GietzenerLamilienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Freitag, den 25. September ' ttummer Z4 ß^nftine von Vornan von Rolf Brandt Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin 1. Fortsetzung. Der Baier strich ihr leicht über die Schultern „Du weißt, deine Mutter starb als du ein Jahr alt warst. Es ist kein Geheimnis dahinter nur mochte ich nicht viel davon sprechen. Es war sehr schwer für mich, wie du dir vorstellen kannst. Vielleicht reden wir später einmal mehr oaoon. Ich habe dir ja das Bild gezeigt, das Großvater von ihr gemalt hat, und ich habe dir eine Photographie von diesem Bild machen'lassen. Es ist wirklich nicht mehr davon zu sagen in diesem Augenblick." Christine senkte den Kopf, wie sie es gewohnt war, wenn der Vater styr emst und sehr langsam sprach. Dann wickelte sie das Geschenk des Generals aus. Es war ein kleiner goldener Becher, den ein berühmter Goldschmied entworfen hatte. Das Wappen der Jrrtisch war darauf, um- geben von den Allegorien des Friedens und des Krieges. Auf der freien Ruckfeite war eingraoiert: „Für Christine von Nucktasch. Möge sie immer den Wein der Freude und der Hoffnung aus mir trinken!" lagen ein paar prachtvolle eingebundene Bücher, eine goldene Brosche mit einem Türkis in der Mitte, ein großer Kasten, in Oem aus weißer Seide ein prachtvoller silberner Spiegel ein Kamm und eine Bürste lagen. Onkel Paul kam jetzt in den kleinen Salon. Er hielt sein Geschenk in Oer Hand: „Olles Silber und Broschen, die du doch nicht trägst, min iJecrn, wirst du ja genug gekriegt haben. Ich hab' dir was geschenkt, na ja, nun Luttjes, ich hoffe, daß es dir auch Spaß macht. Es ist nicht für hundert Jahre berechnet." Er stellte einen kleinen Reisekosfer auf den Tisch, der vollständig eingerichtet war, mit silbernen Bürstchen, Dosen, Spiegel, Schuhanzieher, allen Toilettensachen, die ein junges Mädchen für die Reise braucht. „Es hat mir Spaß gemacht, min Deern", sagte er, „das Kramzeugs Zu kaufen. Hoffentlich macht's dir auch Spaß, es zu benutzen!" Der Regierungsrat fand das Geschenk außerordentlich unpassend, aber er lächelte. Was sollte man schon mit Onkel Paul anfangen! Es war zu Ostern 1914. * Man sprach vom Krieg. Der Gutsinspektor, der Reserveoffizier bei den Vierundzwanzigern in Neuruppin war, erklärte, er habe es im Gefühl. „Als ich las", sagte er, „daß sie den Erzherzog-Thronfolger, den Ferdinand, in Sarajevo niedergeschossen haben, sah ich den Krieg. Wann war denn das? Es war ... Ende Juni war es! Ich war nach den Elb- wiesen geritten, dann nahm ich den Landweg und bog rechts bei unserem W" zenschlag ein. Ich freute mich noch, wie gut der Weizen stand. Da kam .. Wer kam da noch? Es war der Großknecht von Dietwalde, und der sagte: .Herr Inspektor, haben Sie schon gehört', sagte er, ,der Thronfolger ist tot!' Ich fragte noch ganz dämlich: .Welcher Thronfolger?' ,31a, der von Oesterreich-lkngarn! Den haben sie in Sarajevo umgebrachtl In Hamburg rufen fie Extrablätter aus. Unser Inspektor f)at schon telephoniert.' Da sah ich es über den Weizenschlag, es war um die Mittagszeit, wie eine helle Flamme hochgehen, eine große hellrote Flamme. Ich lass' mir da nichts sagen, ich habe es geßchen!" Onkel Paul sah etwas ärgerlich über den runden Tisch auf seinen Inspektor. Er sagte: „Dat wird die Mittagstid gewesen sein. Ick glöwe nicht an Krieg. Mach man nicht solche Augen, Christine! Seine Maje- >iät ist in Norwegen. Denken Sie vielleicht, Herr Preterson, der Kaiser gondelt in Norwegen herum, wenn es Krieg gibt? Er würde nicht daran denken, sage ich Ihnen!" Seine Frau saß wie immer schweigend bei der Tafel. Sie fragte der Reihe nach herum, den Inspektor, den Großknecht, die Großmagd, die alle um den großen runden Tisch saßen, ob jemand noch etwas IJ°n den Klößen wolle. Sie füllte selbst die Teller, die an sie herange- f.eicht wurden, und gab jedesmal die frische Portion mit einem freundlichen, Hellen Blick zurück: „Es sind die ersten Birnen", sagte sie. „Sie lammen diesmal sehr früh." Sie lächelte: „Aber ich will nicht sagen, 4err Preterson, daß dies nun ausgerechnet Krieg bedeute!" Christine fragte, und alle wandten ihr die Augen zu: „Nach welcher Richtung wehte denn die Flamme, Herr Preterson?" Preterson tat ein Stückchen Räucherspeck, ein Stückchen Kloß und eine öer kleinen ersten Birnen zusammen aus seine Gabel. Er aß den Bissen sorgfältig auf dann sagte er: „Sie haben recht, gnädiges Fräulein es war merkwürdig! Der Wind kam von der Elbe her, und der mei ern Wag lag fast weiß hingebreitet unter dem gleichmäßigen Wind nach Osten. Aber die Flamme (prang hoch mit großen roten Zungen, und sie kam von Osten — Gott, hilf mir, sie kam von Osten!" "f.r Inspektor hatte dabei die hellblauen Augen ganz groß aufgerissen. r,u^9 und ein wenig spöttisch an. Aber der Mann hielt bCnHnM mUS'fC^ laife: "Gnädiges Fräulein, es gibt Krieg, sage ich!" c ^aur „Warum wollen Sie denn durchaus Krieg haben, nnh I.... „: xi .. ,,, ' ö'ge, der noch einen Krieg kennt, und ich bm nicht so sehr dafür! ’ " Der Inspektor sah Christine an und blickte dann durch die niedrigen der Einfahrt^ ^^nrondell mit den paar Rosenstöcken, das vor „Ach, es ist stockig überall", sagte er. „Man kommt zu nichts! Es wäre ganz gut... 7 „Aber Preterson", sagte Onkel Paul, „Sie versündigen sich! Wieso kommen Sie zu nichts?" 