Gießener Kunilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang I4Z8 Moniag, den 2Z. Mal n„..„ I Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT don Maria Josepha Krück von Hoturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart Der Mann lachte auf: „Und das soll ich Lady Hefter Stanhope glauben, von der man hörte, daß sie im letzten Winter eine gefeierte junge Dame war?" Hefter zuckte die Achseln: „Wie du willst —" Eine Weile wurde es still in dem hohen Gemach, Pitt schritt auf und ab: kaum merklich zuckte fein rechtes Bein — Hefter hatte gesehen, was er selbst nur erst fürchtete; die kommende Gicht im Kniegelenk, das früh vererbte Uebel des Vaters, < 17 „Hefter", begann er, „um die Brüder brauchst du keine Sorge zu haben, du darfst nicht vergessen: ich bin auch noch da. Geh unbesorgt auf Reisen, mach dje Augen aus und lerne," Er hielt an, Waren das Tränen? Der Punkt, an dem Frauen zu weinen begannen, schien ihm schwieriger festzustellen als der Augenblick einer Bundnisfähigkeit mit einem Monarchen, fester?" Sie hob den,Kopf, Nein, es schien Freude! „Danke — Onkel — Pitt!" sagte sie, „Wenn du nach der Reise zurückkommst und noch nicht weißt, was 2u sollst — seine Stimme klang leise und nah —, „werden wir beide überlegen, was zu tun ist — wollen wir?" Sie nickte; und begriff die Abwesenheit, die'plötzlich wie ein Bochanq aber seine, Augen fiel, noch ehe er weitertuhr: „Nun mußt du mich entschuldigen, Hefter, Der russische Gesandte ist §yus London gekommen" — und er hob, wie in Resignation, die Schultern ind stand aus — „du verstehst, es gibt viel 'zu besprechen —" „Addington muß dich wohl in allem vorher fragen?" Er deckte rasch ihren Mund: „Hefter ist klug ,,, und wenn sie auch im Schweigen mir verwandt nt ... Du bleibst doch bis morgen mittag?" ,La, vielleicht auch länger, wenn der Wind nicht umspringt." „Hoffen wir, daß er's nicht tut!" Die Hände mußte sie gegen den Kopf pressen, ihr war, als fliege sie Entrecht in die Luft. Das Blut stürmte durch ihre Adern, daß sie in allen ! ledern ein dumpfes Brausen fühlte. Das Leben, ihr Leben, begann! Malta oder Krieg! h Der Herbst verging schnell für Hester Stanhope. Sie fuhr durch : ilfankreich, traf den Bruder Philipp Henry dort und ritt mit ihm aus den ^.lont Cenis, dessen wilde Herrlichkeit sie tiefer ergriff als alle Festlich- knten in künstlichem Licht. Anfangs verstand sie sich glänzend mit dem -truder, der in Deutschland zum vollendeten Kavalier geworden. Dann eber ärgerte sie sich, weil er mit seiner Erlanger Bildung über ihre lln= ! (,1tfsnf)eit spottete. Und ihn langweilte es, daß die Schwester allzu viel Mn Pitt und Camelford erzählte. So fuhr sie allein mit Egertons weiter der Aufgabe entgegen, die irgendwo, groß, geheimnisreich und voller Gefahren auf sie wartete — die sich finden mußte, wenn man nur wollte! , .. ®le sprach mit Scharen von Engländern, Franzosen, Italienern, ließ W auf der Botschaft in Neapel unter dem Lächeln der Königin, Maria kherefias Tochter, feiern, flirtete nach ihrer Art, mit wem sie wollte, Muhend, schlagfertig und restlos kühl. Oft fiel Pitts Name. Aber Mr. Md Mrs. Egerton — für Hefter „ein Pantoffel, verheiratet mit einer ’ Ltans" — verrieten unter Ausländern nicht, wer die junge Dame war, ie unter ihrem Schutze stand, vorausgesetzt, daß Mylady es nicht selbst "Zahlte. Außerdem: Pitt galt als ein Mann, der keine Familie besaß. war der zweite Sohn von Lord Chatham, dem älteren Pitt, der seiner- Ms ein großer Staatsmann gewesen; das genügte der Welt auf dem I A^iuent. In Frankreich ging eine Anekdote um, Hefter hörte sie bei Hch, in einem Badeort am bretonischen Ufer. . Vor Jahren war Pitt nach Paris gekommen, alle Welt hatte dort [i jungen Staatsmann sehr heftig umworben, von Marie Antoinette D|; M dem amerikanischen Rebellen Franklin. Kaum wieder in London, "wartete ihn ein Brief: falls Mr. Pitt vorhabe, die Tochter von Mon- r Pur und Madame Necker mit einem Heiratsantrag zu beehren, möge freudigen Zustimmung und eines jährlichen Einkommens von . W Pfund sicher sein. — Pitt erzählte niemals davon; aber in Paris pg die Fama, der junge englische Minister habe geantwortet, er sei ereits verheiratet, und zwar mit England selbst. haben", erklärte uns wäre so viel ist nicht wie alle winselnd zur Ruhe. Hester horchte. Klang es nicht Kielen, draußen im Meer? Waren es Boote der «Hefter zog die feinen Augenbrauen hoch: „Selbstverständlich, an jedem andern — aber Pitt andern!" „Oh, Sie kennen Mr. Pitt?" „Kennen? Wer kennt Pitt?" fragte sie rasch. — In der darauffolgenden Nacht fuhr Hester aus dem Schlaf. Der Ozean rollte dumpf gegen kahle Felfenblöcke, die Luft heulte auf und legte fiel) winselnd zur Ruhe. Hester horchte. Klang es nicht wie das Rauschen von Kielen draußen im Meer? Waren es Boote der Franzosen, die gegen England fuhren? 