SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger . Jahrgang 1938 Montag, den 22. August Nummer 65 Pllllch Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 5. Fortsetzung. Dennoch: in all ihrer Siegestrunkenheit werden die Löweg plötzlich vorsichtig, als sie sich nun dem Wasser nähern. Auf dem Lande sind sie allmächtig, und wo sie sich zeigen, da flüchtet alles vor ihnen: aber sie wissen, daß der Fluß in seiner Tiefe Geschöpfe birgt, die keine Angst vor ihnen kennen — ja, die imstande sind, wenn ihnen der Sinn danach steht, sie beim Trinken zu packen und unters Wasser zu ziehen. Früher schon haben sie häßliche dunkle Gestalten aus der Flut auftauchen sehen, und dann haben sie sich jedesmal nicht getraut zu trinken und sich Eiligst zurückgezogen. Drum zaudern sie auch jetzt dort, wo das Wasser den Ufersand leckt. Das triumphierende Gefühl der eigenen Unwiderstehlichkeit ist einer seltsamen Furcht gewichen, Furcht vor Dingen, die da plötzlich aus der Finsternis drohend und gefährlich auf sie loskommen können. Nach längerem Warten senken sie endlich, immer noch sehr vorsichtig und argwöhnisch, die Köpfe und trinken. Sobald sie aber ihren Durst gelöscht und sich vom Ufer zurückgezogen haben, sind sie wieder ganz die kühnen und schreckenverbreitenden Herren des Dschungels. Und ihr machtvolles herausforderndes Triumphgeheul hallt von neuem durch den nächtlichen Busch bis weit in die Steppe hinaus. Krokodile in der Bucht. Die neue Bucht. — Weibliche Gesellschaft. Angriffstaktik. — E i n Bild vollkommenen Fr jeden s. Neutrales Gebiet. — Alleinherrscherin — die Hitze. Von den Bäumen am gegenüberliegenden User echot das Triumphgebrüll des Löwen zurück über den Fluß und dringt in die Ohren zweier Flußpferde, die jenseits des Baumgllrtels friedlich weidend im Gras stehen, jetzt aber aufhorchen, die Köpfe in Richtung Sandbank drehen und dann allsogleich dem Flusse zusteuern, wo sie still im Wasser verschwinden, das ihnen doch noch größere Sicherheit bietet. Kormorans und Geier fahren aus dem Schlaf auf, die Affen auf dem andern Ufer wimmeln unruhig durcheinander, obgleich doch der Fluß mit feiner ganzen Breite zwischen ihnen und der Gefahr liegt; alle Geschöpfe im Wasser und am Land sind aufgescheucht und in Unruhe versetzt-- olle — außer den Krokodilen, die in dem seichten Wasser der Buchten herumliegen. Sie öffnen höchstens ihre wäßrigen Augen, bewegen sich ein weniges und stieren dann schläfrig auf den Fluß hinaus. Seit dem Tage seiner Ankunft im Flußbecken hatte das Riesenkrokodil sich einem Leben voller Behagen und lohnender Jagden hingegeben. Als der verwundete Leopord seinen Ast verlassen hatte, war das tote Flußpferd schnell von der Strömung abwärts getrieben worden; der Riese hatte sich mit Eifer hinterhergemacht und dabei bemerkt, daß die junge Krokodilsmaid nicht von seiner Seite wich. Er hatte nichts dagegen. Zwar hatte ihm das Erscheinen dreier Krokodile, die am Fräße teilhaben wollten, nicht gepaßt; aber gegen ein einzelnes hatte er nichts einzuwenden, ja — er empfand feine Gesellschaft geradezu als angenehm. So gestattete er auch, daß „sie" ihm behilflich war, den Fleischkoloß zu einer tiefen Uferhöhlung zu schleppen, wo die bloßgelegten Wurzeln eines überhängenden Baumes ihn davor bewahrten, von der Strömung wieder fortgerissen zu werden. Als sie nun zusammen aus den abwärts gelegenen Teil des Flußbeckens zuschwammen, und „sie" sich plötzlich seitwärts wandte, um in einer schmalen Bucht zu verschwinden, folgte er ihr beflissen. . u Als er bei seiner Ankunft damals zuerst um das weite Becken herumgeschwommen war, hatte er diese Bucht gar nicht entdeckt, so üppig wucherten die Schlinggewächse, die wie ein dichtes Geflecht vor ihrem