SiehMrZainilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (958 Montag, den 21. März Nummer 25 HwzlmOW Aoman von ^ans-Äaspar von Zabeltitz dopycigl)f by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 9. Fortsetzung. Die Gedanken laufen im Kreis. Gegen Morgen schläft er ein. Aber bald ist er wieder hell wach. Sein Kopf ist benommen. Hastig steht er aus, geht in die Kaserne. Sie ist noch sonntäglich still. In der Kantine trinkt er eine Tasse Kaffee. Dann kreuzt er den langen, schmalen Kasernenhof, tritt in den Stall. Warm schlägt ihm die Lust entgegen. Die Pferde sind gerade abgefüttert, aus allen Ständen kommt das mahlende Geräusch der körnerkauenden Mäuler. Sonst ist kein Ton da: niemand spricht, niemand ruft, niemand will etwas. Breites Behagen lagert in diesem Raum. Bernd tritt neben seinen Braunen, er ist stolz auf ihn: Beberbecker Halbblut ist der Gaul, wundervoll glatt im Haar, ganz gleichmäßig in der Farbe, ein weißer Stern auf der Stirn ist sein einziges Abzeichen, eines der schönsten Pferde im Regiment. Er stört das Tier nicht im Fressen, er sieht zu, wie es ihm schmeckt, wie es sich mit der Schnauze den Hafer zusammenfegt, um das Maul voller zu bekommen. Fast neidet er ihm diesen Genuß der Sättigung. Die Krippe leert sich. Jetzt erst schnuppert der Braune ihn an, sucht nach dem Zucker, den er sonst stets mitbringt: „Hab' nichts da", sagt Bernd und klopft dem Pferd den Hals, „aber nun komm!" Er löst den Haken aus dem Ring, faßt in den Stallhalfter, dreht den Braunen um. Ein wenig Stroh rafft er vom Boden, wischt den schleimigen Schaum, der vom Fressen im Maul steht, ab, streift das Kopfzeug Über den schmalen, feinen Schädel und legt Kandare und Trense, die neben dem Stand hängen, ein. Ein Mann der Stallwache tritt hinzu, hilft ihm wortlos beim Satteln und fuhrt das Pferd hinaus. Bernd sitzt auf. Er ist innerlich ruhiger geworden im Stalldunst. Er hat wieder Fühlung mit feinem eigensten Leben. Er reitet durch die Scharnhorftstraße zum Tiergarten. Die Uhr der Gnadenkirche zeigt auf sieben. Kaum ein Mensch begegnet ihm. lleberall ist es sonntäglich still. Auch die Reitwege des Tiergartens find noch leer. Im schlanken Trab erreicht er den Bahnhof Zoo, aber er will weiter, will mehr Freiheit haben. Den Mittelweg des Kurfürstendamms nimmt er und ist bald an der Halenfer Brücke. Ein paar Straßenbahnen überholen ihn, sie haben nur wenige Fahrgäste. Weiter: am Bismarckdenkmal vorbei, an der Grunewaldkirche vorüber. Die großen Villen der Geldleute schlafen noch, nur hier und da steht ein Diener in gestreifter Jacke an einer Gartenpforte oder ein Mädchen im schwarzen Lüsterkleid trägt ein Milchkännchen sorgsam einem Hause zu. Die Herbstsonne scheint warm. Hinter Hundekehle setzt er sich im Sattel zurecht, nimmt den rechten Trensenzügel etwas heran, legt den rechten Schenkel hinter den Gurt. Sofort gehorcht der Braune, er ist immer voll Gehlust. Galopp. Bernd gibt sich ganz dem weichen Schwung der Bewegung hin. Als er zwei Stunden später — es ist nun nach zehn Uhr —, vom Rei' anzlerplatz kommend, über den neuen Reitweg der vor kurzem verl erten Bismarckstraße wieder den Tiergarten erreicht, ist er mit sich einig. Lore Schillings hat recht: er hatte zuviel Wellen. Es wird nun nur noch eine für ihn geben: die der Soldaten. Jetzt ist der Tiergarten nicht mehr leer. Biele Reiter sind auf allen Wegen: Herren und Damen, Zivil und Uniform. Ost muß Bernd grüßen. Er wählt nicht den kürzesten Heimweg, die Charlottenburger Chaussee hinunter, sondern biegt hinter dem Graben zum Neuen See rechts ein. Als er etwas später in der Nähe des Denkmals der Königin Luise einen Fuhgängerweg quert, wird er angerufen: „Herr von Wallnitz!" Er stutzt, er pariert durch, springt aus dem Sattel. Bor ihm steht — Irene Gräfin Czeh. Ihre Kinder hat sie an ihrer Seite, Alexandrine rechts und Günter links. Sie find groß geworden: Lexe sieht mit ihren fünfzehn Jahren wie eine richtige kleine Dame aus, und Günter schlägt die Hacken zusammen und reißt die Matrosenmütze vom Kopf, als wälle er zeigen, daß er gelernt hat, wie man einen preußischen Offizier begrüßt. Sie haben ihn nicht vergessen, den Leutnant Bernd von Wallnitz, der so viel bei der Mutter saß, ehe sie nach Waldhausen zogen. Aber Bernd sieht zuerst gar nicht die Kinder. Er sieht nur Irene. Er ist so überrascht, sie zu treffen, daß er sich für Augenblicke nicht zurechtfindet. Ein heißes Freuen steigt in ihm auf, das alle Gedanken, die ihn während seines Ritte» erfüllten, versinken läßt. Er beugt sich über ihre Hand. Aber dann will kein rechtes Gespräch zustande kommen: Fremde gehen dicht an ihnen vorbei, Reiter und Leiterinnen traben vorüber, der Beberbecker wird unruhig, er weiß, daß er auf dem Heimweg ist und drängt zum Stalle, es nutzt