1 ’ 1 ./Pe,r Inspektor zuckte die Achseln. „Ach, man sagt nur so, ich habe mich nicht beklagen wollen! ■ ’ "Wennxes Krieg gibt" fagte Christine, „will ich auch hinaus, ich will Krankenschwester werden. Ich könnte da nicht hierbleiben!" „Ach, du bist viel zu jung, min Lüttjes!" sagte Onkel Paul „Und der Krieg wird nicht bange dauern, gar nicht lange dauern", erklärte der Inspektor. Onkel Paul wurde plötzlich ganz ernst: „Ich finde, daß man sich ja nun mit solchen Gesprächen geradezu versündigt! Ich verstehe ja gar nichts, und ich glaube auch an keinen Krieg, denn der Kaiser ist ja in Vtorroegen, aber an einen kurzen Krieg glaube Ich schon ganz und gar nicht. Das Ende erlebe ich nicht mehr." Christine ließ sich die Schimmelftute Himmeldreck satteln und ritt in öen sonnigen Nachmittag hinaus. Sie hatte leicht reiten gelernt, und die kleine weiße Stute war sanft und folgsam. Sie stammte eigentlich von dem Nachbargut, das mit einer englischen Frau und englischem Geld sich stattlich eingerichtet hatte. Die kleine irische Stuke war für eine Kusine angefchasst worden, die aus England zu Besuch gekommen war. Ach, man hatte ja (o viele Beziehungen zu England hier nördlich von Hamburg an der breiten Niederelbe, die in dasselbe Meer mündet in das auch die Themse floß. Onkel Paul hatte immer noch nicht die Beschichte erzählt, warum diese kleine Stute diesen sonderbaren Namen hatte. Denn sie war ein frommes Damenpferd und hatte gar keine Eigenschaften an sich, die den Anlaß zu einem so absonderlichen Namen geben konnten. Christine ritt im leichten Trab in der Richtung des Elbedeiches. Jhreü Badeanzug und ein Handtuch hatte fie in der Satteltasche bei sich. Die Weizenschlage waren schon reif. An der Wegkreuzung nach Dietwalde wurde schon eifrig an der Ernte gearbeitet. Es gäbe ein überreiches Jahr hatte Onkel Paul gesagt. Während Christine sich im Prab wiegte und die langen Beine den Pferdeleib fest umschlossen hielten, die Knie dicht am Leder, so, wie es Herr Preterson sie gelehrt hatte, dachte sie immer das gleiche: Wenn Krieg kommt, kann ich nicht zu Hause bleiben! Ihre schnelle Phantasie entwarf schon das Bild von stürmenden Regimentern, so, wie es der Großvater gemalt hatte, zerfetzte Fahnen, und in der Lust, man konnte es auf den Bildern fühlen, in der Luft ein Trompetensignal. Wiesen begannen, Apfelbäume standen in langen Reihen, die Früchte glänzten schon rot und gelb zwischen dem Laub hervor. Am Himmel zogen ein paar große helle Wolken. Dieser Himmxl war unendlich weit, er roar so, daß er sehnsüchtig machte. Sie verstand es, daß Onkel Paul niemals nach der Stadt wollte. Ach, dies hier war ein Himmel, daß man ganz klein wurde und das Herz fast Angst hatte vor der Größe der Erde. Ganz fern am Horizont wurde dieser lichtblaue Himmel von einer silbernen Helligkeit erfüllt, so, als öffne sich dort oben über dem Meer geradeswegs das Riesentor der Ewigkeit. Sie ritt den schrägen Weg zu dem uralten Seedeich hinauf und dann chräg wieder hinab zu den Wiesen an der Elbe. Sie band Himmeldreck an einen Pfosten an, der für solche Zwecke eingeschlagen war, und legte 'ich in das hohe, schwere Gras. Die Rindviehherden gingen Schritt für Schritt äsend weiter. Da waren die Koppeln für die Pferde, die Mutter- tuten gingen plötzlich wie ein Sturmwind über die Grasnarbe, und die jungen Füllen mit den eckigen Körpern und den viel zu langen Beinen stürmten den Müttern nach. Von der Elbe her klangen ununterbrochen, wie ein Lied, die Signale der Schiffahrt. Ein rollender Ton der Bagger, das tiefe Tuten eines großen Dampfers, dessen Schornstein man aus der Ferne sah, so, als gleite er auf dem Wiesenplan entlang. Grelles Läuten, schrilles Rusen der JU Christine öffnete die Augen jetzt ganz Sie Meine dmikel- haarige firau vor ihr stehen, die sich zu ihr niederbeugte. .Christine sok» in warme braune Augen. „Es ist wirklich mcht leicht, gnablge firau , sagte sie. ,Lch bin nämlich ein furchtbares Schaf. Ich wollte über dl« Elbe schwimmen, und es geht ja gar nicht. Die Frau lächelte: .Nein, es geht ja gar nicht. Wollen Sie In die ^°'Chrsitine"fchMelte den Kopf und sah nach dem Ufer, das rasch glitt. „Ich danke Ihnen, gnädige firau. Ich l)abe nur eine große Bitte. Wir muffen jeden Augenblick zu dem Gut meines Onkels kommen: da am Ufer liegen meine Kleider, und da ist die Stute Hirnmelbreck angepflockt. Fahren Si« mich doch in die Nähe, bitte! Die letzten zwanzig^ Meter kann man ja wohl leicht schwimmen. Ich wäre Ihnen so dankbar. „Wie heißen Sie denn, kleines Fräulein? fragte die Dame. ,5ich bin Christine von Rucktasch." Die Frau streichelte über das nasse Haar: „Aber Kindchen, paßt denn niemand auf Sie auf? Wie ist das möglich, daß Sie hier in der Elbe. „Sie passen schon auf mich auf, sie paffen viel »uviel auf mich auf, sagte Christine. „Aber ich wollte probieren, ob man über die Elbe schwim men kann. Ich hatte mir etwas dabei gedacht." „Kinder", ries die junge Frau, ,fhi^habt wirklich einen I«ltsam«nl Fisch gefangen! Hier sitzt Fräulein von Rucktasch! Sie sind doch die Enkelink M $ 3d) b in * ’bi e^ff ntdi nj ”*0, ich bin die Enkelin", sagte Christine, „und dort' ist der Saum, dort muß ich hin," Sie sprang aus, es sah aus o s ob sie jeden Augenblick den Mantel abwerfen wollte, um sich wieder in 6'e Zob!