GiehenerZamilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 ßreitag, den 22. April Nummer 5( Herz!m AW Roman von -Hans-Äaspar von Zobeltitz Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 17. Fortsetzung. Es ist ein kleines schmales Zimmer. Eine verhüllte elektrische Birne brennt an der Decke. Ein Bett steht an der Wand, ein kleiner Tisch neben seinem Kopfende; ein Stuhl ist da, auf dem eine Schwester in weißer Haube sitzt. Ein Bild des Friedens nach dem Lärm der Marschstraßen. Ein Bild des Friedens, wenn der Tod nicht so dicht bei dem Lager dort stünde, der Tod des Krieges. , Die Schwester steht leise auf. William Bruce nimmt ihren Platz ein. Er sieht aus den Sterbenden, der tief im Morphiumschlaf ruht. Ein schmaler schlanker Körper hebt sich unter der leichten Decke ab, schmale, saft kindliche Schultern liegen auf den Kissen, und lang und fein sind die Arme, die kraftlos neben dem Leib sich strecken. Das Gesicht ist zur Seite geneigt, es ist ganz blaß, fast weih, aber William Bruce erkennt es, denn es ist Irenes Gesicht, das Antlitz, das er liebt. Und die große Liebe fließt nun von ihr hinüber zu dem Mann, dem Knaben mit dem weichen verwirrten Blondhaar, das auch das ihre ist. Ohne Bewegung sitzt William Bruce und blickt auf dieses deutsche Kind, das die Schwelle bald überschreiten wird zwischen dem Hier, das mir kennen, und dem Dort, das ewig im Verborgenen bleiben wird. Und er begreift das Wort „Feind" nicht mehr. Er hat den jungen Morriston gekannt, der vereint mit diesem hier in die Tiefe und den Tod stürzte: er war ebenso jung, ebenso schlank und hatte dasselbe wirre blonde Haar, zwei Menschen gleichen Blutes. Und in dem Engländer William Bruce wird die Frage wach: Warum muß dies sein? Er hat viel Zeit zu denken und zu grübeln, denn die Nacht, die draußen in Feuer und Kampf schnell verrinnt, schleicht hier in Einsamkeit und Stille langsam dahin. Warum? Wer weiß denn heute noch, warum dieser Krieg ausbrach? fragte er sich. Wer weiß es überhaupt? War es wirklich das „Right or wrong — rny country", das den Kampf befahl? Oder war es nicht die Angst elender Krämerseelen, die fürchteten, daß ihnen ihre Gewinne geschmälert werden könnten? Hatte sich der Soldat nicht vom Saufmann' beschwatzen lassen: Gib acht, dieser Deutsche wird zu groß? Worin denn? Hatte er nach den Ufern der britische» Inseln gegriffen? Hatte er die Rechte der Krone Englands angetaftet? Nein, er hatte nur die Wege des eng- 'ühen Handels gekreuzt. Geld — das war die Triebfeder zu diesem Krieg riefen. Held hatte die Hirne benebelt; und hinter ihrer vermeintlichen Bater- asliebe stand die Sucht, die schon dicken Taschen noch praller zu .den. Sie waren so verstrickt in die Gedankenwelt ihrer Warenspeicher und Handelsschiffe, ihrer Lagerhäuser und Faktoreien, daß sie in diesen ihre Heimat sahen und glaubten: England würde mit Waffen berartnt, wenn einer ein Kontor neben das ihre setzte. Warum? Wußten denn die Männer, die in den Gräben lagen, gleich in welchen, noch warum sie kämpften? Die Deutschen vielleicht, denn man wollte in ihr Land einbrechen. Die Franzosen vielleicht, denn ihre Städte und Dörfer sanken in Trümmer. Aber die Engländer, der einfache englische Mann? Setzte er nicht fein Leben immer und immer wieder ein, einfach nur, weil dieser Krieg nun einmal da war und zum Ende geführt werden mußte, zum siegreichen Ende? Hatten diese beiden jungen blonden Menschen, die Kinder gewesen, als die ersten Schüsse fielen, wohl je daran gedacht, warum sie hoch oben in der Luft gegeneinander stürmten? Gewiß: sie hatten beide den herrlichen Begriff „Vaterland" in ihren Herzen gehabt, sie hatten an die Beürohung der heiligsten Güter der Heimat geglaubt; aber welche Guter waren denn bedroht gewesen damals, als sie noch Kinder waren: heilige Güter ober sehr irdische? William Bruce starrt in das Gesicht des Knaben, den der Luftkampf >u Baden schlug, vielleicht der letzte ritterliche Kampf, den diese Erde sieht, der letzte freie Kampf, Mann gegen Mann, nicht getaucht in Schwann tödlicher Gase, nicht umspien vorn Hagel glühenden Eisens, das von lern aus dem Hinterhalt nach mathematischer Berechnung geschlendert wird. Er denkt an die Fran, die dieses Knaben Mutter ist und die er liebt. Heute noch liebt wie einst, trotzdem die Völker, denen sie angehören, miteinander ringen. Er ist draußen in der Welt gewesen: in Afrika, in Indien, in Asien. Er hat schwarze, braune und gelbe Völker gesehen, und er hat sie verachtet. Er hat die Männer nicht verstanden, die Frauen fremden Blutes berühren konnten und das hohe Wort Liebe besudelten in solcher Gemeinschaft. War zwischen ihm und Irene je der Gedanke aufgetaucht: sie wären nicht eines Blutes? Hätte Irene nicht auch Mutter eines Morriston fein können? Und wäre dieser Morriston nicht dann ein Knabe gewesen, schlank, blond und edel, gleich' diesem jungen Deutschen, der hier liegt, um zu sterben? Ich darf nicht so denken, sagt sich William Bruce. Der Kampf ist da, er muß zum Ende geführt werden, zum siegreichen Ende für England. Noch ist die Welt nicht so weit, daß solches Denken erlaubt ist, auch nur vor der eigenen Seele erlaubt. Aber vielleicht bringt dieser Krieg die Welt dahin. Dann wäre er wohl nicht umsonst gewesen. — Der Knabe unter dem weißen Linnen rührt sich Zuerst zucken die Finger, krampfen sich zufammen und öffnen sich wieder, bann läuft ein Zittern burch ben