nichts, daß Günter ihm den Hals klopft und ihm begütigend zuspricht. So wechselten sie nur die üblichen Worte über das Woher und das Wohin. Als Bernd dann wieder im Sattel fitzt, sagt Irene: „Also, wir sehen uns bald, nicht wahr? Rufen Sie mich an. Meine Telephonnummer ist die gleiche geblieben." Er trabt davon, Lexe und Günter winken ihm nach. Der Gaul legt sich im Heimstreben aufs Gebiß und will immer wieder in Galopp fallen. Bernd muß achtgeben, sein Drängen einzu- fangen, er will ihn nicht mit nassem Haar in den Stall bringen. Endlich hat er ihn zum ruhigen Schritt gezwungen. Also: Irene Czeh ist wieder in Berlin. Bernd Wallnitz muß sich an diesen Gedanken erst gewöhnen. Daß es um Irene Czeh noch eine weitere Welt für ihn gibt, darüber ist er sich nicht klar. Auch wird ihm in den nächsten Wochen erst nach und nach bewußt, daß er Irene Czeh mit anderen Augen sieht als früher. Das weiche Schenken Hildes und die Liebe Lores haben feinen Blick für Frauen geschärft. So empfindet er als erstes, daß Irene Czeh älter geworden ist, ohne daran zu denken, daß auch er älter wurde. Er fühlt sich in ihrer Nähe noch immer beglückt, doch er vermißt an ihr etwas, für das er aber weder Namen noch Ausdruck findet, und etwas ebenso Unabgrenzbares in sich. Wenn er in den ersten Jahren nach Alexander Czehs Tode vor Irene saß, litt er um sie und mit ihr, er bewunderte die Kühle ihrer Witwenschaft, er liebte die Unnahbarkeit ihrer schwarzen Schleier und schwarzen Gewänder, er war von dem stets ein wenig müden Tonfall ihrer Stimme gefangen. Ihre Gespräche waren vom Alltag abgerückt, verspönnen gewesen im Düsteren oder Romantischen. Er findet sich jetzt nicht zurück in jenen Ton von einst. Wenn er damals vor ihr ging, sagte er gern Verse, die er liebte, leise vor sich selbst und für sich selbst her. Etwa Münchhausens „Ich bin der Page von Hochburgund und trage der Königin Schleppe". Er kennt diese Gedichte aurh heute noch, er versucht sie sich zu wiederholen, besonders das eine: „Ein Steinmetz saß vorm Königsschloß Und meißelte im Steine, Da trat zu ihm ohne Magd und Troß Die Königin, ganz alleine. V Sie sah im Stein ihr Angesicht Und fragte, was er triebe, Er sieht sie lange an und spricht: ,Jch meißle, was ich liebe'. Gar bald erklang vorm Königsthron, Mit wem die Königin kose. — Die Königin schmückt noch heut die Kron', Des Steinmetz Grab die Rose." Aber diese Verse haben nicht mehr den alten Klang. Er kann nicht mehr der Page sein, der unerfüllbare Wünsche eigentlich schmerzlos und doch wonnevoll leidend in sich,trägt. Gewiß: sie ist immer noch die Königin für ihn, um die es keine Wünsche gibt. Aber die herbe Kühle jener Tage ist nicht mehr um sie, sondern eine wunderbare strahlende frauliche Wärme, die ihn anlockt, die ihn begeistert und doch wieder fernhält, weil er für sie, ohne daß er es selbst weiß, noch zu jung ist. Da gibt es kein Wünschen und Fordern, kein einfaches Nehmen wie bei Hilde, da gibt er aber auch kein Niederzwingen von Trotz oder Ablehnen von Liebe wie bei Lore Seine innere Stellung zu Hilde verschiebt sich in dieser Zeit vollkommen. Er kann zu ihr nicht von Irene sprechen, wie er zu ihr von der Heimat, den Eltern oder von seiner Arbeit sprach: er kann von ihr aber auch nicht zu Irene gehen, er empfindet plötzlich als unrein, was ihm vorher etwas Selbstverständliches war, ein Recht junger Menschen. Sie sind noch zwei-, dreimal zusammen, aber diesen Stunden fehlt jede Frohheit, weil er auch nicht mehr den Anschein von Liebe für sie mitbringt; sie haben für ihn sogar etwas Qualvolles, denn er zwingt sich zu Minen, nur um Hilde nicht wehe zu tun; sie werden für ihn eine Pflicht der Dankbarkeit, aber sie haben nichts mehr von Rausch, nichts mehr von Erfüllung, sie sind schal. „Was ist mit dir?" fragt Hilde. Er macht Ausflüchte: feine Arbeit fein Dienst. Sie weiß: Arbeit und Dienst waren auch vorher da und spürt mit weiblichem Instinkt die andere Frau in seinem Leben. Sie denkt zuerst: es wird ein junges Mädchen sein, daß er heiraten will, und fragt ihn vorsichtig aus. Da zeigt ihr der Zufall eines Telephonanrufes, wer ihre Gegnerin ist, und nun begehrt sie plötzlich heiß auf. Don einer älteren Frau will sie sich Bernd nicht nehmen lassen. Aus ihrer erühafteren, gesunden Auffassung heraus vermutet sie ganz andere Bindungen zwischen Bernd und Irene, denn sie kann sich in sein pagenhaft-zögerndes Lieben nicht hineindenken. Als sie sagt, was sie zu wissen glaubt, ist Bernd ehrlich und tief empört; fein reinstes Bild wird ihm entgöttert. Der Bruch ist da. Aber diese Aussprache mit Hilde bringt chn auch dahin, daß er sich für Wochen nicht mehr ins Czehsche Haus wagt; er glaubt, Irenes unwürdig zu sein. Er vergräbt sich in seine Arbeiten, meidet alle Geselligkeit, meidet