1 99 „Mylady, Pitt ist der größte Staatsmann, den England feit langem blitzt, er kann es sich leisten, ein steinernes Herz zu 11 ein französischer Tischnachbar Hefters; „an jedem von Askese ein Fehler!" Sie sprang aus und trat ans Fenster. Kein Licht war über'dem Wasser zu sehen, dunkel dehnte es sich gegen Westen. Aber — wenn dennoch der Korse seine Flotte gegen England führte und kein Mensch es ahnte außer Hester rief die Jungfer: „Mach Licht!" Man muß es den König wissen lassen, was überall in Frankreich gesprochen wurde. Pitt sollte wieder Lordkanzler werden — denn nur ihn fürchtete JBonaparte! _ 2Us sie den Kiel in die Tinte tauchte,'hörte sie plötzlich Pitts warme Stimme unb fühlte seinen,Blick aus ihrer Haut. Hefters Kopf sank vornüber; sie träumte, während sie schrieb. Sonderbar — Carnelfords Bild auch wenn sie es rief, war fern und verblaßt Es gibt Blumen, die in de? Nacht, erblühen; es gibt eine Art von «tebe, die wurzelt und keimt, ehe die Seele, die sich wehren möchte, von iyr weiß; die aufsteigt wie eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten von denen nur das Herz noch weiß Anfang November fuhren Mr. und Mrs. Egerton mit Lady Hefter Stanhope zur Saison nach Paris. Die Stadt war nach blutigem Jahrzehnt wieder zu Sinnen gekommen, die eisernen Hände des korsischen Generals griffen ins Chaos und formten es zum Körper feines Willens Letzte Bourbonenfreunde faßen als Emigranten in England. Das Heer ihrer Pamphletisten bekämpfte die Heimat mit Hetzschriften und Kari- faturen Mochten sie schreiben! Frankreich hatte Bonaparte! Wieder saß die große Pariser Welt in Theatern und Salons, man tanzte und feierte den Fasching 1803. _ 1 Allerdings: da joar Malta! Vor knapp zwei Jahren hatte England Frieden geschlossen mit Frankreich und versprochen, Malta den Johannitern wiederzugeben. Monate vergingen, ein Jahr ... die.englische Garnison rührte sich nicht. Ein Vorposten auf dem Weg nach Indien war Malta; England dachte nicht daran, Malta herzugeben' Bonaparte protestierte; England hatte Ausflüchte. Besetzten nicht französische Truppen Holland, Italien, die Schweiz? Bonaparte wandte sich an die Großmächte: sie sollten die Räumung Maltas garantieren. Pitt- der unsichtbare Lenker hinter Addingtons Ministerium, bezauberte den russischen Gesandten, und daraufhin schwieg das Konzert der Mächte. Malta blieb englisch, trotz Vertrag und Versprechen. Malta oder Krieg! schrie Bonaparte wutvergesfen dem englischen Gesandten ins Gesicht. Die französischen Emigranten echoten höhnend zurück. • Malta! Ein kaum erst beruhigtes Europa begann zu erzittern unter dem Namen der kleinen Insel. England rüstete und Frankreich rüstete; im Winter 1802 zogen vorsichtige Kapitalisten ihre Gelder aus den Industrien zurück und übergaben sie den Banken. Im Frühling war der Bruch unvermeidlich. Am 17. Mai verließ Englands Gesandter Paris. Zu dieser Zeit tobt ein Mann im Schloß Malmaison. Es ist 5 Uhr morgens. „Junot, sind Sie mein Freund, ja oder nein?" Er hat den andern an einem Knops gefaßt und schüttet den verschlafenen Körper. „Mein General — mein Leben ..." antwortete es mit der Emphase des alten Kämpfers. „Gut. Binnen 10 Stunden find alle Engländer in Frankreich zu verhaften. In den Gasthäusern, Theatern, auf den Straßen, laß Ne M- nefjmen — ohne Ausnahme! In unseren Gefängnissen ist Platz genug ... Warum schweigst du?" Es schreit aus einem totbleichen Gesicht. „Mein General — alles — aber das nicht! Es sind Frauen und Kinder unter den. Engländern, harmlose Kaufleute, Reisende ..." Die Faust schlägt auf den Tisch: „England verweigert Malta! Und verläßt sich auf meine Loyalität?'' Griff. (Fortsetzung folgt.) • „Me schad«. Ich hatte mich gefreut, daß meine hübsche Nichte mich “"Sn Ä ^noch^dah du vor Angst um mich nicht hast schlafen können!" triumphierte sie. Aber der Triumph über Englands größten Staatsmann war nicht fo leicht. , c^nnhnn» >ll „Das hätte nichts geholfen. Denn ich nehme am Hefter Stanhope ist gekommen, um mir anzuvertrauen, daß sie einen Mannlietttund wann sie ihn heiraten will... Dieses Unglück ließ sich nicht verhüten. Hefter entglitt seinem Blick, sie fühlte die Warme in chren Wangen brennen, und während sie es fühlte, errötete sie noch mehr. Zr wartete^n p'anr Atemzüge lang- höflich, als sei er bereit, Weitere Erklärung zu empfangen... Die Stille wurde peinlich. Hefter sah ein wenig unsicher, von der Seite her, zu ihm hin. Jetzt begegnete fie seine Pitt aber fuhr aus London ab, die Küste von Ramsgate bl- Rye für die Landung Napoleons vorzubereiten. Hefter war vergessen. Umsonst wartete sie auf den Eilboten Pitts, der sie.zurückberuf en sollte nach England. — ... . Zwei Wochen vergingen. Mit dem nächstbesten Schiff, das Engländer heimbefördern durfte, kamen Egerlons mit Lady Stanhope nach Dover. Verspätete Briefe gelangten in Hefters Hände. Die Großmutter war plötzlich an einem Schlagfluß gestorben ... Chevening, die Heimat, war ihr verfchloffen, denn der Vater zürnte noch immer wegen des Sohnes Flucht nach Deutschland. Und Philipp Henry felbst wollte heiraten. Heimatlos war sie in England; das Reisegeld ging zu Ende, Egertons drängten nach London und Pitt — hatte sich nicht mehr um sie be- ^‘"Dennod)! Ende Juli war es, als sie nach Walmer fuhr. Die Küste, das Dorf das Schloß, glich einem Heerlager, Truppen exerzierten auf den Feldern, die Türme von Cinque Ports wurden befcftigt