ganzen Leib, bie Brust hebt sich. Plötzlich stehen bie Augen weit offen, ihr Blick geht starr zur Decke, an ber das verhüllte Licht schimmert. Ein Aechzen quält sich aus ber Kehle. Warum kann ich nicht helfen, warum bin ich fo machtlos biefem Geschehen gegenüber? Er wagt sich nicht zu bewegen, er wagt nicht, mit seinen Händen ben bebenben Körper zu stützen. Er sieht sich um: ist benn nirgenbs Hilfe? Da löst sich bie Schwester, bie er ganz vergessen Hatz aus einem Winkel des Raumes und tritt an das Bett. Mit gewohnten sachlichen Griffen schiebt sie das Kissen zurecht, hebt Günter Czehs Kopf, führt ein Glas an [eine Lippen. Vom Tisch nimmt sie eine Ampulle, bricht das feine Röhrchen ob, eine Spritze saugt bie wasserklare Flüssigkeit ein. „Wir wollen es ihm leicht machen", flüstert sie, halb zu sich selbst, halb zu William Bruce. Er greift nach ihrem Arm, er will sie zurückhalten. Aber ber Körper des Knaben zuckt in wildem Schmerz, das Gesicht verkrampft sich, der Atem keucht. So läßt er es geschehen. Das beruhigende Gift rinnt in Günters Adern. Die Stille kehrt zurück. Aber bie Augen bleiben geöffnet unb sehen William Bruce an. Er beugt sich vor, jetzt, wo ber Sturm,der'Schmerzen verebbt ist, hat er den Mut, seine Hand unter des Sterbenden Kopf zu legen. „Ich komme von deiner Mutter, Günter", sagt er und bemüht sich, die fremden Worte fehlerlos zu formen. Die blassen Lippen bewegen sich. „Deutsch?" fragen sie ganz leise. „Ja, Günter, deutsch. — Deine Mutter läßt dich grüßen, Günter. Sie ist sehr stolz auf dich." Er weiß nicht, wer ihm vorschreibt, was er sprechen soll, die Sätze kommen von allein. „Sie hat gelesen, daß du siegtest." Ein Lächeln spielt um den Mund, ein mattes, kleines Lächeln. „Mutter — du weißt es? — Der Orden, Mutter." „Du wirst ihn bekommen, Günter." Der Atem wird flacher, schwächer, bie Worte kommen leiser, doch bas Lächeln wird tiefer, inniger. Die Stimme haucht fragend: „Bin ich zu Haufe?" „Bald, Günter, bald." „Wald—hausen ... Mutter ... die Koppeln ... bie — Pferbe..." Schwer wirb ber Kopf, ganz schwer. Er lastet in William Bruces Hanb. Die Augen schließen sich. Noch einmal bewegen sich bie Lippen. „Wald..." glaubt William zu verstehen, „Wald..." Wie Träumende sprechen. Dann ist nur noch bas Lächeln ba. Unb ber Friede. Der Friede. William Bruce hat die irdischen Reste des jungen Grafen Günter Czeh einfargen lassen und mit sich genommen in feine Heimat. Die englischen Fliegerkameraden haben ben Sorg getragen bis zu bem Kraftwagen, ben sie bem toten Gegner für bie letzte Reise zur Verfügung stellten. Dann ist Bruce bie gleiche Straße zurückgefahren, bie er kam. Wieber durch Kolonnen, Kolonnen, wieder unter dem stampfenden Klang von Schritten, dem Knorren von Rädern unb bem fernen Grollen bes Feuers ber Front. Ein Regiment Senegalneger hat feinen Weg gekreuzt. Er hot bie Augen geschloffen, er konnte bas frembe farbige Volk nicht anfehen. „Sollen biefe ben Sieg bringen über Weiße?" fragte er sich, „den endgültigen, letzten Sieg, den Sieg für Englcknd?" Unb das blaffe, edle Gesicht des Toten tauchte vor ihm auf unb das Lächeln, bas auf ihm gelegen hatte, als alles Leiben zu Enbe war. Es war das gleiche Lächeln, bas Irene Czeh einst im Schlaf gehabt hatte. Dreabforb liegt an ber Sübroefttüfte Englands, da, wo bie Küste der vollen Wucht der Stürme des Meeres ausgesetzt ist. In steilen Hügeln steigt das Gelände vom steinigen Strand auf; eine immergrüne Grasnarbe bedeckt den kalkhaltigen Boden, sie wächst üppig und dick wie ein Teppich, denn die Stürme bringen viel Feuchtigkeit mit, und wenn die Winde milde wehen, tragen sie die laue Luft des Golfstroms in sich. Hier zieht England seit Jahrhunderten seine besten Pferde. In Koppeln ist das Land geteilt, und Mutterstuten mit Fohlen klettern vom Meer bis. hinauf zur Höhe und wieder hinab. Oben, hinter einem Hang, liegen Dorf und Schloß Dreadford. Aber William Bruce hat das Grab nicht hinter dem Hang graben lassen: es liegt auf dem höchsten Punkt ringsum. Wer bet ihm steht, sieht hinaus auf das Meer, hinaus in die Welt, in die unendliche Weite. Der Wind kommt und weht um das Kreuz, das errichtet ist aus den Sparren des Dreideckers, der den Toten trug, und aus den Flügeln des Propellers, der die Luft durchschnitt. Wenn der Sturm pfeift, beginnt das Holz zu fingen, wie es sang, als das Flugzeug hoch oben durch den Aether stürmte. Abends aber, wenn die Pferde in die Ställe wollen, kommen sie hier hinauf; sie legen dann wohl die schlanken Hälse auf das Gatter, das den Grabhügel umfriedet. Die Fohlen reiben ihr Fell an den Stäben aus weißer Birke, und die Stuten wiehern. Er ist einen Fliegertod gestorben, weiß William Bruce, und einen Reitertod wie fein Vater. Er hat einen langen schweren Bries an Irene geschrieben und ihn zu den Sachen gelegt, die man bei Günter Czeh fand: das Eiserne Kreuz, das er auf seinem Rock trug, das Bild der Mutter, das er an seiner Brust barg, den Ring mit dem stolzen Wappen und die Uhr, deren Zeiger stille standen, weil er das Werk nicht mehr aufgezogen hatte. Ein Buch aber, das man bei ihm fand, hat William Bruce behalten. Ek hat es oft lesen müssen, Zeile für Zeile, ehe er seine Sprache verstand: es ist Rilkes Weise von der Liebe und dem Tod des Kornetts. William Bruce sagt die letzten Sätze dieses Sanges oft vor sich her: „Im nächsten Frühjahr — es kam traurig und kalt — ritt ein Kurier