selbst die Kameraden. Heidcnberg fragt chn, wie Hilde chn frug: „Was ist denn eigentlich mit dir los, Bernd?" Er antwortet brüsk: „Laßt mich zufrieden, alle miteinander." In dieser Zeit innerer Zerfallenheit erhält er die Verlobungsangeige Lore Schillings mit jenem Doktor Frank, der am Abend des Zusammenpralls im Schillingsfchen Hause war. Er läuft in der Dämmerung dieses Tages rastlos durch den Tiergarten, macht sich Selbstvorwürfe: Ich trage die Schuld an dieser Verlobung, die ja ohne Liebe sein muß, sie wird, sie muß Lore ins Unglück bringen. Er sagt sich: Jetzt bin ich ganz allein: ich kann nicht mehr zu Irene Czeh, ich habe Hilde, ich habe Lore, ich habe die Freunde verloren. Alles hab« ich mir verschüttet. Er steht dann vor dem Czehschen Hause und sieht zu Irenes Fenstern hinauf, hat die Sehnsucht, mit ihr zu sprechen, ihr zu beichten, ihr rücksichtslos zu bekennen, was mit ihm war und was ihn quält. Aber der Mut fehlt ihm. Er kann auch nicht in sein« Wohnung zurück, denn er hat Angst vor seinen vier Wänden. So geht er in die Stadt und betrinkt sich sinnlos. Am nächsten Morgen kommt er zum erstenmal in seiner Offizierszeit zu spät zu seinem Dienst. Sein Kommandeur merkt, daß er getrunken hat, ein Zustand, den er an ihm nicht kennt. Er nimmt ihn nach Beendigung des Dienstes beiseite. „Sie gefallen mir in letzter Zeit gar nicht, Wallnitz. Ich habe Sie bisher als tadellosen Offizier geschätzt. Haben Sie Sorgen? Etwa Geldgeschichten? Sie wissen, ich bin nicht kleinlich. Wo drückt Sie der Schuh?" Bernd steht aufrecht, er schämt sich; er legt die Hand an den Helm, antwortet aber nichts. Der Kommandeur sieht ihn scharf an. „So seien Sie doch verständig, Wallnitz. Sprechen Sie sich frei. Kann ich Ihnen helfen?" — „Danke. Herr Oberst, nein" — „Menschenskind, seien Sie doch nicht so verstockt. Haben Sie sich überarbeitet? Ich weih. Sie büffeln wie toll für das Akademieexamen. Wollen Sie Urlaub hÄ>en? Wollen Sie ein paar Tage nach Hause fahren?" Einen Augenblick schwankt Bernd, die Heimat taucht vor ihm auf: Dapper. der Vater, die Mutter und Lotte; besonders aber die Mutter: mit ihr sprechen können, das wäre gut. Jedoch ein Gedanke zerstört das Bild: in Dapper liegt auch die Verlobungsanzeige, und der ganze Klatsch der Neumark wird um sie sein. So sagt er: ,Hch danke gehorsamst, Herr Oberst, ich komme schon so durch." Der Kommandeur reicht ihm die Hand. ,Zch will es hoffen, Wallnitz." Da kommt ihm die Hilfe, die er braucht und nach der er sich sehnt, von einer Seite, von der er sie am wenigsten vermutet. Irene Czeh, die nichts von seinen Kämpfen ahnt, ruft in seiner Wohnung an zu einer Stunde, in der er nicht zu Hause ist. Heidenberg nimmt das Gespräch entgegen und leitet es an Bernd weiter. „Gräfin Czeh laßt dich bitten, morgen nachmittag zu ihr zu kommen", berichtet er, „sie möchte etwas mit dir besprechen, ihres Jungen wegen, glaub' ich. Ich habe ihr gesagt, daß sie dich erwarten könne, du hast ja morgen keinen Dienst." Der Gang wird Bernd schwer, aber er muß ihn gehen; er will nicht absagen, weil er Irene nicht anlügen will. Als er in Irenes Wohnzimmer tritt, etwas zögernd, etwas befangen, kommt ihm Lexe entgegen. „Mutter ist noch nicht da", sagt sie, „aber sie wird bald hier sein. Sie hatte noch einen Gang in die Stadt zu machen. Ich soll sie vorläufig vertreten. Sie müssen also schon mit mir vorlieb nehmen, Herr von Wallnitz." Sie knickst, als sie ihm die Hand reicht, aber es ist nur noch eine Andeutung vom Beugen des Knies, nicht mehr das kindliche, mädchenhafte Versinken. Sie fordert ihn auf, Platz zu nehmen, sie bringt ihm die Taffe Tee, die sie an einem Nebentisch aus einem Samowar füllte, sie reicht ihm eine Schüssel mit Gebäck; alles sehr ruhig und sehr sicher. Er sieht ihr lächelnd zu. Was ist aus dem Mädchen geworden. Vor drei Jahren hat er noch neben ihr auf dem Teppich gelegen, um ihr die Bilder in den Zeitschriften zu erklären, die sie sich so gern anschaute, oder er hat mit ihr und Günter Eisenbahn gespielt, das Uhrwerk der Lokomotive aufgezogen und die Weichen gestellt. Er war: „Onkel Bernd", und nun ist er: „Herr von Wallnitz". „Ich danke schön, Lexe", sagt er. Es ist das erstemal, daß er mit ihr allein spricht, seit Czehs wieder in Berlin sind. Er weiß nicht recht: kann er noch „Du" zu ihr sagen? So umgeht er die Anrede: „Habt ihr euch schon eingewöhnt?" „Gewiß", antwortet sie, „es war ja nicht schwer, wir kannten ja alles." „Und was macht Günter?" „Sein Lehrer ist mit ihm hinten in seinem Zimmer, er muß stramm arbeiten. Er möchte natürlich lieber nach Waldhausen zurück zu seinen Pferden und zu den Dorsbengels, die er kommandieren konnte." Er will eigentlich fragen: „Und du?" Aber er formt den Satz um: „War es denn schön in Waldhaufen?" Sie schürzt die