Eingang hingen. Und auch jetzt, wo er „ihr" hart auf dem Schwänze folgte, zwang ihn sein beträchtlicher Leibesumfang, sich an einigen Stellen gewaltsam Bahn zu brechen. Innen jedoch, hinter dem verhängten Eingang, lag ein kleiner Pfuhl, dunkel und von Bäumen beichattet, dabei so breit, daß der Riese sich gerade darin um sich selbst drehen konnte. Hohes Papyrusschilf und Palmen wuchsen dicht am Ufer, und Schlingpflanzen und Gesträuch ließen ihre ineinandergeslochtenen Ranken ins Wasser hängen. Eine lange schmale Schlammbank, die in dieser Jahreszeit gerade ganz aus dem Wasser herausragte, dehnte sich auf der einen Seite aus. Es war ein dunkles Stauwasser, stagnierend und unbewegt, solange sich keine Krokodile darin regten und es zu einer trüben Brühe aufrührten, die gegen das Ufer schwappte. In dieser Bucht gründeten die Krokodile ihre Häuslichkeit. Da gab's Wasser zum Schwimmen — eine Schlammbank zum Ruhen. Versteckt, geborgen und im dunklen Dämmer lag das Heim — ein schöneres konnte für Krokodile schwerlich gefunden werden! Ueberdies erwies sich die benachbarte Sandbank als ein geradezu ideales Jagdgebiet, wo es Fleisch in Fülle zu holen gab, so daß selbst der ewig fleischlüsterne Riese satt wurde. In dem Wasserkanal, der sich an der einen Seite der Sandbank bis zu der Stelle hinzog, wo der Sand in festes Erdreich überging, konnten die Krokodile schwimmen. Dort lagen sie auf der Lauer, bis aus Augen und Nasenlöcher unter Wasser, und unter den Bäumen hervor traten die Tiere und schritten über die Sandbank, um zu trinken. Dann aber schossen die Krokodile in größter Geschwindigkeit aufs Ufer zu. Zebras oder Gazellen, durch das Geräusch aufmerksam gemacht, wandten sich schreckerfüllt zur Flucht und ließen den Strand hinter sich. Oft aber war keine Zeit mehr zum Entkommen, oder dem flüchtenden Tier legte sich unversehens noch das zweite Krokodil in den Weg, riß den Rachen auf, schnappte zu, und das arme Opfer zappelte an Kopf ober Bein gefangen. Oder das Krokodil schnappte nicht, sondern warf sich plötzlich zur Seite, und der große Schwanz sauste herum wie eine schwere Senfe und schlug das Tier zu Boden, wo es hastig gepackt und in den Fluh gezerrt wurde, um dort zu ertrinken. Manchmal in der Dämmerung blieb wohl so ein alter vorsichtiger und erfahrener Antilopenbock, der sich mit der Gefahr auskannte, zögernd stehen, ehe er sich über den Sand ans Wasser traute. Während er dann so stand und seine Blicke spähend ins Dunkel schickte, geschah es wohl, daß eins der Krokodile sich leise rührte oder der Mond plötzlich hinter einer Wolke vortrat und auf dem Wasser glitzerte, wo bann mitten in dem Silberstreif mit einem Male ein kantiger schwarzer Fleck sichtbar wurde. Dann machte der Bock mit einem kleinen nervösen Satz kehrt und rannte auf und davon, und im Nu verbreitete sich die Schreckensbotschaft unter allen anderen Tieren, die auf dem Wege zur Sandbank waren: die einen liefen wieder zurück: die andern blieben abwartend stehen. Erst nach einftünbiger Ruhe, während der die Krokodile regungslos halb unter Wasser dagelegen hatten, kam eine etwas beherztere Gazelle an, hinter der scheu die andern folgten. Sie wagte sich zehn oder zwölf Schritt vor, blieb stehen, horchte und spähte ins Dunkel, schritt weiter, blieb wieder stehen, erreichte den Anfang der Sandbank — starrte in den Kanal, wo die Krokodile jetzt fast ganz unter Wasser lauerten, und stelzte bann endlich zierlich über den Sand, um zu trinken. Da, ehe die andern Tiere zu ihr stoßen konnten, rührte sich sachte eins der Krokodile, ungeduldig nach der langweiligen Warterei, und begann sich aus dem Wasser heraufzuarbeiten; aber die Gazelle, die bei der ersten leisen Bewegung sofort scheu geworden