in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen." * Irene geht durch den Park von Waldhausen. Sie nimmt Abschied. Der hohe Sommer steht zwischen den alten Bäumen, die Wärme lastet. Im Heckengang blühen die Rosen. Sie wird keine mehr pflücken für die Zimmer im Schloß. Der Weg steigt an. Bis zur Höhe folgt sie ihist, von hier ist der Blick frei, weit in das Land hinein. Das Korn steht schon gelb, bald werden die Mäher und Binder über die Felder rattern, um die Ernte einzubringen; Dreschmaschinen werden klappern, und Roggen und Weizen und Hafer werden in goldenen Strömen in die Säcke rinnen. Sie wird den Segen nicht mehr sehen. Drinnen im Haus, im Dftflügel, in dem das Rentamt untergebracht ist, wird das Gräflich Czehsche Majorat. Waldhausen an den Folger, den Grafen Stephan Czeh-Sierfky, Olli Czehs ältesten Sohn, übergeben. Die Beamten der Fideikommißauffichtsbehörde find zugegen, Irenes Anwalt ist gekommen, und ein Vertreter ihrer Bank, aus Böhmen ist der Inspektor gerufen worden und die Verwalter von Prichterdors und Ell- aut find zur Stelle; Stephan hat seinen eigenen Anwalt mitgebracht. Die Bücher sind überprüft worden, es ist alles schnell und glatt gegangen; nur einmal hat der Wiener Anwalt gefragt, warum nicht ein gelernter Beamter dem Rentamt vorgestanden hätte, sondern eine Frau, dazu noch eine enge Verwandte des Hauses. Irene ist einen Augenblick tief blaß geworden, bann hat sie sehr ruhig gesagt: „Sie scheinen vergesse« zu haben, Herr Doktor, daß Krieg ist und unsere Männer im Felde stehen. Die Verwaltung der Güter lag in meiner Hand, und ich hatte volles Vertrauen zu mefner Tochter, die ja die Schwester des Besitzers war. Sie können wohl nicht verlangen, daß ich damit rechnete, daß mein Sohn fiel." Der Wiener Herr war verlegen geworden. „Sie haben mich mißverstanden, Frau Gräfin, so war es doch nicht gemeint!" — „Ich habe Sie sehr wohl verstanden, Herr Doktor." Sie hat sich erhoben, sich zu den Beamten der Aufsichtsbehörde gewandt: „Ich glaube, meine Anwesenheit ist wohl nicht mehr erforderlich", und hat den Raum verlassen. Ein Stachel sitzt mit scharfen Widerhaken in ihrem Herzen und schmerzt. Es sind nicht die Worte, die ihr so wehtun, es ist nicht der Verdacht, den dieser Fremde schlecht verbrämt aussprach, es ist die Gesinnung, die in den Worten und in dem Verdacht lag. Sollte sie von jetzt ab hier in Waldhausen herrschen? Wer fürchtete, daß sich andere bereicherten, mußte der nicht selbst Gedanken an Bereicherung in sich tragen? Da liegt das Land vor ihr. Jener Kirchturm jenseits der Höhe, über die sie so oft geritten, gehört zu Prichterdors, und jene Dächer, die in der Sonne blinken, decken die Scheunen von Ellgut; ganz weit rechts am Waldrand liegt Merzbach. Das Land ist mein Zeuge, denkt Irene, daß ich nicht an mich dachte, "'äst einmal an meine Kinder, nicht an die Czehs, als ich es bestellen und abernten ließ, sondern nur an die Frucht, die es tragen mußte unö die Deutschland gebrauchte. Ader auch die Menschen können für mich zeugen. Sie ist in den letzten Wochen, in denen es schon klar war, daß sie der österreichischen Linie Platz machen muhte, viel in den Häusern dort unten tm Tal gewesen, in den Häusern, in denen die Kriegsnot und der Kriegstod etngefaUen roaren wie in das ihre. Sie hat viel Tränen gesehen, nicht um das Leid der Menschen, die in den Häusern wohnten, sondern um ihr eigenes Leid und um ihr Scheiden. Man hat ihr die Jpanäe geküßt und hat sie gebeten, zu bleiben; man hat nicht begriffen, baf} fie gehen muh. Die Furcht vor bent Neuen lastet auf den Herzen, weil das Neue doppelt schwer wog in so schwerer Zeit Und viel Dank und viel Liebe ist zu ihr geflossen. Ihr ist warm um das Herz geworden in den Hütten dort unten. 3m schloß oben aber weht eiskalte Lust. Ähr Anwalt hat ihr geraten: „Erheben Sie Einspruch gegen die Erb- Jormel im Testament des Grafen Claus Czeh oder lassen Sie Ihre Tochke» Einspruch erheben. Rieben und Wustrau waren freier Besitz Ihres Sohnes, wie sie vorher freier Besitz des Grafen Claus gewesen, der das Testament zweisellos unter dem Gesichtspunkt gemacht hat, daß Ihr Sohn später männliche Nachkommenschaft gehabt hätte. Solche Klauseln sind unzulässig; es bedarf kaum eines Prozesses." „Nein, lieber Freund, es bleibt, wie es ist." „Aber es ist doch ein Wahnsinn, Frau Gräfin, auch diese Güter dem österreichischen Vetter zu überlassen." „Die Czehs sollen haben, was ihnen zukommt. Aus dem Oesterreicher wird bald ein Reichsdeutscher werden. Es ist das gleiche Blut. Was tut da die Grenze." Ja, die Menschen können zeugen für Irene Czeh, die gearbeitet hat für dieses Land, die ihre Pflicht tat bis zum letzten und die nun das Schicksal vieler Frauen teilt, die auf deutschen Majoraten saßen und plötzlich den Wanderstock nehmen mußten, weil die Linie ihres Leibes im Mannesstamm erlosch. Sie wird keine Not leiden; die Majoratsbestimmungen sehen für die Witwe des letzten Herrn eine Rente vor, die groß genug ist für ihr Leben. Es gibt auch einen Witwenfitz auf Waldhaufen: vier Zimmer im Westflügst des Schlosses, schreibt die alte Bestimmung vor, mit Küche und ausreichend Holz zur Feuerung; eine Magd hat das Majorat der Witwe zu stellen und chr bestimmte Mengen an Fleisch, Wild, Geflügel, Butter, Mehl, Gemüse und Obst zu liefern; täglich einmal hat sie Anspruch auf ein Gespann Pferde für drei Stunden,, mit „guter Chaise". Aber Irene will