^ri«f"di" junge Frau. „Job, dreh das Steuer, Haltebort auf die Wiese zu, Fräulein von Rucktasch beabsichtigt, auszusteigen. Der junge Mann, der sie aus dem Wasser gezogen Hatte, kam naher. „Das ist mein Bruder Heinrich Merooen. Er baut Schisse und ist sonst ein Nichtsnutz. Mein Mann steht am Steuer." Merooen blieb jetzt ernst: „Wissen Sie schon, Fräulein von Rucktasch , sagte er, „daß es Krieg gibt? Weil es Krieg gibt, sind wir umgekehrt, und weil wir umgekehrt sind, haben wir Sie gerettet. Ich war gerettet", sagte Christine. „Allerdings vor dem dreckigen Ewerhaben Sie mich gerettet. Ich danke Ihnen" Sie streckte ihm die Hand hin. „Nun gibt es Krieg", sagte sie, „und ich muß zu Hause .bleiben! Das User kam näher. Ganz bunfelblaues Abendlicht lag über den Wiesen. Die Kühe brüllten, es war ihre Zeit, da sie gemolken werden sollten. Jetzt waren es noch fünfzig Meter bis zum Ufer. Christine warf den Mantel ab, drückte der fremden firau die Hand: „Ich danke Ihnen, Sie waren sehr gut." Sie lächelte den jungen Mann an: „Geben Sie wohl, mein Retter! Sie haben es gut. Sie dürfen in Der junge Herr versuchte, ihre Hand zu halten: „Wird man Sie nicht Wiedersehen, firäulein von Rucktasch?" n s. Sie sind doch im Krieg, und ich bin bei Papa! Wo sind Sie im Krieg?" Sie stand schon dicht am Rande des Bootes. .Ich bin bei der kaiserlichen Marine. Wo, darf ich nicht sagen. Christine spannte den Körper: „Geben Sie wohl, schießen Sie gut! Sie war schon wieder im Wasser. Das war jetzt gelb und schmutzig und hatte sein Gold verloren. Sie merkte aus einmal, wie müde sie wari hundemüde. Mühsam schwamm sie ans Ufer, kletterte durch den Schlick und ging mit langsamen, kleinen Schritten über das fette, schwere öras. Die Schimmelstute Himmeldreck sah ihr entgegen. Neben ihr aber stand schon ein Knecht vom Gut. Christine fror, obwohl der Sommerabend warm über das vano atmete. „Hat Onkel Sie geschickt?" fragte sie , „Ja, Fräulein," Unvermittelt fetzte der Knecht hinzu: „Et giot so nu wohl Krieg." ' (Fortsetzung folot.1 d^Es ’joU nicht so kommen! Sie warf sich resigniert auf den Rücken. Sie muh erst die Müdigkeit überwinden. Bielleicht kam ein Schiff. Da zog wirklich eine Jacht heran, eine wunderschön« Hamburger Jacht. Sie tief. Wie klein war ihre Stimme und wie stark war die Elbe. Ach, die Jacht war vielleicht hundert Meter entfernt, aber die Kerls dort, die unterhielten sich wahrscheinlich. Da stand auch eine Dame in weihen Hosen am Bug, aber dies Kamel sah nichts, während man hier eiend °Cr Der Pfarrer fiel ihr ein. Es war fo lange her, fo schrecklich lange her, da hatte er mit ihr gesprochen: Wer nicht glaubet, der isset sich selber ^3®Vab^gegtaubt, lieber Gott! Ich habe doch geglaubt, hilf mir doch! Ich bin so kindisch und schlecht, ich will besser werden! Die Jacht glitt weiter dem Meere zu. Nun sah man in der Ferne einen weißen Dunst. Sie roarf sich wieder herum. Nun waren schon kleine Wellen um sie her. Es geht ja so rasend schnell, dachte sie. Ich will auch nicht mehr Krankenschwester werden, ich gebe alles aus! Ich will versuchen, wie die anderen zu sein! Du hast es mir doch gegeben, Gott, nun laß es mich doch leben! Kamps war zwecklos, das merkte sie. Sie glitt wieder auf den Rucken. Immer schneller ging es nun stromab. Da, plötzlich stand in der goldigen Helle eine schwarze Wand, keine zehn Meter vor ihr. Die Wand kam näher. Bon der Wand hing eine alte, rostige Kette. Mein Gott, laß mich auf die Kette treiben! Sie blieb auf dem Rücken liegen, sie versuchte zu lenken, ach, die filut lenkte sie. Da war die Kette. Sie umarmte sie mit beiden Armen. Gleichzeitig fühlte sie, wie ihr Geib herumgerisfen wurde und die Füße gegen die glitschige, von Muscheln überzogene Ewerwand schlugen. , . „. .. Christine hing an der rostigen Kette. Sie sah sich um. Nun waren öie Dampfer wiener da, fU hörte das dumpfe Tuten. Sie sah die Barkassen, die fortwährend „Bahn frei" riefen. Der Strom war laut, das Wasser gluckste hart und herrisch an die schwarze Wand vor ihr. Es war em Gärmcn und Dröhnen in der Gust. Sie hob ihre kleine Stimme. Sie schrie mit aller Kraft. War denn niemand auf diesem Ewer, der sich hier im Strom verankert hatte? Sie wagte nicht, loszulassen, um aus die andere Seite des Ewers zu kommen: sie wußte, sie wärt von den glitschigen Wänden sofort abgeglitten. Sic hielt krampfhaft die Kette, sie schrie mit aller Kraft. Da beugte sich ein Männerkops über die Reling, jemand schrie herunter: „Wer ist denn da an?" Dann lachte jemand. Das war eine Gemeinheit. Aber wenn man eben ganz allein war mit dem Tod, dann läßt man nicht los, selbst dann nicht, wenn da oben ein gräßlicher Kerl steht, der l0rfSie schrie hinaus: „Wollen Sie mir eigentlich helfen?" „Tscha", sagte der Mann, ,chat möt wi woll dun!" eben, wischte mit einem Taschentuch das Salzwa, er vom we|.cy,, u,.„ dann fühlte sie einen weichen Mantel um die Schultern. „Was machen Sie für Sachen, Kind?" jagte die Frauenstimme. Christine wurde zurückgeschoben blinzelte em wenig und faß in dnem tiefen Korbstuhl Sie hörte die Frauenstimme sagen: „Gdjert euch jetzt hier fort ihr beiden!" Es ist kein Spaß, hier in der Strömung abgetrieben schnellen Jacht, die braunen Segel der Ewer glitten wie ein Zug von I freDbern'Älitta?