war, sprang behende zurück und war, ehe das Krokodil zuschnappen konnte, in Sicherheit. Aber sogar nach diesem Vorkommnis wagte sich nach einer Stunde Wartens schließlich doch wieder ein durstiges Tier vor, und bann würben die Krokodile für ihr geduldiges Ausharren belohnt. Nicht jede Nacht kamen sie zur Sandbank; aber wenn sie tarnen, verschafften sie sich meistens früher ober später ihren Tribut. Hatten die Löwen in der Flußgegend gejagt, bann lag bie Sandbank noch mehrere Stunden hinterher verlassen da. Manchmal aber war der Durst doch noch gebieterischer als alle Furcht, und bann war die Gelegenheit für die Krokodile günstig. Wenn auch die Sandbank zeitweilig als ein Ort des Schreckens verrufen und geradezu gemieden war — sie war doch ein lebenswichtiger Punkt für alle die vielen in diesem Talabschnitt hausenden Tiere, und so wurde denn immer wieder ein neues Opfer unter Wasser gezogen und in die Uferhöhlen verschleppt, und immer wieder legten zwei gutgenährte Krokodile den Heimweg in ihre Bucht zurück. So lebten sie nun feit Wochen in größter Zufriedenheit: sie jagten, schliefen, labten sich an ihren Vorräten, kundschafteten bas Becken aus, fingen große Fische ober besuchten eine geräumige flache Felsinsel, wo sie rasteten und sich von der Sonne braten ließen. Diese Insel wurde auch regelmäßig von einer Flußpserdsamilie, von Kranichen, Reihern und Wasserschildkröten ausgesucht. Die Flußpferde weideten immer des Nachts auf dem jenseitigen Ufer im Grafe; aber ihre eigentliche Behausung war das Flußbecken, wo sie lässig umherschwammen und «trieben. Manchmal verschwanden sie ganz unter der Oberfläche, tauchten wieder auf, schnellten einen Wasserstrahl in die Luft und sanken wieder unter. Die Hitze des Tages lockte sie immer zur Insel, wo sie in stumpfsinnigem Brüten in der Sonne lagen. Kraniche und Reiher standen stundenlang auf dem Sand, der als dünne Schicht den Felsboden bedeckte, Königsfischer kreisten darüber, und wenn die Krokodile erschienen, um sich am Rand der Insel, halb im Wasser hängend, niederzulassen — gleich machten sich die Wasserläuser herbei, um sich, sobald die Rachen sich öffneten, als Wurmfänger zu betätigen. Außer ihrer verschwiegenen Bucht war diese Insel der einzige Ort, wo das Erscheinen der Krokodile kein Entsetzen verbreitete. Die Flußpferdmütter gaben zwar besonders gut auf ihre Kleinen acht, aber im übrigen bot der Platz das Bild vollkommenen Friedens zwischen Vögeln und Vierfüßlern. Es war ein Platz, wo die irrsinnige Sonnenglut schon von vornherein jeglichen Tatendrang im Keim erstickte. In gleicher Regungslosigkeit verharrten Krokodil wie Flußpferd; Wasserschildkröten schoben sich langsam vorüber; Reiher standen wie Statuen; Kraniche, scheinbar einbeinig, bewegten sich nur, wenn sie einen Beinwechsel beabsichtigten — Zu dieser Insel nun pflegten auch die andern Krokodile des Flußbeckens zu kommen. Sie waren seinerzeit nicht sehr beglückt über das Erscheinen des Riesen gewesen, der ihnen an Schnelligkeit und Kraft so weit überlegen war. Immer war er als Erster zur Stelle, wenn einmal etwas Genießbares den Strom herabgetrieben kam, was so die seltenen, mühelos in Besitz zu nehmenden Freuden in ihrem Leben waren. Wäre irgendein kleineres Krokodil aus einem andern Flußgebiet plötzlich erschienen, um ihnen ihre Rechte im Becken streitig zu machen — sie hätten kurzen Prozeß gemacht, hätten es getötet oder davongejagt. Aber die Ungeheuerlichkeit des Riesen schüchterte sie ein und sie ertrugen seine Anwesenheit ohne Widerspruch. Wenn der Riese bei der Sandbank war, wagten sie keinen Versuch, auch dort zu jagen. Nur wenn er und seine Ehehälfte in ihrer Bucht lagen, besuchten die zwei andern Krokodile, falls ihnen die