nicht in Waldhausen bleiben, sie könnte nicht ertragen, über die Sieder zu blicken, die sie so lange umsorgt. „Sie müssen sich Ihr Wohnrecht und Ihren Anspruch auf die Deputate in Geld ablösen lassen, Frau Gräfin", hak der Anwalt gesagt. — „Ich habe auch so genug für mich." — „Die Zeiten können sich ändern." — „So werde ich mich auch ändern müssen. Ich bin mit leeren Händen nach Wald- hausen gekommen, und ich werde es verlassen, wie ich (am." Sie macht sich keine Sorgen um ihre Zukunft. Sie geht in ihre Wohnung am Berliner Tiergarten zurück, und Lexe zieht mit Jürgen und Hilde, den Enkeln, zu ihr, bis der Krieg beendet ist und Bernd heimkehrt; auch Lexe hat genug zum Leben, das Heiratsgut ist sichergestellt, und . die Erbabfindung, die die Majoratsbestimmungen für Geschwister vorschreiben, gleicht einem bescheidenen Vermögen. Stein, Irene hat keine eigensüchtigen Sorgen; es gibt viel größer«, viel schwerere, die die eigenen in Nichts verwandeln: die um das Heer, das — alle fühlen es — im Endkampf steht, die um die Heimat, die in Hunger und Not zufammenzudrechen droht. Irene verstopft sich die Ohren, um nichts von dem zu hören, was geredet wird, um nicht die Hetzruse zu vernehmen, die ins Volk geschrien werden; sie sieht ein geheimes Feuer glimmen und weih nicht, wie man es löschen soll; sie fühlt nur, es könnte noch erstickt werden, aber sie ist ohnmächtig als Frau und gewahrt mit Schrecken, daß die Männer versagen, die gegen den schwelenden Brand vorzugehen bestimmt wären. Soviel Mut an der Front und soviel Feigheit in der Heimat. Der Schmerz um Günter ist fast verschaltet in ihr durch die Sorgen um das Ende, das kommen muß. Sie begreift manchmal die Tochter nicht, die mit den Kindern spielen und lachen kann, die lange Briefe an ihren Mann schreibt, die nur Berichte sind über den Alltag ihres engen Kreises, die alle Zeitungen beiseite schiebt — ,Zch kann doch nichts ändern", —, die nur Mutter und Frau ist, wie auch die Zeit läuft, und sagt: „Das ist meine Ausgabe." In Günter war eine Flamme, in Lexe lodert kein Feuer. Irene verläßt den Park, sie geht hinein in die Felder, tritt vorsichtig über einen Rain und steht mitten im Roggen. Die vollen Aehren des fast reifen Korns überragen ihre Schultern. Die Sonne brennt auf die Frucht: es riecht nach Brot um Irene. Sie hebt die Hände und streicht über di« gelbe Pracht; sie führt eine Aehre an ihre Lippen und küßt sie. Es ist ein schweres Abschiednehmen. Sie hat diesen Boden liebgewonnen, der so unendlich reich ist, daß er sich jedes Jahr wieder neu verschwenden kann, der gibt und gibt, ohne müde zu werden. Dort unten, wo ihre Füße stehen, wächst es zwischen den Halmen schon wieder empor und will zum Licht; es hebt sich, sobald das Korn geschlagen ist, und setzt feine späten Blüten und treibt feinen späten Samen; es klagt nicht, wenn der Pflug die Scholle umbricht und es tötend unter das Erdreich wirft, sterbend gibt es dem Acker noch neue Kraft. Ewiges Vergehen und ewiges Werden. Und tausenderlei Getier ist im Feld: es kriecht an den Halmen empor, es huscht über den Boden, es fliegt und flattert und gaukelt, es summt und zirpt, es weiß feinen Weg und hat feine Aufgabe. Es lebt, pflanzt sich fort und verlöscht. Auch von ihm muß Irene scheiden. Sie hat es belauscht, sie mußte ihm oft zum Feinde werden, wenn es als Schädling die Frucht bedrohte. Jetzt weiß sie, daß sie es liebte. Fern steht der Wald und klimmt die Berge hinan. Seine Stämme streben in den Himmel; das Dach feiner Zweige wölbt sich zum Riesendom, durch den die Gottheit der Natur wandelt. Er hat ihr viele Feierstunden gegeben, denn in ihm ist die große Stille und die große Erhabenheit. Zu ihm ist sie geflüchtet, als die erste Nachricht kam, daß Günter nicht zurückgekehrt sei vom Flug gegen den Feind; sie hat all ihr Hoffen in das junge Grün hineingebetet und doch schon gespürt, daß alles Hoffen irre war. In ihm hat sie ihren Gott und seinen Trost ge- sucht, als sie Williams Brief in den Händen hielt und das Bild, die Uhr, die stille stand, den Ring mit dem Wappenschilde und das Kreuz von Eisen. Aber der Wald hat nichts von Tod wissen wollen, er hat ihr seine gestürzten Riesen gezeigt, auf deren Leibern frische Farren sproßten und stolz sagten: wir leben. Sie hat gefühlt, daß des Waldes Stille Atem ist und des Waldes Sterben immer wieder neues Gebären. Auch in seiner mächtigen Gemeinschaft, die sich Stamm an Stamm schützt vor Sturm und Wetter, hat nur das Leben ein Recht und nur die Kraft. Was schwach ist, muß verkümmern, fallen und verrottend noch dem Starken Nahrung spenden. Der Wald hat eine harte Sprache zu ihr gesprochen und doch eine Sprache des Trostes: glaube an das Leben. (Fortsetzung folgt.) Lieb der Oesterreicker. Von Josef Friedrich Perkonig. Deutschland, du unsere Wiege, Deutschland, du unser Sarg, Vater, mit dem ich siege, Mutter, die mich verbarg. Abend, in den ich träumte. Morgen, in den ich erwacht, Sternenlicht, es umsäumte eine bittere Nacht. Edlerem Dasein geboren, ziehen wir singend ein. Oh, wir waren verloren, und nun werden wir Deutschland sein. Salzburger Zugendland. Von Karl Heinrich Waggerl. Freunde, laßt mich sagen, was mir das Herz bewegt, laßt mich etwas zum Lobe der Heimat sagen. Ich möchte es tun, weil es sich fügt, daß wir uns einmal näher und vertrauter als sonst zusammenfinden, - hier auf der freien Bergeshöhe. Auch weil uns ein so prächtiger