GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 2l. Februar Nummer (5 Herz Im HW Noman von Hans-Easpar von Zobeltitz Copyrlghl by Deutsche Derlags-Anskkilt, 4tutlgnrt 1 Fortsetzung. Der General von Lassow nimmt ihn mit in den Wagen, der für ihn gesondert von Waldhausen geschickt wurde. Es ist eine lange Kolonne von Fuhrwerken aller Art, die Freiburg verläßt: die Nachbargüter und die Bauern haben aushelfen müssen, denn den Wagenbedars, der heute notwendig ist, kann selbst ein Besitz wie Waldhausen nicht allein beetem Als sie aus der Stadt heraus sind, wenden die Gefährte nach Nord- weiten zu. Die Straße beginnt zu steigen. Links baut sich das Gebirge aus, zur Rechten sieht man in die Ebene. Bier, fünf Kilometer fahren sie schweigend, dann, als sie aus eine Höhe kommen, zieht der General einen kleinen gezeichneten Plan aus der Tasche. Er sieht ins Gelände, sieht auf die Karte, vergleicht. Dann zeigt er ins Tal hinab. „Historischer Grund und Boden", sagt er. „Da der Flecken mit der weißen Kirche ist Hohensriedeberg, dort das Dorf — Kauder. Oestlich der beiden Orte rollte die Schlacht ab." Er wird lebhaft und lebhafter, er steht im Wagen aus, sucht Punkte in der Landschaft, findet sie. Er spricht ohne Pause, als ob er einen Bortrag hielte, spricht halb zu sich, halb zu Wallnitz, fragt zwischen den Sätzen den Kutscher nach Ortsnamen. Vor Wallnitz steigt das Gemälde der fritzischen Schlacht aus. Erst die Reiterkämpse auf beiden Flügeln, morgens zwischen fünf und sechs. Die Sachsen werden geworfen und auch die Oesterreicher. „Gegen sie brachte Rieten die Entscheidung. Er kam im rechten Augenblick, erkannte die rechte Stelle des Einsatzes, er hatte sich seinen Weg und sein Ziel selost gesucht." Gegen sieben stoßen die Jnsanteriekolonnen auseinander, die Sachsen weichen, auch den Oesterreichern gegenüber sind die Preußen im Borteil, aber sie zögern, sie stehen frontal gegen den Feind, die Verluste sind groß. Da ... Wieder springt der General auf und zeigt ins Gelände „Sehen Sie, Wallnitz, das da hinten muß Thomaswaldau fein, und die Höhe dort hinter dem Dorf deckte das Dragoner-Regiment Bayreuth. Der Generalleutnant von Gehler ist beim Regiment. Er und der Oberst von Schwerin erkennen eine Lücke zwischen der Infanterie der Brigaden Braunschweig und Miinchow, sie erkennen mehr, sie erkennen, daß ihr Augenblick gekommen ist, sie lassen ihre zehn Schwadronen ausmarschieren sie reiten an, weit vor der Front Geßler, der General, hinter ihm Schwerin, der Oberst und Regimentskommandeur, dann in dritter Reihe die Majore von Jürgas und von Chazot und dahinter fünfzehnhunderl preußische Reiter. Ein wunderbares Bild. Sehen Sie, Wallnitz — da, jetzt kommen sie auf die Höhe, es ist kurz vor neun Uhr. Signale ertönen, die wilde Jagd geht los, bricht ein in die österreichische Infanterie, rennt das Regiment Thüngen nieder, prescht durch bis zur zweiten Linie, überrumpelt die Regimenter Daun und Kolowrat, Die da links von Thomaswaldau an dem Wäldchen standen, saßt, was noch hält, im Rücken und rollt den Rest von hinten auf. Die Kerle, die Dragoner, sind vom Siegestaumel befallen, sie denken nicht mehr an Kugeln die sie treffen könnten, sie reiten nur vorwärts, vorwärts und hauen drein, sie raffen Fahnen auf, nehmen Offiziere gefangen, reiten weiter, hauen das nächste Regiment über den Haufen. Die Oesterreicher faßt die Panik, sie denken, der Teufel sei über sie gekommen, sie fliehen, sie reißen aus. Die preußische Infanterie steht staunend, sie vergiß^ einfach das Vorgehen. Die ganze Attacke ist in eine Riesenwolke von «taub und Pulverdamps gehüllt. Als die sich lichtet, ist der Feind verschwunden, die Höhe dort hinab, dem schützenden Gebirge zu. Nur das Regiment Bayreuth ist da, das herrliche Regiment Bayreuth. Sechsundsechzig Fahnen hat es erbeutet, zweitausendfünfhundert (Befangene gemacht. Um neun ist die Schlacht gewonnen, um fünf Uhr begann sie. Ein Sieg in vier Stunden." _ ... £ . Der General läßt sich auf seinen Sitz zurückfallen. Er ist etwas außer Alcm, aber seine Augen leuchten. „Wunderbar", sagt er, und bann: , Wir werden länger brauchen im nächsten Krieg, verflucht viel länger, und mit den Attacken wird es wohl auch nichts mehr sein." Der Wagen biegt links ab, der Weg wird steiler, geht im Tal bergan. „Sehen Sie, Kriegsgeschichte im Gelände, das ist das Wahre. Ich war awt) noch nicht' hier. Aber ich habe mir gestern die Karte vorgenoinmen und' das Generalstabswerk vom Zweiten Schlesischen Krieg. Das muß man immer tun, wenn man irgendwo hinreist. 3n jedem Winkel Deutschlands sind Schlachten geschlagen worden, aus denen man lernen kann. Gan; gleichgültig, wann sie waren und ob sie mit der Pike oder mit dem Gewehr ausgefochten wurden. Die Grundregeln blieben stets die gleichen. Da unten bei Hohenfriedeberg entschied zweimal die Entschlußkraft eines Unterführers. Einmal hieß er Zielen, einmal Geßler. Zögern ist stets falsch, Zupacken richtig." Das Tal weitet sich, ein Dorf liegt da und über ihm am Berghang ein alter Herrensitz. Burgmauern umfassen das Haupthaus, und ein halb- zerfallener Turm überragt den einen Flügel des Schlosses. „Das ist Waldhausen", sagt General von Lassow und faltet feinen Plan zusammen. „Gleich sind wir da. Vorher noch eins, junger Herr, weil Sie so gut zuhören können. Ich sagte vorhin: lernen. Merken Sie sich das Wort. Lernen, lernen und wieder lernen, das ist das A und das O in unserem Beruf. Und das Schönste in ihm ist, daß das Lernen nie aufhört. Mit jeder höheren Charge eine