Fischnahvung nicht genügte, den Kanal hinter der Sandbank und sicherten sich dort ihre Beute. Aber solange der Riese auf Jagd war, hielten sie sich in respektvoller Entfernung, entweder in ihrer Privatbucht oder am lenseiligen Ufer. Die Insel aber war eine Art neutralen Gebiets, auf dem alle Tiere des Flußbeckens sich zusammenfanden. Dort erregte nicht einmal das Erscheinen des Riesen Beunruhigung. Auf chren Ufern ringsum war Platz für alle, und Herrscherin war einzig und allein die überwältigende Hitze, die alle feindlichen Regungen in schläfriger Verdöstheit eingekapselt hielt. In dieser ganzen Umgebung fühlte sich der Riese ausnehmend wohl. Er räkelte sich faul neben seiner Gefährtin auf der langen Schlammbank, oder begab sich mit langsamem Watschelgang ans Land, mitten in den Kranz von riesigen Palmen und Papyrusstauden hinein. Bucht und Becken wurden der Hauptschauplatz seines Lebens. Er vergaß die alte Heimat droben im Fluh und die beiden Krokodile, mit denen er einst der Jagd oblag; er vergaß die Begegnung mit den Menschen kurz nach dem Brückenbau; er vergaß die lange Reise den Strom hinunter. Er war nicht mehr zur Einsamkeit verdammt, keinen Gefahren mehr ausgesetzt; er hatte zu fressen und fühlte sich grenzenlos wohl. Und kein Argwohn beschlich ihn, daß ein solch paradiesischer Zustand nicht ewig währen könne! Pallah und Zebra. Die kleine Pallah wandert weiter. — Endlich Wasser. Zebraf^eundschaft. — Der Heuschreckenspuk. — Die lebende Decke. — Kobra und Sekretär. —Zur Tränke. Gefahr in der Luft. — Der Todesschrei. Als das Feuer endlich ausgetobt hat und selbst die Glut in den verkohlten Baumstämmen erloschen ist, kommt die kleine Pallah hinter chrem Block am Fuße des Felshügels hervor, steht nun da und blickt ins offene Land hinaus. Noch schüttelt sie die Angst. Daß auch Tag für Tag und Nacht für Nacht immer fo schreckliche Dinge geschehen! Da war der nette "junge Bock aus ihrer Herde vorn Leopard zerrissen worden; sie selbst, einsam und verlassen wie sie ist, kann nicht fressen ohne ständige Furcht vor Gepard und Leopard, kann nicht trinken ohne Angst vor den Krokodilen; schläft sie, fo wird sie gewiß durch das Geschrei und die Warnrufe der Paviane wieder geweckt! Und jetzt ist auch noch dieser neue furchtbare und ihr ganz unfaßbare Feind gekommen, der ihr noch größere Angst einjagt als all die andern. Auch die Warnrufe der Paviane, auf die sie so viel gegeben hat, können ihr gegen dieses unerbittlich vorwärtsdrängende, lodernde Etwas, das sogar Gras und Bäume verschlingt, nicht helfen. Die Paviane über ihr schreien einander immer noch aufgeregt zu, und ohne zu wissen warum, fühlt sie, daß deren Schutz ihr nicht länger von Nutzen fein wird. Sie wünscht sich weit, weit fort von diesem Hügel mit seinen rauchgeschwärzten Felszacken und der ausgebrannten schwarzen Erde unten. > Und mit einem Male gibt sie sich ans Lausen. Ohne auf den Weg zu achten, läuft.sie, wie es kommt — fort vom Fluß und über die Steppe hin zu den Bergen, die mehrere Kilometer weit entfernt das Tal begrenzen. Daß es die Stunde ist, wo sie fönst zur Tränke an den Fluß lief, daran denkt sie jetzt nicht — sie läuft und läuft, bis völlige Ermattung sie zwingt, halt zu machen. Da erst fchaut sie sich um. Die Berge find jetzt viel näher und überrafchend größer geworden. Sie kann deutlich die Bäume sehen, die aus den Abhängen wachsen. Oben auf ihrem Gipfel haben sie einen seltsamen weißen Rand. Es dämmert bereits, und während sie noch mit sliegendem Atem dasteht, fällt ihr ein, daß sie noch vor der Nacht eine Tränke suchen muß. Eine kleine Bodensenkung, von Bäumen eingefaßt, liegt in einiger Entfernung vor ihr, und da sie weiß, daß dort möglicherweise Wasser zu sinden ist, nimmt