(ant" Nun wurde der Himmel ganz schnell bunteirot in der Ferne war tiefes Kobaltblau dareingemischt. Die Elbe war wie mit Goldhauch Überzogen. Sie glühte golden, und jedes Schiss z g '°"^hnstine"Ezo?d^Reitstiesel und die knappen Reithosen aus und lief im Bad'änzug ^>ie paar hundert Meter bis zum Ufer Das hatte sie gewollt in dieses abendliche Gold tauchen, wahrend drüben auf der Han noverschen Seite die Strohgiebel über den Deich glanzten und aus de oberen Fenstern der alten Häuser ein purpurner Schein brach. Sie schritt über das letzte Stückchen fetten Grases, «Swang sich mit ein paar langen Sprüngen über den unangenehmen weichen Grund und " l sich in das goldene Wasser. Das war leicht und trug unmerkl.ch in her breiten ruhigen Strömung vorwärts. Drüben über dem hohen Deich glänzten bie Strohgiebel. Christine dachte: Ich will mir em Zeichen fteUen. ®s geht ja viel leichter, als sie sagen. Es geht ja immer leichter, als sie sagen man muh es nur versuchen! Es kann nicht so schlimm jein, über die Elbe zu schwimmen! Wahrscheinlich kommt man auch zuruck. Schließlich bekommt man drüben auch ein Boot. Wenn es mir gehngt, herüberzukommen, und ich komme herüber, dann werde ich auch Schwe Her sein dürfen und in den Krieg können, und Vater wird mich nicht einsperren während draußen das Gröhe geschieht! Ich werde den verfluchten Lehrer nicht mehr sehen, der Deutsch gibt, und den Schulhof nicht, ach. ich will alles tun, damit ich herauskomme! Sie schwamm mit ruhigen, starken Stoßen der Strömung. Das Schwimmen war seltsam leicht. Sie war eine Viertelstunde in diesem goldenen Gicht unterwegs, da hatte fie fast die Mitte erreicht. Run merk e sie plötzlich, wie sie schnell, es schien ihr, immer schneller stromabwärts getrieben wurde. Sie sah über das Wasser, es schien ihr, daß es immer Du muh' «inen Augenblick ausruhen, dacht« sie, so geht es ja nicht! Denn sie merkte, bah bas andere Ufer immer ferner ruckte. Sie warf sich mit einem kräftigen Schlag auf den Rucken. Da war über ihr dieser rote, herrliche Abendhimmel mit dem tiefen Kobalt dazwifchen, da mar das "ferne Geuchten. Ach, man lebte schon nicht mehr! Als sie dies dachte, durchsuhr sie ein Schreck ein noch tieferer Schreck als damals in dem Gewirr ber engen Gaffen neben der Spree. Ach, wenn man so weitertrieb, man sah keinen Dampfer ganz fern «m braunes । Segel, ganz fern, wenn man so weitertrieb — hieft Gott, dann kam das Meer. Es war Ebbe. Die Flut strömte mit ungeheurer Gewalt zuruck. Sie warf sich wieder herum und dachte: So steht es! Man muh es aufgeben. Rur zurückkommen. Sie kraulte mit aller Kraft, sie war eine gute Schwimmerin. Sie fetzte die Fähe wie eine rasende Schaufel m Bewegung und stieß die Arme im Krcmlstoh weit nach vorn, sie warf den Körper mit der ganzen Kraft nach vorwärts. Di« Arme schmerzten S,e suhlte eine sremde Mattigkeit im Körper. Aber das Ufer war noch ferner. Run sah sie schon Gichter in der Ferne. Das brennende Rot des Himmels wurde golden. Ach, so kommt es, fo kommt es, wenn man wagt! Ein Tauende klatschte neben Christine in das Waffer. Der Schrfter Ickrie herunter: „Dat bind dich man um!" Christine zerrte bas Tau heran, legte es sich um den Leib und versuchte, einen Knoten zu machen. Sie biß di« Zahne zusammen. Es g ng nicht. Jetzt rannen ihr wirklich Tränen über die Wangen. Da kam wieder ein« ber großen Hamburger Jachten vorbei. Sie hatte ben Motor angestellt und fuhr zurück nach Hamburg. Christine schrie, fo laut sie konnte, hinüber. Druden nahm man em Fernglas, änderte den Kurs und fuhr auf den alten Ewer zu. Es ging rasend schnell. Die Jacht stoppte ab Zwei Hande legten sich fest unter die Arme von Chriftine, sie ließ Tau und ^"Eerkette tos, chwebte einen Augenblick in der Höhe des Bordrandes, und banni füllte sie bie Holzkante unter den Füßen stieß selbst em wenig ab und ftanb dann am Heck ber großen Jacht. Schon ging der Motor wieder au, ut. Vor ihr stand ein junger Mann, ber sie ausgiebig musterte. »Einen hübschen Fisch haben wir ba geangelt!", sagt« «r, „einen hubft'en oifdb „Mir ist gar nicht zum Lachen", sagte Christine. Sie winkte mit der Hanb zu dem Ewer hinüber, dessen dunkler Umriß s'ch sS»ell entfernte. „Danke auch, Lebensretter!" rief sie mit iljrer beücn Stimm«. Drüben der Mann zog langsam brummend das Tauende ein. Christin« schloß die Augen. Sie wollte nicht ohnmächtig werden, aber es war ihr schrecklich, daß sie nun wahrscheinlich wurde Rede und Ant« wort stehen müssen, bah bie|er fremde Mann mit dem unverfchamten Blick sich einbilben würbe, sie gerettet zu haben. . Da legte sich eine Frauenhand an ihr« Wange, streichelte sie Sn biß - - Taschentuch bas Salzwasser vom Gesicht, und chen Mantel um bie Schultern. Oie kleine Passion. Bon Gottfried Keller. * Der sonnige Duft, Septemberluft, Sie wehten ein Mücklein mir aufs Bu Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald sein Leichentuch. Vier Flügelein von Seiden sein Trug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenschein Spielendes Licht gewahrt! Hellgrün das schlanke Leibchen war, Hellgrün der Füßchen dreifach Paar, Und auf dem Köpfchen wundersam Sah ein Federbüschchen stramm; Die Aeuglein wie ein goldnes Erz Glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hott' sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen. Darin ich las ein dichterliches Buch; So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dem Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müd' und mott Umher auf dem Papiere; Die Flügelein von Seide fein. Sie glänzeten alle viere. Am vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtlein „will"! Gar tapfer stcmd's auf selbem Raum, Hob se ein Füßchen wie im Traum; Am fünften Tage legt' es sich, Doch noch am sechsten regt' es sich; Am siebten endlich siegt' der Tod, Da war zu Ende feine Not. Nun ruht im Buch fein leicht Gebein Mög' uns fein Frieden eigen feinl Oie Katalaumfche Schlacht. Don Heinrich Zillich. Der