Lippen zu einem Flunsch, und nun hat ihr Gesicht wieder seinen kindlichen Ausdruck. „Och ja", antwortet sie, ,^>anz schön, bloß ein bißchen einsam." „Hattet ihr denn keinen Besuch?" „Nö." Ganz jung ist der Ton, und über ihn findet er wieder zu feinem alten „Du" zurück. „Hattest du denn keine Freundin dort?" Wieder sagt sie: „Nö." Damit versickert erst einmal das Gespräch. Er weiß Nicht, was er noch fragen soll. So trinkt er seine Tasse aus und bittet um eine zweite. Während sie zum Nebentisch geht, beobachtet er sie. Er sucht nach Aehnlichkeiten mit der Mutter, findet sie aber nicht. Lexe ist gedrungen, rundlicher, sie hat nichts von der schmalen Herbheit Irenes; sie ist auch dunkelhaarig. Sie setzt die Tasse vor ihn hin. „Bitte, Herr von Wallnitz." Er hält ihre Hand fest. „Weißt du, Lexe, wir wollen uns einigen: du sagst wieder ,Du‘ zu mir und,Onkel Bernd' wie früher." Sie wird rot. „Wenn Sie meinen?" „Wir sind doch alte Freunde, Lexe. Weißt du nicht mehr, wie wir hier zusammen auf dem Teppich lagen?" Und nun ist alles in Ordnung. Er erzählt von Dapper und sie von Waldhousen. Sie entsinnt sich genau, daß er dort war, als der Vater beigesetzt wurde, ja — sie hat ihn gesehen, als er vor der Gruft stand, und dann wieder, als er abfuhr. Ob er sich an den Pfarrer erinnere, der damals gesprochen hätte, den Pfarrer Müller. Der sei jetzt hier in Berlin an der Dreifaltigkeitskirche, und er würde sie nächste Ostern ein« segnen. Es kommt ein richtiges Plaudern zustande, und ihm wird wieder leicht ums Herz: die alte Czehsche Luft ist um ihn, klar und sauber. Dann kommt Irene von ihrem Stadtgang zurück; sie schallet, noch in der Tür stehend, das Licht ein. „Kinder, ihr sitzt ja im Dunkeln." Sie Sibt Bernd die Hand, küßt Lexe flüchtig die Stirn. „Na, habt ihr neue reundschaft geschlossen? Das ist recht. Verzeihen Sie, Bernd, es wurde später als ich dachte. Ich muß mich erst wieder an die Berliner Entfernungen gewöhnen. Ein Trubel ist in der Stadt!" Und zu Lexe: „Laß uns allein, Kind, ich habe mit Herrn von Wallnitz etwas zu besprechen." Lexe knickst und geht. Lange sitzen sie dann zusammen, auch noch nach dem Abendbrot, das sie gemeinsam mit den Kindern einnehmen. Günter ist groß für feine elf Jahre, fast so groß wie Lexe. Er hat - das drahtige Schlanke der Mutter geerbt und auch ihr schmales Gesicht, ihre tiefliegenden Augen und ihr helles Blond. Nur seine Stirn ist höher, fliegender, manchmal zieht er die Brauen zusammen, daß sich eine senkrechte Falle zwischen den Augen stellt. Bernd fühlt, daß eine bewußte Willenskraft in dem Jungen steckt. Sie sprechen vor und nach Tisch von den Kindern, nur von den Kindern. „Es ging nicht mehr mit ihnen in Waldhousen, mit beiden nicht mehr", sagt Irene. Sie will Günter ins Kadettenkorps stecken, dafür soll Bernd ihr die Anmeldepapiere beschaffen, deshalb bat sie ihn her. „Er muß in feste Hände kommen, ich kann ihn nicht regieren, und Hauslehrer können es erst recht nicht. Sie benehmen sich auf einem Schloß wie Waldhausen immer, als ob sie Hausangestellte wären. Jede Autorität ist so von vornherein untergraben, denn Kinder haben für so etwas ein sehr feines Gefühl. Das schlimmste aber ist: sie bekommen eine falsche Auffassung vom Leben." Sie erzählt, daß sie Günter eines Tages in Waldhausen am Parktor getroffen hätte, wie er einen älteren und auch körperlich größeren Dorfjungen geschlagen hätte. Scher dich zum TeufeU hätte er gerufen, hier habt ihr nichts zu suchen, hier sind wir die Herren, verstehst du! „Ich habe ihm nie ein Wort von Besitz oder Erbe gesprochen, Bernd, im Gegenteil, ich habe immer auf Bescheidenheit gehalten. Es steckt ihm eben im Blut, dieses Herrenbewußtsein." — „Ist das nicht etwas sehr Schönes?" — „Gewiß, aber es darf in solchem Bengel noch nicht hochschlagen und ihn auf großspurige Gedanken bringen. Erst soll er etwas leisten, erst einmal gehorchen lernen." — „Das wird er im Kadettenkorps. Aber leicht haben wird er es nicht, gerade er nicht. Ich fürchte, er wird sich aufbäumen gegen den Zwang.' — „Es wird ihm nichts schaden, ich habe mich au* bü*»» v*';;rr--> meine ganze Jurmd hindurch." Cndlich — es ist schon spät xuene auch »ach ihm, und er berichtet von feiner Arbeit. „So ernst Bernd?" sagte sie. „Jetzt schon so ernst? Wie alt sind Sie eigentlich? Sechsundzwanzig! Und dann schon: Kriegsakademie, Generalstab? Nehmen Sie's nur nicht zu schwer. Das Leben schenkt uns nichts an Freuden, was wir uns nicht selbst holen. Wissen Sie, was Sie jetzt müßten? Reisen, die Welt sehen. Sich den Wind draußen um die Ohren pfeifen kaffen. Wir Deutsche kleben viel zu eng an der Heimat, wir denken immer, es sei eine ganz große Sache, wenn wir die Nase einmal über die Grenze stecken, bis an den Vierwaldstätter See etwa oder bis Venedig. Hebers