sie noch einmal alle Kraft zusammen und macht sich dorthin auf. Da bemerkt sie eine kleine Herde Oryxantilopen, die sich von der andern Seite her dem Tümpel nähern; sie halten die Köpfe mit den langen, geraden und spitzen Hörnern gesenkt, als feien sie nach langer Wanderung vor Erschöpfung nicht mehr imstande, sie hoch zu tragen. Die Tiere kommen ohne die üblichen Wachen dahergezogen; denn sie verschmachten schier nach Wasser und lassen in ihrem Drang, möglichst bald das Wasser zu erreichen, alle Angst vor Löwen und alle Vorsicht fahren. Endlich sind sie da — schlittern und springen den abschüssigen Rand hinunter, stolpern bis zur Mitte des seichten Wassers und senken die Köpse zum Trinken. Die kleine Pallah gesellt sich zu ihnen, und auch sie trinkt gierig. Wie gut das tut nach diesem Tag der Schrecken, der Gluthitze und noch dem langen ermüdenden Laus! — Sie ist noch nicht fertig, da halten die Oryxantilopen plötzlich mitten im eifrigsten Trinken inne und stehen gespannt mit erhobenen Köpfen. Jetzt kommt eine große Herde Zebras an, die in gesteigerter Hast die Böschung herabpoltern, als sie entdecken, daß sie das jchnell dahinjchwindende Wasser nicht für sich allein haben sollen. Unten angekommen hallen sich die Weibchen mit den Jungen zunächst zurück, um den Männchen den Vortritt zu lassen; begierig stürzen diese vor, um die Ersten am Wasser zu sein. Ein Zebrajüngling, ein schon ganz stattlich aussehender Kerl, zögert eine Sekunde lang, als müsse er sich erst über den ihm zukommenden Platz klar werden; dann trifft er fchnell feine Entscheidung und drängt sich mit nach vorn. Das ärgert aber zwei ältere Herren, die sich durch Püffe und Knüffe mit den Schnauzen ein derart unbescheidenes Auftreten nachdrücklichst verbitten. Nachdem die kleine Pallah chren Durst gelöscht hat, wandert sie auf die andre Seite des Wafferiochs hinüber. Wiederum fühlt sie sich so verlassen und weiß nicht wohin. Sie treibt sich unter den wartenden Zebras umher und bleibt dann einmal stehen, um an einem Büschel Gras zu zupfen. Jener Zebrajüngling, der soeben gemaßregelt worden ist, steht in ihrer Nähe und senkt den Kopf, um an ihrer Seite zu grasen, und weil sie ihn freundschaftlich beschnüffelt und sich nicht von ihm abwendet, kehrt er wieder zu ihr zurück, nachdem es ihm endlich vergönnt gewesen, mit den Weibchen und ihren Kleinen zum Wasser vorzugehen. Das saßt nun die kleine Pallah wieder als Zeichen der Freundschaft auf (oh, wie hat es ihr daran gemangelt!), und als die Zebras wieder von der Wasserstelle aufbrechen, schließt sie sich ihnen an und hält sich dicht an ihren jungen Freund. Neben i h m liegt sie im Gras, wenn die Herde rastet; neben i h m steht sie, wenn sie weiden. Das junge Zebra, obgleich kräftig gebaut, ist auch noch nicht größer als die Pallah, und wenn die Zwei mitten in der Herde beieinander stehen, überragen die ausgewachsenen Tiere sie völlig und umgeben sie wie ein Schutzwall. Da konnte man sich schon geborgen fühlen! Und wenn sie je beim Weiden einmal zu nah an den äußeren Ring der Herde geraten, fo kommt die Zebramutter gleich hinterher und stößt ihren Sohn mit der Schnauze wieder zurück. Als die Herde am nächsten Morgen in der Frühe äsend weiterzieht, treffen sie auf eine alte Kuhantilope, die als Wachposten auf einem Ameisenhügel steht, während ihre Gefährten ringsumher verstreut das Gras abrupten. Die kleine Pallah, die sich unter Ihren neuen Freunden schon sicher und glücklich fühlt, beginnt zu spielen, springt hoch in die Luit — wirst sich schnell herum und — springt wieder. Das junge Zebra steht derweil neben seiner Mutter und betrachtet sie staunend, und auch die Zebramutter versolgt ihre drolligen Possen mit Aufmerksamkeit. Und