Tag geschenkt ist, Wärme und Helle und alle freudigen Farben des Sommers, den wir zur Sonnwend feiern wollen. Und endlich, weil diese Stunde eine Stimme haben muß —, wundert euch nicht! Schaut, es ist ein so kleines Ländchen, ein winziger Fleck Erde, an der weiten Welt gemessen. Wohin ihr blickt, wo in der Runde sich der Himmel niedersenkt, dort sind auch schon seine Grenzen. Aber der ganze Himmel ist eben groß genug, es zu umfassen. Da liegt es um euch ausgebreitet, fest gegründet in der erzenen liefe, unwandelbar, getreu. Bedenkt, ob euch das nicht ein Trost fein kann in der Wirrsal des Lebens! Wann immer ein Mensch hier stand und ins Weite blickte, er sah, was wir sehen: die Heimat. Dieselben Bergeshäupter im Umkreis, die Wälder, die Flüsse in den Tälern, und die spätesten Enkel werden sie nicht anders schauen, wenn unser Andenken längst verweht ist. Denn die Heimat ist das Bleibende, das Ewige, die Erbgnade für unser unseliges Geschlecht. Sagt nicht, Freunde, das sei Schwärmerei. Es liegt nichts daran, ob einer an dem oder jenem Ort der Welt werke und sich ums Dasein plage. Menschen hätten doch die Grenzen gesteckt, sie seien vom Zufall oder vom Wechselspiel der Geschichte bestimmt worden. Da sei kein Zauber im Spiel, nichts Innerliches und Unwägbares, die Heimat schaffe sich der Mann, wo ihn fein Geschick hintrüge —, nein, glaubt das nicht. Ein Mensch kann nicht überall daheim sein, zu Hause wohl, aber nicht daheim. Ihr müht daran denken, wie euch geschah, wenn euch in der Fremde ein Landsmann begegnete, der von der Heimat reden konnte. Wie ihr nach jedem Hügel hättet fragen mögen, nach den Bäumen ums alte Haus, nach dem Brunnen Und dem Turm, ob er noch stünde, als ob es nicht auch anderwärts Hügel und Bäume und Türme gäbe. Aber das meintet ihr nicht, sondern der Baum, nach dem ihr fragen wolltet, war euch auf eine geheimnisvolle Art ins Gemüt gewachsen, es war der Baum eurer Kindertage. Denn das Heimatland ist ja in Wabrheit das Land der Kindheit, voll rätselhafter Klänge und magischer Bilder, die der Verstand nicht saßt, aber das Gemüt, weil sie uns aus einer Zeit her bewahrt wurden, in der unsere Seele selber noch voll von Geschehnissen war. Darum will ich etwas zum Lob der Heimat sagen. Vielleicht bin ich von Natur seßhafter als andere Leute, oder zu weich, zu sehr von Gefühlen abhängig. Ich war ja auch unterwegs, war Soldat im Kriege, war auf Reisen in vielen Ländern und Städten, aber es wurde mir nie wirklich wohl in der Ferne, ich verstehe, weshalb das Wort Elend vor atters soviel wie die Fremde bedeutete. Ost wenn es mir drang ging, dachte ich im stillen meinem Heimweh nach. Fährst du nur erst wieder in deinem Ländchen ein, dachte ich, in Salzburg und das Tal hinauf, dann ist das Aergste schon überstanden. ' Und es ist ja auch ein gesegnetes Land, weiß Gott, der fremdeste Mensch im fernsten Erdenwinkel schaut dich an und nickt dir zu, wenn du den Namen nennst. Ich kannte es die Gaue auf und ab, als ich noch gar nicht zur Schule ging. Mein Vater war Zimmermann, aber er trieb fein Handwerk lange Zeit nicht an einem festen Platz, sondern er zog mit seiner Familie im Land umher und blieb da und dort bei den Bauern, wenn er gerade Arbeit antraf. Mich selbst aber und unsere ganze geringe Habe schob die Mutter auf einem Korbwagen vor sich her. und wie ich da zu oberft auf den geblümten Kiffen lag, wurde mir der Himmel früher vertraut als die Erde: ein gewaltig hoher Himmel, immer noch höher als die höchsten Berge, erfüllt vom bewegten Spiel der Wolken und vom Heer der Gestirne in der Nacht. OU lag ich viele S*un= =ben lang allein auf einem geschützten Platz im Walde, während die Mutter in der Nähe Beeren sammelte, bis der Vater zurückkam. Es will mir in der dunklen Erinnerung scheinen, als habe damals viel mehr Wald in den Tälern gestanden, und dieses immerwährende Rauschen der Wipfel blieb mir zeitlebens im Ohr. Auch andere Stimmen und Geräusche, mancher Vogelruf, das Summen der Bienen über Wiesen, das ©eläute vieler Glocken. Noch heute ist mir etwa der Begriff Dorf mit einem bestimmten Glockenton untrennbar verbunden. Der Vater stammte aus Gastein, die Mutter aus dem Pinzgau, so kannten sie dort Weg und Steg und jedermann. Cs war das noch eine andere beschaulichere Zeit, viele Leute unterwegs auf den Straßen, aber die meisten zu Fuß, wie wir und gut Freund mit den Schwerfuhrleuten. Da traf oft eine fröhliche Gesellschaft auf so einem Brückenwagen zu- ommen. Die Mutter fang gern, sie konnte, nach meinem Geschmack, uni beschreiblich schön fingen und es waren ja auch prächtige Lieder: herb Inf Klang, schwerflüssig, heule hört man sie nicht mehr oft. Im Hochsommer zogen wir weit in die Täler des Pmzgaues hinauf, manchmal bis zu den letzten Höfen und Almen und fast unter die Gletscher. Wenn der Karren nicht mehr taugte, lief ich tapfer an der Hand, soweit mich meine kurzen Beine tragen wollten. Da und dort verstreut hatte ich selbst schon Freunde, einen Hund oder die Kinder in den Gehöften, Mädchen und Buben—, Mädchen lieber, weil sie weniger aufs Raufen aus waren. Am besten abet verstand ich mich mit den alten ßeuten. Die waren nur scheinbar so gebrechlich und zitterig, heimlich trieben sie allerlei schwierige Künste. Es gab welche, die konnten wundervolle Figuren in hölzerne Buttermodel schneiden, Blumen und Gemsen und heilige Zeichen. Andere bestickten die breiten Gebergürtel