Meer mühten Sie jetzt, um zu sehen, daß da draußen auch Menschen wohnen, leben arbeiten; Menschen wie wir und doch anders, aber Menschen, von denen wir viel lernen können, mehr als aus den Büchern, die wir so schätzen. Wenn Günter so alt ist wie Sie jetzt, schicke ich ihn nach England..." Sie stockt einen Augenblick, hat ein Lächeln, das Bernd noch nie an ihr sah. „Ja, nach England", fährt sie bann fort. „Die Engländer haben den weiten Blick, haben auch das Herrenbewußtsein, aber es ist bei ihnen nicht trotzig und verbissen und abhängig von einem Schloß oder vom Geld, es wächst aus ihnen heraus, frei, natürlich." Es ist eine andere Irene Czeh, die so mit ihm spricht. In ihr ist keine Romantik mehr hinter Schleiern, von ihr geht ein warmes Strahlen aus, sie leuchtet klar. Nein, Bernd kann sich keine Pagengedichte mehr ouffagen, wenn er von ihr geht. — Am Abend vor feinem ersten Examenstag ist er wieder bei ihr. Er hat keine Examensangst, er weiß, er hat nach bestem Können seine Pflicht getan, deshalb fühlt er sich sicher. Aber ein wenig Unruhe ist ttotzdem in ihm. „Sie brauchen sich doch nicht zu fürchten, Bernd", sagt Irene. „Ein heller Kops wie Sie. Bloß nicht tüfteln, bloß nicht zu viel nachdenken. Jeder Sache fest ins Auge sehen und sie bann anpacken, und von vornherein davon überzeugt fein: so wie ich's mache, ist es richtig." Lexe steht neben der Mutter. ,Hch halte dir die Daumen, so fest." Sie zeigt ihm ihre beiden Fäuste mit den eingekniffenen Daumen. „Den ganzen Vormittag werde ich morgen so herumlaufen und die nächsten Tage auch." (Fortsetzung folgt.) Vorfrühling. Bon Josef Weinheber. Gestern fiel im Hügelland noch ein nasser Schnee. Und der Wald im Westen stand dämmrig im Geweh. In der Nacht, als alles schlief, kam der Wind mit Macht, daß der Jost ans Fenster lief, schreckhaft aufgewacht. Doch am Morgen war die Luft gläsern hell und klar, und den Zaun hin ging ein Dust wie von Mädchenhaar. Eine Sonne wasserdünn, aber gelb wie Wein, lieh das Zweigwerk knospig sprühn, blaue Schatten drein. Aus dem braunen Obstgeäst knorrig, wirr und greis, flammte plötzlich wie ein Fest pralles Birkenweiß. Eine Amsel, obenauf in der Nußbaumkron, probte ihren ersten Lauf, und es stimmte schon. Wie die Gret zum Brunnen schritt, ging die Stadeltür, und der Jost, der Häcksel schnitt, blickte her nach ihr. Ohne Wort ging sie vorbei, sah kaum sein Gesicht. Staunte bloß, was mit ihr sei, aber mußt es nicht. Kleine Liebe zu einem Vergessenen. Jean Paul zu seinem 175. Geburtslage am 21. März. Bon Walter Schwerdtseger. Du Kind, du Greis, du Kauz, Hanswurst und Engel, durchsichtiger Seraph, breiter Erdenbeugel, im Himmel Bürger und im Bayerland! Komm, laß an dein« reiche Brust mich (inten, komm, laß uns meinen, laß uns lachen, trinken, in Bier und Tränen mächtiger Kneipant! Friedrich Theodor Bischer an Jean Paul. Er ist ein Vergessener; wir wollen uns nicht darüber täuschen; wenn auch das Jean-Paul-Schrifttumsverzeichnis von 1925 eine ganze Bücherei auszählt. Wer wagt sich heute an die fiinsundsechzig Bände der Jean- Paul-Ausgabe, die doch nur einen Bruchteil seines Schassens umfaßt, an dieses „Kettengebirge der Arbeit"? Wer bringt heute die Sammmlung auf für Romane, die dicker sind als das Berliner Adreßbuch? Wer hat die Ausdauer, aus Sand und Geschiebe das Gold herausguwaschen? Jean P aul (Richter) hat geklagt, zu den Genies zu gehören, denen „vom Schicksal eine unförmliche Form auf gedrungen wird, wie dem Sokrates der Satyrleib". Er ist ein wenig Emporkömmling des Geistes, der nicht Maß zu halten versteht mit Wissen und Einfällen. „Wenn ich die kleinste Schleuse aufziehe", fo schrieb er von seiner Arbeit am .Titan, „fu schießt so viel Wasser zu, daß allezeit mehr Räder in Gang kommen und also mehr gemahlen wird, als ich wollte". Aber darf man Jean Paul nach klassischem Kanon messen, wie es Goethe mit seinem Epigramm auf den Chinesen in Rom getan hat? Der Zeitgenosse der Weimarer Dioskuren schrieb nicht, antiker Form sich nähernd, ,/iusgetrocknete Weisen ä la Grec"; er schrieb, in einem kleinen Rest des Fichtelgebirges vergraben, das Land der Deutschen nut der Seele suchend. Das reich verschlungene, mächtig ins Unendliche emporstrebende Kleinwerk dichterischer Spitzbogen, Krabben, Kreuzblumen und Wimperge ist durchaus gotisch, deutsch. Was dem kühlen Plastiker in Weimar als Auflösung der Form erschien — em Ver- dammungsurteil, das ohne Einspruch von vielen Literarhistorikern uver- nommen worden ist — das birgt eine machtvolle rhythmische Dynamik. Daß Jean Paul einer der reichsten deutschen Sprachschöpfer ist, wurde schon von den Brüdern Grimm anerkannt. Daß er nicht nur barocker Stoffanhäufer ist, sondern ein wirklicher Dichter, erweist fein Werk. Mir stillt eine Szene ein: wie bei