und Flachboote übten im Meer. 10 000 Freiwillige aus ^er Grafschaft Kent hatte Pitt zu den Fahnen und unter sein Kommando gebracht, in Walmer Castle hielt er offene Tafel für die Offiziere. Ein Sekretär empfing Hefter. Pitt komme erst gegen Abend vom Truppenübungsplatz zurück. . Drei Stunden lang lieh Hefter sich ankleiden, keine halbe Stunde verlor sie sonst damit. Zwar — sie trug Schwarz, der Trauer wegen; leider der Farbe nach blieb keine Wahl. Dennoch wurde die Entscheidung erschwer: durch ein kossbares Kleid aus französischer Seide und em anderes, das ihr befonders gut stand; durch die Wahl der Spitzen und das Material der Schuhe. Viermal lieh sie sich neu frisieren und war noch nicht fertig, als der Hausherr gemeldet wurde. „Hefter!" Zwei Hände legten sich von rückwärts um ihre Augen. „Bist du mir böfe?" sprach es in ihrem Nacken. Durch manche Nacht, zuweilen mitten am Tag, hatte diese Stimme sie überfallen. War es auch fetzt nur ein Traum? Sie hielt den Atem an, lehnte sich zurück, bis sie den Körper fühlte. Dann nahm sie feine Hände von ihren Augen und roartilie sich um. „Du bist böfe auf mich, Hefter, well ich nicht geantwortet habe. „Sehr böjer , . k. Ä k Sie trat zurück und fetzte sich, eifrig um die Ordnung der seidenen Falten bemüht. Die Leidenschaft eines Zornes, zu groß für irdisches Maß, verlöscht Stimme und Blick. Minuten wartet Junot. ..... „Mein General, überlegen Sie! beginnt er neu. „Noch ist die Kriegserklärung nicht erfolgt!" ta&nc&'fe’fe&U' w* «-b-1* - her — aber ich tue nichts, was Ihnen schaden kann! Ein Kramp löst sich, der Blick lehrt wieder in abgründige Augen Vielleicht, Junot, hast du recht. Ich bin nicht böse und nicht eigen- finniq. Laß die Engländer zu Kriegsgefangenen machen — ober weise ihnen Städte als Gewahrfam an,.Verdun, Amiens, Rouen ... Lady Hefter Stanhope löffelt ihr Frühftücksei, als jemand sie an der Schulter packt: m 3m Namen der Republik, Madame! . , Sie schluckt, legt den Löffel hin; dann deutet sie mit dem ginger auf die schlecht gewaschene Männerhand: . „ Nehmen Sie erst dieses hier von meiner Schulter weg! Der Polizist ist ein Sohn der Republik, er sennt weder Kränkung noch Mitleid. Die große Engländerin, auch wenn sie hübsch ist, kann ihm nicht imponieren. Seine Schnurrbartspitzen steigen in die Hohe. Wenn Sie sich widersetzen..." . 'Widersetzen? Was ist das?" fragt sie in schlechtem Französisch. „Ich bin die Nichte von Mr. Pitt und hoffe, Monsieur Bonaparte ist ein Gentleman." Mr. Egerlon erscheint an der Tur: „Es nutzt nichts, Lady Hefter, wir müffen uns fugen , fagt er leise aU'(£sn pofet gar nicht in Hefters Reisepläne. Als sie vor drei Monaten bürd) Stuttgart gefahren, hatte sie beschloßen, über Berlin nach Haust zu reifen. Es hieß, nur in Berlin gebe es jene vollkommenen Pudel, von denen sie einen Pitt zum Geschenk bringen wollte. — Sie fetzte sich hin und schrieb. Der Brief entging den Organen des französischen Polizeiminifters. Als er'in Walmer Castle em traf, wurde er von Pitts raschen, grisssicheren Händen fast gleichzeitig nut einem Stoß anderer entfaltet. Ein Zucken lief über fernen Mund: Richtig — Hefter! ... Er hatte ihr versprochen — was nur? „Smith" — er rief den Sekretär —, „erinnern Sie mich in London daran, dafe Egerton mit Lady Hefter Stanhope —“ Schon fingerte feine Linke in weiterem Papier, die Rechte notierte. .. Und in London, 7 Tage nach der Kriegserklärung, erhob sich Pitt m feiner Bank im Parlament, blaß, tadellos beherrscht — „Pitt! Pitt!" schrie das übervolle Haus. ' Er begann. Er sprach; verteidigte Addingtons Kabinett, das ihn selbst gestürzt, er verteidigte England gegen die Jnvasionslust eines Korsen. Unter dem schwelenden Feuer seiner Beredsamkeit fieberte das Haus, erwachte der Stolz des Jnstlreichs ... . 398 Stimmen gegen 67 erkämpfte Pitt für das Ministerium — eines andern, trotzdem Parlament und Volk in der Stunde des Krieges nach ihm., rief,pNach >hm all^ des Vaterlandes der , kleinen Moral feines Versprechens an den König, Addington zu stützen! murrten feine Meisterstück! Demosthenes hätte ihn beneidet!" schnaubte Fox, der "Führer der Opposition. — JSenn es fo ist, Hefter, dann darf ich dich bitten, bei mir zu bleiben, Mer ^die^ kühlen ^Worte waren in seltsam erregendem Gegensatz zu der Kraft dieser hellen, in sich verschlossenen Augen. Die Wacht am Kanal. Als Napoleon von seinen Siegen in Italien und Oesterreich heim- kehrte, im Herbst 1797, empfing ihn das Pariser Kabinett: Der Ozean wird stolz fein, Sie zu tragen, er ruft brüllend den Zorn der'Erde auf gegen den Tyrannen, der ihn unterdrückt Pompes »er- schmähte es nicht, die Seeräuber zu vernichten. Gehen Sie, Burger General,^ größer als jener Römer, den Riesen des Weltmeeres zu zer- WnStrber Kriegserklärung im Mai 1803 galt Napoleons verbissenes Nlanei' der Invasion in England. Don der Seine bis E den Rhein war die Küste „nichts als Eisen und Bronze". In Flandern, der Pikardy und Normandie standen hundertfünfzehntausend Mann bereit, sich nach Eng- land einzuschiffen; vor Brest kreuzte eine Flotte die Truppen in Englands nie beruhigten Rücken werfen sollte: nach