mit weißen Fäden aus den Kielen der Pfauenfeder, und die Frauen konnten spinnen und stricken und dabei erzählen. Vieles habe ich vergessen oder wohl auch in meinem kindlichen Sinn durcheinander gebracht, ich kann es nicht mehr entwirren. Das waren keine Märchen, wie sie uns aus anderen Gauen deutschen Landes überliefert sind. Immer stand etwas Mächtiges, Drohendes, Unabwendbares dahinter, und der Mensch war klein und schwach vor diesen Kräften, aber mutig im Kampf mit ihnen. Alles war riesengroß von Massen, und das Böse wurde immer furchtbar gerichtet. Ich will euch, Freunde, nur an die Geschichte vorn Drachen im Tap- penkarsee erinnern, weil ihr das Wasser hier vor Augen habt, wenn ihr nach Süden schaut. Etliche werden wissen, daß dieser See fast grundlos ist, man hat ihn nie ausloten können. Gewöhnlich liegt er friedlich und glatt, aber manchmal steigen Wirbel aus der Tiefe, wölben die Fläche ein wenig und löschen den Glanz des Spiegels aus, daß er gerinnt und grau wird wie geschmolzenes Metall. Es sieht aus, als rege sich etwas Lebendiges im See. Im finsteren Abgrund, sagt man, liegt ein Lindwurm auf den Felsen, ein Ungeheuer aus grauer Vorzeit. Er ist todwund, aber immer noch stark genug, unablässig am Gestein zu nagen und langsam einen Weg für die große Flut zu graben, die dereinst alles Lebende im Tal ersäufen wird. Manchmal wendet er den gewaltigen Leib, und bann wölbt sich oben das Wasser über dem Spiegel. Nun, es ist die einfältig schmerzliche Geschichte, bas uralte Lied vom Drachenkampf, von Kühnheit, Liebe und tödlicher Treue. Da lebte ein Mann in alten Zeiten auf dem Kar, ein armer Schafhirt, der die Herden der Bauern hütete. Er liebte ein Mädchen aus dem Tal, aber bas war nicht seinesgleichen, sondern eines reichen Bauern Tochter und überaus schön. Und deshalb konnten die beiden nicht zusammenkommen. Wie das so geht in alten Geschichten, der stolze und hartherzige Vater willigte nicht ein, es geschah nur zum Hohn, daß er dem lästigen Brautwerber die Bedingung stellte, er müsse zuvor den Dracben im Kar erlegen. Allein dem Hirten machte die Liebe Mut, er nahm sich bas Herz und bestand einen furchtbaren Kampf mit dem Untier. Noch heute sind die Felsen weit herum von seinem Atem versengt und von seinen Krallen zerrissen. Der Hirt traf den Wurm mit der Axt in die Weiche, daß er sich wund in den See warf. Aber auch der Sieger kam nicht ohne Unheil davon, denn von Stund an war sein Atem vergiftet. So hatte er den Preis errungen und doch verloren, er konnte feine Braut nicht umarmen, ohne sie zu töten. Allein die Treue siegte über alle Arglist. Das Mädchen küßte den Geliebten und nahm so selbst den Tod von seinem Munde. Der Hirt aber sprang mit ihr von der Höhe des Felsens In den See. Das ist die Sage vom Lindwurm im Tappenkar. Ihr seht ja die Felsen noch, von seinem Atem verbrannt, seid nicht ungläubig, Ihr seht das zerrissene Gestein. Es könnte wohl sein, daß die Zeiten der Drachenkämpfe und der barhäuptigen Helden noch nicht für immer vorbei wären, daß die gewaltigen Mächte der Urzeit noch ungebrochen in Himmelshöhe und Erbentiefe ruhten, während der friedlose Mensch dazwischen sein Wesen treibt und seinen Witz an der Natur versucht. Vielleicht hat sich im Bergvolk noch eine Ahnung dieses größeren Menschheitsgeschickes erhalten, vielleicht denkt es gar nicht so unbeholfen und einfältig, sondern nur weiträumiger. Dieses Volk ist freilich auch sonst im Wesen verschieden von dem in der Ebene und in den breiten Tälern, verschlossener, beharrlicher, herb auch noch in der Heiterkeit. Man sagt ja anderwärts in Salzburg, es gäbe dreierlei Menschen auf Erben, Männlein und Weiblein und Pinzgauer. Das kann gar nicht anbers fein bei Leuten, deren Dörfer stundenweit in den Tälern ober hinter hohen Pässen liegen. Ich war selber schon ein halbwüchsiger Bursche, als ich zum erstenmal in die Stadt hinauskam. Nachher ift mir diese Stadt freilich sehr lieb geworden, sie hat ja auch keine ebenbürtige Schwester in der Welt. Sie ist bas andere Salzburg, das heitere, das freundlich aufgeschlossene, dort wurde Mozart geboren. Ein kleines Ländchen, Freunde, man muß es herzlich lieben. Hierher hat Gott von allen schönen Dingen eins gestiftet, als er die Welt erschuf und meinte, daß sie gut sei. Hier sind die Berge gewaltig und edel gestaltet, die Täler wohlgeordnet, sie tragen Erze in ihrem Schoß, heilsame Quellen, Gold und das heilige Salz. Hier bauten schon die alten Völker ihre Straßen, gründeten Städte und übten schöne Künste, als ringsherum noch lauter Wildnis war. Es wäre viel zum Ruhme Salzburgs zu sagen, seiner Landschaft, seiner Leute. Aber für mich ist es das gelobte Land. Haltet mips zugute, wenn ich hier bleiben will, meine geringe Arbeit unter euch tun und zufrieden fein. Ein junger Vogel muß feine Flügel gebrauchen, versteht sich, aber ich bin schon ein älterer Vogel. Als ich jung war, meinte ich ja auch, ich müsse meine Kräfte in der Fremde versuchen, dort müsse das Geheimnis verborgen, die Wahrheit zu gewinnen sein. Jetzt weiß ich, daß die Kraft aus den Wurzeln kommt und daß die Wahrheit im Nächsten wie im Fernsten zu finden ist, aber Überall gleich mühevoll. Was immer ich in der weiten Welt lernen und erfahren konnte, ich habe es nirgends inniger, gültiger und tiefer erfahren, als hier auf dem Boden der Heimat, aus dem ich unwissend gekommen bin und in den ich einmal, wenig