andere Stellung, mit jeder höheren Stellung einen anderen Befehlsbereich und andere Aufgaben. Immer muß man sich neu einpaffen. Immer ist es anders, als man glaubte. Und eigentlich immer besser, immer schöner. Karriere machen heißt bei uns, schnell zu neuen Pflichten kommen. Lernen, Wallnitz. Die Kriegsgeschichte ist unermeßlich groß und fast unausschöpfbar. Sie ist das Buch der soldatischen Praxis, in das wir uns vertiefen müssen, damit wir im Frieden keine Theoretiker werden." Die Dorsstraße öffnet sich. Der Wagen hält dicht bei der Kirche. Lassow gibt dem Leutnant die Hand. „Es hat mich gefreut. Sie kennenzulernen." „Gehorsamsten Dank, Herr General." „Nichts zu danken." Er legt grüßend die Hand an den Helm und geht zu einer Gruppe älterer Offiziere, die ihn erwarten. Der Sarg, der die irdischen Reste des Rittmeisters Alexander Graf Czeh-Waldhausen birgt, ist in der Dorfkirche vor dem 2l!tar aufgebahrt. Als Irene die Kirche betritt, erhebt sich die Trauergemeinde. Irene geht sehr aufrecht durch die ganze Länge des Schiffes, jeder Schritt ist fest und sicher Sie trägt den Kopf hoch: von der weißen Wiiwenschnebbe fällt der schwarze dichte Schleier herab, deckt ihr Gesicht, deckt ihre Schultern, nur ihr blondes Haar leuchtet durch das dichte Gewebe. Zu ihren beiden Seiten gehen ihre Kinder, zu ihrer Rechten Günter Czeh, der jetzt Herr auf Waldhausen, Prichterdorf, Eilgut, Merzbach und auf den böhmischen Gütern Körlitz, Freiershaus, Mollmig und Wellersberg ist, zu ihrer Linken Alexandrine Czeh: das Haar des Jungen ist blond wie das der Mutter, es ist soldatisch kurz geschnitten und scharf gescheitelt; das Haar des Mädchens ist dunkel, wie das des Vaters war, zwei streng geflochtene lange Zöpfe hängen im Genick. Die Kindergesichter sind blaß, sie scheinen fast weiß neben dem stumpfen Schwarz, "in das die Gräfin Czeh gehüllt ist. Die Füße der Kinder schreiten in gleichmäßigem Takt, sie halten den Rhythmus, den die Schritte der Mutter angeben. Die Kinder gehen allein, die Mutterhand führt sie nicht. Irenes Blick ist starr geradeaus gerichtet, er haftet am Sarg, er haftet an dem Pfarrer, der zu Häupten des Sarges wartend steht, auch er aufrecht, starr und streng in feinem schwarzen Talar, das weiße Bäfschen am Halse. Peter Müller heißt der Seelsorger der Gemeinde Waldhausen, er ist erst seit zwei Jahren hier beamtet; er kennt diese Gräfin Czeh kaum, die jetzt auf ihn zuschreitet; er kannte auch den Grafen wenig, dessen Seele er jetzt Gott befehlen soll, auch die Mutier des Verstorbenen, die der Witwe folgt, ist ihm fast fremd, sie ist eine geborene Prinzessin Szolnoky, ist katholisch, und ihre Heimat liegt in Ungarn, sie hat, obgleich ihr ständiger Wohnsitz das Schloß über dem Dorf ist, keine Fühlung mit ihm ausgenommen; sie fährt Sonntag für Sonntag hinunter nach Freiburg um dort das Hochamt zu hören. Er weiß, der Herr im Frack, der sie führt, ist der Graf Claus Czeh auf Rieben und Wustrau, ein Oheim des Verstorbenen, ein Junggeselle und Einsiedler, dem der Rus eines strengen Herrn und Geizhalses nachgeht. Alle anderen, die als nähere Verwandtschaft jetzt mit in die Kirche schreiten, sieht er zum erstenmal. Das Schloß ist ein einsames Haus gewesen in den letzten Jahren, und es wird wohl still und einsam bleiben. Das Herz des Pfarrers ist bedrückt, ihm ist kalt. Er wurde lieber einen seiner Bauern oder einen Taglöhner vom Gut beerdigen, einen Menschen, den er gekannt hat, bann könnte er zu seiner Gemeinde sprechen. Seine Gemeinde ist heute nicht zur Stelle; für die Bauern, die Taglöhner, die Knechte war kein Platz in der kleinen Kirche, sie stehen draußen vor den Türen. Nur auf dem Chor sind ihre Kinder versammelt, sie werden singen: „Befiehl du deine Wege...", und der Lehrer wird den Taktstock dazu schwingen. , . Der Pfarrer Peter Müller hat sich seine Predigt genau jureditgelegt, Wort für Wort hat er sie sich abgerungen. ®r hat gestern mit der Witwe gesprochen, aber es ist ihm dabei nicht leichter ums Herz geworden, er hat Trost spenden wollen, aber er hat diese Gabe für sich behalten muffen, weil die Frau ihm gegenüber keinen Trost zu brauchen schien; es war ihm, als ob sie schon abgeschlossen hätte mit Schicksal und schmerz; sie und das über in deine Händel im Anfang nur das den Herren die Knechte glänzt, und und schwebt Kreis um ihn und fein Damen drängen sich die Mäcftie. Die Mai sonne scheint, Pfeicki gebildet, und hinter Bauern und Bäuerinnen, das Haar Günter Czehs leuchtet. den Lauschenden. „So befehle ich diesen Verstorbenen und dann: „Wir wollen beten." Irene Czeh senkt das Haupt, laut spricht sie das Vaterunser mit, Bitte für Bitte, als ob sie jede einzelne einprägen mühte in ihr Hirn, für immer. Der Segen verhallt. Draußen krachen die drei Salven, die jedem Soldaten über das Grab nachgcsandt werden; die Czehschen Förster blasen auf ihren Waldhörnern ,Äagd aus", und die Kapelle spielt ,,3d) hatt' einen Kameraden"; so ist es Krieger- und Jägerart. (Fortsetzung folgt.) glatt« Fell des Fohlens Die Stimme des Pfarrers dringt aus der Gruft er steht unmittelbar vor dem Eingang und hält noch immer das Fohlen am Halfter, er, der jetzt Herr hier ist, ohne es zu wissen. Er sicht sehr allein, all die verschleierten Frauen haben einen vielreihigen weiteit und war nicht abweisend, sie war nicht hart, doch sie war fremd, war wie I aus einer andern Welt. „Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer", jagte sie, „ich habe schon mit meinem Gott geredet. Ich glaube an ihn, wenn er mir auch ein harter