Irland. Der Kanal ist ein Graben, der überschritten wird, fobaw man es wagt", rief Bonaparte im Herbst dieses Jahres; ^laßt uns 12 Stunden Herren des Kanals sein und wir sind Herren der Welt! -In England regierte ein Kabinett, von dem die eigenen Anhänger sagten, es sei das schwächste, mit dem das Land je gestraft worden, in England fafe Georg III., mit dem man nicht wagte über Staatsangelegen, heilen zu sprechen, weil er zweimal darüber geisteskrank geworden. In Irland brach Rebellion aus, anderthalb Monate nach ^r Knegserkla- runa Pitt aber, der Staatsmann, um den Bonaparte die Briten benedeie exerzierte zur Erbitterung seiner Freunde zur Freude des feinü- lichen Frankreich, ungeübte Freiwillige an der Sudkuste Zwischen Dover und Deal, weil der König seine Freigeisttgkett fürchtete, die den Iren ^Die" Angst krochÄe ein graues Gespenst über London Was sollt« geschehen, wenn Bonaparte landete? Gewiß, englische Schisse blockierten französische Häsen, die Themse war von der Mündung an mit Kanonen- booten versperrt aber die lange, kaum befestigte Küste bat der Möglichkeiten genug, französisches Heer in vier Tagesmärschen bis. vor die Hauptstadt zu führen. König Georg selbst wollte Bonaparte an der Spitze seiner Soldaten entgegenreiten — doch diese Soldaten waren ungedrillt, notdürftig bewaffnet — und Bonapartes Scharen hatten gegen b'C Dü^Kausmanscha^ sagte des Landes Ruin voraus durch Bonapartes Blockade und Addingtons absolute Ignoranz der Finanzen, Freuno- hofften, daß Bonaparte einjwarfdyiere, um Pitt endlich, im Angeftcyi höchster Gefahr, zur Regierung zu bringen; ein sterbender Lord behaar den König, Pitt als Retter zurückzuberufen. Das Reich „schrie nach Pitt, dem Piloten, der meistert den Sturm!" Man besang, man bedrohte ihn. Pitt schwieg und blieb in Walmer. Schickte Addingtons Abgesandten, der den Finanzministerposten im wankenden Kabinette bot, mit einem Lächeln heim. Entweder er, Pitt, kehrte als Lordkanzler wieder wenn der König ihm neuerdings Vertrauen und unumschränkte Vollmacht schenkte: oder er hielt fein Versprechen, nichts gegen Addington zu unter» nehmen! Und blieb Kommandant der Regimenter von Kent! — Es wurde ein regnerischer Tag nach Hefters Ankunft in Walmer, die Felder dampften und der Himmel blieb grau. Gegen 6 Uhr morgens stieg Pitt aufs Pferd, im selben Augenblick, als Hefter im Torbogen des Hofes erschien, strahlend hellhäutig, mit glänzenden Augen. „So früh schon auf?" rief er. „3a, weil ich dich begleite." .. Sehr ernsthaft winkte sie einem Groom, der offensichtlich schon bereu- stand, und faß zwei Augenblicke später, ehe Pitt die letzten Anweisungen erteilte, statuenhaft still aus dem braunen Arab, links neben ihm. Pitts Gesicht verriet keinen Hauch der Ueberraschung, er sagte nur: „3ch muß die Truppen besichtigen." „Gut. Ich auch", antwortete sie. Man hatte William Pitt zu Walmer nie in Begleitung einer Dani« gesehen — höchstens wenn General Dundas feine Freundin bei sich haue- Die ersten Offiziere kamen entgegen und wollten mit diskretem @ruB oorüberfprengen. Pitt hielt sie auf, stellte vor — und Hefter benahm !>ch, als hätte sie dies alles schon jahrelang erlebt. Freiwilligenkorps tarnen in Sicht, das erste Bataillon des neu aui gestellten Regiments; General Dundas, der zur Inspektion aus Lonoon gekommen, nahm an der Seite Pitts die Parade ab. „Ihr Korps ist das beste der ganzen Küste, wir können nur hosten, daß Bonaparte hier landet!" stellte er fest. „ Pitt sah blaß aus und zuweilen lief ein Zucken über fein GesichO aber den machen Augen entging kein fehlender Knopf und kein sast-h» Oer Fischer. Von I. W. von Goethe. Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Ein Fischer sah daran, Sah nach dem Angel ruhevoll. Kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt, und wie er lauscht, Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor. Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: „Was lockst du meine Brut Mit Menschenwitz und Menschenlist 'Hinauf in Todesglut? Ach, wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, Du stiegst.herunter, wie du bist, Und würdest erst gesund. Labt sich die liebe Sonne nicht, 9 Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtoerklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew'gen Tau?" Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Netzt ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll Wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehn. Karnickel, Dingos, Emus-... ■ . Ein Bericht aus Australien von Heinrich Hauser. Honig, von der kleinen stachellosen australischen Biene geerntet, war von jeher eine Lieblingsnahrung der eingeborenen Australneger. Man stelle sich die Ueberraschung solcher Jäger vor, wenn sie nach Vätersitte mit ihren Steinbeilen an so einem honiggefüllten hohlen Baum herumklopften und nun plötzlich von einem wütenden Schwarm gestachelter, wehrhafter Bienen überfallen wurden. Eine unangenehme Ueberraschung muß das gewesen sein. Was war geschehen? Die weißen Siedler hatten aus Europa einige Bienenstöcke mitgebracht, die hatten sich vermehrt, einige Schwärme gerieten in