weiser geworden, für immer heimkehren möchte. Gin Bildchen. V> -i Carl Spitteler. Den Rain hinaus mit trotzigem Alarm Fuchtelt ein Kinderschwarm. „VorwärtsI Hurra!" Hut ab! Du schaust kein Spiel. Den Himmel zu erstürmen gilt das ernste Ziel. Er ist so nah. Siehst, wie er aus dem Grase guckt dort oben? Zwei Glockentöne, leicht vom Morgenwind gehoben, Kommen vergnügt und ungezwungen Dahergesungen. „Wo geht denn hier der Weg?" „Wir wollen durch den Kindersternenhaufen lieber den Hügel weg Die lange Kirschblütenstraße laufen." Gesagt. Ein Sang, ein Flug: Verschwunden in den Kirschen überm Hügelzug. Der Kindersturm aber dort unten Hat einen Igel gefunden. In Anbetracht dessen Ist der Himmel vergessen. Anton Bruckners Weg zu Gott. Bon F. O. H. Schulz. Alles, was nach Bach groß war, strebte zu Gott. Anton Bruckner ruhte in ihm. Dort, wo sich der klarste Himmel des nördlichen Alpenlandes über Oesterreich wölbt, wurde Anton Bruckner am 4. September 1824 geboren. Seine Wiege stand in dem kleinen oberösterreichischen Dors Ans- felden, wo sein Vater Schulmeister war. Sein braves Weib hatte ihm zuerst das Toner!, danach zehn weitere Kinder geschenkt. Kaum, daß sie aus den Beinen stehen konnten, versammelten sie sich um den Vater, um ihn singend in seinem Dienst an der Orgel zu unterstützen. Anton ging noch nicht zur Schule, als er schon die Geige und das Spinett zu handhaben verstand. Als er dreizehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater an der Schwindsucht. Der Anblick des Sterbenden erschüttert das Kind so tief, daß es am Totenbett in Ohnmacht sinkt. Anton kommt als Sängerknabe in das Augustiner-Chorherrnstift St. Florian bei Linz. Er erschaudert bei dem Anblick der berühmten, hier aufgebauten Orgel mit den vier Manualen, den 94- Registern und 4993 Pfeisen. Ihr Singen und Brausen läßt ihn erbeben. Er sinkt in der Stiftskirche in die Knie und bittet Gott, ihm so dienen zu dürfen wie dieser Organist hier. Mit Inbrunst versenkt er sich in die Geheimnisse der Musik. Er empfängt Unterricht an der Orgel, am Klavier, auf der Violine und im Gesang. Er komponiert. Dabei vergißt er in seiner Einfalt nicht, daß er ein Schulmeister „wia der Vater" werden will. Er bereitet sich mit Fleiß auf dieses Amt vor und wird Hilfslehrer in dem Dorf Windhag. Wenn die Unterrichtsstunden vorbei sind, muß er „heug'n", „dreschen", „Erdäpfel graben",' „ackern" und sonstige Knechtsdienste versehen. Aber' da sein Monatslohn von 2 Gulden nicht ausreicht, spielt er den Bauersleuten Sonntags zum Tanze aus, begleitet er den Hochzeitszug von der Kirche bis zum Hause mit anderen Dorsmusikanten. Aus dieser Luft flieht er in die Einsamkeit der weiten Natur. Er durchstreift das einsame Land, seine Bekannten nennen ihn einen Verrückten. Aber aus seinen Augen leuchtet immer selige Einfalt, und aus ihr gebiert er eine Messe in C-dur. Nach zwei Jahren der Prüfung kommt er als Schulgehilfe nach Kronstorf. Er darf in einem Bretterverschlag innerhalb des Schulraumes schlafen. Seinem dankbaren Herzen entströmen Choräle und Messen, denen er die Widmung A. m. D. g. (Ad majobem Dei glöriam — Zum größeren Ruhme Gottes) voransetzt. Nach drei weiteren Jahren wird er Lehramtsgehilse in seinem geliebten St. Florian. Danach Organist des Stiftes. Sein Glück ist nicht in Worte zu fassen. Nun sitzt er an dem mächtigen Orgelwerk und entlockt ihm selbst all die Töne, die einst dem Dreizehnjährigen schon das Herz entzückten. Bei Musikern in der Nachbarschaft erweitert er unermüdlich seine theoretischen Grundlagen. Und die Frucht seiner inbrünstigen Liebe zum Werk ist ein Requiem in d-moll für gemischten Chor, Streicher, Posaunen, Hörner und Orgel, seine reifste Jugendschöpfung. Zwölf Stunden sitzt er täglich am Klavier, drei Stunden an der Orgel. Einer der größten Orgelmeister reift in der herrlichen Barockkirche von St. Florian heran. Sein Ruf dringt nach außen. Und 1856 geht der 36jährige als Domorganist nach Linz. Der Bischof Rudigier, ein leidenschaftlicher Musikfreund, liebt seinen Organisten von ganzem Herzen. Oft pilgern sie beide allein zum Dom, wo Bruckner bei verschlossenen Türen seinem Herren vorspielen und ihm das Reich der Herrlichkeit im Hymnus der Melodie wie in der Versenkung des Akkordes ausmalen muß. Bruckner wird reichlich belohnt. Er dars jährlich Ferien nehmen und zu dem berühmtesten Kontrapunkt-Lehrer seiner Zeit, Simon Sechter, in Wien, so lange reifen, bis dieser ihn als „reinen Meister in diesem Fache" entläßt. In Linz hat er zum erstenmal das Erlebnis Richard Wagner, dem er die Schärfung seines Ohres für die gesteigerten Möglichkeiten des Orchesters verdankt. Eine Periode fruchtbarster kompositorischer Tätigkeit ist für Bruckner angebrochen. Drei große Messen entstehen. Die musikalische Fachwelt horcht auf. Der Durchbruch des Genies war sowohl in formaler wie inhaltlicher Beziehung so gewaltig, daß niemand sich das Woher erklären konnte. Bruckner hatte lange an den strengen Formen der klassischen Kunst sestgehalten. Seine Ehrfurcht vor den Meistern war so groß, daß es ihm sreventlich erschien, über sie hinauszustreben. Als man ihn in späteren Jahren nach dem Geheimnis seines ganz unerwarteten Durchbruches zu Neuem fragte, antwortete er, immer noch ein Kind: „3 hab mi net traut." 