Gott war. Es ist nicht immer leicht, zu ihm zu beten, aber ich habe es meine Kinder gelehrt und werde es ihnen weiter lehren. Sprechen Sie morgen nicht von nur, sprechen Sie auch nicht von den Kindern." Sie war aufgestanden, an eines der Fenster getreten, die aus dem Schlahraum in den Park hinaussehen, hatte in das Grün der alten hohen Bäume und die Helle der Maisonne geblickt, als ob sie sich sammeln müsse. Dann hatte sie sich ihm wieder zugewandt; härter, fester war sie geworden. „Und nun wollen Sie etwas von meinem Mann wissen für Ihre Predigt, Herr Pfarrer. Alexander war edel und gut als Mensch und als Vater. Er war ein Soldat, ein Reiter und ein Landwirt. Er liebte seinen König und seinen Beruf. Er hat nie eine Pflicht versäumt, die von ihm gefordert wurde. Er stand zu feinem Gott, wie ein Offizier zu dem Gott stehen muh, der feinen Allerhöchsten Herrn auf den Thron gesetzt und den er zum Zeugen in feinem Fahneneid angerufen hat. Alexanders Gott war ein Soldatengott, dem man gehorsam zu sein hat. Und vergessen Sie eines nicht: Graf Alexander Czeh liebte seine Heimat. Er wäre gern öfter in Waldhäusen gewesen, nicht nur zu den Jagden und um mit den Beamten zu rechnen, er hätte wohl am liebsten ganz hier gelebt. Wenn er es nicht tat, so liegt wohl der größte Teil der Schuld bei mir. Weil mir dies Schlesien sremd war, fremd ist. Aber er konnte sich auch nicht von feinem Dienst trennen und nicht von seinen Pferden und seiner Leidenschaft, Rennen zu reiten. Vielleicht suchte er in all dem einen Ersatz für die Heimat. Er ist einen Reitertod gestorben, und das ist fast ein Soldatentod." Der Pfarrer Peter Müller hat die halbe Nacht über feiner Predigt gefeffen und gegrübelt. Ihm war, als ob er nur Steine in den Händen hielte, und er hat gebetet: „Herr Gott, gib mir Brot." So steht er jetzt hinter dem Sarg und fürchtet sich fast vor seinen eigenen Worten. Ihm gegenüber sind Uniformen über Uniformen aufgebaut, eine Trauerparade scheint es ihm, aber keine Trauergemeinde. Es ist kalt in dieser Kirche. — Irene Czeh tritt vor den Stuhl, der ihr zukommt, rechts neben sich hat sie ihren Sohn, links ihre Tochter. Sie wartet, bis ihre Schwiegermutter und Onkel Claus auf der andern Seite des Ganges angelangt find und gleichfalls vor ihren Stühlen stehen. Dann setzt sie sich, und mit ihr setzt sich die ganze Traueroersammlung. Ein Rauschen geht durch das Gotteshaus, Säbel schlagen gegen das Holz der Bänke, Sporen klirren, Stiefel scharren; fast wird der Ton der Orgel fortgewischt. Endlich ist es ruhig. Der Kinderchor fetzt ein. „... wer Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann." Sechs Garde-Kürassiere, den Adlerhelm aus dem Kopf, stehen zu feiten des Sarges und sechs Czehsche Förster in ihren grünen Röcken; und hinter dem Sarge stehen wieder Kürassiere und wieder Förster. Die Kriegervereine haben Fahnen geschickt, vier Fahnen, zwei zur Rechten des Pfarrers und zwei zur Linken. Die Fahnenträger und die Begleiter sind Bauern der Umgegend mit kantigen verwetterten Gesichtern, sie haben ihre schwarzen Sonntagsröcke an, über die sie breite, bunte Schärpen tagten, und behalten, wie es Sitte ist, wenn man eine Fahne trägt, auch hier am Altar ihre altmodischen Zylinderhüte auf. Drei tragen das Eiserne Kreuz von 1870 an der Ordensschnalle, die werden hochangesehen fein in ihrem Verein, denn das Eiserne Kreuz gilt viel in Preußen, es bedeutet: Kampf, Sieg, gewonnenen Krieg, es heißt: Vionville oder Saint Privat, Sedan oder Paris; die Kaiserproklamation von Versailles steht hinter ihm und der alte Herr in seinem weißen Vollbart, Wuhelm der Erste. Irene Czeh sieht das alles durch ihren Schleier, sie sieht auch die Blumen, die Kränze auf dem Sarg. Ganz dicht vor ihr liegt eine weiße große Schleife, sie ist sorgfältig ausgebreitet, damit jeder sie erkennen kann. Auf dem rechten Band ist ein W eingeprägt, auf dem linken stehen verschlungen die Buchstaben A und V, und über beiden Initialen schwebt die Kaiserkrone. Irene weiß es schon seit gestern: aus Potsdam wurde der Kranz geschickt, die Allerhöchsten Herrschaften haben des Toten gedacht — und wohl auch ihrer, der Witwe. Sie weiß auch, was die denken, die jetzt die Zeichen auf der Schleife lesen: natürlich, der Kaiser hat kondoliert, wie es zu erwarten war, er hat doch vor Jahren diese Ehe gestiftet; er stiftet ja gern Ehen, er will schöne Paare an seinem Hose haben, und Alexander Czeh und Irene Ellsleben waren eines der schönsten. Eigentlich hat diese Irene Freiin von Ellsleben ein ungeheures Glück gehabt, sie war nichts wie eine kleine elternlose Hofdame, ehe sie Alexander Czeh heiratete, und nun fiel der Riejenbesitz an ihren Sohn, und sie hat den Nießbrauch. Sie ist dreißig, ist immer noch eine blendend schöne Frau, sie wird bald wieder heiraten, denn sie ist jetzt, wie man es nennt, eine gute Partie. Der Klatsch wird auch in dieser Stunde in den Hirnen nicht schweigen. Irene kennt diese Menschen und ihre Gedanken. Der Psarrer spricht. Seine Worte gehen an Irenes Ohren vorüber, aber sie treffen Bernd Wallnitz. Er steht seitlich im Kirchenschiff an der Wand unter der Empore; er lehnt sich nicht an, denn die Mauer ist weiß getüncht und scheint feucht; das könnte Flecke geben, er muh seinen besten Waffenrock sehr schonen. Der Pfarrer spricht gut, seine Stimme ist voll und wird mit jedem Satz wärmer. Schon der Spruch, den er seiner Predigt unterlegt hat, gefällt Wallnitz: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den der Kraft, der Liebe und der