Gießener Aiiiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1958 Zreitag, den 22. Juli Nummer 56 Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von Hoturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (Schluß.) Pückler lachte und legte die Hand auf Meryons Zirm: „Ausgezeichnet, Doktor, das paßt zu dem Märchen aus Tausendundeiner Nacht ... auch zu meinem eigenen Nachtwächterleben in allen Erdteilen ... Wollen Sie bitte Mylady versichern, daß ich mit Ungeduld mein erstes mitternächtliches Stelldichein erwarte." Rosen blühten und dufteten die Alleen entlang, die er schritt, sie überschütteten jede Mauer, jeden Zaun in einer Fülle, wie Pückler sie nie gesehen. Der Mond erleuchtete die Felsenburg. Vor einem Pavillon verabschiedete sich Meryon. Mylady wünsche Durchlaucht allein zu emp- sangen ... Pückler sah auf die Uhr: sie zeigte Mitternacht. Er lächelte. Vierzig Jahr« jünger sie beide — und er wäre der Prinz, der zu der verzauberten Prinzessin kommt ... Er stand vor einer Portiere, die sich hob ... Eine sehr schöne Hand winkte, auf dem englischen Lehnstuhl Platz zu nehmen. Pückler verbeugt« sich in großer Form vor dem blassen, edlen Gesicht, in dem zwei Augen brannten ... Die weiße hohe Gestalt, der flammendrote Turban, die volle Stimme ... Es war nicht eine Pompadour der Wüste, wie er erwartet, nicht eine große Kurtisane des Orients. Die da saß, er täuschte sich nicht — war wie eine Sibylle des Altertums, majestätisch, wissend — und keusch... „Sie sehen, Prinz, seit mein Vermögen geschmolzen ist, lebe ich als Derwisch hier. Ich brauche den Luxus gottlob nicht mehr, ich suche mich Oer Natur wieder zu nähern, von der uns die Zivilisation getrennt hat. Meine Rosen sind meine Juwelen, zu Uhren dienen mir Sonne und Stern«, zur Nahrung Früchte und Wasser ..Sie hielt an und lächelte: ,,3n Ihrer Physiognomie lese ich allerdings, daß Sie ein arger Epikuräer sind, Prinz. Ich verstehe die Mienen der Menschen zu deuten wie die Pflanzen und die Sterne ... Wie werden Sie es acht Tage bei mir aushalten können?" „Mylady, Ihre Armut ist immer noch eine englische Armut — die dem deutschen Reichtum ziemlich gleichkommt ..." , Ihn konnte di« Drohung nicht schrecken. Er hatte sich bereits durch Meryon versichern lassen, daß Myladys Gäste nicht auf Frucht und Wasser gesetzt wurden I , Aber in dem Weltmann Pückler steckte ein Zeitgenosse Goethes, der hinter allen Genüssen der Erde nach den ewigen Werten fragt. Ihm lag daran, die Sibylle bei den Sternen festzuhalten. „Mylady, wenn Sie von Sternen sprechen — ich respektiere alle innigen Ueberjeugungen, wenn ich Ihnen auch nicht in Ihrem Fluge eigen kann. Doch scheint es mir widersinnig, den Planeten Einwir- lungen abzusprechen — wo wir doch die Einflüsse des Mondes emwand- irei wahrnehmen — wenn auch ohne Erklärung ..." Hefter nirfte:1 ,m r „lieber uns ist eine fortlaufende Kette unsichtbarer höherer Wesenheiten — unter uns —, andere, untergeordneter Art ... Wir sehen diese Wesen selten und kommen dennoch.mit ihnen täglich in Berührung ... i'mben Sie das absurd?" „Mylady, mir käme das kühne Absprechen absurder vor — em an- naßender Dünkel, den ich mir nicht leisten möchte ..." Ihre Pfeifen qualmten, Hefters Augen wurden tief und blau, Südier lehnte sich zurück und genoß Stunde und Anblick. „Wäre man gründlich bewandert mit den unfehlbaren kosmischen Einflüssen — unsere Wissenschaft würde dadurch nur gewinnen — auch tnfere Kunst. Die Alten haben viel davon instinktiv erfaßt — wenn üelleicht auch wenige bis zum Wissen gelangten. Daher schufen fie |o (rofoe Kunstwerke. In ihnen erkennt man deutlich die Gesetze der Sterne ..." Pückler beugte sich vor: . „Ich habe einen großen Landsmann, er heißt Goethe — em Dichter. Stad) ihm ist Kunst die Offenbarung geheimer Naturgesetze ..." „Er hat recht — aber unsere modernen Künstler sind weit davon entfernt. Sie mischen Heterogenes und Anormales zusammen, hier eine Stale, dort ein Auge, das — den Gesetzen nach — nie zusammengehoren hnn ... Wissen Sie, Prinz, daß die Deutschen nach einer arabi chen Heberlieferung von außerordentlich hoher Rasse sind, gleich den Königen, ihren Ahnen ... und daß die Schotten und Iren von den Arabern abstammen?" Nein, er wußte es nicht.. „Lesen Sie das Schicksal eines Menschen aus seinen Sternen?" fragte Pückler und beobachtete scharf. „Zu den tieferen Regungen bedarf es größerer Wissenschaft und er- habenerer Eigenschaften, als sie mir zuteil wurden", erwiderte sie leise. „Reicht Menschenmöglichkeit je so weit?" „Nur bei bejonders begünstigten Menschen .... Ihr Stern wirkt so mächtig auf sie, daß wir Eingeweihten ihn auf ihrer Stirn erblicken .. . Aber ich sah das nur einmal in meinem Leben. — Prinz, werden Sie dies alles auch in einem Buch veröffentlichen wie Monsieur Lamartine?" Ihre Augen tauchen in die feinen. ,Hch weiß, Mylady, wo das Schweigen beginnt", sagt Pückler. Und er hat fein Wort gehalten, bis in feine Tagebücher hinein. — Es find wunderbar warme, mondklare