1868 bringt er feine erste Sinfonie in c-moll heraus. Die Aufnahm« in Linz ist freundlich. Aber Bruckner fühlt, daß man ihn nicht versteht. Da bricht das Kind Gottes in sich zusammen. Sein Arzt- kündigt Ihm di« Gesahr des Irrsinns an. Er dars nicht an seine Orgel. Er darf nicht komponieren, noch sonst irgendeine Arbeit verrichten. Alles steht auf des Messers Schneide. Er fühlt sich „gänzlich verkommen und verlass-n, entnervt und überreizt". Aber in Bad Kreuzen überwindet er feine Krankheit. Und mit feiner Gesundheit wächst aus ihm heraus die große Meße in f-moll, das innigste Gebet seiner Seele, das der Gerettete dankbar zum Himmel schickt. 1867 war Sechter in Wien gestorben, und an Bruckner erging der Rus, die sreigewordene Lehrstelle am Konservatorium zu übernehmen. JBrurtner zögert. Was soll er in Wien? Er fürchtet sich vor dieser Welt, in der der Unglaube thront, die Eitelkeit am Werke ist, der Liberalismus alle geschichtlichen Bande auslöst und Eduard Hanslick, der allmächtige Kritiker der „Neuen Freien Presse", feine Hinrichtung schon am Werke Richard Wagners vollzogen hat? Herbeck, der Leiter der Wiener Konzeri- gesellfchast, muß persönlich nach Linz kommen, um den Domorganisten zu überreden. Endlich gibt Bruckner nach. Am 1. Oktober 1868 tritt er seine Stellung als Professor für Generalbaß, Kontrapunkt und Orgel am Konservatorium in Wien an. Alle seine Befürchtungen werden bei weitem übertroffen. Er steht mit feinem Kinderglauben in einer Welt des Zynismus. Seine Gottinnigkeit prallt gegen die Bedürfnisfe der Zivilisation, sein schöpferischer Geist gegen den gesellschaftlichen Anspruch. Die wendigen Hanslickianer überschütten den hilflosen Meister mit Hohn. Der unendliche Atem seiner neuen sinfonischen Form wird als Formlosigkeit gebranümarkt. Man hetzt dos Konzertpublikum in eine solche Abneigung gegen Bruckner, daß er während der Aufführung der dritten Sinfonie den Saal verläßt. Bruckners Not ist groß. Aber „Aus tiefster Not schrei ich zu dir" wird immer mehr Leitstern seines schöpferischen Müssens. Er gebiert die Vierte, die einige Jahre nach ihrer Vollendung sogar mit teilweisem Erfolge ausgeführt wird, danach die Fünfte mit 'ihrem beispiellos grandiosen Finale, das den vollendeten Durchbruch in das Reich Gottes bedeutet. Aber Bruckners trauriges Los ist es, dieses Wunderwerk niemals gehört zu haben. Als es 1894 in Graz zum erstenmal ausgeführt wird, ist der Meister schon so schwach, daß Sie Reise außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegt. Seine Meisterschaft schreitet fort. Von der Siebenten an beginnt die Welt stärker auf den Meister zu hören. Dirigenten vom Range der Ni- kisch, Muck und Mottl setzen sich in Deutschland für ihn ein. München, Leipzig, Karlsruhe und Berlin melden Triumphe. Da überkommt Bruckner ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit und er schreibt fein Tedeum nach einem alten Text des Bischofs Ambrosius von Mailand. Das Werk wird 1886 mit gewaltigem Erfolge sogar in Wien ausgeführt, und Speidel ver- küicdet im „Fremdenblatt": „Mit Stimmen und Geigen, mit Pauken und Trompeten lobt er seinen Gott... Wie im Sturm, wie in einem Wirbelsturm trägt er seinen Herrn empor... Das Publikum konnte sich dieser Wirkung nicht entziehen und rief den Komponisten unermüdlich." Anton Bruckner hat den Kampf zwischen dem Dämonischen und dem Göttlichen siegreich bestanden. Das Adagio wird [eine vollkommene Ruhe in Gott. Es rückt in den beiden letzten Sinfonien hinter das Scherzo. Die Dämonen find zur Ruhe gebracht. In den letzten Lebensjahren beginnen die Ehrungen für den Meister. Man beginnt auch in Wien die Gröhe des Genies zu fühlen. Die Universität ernennt ihn zum Doctor honor causa, und der Rektor der Universität begleitet das Ereignis mit folger den Worten: „Wo die Wissenschaft Halt machen muß, wo ihr unüber steigliche Schranken gesetzt sind, dort beginnt das Reich der Kunst, roeldje das auszudrllcken vermag, was allem Wissen verschlossen bleibt. Ich, der Rector magnificus der Wiener Universität, beuge mich vor dem ehemaligen Unterlehrer von Windhag." Am 4. Juli 1895 bezieht Bruckner ein Zimmer im Kaiserlichen Lustschloß Belvedere, das bald sein Todeszimmer werden soll. Unermüdlich arbeitet er an feiner Neunten. Er ist voll des Bewußifeins von feinem Ende. Das unsterbliche Adagio, das er „Abschied vorn Leben" nennt, wird fein Schwanengesang. An die Spitze der Partitur aber setzt er die Worte „D e in lieben Gott gewidmet." Noch am Vormittag seines Todestages schafft der Unermüdliche an dem Finale feiner Neunten. Hugo Wolf durfte noch einen Blick durch die halbgeöffnete Tür des Sterbezimmers werfen und beschreibt das erschütternde Bild: „In einem einfachen Metallbett, in Kissen ganz vergraben, lag Anton Bruckner, mit schmal gewordenem, blassen Antlitz, den Blick starr und unbeweglich zur Decke gerichtet, auf den Lippen ein verklärtes Lächeln, und diese wie zu seligem Gesang leise bewegend, schlug er, die ganz abgezehrte Rechte auf der Bettdecke, mit ausgestrecktem Zeigefinger den Takt zu einer Musik, die nur er allein zu hören vermochte und die der allem Irdischen schon völlig entrückte Meister mit in die Ewigkeit hinüber genommen hat." So starb der Welt einfältigster, letzter großer Sinfoniker. Seine Gebeine ruhen in einem freistehenden Sarge unter der von ihm fo sehr geliebten Orgel von St. Florian. Alles, was nach Bach groß war, strebte zu Gott. Anton Bruckner ruhte in ihm. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniversitälSdruckerei A.Lange, Gießen.