lange dauert es nicht, da bekommt das junge Zebra auch Lust mitzutun und versucht zu springen wie die Pallah; aber während diese leicht und anmutig in die Lust fliegt und gleich hinterher noch einmal, bringt er nur kleine kurze Hopser zustande und immer wieder plumpst er schwer auf alle vier Füße zurück. Er kann es gar nicht herausbekommen, wie sie es nur anfängt, und versucht cs immer und immer wieder, schwerfällig und ohne die geringste Aussicht, es ihr an Schnelligkeit und Leichtfüßigkeit gleichzutun. So vergehen zwei Tage. Als Zebra und Pallah wieder einmal unter Aufsicht der Mutter miteinander fpielen, während die andern Zebras grafen oder in einem ausgetrockneten Wasserbett schlafen, verdüstert sich mit einemmal der Himmel durch eine große Wolke, die sich von hoch oben herabsenkt. Das älteste Zebra blickt bestürzt in die Höhe und macht sich bann gleich aus dem Staube, und die ganze Herde folgt feinem Beispiel. Langsam sinkt die Wolke — tiefer und tiefer, bis sie endlich den Boden berührt. Dann teilt sie sich in Hunderttaufende kleiner geflügelter Lebewesen von graugrüner Färbung und eigenartiger Zeichnung — ein Heuschreckenschwarm! Die kleine Pallah bemerkt verwundert, wie die Farbe des Bodens sich verändert, als diese Myriaden von Insekten sich darauf nieberlaffen. Sie sieht sie in Massen auf dem Rücken des jungen Zebras wuseln und davon herabgleiten, soweit sie sich nicht in Schwanz oder Mähne verfangen. Sie fpürt sie auf ihrem eigenen Kopf und Körper — sie tritt bei jedem Schritt darauf; es sind ihrer fo viel, daß die Leichen der Tiere, die sie im Laufen zertritt, sofort wieder ganz bedeckt sind mit neuen Heuschrecken, die vom Himmel fallen. Die Grashalme biegen sich unter der Last der großen Insekten nieder; hie und da schnellt ein einzelner Halm, der plötzlich entlastet wird, wieder hoch, um gleich darauf wieder niedergedrückt zu werden von nachfolgenden Heuschrecken, die sich gleichzeitig zu Dutzenden da-aus stürzen. Der Boden ist buchstäblich verschwunden unter dieser leben gen wimmelnden Masse. Vögel erscheinen in Scharen, um von den Heuschrecken zu fressen; von allen Seiten kommen sie angeflogen zu diesem riesigen graugrünen Fleck da am Rand der Steppe. Aber ob sie auch Tausende der Insekten vertilgen, der Fleck bleibt, unverändert an Größe und Färbung. Die Pallah läuft mit den Zebras, und sie stoßen wieder auf andre flüchtende Herden. In einem Umkreis von mehr als anderthalb Kilometer haben die Heuschrecken das Land besetzt, ein Schwarm, der im Lause eines Tages die Vegetation hier ebenso restlos vernichten wird, wie das Feuer es in der Gegend beim Fluß besorgt hat. Immer und immer wieder schüttelt die Pallah sich, um die Plage loszuwerden; aber immer wieder werden die Abgeschüttelten durch andre erfetzt. Die Herde hat noch etwa drei viertel Kilometer zurückzulegen, um aus dem Bereich der Heuschrecken herauszukommen; doch da tut sich plötzlich ein starker Wind auf. Die lebende Decke erhebt sich wie eine Wolke vom Boden, läßt sich noch einmal nieder und schwingt sich bann hoch in die Lüfte, taumelt und wogt eine Weile unsicher im Winde und steigt dann noch höher, um schließlich weit in der Ferne zu verschwinden. (Fortsetzung folgt.) Unbekannte Krau. Bon Josef Weinheber. Woher du kommst, ich weiß es nicht. Im Himmel hoch die Wolke zieht. Dom Baume tropft ein Morgenlied. Die Blüten schneien weih und dicht. Wer bist du, unbekannte Frau? Mittäglich schweigt ein voller Tag. Die Schlange gleißt im Buchenschlag. Fern schläft ein Berg im satten Blau. Dein Schicksal rührt mich dunkel an. Der Abend deckt die Quellen zu. Aus Purpurgründen rauscht die Ruh. Ob wir uns vordem einmal sahn? Es trinkt die Nacht dein Angesicht. Ich habe wohl sehr