Nächte über dem Rofeneiland Dar Dfchun. Es sind Nächte voll Frage und Antwort für den deutschen Mann und die englische Frau. Nie hat ein Mensch aus Europa so ernsthaft zuhören können, nie ist ihr das Wort so warm, so reich und befruchtend geströmt. Es ist die durchdringendste Menschenkenntnis, die Pückler je erlebt; ein unerhörtes Gedächtnis, männlicher Mut und jungfräuliche Zartheit vereinen sich in dieser Frau. Mylady sorgt für ihre Gäste auch in Angelegenheiten materiellen Behagens; nicht nur, daß sie den Baum bezeichnet, von dem jeweils die Zitronen für des Fürsten Limonade gepflückt werden sollen — eines Tages läßt sie ihm aus Saida die beiden abessinischen Sklavinnen holen! „Seine Frau ist da! Einen Stuhl für die Konkubine!" rufen die Diener. „Oh, wird das Mylady nicht doch unangenehm sein?" fragt Pückler den Doktor. . Aber der versichert, im Osten reise jeder große Herr mit seinem Harem. — Graf Tattenbach, der in Begleitung des Fürsten gekommen ist, hat ein Fieber überstanden; Mylady bereitet ihm eigenhändig schwarzes Salz, das er schlucken muß. Es hat unangenehme Folgen und ist durchaus nicht nach feinem Geschmack. Aber er irrt sich, wenn er meint, daß Widerspruch helfe. Kein Besucher bleibt einige Tage auf Dar Djchun, ohne von Mylady verarztet zu werden. Pückler will unendlich viel wissen. Mylady lächelt: „Seid ihr Deutschen das Volk der Gottsucher?" ,Zch glaube es", meint er ernst; „zum Beispiel möchte ich gern von den orientalischen Religionen erfahren." „Lieber Fürst! Man kann doch nicht in Stunden sagen, was Resultat jahrelanger Püsung ist! Reynaud schrieb ein großes Buch, er hatte vier geheime Bücher der Drusen und fünf Gelehrte des Landes bei sich, die ihm einen Winter lang übersetzten und erklärten. Aber wenn man auch die Texte versteht, heißt das noch nicht den Sinn begreifen ... Wenn ein Druse fragt: .Gebrauchst du Senna-Blätter?' so heißt das in der Geheimsprache: .Bist du für die Revolution?' ... Damals, nachdem ich Oberst Boutin habe rächen lassen — blutiger, a(s ich selber wollte! — da ging ich zu einem alten Derwisch, um die Geheimnisse seiner Religion zu erfahren, schlief auf Blättern, fastete und übte nach Vor- Ichrift ... Ich habe manches gelernt dabei und danke Gott, daß er mich erleuchtet hat ... Freilich hielten mich die Europäer für verrückt damals —" „Manche meinten auch, Lady Stanhope [ei in geheimen Diensten einer großen Brüderschaft .. Die Frau lachte: „3a, was hat man alles gemeint! Ich habe nie in Diensten gestanden — wenn mich auch manche für sich gewinnen wollten ...Ich will frei fein — mit meinen eigenen wilden Ideen! Kommen Sie, Prinz, die Nacht ist kühl, gehen wir spazieren." Er bot ihr den Arm, in langwallendem Gewand schritt sie dahin, mit dem Turban über dem Königsgesicht. Eine Terrasse, von hohen Vasen eigenen Entwurfs umstellt, ist über dem senkrechten Abgrund errichtet. Das wogende Gebirge verebbt gegen Westen und öffnet sich dem Horizont des Meeres. 3m grünlichen Licht eines orientalischen Vollmonds liegt der Herrin eigener, verzauberter Garten — ein Meer von Rosen, deren Duft die Atmosphäre füllt und traumhaft den Sinn umspielt. Auf ihre kühlen Purpurkifsen setzt sich die Frau — ist sie nicht selbst ein Stück dieser Landschaft — kühn, wild und zeitlos schön? „War Nassr Ihr Geliebter?" fragt Pückler plötzlich und wundert sich über die eigene Frage. ,Zch weiß, daß man es in Europa geglaubt hat, aber — die Araber haben mich weder als Frau noch als Mann gekannt — für sie war ich ein Wesen besonderer Art." „Verzeihen Sie ... Diese Frag« war keine Frage für mich -. Für mich sind Sie wie eine der Vestalinnen Roms, die nur mit jungfräulichen Händen die Flamme hüten können, wenn auch —" Er hielt an. „Wenn auch ...?" fragte Hefter. . ,Lch wollte sagen, daß ich dennoch glaube, Sie haben einmal in Ihrem Leben einen Mann geliebt, Lady Hester! Verzeihen Sie, wenn ich es sage — aber nur diese Nacht hört uns zu mit ihren Gestirnen — und ich brauche keine Antwort." Er sprach mit abgewandtem Gesicht. Sie schwieg. Ein Stern siel herab, und es war, als höre man in der unendlichen Stille den ewigen Strom von Werden und Vergehen. ,Me irren", sagte die Frau — „ich liebe ihn heute noch und habe nie ausgehört ihn zu lieben... Für die Wissenden gibt es keinen Tod. Das Stelldichein beschränkte sich längst nicht mehr auf die Stunde um Mitternacht. Meryon stellte fest, nicht ganz frei von Eifersucht, dah „der Prinz" schon mittags gerufen wurde, zuweilen sogar am Morgen. Dafür konstatierte er mit Befriedigung, dah Pückler nur mehr halb so stolz herumging wie vordem und Mylady königlicher war denn je. Sie hatte wohl auch über den Deutschen triumphiert! Eines Tages empfing Hefter den Doktor in besonderer Huld. „Hören Sie, Meryon, da ist etwas, von dem ich -möchte, Sie sprechen es aus statt meiner. Der Prinz wird über mich in Zeitungen schreiben, sagt er. Nun, was er über mein Temperament, meinen Verstand und mein Benehmen meint, gilt mir gleich. Aber — ich möchte nicht, daß er etwas über mein Aeuheres bringt, weder über mein Gesicht noch Erscheinung oder sonst etwas. Es ist nichts Erfreuliches zu melden über eine Person, die beinahe vier Monate im Bett gelegen hat. Am besten wird sein, er schreibt, er habe überhaupt nichts an mir bemerkt, verstehen Sie?" „Gewitz, wenn Mylady wünschen —" „Nun sagen Sie: was erzählt der Prinz? Sie wissen: zu mir kommt man mit einem vorbereiteten Gespräch und ausgedachtem Kompliment... Wie spricht er bei Ihnen? ... Es ist ein schöner Mensch, der Prinz I Und die deutschen Schneider arbeiten erstaunlich gut. Sagen Sie — tragen alle Herren jetzt weihe Handschuhe?" Meryon bejaht. „Das muh aber teuer fein! Denken Sie nur: man wird es nicht mit weniger als zwei Paar am Tag machen können — das wären wohl etwa sieben Schilling in drei Tagen — also siebzig Schilling im Monat!" Meryon fand es nicht der Mühe wert, die Möglichkeit des Waschens zu erwähnen, aber da ihm diese Bemerkung die Art ihres Rechnens besonders gut zu illustrieren schien, notierte er sie insgeheim für fein Tagebuch. Doch Mylady war noch nicht zu Ende mit ihrem Lob: „Gut erhalten ist der Prinz, das muh man sagen. Er schreibt ohne Brille — und ist doch schon in Ihrem Alter." Meryon griff unwillkürlich an feine Gläser. „Ich dachte, Mylady, er sei jünger als ich —" „Nein, nein, ich weiß es genau, er ist so alt wie Siel" Der Abschied wurde aufgeschoben, Pückler sprach von einem leichten Unwohlsein und Mylady nahm es bereitwilligst auf. Aber dann, eines Abends, führte sie ihn dennoch zum letztenmal in die geheiligten Ställe ihrer beiden Araberpserde, die bestimmt fein feilten, dem kommenden Messias Dienste zu tun. Pückler lächelte über die Geschichte der Pferde — das eine hatte einen Schultewefekt — und Mylady meinte, es entspreche der Propheti: „ein Pferd, das ganz gefältelt zur Welt kommt, wird bestimmt fein ..." lieber die Pferde waren in europäischen Zeitungen seitenlange Berichte erschienen — sie dienten als Kronzeugen für Myladys Verrücktheit. Ihm erschien der Unsinn, den diese Frau zuweilen sprach, liebenswerter als manche Klügelei gelehrter Theorien ... „Mylady, was werden wir noch alles von Ihnen hören?" fragt er weich. Sie schüttelt den Kopf: ,Hch habe keinen Ehrgeiz mehr. Für die Jahre, die noch vor mir liegen mögen, habe ich nur einen Beruf: den Messias zu erwarten! Alle, die zu glauben vermögen, sollten sich aktiv auf die großen Ereignisse vorbereiten, denen wir entgegengehen ... Ein neues Jahrtausend bricht an! ... Sie schweigen?" „Lady Hester, Sie wissen, in diesem Punkt denke ich anders. Der Messias ist schon erschienen und erscheint nicht mehr als einmal!" „Der ganze Orient wartet auf ihn — sollen alle sich irren?" Pückler, der Deutsche, sieht lange vor . sich hin. „3d) könnte mir höchstens denken, dah er eines Tages im Geiste wiederkehrt — feine eigene Lehre zu läutern ...Cs fehlt auch jetzt nicht an Mächten, die diesen reinen Christusgeist gern wieder kreuzigen würden ..." „Schweigen wir", jagt Hefter. „Nehmen Sie diese Schriften mit sich — sie sollen niemand anderem in die Hände fallen ... Und jetzt lassen Sie uns scheiden, wie es Weisen geziemt — ohne Abschied zu nehmen. Schon steigt die Sonne — die Perle der Freunde." Sie lieh ihm lange die Hand, über die er sich wortlos beugte. Es waren die letzten lichten Tage über Dar Dschun; denn aus England kam keine Nachricht, und die Pension blieb aus. Schweigen. Herbst 1838. Früh setzen die Regen ein und vernebeln das Felfen- schloh von Dar Dschun. Hungersnot folgt dem Krieg, in dumpfer Verzweiflung leben die Drusen. Zu Damaskus schließt man die Läden, es gibt keine Ware mehr. Das Getreide erreicht Wucherpreife. Und das Haus der Sitt ist verschlosien, Dar Dschun, das Asyl für alle. Einem Diener gibt sie Befehl: ,Führ die Pferde in den Hof, und ehe du sie tötest, flüstere chnen ins Ohr: chr habt auf Erden gearbeitet, eure Herrin, die euch liebt, hat Angst, daß ihr in grausame Hände sollt, deshalb schickt sie euch in den T^Meryon, &er letzte Zeuge aus England, sieht eines Morgens, als er vor die Burg kommt, Arbeiter damit beschäftigt, die Tore zu vermauern. „Mylady?" fragt er entsetzt. Sie raucht so gelassen wie nur je. ,Lch sagte Ihnen ja, ich werde mich einmauern lassen, wenn keine Nachricht aus England kommt ... Ja, Doktor, die Würfel sind gefallen. Einmauern! Entsetzlich! Meryon läuft es kalt über den Rücken. Kann er sie jetzt allein lassen? Dabei sehnt er sich krank nach Europa — unerträglich ist der Zustand in der eigenen Familie ... Mrs. Meryon im Kampf mit Myladys Dienerschaft, die ihr ein bärtiges Gesicht und holziges Blut prophezeit, wenn sie nicht willig und freudig. Tag und Nacht den Doktor nach Dar Dschun läßt, wann immer es die Sitt wünscht! Dabei rüstet der Aegypter aufs neue. Bis nach Kreta und Albanien zieht er Truppen zusammen, ein neuer Kriegl Großer Gott! Der Doktor wird nervös Ost, wenn er im Morgengrauen in sein Heim kommt, findet er warnende Botfchast