die Wildnis, schlugen ihr Heim in hohlen Bäumen auf. Das australische Klima, die australischen Blüten sagten ihnen zu, und so kam es, daß die europäische Biene in den achtziger und neunziger Jahren von Süden nach Norden durch den ganzen Kontinent vordrang bis zum Golf von Carpentaria, und dann westlich sich über das ganze Land verbreitete. Das ist nur eins von den vielen Beispielen, wie der Europäer mit seinen Tieren und seinen Pflanzen den Haushalt der australischen Natur in Unordnung brachte. Die Schuld des Herrn Robertson. Wer von austtalischen Schädlingen spricht, der denkt natürlich zuerst an das unwidechtehliche Karnickel. Ein Herr John Robertson, Bewohner von Victoria, verklagte einen Mitbürger, weil der ihm mutwilligerweise über den Gartenzaun hinweg zwei Karnickel erschossen hatte, diese hübsche, lebendige Erinnerung an die alte Heimat. Der Angeklagte wurde denn auch zu zehn Pfund Strafe verurteilt. ~ Ein Jahr darauf legte ein Brand den Zaun von John Robertsons Karnickelgehege nieder, ein Umstand, den die Karnickel flink dazu benutzten, um "sich zu verflüchtigen. Wiederum einige Jahre später kehrte die verschollene Karnickelfamilie zu John Robertson zurück — aber nicht allein; sie hatte inzwischen einige Zehntausend Nachkommen gezeugt. John Robertson, der grimmig vor Gericht zehn Pfund gefordert hatte als Ersatz für zwei weggeschossene Karnickel, bezahlte nun fünftausend Pfund an Prämien für Leute, die es unternahmen, ihm Karnickel wegzuschießen. . . Sie fraßen dem Weidenvieh das Futter weg. Sie unterminieren Elsen- bahndämme und kostbare Stauwerke. In ihren Löchern brachen Pferbe und Rinder sich die Beine. Es mochten die verheerendsten Dürren kommen und die Ränder der vertrockneten Wasserlöcher mochten von Tausenden und aber Tausenden von Karnickelgerippcn umkränzt sein — die geradezu unanständige Fruchtbarkeit des Geschöpfes, vermehrt noch durch das milde Klima, überholte all? Verluste im Kampf mit der Natur und mit den Menschen. Wettlau szwischen Regierung und Karnickel. Den phantastischen Kampf gegen das Karnickel unternahm die Regierung von Westaustralien vor ungefähr zehn Jahren. Die Geschichte klingt wie von Münchhausen erzählt oder wie ein Stteich der Burger von Schilda, aber sie ist vollkommen wahr: Die Nachricht kam, die Armee der Karnickel habe sich nach Westen in Marsch gesetzt, alles kahl fressend, sogar Baumrinde und trockenes Salz- gesttllpp. Der Staat Westaustralien baute an seiner Grenze den längsten Kar- aickelzaun der Welt. Er läuft schnurgerade von Nord nach Sud, wo er im Meer endet, achtzehnhundert Kilometer lang, also etwa wie von Stockholm bis nach Neapel. Schon während des Daus war klar, daß dieser Riesenzaun seinen Zweck völlig verfehlen würde, wenn sich auch nur ein einziges Karnickelpärchen bereits westlich von ihm befände. Und richtig: Während noch die Arbeiter ihre Pfähle einrammten und ihre Drahtnetze spannten, machte die Vorhut der Karnickel fröhlich und neugierig hinter ihnen Männchen. Die Regierung empfand das mit Recht als eine Frechheit, die ein nahezu souveräner Staat sich keinesfalls bieten lassen dürfe, und errichtete ' in aller Eile in hundert Meilen Abstand hinter dem ersten Zaun den zweiten. Es ging auch damit umgekehrt wie bei dem berühmten Wettlauf zwischen Swinegel und Hasen. Als der zweite Zaun fertig war, richtete sich das Kaninchen aus dem hohen Gras auf und sagte: „Ich bin schon da!" Das Parlament beriet in mehr als einer Sitzung — die beiden Riesen« zäune hatten immerhin schon sieben Millionen Mark gekostet, und es entschied sich für eine Art „Hindenburg-Stellung" in Gestalt eines dritten Zaunes unter Aufopferung eines neuen Geländestreifens von hundert Meilen Breite an das unsviderstehliche Karnickel. Dieser dritte Zaun ist heute fertig; zwanzig staatlich angestellte Grenzreiter patrouillieren an ihm entlang, damit auch ja kein Tyr offensteht, keine Masche zerrissen bleibt. — Ja, so reiten sie denn eifrig und pflichtgetreu, bloß daß ab und zu eiij Pferd stolpert: — in einem Kar- nickelloch. Und abends tanzen wie zum Hohn ums Lagerfeuer die flinken, grauen Schatten und wenn das unwiderstehliche Karnickel Sprechchöre bilden könnte, so würde es vermutlich rufen: „Ich bin schon da!" Und das ganze Unternehmen mit den drei Zäunen hat die westaustralische Regierung bisher zehn Millionen Mark gekostet. Dingos und Eingeborene. Füchse, Spatzen, Stare und noch einige andere Tiere gehören ebenfalls zu den nahezu biblischen Plagen, die der weiße Mann in Austrülieit sich selber zuzuschreiben hat. Es gibt indessen auch einige einheimische, eingeborene, wie den Dingo, den wilden Hund, und den Riesenvogel Emu, eine Sttaußenart. Es ist eine Streitfrage, ob der Dingo wirklich ein Ureinwohner Austra« liens ist, oder ob die vor Jahrtausenden eingewanderten Australneger ihn mitgebracht haben. Sicher ist, daß Scharen von zahmen Dingos und Dingo-Haushundmischlingen jedes Australneger-Lager bevölkern. Die Ein- gcborenen-Frauen, „Gins" genannt, pflegen junge Hunde zu säugen, uni) auch sonst ist das Verhältnis zwischen Australneger und Dingo-Hund von unvorstellbarer