Jahrgang <938 Zreilag. -en 2(. Oktober Nummer 82 Christine von Äilotti Roman von Rolf Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin 9. Fortsetzung. „Also, Kindel, das Zimmer ist klein, aber Sie werden sich hier ganz wohlfühlen! Wie wollen wir das mit dem Essen halten?" „3d) hatte versprochen ..." „Versprochen hatten S'?" fragte Frau Hinterzart. „Also", Christine faßte sich, „mittags möchte ich in der Stadt essen, abends ganz gern hier bei Ihnen, und dann natürlich Morgenkaf ee „3a, schon recht", sagt« Frau Hinterzart. „Blaß sind S', Kind, das müssen S' bei mir aufgeben. Außerdem sind die Haare in Un- ordnung das steht 3hnen gar nicht, was Sie dahinten angesteckt habenl Lassen S' doch abschneiden, es tun doch jetzt alle. Wenn mer schon so a paar dünne Strähne hat ..." Christine lachte hell aus: „Ausgezeichnet, Frau Hinterzart, wir lassen abschneiden, wenn mer schon so a paar dünne Strähne hat. Wo ist das Zimmer? 3ch bleibe unter allen Umständen hier." Das Zimmer war schmal, mit einem Fenster, und ging nach einem Berliner Hof. Es war hell tapeziert. Ein weißes Bett, ein weißer Schrank, am Fenster ein kleiner Schreibtisch, in der Ecke ein großer geblümter Sessel. Dieser eine Sessel gab dem Zimmer etwas Behagliches. An der Wand hing eine gute Kopie von Hans Thoma. „Es ist übrigens fließendes Wasser da", sagte Frau Hinterzart und schob einen großen Wandschirm beiseite, der neben der Ecke am Eingang des Zimmers war. „Hier. Vorläufig haben wir sogar warmes Wasser, solange der Wirt noch Kohlen hat. Aber er wird haben, dafür garantiere ich Ihnen." „Und was kostet das Zimmer?" fragte Christine. Die kleine Frau sah Christine lächelnd an: „Wollen S' echten Bohnenkaffee?" „Wenn's möglich ist, ja", sagte Christine. „Und Milch brauchen S' auch! Sagen wir sechzig Mark." „Es ist gut", sagte Christine. ,Zch will meine Sachen holen." Sie streckte der kleinen Frau die Hand hin: „Ich glaube, hier kann es einem ganz gut gehen!" „Wann's Ihnen sonst gut geht, an uns liegt'« nett! Es geht einem immer gut, wenn man will." ,^Das habe ich noch nicht gehört", sagte Christine. „Ach, Kindel, Sie haben ja so vieles net gehört, aber glauben S' der Frau Hinterzart: Wenn man will, geht's einem ganz gut." Als Christine den Weg am Ufer enHangging, kam ihr die Gegend schon heimisch vor. Sie schlenkerte wie ein Junge mit den Armen und versuchte, so auf den Granitplatten des Bürgersteiges zu gehen, daß sie niemals mit dem Fuß auf eine Rille trat und daß jede Platte nur einen Schritt benötigte. Milotti hatte eine neue Leinewand aufgestellt und kopiert« sein eigenes Hafenbild. In der kleinen Küche stand eine Kasserolle voll Reis, in dickes Zeitungspapier eingewickelt. Auf das Zeitungspapier hatte Milotti noch ein paar Kiffen getan.. In einem Kochtopf brodelten kleingeschnittene Zwiebeln in einer braunen Soße. Die Tür zur Küche stand auf, es roch nach Terpentin, Farbe und gebratenen Zwiebeln. „Großartig!" sagte Christine. Sie ging zum Abwaschtisch und spülte das Geschirr vom Abend. Das hatte Milotti natürlich vergessen. Als Milotti leise zu pfeifen begann, setzt« sie sofort mit ein. Dabei klapperte das Geschirr, und der Wasserkessel gab einen Hefen summenden Ton. „Schade, daß man nicht komponieren kann", sagte Milotti plötzlich. „Das sollte man komponieren, Ueberschrift: .Malers essen Mittag'." Als sie das Gesck)irr vor ihm in das Herrenzimmer trug, gab er ihr plötzlich einen Klaps. Sie drehte sich um, sah in seine lustigen Augen, in denen eine neue Zärtlichkeit stand. Christine wurde rot. Was fängt man nur mit dem Milotti an? dachte sie. Es ist nur gut, daß ich das Zimmer bei der Frau Hinterzart genommen habe! Nach dem Essen saßen sie sich gegenüber, und Milotti zog eine sehr zerknitterte gelbe Packung mit amerikanischen Zigaretten heraus. Er blies kunstvolle Ringe und sah Christine aufmerksam an. „Seitdem Sie hier sind, Rucktasch, geht es mir schon viel besser. Sehen Sie, wir haben ja alle unseren Knacks weg. Ich habe einmal verschüttet da im Flandrischen gelegen. Da schossen die Engländer mit Flachgeschützen. Die Singer heulten wie die Kettenhunde. Einmal erwischte es mich eine schwarze Wand stand vor mir, eine irrsinnige Kraft schmiß mich in die Erde und dann fiel es auf mich, so, wie schwere Fäuste schlagen ... Eme miserable Angst. Man bekam nämlich keine Luft, wissen St« °'ne gemeine Angst, Dunkelheit und Angst. Schmerzen gab es eigentlich nicht. Dann wurde die Luit noch enger, man konnte sich nicht bewegen, ich »er or den Verstand, so dachte ich, aber ich wurde Gott sei Dank bewußtlos! Sie haben mich bann wieder ausgegraben, es war gar nicht so schstmm. Aber manchmal denkt man an die Angst, das ist es! Wenn ich mit 3hnen rede, ist das alles fort. Ich habe übrigens zum erstenmal mit einem Menschen darüber gesprochen." „Ich weiß, wie die Angst aussieht", sagte Christine. „Ich wollte ein- mal über di« Elbe schwimmen, hatte mir das als Zeichen gestellt, und dann trieb ich immer weiter nach draußen in das Meer Sie sahen sich beide an. Milotti stand auf und streichelte leicht über i^re Hand: „Es ist gut, daß Sie da sind! Es ist gut, daß Sie da sind! Ich bin Ihnen so