Zucht." Er hört i f Soldatische aus den Worten heraus: keine Furcht, aber Kraft und Zucht. ab, folgen nicht mehr dem, was der Pfarrer spricht, formen sich selbst ihren Text: Aber die Liebe ist die größte unter ihnen. — Von der Kirche wird der Sarg hinauf zum Schloß getragen. Die toten Grafen Czeh ruhen nicht unter ihren Bauern auf dem Dorffriedhof wie die toten Wallnitze auf Dapper; sie haben ihre Familiengruft oben an der alten Burgmauer. Fast hundert Särge mit den Czehschen Wappen stehen in dem großen Gewölbe, und der älteste zeigt die Jahreszahl 1410. Langsam steigt der Zug bergan. Die Breslauer Kürassiere haben ihre Regimentsmusik zur Verfügung gestellt, sie marschiert an der Spitze und bläst den Chopinschen Trauermarsch. Die sechs Garde-Kürassiere und die sechs Förster, die vorher neben dem Sarg standen, lösen sich im Tragen ab. Alle hundert oder hundertfünfzig Schritt stellen sie die Last nieder, der Zug hält für wenige Augenblicke, die schweren Griffe poltern mit hohlem Klang an das Holz und knirschen, wenn sie wieder angehoben werden. Dem Sarg unmittelbar folgt allein der Pfarrer Peter Müller. Er hat die Witwe auf diesem schweren Weg sühren wollen, aber sie hat diesen Dienst mit einer einzigen Bewegung des Kopfes abgelehnt und wieder ihre Kinder neben sich genommen. Zuerst denkt Irene: Vor zehn Jahren ging ich den gleichen Weg hinauf als Braut, mein Arm ruhte in Alexanders Arm, wie es Vorschrift ist. Alexander sprach kein Wort von der Kirche bis zum Schloß. Fast die gleichen Menschen wie heute schritten hinter uns her, und der Kaiser hatte einen Flügeladjutanten entsandt, heute schickt er einen Kranz. Dann sollt ihr ein: der Pfarrer hat ja zum Schluß der Feier kein Vaterunser gesprochen. Kein Vaterunser, wie ist es möglich? Es fehlt ihr, sie verlangt nach diesem Gebet, das der stärkste Ausdruck ihres Glaubens ist, vielleicht der einzige; sie Hai, zum erstenmal in diesen Tagen, den Wunsch nach Halt und Trost, im Vaterunser muß sie ihn finden. Sie bewegt die Lippen, sie formt lautlos die Worte: „... geheiligt werde dein Name, dein Reich komme .." Aber dann versagt ihr Gedächtnis, die Bitten gehen durcheinander, sie müht sich, sie zu ordnen: „vergib uns unsere Schuld — führe uns nicht in Versuchung ..." Das Nicht-Wissen, Nicht-Können schmerzt sie, Scham steigt in ihr auf. Wenn ich jetzt das Kind neben mir, wenn ich jetzt Lexe fragte, sie würde die Bitten ohne Stocken hersagen, und selbst Günter, der kleine Günter, würde sie wissen. Von mir haben sie ihr Vaterunser gelernt, und ich kann es nicht mehr. Sie versucht von neuem: „Unser täglich Brot gib uns heute und ..." Ein Fohlen kommt dem Zuge entgegen. Die Knecht« müssen das Tor der Koppel nicht gut geschlossen haben, bevor sie zur Feier ins Dorf hinabstiegen, so konnte das Tier ausbrechen. Es ist gar nicht scheu, es läuft an der Musik vorbei, verhält, als der Sarg kommt, hebt den Kopf, fchnubbert, als finge es den Duft der welkenden Kränze ein. Einer der Förster will es am Halfter greifen, doch es weicht mit einem ungelenken jungen Sprunge aus, es hat feine überlangen Beine noch nicht ganz in der Gewalt. Der Sarg wird an ihm vorübergetragen, da macht es einige Trabschritte, setzt sich hinter ihn, dicht neben den Pfarrer Peter Müller, und folgt nun ganz ruhig. Es ist ein dunkelbraunes । Vollblutfohlen, dunkelbraun, wie der Grenadier war, mit dem Alexander ! Czeh stürzte. Günter löst sich von der Seite der Mutter, er eilt die I wenigen Meter vor, reckt sich und faßt in das Leder des Halfters. Das Tier wehrt sich nicht, es schiebt feinen Kops Günter zu und reibt die Nüstern an feiner Schulter. Irene sieht den Sohn und das Pferd. Sie fühlt, ihre Augen werden feucht, Tränen fammeln sich an den Lidern und werden schwerer und schwerer, sie fallen herab und fangen sich im weichen Gewebe des Witwenschleiers. — Das Tor der Grast öffnet sich nach dem Park zu; ein« Girlande aus jungem Eichengrün ist um die Eingangspfosten geschlungen, Eichen- grün ist auch auf den Steinboden gestreut; von zwei schweren hohen Kandelabern leuchten Kerzen, ihre gelbroten Flammen flackern im Windzug, der durch das Gewölbe streicht. An den Wänden stehen die Särge, in denen die ausruhen, die einst Herren und Herrinnen auf Waähausen waren; man hat ihre Särge zum Teil aufe'manbergetürmt: die alten Generationen mußten Platz machen für die jüngeren. Es ist hier im Tode nicht anders, als es vordem im Leben war. Die Träger wissen Bescheid: Graf Alexander Czehs letzte Statt | kommt neben die feines Vaters, des Grafen Magnus Czeh, einst Land- marfchall in Schlesien, Erb- und Truchseß der Krone Preußen, Mit- glied des Herrenhauses. Wieder hat sich der Pfarrer zu Häupten des Sarges zwifchen den Leuchtern aufgestellt. Er winkt den sechs Förstern, daß sie die Totenhalle verlassen. Nun ist er mit Irene Czeh und ihrer Tochter, mit der alten Gräfinmutter Marie Czeh und dem Grafen Claus Czeh allein. Alle andern blieben draußen vor der Gruft, auch Günter, der Knabe; Das packt ihn, denn das ist der Geist, in dem er groß wurde; aber plötzlich spürt er ein Vermissen: Wo ist das Mittelwort, die Liebe? Er sieht über die Bänke hinweg, über die vielen Männerköpfe mit den militärisch gescheitelten Haaren, über die verscbleierten Häupter der Frauen des schlesischen Adels, er sucht Irene Czeh, seine Augen finden sie, und nun kann er feinen Blick nicht mehr von ihr losen; seine Gedanken gleiten Wirkung in die Ferne. Von 3. W. von Goethe. Die Königin steht im hohen Saal, Da brennen der Kerzen so viele; Die spricht zum Pagen: „Du läufst einmal Und holst mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand Auf meines Tisches Rand". Der Knabe eilt behende, War bald an Schlosses End«. Und neben der Königin schlürft zur Stund Sorbet die schönste der Frauen. Da brach ihr die Tasse so hart am Mund, Es war ein Greuel zu schauen. Verlegenheit! Scham! Ums Prachtklsiü ist's getan! Sie eilt und fliegt so behende Entgegen des Schlosses Ende. Der Knabe zurückgelaufen kam Entgegen der Schönen in Schmerzen. Es wußte es niemand, doch beide zufamm, Sie hegten einander im Herzen; Und o des Glücks, Des günstigen Geschicks! Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten Und herzten und küßten nach Lüsten. Doch endlich beide sich reißen los; Sie eilt in ihre Gemächer; Der Page drängt sich zur Königin groß Durch alle die Degen und Fächer. Die Fürstin entdeckt Das Weflchen befleckt: Für sie war nichts unerreichbar, Der Königin von Saba vergleichbar. Und sie die Hosmeisterin rufen läßt: Wir kamen doch neulich zu Streite, Und Ihr behauptet steif und fest, Nicht reiche der Geist in die Weite; Die Gegenwart nur, Die lasse wohl Spur; Doch niemand wirk in die Ferne, Sogar nicht die himmlischen Sterne. Nun seht! Soeben ward mir zur Seit Der geistige Süßtrank verschüttet, Und gleich darauf hat er dort hinten so weit Dem Knaben die Weste zerrüttet. — Besorg dir sie neu! Und weil ich mich freu, Daß sie mir zum Beweise gegolten. Ich zahl sie! sonst wirst du gescholten." possart-Anekdoien. Bon Wilhelm von Scholz. Für die im Witz fortlebenden Männer der Bühne gilt meist Falstaffs ierühmter Ausspruch: daß er nicht nur selbst witzig sei, sondern auch anderen besten Anlaß zu Witzen gebe. So war er mit E r n st von Boss art, dem hervorragenden Schauspieler und Intendanten der Münchener Hoftheater, den die Anekdote zum klassischen Vertreter des Mimen alter pathetischer Schule — mit deren künstlerischen Schwächen »nd großen artistischen Vorzügen — herausgearbeitet hat. Sein wunderbar ausgebildetes, künstliches, der Stimmlage nach hohes und doch eine lange Tonleiter auf- und absteigendes Sprechen forderte zum Nachahmen geradezu heraus und ließ sich so leicht nachmachen, daß es vor dem Kriege kaum einen Münchener Schauspieler gab, der diese Künst nicht verstand. Das ist in der Geschichte vom .Dreifachen Possart" «m besten aufbewahrt. Bei einer Probe sagt einer der kleineren Schauspieler, Meyer, $u seinem Partner Huber, der sehr unvorbereitet ist, mit Posfarts Stimme: „Mein Lieber, wenn Sie Ihre Rollen so schlecht Memorieren, daß Ihre Partner kein Stichwort bekommen und dadurch eußerstande sind, mit wirklichem Nutzen zu probieren, so dürste es die Ilingste Zeit gewesen fein, daß Sie diesem Ensemble angehörten!" „Und Sie, mein lieber Meyer", — so ertönt sofort Posfarts Stimme aus dem Dunkel der Loge — „wenn Sie die Stimme Ihres Intendanten in einer I» läppischen und unnatürlichen Weise kopieren, werden wohl das Los »Ihres nicht lernenden Kollegen Huber teilen und auch aus dem Ensemble terschwinden!" — Meyer verbeugt sich tief in die Richtung der Loge, aus der die Stimme des Intendanten kam, dem es durchaus ähnlich sah, daß e* selbst unbemerkt, einmal einer Probe beiwohnen wollte, und läuft lt der nächsten Pause sofort ins Jntendanzbüro, läßt sich bei Possart Velden, entschuldigt sich untertänigst: Nur um aus feinen nie richtig Itrnenöen Kollegen Huber einmal einzuwirken, habe er gewagt, die Stimme des Intendanten nachzuahmen, die einzige Stimme, vor der Huber roch Respekt habe. — „So", erwidert Possart mit dem Ausdruck freundlichen Erstaunens, „Sie haben mich kopiert? Ich wußte das nicht. Ich faß tickst in jener dunklen Loge. Es wird wohl der Gustel Waldau gewesen hin. Sei es denn Ihre Strafe, mein Lieber, daß er es offenbar noch huschender hervorbringt als Sie!" — Posfarts bei aller echtesten, in ihrer Unverhülltheft wieder harmlosen, ja gewinnenden Eitelkeit überlegenes und ironisches Lächeln sehe sch Volk mir, wenn ich mir klarmache, daß er, um den sich soviel Theatergefchichten ranken wie um keinen anderen Bühnenstern, kaum im geschriebenen Wort festzuhalten fein, immer wieder entschlüpfen, schließlich sich gang verflüchtigen wird. Denn Jein gut nachgeahmtes und fern noch im Ohr des Zuhörers erinnertes singendes Sprechen, das eines Tages vergessen sein wird, gehört mit zu diesen Geschichten. Man müßte die Possart- Anekdoten auf Platten sprechen, um sie der Nachwelt .zu überliefern, di« diesem Mimen dann doch Kränze flechten würde — Kränze aus Lachen und Heiterkeit! Sein singender Tonfall und Tonstieg ist in zwei Geschichten festgehalten. „Wo haben wir uns, mein Lieber, zuletzt gesehen? Ich glaube, es war in Münster (höchste Stufe seiner Skala) — nein, nein: es war in Dortmund (tiesste)!" — Possart spielte in „Maria Stuart" den Bur- leigh; Rollet, ein sehr unkomödiantischer Kollege, dem das Possartsche Mimenwesen zuwider war, den Pauket. Aus der Probe spricht Rollet, als Maria Stuart bittet, daß Hannah Kennedy sie bis aufs Schafott begleiten dürfe, einfach-menschlich das „Laßt es geschehen!" zu Burleigh-Possart, worauf dieser: „O mein lieber Rollet, wollen Sie, bitte, das „Laßt es geschehen!" recht, recht hoch sprechen, damit ich dann abschließend tief erwidern kann: „es sei!" Rollet probt es nun zwar so, aber in der Aufführung spricht er sein „Laßt es geschehen!" auf der tiefsten Stufe der Possartschen Skala. Possart erstarrt und muh mit dem Ton hinauf, um sich abzuheben, und hat nicht, wie er wollte, die Wirkung auf sich