Innigkeit. Es geht soweit, daß es den Eingeborenen mehr schmerzt, wenn seinem Hündchen etwas zustößt, als wenn chn selbst irgendeine Strafe trifft. In manchen Gegenden machen sich die Behörden diesen Umstand zunutze: Wird irgendein Stamm durch fortwährende Diebstähle oder Bettelei besonders lästig, so verprügelt man nicht etwa die Stammesoberhäupter, sondern deren Hunde. Das Ergebnis ist sehr viel besser und abschreckender vor neuen Missetaten, als wenn man die Menschen verprügeln oder einsperren würde. Der Dingo ist etwa so groß wie ein Schäferhund, gelbbraun mit spitzem Kops und spitzen, aufrechten Ohren. Er ist überaus schlau, jagt meist zu zweit und ist stark genug, ein Kalb zu. reihen und ein Lamm davonzutragen. Bevor die Rinder und die Schafe ins Land kamen, hielt er sich mehr an die Emus und Känguruhs. Der Siedler vernichtet den Dingo mit allen Mitteln, und wo er . ihn trifft. Die Regierungen fast aller australischen Staaten setzen Prämien auf seine Erlegung aus. Es gibt Hunderte von berufsmäßigen Dingo- Jägern. Der woylausgerüstet« Dingo- und Känguruhjäger fährt heuzutage im Auto auf die wilde Jagd. Er verfolgt und schießt vom fahrenden Autck aus, läßt die Beute zunächst ruhig liegen und fährt am Abend in seiner eigenen Wagenspur zurück und sammelt auf und häutet ab. Die Prämien schwanken in den einzelnen Staaten beträchtlich und ckuch die Beweise, die der Jäger vorlegen muß, sind verschieden, oder sie waren es wenigstens: Eine Zeit lang bestand der für den Jäger angenehme Zustand, daß der eine Staat zehn Mark für den Dingo-Skalp zahlte und der Nachbarstaat zwanzig Mark für den Dingoschwanz. Es ergab sich natürlich ein lebhafter Tauschhandel mit Schwänzen und Skalps zwischen den professionellen Jägern, und jeder Dingo stellte sich insgesamt für den Staat auf dreißig Mark. Auch beim Dingo kam der Menfch auf die Idee, den Teufel mit Beelzebub zu vertreiben, indem er Wolfshunde zu feiner Vernichtung aussetzte. Die Wolfshunde jagten in der Tat den Dingo, genau wie man es von ihnen erwartet hatte, nur begnügten sie sich leider nicht damit, sondern nahmen nebenher auch freundlichere Beziehungen zu ihrem Feinde auf. Es entstand auf diese Weise eine Mischrasse, ein überlegenes Ge- schlecht von Bastarden, stark genug, um selbst einjährige Kälber zu reißen und ganze Schafe fortzuschleppen. Emus lieben Taschentücher und Weizen. Als ich zum ersten Male eine stolze Emu-Mutter ihre zwölf Kücken quer über den Weg führen sah, hatte ich durchaus den Eindruck eines glücklichen Familienlebens, und das ist auch so. Der männliche Emu ist ein vorbildlicher Gatte und Vater. In einer Gegend, in der es von Emus wimmelte, machte ich auch eine Jagd mit; nicht als Jäger, denn schon das Zuschauen war eine herzbrechende Sache, am liebsten wäre ich fortgelaufen. Der Jäger spazierte nämlich ganz gemütlich auf Rufweite an eine äsende Emuherde heran und sagte dann zu mir geroanbt: „Haben Sie ein Taschentuch? — Sie haben eins? — Manchmal ist ein Greenhorn doch zu etwas nützlich: Winken Sie mal damitl" ' Ich kam mir ziemlich blöde vor: „Wem soll ich denn winken? „Na, den Emus natürlich!" „Hören Sie mal, ist das ein schlechter °Scherz?" „Bewahre! Winken Sie nur, Sie werden schon sehen — Himmel, das ist ja ein ganz weißes Taschentuch! — Na, sowas haben die Emus ja noch nicht gesehen, das wird wirken!" Und es wirkte wirklich: Wie magnetisch angezogen von dem Hellen Lappen kam die ganze Herde mit schaukelndem Sang und wippenden Kopsen neugierig herangetrabt. Der Jäger lieh in aller Ruhe die schönen Tiere auf vierzig Schritt herankommen und richtete dann ein Blutbad unter ihnen an. Der Emu nährt sich in der Hauptsache von Beeren, er würde also niemals eine Landplage sein, wenn er nicht leider mit seinen starken Beinen und seinem schweren Gewicht die kostbaren Zäune niedertrampeln würde. In Dürrezeiten kommt es allerdings auch vor, daß die Emus scharenweise in die Weizenfelder einfallen. Ist die Weizenernte bedroht, so jagt der Farmer sie mit Autos; mit Knüppeln schlägt man sie vom Trittbrett des fahrenden Wagens aus nieder, oder man überfährt fie. Kleine Jungen mit Fahrrädern veranstalten Emu-Jagden. Man gräbt auch Fallgruben auf ihren Wechseln und vergiftet ihre Tränken. In einem Dürrejahr, als das alles nichts half, forderten westaustralische Farmer militärische Hilfe an. Es entbrannten Emu-Schlachten, bei denen die Soldaten mit Maschinengewehren schossen und wo sogar Flugzeugbomben abgeworfen wurden. Wer bezahlt die Kriegsschulden? Ein Farmer erhielt von der Militärverwaltung eine Rechnung über dreihundert Mark für die Munition, die zur Beschießung der Emus verbraucht worden war. Der setzte sich hin und schrieb der Militärverwaltung einen schönen Bries: „Ich bin nicht geneigt, die Kriegsschulden der Emus zu bezahlen. Ich will darauf verzichten, Pacht zu fordern für das Gelände, das ich für den Emü-Krieg zur Verfügung gestellt habe — aber ich bitte um Ersatz folgender Kriegskosten: Verpflegung für die Truppen Seiner Majestät — hundert Mark. Transpork der Truppen Seiner Majestät in meinem Auto — neunzig Mark. Dank des wohlgenährten Zustands der