dankbar, Rucktasch. Später wenn Sie Zett haben mochte ich Sie einmal malen." r v v „®ern", sagte Christine. „Natürlich, ich möchte Sie auch malen. Wir wollen sehen, wer den anderen schneller hat. Nur haben Sie lick ein sehr schlechtes Modell ausgesucht." w „Davon verstehen Sie nichts! Außerdem, Rucktasch, habe ich den Eindruck, daß Sie mich als Maler ausgesucht haben." „So, Milotti, jetzt geben Sie das Streicheln meiner Hand auf und schustern da weiter. Uebermorgen will ich zu dem alten Graeser gehen und das Bild verkaufen, entweder das Original ober die Kopie, bas wird sich zeigen! Helfen Sie mir, die Koffer heruntertragen?" „Ach, die Koffer hatten sich hier ganz wohlgefühlt, wahrscheinlich viel wohler als bei Ihrer blödsinnigen Frau Hinterzart." „Die Frau ist reizend, die Frau ist so, als ob man bei einer sehr netten Großmama wäre. Der Professor Rottenbach hat mir einen großen Gefallen getan!" „Den Rottenbach soll auch der Teufel holen! Wenn Sie einmal zehn Minuten nicht von Rottenbach gesprochen haben, so ist bas schon sehr viel!" _ „Er ist boch mein Lehrer", sagte Christine, „und ich habe kaum einen Menschen, der mir hilft!" Der Geheimrat stand auf dem Bahnsteig des Potsdamer Bahnhofs inmitten einer Gruppe von höheren Beamten des Auswärtigen Amtes Der Bahnsteig war abgesperrt, denn die deutsche Delegation sollte den Sonderzug besteigen, der sie nach Versailles führte. Geheimrat von Rucktasch hatte ursprünglich die Delegation als Sachverständiger begleiten sollen. Der Ministerialdirektor schätzte seine furt- st'lchen Formulierungen, aber Rucktasch hatte abgelehnt. Er hatte eine kleine Denkschrift über die deutsche Finanzlage gemacht, die der Mimske- rialdirektor an den neuen Außenminister, der die Delegation nach Versailles führte, an den Grafen Brockdorff-Rantzau, weitergeleitet hatte Di« Arbeit gehörte eigentlich nicht zu seinem Ressort. Aber es war mm eme Befriedigung gewesen, in langen, schlaflosen Nächten die ihm bekannten Zahlen zu gruppieren und ihren furchtbaren Zusammenhang so bargufteUen, baß er für jeden Leser wirksam wurde. Rucktasch war bei seiner Ablehnung geblieben, obwohl fein Vorgesetzter sich Mühe gab, ihn umzustimmen. „Ich verstehe Sie nicht", hatte ber üniniftenalbirettor gesagt. „Selbstverständlich wird bi« Verhanblung in Versailles für alle Beteiligten eine ganz gewaltige Nervenbelastung sein. Wir brauchen uns nichts vorzuma-hen, wir fahren in eine Hölle von Lasten. Silber schließlich kann sich ein Arzt auch nicht die Kranken aussuchen, die er will. Wir sind Beamte und haben die Pflicht zu tun. Wenn der Ruf an Sie ergeht, müssen Sie ihm Folge leisten/ „Der Ruf ergeht ja nur", hotte Rucktasch geantwortet, „wenn ich aus meinem Bezirk heraustrete. Irn Anfang des Krieges ist der Ruf ergangen, ich wollte ihm folgen! Gott hat es anders gewollt, ich höre keinen Ruf mehr, Herr Direktor!" Da hatte der hohe Vorgesetzte die Achseln gezuckt und bas Gespräch beendet. Nun war Rucktasch hierherbefohlen worden, weil der Ministerialdirektor plötzlich noch ein paar Sätze mit ihm sprechen wollte. Rucktasch war unruhig. Ihm war die Neugier der vielen Journalisten unangenehm, die von Gruppe zu Gruppe gingen, um ein Stimmungsbild einzufangen. Ihm waren die Photographen zuwider und die Kino- operateure, die fast ununterbrochen kurbeiten. Er, Rucktasch, hatte eigentlich abgeschlossen, mit ollem. Cs war eine lange und harte Rechnung gewesen, am Schluß die Geschichte mit der Christine, die bei Nacht und Nebel, nein, am hellen Nachmittag, aus dem Haus gegangen war. Er hakte alles versucht, das Kind zu einem tapferen, bescheidenen und ordentlichen bürgerlichen Leben zu erziehen. Sie aber wollte malen, sie wollte b der Arzt kam, wehte schon die Dämmerung in das kleine, Helle Zimmer, Draußen blühte der große Kirschbaum, die Spatzen lärmten laut in der Efeuwand, i Rucktasch war zuerst völlig ablehnend: „Wer hat Sie gerufen, Doktor? Ich bin nicht krank, ein bißchen müde, das ist alles. Aber dann lieh er sich doch den Hörer aus das Herz legen und folgte den Anordnungen des Arztes bei der Untersuchung, „Es ist vielleicht ganz gut, daß Sie kamen, Doktor", sagte er dann. „Manchmal hat man so eine Angst. Es kommt vom Herzen. Ich glaube nicht, daß es eiwns Ernstes ist, aber ich habe auch keine Lust mehr wissen Sie, gar keine Lust. Es scheint mir gar nicht so sehr schlecht, wenn man I manche Dinge nicht mehr erlebt!" Christine saß neben Schüttewald und zeichnete in großen, schweren Strichen das Gesicht eines Mannes, der in alter, zermürbter Soldaten- uniform auf dem Podium für sie Modell saß. Es war ganz still 'n dem großen Raum. Professor Rottenbach stand unbeweglich hinter dem Platz von Gottfried Oemli. Rach einer langen Weile sagte er: „Sie bekommen das Gesicht nicht, Oemli, es ist das Kriegsgesicht. Ich hatte ganz gern gewollt daß Sie es noch so mit der letzten Fingerspitze kapieren, ehe Sie wieder in die Schweiz gehen, und nicht nur die Bilder von den Tangomädchen mitnehmen." . . , ., . Er trat dann hinter Christine, schwieg wieder und beobachtete, wie ihre Hand sicher arbeitete. „Sie haben Fortschritte gemacht: ob es wirk^ lich was wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber das Gesicht ist so ... Er hockte sich neben Christine arischen Schemel und begann, mit schweren Strichen den Kopf hinzusetzen, die tiefliegenden Augen, die abgezeichneten Backenknochen, den schmalen, gepreßten Mund. Er arbeitete weiter: „So, und nun will ich das tun, was Sie nidjt dürfen Rucktafch." Er zeichnete einen Stahlhelm über dem Haupt, der die Stirn bedeckt. „Sehen Sie, das ist der Glorienschein." - Unvermittelt fragte er dann: „Wie geht's überhaupt? Sie sind so schweigsam geworden." , „Herr Professor, Sie hoben ja auch nicht viel gefragt. Sie sind ja noch schweigsamer." . . Ach in Ihrem Alter, da nimmt man em Schweigen nicht übel! Ich habe auch so meine Sorgen! Uebrigens, ich glaube, wir sollten Meder einmal hinausfahren, ein bißchen Farbe und ein bißchen Landschaft u>ird euch allen gut tun! — Was ist da?" fragte er ärgerlich, als die Wirtschafterin an der Ateliertür stand. „Fräulein von Rucktasch wird am Telephon verlangt." (Fortsetzung folgt.) rüttelte an der Tür, zuckte die Achseln und öffnete dann die Tür zu seinem einfachen Schlasraum. Er liebte es, im unteren Stockwerk zu icMafcn well er früh aufstand und gerne, nur mit dem Schlafrock be puihpt in den Garten ging. Die Zimmer oben, In dem die Raume waren', in denen er mit feiner Frau gewohnt hatte, liebte er überhaupt "'^Henriette stand jetzt mit hochrotem Gesicht vor ihm. Sie mußte ihm ja nun ertlären, was sich inzwischen ereignet hatte. fierr Geheimrat, es ist eine Kommission gekommen, die hat sich die ganze Villa angesehen, und bann hat sie die Anordnung gegeben, daß von lebt an das untere Stockwerk beschlagnahmt sei.. Es kamen jetzt so o?eV * " bie alte Henriette kämpfte mit ben Tranen ausländische Militärs nach Berlin, und die Villa paßte ausgezeichnet dafür. «jo sind doch eben erst abgefahren, um über die Dinge zu verhandeln! Was ist bas überhaupt für eine Unverschämtheit? Meine Ich habe den Herren ja auch gesagt, baß der Herr Geheimrat leidend sei, aber bic haben nur gelacht, und wenn ich es sagen darf, Herr Ge heimrat..." „Reben Sie schon! „Sie sprachen gar nicht sehr schön von Herrn Geheimrat. Rucktasch sühlte wieber diese Schwäche in den Beinen und dieses schwere, dumpse Gefühl auf der linken Seite der Brust. Wo kann ich mich denn nun hinlegen? Ich werde das Weitere danach veranlassen. Es ist eine bodenlose Unverschämtheit! ,Jch habe gedacht, ich habe gedacht, vielleicht in dem Zimmer... Die alte Henriette sah den Geheimrat hilseslehend an. Schon gut, Henriette, regen Sie sich nicht fo^auf! Da ist irgendein Irrtum im Spiel, sonst nichts. Also in weichem ö'.mrner? „In dem Zimmer von Fräulein Christine." „Es ist gut!" Mühselig stieg der altgewordene Mann die Treppen emP®ie Haden Sie denn das Beit in das Zimmer bekommen?" fragte er, als er sah, daß fein breites Meffingbett an der Langswand stand. „Der Gärtner von nebenan hat mir geholfen. Er ist doch nun wie- üer%ud) der große Schrank stand in dem Zimmer, mit ben vielen An- zügen, die nie getragen wurden. Dann ist ja das Zimmer ganz verändert. Henriette! Er fetzte sich auf’ben Bettrand. „Das wird dem Fräulein Christine gar mcht recht fein, ^Au"der einen Wand war ein Klaffenbild hangengeblieben. Man sah Christine im Kreise ihrer Mitschülerinnen im kurzen, Hellen Sommerkleids. Sie sah auf einer Bank neben ihrem Lehrer. Das ist nun lange her, Henriette", sagte Rucktasch. „Es geht ja alles so schnell, und ehe man noch weiß, ob man’s richtig tut, ift Idjon «U«> roie= der weiter und anders! So, Henriette, nun gehen Sie, ich mochte ein in diese Lust von Ueberheblichkeit, Ungebunbenfjeit, in der angeblich anbere Maßstäbe galten als sonst im Sieben! Der Ministerialdirektor traf jetzt ein. Er trug "»en Hellen Reiseh unb arünte tief nach allen Seiten. Hinter ihm kam Graf Brockooru Rantzau in müder, etwas gebeugter Haltung. Auch er lüftete em paa - mal ben qrauen Filzhut. Die Photographen gingen zu einer Art Sturm "?" und umgäbe den Minister von allen Seiten. Der Graf ging sofort in fein Abteil. Der Ministerialdirektor stand einen Augenblick bei dem neuen Reichsjustizminister, bann ging er auf Rucktasch zu. Ach es ist gut, daß Sie da sind! Ich nehme an, daß es schließlich ZU wir'k'licken Verhandlungen kommen muh. Der Graf Brockdorff hat sich Dorbehalten Sie auf meinen Vorschlag eventuell nach Versailles anzu- forbern Wir werben ungewöhnlich viel Material zusammenstellen müssen, wahrscheinlich^ebesmal in großer Eile. Ich teile Ihnen also .m Auftrag des Ministers mit, sehr verehrter Herr Geheimrat daß Sie mit Ihrer Anforderung zu rechnen haben, ich nehme an in etwa acht Tagen. Herr Mimsterialbirektor, ich möchte aber ergebenst darauf ausmerk- fam'machen, bah meine Gesundheit sehr angegriffen ist. „Dann wirb Ihnen bie Luft m Versailles g°nz guttun. Außerdem sind Sie bann einmal einige Zeit aus der Hungerpsychose ^r l)erau^ ^lch auf Wiedersehen, Rucktasch! Ich weih, bah es für Sie ein Opfer ist, um so eher muß man es bringen." . „ Der Geheimrat lüftete seinen Zylinder und machte eine leichte Verbeugung. Der Ministerialdirektor ging zu dem Hauptdelegierten KaA Melchior, sprach etwas mit ihm, worauf ber Bankier sich zu Rucktasch umroanbte und höflich seinen Hut zog. «vv gr «„{, Rucktasch wendete sich um. Da knirschten schon die Rader... Cr siiy nach ber großen Uhr in bem Halbrund ber riesigen Halle. Der Zeiger gute Ministerialdirektor! Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mebr! Es ist eigentlich unerhört, wie sie mich dorthin zwingen wollen! "'tz tzhlte wiede?wie in d'en letzten Wochen fast täglich, ein Herz^ Es lag schwer in der Brust, es hämmerte unregelmäßig, der Atem ^GangfnnHtieg er die Freitreppe herab. Die Btumcnfrauen standen da mit grohen Fliedersträußen, darüber lag eine blasse Nachmittagssonne. Wenn man jetzt hier niedersällt, erlebt man das Schlimmste nicht mehr dachte Rucktasch. Ob ich Christine besuche? Vielleicht sollte man an sie schreiben. Schlecht ist das Mädel ja nicht, sie weih, ja nichts von der ^°Er fühlte die Schwäche in den Beinen zunehmen und lehnte sich einen Augenblick gegen das Gesims des Bahnhofs. Man sollte zu Christine fahren! Wenn man ganz gerecht ist: Das Mädel hat ja auch von ihrer Jugendzeit wenig gehabt ... Ader schließlich habe ich ja ben Krieg nicht erfunben, und die anderen hatten es auch Er winkte einer wackligen Autodroschke und stieg mühselig in das alte i-h 'N I-m-m Notizbuch nach um die Nummer sestzuftellen. Die Zahlen tanzten vor fernen 2lugen. Es hatte keinen Zweck, er wurde bestimmt die drei Treppen bod) nicht hinaufkommen! Vielleicht wäre Christine auch gar nicht zu Hause. Sie wird in einem dieser niederträchtigen Ateliers sitzen und Akte malen. Er klopfte gegen die Fensterscheiben und nannte seine Adresse: „Fahren Sie mich hinaus. „Del is noch nid) sicher, Herr Graf, ob bet Benzin langt , sagte ber uralte Chauffeur, ber ebenso mitgenommen und zerfahren aussah wie sein Wagen. „Aber wir können's ja versuchen." Der Wagen rumpelte burch bie Straßen, em endlose Fahrt. Dem Geheimrat tarnen Bilder aus seiner Jugendzeit. Am besten war es noch, als man endlich von Hause fort war, von ber Mobellwirtschaft fort und von ber weinenden Mutter, von der fatalen Geldwirtschaft und den hohen Besuchen, die zwei Jahre in Freiburg, bie waren ganz schon. Man sah von oben das Münster. Es stand wie eine Blume in den nachtblauen Himmel. Ach, es ging schnell vorüber! Sie sangen auf der Kneipe der Geheimrat sah die Strophen so, wie sie in bem alten Kommersbuch gebrückt waren: , ,, „Vemt mors velociter ... Ach, was wußte Christine, wie ein Leden verrauscht! Vielleicht weiß r'e Wa°/ roarVnn 'die' schöne Frau, meine Frau, bie dem Vater mehr gefiel als mir? Ein kurzer Traum, und bann ging fte, unb der Vater hatte als Trost ein verftehenbes Lächeln. Immer der Vater Wie ein Fels stanb er da vor bem eigenen Leben, wie ein Klotz. Nur die Pft'chl blieb. An etwas mußte man sich doch halten als ordentlicher Mensch. Immerhin, immerhin, mit Christine das war nicht ganz in Ordnung! Sobald mir besser ist, werde ich an Christine schreiben. Vielleicht soll man sich überhaupt nicht aufgeben, vielleicht sogar nach Versailles fahren. Er versuchte, sich straff aufzurichten, als er durch fein Hau stör schritt, aber er sah leichenblaß aus. Die alte Henriette nahm ihm Stock, Handschuhe unb Zylinder ab. „Fehlt dem Herrn Geheimrat etwas? fragte sie. Er fummle vor sich hin: „Gaudeamus igitur ... Die alte Henriette ging ans Telephon unb klingelte den Arzt an. Der Geheimrat wollte in fein Schlafzimmer gehen; Dienst war ja heute doch nicht mehr, er wollte ein wenig ruhen. Es fiel ihm auf, daß im Wohnzimmer ein paar Möbel umgestellt waren. Die Tür nach dem Eßzimmer war verschlossen, dort schien großes Reinemachen zu sein. Diese Henriette wird von Monat zu Monat verrückter, dachte er. Jetzt schließt sie schon bei ihrer Reinemacherei zu. s It It t V ie k- n ht ie I- i« * et ifi rt< Mensch, werde wesentlich! Bon Angelus Stlesius. Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht, So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht. Ein wesentlicher Mensch ist wie die Ewigkeit, Die unverändert bleibt von aller Aeußerheit. * Nicht ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad, Das aus sich selbsten laust und keine Ruhe hat. Die Liebe, wenn sie neu, braust wie ein junger Wein; 3e mehr sie alt und klar, je stiller wird sie sein. Gott ist so viel an mir, als mir an ihm gelegen. Sein Wesen Helf ich ihm, wie er das meine hegen. * Mensch, wann du noch nach Gott Begier hast und Verlangen, So bist du noch von ihm nicht ganz und gar umfangen. Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein: Er kann, noch dem er's macht, Gott oder Teufel sein. Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden; Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden. Die Welt ist mir zu eng, der Himmel ist zu klein: Wo wird doch noch ein Raum für meine Seele sein? Oie Kücks aus dem Brook. Von Ludwig Tügel. Es sind vier Häuser, die am Rande der Großen Ebene stehen, fern der Straße, die durch Wanschote am Berge läuft und sich in weitem Bogen über Ost nach Norden zieht. Man kann ihre windgebeugien Bäume sehen, wenn man vor die Häuser tritt: ein Damm hebt die Straße über die flachen Weiden, und die hölzerne Brücke von Takerlan leitet sie im Bogen über den Fluß, dessen Bett versteckt in der Weite liegt. Nur im Heumond und im Herbst, sobald der Torskähne braune Segel dort ziehen, kann man seinen eigenwilligen Lauf erkennen, und man wird gewahr, wie nah er den vier Häusern kommt. Die vier Häuser mit den Aeckern und Weiden, die zu ihnen gehören, werden der Brook genannt. Ein Stück Oedland, mit Eichen und Eschen bestanden, zeigt noch das alte Gesicht dieser Gegend am Rande der großen Weiden an. „Kück, Wanschote, im Brook", lautete die Anschrift auf allen Briefen, die der Postbote vom Dorse bringt. Er kommt zu Fuß, sein Rad läßt er im letzten Dorshaus stehen, denn auf den sandigen Wegen nach dem Brook kann er nicht fahren, weder bei Regen noch bei Sonnenschein. Nur im Winter bei Frost ist der Weg hart und fest, doch da er bei der Feuchtigkeit des Landes dann mit Eis überzogen ist, fährt auch der Postböte aus Wanschote nicht mit seinem Rad. Es kommt auch nicht oft vor, daß er «inen Brief für Kück im Brook in seiner Tasche hat. Nur im Kriege hat er zuweilen den Weg machen müssen, denn acht Enkel des alten Kück, der kurz vor der Jahrhundertwende gestorben ist, sind im Felde gewesen. Einer ist zurückgekehrt, als der Krieg zu Ende gegangen war, sechs sind gefallen, vom achten Kück hat man damals im Brook nicht gewußt, ob er noch lebe und wohin ihn das Schicksal verschlagen habe. Es ist Kück Nummer sechs gewesen. Denn wenn sie auch alle ihre Namen gehabt haben oder haben — Johann Hinrich Diedrich Kück, oder Hinrich Johann Diedrich Kuck, oder Diedrich Hinrich Johann Kück: — die Eltern sind so sparsam mit den Vornamen gewesen, daß es bei diesen dreien geblieben ist. Es ist aber auch «in Ausdruck der Verbundenheit gewesen, daß die drei Väter, Hinrich, Johann und Diedrich Kück, ihren Söhnen alle Bäternamen gegeben haben, anfänglich, als sie ihre Nachkommen noch nicht haben übersehen können, auch nicht ahnend, zu welchen Verwirrungen solche Anhäufung von drei Namen führen könne. Denn, im Laufe der Zeiten sind den drei Vätern von ihren Frauen im ganzen neun Söhne geschenkt worden, und da hat man, schließlich, zur besseren Unterscheidung dieser Leute, d,e zudem auf den ersten Blick alle einander glichen wie eine Steckrübe der andern, Zahlen zur Hilfe nehmen müssen. Man hat im Jahre 1914 damit begonnen, doch ohne rechten Erfolg. Es ist keine Sache gewesen, die von innen heraus gewachsen war, etwa aus einem tieferen Bedürfnis; sie ist dem Brook von außen her aufgezwungen worden, und deshalb hat es damit auch nicht geklappt, wie nun zunächst einmal erzählt werden soll. Zwei Kück hatten schon gedient und einer diente gerade beim Milnar, als der Krieg ausbräch. Die zwei älteren wurden bei der Mobilmachung abgerufen, und es blieben noch fünf gesunde Kück und ein kranker nn Brook. Der jüngste von diesen hieß Diedrich Johann Hinrich Kuck, und da er schon einen Vetter mit dem gleichen Namen hatte, wurde er zur befserern Unterscheidung Lüttkück (der kleine Kück) genannt. Als nun in der vierten Kriegswoche der Krieg, um mit seinen Worten zu sprechen, noch immer nicht gewonnen war, sagte er zu seinem Bruder und den gesunden Vettern im Brook, daß es nun wohl an der Zeit sei für sie, die fünf, sich freiwillig zum Militär zu melden. Und obgleich er als der Jüngste von ihnen etgent= licht nicht zuständig war, sie derart zu bestimmen, so horten sie doch aus ihn, vertrat er doch ihrer aller Meinung, daß sie jetzt in den Krieg em« greifen müßten, um ihm schnell zum Siege zu verhelfen. Sie wurden untersucht, für tauglich befunden und als Kück eins, Kuck zwei, Drei, vier und fünf in das Heer eingereiht. Diedrich Johann Hinrich Kück schrieb nach Hause, daß sie, alle fünf, bei „das Eine Militär" angekommen seien, und daß sie Nummern führten und dabei bleiben wollten, weil es viel einfacher sei. Der Brief rief im Brook allerlei Ueberlegungen wach, deren Ergebnis mitgeteilt werden soll. Der damals noch lebende Hinrich Kück, der älteste von den Vätern, und feine Frau Gesine, geborene Tjark, lasen den Bries unzählige Male, und sie sprachen etwas von höherer Gewalt, die nun über sie gekommen sei. Dieses Wort war ihnen vertraut, denn es stand auch in dem Feuerversicherungsvertrag ihres Hauses, den Jie zuweilen durchlasen, wie sie ja auch zuweilen Beiträge zu leisten hatten. Hinrich Kück bedachte und überdachte das Neue, das mit Liittkücks Brief gekommen war, und diese Ueberlegungen führten zu folgendem Ergebnis: Hier habe das „Eine Militär" die Sache in die Hand genommen, und es fei Krieg, höhere Gewalt, man habe sich zu fügen,, obgleich die Jungen alle ihrs richtigen Namen erhalten chätten. Man dürfe nun aber, meinte er, über die fünf Freiwilligen in Bremen doch nicht die andern drei Kück vergessen, die seil Kriegsbeginn an der Front seien. Auch ihnen müsse man Nummern geben, und er schlage vor, obgleich sie die Aelteren seien, sie Kück Nummer sechs, sieben und acht zu nennen, denn die Nummern eins bis fünf seien, leider, schon besetzt. Man konnte, wenn man Lust und Neigung dazu verspürte, folgern, daß — nach der Auffassung dieses Mannes —, die höchste Nummer dem ältesten Klick gebühre, mit der Nummer