des Konsuls, für diese Nacht feine Diener zu be- roaffnen und eines Angriffs gewärtig zu fein ... Auch kann Mylady ihn felbstverständlich nicht mehr bezahlen ... Aber jetzt sich von ihr trennen? Hat nicht auch Fürst Pückler zu ihm gesagt: „Sie werden doch nicht Lady Stanhope allein lassen, solange sie nicht ganz gesund ist!" ,,, „ . . . Seit Tagen schon schläft Meryon nicht mehr, er ist allem mit feiner Sorge und seinem Zweifel, denn mit Mrs. Meryon kann er nicht spre- chen über Dar Dfchun. Da kommt Mylady felbft zu Hilfe: , Doktor, auch Sie müßen gehen. Sie können mir nicht helfen, und ich habe kein Geld mehr ... Je eher Sie zurückfahren, desto bester. Sie wissen, wie dankbar ich bin, dah Sie überhaupt tarnen ..." Nun, wenn Mylady selbst befiehlt ... In einer Augustnacht steht er vor ihr und beugt sich zum letztenmal vor dieser Frau. Hat er ihr nicht die besten Jahre gegeben und seine ganze Kraft — soweit sie gereicht? Er ist fünfzig Jahre alt, und es wird hohe Zeit, an seine Familie zu denken. Sie legt die Hand aufs Herz und küßt ihn auf den Mund. Zweitaufend Piaster, die er übrig hat, bittet er dalassen zu dürfen — für alle Falle ... Gewiß nimmt sie an, bald wird sie zurückzahlen können — wenn Gott will. Dann reitet er durch den schmalen Spalt des vermauerten Tores von Dar Dschun und läßt sie allein zurück in diesem blutigen Land, ver- lassen, verarmt und krank. r Am nächsten Morgen, als er mit seiner Familie ausatmend zmn Hafen von Saida reitet, kommt ein Bursche nachgelaufen. Ums Himmel, willen! Noch ein Hindernis? Nein, er soll nur einen türkischen Teppich von Mylady bringen — vielleicht, daß er auf der Ueberfahrt gebraucht werden kann ... In diesem letzten Augenblick noch keine Klage, kein Borwurf, nur Sorge um seine Bequemlichkeit. Woher nimmt eine Frau solche Kraft? Er weih es nicht. Er hat es nie gewußt. Immer wird sie ihm ein Rätsel bleiben. Hat sie nicht selbst gesagt: „Für das, was ich sehe, sind Sie blind?" Es gibt Stunden, wo er glaubt, dah in Mylady Kräfte sind, difeine ärztliche Wiffenschast nicht diagnostizieren kann. — Schakale umziehen die Festung, Hunde beißen eine Hyäne mitten im Garten tot. Kein Besucher reitet mehr durch die vermauerte lür, kein Brief kommt von Englands Königin an die Nichte des großen Pili Einmal hat Viscount Ebrington eine Spezifizierung der Sdjulöen verlangt — aber er ist ohne Antwort geblieben. Die irische Erbschaft ist >n Lust zerronnen. Europa hat vergessen. — In einer Sturmnacht erscheint ein fremder Derwisch vor Dar Dschun. Er hat gehört, daß jeder hundert Piaster von der Sitt erhält: aber heut- gibt es nur ein Mittagessen. Es ist ein riesiger Mensch mit zottiger Brust und roitoen Augen. Mik gebauten Fäusten richtet er sich auf und verflucht dreimal das Haus. Die Diener scheuchen ihn fort, doch aus den Bergen echot der Bogil des Unglücks. - Sitt Mylady muß Brief um Brief an die Wucherer der Hafenstadt schreiben, um Brot und Del zu kaufen. In den Kaffeehäusern von Saide schreien ihre Gläubiger: „Wir haben es satt! Keiner soll mehr einen Pfennig geben! Sie foH zahlen!" Ein türkischer Bauer hört zu, schweigend raucht er in der Ecke. Jetzt erhebt er sich: „Wenn du Furcht haft, dein Geld zu verlieren, nimm das meint als Pfand." „Gib her", sagt der Wechfler. Der Türke ist arm, er muß Güter verkaufen, um borgen zu können» aber das ist nur seine Pflicht, verkündet er, denn: „Die Sitt hat uns in jeder Not geholfen, sie ist ein allgemeines Gluck, und wir müssen sie heilig halten!" — Sie ist dreiundsechzig Jahre alt und liegt mit krankem Körper in vermauerter Festung. Aber der Wille ist ungebrochen. Pückler-Muskcni» der die Korrespondenz in Angelegenheit ihrer Schulden an europäische Zeitungen schicken soll, hat geschrieben, Mylady kenne den Westen nicht mehr so ganz genau — der rauhe Ton würde mehr schaden als nützeN- Nun hat sie selbst Berichte an die englischen Blätter geschickt und benag)’ richtig! Meryon, daß bald ein Memorandum erscheinen werde. Es trifft ein, was Pückler vorhergesagt: der (Empfang in der eng’ den Augenbrauen vertiefte sich. „Ich schätze es nicht, von meinen Angestellten kritisiert zu werden. Zugeben mutz ich, daß Sie während meiner Abwesenheit meine Pflanzung musterhaft verwaltet haben. Deshalb war ich fast bereit, den Vertrag mit Ihnen einzugehen, den Sie wünschten — und der Ihnen voll Selbständigkeit gegeben und Sie beinahe zu meinem Teilhaber gemacht hätte. Aber jetzt glaube ich doch, daß wir nicht gut miteinander auskommen könnten!" Er sah, wie das Blut aus dem lederfarbenen Gesicht des Deutschen wich, und wie die Augen dunkel wurden vor Zorn. Unbewegt fuhr er fort: „Wollen Sie mir nicht wenigstens erklären, worin Sie eine Dummheit sehen, wen ich ein gefährliches Raubtier auf meiner Farm abschieße?" Rohde lachte spöttisch: „Gefährliches Raubtier — unser braver alter Simba! Selbst die Nigger fürchteten ihn nicht. Und seit den acht Monaten, die ich hier bin, hat er noch keinem Lebewesen etwas zuleide getan, außer