Im Albert Langen/Georg Müller Verlag in München erschienenen Erzählung „Attilas Ende" von Heinrich Zillich, einem eindrucksvollen Bilde vom Glanz und Untergang des gewaltigen Hunnenkönigs, entnehmen wir den folgenden Auszug: Die hunnische Reiterei stand unter dem Befehl Attilas den Alanen gegenüber, um sie auf einen Schlag zu überrennen und sich in die »flanke der Westgoten zu bohren, unterstützt von den Ostgoten und Ge- piden, die Theoderich von vorne anzugreifen hatten. Den rechten Flügel Attilas bildeten, vor den Augen des Aetius, unter Theodemirs Führung die orientalischen und germanischen Gefolgsstämme, fo daß sich hier die Rassen der halben Welt versammelten. Im ersten Strahl der Sonne war Attila zum Angriff übergegangen. Das gegnerische Heer, unruhig gemacht durch die lärmenden Vorbereitungen, die es durch den Rebel aus dem Hunnenlager vernommen hatte, erwartete ihn nicht, es setzte auch vorwärts. Einen Augenblick lang waren die beiden Fronten sichtbar wie zwei Mauern, die weit in i>en Horizont verliefen und sich rasend vor Wildheit näherten, dann löste iKr Staub den Rebel ab und verhüllte den Anprall der Reiterei, die ich als erste ineinander verbiß. Der einzelne sah nichts als tausend- älttge Schemen, die im weißlichen, trockenen Dunst plötzlich wie ver- mnkelte Riesen auftauchten und zuhieben. Die Reiterei Attilas hatte die Alanen überritten, ohne sich ihres Er- lolges, gänzlich bewußt zu werden, und schlug, nach Süden schwenkend, >n die härteren Westgoten ein. Hier versagten die Pferde. Die steile Löschung der Hügelkette, die Theoderich besetzt hatte, trieb die Hunnen rus den Sätteln. Sie warfen sich zu Boden, krochen zwischen den Steinen Nir Höhe, ihre Bogen surrten vom Abschuß der Pfeile. Verschmutzt von Echweiß, Staub und Speichel, grinsten ihre Gesichter über die Erdwellen impor und verzerrten sich vor Wut, als sie nicht höher kamen. Attila suchte den rechten Flügel auf. Die Mitte lag leer von Strei« l;rn, doch angefüllt mit Toten und dem Jammer der Verletzten. San- iiban, hieß es, sei gefallen; auch Totila, das Burgunderkind, war beim trften Zusammenprall aus dem Sattel gehauen worden. Der König der Hunnen fühlte fein Werk gelingen. Wie er es gewollt, war das feind- >che Heer entzweigespalten und zwei Drittel des seinen über die West- joten gestürzt. Als er nach heftigem Ritt die Gefolgstämme Mittelger- naniens erreicht hatte, jagten sie ihm fliehend entgegen. Vor den Blöcken ter Legionen war Theodemir geblieben. Er hatte sich mitten in sie bin- «ingeworfen; da stachen ihn die kurzen Schwerter der Römer aus dem Sattel. Ouaden bargen den Leichnam; und das langsame unaufhaltsame Vorbringen der Kohorten, umwirbelt vom bunten Geflatter orienta- Äscher Truppen, bohrte sich tiefer in den führungslosen Flügel. Thoris- Kund und Aetius schlugen nebeneinander. Ihre Schwerter von un= Welcher Sänge blitzten zu gleicher Zeit empor und nieder. Es schien, os sollte das Hunnenlager, dessen erhobene Umrisse aus dem Staube her und dort aufragten, in ihre Hand fallen. Die Akatzieren, Möfler und Mythen waren schon gewichen und bargen sich hinter dem Troß, nur ->e Ouaden widerstanden der Ueberzahl. Attila peitschte die noch Kämp- flnden vorwärts. Sie bogen die Front der Römer etwas zurück und Dankten nicht mehr, als die geflohenen Stämme, von Dnegefios aus 'Wen Schlupfwinkeln getrieben, wieder in die Schlacht eingriffen. Des Königs Antlitz riß die Ermüdeten wie ein furchtbares Gespenst gegen die Römer, und diese erstarrten, da vor ihnen plötzlich der Hunne sichtbar wurde, zu Roß, das Haupthaar geöffnet uni) wie eine Fahne vom Kopfe wehend, in der Rechten das sagenhafte Schwert, während die Linke die Geißel schwang. Indessen sochten hier auf römischer Seite noch immer Aetius und Thorismund. Sie sahen den Hunnenkönig im Strudel des Kampfes, vermeinten, daß mit ihm feine Hauptmacht gegen sie stritte, und boten alle Kraft auf zu widerstehen. Dies gelang ihnen bis zum Nachmittag, als sie Unglücksnachrichten vom Flügel des greifen Theoderich erhielten. Der Westgotenprinz zog hierauf feine germanischen Hilfsvölker rasch aus dem Gewühl, befahl auch den Orientalen zu folgen, während Aetius mit den Legionen Schritt für Schritt zurllckwich. Attila an der Spitze der musischen Reiter raste Thorismund nach, den er bald erreichte. Ein Haufen jagender Menschen, zu Fuß, zu Pferd, hinter ihnen in neuen Ballen Germanen und Legionen, wälzte sich den Hügelkettten entgegen, auf denen die Westgoten die Leiche ihres Königs verteidigten. Ihre erhöhte Stellung hatte sie vor dem Andrängen der Uebermacht stundenlang geschützt, doch Theoderich mußte einem gepi- di sch en Pfeilschuß erliegen, und als die ragende, weithin sichtbare Gestalt zusammengebrochen war, hatten Walamir und Ardarich wilder zum Sturm gerufen. Es schien den Westgoten unmöglich zu siegen, aber sie starben lieber, als daß sie die Leiche ihres Königs verließen. Da Iahen sie aufjubelnd das ungeheuere Bündel kämpfender Leiber heran« rollen. Brausend verwuchsen beide Teile der Schlacht, Die Sonne lag nahe am Horizont, doch die Schlacht schien erst jetzt zu beginnen und die Taten des Tages nur ihre Einleitung gewesen zu fein. Ununterbrochen drehte sich eine Wolke von der Ausdehnung eines Tagesmarsches aus dem Gewirr der Kämpsenden und stieg wie ein Rie- fenbaum aus Staub in heftiger Bewegung zum Himmel auf. Die Völker, die sich hier schlugen, waren ihrer Führung verlustig gegangen. Wahllos vermengt