Truppen Seiner Majestät ist däs Lastauto zusammengebrochen. Die Reparatur kostet — dreihundert Mark. Durch das verspätete Eintreffen der Truppen feiner Majestät auf dem Kriegsschauplatz sind mir Zäune im Wert von neuntausend Mark vernichtet worden. - Gesamtbetrag also neuntausendvierhundertneunzig Mark. Es ist mir nicht bekannt, ob die-Militärverwaltung diese Rechnung beglichen hat. Was aber den Emu-Krieg betrifft, so siegten zuletzt die Emus: Sie verlegten sich nämlich auf den Nachtkampf und fielen bei Mondschein in die Weizenfelder ein. Australien zieht wenig Nutzen aus seiner Emu-Bevölkerung, ausgenommen jene Cmufedern, die die leichte Kavallerie auf ihren Hüten trägt. Es ist ein anderes Land, das die gutmütigen, dummen Riesenvögel gerne in seine Grenzen ziehen möchte. Es ist nicht ohne Humor, daß es ausgerechnet Sowjetrußland-ist, bas die Einfuhr von Emus ernsthaft geplant hat ober noch plant zum Bevölkern ber großen Steppen zwecks: „Verbesserung ber Ernährungslage ber Bevölkerung". Gartenfreude am Morgen. Von Bruno Brehm. In ber Früh, um halb fünf, weckt mich bie Sonne. Aber schon eine Weile vorher hat mich ber taute Jubel ber Vögel im welligen, lichten Schlaf bes Morgens erreicht unb fröhlich gemacht. Welch frisch gewaschener, taugebabeter Tag vor bem Fenster! Das weite Marschfelb brüben liegt im’Sonaunebel, aus bem Schlafbunst der Stadt ragt ferne unb zart ganz allein der Stesansturm. lieber den Weinbergen steigen die Lerchen auf, im Garten unter mir schwirren die allerliebsten Rotkehlchen. Die lichten Pappeln an dem^ kleinen Sträßchen stehen wie Kinder auf den Zehen da: uns auch bas erste Licht, uns auch!- Vor ein paar Tagen noch brannten in allen Weingärten die Rauchfeuer vor Tau unb Teig, damit ber Reif bem jungen Wein nicht schabe. Dann ^schmeckte man im Bett schon ben Rauch, bann hatte man in ber Nacht bie Hörner tuten gehört. Die Straße ist nun noch ganz leer, kalb werben bie Arbeiter aus bem Burgenland kommen und im Weinberg ihr mühsames Tun beginnen. Nun setze ich mich selbst ans Fenster in die Sonne unb lasse mir schöntun. Wie behutsam, wie gütig bie Sonne früh morgens ist, läßt sich gar nicht sagen, man müßte es schnurren können wie ein Kater. Das märe überhaupt jetzt nicht so ohne, eine kleine Morgenpromenabe über die Dächer. Nun blinken ein paar Treibhäuser durch das grüne Laub, durch dieses frische, frühlingsgrüne Laub, und man kann meinen, an einem See zu sein. Das wäre ein See! Mit Blumenstöcken als Algen! Der Treibhaussee, am Rande der Großstädte gelegen, blinkt mit glasigen Wellen und winkt mit eingetopften Blumen. 3br meint wohl alle, bas sei jetzt das Genießen gewesen? Das waren nur -Vorsreuben, es hat noch gar nicht angefangen. Genießen kann man im Grunde nur zu zweit. Genossen wirb erst nach bem Frühstück. Da erscheine ich höchst selbst, so wie vorhin bie Sonne über ber beglückten Welt, in dem kleinen Sarten und lasse mich von Düften, von taufrischen Morgendüften und Farben, von ganz jungen Morgenfarben, begrüßen. Ich erwidere bie ■ r *Te*e unter die blühenden Kirschbäume. Die Bienen summen im Blütenbaum, als wenn dies seine liebsten Worte waren. Unb soviel «icnenj Unb solch bunU.es Summen! 0 diese Baume! Seh ich das Braun der Geigen, geädert durch die Maserung, zwischen ben dunklen Kleibern ber opieienben tm Orchester, so sehe ich bas Holz, so höre ich ben Wald, denn aus den Waldern kommen die Geigen. Wie oft hab' ich als Kind bem Rauschen ber bunUen Fichtenwälder gelauscht! Und nun ist mir bas liebste Lied ber Bäume ihr Bienengesumm in der Blütenwolke. Nebenan steht eine rojarote Zierkirsche; auch sie ist schön, sie ist einem gewöhnlichen Kirschbaum aufgepfropft, aber fie ist nicht so wunderbar wie bie beiden weißen Bäume, rechts und links. Und das weiß auch abends der Mond, denn er legt sich in das Blütenpolster, [eine kühle Wange an die kühlen Blüten des Abends, und bann duftet der Baum, dessen Bienenworte verstummt sind, zum Balkon herauf, und ich beuge mich zu ben Aesten nieder. Die Zierkirsche ist unfruchtbar, und bas merkt man auch ihrer Schönheit an, und auch den des Tragens ungewohnten Aesten, denen das Heilige, Geweihte bes Obstbaumes fehlt. Die meisten Leute merken das nicht. Wenn sie Sonntags vorbeikommen, fragen sie immer nur nach ben rosafarbenen Bäumen. Einen Kirsch-, einen Apfeloder einen Birnbaum muß man länger kennen, man muß auch von feinen Früchten gegessen haben, damit die Blüten einem das Herz rühren. Ja, da blüht er ja wieder, ba' gibt er sich Mühe, ba wirb er roieber, wenn das Jahr gut ist, soviel zu tragen haben, daß man feine Aeste wird stützen müssen, bem guten, bem braven, dem eifrigen, bem ganz lieben Baum! Die Astgabeln sind ein wenig blank gescheuert von ben Kinderfüßchen, ben, es gibt wohl nichts Schöneres, als in einem Kirschbaum herumzusteigen und von ben Zweigen zu essen. So beginnt das Genießen! Das sind bie Geschenke! Nun aber kommen die Verdienste, nicht gerade meine, aber ich will dies nicht so genau nehmen, denn meine Frau ist jetzt, da bie Kinder in der Schule sind, auch zum Genießen erschienen, ©ie hegt einen großen, unerfüllbaren