dem Armenadvokaten Siebenkäs ein Stuck des Hausrats nach dem andern ins Leihhaus wandert, wie Lmette, die bescheidene, gehorsame, mit aller Kraft um ihren grillierten Kattunrock kämpft und gleichmütig dafür ihren Verlobungsstrauß opfert, wie Sie- benkäs spürt, daß in der Armut die Liebe stirbt: das ist wundervoll erzählt und doch nur ein Körnchen aus der Goldader der Kunst Jean Pauls. Er ist selber solch ein Armenadvokat gewesen. Den Bescheidenen, Bedrückten galt seine Liebe; ob er uns nun von dem sanften Leben und Sterben des Schulmeisterleins Maria Wuz erzählt oder — im Torso seines letzten Romans ,D e r K o m e t' — der armen, unscheinbaren Magd Regina Tanzberger die Leichenrede hält. Bon seinem eigenen Leben lesen wir in allen seinen Romanen; vom Leben der hungerleidenden Land' Pfarrer und Dorfschulmeister in der kargen Heimat. Die Selbstbeschreibung .Wahrheit aus meinem Leben' ist Bruchstück geblieben und umfaßt nur die Geschichte seiner Kindheit. Wir kennen Goethes Urteil aus den Gesprächen mit Eckermann: „Jean Paul hat .Wahrheit' aus seinem Leben geschrieben! Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könne, als daß der Autor ein Philister gewesen!" Betrachtet man diese zarteste der Jean-Paul- schen-Jdyllen als Tatsachenbericht, kann man wohl sagen: es sind dis kleinen Ereignisse aus einem armen Leben, das nichts von gediegener reichsstädtischer Bürgerlichkeit ist. Es sind Menschen wie Quintus Fix- lein, dem ein verstaubtes Rosenblatt das ganze Paradies des Sommers mit Sonne, Wind und Wolken hervorzaubert. Wir wollen darum auch nicht „an der chronologischen Seine" durch die Geschichte dieses Lebens gehen. Es ist nach dem frühen Tod des Vaters, der nur Schulden und viele Kinder hinterlieh, ein endloser „trojanischer Krieg mit der Armut". Aus Leipzig, wo Jean Paul das Futterkrippenstudium der Theologie bald aufgegeben hat, muß er in einem geborgten Mantel vor [einen Gläubigern flüchten, denn die Speisewirtin fragt den ewigen Kandidaten Richter jeden Mittag anzüglicher, ob denn das Goldschiff noch nicht angekommen fei. Aus Barmherzigkeit gibt man ihm eine Hauslehrerstelle, nachdem er sich wieder einen Zopf geflochten und das revolutionäre, offene Hemd ä la Hamlet wieder sittsam am Halse zugeknöpft hat. Der Erfolg des ,H e s p e r u s' gab ihm dis Freiheit wieder. „Ich werde jetzt nach der Manumiffion des Schicksals in meiner inneren Reichsunmittelbarkeit leben und sterben. Ich habe so viel zu schreiben, daß wenn ich im achtzigsten Jahre vom Schreibtisch aufstehe oder vielmehr umfalle, ich mich ärgern werde, daß mir der Tod aus der Schreibestunde des Lebens schon veniam exeundi gibt ..." Ein paar Jahre ist er der gelesenste deutsche Schriftsteller. Die Verleger reißen sich um seine Arbeiten und überschwengliche junge Damen um die spärlichen Locken seines Scheitels, ,haß ich ebensowohl von dem lebest, wollt« — wenn ich's verhandelte — was auf meiner Hirnschale wächst, als was unter ihr". Daß er aber nicht nur für schwärmerische junge Mädchen schrieb, die nur lasen, „um ein sentimentalisches Manna auf der Zunge zerfließen zu lassen", beweist die Reklame einer Tabakshandlung, die ihren Päckchen ein Bild Jean Pauls beilegte mit dem Bers: „Jean Paul, der Wahrheit Freund, Feind aller Laster, empfiehlt gewiß auch gerne diesen Knaster." Der Student Karl Sand — er stammte aus Jean Pauls Geburtsort Wunsiedel — der den Staatsrat Kotzebue erstach, hatte bei feiner Verhaftung Jean Pauls Schrift ,U e b e r Charlotte Eorday', die Mörderin Marats, bei sich. Er griff nach 1806 mit mehreren Schriften in die politische Diskussion ein, und wenn er auch zu den Ideen des Rheinbundes hinzuneigen schien, so war es doch nur, um von ihnen aus den Weg zur Einheit des Reiches von innen her zu finden. Und bann die „Erziehlehre" ,ß e o a n a‘, die Jean Paul fein „ernsthaftestes" Buch genannt hat. Bei Jean Paul, dem Idylliker, dem Satiriker, dem Mystiker, finden wir einen solchen Satz: „Damit der Mensch gut werde, braucht er ein lebenslanges Pädagogium, nämlich einen Staat. So lange unsere Regierungsform sich nicht so ändert, daß aus Sklaven Menschen, aus Egoisten Freunde des Vaterlandes werden, so lange uns nicht der Staat und der Ruhm darin ein Motiv wird groß zu handeln, so lange bleibt die Menschheit ein elender, niedriger, ängstlicher Schwarm." Ueberhaupt dürfen wir uns den Mann, dem junge Mädchen Koffer voll blumiger Briefe schrieben, nicht gar zu sehr als durchsichtigen Seraph vorstellen. Er ist ein Mystiker und säuft doch ganze Fässer Bayreuther Biers. Er schreibt tiefe ästhetische Betrachtungen, bei denen man zuweilen Nietzsche zu lesen glaubt, und bekennt in einem Briese, daß nicht nur der Geist, sondern auch der Körper, die Schreibfinger und der Hintern, an dem Werke mitgewirkt