eins, also, der jüngste, Lüttkück, der Wortführer der Freiwilligen, bezeichnet werden muffe. Doch wir werden hören, daß dieser Plan des Hinrich Kück wieder umgestoßen wurde; er bewährte sich nicht. Aber bevor man im Brook zu einer besseren Neuordnung schritt, hatte Hinrich Kück schon den dreien im Felde ihre Zahlen mitgeteilt, die sie nun führen sollten zur besseren Unterscheidung; und daraus entstanden bedeutungsvolle Mißhelligkeiten, die man, sicherlich, hätte vermeiden können. Aber diese Sache war ungestalt von Anfang an, und sie wurde es im Laufe der Zeit immer mehr. Die Väter dieser Kück Nummer eins bis acht hatten nicht nur Söhne, sondern auch Töchter, im ganzen elf, und man kann sich vorstellen, daß in den vier Häusern des Brooks ein ziemliches Gedränge war; denn keines der Häuser hat mehr als zwei Stuben, eine Kammer und die Diele mit den Stallungen. Auch bei den Mädchen, die alle nur einen Vornamen trugen, war das so eine Sache, wie man sagt, mit der Unterscheidungsmöglichkeit; denn ihre Väter hatten ihnen nur die drei Vornamen ihrer Frauen gegeben, diese hießen Gesine, Meta und Sophie. In jedem der drei Kinderhäuser des Brooks gab es eine Gesine, eine Meta und eine Sophie Kück, außer den Müttern, die auch so hießen. Und wenn man von einem dieser neun Mädchen sprach, wurde zum besseren Verständnis immer hinzu- gefügt, von welcher Mutter es sei; zum Beispiel: „Gesine Kück. weißt du. Meta ihre!" Oder: „Sophie ihre Sophie." Und so weiter. Ganz klar konnte man nur im Brook damit zurechtkommen. Als aber in zweien der Häuser nun noch ie ein viertes Mädchen zur Welt gekommen war, hatten diese, wie ihre Brüder und Vettern, alle drei zur Verfügung stehenden Namen bekommen, und sie hießen Gesine Sophie Meta und Meta Gesine Sophie Kück; hoch sie wurden im täglichen Hausgebrauch einkach ßütfie und'Gahns Lüttje, also Kleine und Ganz Kleine genannt. Es führte erst zu Verwirrungen mit diesen Bezeichnungen, als Gahns Lüttje die größte an Gestalt wurde, während die Lüttje immer die Kleine blieb; woraus man wiederum folgern könnte, daß man mit Steigerungsformen vorsichtig fein soll. Als nun einmal, bevor sie ins Feld rückten, Diedrich Johann Hinrich Kück, Lüttkück, oder Kück Nummer drei, denn beim Militär ging die Zahlenbezeichnung — von oben angefangen — nach der Körperlänge, mit den andern vier Kück auf Urlaub nach dem Brook kam, erkannte er, daß sich hier eine andere Zahlenfolge eingebürgert hatte. Da (ein Vater schon gestorben war, setzte er sich mit feinen beiden damals noch lebenden Onkeln zusammen, um Ordnung in diese Angelegenheit zu bringen. Er schlug den etwas zaghaft gewordenen Männern vor, auf Grund der Taufscheine alle Enkelkinder des alten Kück, der den Brook besiedelt hatte, dem Aller nach, sofern sie gesund seien, mit Zahlen zu versehen, wobei, allerdings, die bei „Einem Hohen Militär" bereits erfolgte Bezifferung der fünf Freiwilligen die ihr gebührende Berücksichtigung zu finden habe. Er sprach: „Ich bin also mit den Mädchen, die wir ja nicht überschlagen können, weil sie eines Stammes mit uns sind, Kück Nummer wieviel? Ja, welche Nummer habe ich, außer der militärischen, nun zu führen?" Zum Glück war es nicht festzustellen, denn es fehlten einige Taufscheine, auch feiner. Es kam keine Ordnung in diese Sache, höchstens die, daß man nach langem Hin und Her beschloß, der Einfachheit halber die Frauensleute von der Zahlenbezeichnung auszuschließen. Sie sollte sich auf die Männer beschränken, die im Felde standen, und die, die jetzt dahin gehen sollten. Der zu Hause gebliebene Diedrich Diedrich Johann Kllck, schlankweg Twemoldidi genannt, was Zweimaldiedrich auf Hochdeutsch heißt, war ein Schwindsüchtiger, der einzige, der in dieser Kette von gesunden Menschen nicht geraten war. Lüttkück hatte bei sich beschlossen, ihn als Nummer Null in dem geplanten Verzeichnis aufzuführen, denn er mochte diesen Vetter nicht leiden. Als dann aber der Mangel an Taufscheinen dem Ordnungssinn von Lüttkück gewisse Grenzen setzte, kam, zum Glück, dieser Vetter nicht zu der ihm zugedachten Bezeichnung: Kück Nummer null, oder, wie Diedrich Johann Hinrich sich vorgenommen hatte, einfach: Nullkück. Die Verwirrung war groß, und sie blieb es. denn die fünf Freiwilligen hatten nur zwei Tage Urlaub, bevor sie ins Feld rückten, und in dieser kurzen Zeit gelang es Lüttkück nicht, eine derart verfahrene Sache in Ordnung zu bringen. 