gesammelt. „Ich war auf einmal konfus geworden und wußte nicht mehrt wollten Sie hoch und ich sollte tief oder umgekehrt", entschuldigte sich Posfarts Partner nach der Vorstellung mit freundlichem Spott. Es tritt jemand zu Possart ins Büro: „Haben Sie schon gehört, Herr Intendant: Niethammer ist gestorben!" Possart schlägt die Hand vor die Augen, der freigebliebene Teil seines Gesichtes zeigt den Ausdruck jähen Kummers, er murmelt zweimal in dumpfer Schmerzsteigerung: „Niethammer ist gestorben! —• Niethammer ist gestorben —" seine Hand sinkt herab, sein Auge blickt fassungslos und leer den Ueberb ringer der Botschaft an: „Wer war Niethammer?" Possart ist mit einigen Münchener Herren auf einer Bergtour. Sehr angestrengt kommt er von der Hütte etwas noch den anderen leichter schreitenden Genossen auf dem Gipfel an, als die Sonne gerade aufgeht. Um sich einen Augenblick ausruhen zu können, wirst er sich zu Boden und tarnt seine Erschöpfung mit dem pathetischen Ausruf: „Erde! In diesem überirdisch schönen Augenblick, der mich zu entrücken droht, halte mich fest, alte Erde!" Eine königliche Prinzessin ist gestorben. Die Beisetzung ist auf den gleichen Tag anberaumt, an welchem der im Prinzregententheater angesetzte „Fliegende Holländer", der nun abgesetzt werden soll, bereits ausverkauft ist. Possart läuft von Pontius zu Pilatus, vom Hofmarfchallamt zum Flügeladjutanten, von einem ihm befreundeten Minister zum Prinzen Ludwig Ferdinand, um eine Verschiebung der Beisetzung um vierundzwanzig Stunden zu erreichen. Gespannt erwarten die Sänger auf der Probe Posfarts Rückkehr und bestürmen den Eintrctenden gleich mit der Frage, wie es stehe. „O, meine Sieben, wir müssen den „Holländer" zurückzahlen. Die Verschiebung wurde abgeschlagen. Die Prinzessin hält sich nicht so lange!" Possart feiert ein Jubiläum und leitet die Generalprobe der Ehrung, mit der ihm seine lieben Kollegen, die Mitglieder des Hostheaters, überraschen werden. Er hat ihre Wünsche so verstanden, daß ein um viele Stufen erhöhter Ehrensitz gebaut werden mußte, auf den sie ihn hinaufdrängen werden. Er probiert das Hinaufdrängen — einmal, zweimal, dreimal, viermal. Jetzt endlich ist es spontan und natürlich: er sitzt strahlend oben. Die Feier kommt — da läßt er sich wohl hinaukdrängen; aber ehe er den Thronsitz erreicht hat, drängt er nun seinerseits, nach allen Seiten händeschüttelnd, mit aller Gewalt wieder hinab: „Was habt ihr nur ausgesonnen, meine Lieben! Richt dort oben in kalter Höhe! Hier! Unter euch! Unter euch!" Als junger Schauspieler sucht Possart mit einem Kollegen Wohnung in einer kleinen bayerischen Stadt. Diesmal ist der Kollege die Treppen hinaufgestiegen, Possart wartet halb unten. Er vernimmt die schrille Stimme der Zimmeroermieterin: „Was? Schauspieler seid's! Ra, na! Dann nett Dann gewiß net!" Er hört eine Tür Zuschlägen und seinen Kollegen in heftigem Tone die Götzische stets nur halb ernst gemeinte Aufforderung ausstoßen. „Ja, was willst denn du noch da heroben? Hast's dach g'hört!" bruttclt der Kollege, als Possart an dem Herunterkommenden vorüber gerne ff en nun seinerseits hinaussteigt und nochmals oben klingelt. Di« grobe Wirtin erscheint in der Tür — Possart lüftet höflich den Hut: „Worum ich gleichfalls gebeten haben möchte!" Ein neu verpflichteter Schauspieler stellt sich dem Gewaltigen vor: „Mein Name ist Jeger!" „Nein!" singt Possart. „Doch, Herr Intendant, ich heiße Jeger!" „Nein —!" „Ja aber, Herr Intendant, ich muß doch wißen, wie ich heiße!" „Nein, mein Lieber, Sie wissen es nicht. Sie heißen ,J—ä—ger'!" Die letzte Rolle, die Possart neu studierte (und wundervoll spielte), war der Dr. Berg in meinem Erstling „Mein Fürst!" Ich war beglückt, daß Possart sich die Rolle gewählt hatte. Er ließ mich zu sich rufen, es sei etwas Wichtiges mit mir zu besprechen. Ich zersann mich, was et wollen möge. Soviel Gefühl für den großen Mimen der Zeit meines Beginns hatte ich schon, daß ich vermutete, er würde gewiß noch eine unerhörte Szene verlangen, in der geköpft oder wenigstens verhaftet wird — und gestehe, daß mein künstlerisches Gewissen bereit war zu schweigen, wenn ich richtig geargwöhnt hätte. Der alte Bibliothekar Dr. Berg wird in meinem Stück wegen einer unvorsichtigen Rede von seinem Fürsten und einstigen Schüler empfangen, um zur Rede gestellt zu werden. Possart sagte mir mit aller Musik seiner Sprache: „D, mein lieber Herr von Scholz, Sie schreiben da in Ihrem entzückenden kleinen Bllhnen- werk vor, daß der Dr. Berg im Gehrock zu seinem Fürsten kommt. Run könnte zufällig bei der Premiere ein Prinz in der Lage sitzen; er würde sagen: der Possart, dieser alte Hofmann, sollte billigerweise wissen, daß Drei Tage in Finnland. Don Woisgang Goetz. es geklungen wie: Jumalai. j Myriaden Sterne schwirren durch die schwarze Nacht über Finnland. Das Alter. Von Joseph Freiherrn von Eichendorfs. Hoch mit den Wolken geht der Vögel Reise, Die Erde schläsert, kaum noch Astern prangen, Verstummt die Lieder, die so fröhlich klangen, Und trüber Winter deckt die weiten Kreise. Die Wanduhr tickt, im Zimmer finget leise Waldvöglein noch, so du im Herbst gefangen. Ein Bilderbuch scheint alles, was vergangen. Du blätterst drin, geschützt vor Sturm und Else. So mild ist oft das Alter mir erschienen: Wart nur, bald taut es von den Dächern wleder Und über Nacht hat sich die Luft gewendet. Ans Fenster klopft ein Bot' mit frohen Mienen, Du trittst erstaunt heraus — und kehrst nicht wieder. Denn endlich kommt der Lenz, der nimmer endet. n an den