hätten. Ein schwedischer Besucher schildert ihn in den letzten Lebensjahren: „Eine Gestalt watschelt auf uns zu, die das Aussehen eines wohlhabenden Gastwirts hatte; feist und kahlscheitelig, einen alten grauen Ueberrock nachlässig über den stattlichen Bierbauch zugeknöpft, im übrigen ohne Halstuch und Weste, und offenstehend über der breiten, ziegelroten, behaarten Brust ... Ungeachtet all des physischen Gastwirtsäußern trägt sein Antlitz doch einen höchst geistreichen und gleichzeitig einen höchst herzlichen Ausdruck; die Stirn ist hoch und offen, die blauen Augen drücken Güte, Humor und Melancholie aus .. " Seltsam ist eine Stelle aus seinen Tagebüchern. Da schreibt er am 15. November 1790: „Wichtigster Abend meines Lebens, denn ich empfand den Gedanken des Todes ... Ich drängte mich vor mein künftiges Sterbebett durch dreißig Jahre hindurch, sah mich mit der hängenden Totenhand, mit dem eingestürzten Krankengesicht, hört« meine kämpfenden Phantasien in der letzten Nacht ... Euch, meine Mitbrüder, will ich mehr lieben, auch mehr Freude machen. Wie sollte ich auch in euren zwei Dezembertagen voll Leben quälen, ihr erbleichenden Bilder voll Erdenfarben im zitternden Widerschein des Lebens? Ich vergesse den 15. November nie!" 1825 liegt er in seinem kleinen, mit Buchern und Schriften vollgestopften Arbeitszimmer auf dem Kanapee am Ofen. Er ist blind. Auf dem Schreibtisch welken Blumen zwischen bunten Papieren, Federn, Krimskram und Bouteillen. Er hat den Schlafrock über den von Wassersucht aufgequollenen Leib gelegt. So stirbt er. Cs ist die Nacht zum 15.November. „ ,,, v , ... , v Vielleicht waren es die Worte feines .Abschieds, die er in das ewige Dunkel gesprochen hat. „Lebt also wohl! ... Ertragt Bücher und Menschen und euch! ... Und übrigens wünsche ich euch nichts als einen kalten, aber blauen Morgen des Lebens, worin keine Blume zugefchlossen bleibt, qeqen zehn Uhr hin eine Wolke voll warmer Regentropfen, in der Mit- tagshitze einen Seewind, nachmittags die Siesta des Lebens und ab'-nös eine sanfte Sonne und ein langes Abendrot hinter Nachtviolen, und irgend jemand in der Finsternis ..." a viel zu heiß, Morgens geht man ein bißchen ins Büro, sagt den chinesischen Angestellten, was sie arbeiten sollen und flüchtet dann schweißgebadet unter die häusliche Brause. Hier in den kleinen freund- lichen Wohnungen läßt es sich aushalten. Der Nachmittag wird zum größten Teil verschlafen, und erst am Abend wachen die Geister zu neuem Leben wieder auf. Die Europäerstadt von Saigon könnte man ebenso gut irgendwohin nach Sudfrankreich versetzen und sie würde kaum die Aufmerksamkeit der Umwelt erregen. Man schlürft hier wie dort seinen Kaffee in einem Heinen Straßenrestaurant und schaut den vorübergehenden Leuten zu. Man wohnt in etwas altmodischen Häuschen, und beim Dinner steht die unvermeidliche Flasche Rotwein auf dem weißgedeckten Tisch, Das ist Frankreich am anderen Ende der Welt, Ein kleines Theater befriedigt sogar ganz redlich die kulturellen Bedürfnisse der Einwohner. Zu sehen gibt cs in Saigon nichts. Der kümmerliche Zoologische Garten r.i dient teilte Erwähnung und die Chinesenoiertel bleiben sich schliczltch überall gleich, ob man sie in Peking, Hongkong oder Kanton sieh-, Im übrigen scheinen hier außer den Europäern fast nur Chinesen ?u , Die Einwanderung hält sogar noch an. Unser Schiff brachte tausend Kulis aus Hongkong. Aber die Ureinwohner des Landes müssen anderswo fein. Vielleicht drinnen im Dschungel! Die Urwald st raße. Zwei große Verkehrsstraßen gibt es in Jndochina. Die eine folgt oon der Hauptstadt Hanoi aus der Küste nach Süden bis Saigon. Die andere fuhrt von Saigon aus westlich quer durch die Kolonie bis an die siamesische Grenze. Auf dieser zweiten versehen ein paar Autos einen «ach Pnom Penh, der Hauptstadt des Urwaldstaates Kam- bodjcya. Em solches Postauto brachte auch uns aus Saigon heraus. 9ing es einige Stunden durch eine langweilige Reisland- > m„,* 5 un? In^3.[cb^ ^malen Fahrwegs, auf dem gerade genug ä! -l mar, um den Buffelkarren der Eingeborenen auszuweichen, zogen sich Wassergraben, hinter denen die Reisfelder begannen. Das Gelände wat eben und nur hm und wieder verdeckte Buschwerk die freie Sicht. bidtPen" bsS gebaute Land auf. Der Renauld brauste durch Se en ber^ Gt9rn6pUnfiUrd,6rin0 erstreckte sich der Urwald zu beiden iautWl ein paar Cingeborenenhütten auf. Die mm l o ld e n Ä h“ Kratze und begafften das Auto. Unendlich . dahinzuleben. Die europäische Zivilisation ist nicht zu innen getommen. Sie braust auf der Straße vorbei und läbt die 9hnenn tannMn '? if)rer gewohnten Lebensbahn, sie Gel ,u arm fianbler Jeinc Waren verkaufen, dazu sind großer Beliebtheit es läbt MS°w°rfenen Benzinkanister erfreuen sich n» Rnh . ßt sich so schon