211s sie alle abgereift waren, wußte niemand im Brook so recht, wer etwa Kück Nummer vier war, oder Kück Nummer eins, um von den Nummern sechs bis acht gar nicht zu sprechen. Bei „Einem Hohen Militär" zählte man in anderer Reiherttolge als im Brook, wo die jungen Mädchen überhaupt nichts mit dieser Zahlengeschichte zu tun haben wollten und sich nur die alten Männer, ihre Frauen und die drei jungen Frauen, deren Gatten im Felde standen, während einiger Wochen die redlichste Mühe gaben, die Zahlen und ihre Träger durcheinanderzubringen, bis aller ein großer Wirrwarr war. Und dann fielen sechs Kuck aus dem Brook, und man wußte daheim nicht recht, welchem Haus der jeweils (Befallene angehörte. Es war nicht leicht, in der Ungewißheit über Mann oder Sohn in stehen-, doch In anderer Weise war es ein Trost, weil das Gefühl der ^usammenaehörigkeit gestärkt würbe; benn fobalb einer ber acht Kuck ge- stillen war, tras es alle gleicherweise im Brook aus diese Art. Als im Jahre 1916 drei Kuck, Nummer eins, vier und fünf, auf einmal den Tod fürs Vaterland gestorben waren, sagte der Pfarrer Steentorf, der vom Dorf nach dem Brook gegangen war, um zu trösten: „Das ist nun für jedes Haus einer!" Und so wurde es auch ausgenommen und getragen. Scherzo vom bestraften Störenfried. Bon Carl Spitteler. Ich las von den Negern in Afrika. Was meint ihr, welch Wunder mir da geschah? Aus dem hintersten, finstersten Kongolaus Taucht plösjlich ein schneeweißes Nixchen auf. Ich brummte: „Wie kommt dieses Elfenbein In den dunklen, schwarzen Weltteil hinein? Ich saß ohne Argwohn am Tastentisch, Der Rhythmus war schwierig, das Tempo frisch. Wupp! fährt durch den bissigsten Notenkopf Des Nixleins verwegener Knotenzopf. Ich schielte mit Schmerzen nach diesem Motiv Und spielte von Herzen zwei Terzen zu tief. Ich sah nach dem Garten, ob Busch und Buchs Auch ordentlich schasse und weidlich wuchs. Zufrieden begoß ich die Reseda — Da lag sie von oben bis unten da. Bor Schrecken schloß ich die Augen zu Und goß mir die Kannevoll über die Schuh. .Lieber Litho, lieber Photo, ach, gib mir für Gold Womit ich ein Momentbild fixieren sollt." Er lieh mir Kollodium und borgte mir Leim, Das trug ich mit tückischen Schritten heim. Bestrich ein Papier mit dem Glyzerin Uno legt es als Falle auf den Schreibtisch hin. Nicht lange, so tuschelts und kicheris im Blatt, Wie wenn etwas Liebes was Böses vorhat. Sie wies mir die Zunge gar flink und belebt. Da stak sie im chemischen Honig geklebt. Jetzt bist du gefangen, du böser Nix. Magst zappeln und strampeln, es hilft Mr nichts. Nun sitz ich und schaffe gedeihlich in Ruh Und wink ihr manch Grüßchen über die Zeilen zu. Grünhöker Orinipen. Von Hermann Claudius. Die folgende Erzählung entstammt dem in der „Kleinen Bücherei" des Albert Langen / Georg Müller Verlages in München erschienenen Bändchen „M ein Vetter Emil", in dem Hermann Claudius eine neue Auswahl feiner reizenden Geschichten von Kindheit und Jugend vereinigt hat. Der Dichter beging dieser Tage seinen 60. Geburtstag. In der Nachbarterrasse, man hieß sie kurz: die Eimsbüiieler, wohnte der Grünhöker Grimpen. Er wohnte am Ende der Häuserreihe, linker Hand im „Parterre", dort, wo der kleine Vorgarten wegen des Schaufensters verschwunden war. Das Schaufenster war zwar nur ein gewöhnliches Stubenfenster mit dem dicken hölzernen Fensterkreuz querüber, aber es standen dahinter, fchräg ausgestellt, Kisten mit Aepfeln ober Birnen oder Erdbeeren ober Kirschen — je nach der Jahreszeit. Tomaten und Bananen, die heute zu allen Zeiten verhandelt werden, gab es damals noch kaum, und Apfelsinen nur um Weihnachten herum. Sie waren immer sauer. Grünhöker Grimpen hatte eine vierräderige, grün gestrichene Karre und einen Hund Phylax. Phylax war schon alt und hatte an Regentagen eine Wachstuchbecke über dem Rücken. Der arme Köber lief aber oft auch an trockenen unb warmen Tagen damit herum: denn ber alte Grimpen vergaß es, sie ihm wieder abzunehmen. Mein Vater nannte deshalb den Hund den hundertjährigen Kalender. Sabber Grimpen war ein kleiner rundlicher Mann und „kochte leicht über". Wir Jungs wußten das wohl. Deshalb ärgerten wir ihn gern. Wenn er durch unsere Terrasse fuhr und mit seiner näselnden Stimme seifte Ware ausries: „Swatte Kasbeern! Dicke (matte Kasbeern! All föt un gesund, böttig Penn' bat Pund!" so traten wir an seine Karre und fragten scheinbar arglos nach dem Preis. „Hebbt ji verbreihten Bengels Wate in be Ohm?" sagte Sabber Grimpen spitz unb rief seinen Lex weiter. Salb daraus trat ein einzelner von uns an die Karre unb stellte dieselbe Frage. Sabber Grimpen hielt seinen Phylax zurück, sah den Jungen erstaunt an und sagte langsam: „Verstechst du würklich keen Plattbütsch?" Der Junge schüttelte den Kopf. „Wo is't möglich", meinte der Alte. „Dreizig Fennige", sagte er bann mit vorsichtiger Zunge. Der Junge lief fort — wie er angab, zu seiner Mutter. Bald aber war ein dritter da und fragte wieder nach dem Kirschenpreis. Das war nun schon einer von uns, der Bescheid wußte, denn nun wurde es ge« söhrlich. Sabber Grimpen hatte Lunte gerochen, gmg ganz langsam um [eine grüne Karre mit dem großen Haufen schwarzer Kirschen herum — unb wenn der Betreffende sich nicht schleunigst davonmachte, hatte er eine Ohrfeige weg, d.