Dntetempei oer urropviis. rcogeoiiu, von Engel, und es besteht bei einigen der Wunsch, sie ab jur einen. Wir finden sie recht hübsch, vor allem leiten sie schön zur Universität und zum Senatsgebäude hinüber. Wenn sie sollen, könnte der ganze Platz aus dem Gleichgewicht geraten. „ ' I Auch die neuere Architektur zeichnet sich bedeutend aus. Nur vereinzelt stehen noch die kleinen etwas trübseligen Holzhäuschen zwischen Hochhäusern, heißt es doch, daß nur das Fundament in dem Gramt- boden zu schaffen ebenso viel kostet, wie der Bau selbst. Mag sich hier und do neuamerikanischer Stil einschleichen, im allgemeinen ist diese ] Stadt mit schlichter Pracht aufgeführt. Das schönste Bauwerk durfte un- zweiselhast der masstge Block des Reichstags sein, der aus dem Urgestein unmittelbar zu wachsen scheint. Der Mann, der diesen Palast schuf, heißt Siren. Wen der Weg nach Helfingsors führt, muß dieses große Werk gesehen haben, nicht nur von außen, sondern auch und erst recht von innen. Man wird dann nicht anstehen, Siren zu den größten Baumeistern nicht nur unserer Zeit zu rechnen. Mit einfachsten Mitteln lockert er die Räume, er verwendet, ohne die Monumentalität zu beeinträchtigen, die runde und die gerade Linie in schönstem wohlklingenden Rhythmus. Die Debe der Decke eines langen, verhältnismäßig schmalen Repräsentations- jaales hebt er auf, indem er Querbalken darüberzieht, was an Bauernstuben gemahnt. Uebevall erlebt man so Ueberraschungen von einer verblüffenden Einfachheit, bis sich endlich der kreisrunde Sitzungssaal auf- tut. Wir entsinnen uns nicht, derartig feierlich-Leichtes, festlich-Unge- zwungenes gesehen zu haben. Don den dunklen Bänken und Tischen der Abgeordneten slugelt es in immer lichteren Farben hinauf zu der hellbraunen Kuppel, die eine gewaltige Glashalbkugel abschließt, durch die der blaue Himmel hereinblicken kann. Und auch über Humor verfugt Siren, über architektonischen Humor, der so sehr selten ist und der sich meist in irgendwelche Skulpturen an Kapitellen oder Wand- und Tür- bortüren verflüchtigt. Da ist das Cafe, der Erfrischungsraum. Er ist niedrig gehalten, wohl der bitteren Kälte wegen. Um nun aber die Abgeordneten nach den vielen hohen Raumerlebnissen nicht zu demütigen in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl, das — wahrscheinlich ausgezeichnete — Frühstück einnehmen zu lassen, ist die Decke spiegelblank lackiert, also, daß der Ramn sich fast verdoppelt, dies wirkt unwiderstehlich heiter und wird wohl auch die Abgeordneten in eine muntere Stimmung versetzen, deren sie hin und wieder bedürftig sein werden. Den Mittelpunkt des Deutschtums bildet die Schule, das Hindenburg- Haus. Blitzsauber, breiträumig, hell, praktisch — minderes kann man von dielem Gebäude nicht sagen. Da ist, um nur ein Beispiel zu nennen, ber Turnsaal. Leitern, Reck, Seile, Stanaen find im Nu an die Wand gerückt, fo daß ein hübscher Festsaal sich breitet. Allerliebst ist es in eine Schul- Wenn man den Bahnhof von Helfingsors betritt wundert man sich, haß der Bahnsteig nicht überdacht ift. später erfährt man, daß die nissigen Schr.eeinasfen diesen Schutz nicht zulassen, wenn man nicht unsinnige Gelder auswenden will. ,, ,r. . ___. Der erste Eindruck, den die Hauptstadt Fmnlands macht, ist eine großzügige Weiträumigkeit. Obwohl der Boden hier lehr teuer ist, breiten sich an vielen Stellen verschwenderische Plätze. Em Forum ist der Senats- rtatr Nicolaikirche, Universität, Senatsgebäude und Rathaus rahmen es ein Es sind Bauten in einem schönen klasstzistischen Stil und man freut sich zu erfahren daß ein Deutscher sie schuf; Carl Ludwig E nge laus Berlin. Ein Schüler Schinkels, denkt man und yat vielleicht recht. Aber Engel ist zwei Jahre älter als Schinkel. Leider versagt das Konversationslexikon, das diese Unterlassungssünde gutmachen sollte, denn dieser Architekt, mag er auch Epigone sein, verdiente schon als Pionier deutschen Bauwillens dankbare Erinnerung. Die Kirche liegt auf einem Gramt- fflsen, eine breite vielstufige Treppe führt hinaus; hier war es, wo Finnland den deutschen General von der Goltz begrüßte. Zwei kleinere Gebäude flankieren das obere Ende der Treppe, sie erinnern em wenig an »en Niketempel der Akropolis. Angeblich stammen sie nicht man Im Frack bei seinem Fürsten zu erscheinen hat." Ich unterbrach mil der vollen Bereiterklärung, statt des Gehrocks den Frack onyzunehmen. O nein mein Lieber" — entgegnete da Pollart — „Frack beöingt eine weiße Binde Und eine weihe Binde machr nnen schlechten Kopf. Stern! Wir bleiben beim Gehrock. Aber ich bitte Sie: fügen Sie an einer geeigneten Stelle des Textes ein, daß dieser alte Dr. Berg die Erlaubnis, die ausdrückliche Erlaubnis hat, im Gehrock zu tommen. Verstehen Sie. Wollen Sie meine Bitte erfüllen?" — ktalle m aucken in diesen reizenden Kinderzoo. wo einem deutsche, schm« biS finnische, russische Gesichtlein entgegenlachen. Mit großem Stolz erklärt der ausgezeichnete Leiter dieser Schule, daß em Hoher Pro^nffatz aus rein finnischen Kindern besteht, die zunächst kein Wort deuffch ver- ’tC1)Der ^Zusammenhalt unsrer Kolonie ist prachtvoll Sie hat sich ein Heim geschaffen, das vornehm und gemütlich zugleich ist, wo kleine i^rn abaehalten werden können und wo man lesen und schwatzen kann. Cs nHa wohl verständlich, daß hier besonders innige Verbundenheit herrscht, liegen doch inmitten der Stadt unter stolzem Mal unsere Feldgrauen ney^|lfi;ÄS.5Äu6 „W »« ÜW*n. Dm ber Gemäldegalerie, hängen viele, viele Bilder, die ebensogut m Düsseldorf