kurz und gut: Pastor a. D. Bode sand keinen, der den Auftrag angenommen hätte. Der Arzt der Gegend war sowieso nicht gut auf Bode zu sprechen, weil Bode ihm gelegentlich gern ins Handwerk pfuschte und mit seinen Egestorfer Bauern von Fall zu Fall ein sogenanntes Krauler-Konzil abhielt, aus dem wohl uralter Heideschnaps aus uralten Heidekräutern getrunken, aber auch gleichzeitig uralte Heiderezepte gegen alle möglichen Krankheiten erörtert, von Bode zu Papier gebracht und weiterhin zur Anwendung empfohlen wurden. Der Menschendoktor neigte mehr dem Gutsbesitzer zu und hielt sich für diesen parat. Der Tierarzt wiederum hatte einen Rochus auf Bode, weil dieser auch sein Biehzeug selber kurierte. Der Tierarzt dachte: sie werden vielleicht einen Unparteiischen gebrauchen — dann vergebe ich mir nach keiner Seite hin etwas ...! Schließlich ist Bode sogar an seinen Nachfolger im Amt herangetreten; und als dieser unser Hinweis aus sein Amt und die Schrift entrüstet ablehnte, auch an den Küster. Der Küster aber hat gedacht: wenn sie hierzulande erst mit Knallen anfangen und du selbst bist mit von der Partie: wer bürgt dir dafür, daß du selbst nicht nächstens auch vor die Mündung mußt — ganz abgesehen vom schlechten Eindruck .. .1 So hat Bode also den notwendigen Zylindermann in seiner Gegend nicht ge= funben. Im Grunde glaubte auch niemand im Ernst an die Geschichte bzw. an den wirklichen Ernst dieser blutrünstigen Angelegenheit. Aber sie kannten eben ihren alten Heidepastor noch nicht. Was Bode sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, führte er auch durch. Den Naturschutzpark Lüneburger Heide hatte er gegen den Widerstand zahlloser Philister ins Leben gerufen — jetzt hatte er es sich in den Kopf gesetzt, einen anmaßenden Gutsbesitzer über den Haufen zu schießen. Also hat er sich erneut auf die Suche nach einem besser geeigneten Mann mit Zylinder gemacht. Nun studierte Bades Sohn damals Landwirtschaft an der neuge- grünbeten Universität Hamburg. Und Bode junior, selbst vier Jahre Offizier an der Front gewesen, wundert sich nicht schlecht, als eines Tages ein dringendes Telegramm aus Egestorf kommt und zwei honorige Männer mit Zylinder in die Heide beordert. „Mein Alter will doch nicht knallen ...?" hat Bode junior sich gesagt: „Das liegt ihm doch sonst gar nichtI" Aber — weil er selbst in diesen Tagen gerade ins Examen stieg — hat er pflichtgemäß und als getreuer Sohn zwei Ehrenmänner bestimmt, die dem väterlichen Wunsch nachkommen sollten. Die beiden honorigen Männer sind hinausgefahren. Mit Emst haben Ne sich den Sachverhalt angehört. Mit Würde sind sie auf Bodes einspänniger Bauernkalesche aus den mit Krieg zu überziehenden Gutshof gefahren und Haden dem pampigen Gutsbesitzer das falte Rohr auf die Brust gefetzt — vorerst bildlich. Der Gutsbesitzer hat sich zwar verwundert/ wieso ihm soviel ritterliche Ehre von feiten eines emeritierten Pastors widerführe; aber er hat großspurig angenommen, und das war die Hauptsache. Den Doktor hat er als seinen Sekundanten benannt und anschließend Bode den Tierarzt als Unparteiischen. Tag und Stunde des blutigen Treffens wurden ausgemacht. Bode verlangte Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit, am liebsten auf Barriere bzw. mittels Schnupftuch, bei welcher Duellart jeder Kontrahent ein Schnupftuch am anderen Ende anfaßt, und auf diesen Abstand hin wird geschossen. Solchen Rochus hatte der Pastor auf den widerborstigen Agrarier! Aber man einigte sich bann auf einmaligen Kugelwechsel auf zwanzig Schritte Distanz. Ohne Ehrengericht selbstverständlich! Akademische Sitten erkannte Bode nicht an. Er hätte seine eigenen Sitten, meinte er dickköpfig. Nur eine kleine Nebensache war noch zu erledigen: mit welchen Pistolen geschossen werden sollte. Der Fall lag nicht ganz so- einfach, weil damals, kurz nach dem Kriege, die alten Mensurpistolen aus duell- freudigerer Zeit sich irgendwohin verkrümelt hatten, und man wußte im Augenblick nicht recht, woher sie beschaffen. Bode meinte, das wäre feine geringste Sorge. Auch feine Zylinderleute meinten, sie würden schon Rat finden. Am Tage des Zweikampfes jedenfalls würden zwei Schießeisen zur Stestx fein. Ob er sich darauf verlassen könne, hat Bode noch gefragt ...? Felsenfest, war die Antwort. ,Äm!" — hat Bode gesagt. Drei Tage später war das Treffen im Egestorfer Busch angesetzt, da, wo es dem Flurnamen nach „in de Bätzen" heißt. Morgens 5 Uhr. Die Vögel tirilierten, der Kuckuck schrie, die Sonne kam golden über den Wacholder und es war eitel Wonne und