hieb jeder auf den ein, den er für feindlich hielt, nur dort, wo Attila auftauchte, erkannten sich alle; die ihm Untergebenen schrien seinen Namen, und die anderen liefen davon. So bildete sich aus dem Wirrwarr als einzige Unterscheidung für Freund und Feind der Schlachtenruf. Unter dem Gebrüll „Attila" und dem Gegenschrei „Thorismund" und „Aetius" fanden sich kleine Gruppen zusammen, bemüht, sofern sie den hunnischen Scharen angehörten, die noch halbwegs zusammengeschlossenen Ostgoten und Gepiden zu erreichen. Wer abseits war, kämpfte mit seinem Nachbarn, trat aus die Leichname der Gefällten und suchte ein Entkommen, so gut es ging. Noch flirrte das Anschlägen der Schwerter wie aus Millionen Schmieden, noch stiegen die Schreie der Gemarterten auf zu den Rudeln der Raben, die hoch oben in der Luft wie schwarze Fahnen des Todes hin und her wehten und sich selbst als Sieger des Tages freudig bekrächzten — aber die Wut zerbrach plötzlich vor der Dunkelheit, ein Grauen, das alle angesichts der Ziellosigkeit ihres Tuns befiel, ließ die Gegner entsetzt vor einander fliehen. Die Hunnen liefen ihrem Lager zu, die Westgoten verschanzten sich eilig auf den Hügeln, vermischt mit Legionären und den Resten der Alanen. Der Feldruf schied die Kämpfenden, zog die Verirrten an sich heran, nun da der Schlachtlärm verstummt war vor dem Rufen der Führer und dem Flügelschlagen der großen Vögel, auf denen die Nacht heranbrauste. Doch in der Luft schien es zu widerhallen von fernem Geschrei. Man wußte nicht, schlug sich noch in einem Teil der Ebene ein Haufen, oder kämpfte es in den Wolken, welche die Sterne verhüllten. Die Geretteten horchten, und von Mund zu Mund ging in der Finsternis Geraun, die Geister der Erschlagenen stritten hoch oben miteinander weiter ... Das Deutsche Theater in Prag. Von Rudolf Adrian Dietrich. Wenn man an einem schönen Abend an der Treppe des Hradschin steht und den Blick über den Mdldaufluß, die Brücken und Lichter Prags schweifen läßt, überkommt einen ein zwiespältiges Gefühl. Wehmütig betrachtet man sich die alte Staat, die mit allen Mitteln die junge Hauptstadt des durch merkwürdige Nachkriegsumstände entstandenen tschechoslowakischen Staates repräsentieren will. Zwischen den alten, größtenteils von deutschen Baumeistern geschaffenen ehrwürdigen Barockbauten stehen die weißen „modernen" Hochhausbauten. Dann entsinnt man sich, daß dieses neue Staatsgebilde in seinem Namen zwar die Nationen der Tschechen und der Slowaken zu einem Begriff zu verknüpfen versucht, aber den Namen der Nation, die die Trägerin der Schönheit und der alten Kultur Prags und Böhmens war, der deutschen, verleugnet. Wenn unter der heutigen Regierung auch die von Karl IV. gegründete, 1882 in eine deutsche und eine tschechische Hälfte geteilte Universität völlig der tschechischen Nation übereignet wurde — es gibt in Prag offiziell keine deutsche Universität mehr, sondern nur eine deutsche Hochschule — so kann damit zwar äußerlich die Bedeutung des Deutschtums in den Schatten der tschechischen Vormachtstellung gebracht werden; ausgeschaltet werden kann es niemals, wenn die Quellen nicht versiegen sollen, aus denen Prags Geistesleben feine tiefsten Kräfte erhält. Das deutsche Theater in Prag bildet das Gegenstück. Man muß einmal wieder die alte dreibändige Geschichte des Prager Theaters von Oscar Teuber zur Hand nehmen und die verschiedenen Kapitel durchblätem, in denen „die unvergänglichen Triumphe deutscher Kunst in Böhmen, der mächtige durch Jahrhunderte wirkende Einfluß der deutschen Bühnenkunst auf die Hauptstadt des Landes Böhmen" dargestellt werden. Man wird sich mit dem Verfasser einig wissen, wenn er schreibt: „Ich will keineswegs den Ernst, die Konsequenz und den Erfolg des Strebens der tschechischen Nation verkennen, auf der Basis deutscher Kunst und deutschen Bühnenwesens das Gebäude ihrer eigenen nationalen Bühne aufzurichten", doch „bleibt das tschechische Theater in Prag ein Tochterinstitut des deutschen und hat keine llcfache, diese Abstammung zu verleugnen." Es ist sehr aufschlußreich, gerade heute wieder die alte Teubersche Theaterchronik von Prag zur Hand zu nehmen und die Entwicklung an sich ooruberziehen zu lassen, wie aus den von Studentenschauspielern des Carolinums (der alten Prager deutschen-Universität) im 16. Jahrhundert die erste ernste Theaterbewegung ausgeht, wie unter dep Grasen Sporck und N o st i z das erste „Deutsche Nationaltheater" Prags zustandekommt, das sich später zum „Deutschen Landestheater" entwickelt und bedeutenden Rang gewinnt. Auch die Entstehung der zweiten (heute einzigen) deutschen Bühne Prags, des „Neuen Deutschen Theaters , das vor fünfzig Jahren, am 8. Januar 1888 mit Wagners „M e i st e r s i n g e r n eröffnet wurde zeigt, welche Bedeutung die deutsche Theaterkunst stets für Prag gehabt hat. Noch deutlicher wird das Bild, nennt man die hervorragendsten Namen, die für das Prager Theaterleben entscheidend wurden Seit den Tagen der Hosfeste, zu denen Mozarts „Don Juan" und er selbst 1787 nach Prag kam, über das klassische Zeitalter der Prager Buhne unter Carl L i e b i ch , als Carl Maria von Weber dort „Operndirektor war. Ueber die Mitte des 19. Jahrhunderts, als dem Prager Theater der strahlende Stern Henriette S o n t a g s erstand, die als Zehnjährige hier die Bühne betrat. Erst als — unter Holbein, S t ö g e r , T hom e — das deutsche Theater auf eine Tradktion künstlerischer Hochleistung