Wunsch: sie möchte gern Generalinspektorin aller österreichischen Böschungen weiden. Alle diese geneigten Flächen wollte sie (dies hat sie mir vor einer Böschung der neuen Höhenstraße gestanden) schmücken unb bepflanzen, unb so bepflanzen, versichert fie, daß uns allen bie Augen übergingen! Ich muß gestehen, die drei Böschungen unseres Gärtchens hat sie — wir sagen in diesem Faste — gemeistert. Sie sind sondergleichen Mit Stolz sehe ich mittags vom Balkon, daß Leute stehenbleiben und auf diese Meisterungen blicken. „Bedenke", sagt meine Fräu, der ich dieses Lob verkünde, schlicht, „mit welcher Erde! Aber hätt' ich zum Beispiel bie Böschungen ber Großglocknerstraße und genügend Arbeikskräste unter mir" (ob, ich weiß, daß ich zu nichts zu gebrauchen bin, nur zu Geschmacksgutachten!), „ich möchte ber Welt zeigen, was Böschungen sind, unb was sich aus Böschungen machen läßt." Auf unseren brei Böschungen — eigentlich sind es nur zwei, unb bte dritte ist bas stachliche Hochlanb von Abessinien —, also auf unseren zwei Böschungen sind das Schönste bie Polster. Polster gibt es ba — wär ich eine Else, nirgendwo anders bettete ich mein leichtes Haupt. Die Hyazinthen find schon abgeblüht, und da ich keine Else bin, darf ich auch nicht auf der Böschung herumsteigen, sondern muß in Stütz gehen, um an ihnen zu riechen. Die Narzissen werden kommen unb mich mit ihren Vogelaugen anstarren. Sie ragen mit Duft ftnb Farbentriller über bie fanften veilchenblauen? roten, weißen unb gelben Polster empor. Dazwischen tauchen kleine Pflänzchen auf, bie weit weg von hier, im Hochgebirge, gezafert würben. (Zafern nennen wir jene leidenschaftliche,- dem 'Goldgraben ähnliche Art bes Pflanzensammelns mit Hinblick auf bie Böschungen,) Von biefcn Schätzen fange ich erst gar nicht an zu erzählen. Aber es gibt unter ihnen auch schlichte Kostgänger, so z. B. einen Waisenknaben, ber ganz prächtig gedeiht, obwohl er immer roieber gestutzt werben muß, weil er bie Neigung hat, in ben Himmel zu wachsen. Es ist ein Fichtenbaum, den man aus einem Friedhof hinausgeworfen hatte. Ich habe meinen Kindern oft die Geschichte von Androklus und dem Löwen erzählen müssen, und ihr kennt sie doch alle wohl auch. Der Löwe hat einen Dorn in der Pranke, und der rabenschwarze Mohr AndrvkliiS zieht diesen Stachel hilfsbereit heraus. Dankbar leckt der furchtbare Löwe dem braven Mohren die hilfreiche Hand. Pause. Große Sklavenjagd in Afrika, Gelärm der Treiber, Flucht der armen Neger auf die hohen Tamarisken, Herunterschießen ber Flüchtlinge, Ausräuchern ber Ausreißer, großes Gemetzel, Gefangennahme des guten Androklus, endlose Wanderung durch die Wüste, Verschmachten vieler, Sklavenmarkt am Roten Meere, scheitelrechte Strahlen einer glühend heißen Sonne. Pause. Arena in Rom. Bunte Girlanden, ein dicker Kaiser mit einem Bergkristall als Monokel, schreiende Römer, brüstende Tiger, mit gesenkten Hörnern anstürmende Büffel — alles frißt einander auf, bringt einander um, nur Androklus und der Löwe find übrig* Man hetzt beide gegeneinander. Erkennen! Der Löwe reicht Androklus feine mächtige Pfote, Jubel! Tränen schwemmen den geschliffenen Halbedelstein aus bR Kaisers sonst so uneblen Augen. Tusch! Freube ber Kinber. Der Vater barf gehen, halb hört er bie Atemzüge ber Schlafenben. Solch dankbare Löwen gibt es in unserem Abessinien. Unser Löwe heißt „ber Rggusane r". Aber ich habe mich an seinem Dorn verletzt unb deshalb bei Ragusa bas Kaktusblatt kurzweg abgeschnitten. Dann habe ich es meiner Frau mitgebracht: „Hier hast du ein Geschenk von meiner Reise." Nun ist ber Ragusaner schon fast mannshoch. (Es gibt auch kleine Männer!) Er hat es mir gebankt, beshalb ernannte ich ihn im vergangenen Jahr zum Kaiser von Abessinien. Heute reben wir von biefer Ehrung nicht mehr. Sie ist schiefgegangen. Wahrscheinlich hat er beshalb vergangenes Jahr auch kein neues Blatt angesetzt. Aber sein Reich gedieh, voriges Jahr wie heuer. Aus den Schwertblättern kommen unvermittelt bie grellen roten Blüten, aus ben Stachelkugeln stehen sie heraus wie lieblich schallende Trampetlein. Das alles sehe ich mir morgens an, manchmal mit einem Feldstecher vom Fenster aus, manchmal höchstselbst zu Fuß, durch den Garten wandelnd. Wenn ich sehr brav bin, erlaubt mir meine Frau, die Blumen zu gießen. Sie bleibt aber immer in der Nähe, ba sie fürchtet, baß ich mit bem scharfen Strahl bie einzelnen junger Pstcknzen herausschieße. Keineswegs. Ich halte den Schlauch senkrecht nach oben und lasse einen milden Sprühregen niedergehen, einen schmeichlerischen, regenbogen- glänzenden Tropfenfall, der den Pflanzen und den Böschungen so wohl tut wie morgens bie Sonne mir. Es ist nicht leicht, .nach solchen Freuben an die Arbeit zu gehen. Deshalb stehe ich ja so zeitig frühmorgens auf, damit ich von dem Genießen schon etwas getan habe. Nach bem Genießen bin ich immer etwas verträumt. Denn auf ber ganzen Welt gibt es keine schöneren Träume als bunte Blüten, geschwungenen Schwalbenstug, blonben Flaum an einem Kinderhals unb bie weichen Nüstern eines stelzbeinigen Fohlens. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.