oder München oder Berlin gemalt »orten ffin konnten Em ganz besonderes Beispiel bietet ©bei feit, den die Finnen wohl für ihren größten Maler halten. Wir können diesem Urteil nicht beiftemmen. Ein großer Maler ist er ganz gewiß, aber kein finnischer Die Magnetnadel feiner Seele rückt unruhig hin und her. Da ist em Bild. das von Carl Becker sein könnte, eins, das auf Uhde zuruckgelst, endlich kommt Trubner bei ihm durch. Seine Illustrationen, die sehr schon sind erinnern an Menzel oder Kampf. Ueberhaupt hat man beim Durchschreiten dieser Sale den Eindruck einer ständig unterdrückten nationalen Kunst überall hab«, diese Maler gelernt, nur nicht ju Hause, durch Jahrhundert« hindurch Um die Jahrhundertwende wart das anders. Gallen-Kal le la ist wodl der erste gewiß der bedeutendste, der echtburtig Finnisches bietet. Das ist finnisches Licht, finnische Landschaft, das sind finnische Menschen, das ist einmalig, das können wir nur hier sehen, das können wir anderen nicht nachmachen, wenn wir nicht den eigenen Boden verlieren wollen. Nach diesem Durchbruch geht es sehr rafaj, und es ist erstaunlich nne gering der Einfluß des Meisters auf feine Schuler ift, die Mer >hr eigenes Gesiebt zeigen, die jeder ihren eigenen Weg gehen. Da i|t ber merkwürdige,'von frühem Tode umschattete Simberg, der m dumps- arbigen Bildern unheimliche Szenen pinselt. Da ist Sallmen, den man, wenn man Schlagwörter liebt, als den nordischen Greco bezeichnen könnte, obwohl er wahrscheinlich nie ein Bild von jenem gesehen hat. Sektierer Zauberfrauen und ähnliches unheimliches Volk treibt sich auf I feinen Sein man Öen herum und wirkt mit stärkster ^ntenfität auf den Be chauer. Wie heiter aber ber Finne fein kann, bas beweist Autere, den unser kundiger Führer als den finnischen Breughel bezeichnet. Das gleiche Erlebnis, vielleicht noch gedrungener, wenn auch nicht io bedeuten» hat man im Kunstmuseum in Abo. Diese finnische Hasenstadt mit drei Buchstaben, die in jedem Kreuzworträtsel mindestens einmal vorkommt, ift eine Mischung aus Schwedischem und Russischem. Und wie er,t wird unser Herz bewegt, wenn uns von der Wandung eines Kapellen- bogens in dem herrlichen Dom der Name Perleberg entgegenlächelt. Zunächst glaubt man nicht recht zu sehen oder einer vorübergehenden geistigen Umnachtung anheimgefallen zu jein. Aber da gleich daneben die Namen Breitenfeld und Lützen trotzen, beruhigt man sich »teber Unö richtig da lieat Torstens Stalhandske begraben, die Rüstung halt Wacht neben seinem Sarkophag. Er war ein riesiger Mann, bei dem das I Diminuitiv seines Nomens doch etwas verdutzt. Dor vierzig Jahren war sein Andenken in Leipzig noch sehr frisch; wenn man sich feiner auch nicht sehr gern entsann, so spricht doch ein Gedächtnis, das sich über zweiundeinhalb Jahrhundert frisch erhält, für die Tüchtigkeit eines Reiter- führers. Er pflegte, so hieß es, die Pistole umzudrehen und mit dem Kolben ihm unsympathische Herren von den Kaiserlichen auf dem Schädel herumzupochen. Bei Koiding 1644 traf ihn das Schicksal. Ein wenig weiter steht die Marmorfigur de la Gardias, neben ihm faltet eine holde Frau die marmornen Hände. Ist das Ebba Brahe, G'isiav Adolphs große Liebe? Die Schrift ist kaum zu entjiffern, bleiern kommt der Tag, wie eine alte Ballade, durch die alten Fensterscheiben. Es wird schon Ebba Brahe sein, die da schläft an der Seite eines un- gcliebten edlen Mannes. Und Katharina Mansdotter liegt hier. Ein herrlich geschwungener Sarkophag aus Granit bezeichnet die Stelle, wo die Frau ruht, die ein armes Soldatenkind war und durch Erich XIV. jut Königin bon Schweden wurde, was ihr Gemahl durch viele Jahre im Schloß von Abo büßen mußte. Dieses 'Schloß ift ein bösartiger Kasten. Mürrisch steht er da und läßt auf wenig empfindsame Insassen schließen. Man soll doch nicht voreilig sein in seinen Schlüssen. Denn diese grimmen Mauern hegen ein ganz ausgezeichnetes kulturhistorisches Museum. Don Stuben aus uralter Zeit geht es bis zum Plüschsalon der Frau Generalgouverneurin aus den achtziger Jahren. Zufällig find junge finnische Soldaten da und besehen sich die Schätze. Einer hat sich einen Katalog gekauft und lieft mit lauter monotoner Stimme draus vor. Mit gerunzelten Stirnen hören gut zwei Dutzend feiner Kameraden ihm zu. Wie lange es dauert, bis sie die 76 Zimmer durchwandert haben, das ist nicht zu errechnen. Sie sind gewiß nicht durchgekommen, denn da wir in dem schmucken deutschen Seemannsheim uns an Kaffee und Kuchen erlaben, ziehen sie singend vorbei. Aber nicht nur den Seeleuten haben es die hiesigen Deutschen gemütlich gemacht, sondern sich selbst auch. Als wir im deutschen Hause beisammen fitzen, trinken, schwatzen und fingen, kommt Erinnerung über uns: Hier warst du fchon einmal. Nein, hier waren wir gewiß noa, niemals, aber es war doch fchon einmal solches Erlebnis. Und richtig. Leipzigs Thüringer Hof taucht auf, und ich bin wieder Abiturient. Im Hafen tutet es. Die Heimat ruft. Aber wie das Schiff langsam durch die unruhig aufblickenden Schären gleitet, fällt uns ein, daß nrr am Morgen einer Andacht im Hospiz anwohnten. Seltsame, schwere, g*’ | brungerte Lieder hatten sie gesungen, Tonfolgen, in denen einst oieltem)1 1 vor Jahrhunderten die alten Heldenlieder gesungen wurden (daß sie tit letzter Stunde ausgezeichnet wurden, ist mittelbar auch ein Verdienst Jakob Grimms). Verstanden hatten wir kein Wort. Nur einmal hatte -Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Bering: Brüh tsche Universität sdruckerei R. Lange, Dietzen.