lang geträumt? Ein letzter Bord den Himmel säumt: Du schwindest, gehst — und bist Gedicht Fülle des Sommers. Von Ernst Kreuder. In der Nacht wurde Perth von einem Donnerschlag wach. Er fuhr im Zelt hoch, wie von Einern Kanonenschuß geweckt. Gleich darauf blitzte es wieder, grell und blendend, zweimal hintereinander; dann ging ein erdeverschlingendes Krachen und Brüllen in der Höhe los. Es klang, als schlügen sie Himmel und Erde entzwei. Perth hatte den Eindruck, als ob in diesen ohrensprengenden Donnerschlägen eine urweltliche Befriedigung mitklänge. Datin hörte er den Regen draußen auf den stillen See prasseln. Eine Sekunde später trommelte der wolkenbruchartige Guß auch auf das Zeltdach. Er schaute auf das winzige Leuchtzifferblatt der Armbanduhr. Es war erst kurz nach elf. Gut, daß er am Tage eine Menge trockenes Kleinholz gelesen und regensicher untergebracht hatte. Er hatte das Gewitter vorausgeahnt; denn es war erstickend schwül gewesen, und die Sonne hatte wie mit Nadeln gestochen. Auch das Boot war im Trockenen. Die kühle Regenluft drang erfrischend ins Zelt. Er lag noch eine Zeitlang wach und hörte dem Regen draußen zu. Da es sehr stark regnete. konnte es am Morgen wieder schön sein. Er dachte noch, daß er jetzt aufstehen, die Oelhaut umhängen und einen Gang durch den Som- mernachtregen machen müßte. Der Donner rollte noch zuweilen in der Ferne, als grollte er sich aus; dann hörte der Regen auf und Perth schlief wieden ein. Als er am Morgen vors Zelt trat, war die Sonne noch nicht aufgegangen. lieber dem See stand leichter Nebel, die Luft war kühl und rein; es war so still, als läge alles noch in tiefen Träumen. Perth sprang ins Wasser, es war durch den Gewitterregen etwas abgekühlt, gestern war es wie lauwarmer Tee gewesen. Er schwamm ein Stück, ging dann an Land, machte einen kurzen Dauerlauf und brachte das Boot zu Waf- ser. Er paddelte über den See und das kleine, schilfumstandene Flüßchen hinauf, das hier mündete. Nach einer Stunde war er von dem zwanzig Häuser großen Rieddorf zurück, wo er in der Gemifchtwaren-Handlung eingekauft hatte. Die Sonne war aufgegangen und hatte das dunstgraue bleierne Zwielicht vertrieben. Bogelstimmen wurden in den Gebüschen wach, der Sommermorgen brach mit strahlendem Glanz an. Der Himmel zeigte ein frisches, luftiges Blau. Jetzt machte Perth mit dem getrockneten Kleinholz Feuer, überbrühte den Kaffee, als das Wasser in dem verrußten Tops brodelte, und briet die dünnen Speckscheiben in der Pfanne an. Als die Speckscheiben durchsichtig wurden, schlug er die Eier darüber, ohne die Dotter zu verletzen. Erst als er die Pfanne vom Feuer nahm, stach er die Dotter an, worauf sie tief löwenzahngelb über den Speck flössen. Diese Verrichtungen versetzten ihn stets in einen Zustand einsamer, rauschhafter Benommenheit. Während er den heißen Kaffee schlürfte und die köstlich beladenen, triefenden Brotscheiben in den Mund schob, blätterte er genießerisch die nagelneue Illustrierte durch, die noch nach Druck roch. Er hatte das Heft vom Dorf mitgebracht. In der Stadt war das keine so große Aufregung; aber hier in der völligen Einsamkeit und Riedwildnis, wo man tagelang niemand sah, konnte das Photo einer hübschen, jungen, gerade entdeckten Filmschauspielerin im weißen Badeanzug am Strand wie etwas Unerhörtes wirken. <'7-rtt) lehnte sich zurück und zündete die erste Zigarette an. Sie !d>. ■ den ganzen Tag nicht mehr so gut wie jetzt. Man wurde dabei elbst ein wenig zu Rauch und schwebte. O ja, die Mädchen, dachte Perth n diesem Schweben, sie sorgen immer wieder dafür, daß es nicht zu riedlich wird und zu ruhig. Nehmen wir an, es gebe für einen Mann nichts mehr, was ihn beunruhigen könnte, er hätte feinen Frieden mit b