« gut gezielt war. Ja, ber Meine rundliche Mann vermochte so in Wut zu kommen, daß er mit schneller Hand mitten in die Kirschen hineingrisf und sie uns scheltend an die Köpfe wars. Grünhöker Grimpen hatte eine riesengroße Frau. Er reichte ihr kaum bis an die Schulter. Diese Frau hatte ein rotbackiges Gesicht, wasserblaue Augen und graues wirres Haar, durch das von vorn nach hinten eine knallblonde Strähne leuchtete. Diese riesige Frau besaß eine Bärenstimme. Sie hatte den Handel mit Kleinholz inne, um den ihr Mann sich nicht kümmerte. Sie kümmerten sich überhaupt wenig umeinander Mutter Grimpen zog allein mit ihrer schottischen Karre los, den Leberriemen über bie breite Schulter gelegt, und schmetterte ihren Rus, ber rettungslos bis in das geheimste Kämmerchen ber Häuser zu hören war, an benen sie vorbeikam: „,Dröges Fü—ü—ü—ü—ü—ü—ü— ü—r holt! Lüttholt! Ki—i—i—i—i—ienholt! — Föftia Stück for'n Grosch!" Auf die erste Silbe von Für- unb Kienholt setzte sie einen heiseren, dröhnenden Triller wie ein klagender alter Ziegenbock. Sobald ich Mudder Grimpen gehört hatte, war ich am Fenster oder auf der Straße. Nicht, weil ich etwas ausfressen wollte, oder weil die andern vielleicht etwas ausfressen konnten. Mutter Grimpen hatte damit keine Malesche. Wir hatten vor ihr Angst. Nein, ich stand nur und bestaunte ihre riesige Gestalt, die Dicke ihrer krebsroten Arme, die so dick waren wie mein ganzer Leib, ja: ihre unglaubhafte Hinterseite, bie, wenn die Riesin ging, im Takte Ihres Rufes unb Schrittes nach links und rechts schaukelte wie ein schlecht gerudertes Boot Unb selbst ihre Stimme war mir sonderbar. Ich mußte immer wieder zuhorchen, wenn es auch meinen Ohren fast weh tat. Hatte Mutter Grimpen Bestellung erhalten, so kam sie bald von ber Straße, wo sie ihre schwere Karre stehen ließ, mit den großen Säcken beloben zurück, einen Sack unterm Arm, den andern über der Schulter. Uha! sagten bie Jungs. Eines Samstags — es war Ende Mai ober Anfang Juni — kam Sabber Grimpen mit feiner stattlichen grünen Karre unb feinen steifbeinigen Phylax davor wieder durch unsere Terrasse. „Kasbeern! Dicke runne Kasbeern!" quäkte er vor sich hin. Die Karre war schon mehr als halb leer, unb er hoffte gewiß, sie zwiscken ber Doppelreihe unserer Häuser auszuverkauien, wie es öfters geschehen war. Die Frauen traten auch an die Karre heran, aber die Ware gefiel ihnen nicht recht. Frau Grunwald sah sie durch ihre Brille an unb meinte: „Die fahren Sie man weiter spazieren, die Ware, wenn's Ihnen Spaß tnacht." Frau Grunwald war fein unb sprach hochdeutsch. Unb Frau Winandi spuckte die Kirsche, die sie zur Probe in den Mund genommen hatte, sofort - wieder aus — obgleich das gar nicht zu Ihrem vornehmen Namen paßte unb sagte bloß: „Igitt!" Da zog Grünhöker Grimpen mit seinem unverkauften Rest wieder ab, denn es war mittlerweile bereits dämmerig geworden. Aber er plante seine Rache. Und diese Rache tarn schnell. Der nächste Morgen war also ber Sonntag. Es wohnten wohl nur kleine Leute in der Terrasse — ich will nicht arme Leute sagen — aber der Sonntagmorgen war itjnen allen auf ihre Art heilig. Es gab fein Kind, das nicht sein reines Hemd, feine reinen, saubergestopften Strümpfe, seine blankgeputzten Schuhe oder Stiefel, seinen autgebürste- ten Sonntagsrock fröhlich zur Schau trug. Die Kinder stolzierten schon in der frühen Morgenstunde die Terrasse auf unb ab. Besonders bie Mädchen prahlten mit ihren weißen, gestärkten Schürzen, mit ihren roten und rosa Haarschleifen. Die Väter lagen wohl schon in blitzsauberen weißen Hemdärmeln, die qualmende Pfeife im Munde, am offenen Fenster auf die Fensterbank gestützt und sahen dem Korso ihrer Nachkommenschaft zu, während die Mütter meistens in der Küche zu wirtschaften hatten. An einem solchen feierlichen und sauberen Sonntagmorgen kam Grünhöker Grimpen mit seiner Kirschenkarre, noch genau so voll, wie er gestern Abend damit abgeschoben war, in die Terrasse gerattert, — und der Rachegott schob hinternach. Bis in die Mitte der langen Häuserreihe fuhr Sabber Grimpen. Dort hielt er seinen Phylax zurück. Was rief seine quäkende Stimme, so laut sie's vermochte. Was schrie er, daß fein kleiner kugelrunder Kopf krebsrot anlief. „Kasbeern! Swatte hatte Kasbeern! Kost nicks! Hüt ts Sünnbag! Kost nicks! Langt man all to. Hemmer ran! Swatte hatte Kasbeern! Kost nicks! Hüt is Sünnbag!" Eine Spanne von einer halben Minute zögerten wir noch und witterten irgenbeine List bei dem Alien. Dann aber griff Willi Wellpott als erster mit beiden Händen in den Kirschenhaufen hinein. Mein Bruder Matten war der zweite, Korl Ebeling der dritte. Unb bann gab es kein Halten mehr. Jungs unb Mädels, kleine und große, umdrängten die Karre unb griffen wacker zu. Es war eine wirkliche Kirschenschlacht ausgebrochen. Es floß auch Blut: rotes Kirschenblut. Dunkelrotes Kirschenblut floß von ben Fingern unb Fäusten der Jungs und Mädels auf Rock und auf Kragen, auf Schärpe unb Schürze. Sergebens riefen bie Mütter, die von den Vätern erregt aus ben Küchen herangerufen waren, voll Schreckens aus den offenen Fenstern ober eilten auf di« Straße hinunter. Zu spät. Es war schon geschehen. Der stolze Sonntagsstaat ihrer Sprößlinge war dahin. Mit grimmem Lächeln zog Grünhöker Grimpen die schnell geleert« Karre eiligst zur Terrasse hinaus. Flüche gellten hinter ihm her. Der Rachegott saß mitten auf der Karre und strampelte vor Lust mit den Beinen. Die Kirschen waren alle mulschig unb schmeckten bitter. Ich warf si« schnell roieber zur Erbe. Und bie meisten machten es ebenso. Grünhöker Grimpen aber sahen wir lange Wochen nicht wieder. Mein Vater aber lachte und sagte: „Das Ist noch ein Serif" Verantwortlich: vr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Univerf itätsdruckerei V. Lange. Gießen.