den zahlreichen Warzenschweinen. Die können Ihnen dankbar feilt irr Ihren voreiligen Schuß. Jetzt können sie ungestört in der Pflanzung Hausen — uni> meine mühsame Arbeit vernichten!" „Unsinn —" unterbrach Lord Darton schroff. „Sie tun ja fast, als ob der Löwe Ihr Wachhund gewesen wäre. Hätte ebensogut Menschenfresser werden können — „Erst wenn er krank oder alt geworden wäre und kein Wild mehr erwischt hätte. Dann hätte er uns vielleicht eine Ziege geraubt — und es wäre Zeit gewesen. Aber jetzt ..." „Mit den paar Warzenscheinen werde ich leicht fertig. Morgen schon veranstalte ich eine Treibjagd auf die Tiere. Sagen Sie den Leuten Bescheid! Zwanzig Mann werde ich brauchen als Treiber." „Die mir bei der dringenden Arbeit fehlen", ergänzte Rohde ingrimmig. „Ich muß nachher noch ins Dorf reiten, um Arbeitskräfte aufzutreiben." _ Lord Darton trommelte mit feinen gepflegten Fingern ungeduldig auf die Brüstung. „Der halbe Tag wird nichts schaden. Sie sind auch eingeladen, Mr. Rohde!" Der Verwalter sah verschlossen vor sich hin: „Danke — leider habe ich gar keine Zeit däfür!" Er faßte slüchttg an seinen Tropenhelm, und der Engländer sah ihm wütend nach, wie er in den Sattel seines bereitstehenden Maultieres stieg und den Npamparas, den schwarzen Aufsehern, kurze bestimmte Anweisungen gab . ?. Lord Darton trat in das Innere seines Hauses. Sorgfattig nahm er aus dem Gewehrschrank die Doppelbüchsen und untersuchte liebevoll dis blanken Waffen. Dabei schmunzelte er vor sich hin: „Gefällt mir eigentlich doch, der Grobian. Seine Arbeiter hat er im Schwung, und auf dis Schwarzen versteht er sich. Von seiner Halsstarrigkeit werde ich ihn auch noch heilen ..." * Am nächsten Tage zog Lord Darton zur Treibjagd aus. Sein Somaliboy begleitete ihn als Büchsenspanner, und ein stämmiger Suaheli schleppte die Gewehre. Im entferntesten Teil der ausgedehnten Pflanzung hat das Treiben begonnen und kommt allmählig näher. Das Knallen der Schüsse und das Johlen der Treiber dringt bis zu Rohde, der mit seiner jungen Frau am Kaffeetisch sitzt. Die blonde Deutsche sieht angstvoll zu ihrem Mann hin: „Du mußt dich eben gut mit ihm stellen! Er ist der Besitzer, und wenn er dir kündigt —" . r „Hat er gestern schon getan", lagt ihr Mann bitter, „wenigstens durch die Blume ..." Er streichelt tröstend über ihre Hand. ,^ah gut sein, irgendwie wird der alte Gott schon helfen. Er verläßt keinen Deutschen. Aber horch: Der wilde Jäger scheint genug zu haben. Schon seit einer ganzen Weile fällt kein Schuß mehr." — Er lacht ärgerlich, weil er fühlt, daß seine Stimme schwankt. „... wird schön aussehen hier, wenn er allein herumwirtschastet — mit Schwarzen, die er nicht versteht! Plötzlich dringt schrilles Kreischen bis zu dem Verwalterhaus Es klingt, als wenn ein Tier in höchster Todesnot klagt. Die junge Frau wird bloß, und ihr Mann springt erschrocken auf. Da wird die Tur auf- gerissen, und Lord Darton stürzt verstört herein „Entschuldigen Sie — aber ich muß Mr. Rohde bitten, sofort nut« ^°,Was" ist denn los?" fragt der Verwalter unterwegs, während fi« dem'großen Farmhaus zuhaften. „ ..... , Der Lord ist kreideblaß. „Eine sehr schlimme Geschichte .stöhnt er. .Ich habe einen Treiber angeschossen und fürchte, daß er jetzt schon tot ist," — Aus der Veranda ballt sich ein Knäuel von Schwarzen. Ihr Heulen und Kreischen wird noch lauter und durchdringender als sie die Weißen sehen. In ihrer Mitte liegt auf einer Tragbahre Tumbo, der Rohi^ tritt zu ihm. „Laß mal die Wund« sehen, vielleicht können wir Augäpfel des Negers find verdreht, so daß man nur das Weiße steht Und die Verwandtschaft stößt sofort ein "ES schrilles Wehklagen aus, daß Lord Darton feine Handflächen gegen die Ohren preßt. „Das ist ja entsetzlich", erklärt er erschöpft. „Mein Somali hat nur die Forderung der Sippschaft schon übersetzt: Sie verlangen hundert Psund als Entschädigung — und erklären slch damit für abgesunden. 9ff)pr das ist dach Unsinn! "Meinetwegen — aber ich will gern diese Summe verschmerzen, wenn ich damit Ruhe habe. Hätte Sie gar nicht herbemüht, wenn die Leute mit einem Scheck zufrieden gewesen wären ... Haben Sie genügend Silber in der Kasse?" , Morgen ist Lohntag. Aber ich kann doch nicht —. „Selbstverständlich müssen Sie. Ich fahre morgen zur Bank und er» Rohde stapft^wortlos seiner Behausung zu. Nach tranigen Minuten kehrt er zurück. In den Händen trägt er zwei schwere Deutel, und über seiner Schulter hängt die Repetierbüchse. Schweigend legt er beides auf den großen Tisch der Veranda. Als sich die Schwarzen gierig über dis Geldsäcke stürzen wollen, schiebt er sie zurück. . rf. „Dieleicht ist Tumbo noch zu retten, wenn wir einen Arzt herbei« schassen..." lischen Oessentlichkeit ist mehr als kühl. Was soll man sich um eine alte Verrückte kümmern? Da, im Dezember 1838, erhält die „Times" ein unerwartete Zuschrift: „Oberst Napier an den Herausgeber der Dimes. Freshford, den 4. Dezember 1838. Sir! Die Korrespondenz der Lady Hefter