Lebenslust in der Natur. So richtig nach Schießen war niemand zumute. Der Herr Gutsbesitzer ist bereits um zehn Minuten vor fünf auf elegantem Jagdwagen mit zwei spritzigen Trakehnern davor angeprefdjt gekommen, neben sich den Doktor als Sekundanten und gleichzeitig als Arzt. Die beiden Hamburger Zylinbermänner hatte Bode direkt von der Kleinbahn an den Kampfplatz beordert. Der Tierarzt als Unparteiischer hatte es vorgezogen, einsam und allein aus seinem Fahrrad auf der Walstatt zu erscheinen, um nach keiner Seite- hin der Parteilichkeit geziehen zu werden. Bloß Bode als Hauptperson fehlte noch. Schon begann der Gutsbesitzer ein ironisches Gesicht aufzusetzen, fein Doktor-Sekundant ihm darin zu affiftieren, der Tierarzt erleichtert auf- zuatmen, während die Gesichter der honorigen Hamburger Kavaliere immer länger wurden — als plötzlich, fünf Minuten nach 5 Uhr, der Zuckeltrab eines Bauernwagens von der naheliegenden Kreischausiee zu vernehmen war. Unter befreitem Seufzer wickeln die Hamburger dis beiden vorsintflutlichen Mensurpistolen aus Futteral und Tüchern und legen sie zur Auslosung parat. Da erscheint auch schon der Egestorfer Bauemwagen auf der Lichtung, Bode im Stehen kutschierend und noch ein letztesmal grimmig-unter- nehmungslustig querroeg mit der Peitsche knallend. Aber wer beschreibt das Erstaunen der feierlichen Versammlung, als sie näher hingucken und Bode mit einmal als fchwerumgürteten Mann erkennen müssen! Es ist in der Tat so: der Pastor Bode hat dem Vorhandensein der Mensurpistolen bzw. vielleicht diesen selbst nicht getraut und sich fein eigenes Schießeisen mitgebracht — einen Armeerevolver von 1870, im Futteral und an einem alten Offizierkoppel ihm schwer um die Hüften hängend! Verdammt kriegerisch baut er sich nach souveräner Begrüßung am einen Ende der bereits abgemessenen Distanz auf. Das war ja nun gegen alle Herkunft und Bestimmung. Und. da Bode sich strikte weigerte, mit einem anderen, verdächtigen Instrument als dem ihm vertrauten Armeerevolver zu schießen, sah der sich schnell konstituierende Duellrat keinen anderen Ausweg, als zunächst einmal den vorgeschriebenen Versöhnungsversuch mit besonderer Jnbrust zu unternehmen. Es wurde also feierlich und zu Herzen gehend zur Ver- föhnung aufgefordert. Und wer beschreibt das Erstaunen der kriegerischen Versammlung, als wider Erwarten von der Ecke des Gutsbesitzers her ein vernehmliches: ,Hch bin dazu bereit!" ertönt. Sei es, daß diesem Herrn die ganze Sache doch mehr Hokuspokus geschienen hatte, sei es, daß ihm der vorsintflutliche Armeerevolver Bodes ein unüberwindbares Grausen einflößte — kurz und gut, er war zur Versöhnung bereit. Aber wer beschreibt das noch größere Erstaunen, als Bode daraufhin plötzlich seinen Revolver hebt, entsichert und in schneller Folge, über die Köpfe der Anwesenden und seines Gegners hinweg, das ganze sechsschüssige Lager im Schnellfeuer austrommelt! Augenzeugen berichten, daß Gutsbesitzer, Doktor, Tierarzt und Hamburger Zylindermänner sich beim ersten Schuß sofort platt auf die Erde geworfen und Bodendeckung genommen haben. Bode aber hat feinen ausgefeuerten Revolver befriedigt gesenkt und sich dahingehend geäußert: die Friedfertigkeit feines Gegners rühre ihn zwar — aber knallen hören hätte er es heute müssen, andersherum könne er sich nicht versöhnen! Aber nun stand der Versöhnung ja nichts mehr im Wege. Sie ist denn auch gebührend gefeiert worden. Alle Mann hoch sind sie aus Bodes einspännigen Bauernwagen geklettert und den Tag unö die nächste Nacht hindurch einträchtig von Dorf zu Dorf und von Krug zu Krug gefahren. Für die Strecke zwischen den Dörfern haben sie sich außerdem von Krug zu Krug den nötigen Flaschenvorrat für unterwegs mitgenommen. Und im Morgengrauen haben sie zwischen Wilsede und Egestorf auf dem Haidberg ein zweites Duell veranstaltet, diesmal nach allen Regeln der Kunst: auf zwanzig Schritt Abstand haben links der Gutsbesitzer, Doktor und Tierarzt Stellung bezogen — rechts Pastor Bode mit den beiden Hamburger Zylindermännern. In der Mitte haben die beiden Zylinder gestanden, und mit je drei leeren Flaschen haben sie diese feierlichen Attribute überwundener Blutrünstigkeit in Grund und Boden gefchossen. Daß diese Geschichte wahr ist, bezeugt der Erzähler, der sie'zum Teil selbst erlebt hat. Sie läuft Überdies noch heute in den Heidedörfern um. ! i > I ! I l I i 1 I I I i I '1 ( I ! t l i e t i r d t li a 9 d t ! 3 S t ii ? h n ff n Verantwortlich: vr. HanSTHhriot.—Druck undVerlag:BrühlscheUniversitätsdruckereiR. Lange, Gießen.