zuruck- blicken konnte, begann sich daneben 1864 auch ein tschechisches Theater zu bilden, das freilich erst 1881 unter der Leitung Rudolf Wirsings ein achtenswertes Ensemble und ein eigenes Haus schaffen konnte. Als durch Fahrlässigkeit dieses Gebäude gerade vor der Eröffnung ein Raub der Flammen wurde, waren es Deutsche — wie der Abgeordnete Wolf rum im deutschen Landtag in Prag — die sich dafür einsetzten, daß die t chechische Bevölkerung trotzdem ihr eigensprachliches Theater erhalte: deutsche Hilfsbereitschaft steuerte hervorragend zum Wiederaufbau des Theaterqebäudes bei. Das darf schon deshalb nicht vergessen werden, weil als 1883 — zwei Jahre später — das Gesuch um Bewilligung zur Errichtung des „Neuen Deutschen Theaters" eingereicht wurde, dieses Gesuch von der tschechischen Mehrheit abgelehnt wurde, so daß erst ein daraufhin gegründeter „Deutscher Theaterverein" in vier Jahren die Summe selbst aufbringen mußte, die für den Bau des Hauses notig war. Das alte „Deutsche Landestheater" hatte gerade am 21. April 1883 seine Jahrhundertfeier mit Lessings „Emilia G a l o t t i begangen. Nach Krisen, die gegen Ende der siebziger Jahre durch die Kreidig che Direktion verursacht wurden, erlebte es abermals eine Glanzzeit, als Angelo Neumann die Prager deutschen Bühnen übernommen hatte. Die Berufung Neumanns (aus Bremen) hatte Prag einen genialen Reorganisator des Theatermesens gebracht: er stabilisierte jetzt seinen Kampf für Wagners Kunst in Prag und hob das „Neue Theater" zum Rang einer europäischen Bühne Seither gastierten nicht nur wie in Angelo Neumanns berühmt gewordenen Prager Maifestspielen einzelne Größen der Opern- oder Schauspielbühnen Deutschlands oder ganze Ensemble wie die ersten Besetzungen der Berliner und Dresdner Bühne in der Moldaustadt, auch vmgl>kehrt nahmen zahlreiche anerkannte Bühnenkünstler wie Jaro Pro'-aska. Maria Müller u. a. von Prag her ihren Weg in das Re' . Erst mit dem unglücklichen Kriegsausgang und der Entstehung des tscheckio-slowakischen Staates wurde die Lage des deutschen Theaters in Prao schwierig, die Bewegungsfreiheit eingeengt. Dennoch kämpft die Prager Bühne als Vorposten deutscher Kultur zäh für ihre künstlerische Aufgabe. Mit der deutschen Hochschule, mit den verschiedenen kleineren deutschen Kulturinstituten zusammen bildet sie ein Zentrum deutschen Gemeinschaftslebens der Moldaustadt und des weiteren Böhm-ns bis zu den deutschen Randgebieten der Sudetenländer. Aus di - - die deutsche Kultur verteidigenden Haltung erneuert sich seine eigene Widerstandskraft, bestätigt sich seine künstlerische und völkische Sendung Verschollene Schiffe. Bon Hans B. Wagenseil. Wenn alle die aus den Weltmeeren verschollenen Schiffe der letzten dreißig Jahre auf einmal in den Hamburger Hafen einliefen, lägen sie in dreifacher Reihe an jedem Kai. Die Schiffe, die heutzutage verschwinden, sind weder groß noch bedeutend, sie befördern keine Passagiere. Es sind gewöhnlich kleine Frachtdampser, die niemand beachtet, rußige kleine Kerlchen mit ihren Schornsteinen achtern, ihrer übers ganze Decke reichenden Luke und ein paar Mann als Besatzung. Bon dieser Art war die „Nunningham", die im April 1924 von Swansea nach Frankreich auslief und seitdem nie wieder gesehen wurde. Es war eine kurze Reise. Sie hätte während der ganzen Fahrt in Sichtweite anderer Schiffe sein müsfen. Und doch stach sie in See und ward verschluckt, mit samt ihrer Besatzung von vierzehn Mann, und nicht so viel wie der Splitter einer Planke kam je wieder an Land. Solcherart war auch der Newcastler Dampfer „Eiston", der Grimsby mit dem Ziel Dänemark verließ und mit Mann und Maus verloren ging. Kurz danach wurde ein halb erfrorener Mann in einem Rettungsboot van einer Jütländer Fischermannschaft aufgefischt. Der Fischerkutter nahm das Boot mit dem Bewußtlosen ins Schlepptau, aber die Wasser spülten den Körper über Bord, und der Name des Bootes war ausgewaschen. Niemand wird je wissen, von welcheill Schiff dieses Boot stammte, noch wer der Mann war. Im Mai 1931 begab sich der Dampfer „Calder" aus Fahrt über die Nordsee. Nichts ward mehr von ihm gehört. Nichts trieb an, uni sein Schicksal zu verraten. Er machte eine kurze Reise auf dem befahrensten Meer der Welt. Er war ein ganz neues Schiff, fest gebaut und seetüchtig. Er verschwand spurlos für immer. Dann war da die „Aurora", ein Expeditionskutter, der für antarktische Forschungszwecke gedient hatte und auf einer Handelsfahrt verscholl. Kein Mensch weih, wie das zuging. Ursprünglich als Segler und Walfischfänger für die arktischen Regionen gebaut, überstand die , Aurora" viele Jahre harter Arbeit im hohen Norden. Dann wurde sie dazu ausersehen, an Shackletons antarktischer Expedition teilzunehmen. Später befuhr sie die südliche Polarzone unter dem Forscher F i l ch n e r. Danach waren die Expeditionstage der „Aurora" beendet. Sie nahm in Newcastle (Neusüdwales) eine Kohlenladung nach der Westküste von Südamerika aus. Der Lotse brachte sie auf hohe See; sie blähte ihre Segel unter günstigem Wind und strich ab — ein Bild, das die Seemannsherzen höher schlagen ließ. Das war vor fünfzehn Jahren. Niemand hat sie seitdem wiedergesehen. Sie war sehr klein für die Fahrt aus hoher See; aber sie war tüchtig und eben erst sorgfältig überholt worden Bier Wochen lang nach ihrer Abfahrt war das Wetter andauernd günstig. Sie hatte zahllose gewagtere Reisen gemacht. Dennoch ereilte sie ihr Schicksal auf einer gewöhnlichen