Stanhope, kürzlich in der Times veröffentlicht, hat manchen gedankenlosen Menschen Anlaß zum Spott gegeben. Es kann sich dies am Ende als eine ernste Sache Herausstellen. Diese .verrückte Lady', wie manche unserer Zeitgenossen sie genannt haben, besitzt weitgehenden Einfluß bei den arabischen Stämmen, sie kann mehr als irgend jemand anderer England die Freundschaft jener Nationen sichern, deren guter Wille unseren Interessen lebenswichtig werden wird, wenn wir •— und die Zeit wird bald kommen — mit Rußland uns über die Unabhängigkeit der Pforte verständigen. Wenn ihre Art nicht zu vornehm und großzügig wäre, um Rache zu suchen, könnten englische Reisende bitter für die Insulte an Lady Hefter Stanhope büßen ... Sie hat mehr als weibliche Schnelligkeit der Auffassung, Intuition und Tapferkeit, sie hat darüber hinaus männlichen Scharfsinn, Unternehmungslust und Wagemut. Das Ausmaß ihrer Kraft und Entschlossenheit mag zu spät begriffen werden. Wenn sie durch Beleidigungen zu einem aktiven Feind gemacht wird, kann und wird sie den Interessen Englands im Osten mehr Schaden zufügen, als — ach! Lord Palmerstons Politik in diesen Gegenden bereits getan hat ..." Die Stimmen mehren sich, die Oessentlichkeit schwenkt um. Man verlangt Hilfe für jene Lady, die England im Orient so große Dienste erweist. Im Juni 1839 bietet Großbritannien die versöhnliche Hand. Lord Hardwicke schreibt, er zweifle nicht, daß sich vor Myladys Verteidigung alle Schwierigkeiten zerstreuen würden — nur rät er, daß sie selbst nach England komme ... „Das scheint mir vernünftig, aber ich will nicht", antwortet Hefter. Wozu soll sie schreiben, daß es zu spät ist? Geld braucht sie keines mehr. Ein großes Licht fühlt sie näher kommen und erwartet es mit offenen Augen. „Gebt dem Cäsar was des Cäfars ist und überlaßt die arme Hefter sich selbst. Sprechen wir nicht mehr davon." Warum soll man davon sprechen, daß sie röchelnd in Dar Dschun liegt und kaum mehr die Worte schreiben kann? Hefter Stanhope hat der Ewigkeit in die Augen geblickt, sie wird mit dem Mut des Wissenden über die große Schwelle gshen — und keiner von denen, die am Lichte zweifeln, braucht die Stunde zu kennen! — Eine Woche darauf, am 23. Juni 1839 um zwei Uhr nachmittags brachte der Dragoman des österreichischen Konsuls Botschaft nach Saida. Zu Mitternacht, im Angesicht der schweigenden Berge des Libanon, versenkte der Vertreter Englands ihren Leichnam unter die blühenden Rosen von Dar Dschun. Verstört vor Schreck war die Dienerschaft aus dem Totenhaus in die Berge geflohen. Auf asiatischer Erde deckte die Fahne Großbritanniens sie zu wie einen in Ehren gefallenen Kämpfer; am Grab der Frau, die auf verschlungenen Wegen Wahrheit gesucht, erwiesen dennoch zwei Ehristen die letzte Ehre. Das Felsenschloß zerfiel, wuchernde Blumen versteckten ein namenloses Grab, das Märchen war zu Ende. Doch nach langen Jahrzehnten, wenn ein Berg erbebte und der Sturm über den Libanon heulte, flüfterte es in den Dörfern, die Sitt gehe um; und ein arabischer Stamm, dem Hefter Stanhope Königin geheißen, verehrte immer noch als Heiligtum jene Münzen, die sie in Palmyra unter „ihr Volk" geworfen. Oie wunderbare Heilung. Von F. G. Schmidt-Olden s. Die Sonne knallte auf das Wellblechdach des großen Farmhauses. Aus der schattigen Veranda saß der Verwalter Rohde dem Besitzer der Planzung gegenüber. Sein braungebranntes hageres Gesicht mit den tiefeingefchnittenen Falten zeigte mühsam beherrschten Merger. „Wirklich keine Heldentat, Lord Darton —", knurrte er, „daß Sie unseren Farmlöwen totgeschossen haben. Eher könnte man es eine —. Er brach ab schob feinen Stuhl zurück. „Sie entschuldigen mich wohl jetzt — ich habe zu tun." ,, Der Engländer erwiderte die knappe Verbeugung mit einem Kopfnicken und sah seinem Verwalter nach, der die Stufen hinabstieg und auf die Hütten der eingeborenen Arbeiter zuging. „Eingebildeter Bursche , murmelte er dabei. „Etwas zu sehr überzeugt von seiner Tüchtigkeit und Unfehlbarkeit. Aber ich werde ihm zeigen, daß ich hier der Herr bin ... Er reckte seine lange Gestalt auf und trat an tue Brüstung. „Mr. Rohde — noch ein Wort!" . . , Der Deutsche kam langsam zurück. In seinem harten Gesicht arbeitete es. Wenn er nicht an Frau und Kind denken mußte, wurde er dem Narren da oben, der nur an Jagen und Schießen dachte, einfach oen ganzen Krempel vor die Füße werfen. Aber — lange wurde es seine Lordfchast ja hier nicht aushalten. Und bislang hatte er als Farmverwalter ganz zuftieden gelebt. Bis vor acht Tagen der Besitzer ^sv^roffen war. Mit [einem Jagdspleen die Wirtschaft auf den Kopf ftellte unb die Arbeiter verdarb und aufsässig machte, weil er sie nicht zu behandeln "“ßotb Darton stopfte sich bedächtig seine Tabakspfeife, und seiner trockenen Stimme war der innere Merger anzuhoren: „Sie wollten vorhin sagen, Mr. Rohde, daß Sie meine gestrige ßomenjagb für eine — Dummheit hielten? War es nicht so?" , . Onrh Rohde sah ihn offen an. „Da Sie das Wort aussprechen, Lord