Mit ihnen Wasser tragen und hbfn ft- 8tem bln> ecnzigen Gegenstände der Europäerwelt, für welche diese Eingeborenen Verwendung haben. Um mehr ,u erwerbe^ Ate man arbeiten, und das haben sie schließlich nicht nötig. Bis jetzt läßt ihnen der liebe Herrgott jedenfall-- no* Koko-mUsse und Bananen in den Mund wachsen Die Mitreisenden in unserem Postauio sieden eine bunte Gesellschaft dar. Da ist ein kleiner französischer Missionar, der in Kambodscha die Eingeborenen bekehren will. Dann im rückwärtigen Abteil ein Rudel Chinesen, die aus wer weiß welchen Gründen ihren Wohnsitz nach Pnom Penh verlegen. Die interessanteste Persönlichkeit aber ist unzweifelhaft ein Mann rechts von mir, von dem mein Reisekamerad behauptet, daß er sich so den weißen Sultan von Sarawak vorstellt. Er war es aber nicht, sondern ein alter Jndochina-Franzose, der seit dreißig Jahren dafür sorgte, daß seine Firma genügend Teakholz aus dem Urwald bekam. Er war anders als die andern. Während hier der normale Mensch einen Tropenhelm trägt, hatte er einen weichen Filzhut auf dem Kopf. Eine Joppe trug er auch nicht, was in Cochinchina trotz der Hitze reichlich ungewöhnlich ist. Das weiße Hemd ließ Hals und Brust des Mannes frei und um den rotgebrannten Hals schlang sich ein kurzes grllngestreiftes Handtuch. Eine Zigarette nach der anderen steckte er in das hagere, scharfgeschnittene Gesicht. Der Europäer geht in den Tropen meist sehr sorgfältig gekleidet, daher berührte uns diese Erscheinung etwas seltsam. In Pnom Penh. An den Haltestellen in den Urwalddörfern schwang er sich regelmäßig mit einem kühnen Satz aus dem Fenster und blieb verschwunden, bis der Chauffeur ungeduldig zu hupen begann. Dann erschien er wieder und hielt ein Büschel Bananen, eine Papaya oder eine Kokosnuß in den Händen, deren Saft er vor unseren Augen aus der Schale austrank. Wir wurden gute Freunde mit ihm, und in seiner Mischung von gutem Französisch und schlechtem Englisch gab er uns nützliche Ratschläge. Er war Bretone und hatte trotz der langen Tropenjahre keineswegs das französische Temperament verloren. Die Rikschakulis in Pnom'Penh wagten es nicht, uns mit ihren Diensten zu belästigen, als sie sahen, daß wir unter seinem Schutz standen. Mit der größten Selbstverständlichkeit lud er sein und unser Gepäck auf eine einzige Rttschcih, und wir marschierten gemeinsam zu Fuß hinterdrein, Normalerweise hatten wir jetzt „Gesicht" verloren. Er aber schien sich das leisten zu können. Ohne daß wir ihn darum gebeten hätten, handelte er den an sich schon billigen Hotelpreis um einen Piaster herunter und besorgte uns ebenso selbstverständlich in einem chinesischen Restaurant ein „Nr, 1-Beesteak" (so nannte er es) für 20 Pfennig, Damit glaubte er uns Grünhörner vor Uebervorteilung bewahrt und verabschiedete sich, Pnom Penh ist die Residenzstadt des Königs von Kambodscha, Dieser Potentat herrscht über einen Urwald von der Größe Bayerns, Wieviele Menschen darin wohnen, weiß niemand genau. Trotzdem'ist er ein großer Herr Was tut es, daß ihm aus Paris ein „Berater" zur Seite gegeben wurde, dessen Rat er annehmen muß. Er hat ein Gehalt, um das ihn manrf)er beneiden könnte. Er bewohnt ein Schloß, das man ein asiatisches . 5 nennen möchte, und er besitzt einen Juwelenschatz, der jeden indischen Maharadfchah in Entzücken versetzen würde. Wir geben durch seinen Xijronfaaf, bet mit ®olb überlaben ift. An ber Schatzkammer zeigt man uns Kostbarkeiten, wie mir sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen tyaben. Den grössten (Einbrucf macht aus uns aber eine schwarze, euro- pasche. „Melone", wie man sie zum Gehrock trägt. Dies wäre an sich Äinid’™.r,^nen5roert' iedoch hatte diese edle Kopfbedeckung auf ihrer höchsten Wölbung eine kleine goldene Spitzkrone siamesischen Stiles und an der Seite noch einmal eine diamantenbesetzte Goldbrosche. Der Urwald- konig hat also für sich wohl die Synthese zwischen Ost und West gesunden. Das Haus der hohen Götter. Zwei arglose Weltenbummler fahren 600 Kilometer durch den Urwald und wissen nicht viel mehr, als daß dort irgendwo am Ende der Straße ein paar Ruinen im Dschungel verborgen sind. Da steht man dann eines Tages vor einem mit Lotos bedeckten Wassergraben, und hinter einer grauen Wand, die fein Ende zu haben scheint, recken die fünf Türme non Ang kor Bat ihre steinernen Keile in den Himmel. Man traut feinen 4ugen nicht. Die Morgensonne wirft ihre Strahlen auf die grauen Huppeln, o°n öenen man nicht abfchätzen kann, wie hoch sie sind. Wer sind die Menschen, die diese steinernen Wunder hier aufgerichtet haben? Jhemano weiß es genau, niemand kennt den Baumeister des Urwalds. Bor tausend Jahren soll hier ein Volksstamm gewohnt haben, den sie Khmer genannt haben. Die Gelehrten wissen nicht mehr von ihnen, cis