Handelsfahrt, die so gefahrlos schien wie eine Ueberfahrt von Bremen nach Helgoland. Mancher dieser verschwundenen Schiffe sind von der Unbill des Wetters besiegt worden. Bor Kap Horn in wochenlang währenden Sturmen kreuzend, gerüttelt von wütenden Wassern und heulendem Wind, kam irgend eine große Sturzsee und fegte sie kahl, zerschmetterte Deckhaus und Planken. Sie sausten mit einem Wellenkamm hinunter und anken wie Steine, wahrend die Mannschaft drunten in ihren Hängematten schlief. Nichts kann übrig bleiben von einem Schiff, das solcherart wegsackt. Es gibt nichts, was nicht fest angeschraubt wäre an Deck eines Seglers, der Kap Horn umschifft. Sehr häufig werden selbst die Rettungsboot unten vertäut, um nicht von überkommenden Sturzseen mitgerissen zu werden. Wer fragt danach? Jedermann weih, daß fie bet einem solchen Seegang nutzlos sind. Es bleibt keine Zeit, um auf einem untergehenden Segelschiff Boote auszusetzen. Es gab Fälle, in denen große Dampfer, die Stunden brauchten, ehe fie sanken, ihre Rettungsboote nicht ausgesetzt haben. . Die Luken sind des Schiffes verwundbarster Punkt. Auf manchen Schiffen wendet man ganze Tage daran, sie zu kalfatern, sie abzudichten und Wellenbrecher über ihnen zu errichten, besonders auf den Kap- Horn-Schiffen. Selbst dann schießen die Wellen gewöhnlich über und dringen durch das Wachstuch und die Verdichtungen. Das Eis fraß andere Schiffe. Kap Horn gehört noch zur Treibeis- zone. Eis läßt einem keine Möglichkeit. Man kann es nicht sehen. Man muß tausende von Meilen innerhalb der Treibzone fahren und auf sein Glück bauen. Ist es gegen einen, so ist man geliefert. Segelschiffe sind nicht mit Suchern ausgerüstet, um nach Eisbergen Ausschau zu halten. Viele von ihnen haben überhaupt kein Licht. Sie segeln einfach drauf los und bauen auf ihren guten Stern, der sie manchmal im Stich laßt. Das größte Geheimnis des Meeres der letzten Jahre ist zweifellos das Schicksal der dänischen Fünfmastbark „Kopenhagen", des reichlichst ausgerüsteten Segelschiffes der Welt, das mit einem Dieselmotor gegen Flauten und Windstillen versehen war. Sie führte an die sechzig Kadetten an Bord, aus den besten dänischen Familien ausgewählt, und einen Kern gejchulter Mannschaft. ™ „ Die „Kopenhagen" ging von Montevideo mit Zielhafen Melbourne, Australien, am 15. Dezember 1928 unter Segel. Sie wurde von einem deutschen Dampfer ein paar Tagereisen vom Rio de la Plata entfernt gesichtet. Bon da ab wurde nichts mehr von ihr gehört. Sie gab keinerlei Signale, obwohl sie mit Radio ausgerüstet war. Sie wurde als verlustig gemeldet, die Versicherung zahlte, und der Vorhang fiel. Die Monate verstrichen, und nichts ereignete sich. Dann, eines Tages, em Jahr danach, berichtete eine der Missionsstationen auf dem einsamen Eiland von Tristan da Cunha, daß sie am 21. Januar 1929 em wrackes Segelschiff, offenbar fünfmastig, an der Insel habe vorbeitreiben sehen, mit nur noch einem Fetzen Segel, sinkendem Heck und offenbar unbemannt, Konnte das die „Kopenhagen" gewesen sein? Die Zeitangabe stimmte. Tristan da Cunha lag mehr oder weniger in ihrem Kurs „Es gibt keinen Zweifel betreff des Schiffes, das mir sahen , schrieb einer der Missionare. „Es hatte fünf Masten: aber der Vordermast war gebrochen, die nackten Spieren ragten gen Himmel. Ein weißer Streifen um den Schiffsrumpf war das am meisten ins Auge fallende Merkmal. Die See war zu rauh für unsere Boote, die aus Segeltuch gebaut sind, so konnten wir es nur langsam vorbeiziehen sehen und wie es zwischen den Klippen an der Westseite der Insel verschwand. Es war ungefähr eine Viertelstunde vom Strand entfernt, als wir es zuletzt sahen. Ich glaube, es muß ihm nahezu unmöglich gewesen fein, wieder zwischen den Klippen herauszukommen. Verschiedene Dinge sind seitdem an Land gespült worden — so z. B. Kisten und ein Book mit flachem Boden. Viele Fragen bleiben offen: Warum setzte das Schiff nicht aus gut Glück ein Rettungsboot aus? War seine gesamte Besatzung tot oder war es aufgegeben worden, ehe es zu uns kam?" Später erfuhr man von dem Zimmermann auf der finnischen Bier- mafterbart „Ponape", daß sie in Sichtweite von Tristan da Cunha an eben dem Tage vorübergefahren waren, den der Missionar erwähnt. Macht das den Bericht des Missionars zunichte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ein Laie könnte sich in der Zahl der Masten eines Seglers irren. Die „Ponape" hatte vier Segel gesetzt: sie hatte den Anstrich der „Kopenhagen". Aber sie kam nie dem Strand von Tristan da Cunha so nahe. Trieb vielleicht ein anderes Wrack an ausgerechnet dem gleichen Tage an der Jnfel vorbei? War die „Kopenhagen" von Tristan da Cunha aus gesichtet worden, in aller Hast, nach einem Zusammenstoß mit dem Eise vielleicht, was den gebrochenen Mast und das sinkende Heck erklären würde. Und bann: es fehlten die Rettungsboote ... Es ist eine seltsame Sache, ^daß ein seetüchtiges, wohlbemannte. Schiff so auf einer einfachen Reise verschwinden soll, so spurlos, daß fein Schicksal sich nie sollte klären lasten. Und doch geschah das mit hundert und mehr Schissen während der letzten fünfzehn Jahre. Was wuroe aus all diesen Schiffen? Nie trieb irgendwelche Flaschenpost an Lano, niemand entkam. Sie könnten alle eine neue Welt, eine 2lt(antis eni- deckt haben und dort geblieben fein, fo spurlos sind sie verschwunden. Berantwortlick: Dr. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei R.Lange. Wietzen.