Dar- ton“, gab er freimütig zu, „ja, das dachte ich aüerbings! Das Gesicht des Engländers blieb unbewegt. Nur die Falte zwischen Das Gekreisch schwillt sofort ohrenbetäubend an: „Hapana, Vwana — nein, Herr — Tumbo amekufa — Tumbo stirbt!" „Asio — weil Tumbo bald tot sein wird, wollt ihr das viele Geld als Entschädigung nehmen?" „Ndio, Bwana — ja, Herr!" „Und keinerlei sonstigen Ansprüche stellen?" „Hapana, Bwana mbubwa — nein, großer Herr!" „Gut ..Rohde reißt den Verschluß seines Gewehres aus und preßt einen Ladestreifen in das Magazin, Die Neger werden unruhig und sehen ihn mißtrauisch fragend an, „So viel Geld kann natürlich nur für einen wirklich Toten gezahlt werden", erklärte der Deutsche ruhig, „Ich werde jetzt Tumbo eine Kugel durch den Kopf jagen — und dann nehmt ihr die Bahre und das Geld, und ,, Weiter kommt er nicht, Tumbo starrt ihn mit angstvoll aufgerissenrn Augen an, und dann übertönt sein schriller Angstschrei noch das Kreischen seiner Verwandtschaft, - „Hapana piga — nicht schießen .. .", brüllt er und schleudert die Decken zur Seite, In der nächsten Sekunde springt er mit einem gewandten Satz über das Geländer und verschwindet schreiend hinter den Hütten, Sein« trauernden Verwandten können ihm kaum folgen .,. Lord Darton hat mit offenem Munde zugesehen. Dann lacht er, daß seine kühlen grauen Augen tränen und schüttelt Rohde die Hand, „Den Scheck behalten Sie, Sie haben ihn ehrlich verdient für die wunderbare Heilung!" Ernst fährt er fort: „Auch für meine ,,, Jetzt sehe ich, was die Neger mit mir anstellen würden, wenn ich Sie nicht hätte. Es ist Ihnen hoffentlich recht, wenn wir gleich unseren Vertrag unterzeichnen!?" Am nächsten Tag sitzt Tumbo vor seiner Hütte, In der Hand hält er eine Platte Tabak, von der er andächtig Krümel schnitzelt. Man sieht ihm an, wie angestrengt er nachdenkt, denn seine Stirn ist gefaltet wie bei einem aufmerksamen Dackel, — Endlich stopft er seine Pfeife und schüttelt den Wollschädel, der vor vergeblicher Anstrengung schmerzt: daß der gestrenge deutsche Herr ihn heute tüchtig abgekanzelt hat, findet er in Ordnung, Eigentlich hatte er wegen des versuchten Betruges schon auf den Kiboko geschielt, die Nilpferdpeitsche. — Aber, daß der Bwana dann plötzlich gelacht und ihn mit einem freundschaftlichen Klaps und einer Platt« Tabak aus der Tür geschoben hat — das ist eines der vielen Rätsel der Wasungu, der Weißen ... Tumbo seufzt schmerzlich: Ein schwarzer Mann kann das nie begreifen. Oie unaufhörlichen Irrfahrer, s Sinn und Leben der Wikinger. Bon Franz Schauwecker. Di« Wikinger sind kein Stamm der Germanen, wie die Preußen kein Stamm der Deutschen sind. Beide — nahe verwandt und unendlich fern — finib die durch das Schicksal und das Blut erbarmungslos getroffene Auslese der Besten aller Stämme. Die Wikinger warfen sich hinein in den großen Strudel. Es war ihnen gleich, ob sie untergingen oder fruchtbare Gestade erreichten. Sie handelten aus dem Trieb und aus der Kraft. Sie waren die Männer des Schicksals. Sie gingen ihren schrecklichen Weg, ohne eine Karte zu besitzen, ohne zu wissen, was die Wegweisungen der Kart« bedeutete. Sie vollzogen den höheren Auftrag, sie waren die von Glanz und Grauen umwitterten Boten des Schicksals. Ohne Kenntnis und ohne Blickweite vertrauten sie sich ganz dem eingeborenen Drang und Zwang an, der sie leitete, Drachenschiffe auszurüsten und der Verlockung der Fernen zu folgen, welche hinter den Horizonten liegen. Zwischen der Weltherrschaft Roms und derjenigen Großbritanniens gab es eine Weltherrschaft der Deutschen. Es war eine unsichtbare Weltherrschaft. Im Jahre 620 wurden von den Wikingern die Shetbandinseln besetzt 753 tauchten Wikinger an den englischen Küsten auf, 787 brachen sie in England selbst ein. 795 suchten sie die Gestade Unteritaliens heim. 796 erschienen Drachenschiffe in Spanien. 799 wurden die aquitanischen Inseln besetzt und ausgeraubt. Im Jahre 800 wurden die Färöer erobert und 802 die Hebriden erstürmt. 820 wurde Flandern überfallen: um 835 wurde Friesland verwüstet. 839 waren die Wikinger plötzlich in Ingelheim, und im selben Jahre fiel ihnen London zur Beute. 841 fuhren sie die Seine hinauf, 842 wehten ihre Wimpel auf der Loire, 844 auf der Garonne und unmittelbar danach in Sizilien, Cordova, Lissabon und Marokko. 845 erschienen sie auf der Elbe und zum zweiten Male auf der Seme. Sie standen vor Paris. 859 brachen die erschreckenden Häupter ihrer Drachenschiffe durch die Meerenge von Gibraltar, und dann trugen sie das in die Flucht jagende Entsetzen ihrer Heere nach Rußland hinein. 861 entdeckten sie und besiedelten Island. 862 begründete Rurik das wikingische Warägerreich in Rußland. 865 stießen sie ins Schwarze Meer vor und tauchten vor Konstantinopel auf, das sie im Lauf der Zeit mindestens viermal angriffen. 876 fuhren sie zum siebenten Male die Seine hinauf. Von 879 bis 881 verheerte das „Große Heer" die Landschaften der Schelde und Somme. 880 drangen sie ans Kaspische Meer vor. 882 nahmen sie Kiew mit List und Gewalt und nannten es Känugard. 885 und 886 belagerten sie Paris, Um 890 war das „Große Heer" im Osten Frankreich und in der Bretagne, und 892 fuhr es unter dem schlauen und rücksichtslosen Haastein nach England hinüber. Dort löste es sich um 896 aus, ' • 2(,t.r^C5 9i»g mit unerhörter Schnelligkeit und Gewalt vor sich, Ihre kriegerische Taktik war durch die einzigartige Verbindung von See- und Landkampf, Schiff und Pferd, Lift und Brutalität fast unschlagbar. Weil sie am Eroberten nicht festhielten, waren sie kaum zu fassen. Wo sie einmal geschlagen wurden, wichen sie sogleich aus und erschienen andernorts wie der Blitz, Ihre Drachenschifse waren von höchster Schönheit der Form, und diese Form war zugleich von äußerster Zweckmäßigkeit, Diese Boote trugen anfangs nur zwanzig Mann, während die größten der späteren Zeit bis zu tausend Mann mit sich führten. Von Westisland nach Grönland fuhren sie in vier Tagen, von Dänemark nach England in drei Tagen: die Strecke von den Hebriden zu den Orkaden bewältigten sie in sieben Tagen und die von der mittleren Küste Norwegens nach dem isländischen Nordkap ebenfalls in sieben Tagen. Niemand besaß ihre Navigations- und Schiff- sahrtskunst in jenen Tagen, niemand verfügte über den elementarischen Kampfgeist wie diese Wikinger. 912 fielen sie in Transkaukasien ein, Norwegen wurde geeinigt. Gleich darauf begann der geheime Riß auszuspringen: das Christentum drang ein. Es wurde meistens nicht geglaubt, aber es nistete sich ein. Die alten Götter stürzten. Um 985 wurde Grönland, das grüne Land, entdeckt und besetzt. Um 980 saßen die Wikinger unter den Wikingern, die Jomswikinger, an der Mündung der Oder, wurden 986 von Jarl Hakon geschlagen und hinterließen den sagenhaften Ruf von Männern aus Stein und die Legend« von Vineta. Um 1000 entdeckte Leif die Ostküste Amerikas. 1013 erobert« Sven Gabelbart England. Von 1016 bis 1042 herrschten die wikingischen Dänen über England. Die Eroberung der Orkaden erfolgte im Jahre 1022. Normannische Kreuzfahrer — christianisierte Wikinger, die auf den Erzengel Michael, den mit dem Schwert, schwuren — tauchten 1029 in Unteritalien auf. 1034 zog Harald nach Griechenland. 1040 aber erschien Ingvar, der Wikinger, in Asien. Im elften Jahrhundert wurde durch Robert den Wiskard und die beiden Rogers das erste große, geschloffene Wikingerreich der Normannen auf Sizilien begründet: wuchs, blühte und zerfiel. Es zeigte zum erstenmal die staatsbildende Kraft, welche in diesen bisher fast ausschließlich abenteuernden, vernichtenden Wikingern verborgen war. Es war eine geniale Kraft, welche Dinge vorwegnahm, die erst nach Jahrhunderten wieder erfüllt werden konnten, wie zum Beispiel den Beamtenstaat inmitten des mittelalterlichen Lehnswesens. 1066 siegte Wilhelm der Eroberer bei Hastings. 1111 erschien Sigurd, der Jerusalemfahrer, in Konstantinopel, damals Byzanz genannt. 1164 wurde Spitzbergen entdeckt, und 1166 fuhren Wikinger als die Ersten durch die nördlich Amerikas gelegene Barrow-Straße. Das war int Raum von drei Jahrhunderten eine der Weltherrschaft angenäherte Beherrschung der gesamten damaligen Welt und zugleich ein Vorstoß, weit über diese Welt hinaus ins Unbetretene. Nichts von all dem hinterließ eine feste Gestalt, Vieles wollte werden, aber es zerbrach, ging in fremdem Volkstum unter und mischte sich. Dieser rätselvolle Ausbruch einer nie zuvor noch später erlebten Kraft entäußerte sich seines eingeborenen Glaubens an die heimatlichen Götter, verlor den notwendigen Zusammenhang mit den tiefruhenden, nährenden Grundwässern des Glaubens und des Volkstums und fuhr darum hin wie ein die Welt mit schrecklichem Glanz erfüllendes, unheilvolles Meteor. Die Erinnerung an ihre so herrlichen wie furchtbaren Taten verging nicht. Oie Teilung der Erde. Von Friedrich Schiller. „Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu, „nehmt, sie soll euer fein; Euch schenk ich sie zum Erb und ew'gen Lehen; Doch teilt euch brüderlich darein." Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten. Es regele sich geschäftig jung und alt. Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker birschte durch den Wald. Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein." Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen. Und alles hatte seinen Herrn. „Weh mir! Soll ich denn allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?" So ließ er laut der Klage Ruf erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron, „Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott, „so hadre nicht mit mir. Wo warst du denn, als man die Welt geleitet?" „Ich war", so sprach der Poet, „bei dir. Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!" ’^a5, h*n2" spacht Zeus, — „die Welt ist weggegeben. Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben, Sooft du kommst, er soll dir offen sein." Verantwortlich: Dr. HanS Thhrioi. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.